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DIE BESTIMMUNG - Deep inside me TEIL 2

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4 Kapitel - 7.158 Wörter - Erstellt von: Anna Hess - Aktualisiert am: 2015-04-05 - Entwickelt am: - 5.337 mal aufgerufen - User-Bewertung: 5 von 5.0 - 23 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Felicitas wird gleich zu Beginn ihrer Zeit bei den Ferox auf eine harte Probe gestellt. Ob sie die Probe heil übersteht und welche Konsequenzen sie hat? Lest es selbst.

    1
    Ich lag in der Sonne und genoss die Wärme die sie verströmte. Die Strahlen vermochten es mich von innen zu wärmen und verursachten trotzdem eine G
    Ich lag in der Sonne und genoss die Wärme die sie verströmte. Die Strahlen vermochten es mich von innen zu wärmen und verursachten trotzdem eine Gänsehaut. Ich hörte Wasser plätschern und spürte, dass ich auf einem weichen Untergrund lag – Sand? Mein Leben war herrlich. Ich verschränkte die Arme hinter dem Kopf und entspannte mich.
    Plötzlich ertönte ein lautes, metallisches Klirren. Verwirrt setzte ich mich auf und sah mich um. Das Geräusch gehörte und passte hier nicht hin. Hier am Strand gab es kein Metall und auch keine Personen, die für diesen Krach verantwortlich sein konnten. Nein … Irgendwas stimmte nicht.
    Sekunden später wurde mir klar, was es war. Erschrocken fuhr ich aus dem Schlaf hoch und riss die Augen auf. Zum einen erkannte ich nun den Verursacher des Lärms – Eric, der mit einem Schraubenschlüssel gegen ein Metallrohr in unserem Schlafraum schlug – und zum anderen wurde mir bewusst, dass der Strand und die Entspannung nur ein Traum gewesen waren. In Wahrheit befand ich mich im Hauptquartier der Ferox, in einem kleinen Raum mit zehn Betten, in dem, mich eingerechnet, zehn Initianten schliefen – oder es zumindest versuchten. Unser Sklaventreiber, Eric, erschwerte die Angelegenheit jedoch ungemein.
    „Aufstehen und in die Grube kommen.“, rief Eric unbarmherzig laut. Als sich alle nur langsam und verschlafen rührten schlug er erneut mit dem Schraubenschlüssel gegen das Rohr und brüllte: „Sofort! Ihr habt drei Minuten.“
    Stöhnend ließ ich mich auf die Matratze zurückfallen. „Cici, hast du nicht gehört was er gesagt hat? Steh auf oder du bekommst Probleme.“, redete Amelia, die in dem Bett neben mir schlief, eindringlich auf mich ein und rüttelte an meiner Schulter.
    „Man.“, brummte ich, stand jedoch auf. Ich hatte in Alltagskleidung geschlafen und musste mir nur noch meine Schuhe anziehen. Wie ich auf dem Kopf aussah war mir in diesem Moment ziemlich egal. Ich war verdammt noch mal müde und wenn es einer wagen sollte, sich über meine Frisur lustig zu machen, würde sein Gesicht Bekanntschaft mit meiner Faust machen. Damit mir meine Haare nicht ins Gesicht hingen, band ich sie mit einem Haargummi zu einem Pferdeschwanz. Einzelne Strähnen fielen dennoch raus; wie jedes Mal.
    Verschlafen rieb ich mir die Augen, während ich zusammen mit Amelia und den anderen gebürtigen Ferox zur Grube ging. Eric erwartete uns bereits. Als wir ihn erreichten, ging gerade Four mit den Fraktionswechslern an uns vorbei. Sie hatten sich umgezogen und trugen nun Ferox-typische Klamotten; schwarz, praktisch und sportlich. Das Altruanmädchen, das Amelia und mir am Tag zuvor aufgefallen war, redete mit der dunkelhäutigen Ken und vermied Augenkontakt. Verächtlich schüttelte ich den Kopf. Sie würde nicht lange bei uns bleiben.
    Ich widmete meine Aufmerksamkeit Eric, der gerade als ich mich ihm zuwandte, die Arme vor der Brust verschränkte und uns alle abschätzig musterte. Es war nicht schwer zu erraten, was er von uns hielt – unausgebildete Möchtegern-Ferox, die glaubten sie könnten alles, sich aber irrten. Falls er wirklich so dachte, so unterschätzte er mich. Ich war gut – wahrscheinlich besser als alle anderen hier. Aber das musste ich ja noch keinem auf die Nase binden. Sollten sie mich ruhig erst einmal unterschätzen. Das würde das Gewinnen eines Kampfes für mich umso leichter machen.
    „Mit Sicherheit wisst ihr schon, dass die Initiation aus drei Phasen besteht. Zur Zeit befindet ihr euch in Phase eins. In diesem Abschnitt eurer Ausbildung werde ich euch bis an eure körperlichen Grenzen treiben. Die zweite Phase zielt auf euren Geist und eure Belastbarkeit ab. Die dritte Phase, wird euren Mut und eure Entschlossenheit testen. Am Ende der ersten Phase werden uns vier Initianten verlassen. Ihr seid zu elft, die andere Gruppe besteht aus neun Initianten. Sicher wisst ihr, was mit denen passiert, die die erste Phase nicht schaffen.“
    Ein Junge rechts neben mir, ich kannte ihn nicht, zeichnete eine waagerechte Linie quer über seine Kehle und machte ein knirschendes Geräusch. Die Gestik sollte nicht bedeuten, dass die „Verlierer“ sterben würden. Nein, sie wurden fraktionslos. Aber das war für uns gebürtige Ferox nichts Neues. Die Reaktionen der Fraktionswechsler hatten mich gestern, als das Thema angesprochen worden war, durchaus amüsiert. Ich hatte gesehen wie ihre Schultern eingesunken und in ihren Augen Erkenntnis und Resignation erschienen waren. Nein, die Wechsler hatten definitiv nicht gewusst, dass ihre Zukunft hier nicht sicher war. Dabei hätten sie es sich wirklich denken können …
    „Genug geredet. Heute lernt ihr wie man schießt.“ Eric wies mit seinem linken Arm auf einen steinernen Durchgang in der Felswand zu meiner Rechten. Gemeinsam mit meiner Gruppe ging ich hindurch. Ich kannte diesen Ort. Es handelte sich um einen etwa fünf Meter breiten und mindestens doppelt so langen Raum, in dem Schießen geübt wurde. Mein Vater war schon des Öfteren mit mir hier gewesen und hatte mir seine Browning in die Hand gedrückt. Bereits mit zwölf Jahren hatte er mich aufgefordert auf eine Zielscheibe zu schießen. Am Anfang war ich wirklich schlecht gewesen und hatte mir beim ersten Mal die Schulter aufgrund des Rückstoßes geprellt. In der darauffolgenden Zeit hatte ich Angst gehabt, erneut eine Schusswaffe zu benutzen, doch Angst gab es bei den Ferox nicht. Genau so wenig wie Widerrede bei meinem Vater. Also hatte ich erneut schießen müssen und war auf den Rückstoß gefasst gewesen. Meine Schulter war heil geblieben – die Zielscheibe ebenfalls. Erst nach viel Übung hatte ich endlich den Rand des Holzbrettes getroffen. Mit der Zeit war ich immer besser geworden und seit zwei Jahren traf ich mit jedem Schuss mein Ziel – sowohl mit einer Pistole, als auch mit einem Gewehr.
    Aus diesem Grund hatte ich keine Angst vor dem heutigen Training. Insgesamt gab es in dem Raum fünf Schießstände - wir würden uns also abwechseln müssen. Doch Eric hatte daran selbstverständlich gedacht und sich einen sinnvollen Zeitvertreib überlegt – Zweikämpfe. Fünf Initianten würden schießen und zwei Zweier-Teams abwechselnd kämpfen. Ich war eine der fünf Personen, die zuerst schießen sollten. Gelassen ging ich zu einem der Schießstände, setzte mir schalldichte Kopfschützer, sowie eine Schutzbrille auf und lud meine Pistole. Es handelte sich um eine Beretta 91 – ich hatte bereits mit einem solchen Modell geübt und machte mir deshalb keine Sorgen. Ich zielte. Schuss. Ich hörte den Knall nicht, spürte den Rückstoß und fühlte, wie Adrenalin durch meinen Körper gepumpt wurde.
    Schuss. Schuss. Schuss. Ich atmete ein. Ich atmete aus. Schuss. Langsam senkte ich meine Arme und legte die Pistole auf den kleinen Tisch vor mir. Ich zog die Ohrenschützer und die Brille aus und ließ beides neben die Pistole fallen. Aus Erfahrung wusste ich, dass vor mir auf dem Boden ein Schalter war, mit dem ich meine Zielscheibe zu mir hinfahren lassen konnte. Routiniert trat ich mit dem Fuß auf eben diesen Schalter und beobachtete, wie die Zielscheibe sich näherte. Gleichzeitig bemerkte ich, dass auch die anderen vier Initianten zu feuern aufgehört hatten und vier weitere Zielscheiben in Richtung Schießstand 'fuhren'.
    Zufrieden betrachtete ich mein Ergebnis. Fünf Schuss, fünf Treffer. Zwei in den Kopf und drei direkt ins Herz. Null Überlebenschance. Ich hatte es ja gesagt … leicht.
    „Das ist übel.“, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir. Langsam drehte ich mich um. Vor mir stand Uriah. Ich sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. Er zeigte auf mein Werk und meinte: „Na ja, wir sind alle nicht gerade schlecht im Schießen. Aber ich persönlich wollte mit dir nicht Cowboy im wilden Westen spielen.“
    „Das nehme ich mal als Kompliment.“, antwortete ich. Ich hatte Kopfschmerzen. Aus diesem Grund zog ich das Haargummi aus meinen Haaren und schüttelte sie aus. Sie fielen mir in leichten Wellen um die Schultern.
    „Haben dich deine Haare noch nie beim Training gestört?“, fragte Uriah und musterte mich mit schiefgelegtem Kopf. Nachdenklich beobachtete ich ihn – sah wie seine Augenbraue leicht zuckte, seine Mundwinkel sich ein ganz klein wenig nach unten zogen und auf seiner Stirn winzige Fältchen erschienen. Ich hatte das Gefühl bei Uriah aufpassen zu müssen. Er war ein guter Kämpfer und Stratege. Ich musste ihn auf Abstand halten und jedes meiner Worte in seiner Gegenwart genau überdenken; alles könnte er später gegen mich verwenden.
    „Würden sie mich stören, hätte ich sie schon längst abgeschnitten.“
    „Aber hat noch niemand versucht, dir während einem Kampf an den Haaren zu ziehen?“
    „Bis jetzt hat sich das noch keiner getraut.“, erwiderte ich kühl. Einen Moment sah ich ihn noch an, dann setzte ich mich in Bewegung. Ich fühlte mich in seiner Gegenwart unwohl. Als ich an ihm vorbei ging, rammte ich ihn leicht mit der Schulter und murmelte: „Sieh dich vor.“
    Vom Raum mit den Schießständen führte ein steinerner Torbogen in eine Trainingshalle. Als ich diese betrat, sah ich gerade, wie Rita von Marlene zu Boden geworfen wurde. Auch ohne ihren Schrei gehört zu haben, hätte ich gewusst, dass der Sturz sehr schmerzvoll gewesen war. Sie war mit dem unteren Teil ihrer Wirbelsäule auf dem Boden aufgeschlagen; sprich mit ihrem Steißbein. Aus Erfahrung konnte ich sagen, dass so ein Sturz nicht gerade ohne war. Rita krümmte sich vor Schmerzen und konnte nicht aufstehen – Marlene hatte den Kampf gewonnen. Schwer atmend wischte sie sich Blut aus ihrem Mundwinkel. Offenbar hatte Rita es vor ihrem Versagen noch geschafft, ihre Gegenspielerin mit einem Schlag an der Lippe zu treffen. Vielleicht würde das Erics Missfallen etwas abmildern. Wenn ich ihn mir jedoch so ansah, bezweifelte ich das. Er stand mit verschränkten Armen neben der Trainingsfläche und verfolgte regungslos das Geschehen. Ohne jedwede Gefühlsregung betrachtete er die noch immer leidende Rita, die sich trotz ihrer offensichtlichen Schmerzen aufrappelte und sich von dem Kampfplatz wegschleppte. Am Rand angekommen, brach sie auf dem Boden zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. Ich war innerlich hin und hergerissen zwischen Mitleid und Verachtung. Mitleid, weil keiner meiner Kameraden Anstalten machte sie zu trösten oder ihr zu helfen. Verachtung, weil sie sich benahm wie ein kleines, wehrloses Kind, das sich nicht zu helfen wusste, nachdem es von älteren Kids verprügelt worden war.
    „Amelia gegen Lynn.“, rief Eric. Das zweite Duell stand an.
    Sowohl Amelia, als auch Lynn betraten die Trainingsfläche. Mit angespannten Muskeln standen sie sich gegenüber – regungslos. Sie warteten nicht darauf, dass man ihnen sagte, dass es losgehen konnte, sondern auf eine Aktion des Gegenübers. Schließlich war es Amelia, die den ersten Schritt machte – und das wurde ihr zum Verhängnis. Eine Lücke tat sich in ihrer Deckung auf und Lynn erkannte das sofort. Noch während Amelia einen Schritt nach vorne machte und zum Schlag ausholte, duckte Lynn sich und rammte Amelia den Kopf in die Magengrube. Ein dumpfes „Umpf“ war von Amelia zu hören und sie presste die Hände auf ihren Bauch. Doch so war ihr Kopf ungeschützt. Lynn setzte zu einem Kinnhaken an und traf. Ihre Faust krachte in Amelias Kinn und ihr Kopf flog zurück. Blut spritze, als ihre Lippe aufplatzte. Amelia taumelte zurück und versuchte eine einigermaßen gute Deckung aufzubauen, doch sie scheiterte. Lynn packte Amelias rechten Oberarm, zog sie zu sich heran und noch ehe Amelia reagieren konnte, lief sie mit Karacho in Lynn's Faust. Amelia schrie auf und ging zu Boden. Zu meiner Überraschung versuchte sie noch sich aufzurappeln und weiter zu kämpfen, doch Lynn ließ ihr keine Chance. Sie trat Amelia in den Bauch und meine Freundin fiel erneut zu Boden. Ihr Atem kam stoßweise und hörte sich merkwürdig röchelnd an. Ich biss die Zähne zusammen. Das hier war ein vollkommen legitimer Kampf, doch meine Freundin so leiden zu sehen, setzte mir doch ziemlich zu.
    Lynn ließ die Fäuste sinken und entfernte sich von der am Boden liegenden Amelia. „Was wird das?“, fragte Eric kühl und sah Lynn verständnislos an. Diese schenkte ihm denselben verständnislosen Blick. „Ich habe sie besiegt. Sie kann nicht mehr kämpfen.“, antwortete Lynn und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
    „Ist sie bewusstlos?“, fragte Eric.
    „Nein.“
    „Dann kann sie auch noch kämpfen.“ Ich sah wie sich Lynn's Kiefermuskeln bei seinen Worten anspannten. Eine am Boden liegende, wehrlose, kampfunfähige Person bewusstlos zu schlagen, verstieß gegen ihre Moralvorstellungen – was ich nur allzu gut verstand. Das hier war nicht mehr fair, sondern pures Schikanieren der Schwächeren. Letztendlich siegte jedoch Lynn's Ehrgeiz. Sie packte Amelia bei den Haaren, zog ihren Kopf nach oben und holte zum endgültigen Schlag aus. In Erics Augen sah ich Genugtuung aufblitzen. Amelia stöhnte vor Schmerzen. In meinem Gehirn ratterte es. Mein Mund war trocken.
    „Stopp.“, rief ich. Zwei Augenpaare richteten sich auf mich; Erics und Lynns. Lynn hielt inne, ließ Amelia allerdings nicht los.
    „Wie war das?“, knurrte Eric.
    „Ich sagte 'Stopp'.“
    „Ja, ich denke das habe ich verstanden.“
    „Wo liegt dann das Problem?“, fragte ich unschuldig und tat so, als ob nichts wäre, doch in Wahrheit raste mein Herz und mir wurde übel.
    „Das Problem?“, knurrte Eric bedrohlich und kam auf mich zu, „Das Problem ist, dass du hier nicht das Sagen hast, sondern ich! Und ich sage weiter machen.“
    „Das ist barbarisch!“, rief ich und zeigte auf Amelia.
    „So? Dann nimm du ihre Stelle ein.“ Eric verschränkte die Arme vor der Brust.
    „Ich kämpfe nicht mit Lynn.“, erwiderte ich nüchtern und stemmte die Hände in die Hüften. Erics Augenbraue schoss in die Höhe. „Der Kampf wäre unfair für Lynn. Ich bin viel besser als sie.“, erklärte ich und ignorierte den verwirrten und gleichzeitig wütenden Blick, den mir Lynn zuwarf.
    „Du denkst also, dass du etwas Besseres bist?“, fragte Eric kühl.
    „Nicht etwas Besseres, sondern einfach nur besser.“
    „In den Ring.“, sagte Eric bedrohlich leise. Als ich mich nicht rührte, fügte er noch leiser hinzu: „Sofort.“ Wütend zog ich meine Sweatshirt-Jacke aus und band mir die Haare erneut zum Pferdeschwanz. Ich hatte noch immer Kopfweh, keine Lust mit einem dieser Schwächlinge zu kämpfen und war müde. Lynn verließ die Trainingsfläche. Ich half Amelia beim Aufstehen und dabei den Ring zu verlassen. Dann stellte ich mich in die Mitte der Trainingsfläche und verschränkte die Arme vor der Brust. Schweigend starrte Eric mich an – genau wie die anderen Initianten. Als Eric nach einer Zeit noch immer schwieg, fragte ich trocken: „Und jetzt? Soll ich Schattenboxen? Dann nehme ich doch lieber Lynn.“
    „Du wirst nicht mit Lynn kämpfen.“, antwortete Eric kühl.
    „Sondern?“
    „Mit mir.“ Überrascht zog ich die Augenbrauen in die Höhe. Außerdem hörte ich die anderen Initianten scharf die Luft einziehen und spürte, wie sich eine gewisse Spannung aufbaute. Jetzt zog auch Eric seine Jacke aus, warf sie wie ich zuvor achtlos auf den Boden und stieg zu mir in den Ring. Ich sah, wie sich seine Muskeln anspannten und er sich kampfbereit machte. Auch ich machte mich bereit und lockerte durch Öffnen und Schließen meiner Fäuste, meine Handmuskeln. Bedrohlich umkreisten Eric und ich einander. Jeder wartete darauf, dass der andere angriff und sich verwundbar machte. Aufmerksam beobachtete ich jede von Erics Bewegungen und versuchte seinen nächsten Schritt vorherzusehen. Ich würde nicht die Erste von uns beiden sein, die ihre Deckung öffnete.
    Ich erahnte Erics Angriff einen Sekundenbruchteil, bevor er stattfand. Die Muskeln in Erics rechtem Arm hatten sich angespannt, er hatte einen Ausfallschritt nach vorne gemacht und seine Faust schnellte auf mein Gesicht zu. Blitzschnell duckte ich mich und wich zur Seite aus. Schon folgte Erics nächster Angriff. Sein Bein schnellte nach vorne und er versuchte mich von den Füßen zu reißen. Ich ließ es zu, fiel zu Boden, fing mich mit den Händen ab und befand mich nun in Liegestützposition. Ich drückt mich mit den Beinen ab, streckte meine Arme durch und erwischte Eric mit meiner Ferse an der Schläfe, da er sich zu mir herabgebeugt hatte, um meine Haare zu packen und mich wieder auf die Füße zu zerren. Taumelnd machte er einen Schritt rückwärts und knurrte, während ich mich abrollte und schließlich wieder auf den Füßen stand. Erneut versuchte Eric seine Faust in meinem Gesicht zu versenken, doch abermals duckte ich mich, um ihm gleich darauf in den Bauch zu treten. Er wich jedoch aus, packte blitzschnell meinen Fuß, verdrehte mein Bein und brachte mich abermals zu Fall. Ich schrie, drehte mich aber schnell auf den Rücken rollte mich noch einmal herum, als ich Erics Fuß sah, der in Richtung meines Bauches hinabsauste. Mit einem lauten Knall kam Erics Fuß auf dem Betonboden auf und für einen kurzen Moment stellte ich mir die Schmerzen vor, die für mich mit diesem Tritt einher gegangen wären. Schnell verdrängte ich diesen Gedanken wieder, sprang auf die Beine und trat Eric in den Rücken. Er taumelte wie zuvor ein Stück nach vorne. Ehe er sein Gleichgewicht wiederfinden konnte, warf ich mich mit meinem ganzen Gewicht gegen ihn und ging gemeinsam mit ihm zu Boden. Meine Schulter schlug hart auf dem Boden auf. Ich schrie abermals auf und sah aus dem Augenwinkel, wie Eric sich auf den Rücken rollte und Anstalten machte aufzustehen. Ich ignorierte den stechenden Schmerz in meiner Schulter und hockte mich auf ihn. Er versuchte mich abzuwerfen, doch ich hatte bereits zum Schlag ausgeholt und traf ihn jetzt mit der Faust am Wangenknochen. Schmerz explodierte in meiner Hand, doch ich biss die Zähne zusammen. Noch hatte ich Eric nicht besiegt. Erneut schlug ich zu und traf dieselbe Stelle noch einmal. Der Unterschied war aber, dass Eric nach meinem Schlag kurz den Kopf angehoben hatte und dieser nun durch die Wucht meines Schlags auf den Boden knallte. Wider meiner Erwartungen war Eric noch immer nicht bewusstlos und er schaffte es, mich zu überrumpeln. Er versuchte mich seitlich von sich runter zu stoßen. Ich krallte mich in seiner Jacke fest und nutzte den Schwung, um ihn mitzuziehen. Hätte Eric mit meinem Vorhaben gerechnet, wäre es ihm vermutlich gelungen, sich wie ich es zuvor getan hatte, auf mich zu hocken, doch dadurch, dass ich ihn überrascht hatte, fiel auch er zur Seite und das End vom Lied war, dass ich erneut auf ihm saß. Ich schloss meine Hand zur Faust und schlug zu – wieder und wieder. Dann bemerkte ich, dass Eric sich nicht mehr wehrte. Kraftlos sackte ich in mich zusammen und ließ mich neben ihm auf den Boden fallen. Erschöpft schloss ich meine Augen und spürte den pochenden Schmerz in meiner Schulter und meiner Faust und eigentlich in jedem meiner Körperteile. Heißer Schweiß lief meine Stirn hinab und ich schmeckte Blut, da ich mir scheinbar auf die Lippe gebissen hatte. Außerdem: Ich hatte Eric bewusstlos geschlagen – meinen Trainer. War das gut, oder schlecht?
    „Was ist denn hier los?“, hörte ich jemanden brüllen. Ich erkannte Fours Stimme. Shit, dachte ich und rappelte mich mit letzter Kraft auf. Ich sah Four zu Eric rennen. Ratlos betrachtete er den bewusstlosen Muskelprotz und danach mich, die neben ihm saß und vermutlich ziemlich ramponiert aussah – genau wie mein Gegner. „Warst du das?“, fragte er geschockt.
    „Er hat gesagt, dass ich mit ihm kämpfen soll.“, verteidigte ich mich.
    „Du solltest mit Eric kämpfen, Initiantin?“ Four klang nicht sehr überzeugt. Dann kam mir überraschend jemand zu Hilfe. Es war Uriah.
    „Sie hat Recht. Sie hat einen Kampf unterbrochen und er war ziemlich angepisst. Dann hat er sie in den Ring geschickt, als sie gesagt hat, dass sie nicht mit Lynn kämpfen würde. Sie hat gefragt, was sie denn dann im Ring sollte und er meinte, dass er mit ihr kämpfen würde.“, erklärte Uriah und gesellte sich zu Four, dem bewusstlosen Eric und mir.
    „Ist das wahr?“ Fours Frage schien an die restlichen Zuschauer gerichtet zu sein. Ausnahmslos jeder nickte. Erneut sah Four Eric und danach wieder mich an. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn dann jedoch wieder, da ihm scheinbar die Worte fehlten. Schließlich nickte er nur und lief aus der Halle. Verwirrt sahen ihm alle hinterher; mich ausgenommen, denn ich ließ mich erschöpft wieder zu Boden sinken und legte mir den Arm über die Augen. Ich konnte hören, wie die anderen Initianten tuschelten, wollte ehrlich gesagt aber gar nicht wissen worüber. Dann ertönten hektische Schritte, die offenbar von mehreren Personen stammten. Neugierig öffnete ich wieder die Augen und setzte mich auf. Dabei tat mir allerdings jeder Knochen meines Körpers weh. Four war zurück gekommen, zusammen mit Max und einem Ferox, den ich nicht kannte. Der fremde Ferox und Four legten sich jeweils einen von Erics Armen um die Schulter und zogen den noch immer bewusstlosen Mann auf die Beine. Ehe Four und der Ferox Eric aus der Halle schleiften, sah Four mich noch einmal an und meinte trocken: „Respekt.“ Stirnrunzelnd sah ich den beiden Männern hinterher, die Eric halb trugen und zogen. Dann wandte ich mich Max zu. Dieser sah mich grüblerisch an und sagte schließlich: „Mitkommen.“
    Ich schluckte. Uriah streckte mir die Hand entgegen, um mir beim Aufstehen zu helfen, doch ich ließ sie unbeachtet und stand alleine auf. Vor meinen Augen tanzten schwarze Punkte, aber ich riss mich zusammen. Max ging schweigend voraus und ich folgte ihm, ohne mich noch einmal umzudrehen und die anderen anzusehen. Ich konnte ihre Blicke ohnehin in meinem Rücken spüren. Wann hatte ein Intitiant wohl mal einen Trainer bewusstlos geschlagen? Immer noch war ich unschlüssig, ob ich stolz oder beschämt sein sollte. Hatte ich Schlimmes zu befürchten? Würde der Kampf ohne Konsequenzen für mich bleiben? Eigentlich war es ja Erics schuld gewesen. Er hatte mit mir kämpfen wollen. Es war schließlich nicht so, dass ich ihn einfach angegriffen hatte! Allerdings war das Ziel des Kampfes vermutlich gewesen, dass Eric mich besiegte und mir meine Grenzen vor Augen führte. Das war dann wohl irgendwie schief gegangen. Mit diesem Ausgang hatte mein Trainer vermutlich nicht gerechnet.

    2
    Max und ich waren inzwischen vor einem Raum mit geschlossener Tür stehen geblieben. Es gab ein Fenster, das den Raum und den Gang in dem wir standen miteinander verband, doch die Jalousien waren von innen geschlossen worden und verwehrten den Blick hinein. Ich kannte den Gang. Hier befanden sich die Büros und Gemächer der Ferox-Anführer.
    „Setz dich und warte.“, sagte Max kühl und zeigte auf eine neben der Tür stehende Bank. Na, wenn das mal nicht wie beim Rektor war. Ich setzte mich schweigend und starrte den Boden an. Max verschwand derweil in dem Raum. Ich atmete tief durch. Warten war definitiv nicht meine Stärke. Ich war ein impulsiver und hitziger Mensch und wenn ich eins nicht konnte, dann geduldig sein. Nachdenklich musterte ich die Knöchel meiner Fäuste. Hämatome zierten sie und Blut klebte an meinem Handrücken – es war mein eigenes. Die dünne Haut meiner Knöchel war durch die Schläge aufgeplatzt. Erst jetzt, wo der Adrenalinschub nachließ, fühlte ich den vollen Umfang meiner Schmerzen und Blessuren. Mein ganzer Körper fühlte sich geschunden an, doch am schlimmsten schmerzte meine Schulter. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie viel schlimmer als meine Knöchel sie aussah, wenn ich später mein T-Shirt auszog. Mir fiel ein, dass ich meine Jacke in der Trainingshalle hatte liegen lassen und hoffte, dass Amelia sie mitnahm, da es sich um meine Lieblingsjacke handelte.
    Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als die Tür neben mir plötzlich wieder geöffnet wurde. Wie viel Zeit war vergangen? Es hatte sich angefühlt wie Stunden, doch wahrscheinlich waren es eher zehn Minuten gewesen. Four streckte den Kopf nach draußen und sagte zu mir: „Komm rein.“ Eilig sprang ich auf und bereute meine hastige Bewegung sofort. Etwas bedächtiger betrat ich den Raum und erkannte, dass es kein Büro, sondern tatsächlich eine Wohnung war. Es handelte sich um ein großes, einstöckiges Loft mit offener Küche, Wohn- und Schlafzimmer. Auf einem großen Bett in der Mitte des Raums, sah ich Eric sitzen, der inzwischen scheinbar wieder zu Bewusstsein gekommen war. Ich biss mir auf die Lippe. Neben dem Bett stand der fremde Ferox. Max stand vor einem bodentiefen Fenster und sah hinaus. Gerade rauschte der Zug am Hauptquartier vorbei, wovon hier drin allerdings nichts zu hören war. Als ich eintrat, wandte Max sich vom Fenster ab und mir zu. Auch der fremde Ferox und Four sahen mich an … und Eric. Ich versuchte unbeteiligt auszusehen und mich nicht unter dem Blick Erics zu winden. Das mit dem unbeteiligt aussehen, erwies sich jedoch als wirklich schwer, schließlich war ich beteiligt.
    Eine drückende Stille herrschte im Zimmer. Unsicher sah ich zwischen den Ferox hin und her. Zwei waren Anführer, einen von ihnen hatte ich niedergeschlagen, einer der beiden anderen Ferox hätte ein Anführer werden können, hatte jedoch abgelehnt und der andere belegte wahrscheinlich eine nicht gerade niedrige Position in der Ferox-Hierachie. Ich bin am Arsch, schoss es mir durch den Kopf.
    „Du hast Eric bewusstlos geschlagen.“, stellte Max sachlich fest. Ich hielt die Luft an. Bei den Worten „bewusstlos geschlagen“, sah ich Eric kurz zusammenzucken.
    „Ja“, setzte ich an, „In einem fairen Kampf.“
    „Fair?“, fragte Max und sah mich ungläubig an.
    „Ja.“, antwortete ich gedehnt.
    „Du fandest den Kampf fair? Einen Kampf, zwischen einer Initiantin und einem Ferox-Anführer?“
    „Ich...“, mir fiel keine Antwort auf Max Frage ein, denn die eigentliche Antwort war 'Nein'. Aber ich hatte darauf bestanden, dass ich mit keinem der Initianten kämpfen wollte, da ich sie als nicht würdig erachtete.
    „Und obwohl der Kampf alles andere als fair gewesen ist, hast du Eric besiegt. Du hast einen Ferox besiegt, der aufgrund seiner außerordentlichen Leistungen zum Anführer ernannt wurde.“, fasste Max zusammen. Da ich noch immer nicht wusste, was ich antworten sollte, nickte ich einfach.
    „Du hast mich bewusstlos geschlagen.“, mischte sich nun auch Eric ein, erhob sich vom Bett und verschränkte wie immer die Arme vor der Brust. Okay, das war direkt. Ich konnte nicht erkennen, ob er beeindruckt, wütend, oder in seinem Stolz verletzt war. Aber es war sehr wahrscheinlich, dass seine Niederlage stark an seinem Ego kratzte.
    „Hey“, verteidigte ich mich, „Hätte dein Tritt gesessen, wären meine Gedärme Matsch gewesen!“
    „Wir sind uns alle einig, dass diese Situation nicht unbeachtet gelassen werden kann.“, meinte Max und machte einen Schritt vom Fenster weg. Die untergehende Sonne beschien ihn von hinten und tauchte sein Gesicht in Schatten. Ich hatte schon immer Respekt vor Max gehabt und empfand ihn in diesem Augenblick als noch unheimlicher. Seine Worte trugen auch nicht gerade zu meinem Wohlbefinden bei. Scheinbar war der Moment gekommen, dass sie mich nun aus der Fraktion warfen. Ich war zu weit gegangen. Meine Eltern würden mir den Kopf abreißen, sobald sie davon erfuhren. Ich konnte nicht fraktionslos werden! Eher würde ich sterben. Aber vorher würde ich Eric fertig machen, da er indirekt, oder nein, direkt für meinen Rauswurf verantwortlich war.
    „Du wirst diese Trainingsphase überspringen und direkt die dritte Phase absolvieren. Du bekommst Privatunterricht. Solltest du die Initiation überstehen, dann wirst du eine Ferox-Anführerin. Chris ist alt geworden und wird uns demnächst verlassen. Wir brauchen einen neuen Leader und diesen Platz kannst du einnehmen. Leute wie du sind wertvoll – besonders in Zeiten wie diesen.“, erklärte Max.
    Ich war sprachlos. Ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht hiermit. „Ich?“, fragte ich ungläubig, „Eine Anführerin? Ich habe doch noch nicht einmal die Initiation hinter mir.“
    „Das ist nur eine Formalität und Frage der Zeit.“, winkte Max ab.
    „Überleg es dir, Cici.“, sagte Four neben mir, „Das ist eine große Ehre.“
    „Aber es gibt doch bestimmt Ferox die erfahrener und geeigneter sind als ich.“ Weshalb diskutierte ich eigentlich? Ich hatte eine Ferox werden wollen und nun das Angebot zu bekommen, eine Anführerin zu werden, war ein Traum! Wieso nahm ich nicht direkt an?
    „Du willst also nicht?“, fragte Max.
    Eilig riss ich mich zusammen: „Doch! Doch, ich will.“
    „Wunderbar.“
    „Also werde ich einzeln unterrichtet?“
    „Ja, du brauchst Phase eins nicht zu beenden und Phase zwei ist bloß zum weiteren Aussortieren. Also Phase drei.“, erklärte Max.
    „Wer wird mein Trainer?“, fragte ich, konnte mir die Frage aber eigentlich selbst beantworten.
    „Wir halten es alle für das Beste, wenn sich diesbezüglich bei dir nichts ändert. Die anderen Initianten erhalten einen neuen Mentor und du wirst weiter von Eric trainiert.“, bestätigte Max meine Vermutung.
    Klasse, ich würde von demjenigen unterrichtet werden, den ich zusammengeschlagen hatte und der mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Groll gegen mich hegte. Eric reagierte auf mein Schweigen kühl: „Gibt es ein Problem?“ Ich verkniff es mir, meine Bedenken zu äußern, wie ich es sonst immer skrupellos tat – in diesem Fall würde mir das nicht weiterhelfen.
    „Nein, alles in Ordnung. Wann fangen wir an?“, fragte ich.
    „Morgen früh.“
    „Wunderbar.“, meinte Max enthusiastisch und klatschte in die Hände, „Dann sind wir uns ja alle einig. Ihr besprecht jetzt noch die Formalitäten und wir anderen widmen uns wieder unserer Arbeit. Lee“, Max wandte sich an den fremden Ferox, der also scheinbar Lee hieß, „Du übernimmst ab jetzt Erics Gruppe. Geh am Besten direkt runter und erklär den Frischlingen die Situation, aber lass die Angelegenheit, dass Cici Anführerin wird, aus. Dich würde ich auch bitten, diese Neuigkeit vorerst unter Verschluss zu halten, Cici.“ Ich nickte.
    Zufrieden verließ Max den Raum, gefolgt von Lee und Four, der mir kurz zunickte. Zurück blieben ein schweigender Eric mit blauer Gesichtshälfte und ich. Angespannt wandte ich mich ihm zu. Schließlich brach ich das Schweigen: „Wohin soll ich morgen früh kommen?“
    „Du stehst zur selben Uhrzeit wie die anderen Initianten auf, gehst zum Frühstück und kommst dann zu mir hier nach oben. Ich kann dir nicht beschreiben wo der Raum ist.“, antworte Eric knapp. Irgendwie kam er mir verändert vor. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass er genau wie ich erschöpft und mitgenommen von dem Kampf war.
    „Okay.“, erwiderte ich schließlich. Ich drehte mich um und machte Anstalten zu gehen, hielt jedoch inne, als Eric sagte: „Du solltest deine Schulter angucken lassen.“ Ich blieb stehen und wunderte mich, wie er auf diese Idee kam. Dann fiel mein Blick auf meinen Arm. Ich hatte erwartet, dass mein T-Shirt die Blessur verbergen würde, doch das Ausmaß meiner Verletzung war größer als gedacht. Mein halber Oberarm war lila und geschwollen. Ich drehte mich um: „Ja, das sollte ich vielleicht. Dein Gesicht sieht aber auch nicht besonders gut aus.“
    „Mein Gesicht sieht immer gut aus.“ Hatte Eric etwa gerade einen Scherz gemacht?
    „Ach, meinst du? Vielleicht sähe es besser aus, wenn du nicht immer so grimmig gucken würdest.“, meinte ich.
    „Aber so bleiben die Leute auf Abstand.“
    „Oder schlagen dir das Gesicht blau.“, schnaubte ich.
    „Also hast du mir wegen meines Blicks eine reingehauen?“
    „Das ist nur einer der Gründe.“, antwortete ich und zuckte mit den Schultern. Autsch, keine gute Idee. Eric machte ein paar Schritte auf mich zu und ich konnte noch besser erkennen, wie übel ich ihn zugerichtet hatte. Sein Gesicht sah aus wie mein Arm.
    „Und die anderen Gründe?“, knurrte Eric, doch er machte mir keine Angst. Ich hatte ihn schon einmal k.o. geschlagen, ich würde es auch ein zweites Mal hinbekommen.
    „Darf ich nicht sagen. Dann würdet ihr mich rauswerfen und ich könnte den Posten als Anführerin vergessen.“
    „Sag es.“ Er sah mich ohne zu blinzeln an. Vielmehr starrte er.
    „Okay, aber ich habe dich gewarnt, also schieb nachher nicht mir den schwarzen Peter zu. Du bist ein arrogantes, gefühlloses Arschloch, Eric, das gerne Leute schikaniert und quält. Außerdem bist du ungerecht und habe ich schon erwähnt, dass du ein Arschloch bist?“
    Eric funkelte mich an. Dann überbrückte er die Distanz zwischen uns mit drei großen Schritten und ich befürchtete schon er wolle mich schlagen, doch stattdessen umschlossen seine Hände mein Gesicht und ehe ich reagieren konnte, presste er seine Lippen auf meine. Für einen Moment befand ich mich im Schockzustand und war unfähig etwas zu tun, doch dann erwiderte ich den Kuss. Er war nicht sanft und zurückhalten, so wie mich Jungen zuvor immer geküsst hatten. Der Kuss war feurig und radikal. Er löste etwas in mir aus, das ich nicht bereit war zu fühlen – nicht für Eric. Ich stieß ihn von mir und verließ mit den Worten: „Ich muss gehen.“, den Raum, ohne mich noch einmal umzudrehen.
    Ich stürmte den Gang entlang, grübelte über das soeben Geschehene nach und stieß schließlich mit einer mir entgegen kommenden Person zusammen. „Cici! Da bist du ja. Ich habe dich gesucht. Ich hatte schon Angst man hätte dich rausgeworfen.“, riss Amelia mich aus meinen Gedanken. Ich musterte sie kurz. Auch sie sah ziemlich mitgenommen aus. Ihre Lippe war angeschwollen und sie hatte ein blaues Auge.
    „Ich“, stotterte ich, „Nein, ich wurde nicht rausgeworfen.“ Ich runzelte die Stirn und ging an Amelia vorbei, die mir verwirrt folgte.
    „Hey! Erzähl was los war.“, rief sie hinter mir. Ich ging weiter, schloss für einen kurzen Moment die Augen und realisierte meine noch immer präsenten Kopfschmerzen, die durch Erics Kuss-Aktion, die mich durchaus verwirrte, nicht gerade besser geworden waren. „Felicitas!“, rief Amelia. Dieses Mal lauter.
    Ich blieb stehen. Dass Amelia mich bei meinem vollen Namen nannte, war ausgesprochen selten und für gewöhnlich tat sie es nur, wenn es ihr ernst war. „Hör zu. Ich habe Kopfweh. Ich wurde nicht rausgeworfen. Ich werde ab jetzt getrennt von euch trainiert und ihr bekommt einen neuen Mentor. Beantwortet das alle deine Fragen?“, fuhr ich Amelia an und fuhr herum. Sie blickte erschrocken und ich meinte für einen kurzen Moment, einen verletzten Ausdruck über ihr Gesicht huschen zu sehen. Tief in mir drin regte sich Reue, doch das Gefühl schaffte es nicht an die Oberfläche – dazu war ich zu gereizt, verwirrt und erschöpft.
    „Okay.“, sagte Amelia bloß, quetschte sich an mir vorbei und ließ mich stehen. Ich erwog für einen Augenblick hinter ihr her zu rennen und mich bei ihr zu entschuldigen, ihr alles zu erzählen, doch ich tat es nicht. Stattdessen trat ich fluchen gegen die Wand rechts von mir und verspürte den Drang, sogleich mit der Faust hinterher zu schlagen, als ein stechender Schmerz durch mein Bein schoss. Ich wusste es besser und widerstand dem Impuls. Kopfschüttelnd setzte ich meinen Weg zum Schlafsaal fort.

    3
    Hellwach lag ich auf meinem Bett. Ich lauschte dem gleichmäßigen Atmen der schlafenden Initianten, die ich zuvor als Kameraden bezeichnet hatte. Jetzt lagen die Dinge jedoch anders. Ich war nicht mehr in ihrer Gruppe. Durch meinen heutigen Auftritt, hatte ich mir Respekt und Bewunderung zu verschaffen erhofft, doch geerntet hatte ich misstrauische Blicke und ein stets präsentes Murmeln hinter meinem Rücken.
    Niemand wusste, was in Erics Wohnung passiert war – weder zwischen Max, Four, Lee und mir, noch zwischen Eric und meiner Person. Ich hatte es keinem erzählt. Wie sollte ich? Meine Beförderung musste ich geheim halten und durfte kein Sterbenswörtchen darüber verlieren und über Eric und mich wollte ich nicht sprechen, da ich selbst nicht wusste, was sich da abgespielt hatte. Hatte der Kuss eine Bedeutung? Nein. Das konnte er nicht. Eric kannte mich nicht und ich hielt ihn für einen arroganten Penner, was ich ihm auch gesagt hatte. Trotzdem musste ich zugeben, dass es in seiner Wohnung einen Moment gegeben hatte, in dem ich mich mit ihm verbunden gefühlt hatte. Für einen kurzen Augenblick hatte es so geschienen, als hätte er mich hinter seine Fassade blicken lassen.
    „Aber so bleiben die Leute auf Abstand.“, hatte er gesagt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nichts in seine Worte hinein interpretiert, doch nun grübelte ich über sie nach. Vielleicht hatte er Angst verletzt zu werden? Vielleicht hatte er Angst vor Gefühlen? Vielleicht … Nein, ich musste aufhören. Das waren viel zu viele 'vielleichts'. Eins musste ich jedoch zugeben: Er und ich, waren uns nicht unähnlich. Ich wusste, dass auch ich auf viele wie eine gefühllose, eingebildete Tussi wirkte, die größenwahnsinnig war und gerne Leute schikanierte. Ich hatte Lynn vor all den anderen Initianten als Schwächling und Nichtskönner dargestellt, hatte sie gedemütigt. Und dann wagte ich, ich die selbst ihre vielen Macken hatte, Eric genau diese Eigenschaften vorzuwerfen? Bei mir steckte hinter diesem Verhalten etwas. Ich hatte meinen Eltern damals mein Herz geöffnet, hatte auf die Liebe meiner Mutter und meines Vaters gehofft, sie jedoch nie erhalten. Eigentlich hatten sie mich zu dem Menschen gemacht der ich heute war. Sie hatten mir beigebracht, dass ich meine Gefühle immer verborgen halten und kein Mitleid mit Schwächeren haben sollte. Aber was war, wenn diese Einstellung nicht richtig war; wenn ich mich die ganze Zeit falsch verhalten hatte? Amelia war die einzige Person, die ich seit meiner Kindheit an mich heran gelassen hatte und nun redete sie nicht mehr mit mir, weil ich mich ihr gegenüber so mies benommen und sie angeblufft hatte, ohne dass sie es verdiente. Und ja: Der Streit ging mir nahe. Er traf mich tief in meinem Innersten und genau aus diesem Grund, hielt ich die Leute auf Abstand. Ich wollte nicht verletzt werden. Niemand verstand mich. Auch Amelia hatte mir von Zeit zu Zeit gesagt, dass ich verrückt war und mich ändern musste, sollte ich ein glückliches Leben führen wollen. Nur die Harten kommen in den Garten, war eines meiner Mantras gewesen, doch nun zweifelte ich daran. Noch vor ein paar Tagen hätte ich mir nicht vorstellen können, mich in dieser Situation zu befinden, doch nun lag ich hier und grübelte über mein Leben, meine Fehler und meine Gefühle nach. Tatsächlich war ich ziemlich einsam. Ich wusste, dass ich etwas ändern musste, doch ich hatte keine Ahnung, wie und ob ich das hinbekommen würde. War die Sache mit Eric ein Anfang? Oder stürzte ich mich unüberlegt in etwas hinein, in das ich viel zu viel hinein interpretierte? Würde ich diese Chance ergreifen und pokern und am Ende verletzt werden, wäre meine letzte Hoffnung verloren und ich würde mich endgültig gegenüber anderen verschließen. Andererseits: Was hatte ich zu verlieren? Schlimmer als jetzt konnte es nicht werden. Ich verhielt mich doch jetzt schon, wie ein gefühlskaltes Monster, also wieso nicht mal etwas wagen?
    Gleich morgen würde ich mich bei Amelia entschuldigen und dann unvoreingenommen zu meinem Unterricht mit Eric gehen.
    Ich wälzte mich auf die Seite. „Amelia“, flüsterte ich, „Bist du noch wach?“ Ich erhielt keine Antwort. Entweder, wollte sie nicht mit mir reden, oder sie schlief. Ich vermutete letzteres – oder hoffte es zumindest. Seufzend drehte ich mich auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kissen. Bevor ich endlich einschlief, kam mir die Erkenntnis, dass ich heute große Fortschritte gemacht hatte. Sollte ich die Initiation überstehen, so würde ich eine Anführerin der Ferox werden. Ich lächelte und fiel schließlich in einen traumlosen Schlaf.

    4
    Normalerweise ist es nicht meine Art, mich mit solchen Bitten an Euch zu wenden, aber da mir diese Geschichte sehr am Herzen liegt und es mir Spaß macht, an ihr zu schreiben, werde ich es jetzt trotzdem tun und hoffe, dass Ihr es mir verzeiht.
    Der letzte Teil wurde von nicht sehr vielen Personen gelesen und aus Erfahrung weiß ich, dass es von Teil zu Teil weniger werden. Euch, denen die Geschichte gefällt, bitte ich, dass Ihr ein bisschen Werbung für sie macht und vielleicht Euren Freunden von ihr erzählt, damit die Leserzahlen steigen und sich das Veröffentlichen weiterhin lohnt. Gerne würde ich die Geschichte auch dann weiterschreiben, wenn sie selbst nur noch zwei oder drei Personen lesen, aber die Arbeit würde sich nicht lohnen, da ich mich auch anderen Projekten widmen muss, die in diesem Fall dann Vorrang hätten, was ich durchaus schade fände, da mir das Schreiben dieser Story wie gesagt Spaß macht und ich noch so viele Ideen habe, die andernfalls nicht zum Einsatz kommen würden.
    Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass Euch auch dieser Teil gefallen hat und entschuldige mich, für die lange Zeit die zwischen den beiden Teilen liegt.
    Eure Meinung, Logikfehler die Ihr gefunden habt und dergleichen, könnt Ihr gerne in die Kommentare schreiben und natürlich freue ich mich über ein positives Feedback. Bitte schaut über kleine Tippfehler hinweg, die ich auch nach dem Korrekturlesen übersehen habe ;-)
    Wenn Ihr Fragen habt, könnt Ihr mich unter dieser E-Mail-Adresse erreichen: harry_potter2108@gmx.de

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1428239574
DIE BESTIMMUNG - Deep inside me TEIL 2
DIE BESTIMMUNG - Deep inside me TEIL 2
Felicitas wird gleich zu Beginn ihrer Zeit bei den Ferox auf eine harte Probe gestellt. Ob sie die Probe heil übersteht und welche Konsequenzen sie hat? Lest es selbst.
http://www.testedich.de/quiz36/quiz/1428239574/DIE-BESTIMMUNG-Deep-inside-me-TEIL-2
http://www.testedich.de/quiz36/picture/pic_1428239574_1.jpg
2015-04-05
406M
Die Bestimmung - Divergent

Kommentare (15)

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Tienea (59521)
vor 402 Tagen
Ich finde die Story echt super und ich würde sie meinen Freunden weiterempfehlen wenn sie die Bestimmung kennen würden

Bitte schreib weiter
Samantha-Victoria (94746)
vor 416 Tagen
Hey Anna :)
Du kannst echt gut schreiben es ist eine richtig gute Story geworden.
Mach weiter.
LG Samantha-Victoria
Ginny (06395)
vor 595 Tagen
Ich finde die Geschichte sooo toll
Bitte schreib weiter!!!
latonia (08554)
vor 627 Tagen
ja ich möchte die Geschichte auch weiter lesen es macht spaß und ich bin eh ein Fan von Bad Boys wie Eric einer ist ^^.
Natasha_dudi (63438)
vor 712 Tagen
Mir gefällt die Geschichte ebenfalls unglaublich gut. Ich hab zwar nur den ersten Film gesehen, aber bis jetzt versteh ich alles :) Ich liebe deinen Schreibstil und bin bei der Kapfszene gut mitgekommen, aber vielleicht kann man solche Szenen irgendwie flüssiger schreiben? Ich fand die Fanfiktion auf jeden Fall sehr gut und hoffe du schreibst noch einen zweiten Teil. Deiner E-Mail nach magst du Harry Potter. Hast du dort auch Fanfiktions geschrieben? Wenn ja würde ich diese auch gerne lesen 😊. Ich hab auch eine geschrieben. Vielleicht kannst du mir ja Tips geben. Das würde mich sehr freuen. Der Name meiner Fanfiktion heisst "Wunderkind - in der Welt von Harry Potter" Ich würde mich echt freuen!
Liebe Grüsse
Natasha_dudi
Ccc (68319)
vor 794 Tagen
Wirklich toll. Schreib bitte weiter. Wann kommt Teil 3 ?
Alexandra (87818)
vor 833 Tagen
Dein Geschichte ist wirklich super! schreib bitte bitte weiter.
Lilly2004 (04495)
vor 870 Tagen
Schreib weiter!!!! Ich Liebe Die Bestimmung und finde es schade das es so wenige FFs über die Bestimmung gibt:( Bitte, bitte mach weiter
Jasi ;) (63979)
vor 876 Tagen
Biiiittttteeee schreib weiter !!!!!! Ich liebe diese geschichte einfach soo!!!
blueblack (39894)
vor 882 Tagen
Schreib bitte weiter!!!
Ich versuche, bei meinen Freunden Werbung zu machen ;)
LG blueblack
Barbeatz (44145)
vor 889 Tagen
Die Story ist der Hammer!!!! Ich liebe sie!!! Bitte schreib weiter..ich muss wissen wie es weiter geht sonst werde ich verrückt :)
kiwi2000 (35791)
vor 897 Tagen
Bitte schreib weiter! Die Ff ist super, ich empfehle sie auf jeden Fall weiter. Mir gefällt dein Schreibstil total gut, hör auf keinen Fall auf, zu schreiben.
Ich freue mich schon auf eine weitere Story von dir♥
Snowballcooky (06559)
vor 900 Tagen
Echt Klasse. Du musst auf jeden fall weiter schreiben. Hat mich total gefesselt.
Anna Hess (37487)
vor 900 Tagen
@jasi ;) : Danke 😊 Irgendwie wird nicht angezeigt, dass das hier der 2. Teil ist, aber vielleicht hast du den ersten ja gelesen und auf jeden Fall freut es mich, dass du mir eine kurze Rückmeldung gegeben hast und zudem so eine positive 😘
jasi ;) (48909)
vor 900 Tagen
Ich finde diese story einfach tollllll. Ich schreibe auch natürlich meinen Freunden, die die story bestimmt auch super finden werden , dass sie sie lesen sollen ;) bitte schreib weiter ich liebe diese fanfiction :*