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Million Reasons

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45 Kapitel - 58.031 Wörter - Erstellt von: Jackie Cookie - Aktualisiert am: 2018-04-20 - Entwickelt am: - 17.603 mal aufgerufen - User-Bewertung: 5 von 5.0 - 6 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 28 Personen gefällt es

[BTS, Taehyung (V) FF] "Ich glaube, dass wir eine Seele haben und dass es Seelen gibt, die füreinander bestimmt sind. Doch wenn man denkt, seinen Seelenverwandten gefunden zu haben ... wie zeigt man dies? Und wie kann man sich da so sicher sein, wenn man sich schon einmal geirrt hat?"

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    Ich glaube, dass wir eine Seele haben und dass es Seelen gibt, die füreinander bestimmt sind. Doch wenn man denkt, seinen Seelenverwandten gefunden zu haben ... wie zeigt man dies? Und wie kann man sich da so sicher sein, wenn man sich schon einmal geirrt hat?

    Ich habe mein Zuhause mit 18 Jahren verlassen, um nach Südkorea auszuwandern. Warum? Das Land, die Leute faszinieren mich jeden Tag aufs Neue. Und mein Leben in Deutschland war von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt worden. Es gibt einige Dinge, die dort passiert sind, die ich seitdem verdränge. Manchmal muss ich mich ihnen in meinen Träumen stellen. Doch nach außen hin schaffe ich es, meine inneren Kämpfe zu verstecken. Man kann nicht vor seiner Vergangenheit fliehen, aber man kann ein neues Leben beginnen. Und genau das versuche ich hier.
    Zugegeben, mein Start in dieses Leben war ... nicht perfekt. Vielleicht hätte ich mir mehr Gedanken machen sollen. Mir einen Plan darüber machen, was ich überhaupt will. Aber es ist nicht so, als wäre ich jetzt, zwei Jahre später, unzufrieden, mit dem was ich mir aufgebaut habe. Wobei, etwas „aufgebaut“ habe ich mir nicht wirklich. Ich bin als freie Fotografin tätig. Meine Fotografien habe ich anfangs einigen Zeitschriften und Magazinen verkauft, um mich über Wasser zu halten und das schäbige Hotelzimmer zu bezahlen, in dem ich lebte. Irgendwann wurden dann Agenturen aufmerksam auf mich, ich bekam einen befristeten Vertrag, und nachdem dieser ausgelaufen war, bekam ich einige Aufträge, mit denen ich mich finanzieren konnte.
    Vor einem Monat schrieb mich dann eine Agentur an, die mir anbot, für ein vergleichsweise gutes Gehalt eine Boyband auf ihrer Tour zu begleiten, um einige Bilder zu schießen. Zusammen mit Aufnahmen, die ein Kamerateam macht, sollen diese dann in einer Art Dokumentation gezeigt werden.
    Es war jedoch nicht nur das Gehalt, was mich dazu bewegte, das Angebot anzunehmen. Musiker, besonders Sänger haben mich schon mein ganzes Leben lang fasziniert. Diese Leidenschaft, die sie ausstrahlten, die Emotionen, die sie mit ihrer Stimme ausdrückten – etwas, was ich nicht konnte – sind nur einige Gründe für meine Faszination. Also sagte ich zu; die Gelegenheit, 6 Monate das zu fotografieren, was einen mit innerem Frieden erfüllt, ergab sich schließlich nicht alle Tage.
    Während ich jetzt meinen Koffer für die Reise packe, mir weniger Gedanken über Kleidung als über die richtigen Kameras und Objektive mache, fragte ich mich, wann ich jemals einen festen Wohnsitz haben würde. Nicht, dass ich es mir wünschen würde, von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr zu arbeiten, nach Hause zu kommen, jeden Abend eine Tasse Tee zu trinken, Samstagabend mit Freundinnen ins Kino zu gehen, Sonntags einen Entspannungstag zu machen. Das „Nomaden-Leben“, wie ich es liebevoll nenne, welches ich zurzeit führe, ist das Leben was ich führen möchte. Doch ist es das auch noch in fünf Jahren?
    Solche Dinge frage ich mich nicht oft, sondern nur wenn ich kurz vor einer weiteren Reise stehe. Deshalb fällt es mir leicht zu sagen: „Darüber machst du dir Gedanken, wenn du wieder Zuhause bist.“ Dabei ignoriere ich gekonnt, dass ich kein „Zuhause“ habe. Und auch, dass ich mir nie ernsthaft über meine Zukunft Gedanken mache. Ich bin ein Mensch, der im Moment, im Hier und Jetzt lebt.
    Aus der Ecke des Zimmers (das einzige Zimmer in dem kleinen Apartment, was ich angemietet habe) höre ich ein leises Vibrieren. Ich schnappe mir mein Handy, ein billiges Smartphone, welches ich vor Monaten in einem Gebrauchtwarenladen gekauft habe. Sie haben eine neue E-Mail., lese ich und öffne die Nachricht. Sie kommt von der Agentur.

    Sehr geehrte Frau Lucy Kimmel,

    wir freuen uns sehr, dass sie das Angebot angenommen haben. Wie besprochen wird ihre Tätigkeit morgen, am 02. Dezember 2017, beginnen. Bitte finden Sie sich um 9 Uhr mit Gepäck und sonstigem Equipment an der im Anhang angegebenen Adresse ein.
    Anbei finden sie zudem eine kurze Zusammenfassung der Mitglieder sowie die angestrebten Reiseziele und jeweilige Aufenthaltsdauer.
    Sollten sie trotz der bisherigen Gespräche noch Fragen haben, bitten wir Sie, uns noch möglichst vor Reisebeginn zu kontaktieren.

    Wir verbleiben mit freundlichen Grüßen und freuen uns auf die Zusammenarbeit.
    Big Hit Entertainment

    Ich brauche den Anhang nicht zu öffnen, da ich die Details schon vor einer Woche zugesendet bekommen habe. Die Dokumente liegen in einem Ordner ganz oben im Koffer. Die Mitgliederliste der Band habe ich nur kurz überflogen. Ich bevorzuge es, mir persönlich ein Bild über die Menschen zu machen, da ich so am besten entscheiden kann, wie ich ihren Charakter einfangen soll. Um nicht wie gleich wie ein Idiot aufzutauchen, habe ich mir jedoch ihre Namen eingeprägt, die ich morgen hoffentlich auch ihren Gesichtern zuordnen kann. Da sind Kim Namjoon, genannt RM, Jeon Jeongguk, genannt Jungkook, Kim Seok Jin, aka Jin, Min Yoongi, beziehungsweise Suga, Jung Hoseok, genannt J-Hope, Park Jimin, bekannt als Jimin, und Kim Taehyung, bekannt als V. Gemeinsam nennt man sie BTS.
    Ich habe ab und an mitbekommen, dass sie wohl relativ erfolgreich und auch bekannt sind, aber ein Lied von ihnen habe ich nie gehört. Aber das werde ich wohl auf der Tour mehr als genug tun. Ich bin somit froh, unvoreingenommen diese Reise zu beginnen.
    Und wer weiß? Vielleicht erlebe ich ja das ein oder andere außergewöhnliche. Zwar denke ich nicht, dass dieser Job sich stark von den anderen unterscheiden wird oder mein Leben ändert. Aber eine Erfahrung wird es allemal sein.

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    Ich steige mehr oder weniger bepackt aus dem lauten Bus aus. Die Reisetasche, in die ich meine Kleidung und Kosmetik gepackt habe, hängt über meiner Schulter und den Koffer, dem ich meine Kameras und das dazugehörige Equipment, ziehe ich hinter mir her. Mit schnellen Schritte bahne ich mir einen Weg durch die Fußgängermasse. Zwar ist es gerade einmal 8:30 Uhr, doch viele Geschäftsleute und Anzugsträger sind bereits auf dem Weg zur Arbeit. Dies war jedoch zu erwarten, denn die Adresse liegt in einem der Geschäftsviertel von Seoul.
    Einen Augenblick bleibe ich am Rand des Weges stehen, damit ich mir Orientierung verschaffen kann. Soweit ich mich erinnere, liegt mein Ziel irgendwo westlich von der Bushaltestelle. Ich verfluche mich innerlich dafür, die Wegbeschreibung nicht ausgedruckt zu haben. Zum Glück habe ich jedoch mit meinem fehlenden Orientierungssinn gerechnet und einen Bus früher genommen. Also habe ich noch genug Zeit, um den Weg zu finden.
    Ich versuche mich daran, die Straßennamen zu entziffern und sie einzuordnen. Ich glaube, rechts abbiegen zu müssen – aber in welche Straße? Einen Moment lang denke ich darüber nach, einen der Passanten anzusprechen. Doch die Leute um mich herum sprechen so hektisch in ihre Handys, dass sie wohl kaum Zeit haben werden, einer scheinbaren Touristin den Weg zu erklären. Deswegen seufze ich nur und setze mich dann einfach in Bewegung, in der Hoffnung, mich an den richtigen Straßennamen zu erinnern. Nach ungefähr fünfzig Metern bleibe ich an einer Kreuzung stehen. Das Gefühl, wortwörtlich auf der falschen Fährte zu sein, beschleicht mich. Wieso nur habe ich keine Karte mitgenommen?
    Als wäre meine Hilflosigkeit nicht schon genug, spüre ich auf einmal einen harten Stoß an meiner Schulter. Mit einem leisen Aufschrei stolpere ich nach vorne, lasse den Koffer los und kann aus den Augenwinkeln nur beobachten, wie jemand dagegen stößt und er auf die Straße rollt.
    „Nein!“, fluche ich, aber gerade als ich hinterher hechten will, springt die Ampel auf Rot. Die letzten Fußgänger erreichen den Bürgersteig – und mein schwarzer Koffer bleibt einsam auf der Straße stehen. Ohne groß nachzudenken setze ich bereits einen Fuß auf die Straße – die, nebenbei bemerkt, nur so von wartenden Autos wimmelt – aber plötzlich werde ich zurückgehalten. Ein junger Mann drängt sich an mir vorbei, sprintet zum Koffer und gerade als er wieder den sicheren Gehweg erreicht, rauscht hinter ihm das erste Auto vorbei.
    Mit offenem Mund starre ich erst den Koffer an und dann den Mann. „D-Danke“, stammele ich auf Koreanisch, nicht weil ich die Sprache nicht sprechen kann, sondern weil ich sprachlos bin.
    „Das macht doch nichts“, erwidert er. Seine Stimme ist freundlich und ruhig. Er ist offensichtlich nur einige Jahre älter als ich.
    „Nicht jeder riskiert für einen Koffer sein Leben“, lautet meine Antwort. Immer noch perplex von der Rettungsmission, nehme ich den Koffer nur langsam entgegen. Die vollen Lippen meines Gegenübers verziehen sich zu einem Lächeln, welches sich auch in seinen braunen, dunklen Augen widerspiegelt.
    „Ich hoffe aber, dass es das Risiko wert war.“
    „Ohne diesen Koffer wäre ich jetzt vermutlich arbeitslos, also für mich wäre es das Risiko wert gewesen. Danke noch einmal.“Er nickt mir zu und wendet sich dann zum Gehen. „Oh, einen Moment noch!“, rufe ich. Wenn ich schon einem netten jungen Mann begegne, sollte ich die Gelegenheit nutzen und ihn nach dem Weg fragen, oder nicht? „Ich will dich nicht aufhalten, aber kennst du dich hier vielleicht ein bisschen aus?“
    „Ich kenne nicht jede Straße, aber grob schon, ja. Suchst du etwas bestimmtes?“
    Erleichtert atme ich aus. „Ehrlich gesagt schon …“ Ich sage ihm kurz die Adresse und er zieht überrascht die Augenbrauen hoch.
    „Ich bin gerade auf dem Weg dorthin!“
    „Oh, wirklich?“ Ich muss lachen. „Wäre es dann in Ordnung, wenn ich dir folge?“
    „Ich bin es mehr oder weniger gewohnt, verfolgt zu werden, also macht es mir nichts aus“, lacht er. Ich kneife kurz verwirrt die Augen zusammen, dann zucke ich jedoch mit den Schultern und wir machen uns auf den Weg. Ich versuche mit seinen großen Schritten mitzuhalten. Anfangs denke ich, dass er vielleicht absichtlich so schnell geht, aber dann fällt mir auf, dass er mit diesen langen, dünnen Beinen wahrscheinlich gar keine andere Wahl hat, als sich so zu bewegen. Seine hochgewachsene, eher schmale Statur wird von dem Rollkragenpullover und dem langen Mantel, den er trägt, nur noch unterstrichen. Trotzdem hat er breite Schulter, auf die wohl so mancher Mensch neidisch wäre.
    Ich werde noch einige Male angerempelt, doch nach ungefähr zehn Minuten biegen wir in eine ruhigere Straße ein. Er dreht sich kurz zu mir um und zeigt dann auf ein niedriges Gebäude am Ende der Straße. „Das ist das Haus, das du suchst. Meinst du, du kommst jetzt alleine zurecht? Ich habe nämlich einen Mordshunger und um die Ecke ist eine Bäckerei ...“
    „Klar, danke. Wirklich, ich weiß nicht, was heute los ist, aber ich war definitiv auf deine Hilfe angewiesen.“
    Er winkt mir noch kurz zu und verschwindet dann in einer Seitengasse. Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist zehn vor neun. Seufzend setze ich meine Weg fort. Statt Vorfreude macht sich auf einmal Bedauern in mir breit. Wenn mein erster Tag schon so beginnt, wie sollen dann erst die restlichen Monate werden?
    Das Gebäude, vor dem ich schließlich stehe, unterscheidet sich stark von den Umliegenden. Es ist nicht nur kleiner und älter, sondern irgendwie auch … heruntergekommen? Ist das wirklich das richtige Gebäude? Ich überprüfe Straßennamen und Hausnummer. Nein, ich bin hier richtig ohne Zweifel. Mit einem letzten Seufzer öffne ich die Tür.
    Und werde gleich darauf von einer Duftwolke aus Deo, Kaffee und Reinigungsmitteln umgeben. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich sofort wohl. Auch der Eingangsbereich, in dem ich stehe, wirkt sehr einladend. Trotz seiner spärlichen Größe lassen ihn helle Möbel und Wandfarben geräumig erscheinen. Ein Windspiel verkündet laut mein Eintreten. Wenig später kommt eine ältere Frau aus einem anliegenden Raum und begrüßt mich.
    „Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?“, fragt sie freundlich und sieht mich durch eine runde Brille an.
    Ich nicke. „Mein Name ist Lucy Kimmel. Ich bin … die Fotografin?“ Ich lasse meine Antwort unabsichtlich eher wie eine Frage erscheinen, da ich mir unsicher bin, wie ich mich vorstellen soll.
    „Ah, natürlich! Wir haben Sie schon erwartet. Ich werde Sie gleich zum Manager schicken, doch vorher muss ich Unterlagen sehen, um alles zu überprüfen.“
    „Natürlich.“ Ich öffne eine Seitentasche der Reisetasche und reiche ihr was sie benötigt. Sie deutet mit einer Hand auf einen Stuhl, auf den ich mich setze. Einen Augenblick später verschwindet sie wieder und lässt mich alleine im Eingangsbereich zurück.

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    Zehn Minuten lang sitze ich alleine im Eingangsbereich, unschlüssig, ob ich vielleicht aufstehen sollte, um mir dir Bilder, die an der Wand hänge, anzusehen oder einfach sitzen zu bleiben. Ich entscheide mich zwar alle paar Sekunden für Letzteres, trotzdem trommele ich auf meinen Oberschenkeln herum. Warum nur dauert das so lange? Vielleicht ist etwas mit meinen Unterlagen nicht in Ordnung? Aber dann wäre die Frau bestimmt schon längst wiedergekommen. Nein, wahrscheinlich hat der Manager gerade etwas um die Ohren. Bei unserem ersten Telefongespräch, in dem ich das Angebot angenommen habe, schien er auch irgendwie beschäftigt gewesen zu sein. Vielleicht ist die Gruppe, BTS, ja viel erfolgreicher, als ich es mir vorgestellt habe und er muss deshalb ständig etwas regeln.
    Als plötzlich die Eingangstür geöffnet wird, schrecke ich aus meinen Gedanken hoch. Zwei junge Männer treten ein – einer von ihnen ist derjenige, der mir zuvor den Weg gezeigt hat. In einer Hand hat er eine Papiertüte, mit der anderen zieht er einen etwas Jüngeren hinter sich her.
    „Das ist mal wieder so typisch für dich. Ich frage mich wirklich, wie man so orientierungslos sein kann“, sagt der Ältere, kann sich ein Lachen aber nicht verkneifen. „Wie oft waren wir jetzt schon hier? Zehn, fünfzehn Mal? Wie kannst du dich da noch immer verlaufen?“
    Der andere, der nur etwas kleiner als er ist, grinst bis über beide Ohren. Ohne wirklich zu wissen warum, muss ich auch lächeln.
    „Ich war eben beschäftigt ...“
    „Vergiss es, Taehyung, du bist sowieso ein hoffnungsloser Fall. Wegen dir sind wir jetzt zu spät ...“
    Moment mal. Taehyung? Etwa Kim Taehyung? V? Mein Lächeln verwandelt sich in einen Ausdruck des blanken Horrors, als mir klar wird, dass seine Begleitung, also der junge Mann, der mir geholfen hat, niemand anderes als Jin. Dass mir das nicht sofort aufgefallen ist! So viel also zum Thema „Ich kann Namen gut den Gesichtern zuordnen“.
    Zu allem Überfluss öffnet sich eine weitere Tür und die Frau, die mich empfangen hat, lächelt mich an. „Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat, aber wir wollten ihnen eigentlich das vollständige Team vorstellen. Zwei Mitglieder sind immer noch nicht aufgetaucht – oh.“ Ihr Blick fällt auf Jin und Taehyung. „Da sind sie ja.“
    „Taehyung hat sich – mal wieder – verlaufen“, meint Jin nur, als wäre damit alles erklärt. Die Dame nickt und verdreht leicht die Augen. Ich bin mittlerweile aufgestanden und beiße mir unsicher auf die Unterlippe. Der Blick aus drei Augenpaaren legt sich auf mich. Ich beschließe ein leises „Hallo“ von mir zu geben und lächle leicht. Dabei versuche ich es zu vermeiden, irgendjemanden außer die Frau anzusehen. Auch wenn ich mir sonst wenige Gedanken darüber mache, was andere von mir denken, ist es mir plötzlich unfassbar unangenehm, dass mich jemand als hilfloses, verlorenes Mädchen kennenlernt.
    „Am besten folgen Sie mir nun einfach, damit Sie die anderen auch kennenlernen. Und ihr beide kommt auch mit“, sagt die Frau und blickt die beiden über ihre Brille hinweg an. Ich greife nach meiner Reisetasche, die ich auf dem Boden abgestellt habe. „Keine Sorge, um Ihr Gepäck wird sich gleich jemand kümmern. Stellen Sie es einfach in die Kammer dort“, fügt die Frau hinzu und ich tue was sie sagt. Die Jungs, die neue Angestellte und Mitglieder wahrscheinlich gewohnt sind, gehen an mir vorbei, scheinbar ohne groß Notiz von mir zu nehmen. Dennoch trifft mein Blick beim Aufsehen eine Sekunde auf den von Taehyung, der mich aus großen, braunen und irgendwie neugierigen Augen ansieht, doch er sieht schnell wieder weg. Auch wenn mich das ein bisschen verwirrt, bin ich sofort begeistert von seinen Augen – das klingt seltsamer, als es ist. Sie strahlen jedoch so viele Sachen gleichzeitig aus; Humor, Neugier, Selbstbewusstsein, Tiefe. Sie werden definitiv von mir fotografiert werden.
    Ich folge den Dreien durch einen schmalen, kurzen Flur, der in einen relativ großen Raum führt. Einige junge Männer – ich zähle sieben –, zwei junge Frauen und ein älterer Herr sitzen verteilt auf Sofas und Sesseln. Taehyung und Jin gesellen sich sofort zu einer Gruppe aus fünf Jungen, die sich auf ein Soga gequetscht hat. Die zwei anderen Männer sitzen bei den Frauen und scheinen sich ebenfalls bereits zu kennen. Die ältere Dame dreht sich zu mir und winkt mich zu sich. Ich atme tief durch, versuche ein bisschen von meinem Selbstbewusstsein wiederzufinden, dann stelle ich mich in die Mitte vom Raum. Der ältere Mann steht auf und schüttelt mir die Hand.
    „Es freut mich Sie kennenzulernen! Ich bin Kim Donghae, der zuständige Manager für diese Tour. Wir hatten nun ja noch nicht die Möglichkeit uns persönlich zu unterhalten, aber ich bin sicher, Sie finden sich hier gut zurecht.“
    „Danke, es freut mich auch Sie kennenzulernen“, lächele ich und erwidere seinen Handschlag.
    „Oh, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt!“, ruft die ältere Dame nun. „Mein Name ist Lim Danbi, ich bin die Assistentin.“ Ich lächele auch sie an – was sollte ich schon groß sagen? „So, nun aber zu den wichtigen Menschen in diesem Raum. Das hier ist das Kamerateam, das den Großteil der filmischen Aufnahmen machen wird.“
    Die Gruppe aus vier Leuten nickt mir zu und ein hochgewachsener Mann ergreift das Wort. „Das sind Yoon Miga, Cheong Sook, Chang Shiwon und ich bin Jegal Taemin. Wir werden uns sicher noch näher kennenlernen.“
    Ich neige leicht meinen Kopf. „Mein Name ist Lucy Kimmel, ich freue mich schon … auf die … Zusammenarbeit.“ Am liebsten würde ich mir vors Gesicht schlagen. Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit? Was besseres fällt mir nicht ein? Hinter mir ertönt ein leises Lachen. Also bilde ich es mir nicht ein, dass ich die dümmsten Antworten gebe, die man nur geben kann.
    „Gut, dann wären da nur noch die, um die es eigentlich geht“, lächelt Danbi und ich wende mich mehr oder weniger freiwillig zu den Jungs auf dem Sofa, die sich fast alle ein Lachen verkneifen müssen. Nur einer von ihnen sitzt ein wenig gelangweilt auf der Sofalehne und scheint mit seinen Gedanken woanders zu sein. „Also, das ist Namjoon. Er ist der Anführer.“ Der Größte von ihnen, der in der Mitte sitzt, nickt mir lächelnd zu. „Dann haben wir da noch Jungkook, der Maknae.“ Ein Junge mit großen, neugierigen Augen grinst und winkt. „Außerdem Jimin“ - der Kleinste von ihnen, eingequetscht zwischen Namjoon und Jungkook, hebt die Hand - „und Suga.“ Der Junge, der auf der Lehne sitzt, schaut auf und nickt mir zu. „Das ist J-Hope, der Sonnenschein.“ Ein Junge im bunt gestreiften Pullover lacht laut und nickt. „Tja, dann bleibt noch der Älteste, Jin.“
    „Ja, wir kennen uns schon“, lacht Jin und erntet überraschte Blicke der anderen Mitglieder. „Ich habe ihren Koffer gerettet“, erklärt er, doch das macht die Situation nicht besser.
    „Du hast … ihren Koffer gerettet. Klar“, seufzt Namjoon und schüttelt leicht den Kopf.
    „Eh, ja, das stimmt eigentlich. Aber hauptsächlich hat er mir den Weg hierher gezeigt“, melde ich mich endlich zu Wort.
    „Sehr ihr, ich habe heute schon zwei Personen vor dem Verlaufen gerettet!“, sagt Jin stolz.
    „Gerettet? Ich würde sagen, du hast sie dem sicheren Untergang entgegen gebracht“, bemerkt Suga und die Jungs fangen an zu lachen.
    „Hey Jungs, ihr verschreckt sie total!“, ruft der Manager schließlich und sie hören zwar auf zu lachen, grinsen jedoch trotzdem. Auch die anderen Anwesenden, mich eingeschlossen, lächeln.
    „Ich bin übrigens Taehyung“, sagt auf einmal der Junge, der sich bisher eher zurückgehalten hat. Er sieht mir offen in die Augen. Fast hätte ich „Ich weiß“ gesagt, aber das würde wohl falsch rüberkommen. Also nicke ich nur, habe aber das Gefühl, als würden alle bemerken, dass ich wie in einen Bann von ihm gezogen werde. Es ist schließlich die Assistentin, die die Stille im Raum unterbricht.
    „So, dann wäre das erst mal geklärt. Ich würde sagen, die Reise kann beginnen!“

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    Als wir das Gebäude verlassen, ist der Bus bereits angekommen und das Gepäck wurde schon verladen. Bevor ich einsteige, überprüfe ich jedoch, ob auch mein Koffer – ich könnte ihn eigentlich als Kinderwagen bezeichnen und die Kameras sind meine Babys – sicher verstaut ist. Da dies der Fall ist, ziehe ich noch eine Kamera heraus, falls sich auf der Busfahrt Situationen ergeben, die ein Foto wert sind. Während ich mir schon einen Platz suche (ich nehme einen auf der letzten Bank), möchte das Kamerateam vor der Abfahrt noch kurze Interviews mit den Mitgliedern führen.
    „Einfach Fragen, was ihr von der Tour erwartet, auf was ihr euch freut, und so weiter“, höre ich Taemin sagen. Ich beobachte, wie Taehyung sich als erster meldet und rücke ein wenig näher ans Fenster, um seine Antworten besser zu verstehen, ohne wirklich zu wissen, warum.
    „Also gut. Binde die Fragen am besten irgendwie in deine Antwort ein. Bereit? Gut. Kamera läuft? Mikrofon ist angeschaltet? Dann bitte.“
    Sook, eine selbstsichere Frau mit lauter, klarer Stimme, räuspert sich und holt einen Zettel hervor. „Ihr werdet jetzt mehrere Monate lang unterwegs sein. Gibt es irgendetwas – oder irgendjemanden – das oder den du vermissen wirst?“
    Da Taehyung etwas weiter vorne unter einem Fenster steht, kann ich nichts erkennen außer seine dunkelblond gefärbten Haare. „Wir sind es, glaube ich, eigentlich schon gewohnt, über eine lange Zeit hinweg nicht zu Hause zu sein. Das ist somit nichts Neues“, ertönt seine tiefe Stimme. „Bis auf meine Familie habe ich auch eigentlich niemanden, den ich vermissen werde. Aber da wir nur durch Südkorea touren werden, ist es einfach für sie, mich zu besuchen.“
    „Was erhoffst du dir von der Reise? Worauf freust du dich?“
    „Ich freue mich sehr darauf, neue Leute und Städte kennenzulernen. Und natürlich darauf, ARMY zu sehen.“ Er lacht, ebenso wie die anderen Mitglieder, die ein wenig abseits stehen. „Wir haben auch ein paar neue Dinge in unser Programm eingebaut, deswegen bin ich sehr gespannt, wie die ankommen.“
    Ich höre noch eine Weile zu, werde aber nach einigen Minuten müde. Kein Wunder. Schließlich habe ich sehr kurz und schlecht geschlafen, wie eigentlich immer vor einer neuen Reise. Zudem ist Taehyungs Stimme unfassbar beruhigend, was mich wohl zusätzlich dazu einlädt, einfach zu schlafen. Das Interview mit ihm ist jedoch zu Ende, bevor er mich in den Schlaf reden kann, und Suga tritt an seine Stelle. Ich beobachte, wie Taehyung den Bus betritt und seinen Blick über die Reihen schweifen lässt, bis er mich sieht. Bilde ich mir das nur ein, oder hellt sich sein Gesicht tatsächlich ein wenig auf? Er bahnt sich einen Weg zu mir und lässt sich dann neben mir in den Sitz fallen.
    „Hallo“, sagt er fröhlich und streckt seine Arme aus.
    „Hallo“, erwidere ich, ein wenig verwirrt. Warum soll er sich schon freiwillig neben mich setzen? Gut, ich war, abgesehen von dem Busfahrer, die einzige Person in dem Bus, aber nutzt man die Leere nicht eigentlich dazu aus, um einen möglichst guten Platz zu ergattern?
    „Du heißt Lucy, oder? Donghae hat gesagt, du kommst aus Deutschland?“
    Ich nicke. „Da hat Donghae recht.“ Plötzlich doch hellwach, wende ich mich ihm zu. Schließlich bin ich ernsthaft an einem Gespräch mit ihm interessiert.
    „Und warum bist du nach Südkorea gekommen?“, will er wissen. Mein Gesicht verzieht sich ein wenig.
    „Das … also … ist ein sehr persönliches Thema“, weiche ich aus. „Und wenn ich darüber rede, werde ich wahrscheinlich den ganzen Tag über miese Laune haben. Deswegen … können wir vielleicht über etwas anderes reden?“
    Er sieht mit großen Augen an. Einen Augenblick denke ich, dass er mich weiter zu dem Thema ausfragt, aber dann lächelt er verständnisvoll. „Okay. Aber angenommen, wir würden Freunde werden, würdest du es mir dann erzählen?“
    „Vielleicht“, lächle ich und streiche mir eine Strähne meiner langen, dunklen Haare aus dem Gesicht. „Du könntest mir ja stattdessen etwas über BTS erzählen. Denn ehrlich gesagt, weiß ich so gut wie gar nichts über euch.“
    „Was? Ehrlich nicht?“, fragt er erstaunt. „Aber wie willst du dann Fotos von uns machen, die dazu noch unsere ganze Persönlichkeit einfangen sollen?“
    „Ich denke, dass es besser ist, wenn ich mir persönlich ein Bild von euch mache, oder nicht? Denn die Person auf der Bühne unterscheidet sich manchmal schon von der Person hinter der Bühne. Das ist nicht immer so, aber es kommt oft genug vor.“
    Er denkt einen Moment über meine Aussage nach. „Hm. Ja, ich denke, da hast du schon irgendwie recht. Dann willst du uns also alle privat kennenlernen?“
    „So in etwa, ja.“
    „Cool. Aber du solltest trotzdem ein paar Lieder von uns kennen. Dadurch bekommst du doch auch ein Bild von uns, oder nicht?“ Aus einer Jackentasche zieht er Kopfhörer und ein Handy heraus. Er reicht mir einen dern Ohrstöpsel. „Willkommen bei BTS!“

    (Hey! Ich dachte, ich melde mich mal persönlich ^^ Ich hoffe, dass die FF auch bei denen unter euch ankommt, die eher anspruchsvoll sind! Ich gebe mir wirklich Mühe, die Charaktere realitätsnah darzustellen, aber ich so ein paar Probleme damit, über reale Personen zu schreiben. (Kann das jemand nachvollziehen? D:) Tut mir übrigens Leid, dass sich das Ganze vor allem jetzt am Anfang in die Länge zieht, aber ich versuche trotzdem, die Story demnächst voran zu treiben, versprochen! Ich freue mich schon auf weitere Kommentare von euch! <3:3)

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    Ich bin mir immer noch nicht sicher, was Taehyungs Absicht ist. Will er nur nett sein? Hat er Mitleid mit mir, weil ich neu bin? Will er vielleicht ein positives Bild auf sich werfen? Auch wenn ihm Letzteres zweifellos sehr gut gelingt, glaube ich nicht, dass das absichtlich ist. Ja, er scheint tatsächlich interessiert an meiner Meinung zu sein. Nach jedem Lied, das er mir vorspielt, fragt er, wie es mir gefallen hat, erklärt mir den Hintergrund oder einige Anekdoten zur Produktion. Hin und wieder muss ich lachen, aber ich versuche trotzdem, ein möglichst objektives Urteil zu fällen. Warum „Ich versuche“? In Wahrheit bin ich unfassbar begeistert von den Liedern. Sie behandeln nicht nur eine Menge an Themen, Melodie und Rhythmus sind perfekt abgestimmt, die Stimme sind toll – dabei sticht eine Stimme für mich immer hervor: Taehyungs. Ich kann ein Lächeln nicht ganz verstecken, wenn ich seine Stimme heraushöre und das scheint er auch zu bemerken. Zum Glück äußert er sich jedoch nicht dazu.
    Während die anderen Mitglieder nach und nach einsteigen, sitzen wir also nebeneinander ganz hinten im Bus. Seltsamerweise scheint es die anderen kaum zu stören, dass eines ihrer Mitglieder Zeit mit einer eigentlich völlig Fremden verbringt. Die einzige Erklärung, die mir dazu einfällt, ist, dass Taehyung sich oft mit neuen Menschen unterhält und sozial ist. Ohne einen richtigen Grund dafür zu haben, macht mich der Gedanke, dass ich nur „eine von vielen“ bin, traurig.
    Als auch das Kamerateam einsteigt und sich Plätze sucht, dauert es nur wenige Minuten, bis wir schließlich losfahren. Zwei Reihen vor uns hat es sich Suga bequem gemacht und scheint bereits zu schlafen, ehe wir aus der Straße herausgefahren sind. Die anderen sind verteilt über den ganzen Bus. Namjoon, J-Hope und Jin sitzen vorne, Jungkook und Jimin mittig, ebenso wie das Kamerateam. Der Manager und seine Assistentin sitzen hinter dem Busfahrer. Jeder hat seine eigene Sitzreihe, was wahrscheinlich gut ist, da niemand wirklich ausgeschlafen zu sein scheint und so genug Platz ist.
    „Ich denke, das 'Wings'-Album ist perfekt, um mehr über uns zu erfahren. Jeder hat einen Song geschrieben, in dem er etwas verarbeitet“, meint Taehyung gerade.
    Ich reibe mir über die Augen. „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich bin ehrlich gesagt ziemlich müde“, sage ich leise, um Suga nicht zu wecken. „Deswegen wird es mir schwer fallen, mich auf alles zu konzentrieren …“
    „Oh, okay“, meint Taehyung sofort. „Ich kann die Lieder ja trotzdem abspielen, mir helfen sie manchmal beim Einschlafen.“ Ich mache große Augen. Hat er etwa vor, die gesamte Busfahrt – die nebenbei bemerkt knapp 9 Stunden dauert – neben mir zu sitzen? Er bemerkt meinen erstaunten und wohl auch verwirrten Blick. „Also, wenn es dir nichts ausmacht, bleibe ich neben dir sitzen. Ich mag es nicht, alleine zu sitzen und die anderen wollen ihre Ruhe haben.“ Er lacht leise und obwohl er die Augen verdreht, bemerke ich trotzdem sein Verständnis dafür. Definitiv der Soziale, denke ich.
    „Mir macht das nichts aus. Im Gegenteil, ich bin da eigentlich genau wie du. Aber es ist in Ordnung, wenn ich schlafe, oder?“
    „Klar, ich werde auch ein wenig meine Augen ausruhen“, grinst er und ich muss lächeln. Ich rutsche ein wenig in meinem Sitz herum, um eine bequeme Position zu finden, und krame dann aus einem Fach über mir eine Reisedecke hervor, darauf bedacht, den Kopfhörer nicht herauszureißen. Taehyung wartet, bis ich still sitze und spielt dann den ersten Song ab. Schon nach den ersten Takten bemerke ich, wie der Schlaf mich übermannt. Bereits einige Sekunden später bin ich eingeschlafen.

    Taehyung P.o.V.
    Ich warte, bis sie bequem sitzt, bevor ich das erste Lied vom 'Wings'-Album anmache; „Boy Meets Evil“. Aus den Augenwinkeln beobachte ich gespannt ihre Reaktion, aber schon nach wenigen Sekunden ist sie eingeschlafen. Ich seufze innerlich ein wenig. Ausgerechnet bei diesem Album! Aus irgendeinem Grund ist mir ihre Meinung dazu wirklich wichtig. Obwohl ich sie buchstäblich erst seit einer Stunde kenne, ist sie irgendwie … besonders. Es liegt etwas in ihrer Ausstrahlung, was ich bisher noch nie erlebt habe. Mein Interesse an ihr ist vermutlich auch deshalb so stark, weil ich mich sehr für Fotografie interessiere. Vielleicht kann sie mir ja ein paar Tipps geben?
    Ich beobachte die vorbeiziehende Landschaft und werde ebenfalls müde. Mit einem gekonnten Handgriff greife ich über mich und ziehe Reisekissen und -decke hervor. Kurz bevor mich der Schlaf jedoch überkommt, spüre ich einen sanften Druck an meiner Schulter. Überrascht sehe ich zur Seite. Lucy hat ihren Kopf an mir angelehnt. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Ich habe schon immer ein Herz für Mädchen gehabt, die im Schlaf süß aussehen. Und Lucy gehört auf jeden Fall dazu, mit ihren leicht hochgezogenen Augenbrauen und der Strähne ihres Haars, die ihr locker ins Gesicht fällt. Dafür, dass sie aus Deutschland kommt, sind ihre Gesichtszüge eher die einer Asiatin, fällt mir auf. Ob sie asiatische Vorfahren hat? Vielleicht werde ich sie danach fragen. Aber erst später, denn sie macht nicht den Eindruck, als würde sie gerne über ihre Vergangenheit reden. Doch das macht sie eigentlich nur interessanter.

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    Als ich die Augen öffne, ist der Platz neben mir leer. Verschlafen richte ich mich auf und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Es ist 14 Uhr. Das bedeutet, ich habe 4 Stunden geschlafen und somit fast die Hälfte der Busfahrt verpennt. Mit einem Blick durch den Bus stelle ich fest, dass ich die einzige bin, die noch darin sitzt. Nicht einmal der Busfahrer ist hier. Ich erkenne, dass wir gerade wohl eine Pause auf einem Rastplatz machen. Also schnappe ich mir meine Jacke und meine Kamera, um mir ein wenig die Beine zu vertreten und vielleicht ein paar Fotos zu machen. Denn der Rastplatz befindet sich scheinbar, soweit ich es aus meinem Fenster sehen kann, neben einem Wald - und der Wald hat für mich schon immer eine magische Anziehungskraft gehabt.
    Draußen umgibt mich sofort die kühle Dezemberluft. Mit einem Frösteln ziehe ich meine Jacke enger zusammen, hänge mir die Kameratasche um die Schulter und mache mich dann auf den Weg in den Wald. Oder besser gesagt: Ich kämpfe mich durch ein wenig Gestrüpp, bleibe aber am Waldrand, damit ich sehe, wann wir weiterfahren. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich ein wenig enttäuscht bin, dass Taehyung nicht mehr neben mir gesessen hat. Aber gut, es ist schließlich nicht seine Pflicht. Ich frage mich, was mit mir los ist. Das ich auf die eine oder andere Weise irgendwie von Taehyung angezogen werde, steht außer Frage - aber eigentlich ist das sehr, sehr untypisch für mich. Ich gebe dem Schlafmangel und der neuen Situation die Schuld. Ja, in ein paar Tagen ist das sicher vorbei.
    Ich mache einige Probe-Fotos, um die Lichtverhältnisse auszutesten. Sie sind nicht perfekt, aber ich kann definitiv damit arbeiten. Also suche ich mir einige Motive - ein umgefallener Baum, ein trockenes Blatt auf dem sonst grünen Boden. Es ist schon erstaunlich, was die Natur uns alles sagen kann.
    „Was machst du da?“
    Ich erschrecke mich so sehr bei dem Klang der tiefen Stimme, dass ich beinahe die Kamera fallen lasse. Mit klopfendem Herzen drehe ich mich um - und finde mich nur wenige Zentimeter von Taehyung entfernt. Ein wenig überfordert damit, sein Gesicht so nah vor mir zu sehen, mache ich einige Schritte rückwärts. Natürlich kommt es wie es kommen muss, wenn man nicht darauf achtet, wo man hingeht: ich stolpere. Doch bevor ich zu Boden fallen kann, reagiert mein Gegenüber und ergreift meinen Arm. 
    „D-Danke“, stammele ich und er lacht laut auf.
    „Ich wollte dich nicht erschrecken“, kichert er. „Ist alles in Ordnung?“
    Ich nicke erst und muss dann ebenfalls leicht lächeln. „Ich sollte dir vielleicht sagen, dass ich ziemlich schreckhaft bin. Zumindest in dieser Hinsicht.“
    „Tut mir Leid.“ Er hat aufgehört zu lachen, grinst aber immer noch. 
    „Ist schon okay, ich habe ja überlebt. Und meine Kamera auch, denke ich.“ Um sicher zu gehen, dass nichts zu Bruch gegangen ist, werfe ich noch einen Blick auf das Gerät. „Jap, sie atmet noch!“
    „Dann bin ich beruhigt. Die war bestimmt teuer.“
    Ich zucke mit den Schultern. „Eher in einer mentalen Hinsicht, sie war ein Geschenk. Sie ist schon etwas älter, aber sie bedeutet mir viel.“ Mir wird bewusst, wie ich gerade über eine Kamera spreche. Ich seufze und schaue in den Himmel. „Ich sollte aufhören zu reden“, sage ich, mehr zu mir als zu ihm.
    „Nein, solltest du nicht, ich höre dir gerne zu!“
    Ich schaue überrascht zu Taehyung und werde ein wenig rot. „Das ... nehme ich als Kompliment?“ In diesem Moment kommt mir ein Geistesblitz. „Hey, du hast nicht zufällig Lust, Model zu spielen?“
    Er ist einen Moment verwirrt, aber dann lächelt er. „Es ist ja deine Aufgabe, Fotos von uns zu machen, da muss ich ja irgendwie mitspielen. Was soll ich tun?“
    Ich nicke in Richtung des umgefallenen Baums. „Setz' dich am besten daneben ... Ja, genau so ... Perfekt!“
    Ich mache einige Fotos und gebe ihm einige Anweisungen, wo er hinsehen soll, aber den Großteil macht er bereits selbst. Irgendwie fasziniert von dem nun eingefangen Moment des Aufeinandertreffens von Perfektion, in Form von Taehyung, und Natürlichkeit, mache ich wahrscheinlich sehr viel mehr Fotos als notwendig. Ich bin schon fast traurig, als ich jemanden rufen höre: „Taehyung? Wo bist du?“
    „Ich bin hier, einen Moment!“, ruft Taehyung zurück und sieht zu mir. „Ich glaube, wir müssen zurück. Zeigst du mir die Bilder später?“
    „Klar, sehr gerne!“ Ein wenig atemlos von meinem ersten Fotoshooting in diesem Job, packe ich die Kamera wieder ein. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zurück. Jin, der vor der Bustür steht, sieht uns erstaunt an. 
    „Wo wart ihr?“, fragt er und ich deute hinter mich auf den Wald.
    „Wir haben ein paar Fotos gemacht“, erkläre ich, bevor ich nach Taehyung einsteige. Gespannt beobachte ich, wo er sich jetzt hinsetzen wird und mache innerlich einen Freudensprung, als er auf meinen Platz zusteuert. Bevor ich ihm jedoch folgen kann, hält mir Jin noch eine kleine Tüte unter die Nase.
    „Essen. Ich glaube, du hattest noch nichts, oder? Dann bitte sehr.“ Ich nehme dankbar die Tüte an, in der ich Frühlingsrollen erkenne. „Ich habe Frühlingsrollen bestellt, denn jeder mag Frühlingsrollen“, sagt er, scheinbar sehr stolz auf sich. Ich lache und nicke.
    „Wenn wir nachher im Hotel ankommen, werden wir übrigens Essen gehen. Wenn du willst kannst du mitkommen. Taehyung hat gesagt, du willst uns alle näher kennenlernen“, verkündet Namjoon von seinem Platz aus.
    „Danke, das ist sehr nett!“, lächle ich, auch wenn ich nicht erwartet habe, dass eine neugierige Fotografin so mit offenen Armen empfangen wird. „Und danke für das Essen, wie viel schulde ich dir denn?“, frage ich Jin, aber der winkt ab.
    „Ist schon okay, betrachte es als Willkommensgeschenk“, meint er. 
    „O-okay!“ Ich muss immer noch lächeln, als ich schließlich zu meinem Platz gehe, an dem Taehyung schon wartet. 
    „Ich würde sagen, du hast einen Fan“, begrüßt er mich. Ich ziehe überrascht die Augenbrauen hoch. „Jin. Wenn er dich nicht mögen würde, dann würde er dir kein Essen bezahlen“, erklärt er.
    „Oh“, mache ich und werde wieder einmal rot. „Hm, stört es dich, wenn ich esse?“
    Taehyung lacht und schüttelt dann den Kopf. „Du musst nicht immer fragen, ob es mich stört. Ich meine, ich habe es überlebt, dass du quasi auf mir geschlafen hast, da werde ich damit auch fertig.“
    Ich starre ihn entgeistert an. „Ich habe was?“
    „Du hast dich beim Schlafen an mich gelehnt“, grinst er. „Du hast so tief geschlafen, deswegen wollte ich dich nicht wecken.“
    Kann mich bitte jemand kneifen?, denke ich, und würde am liebsten im Erdboden versinken. Auch wenn ihm das nichts auszumachen scheint, ist es mir unsagbar peinlich. Wenn die nächsten Monate genauso ablaufen wie der Tag bisher ... dann werde ich mich wahrscheinlich eine Woche lang in einem Hotelzimmer verstecken.

    7
    Die restlichen Stunden der Busfahrt verlaufen glücklicherweise ohne besonders peinliche Momente. Taehyung schaut sich mit mir die Fotos an, die wir zusammen gemacht haben und ich erkläre ihm nebenbei, worauf ich besonders achte, zum Beispiel was die Lichtverhältnisse angeht. Er hört mir aufmerksam zu und erzählt mir, dass Fotografie selbst ein Hobby von ihm ist. Er zeigt mir auch ein paar Fotos, die er hochgeladen hat.
    „Die sind wirklich gut!“, sage ich. „Du hast echt Talent.“
    „Ja, meinst du? In letzter Zeit bin ich leider nicht so aktiv. Es sind ein paar Sachen passiert und ich habe eine Art Blockade würde ich sagen.“
    Ich sehe ihn an. Er sieht nachdenklich auf seine Finger und ich beschließe, lieber nicht weiter danach zu fragen. „Was auch immer geschehen ist, du wirst damit fertig werden“, meine ich stattdessen nur und er lächelt wieder.
    „Taehyung!“, ruft in dem Moment jemand von vorne und wir sehen auf. J-Hope kniet auf einem Sitz und winkt ihn zu sich. „Wir wollen ein paar Sachen besprechen!“
    „Ich werde dann mal nach vorne gehen“, seufzt Taehyung, grinst aber dabei.
    „Klar, du hast ja schließlich auch Pflichten. Viel Spaß - oder so.“ Wieder so ein dummer Satz. Was soll das?, frage ich mich selbst.
    Ich nutze den nun frei gewordenen Platz, um meine Decke zu falten und anschließend wieder an ihren Platz zu legen. Dann packe ich meine Kamera ein und schaue aus dem Fenster. Draußen ist es bereits dunkel, weswegen ich nur mein eigenes Spiegelbild sehe, das mir müde aber trotzdem irgendwie zufrieden entgegen blickt. Alles in allem war der Tag - abgesehen von den Peinlichkeiten - ja doch gar nicht so schlecht. Ich habe einen neuen Job angefangen, jemanden kennengelernt der vielleicht eine Art Freund werden könnte und auch der Rest der Gruppe scheint eigentlich sehr nett und zuvorkommend zu sein. Aber dazu werde ich wohl noch einiges herausfinden.
    Einige Plätze vor mir hat sich das Kamerateam zusammengesetzt um wahrscheinlich einige Dinge, die die Aufnahmen betreffen, zu besprechen. Ich könnte mich nun einsam fühlen, aber eigentlich bin ich froh, auch ein wenig Zeit allein mit meinen Gedanken zu verbringen. Ich mag es zwar, Gesellschaft zu haben, aber es ist doch schon ziemlich anstrengend eine Konversation zu führen, die sich über Stunden zieht. Gerade wenn der Gegenüber jemand fremdes ist und man nicht weiß, was man sagen kann und was man lieber lassen sollte.
    Ich werfe einen Blick auf Taehyung und die anderen vorne. Sie lachen gerade über etwas, beziehungsweise Jin und Taehyung lachen während die anderen nur die Augen verdrehen. Ich habe schon während der Busfahrt mitbekommen, dass Jin immer wieder ziemlich schlechte Witze gerissen hat, was die anderen wohl schon gewohnt sind und dementsprechend nur mit einem Augenrollen kommentiert wird. Mich persönlich haben die Witze schon das ein oder andere Mal zum Grinsen gebracht, aber das liegt wohl eher daran, dass ich von Natur aus über Witze lache, egal wie gut oder schlecht sie sind.
    Irgendwann steht der Manager auf und klatscht in die Hände - wie ein Lehrer, der seine Schüler um Aufmerksamkeit bittet. „Wir werden in einigen Minuten das Hotel erreichen. Jeder kümmert sich selbst um sein Gepäck und achtet bittet alle darauf, dass nichts liegen bleibt! Denn den Rest der Tour werden wir Tourbusse benutzen, aber dazu später mehr. Zur Zimmerbelegung: Wir haben fünf Doppelzimmer und ein Viererzimmer reserviert. Das bedeutet, wir müssen jetzt noch klären, wer mit wem auf ein Zimmer geht.“
    Vor mir steht Taemin nach einem kurzen Gespräch mit seinen Kollegen auf. „Ich denke, es ist sinnvoll wenn wir, also mein Team und ich, das Viererzimmer nehmen.“
    „Sind damit alle einverstanden?“, fragt Donghae und alle Anwesenden nicken. Ich nicke ebenfalls, wenn auch zögerlich, weil ich nicht damit gerechnet habe, mir mit einer fremden Person das Zimmer teilen zu müssen. „Gut dann wäre das geklärt. Ich nehme an, die BTS-Mitglieder würden gerne zusammen wohnen. Trotzdem muss sich einer dazu erbarmen, sein Zimmer mit einer anderen Person, also Lucy, Danbi oder mir, zu teilen.“
    Es bricht eine kleine Diskussion zwischen der Gruppe aus, die ich jedoch kaum mitbekomme, weil sich in meinem Kopf nur ein Gedanke immer wieder wiederholt. Bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht. Kann es eigentlich noch schlimmer kommen? Ich verstehe ja, dass ein Einzelzimmer für jeden zu teuer ist. Aber hätte man mich nicht vorwarnen können?
    „Gut, hat jemand etwas dagegen?“
    Ich horche auf, als Donghae mich direkt ansieht. „Wie bitte?“
    „Wären Sie damit einverstanden, sich mit Taehyung ein Zimmer zu teilen?“
    Mit großen Augen sehe ich zu Taehyung, der mir zulächelt, dabei aber ganz offensichtlich seinen Bandmitgliedern - und insbesondere Jimin - einen leicht verärgerten Blick zuwirft.
    „Ich denke schon?“, sage ich und weiß nicht wirklich, wie ich reagieren soll. Taehyung ... Natürlich ist das allemal eine besserer Aussicht, als mir mit einem zwar freundlichen, aber auch irgendwie ... aufdringlich wirkenden Mann wie Donhae das Zimmer zu teilen. Und es ist nur für zwei Nächte. Was kann da schon groß passieren?

    8
    Verdammt.
    Das ist alles was ich denke, als Taehyung und ich das Zimmer betreten, welches uns zugeteilt wurde. Es besteht aus zwei Räumen. Ein kleines Bad, das sogar eine Badewanne hat, und ein größerer Raum - in dessen Mitte ein riesiges Doppelbett steht. Ein Doppelbett. Ich stelle meinen Koffer neben der Eingangstür ab und betrachte das Bett mit offenem Mund.
    „Oh“, macht Taehyung neben mir und fährt sich verlegen durch sein Haar. „Ich schaue mal nach, ob die anderen vielleicht Zimmer mit zwei Einzelbetten haben." Ohne mich noch einmal anzusehen - wofür ich ihm dankbar bin, da ich wahrscheinlich gerade einer Tomate Konkurrenz mache - verlässt er das Zimmer wieder. Langsam lasse ich die Reisetasche von meiner Schulter gleiten, während ich dafür bete, dass nicht alle Zimmer Doppelbetten haben. Natürlich sind wir beide erwachsen, aber ... Ich denke, ich muss niemandem erklären, warum ich mit einem Jungen, den ich heute erst kennengelernt habe, nicht unbedingt gleich ein Bett teilen will. Doch als Taehyung das Zimmer wieder betritt, bestätigt sein Blick schon meine Vermutung. "Jedes Zimmer hat ein Doppelbett“, erklärt er und seufzt. „Tut mir leid.“
    „Ist schon in Ordnung. Also, ich meine ... Wir werden es überleben, oder?“
    Er zuckt mit den Schultern bevor er seinen eigenen Koffer neben dem Bett abstellt und sich dann auf die Decke setzt. „Welche Seite möchtest du?“
    „Die am Fenster, wenn es okay ist.“ Ich streiche eine Haarsträhne zurück und schiebe dann meine Tasche näher ans Bett. Um die betretene Stille, die daraufhin im Raum herrscht, zu durchbrechen frage ich: „Wann genau möchtet ihr denn essen gehen?“
    „Ich glaube die Jungs meinten in etwa einer Stunde, damit wir uns ein bisschen erholen können. Aber da wir nach dem Essen auch noch zur Konzerthalle müssen, um alles durch zu gehen, können wir das Essen auch nicht weiter nach hinten schieben.“
    „Du sagst das so als würde jeder Tag bei dir so aussehen. Aufstehen, Busfahrt, Essen, Proben, irgendwann nachts ins Bett“, lache ich, aber ich verstumme als ich seinen Blick bemerke.
    „Das trifft eigentlich zu. Natürlich nicht jeden Tag, aber größtenteils, zumindest wenn wir auf Tour sind.“ Ich sehe ihn mit großen Augen an, während ich mich frage, wie er bei so einem Tagesablauf trotzdem noch munter sein kann. Als mir schließlich bewusst wird, wie seltsam ich ihn wohl gerade anstarre, wende ich mich ab und öffne meine Reisetasche, einfach um irgendetwas zu tun. Zwei große blaue Augen starren mir entgegen. Lächelnd nehme ich mein kleines Panda-Kuscheltier aus der Tasche und drücke es kurz an mich, bevor ich es auf mein Kissen lege. Hinter mir lacht Taehyung leise. „Der ist wirklich süß! Wie heißt er?“
    Mit einem Seitenblick überlege ich, ob ich ihm vertrauen kann, dass er nichts weitersagt. Er scheint keine Hintergedanken haben, also beschließe ich, es ihm zu sagen.
    „London“, antworte ich leise und ein wenig schüchtern. „Jedes Mal, wenn ich in eine neue Stadt reise, kaufe ich mir ein Kuscheltier und benenne es nach dieser Stadt. Ich habe schon Paris, Berlin, Amsterdam und den kleinen London hier.“ Ich seufze. „Und ich glaube nicht, dass du das unbedingt wissen wolltest. Tut mir leid.“ Mit leicht rötlichen Wangen gehe ich zu meinem Koffer, um mich von der Schande abzulenken.
    „Warum denn nicht? Ich höre Menschen gerne zu. Und das mit den Kuscheltieren ist eine tolle Idee, irgendwie ... süß", meint Taehyung und ich kann sein Grinsen beinahe in meinem Rücken spüren. „Aber du hast noch keinen Seoul?“
    „Na ja, ich wohne in Seoul, deswegen sehe ich es nicht als Reiseziel an. Und bis jetzt habe ich auch noch keinen passenden kleinen Freund gefunden", sage ich mit einem Schulterzucken und deute dann auf den kleinen Schreibtisch in der Ecke. „Kann ich mir den reservieren? Ich muss schauen, ob alles da ist, was ich brauche. “
    „Klar. Ich denke ich werde mal zu den anderen gehen und schauen, wie es ihnen geht. Ah, wir treffen uns nachher übrigens in der Eingangshalle, nur für den Fall, dass ich nicht zurückkomme. Die anderen können einen ziemlich... Einnehmen.“ Wieder dieses Lachen, das mich einfach zum Strahlen bringt.
    „Ist gut. Viel Spaß! “
    Er winkt mir noch kurz zu, bevor er die Zimmertür hinter sich schließt und mich alleine lässt - mich und meine Gedanken, die sich gerade ernsthaft darum Sorgen machen, dass ich etwas zu sehr von Taehyung angetan bin

    9
    Da ich ein relativ organisierter Mensch bin, bin ich bereits nach wenigen Minuten damit fertig, mein Equipment zu ordnen. Also beschließe ich, noch kurz unter die Dusche zu springen.
    Während ich jetzt meine Haare trocken föhne, überlege ich, was ich gleich anziehen soll. Etwas Schickes? Oder einen Alltagslook? Natürlich wäre es sinnvoll zu wissen, wo wir überhaupt essen gehen. Ich entschließe mich letztlich für einen weißen Pullover, der mir etwas zu groß ist - beziehungsweise mir etwas zu groß geworden ist, ich kann mich daran erinnern, dass er vor zwei Jahren gerade so gepasst hat - eine schwarze Skinny Jeans und meine weißen Converse. Definitiv nichts schickes, aber um ehrlich zu sein habe ich beim Packen auch gar nicht daran gedacht, dass ich etwas Schickes zum Anziehen brauchen könnte. Mit Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass ich noch zehn Minuten habe. Ich kämme meine langen, dunkelbraunen Haare durch, schnappe mir meinen Mantel, meine Handtasche und mein Portemonnaie und mache mich dann auf den Weg zum Foyer.
    Da ich die erste bin und der Eingangsbereich bis auf den Mann an der Rezeption leer ist, setze ich mich in einen der bequem aussehenden schwarzen Sessel. Es dauert nicht lange bis ich Gesellschaft bekomme. Suga ist der erste, der aus dem Auszug steigt und mir zunickt, gefolgt von J-Hope.
    „Hallo“, begrüßt mich letzterer fröhlich und ich winke ihm lächelnd zu. Erleichtert stelle ich fest, dass beide ihre Klamotten auch nur gegen dunkle Jeans und Pullover getauscht haben. „Ich hoffe, du und Taehyung kommen klar.“
    „Taehyung kommt mit jedem klar“, wirft Suga ein.
    „Das stimmt“, lacht J-Hope. „Und es gibt wahrscheinlich tausende von Menschen da draußen, die liebend gerne mit dir tauschen würden. Aber du scheinst das ziemlich gelassen zu nehmen. Du bist wohl kein Fangirl?“
    „Ehrlich gesagt, kenne ich BTS nicht einmal wirklich“, gebe ich zum hoffentlich letzten Mal zu und ernte ungläubige Blicke von beiden. „Aber das ändert sich ja jetzt bestimmt.“
    „Das muss sich ändern!“, ruft J-Hope, der sich ebenso wie Suga mittlerweile hingesetzt hat. „Ich glaube wir hatten noch nie jemanden im Team, der uns nicht kannte.“ 
    „Toll, jetzt denkt sie, dass wir Angeber sind“, erwidert Suga. 
    „Das einzige, was ich bis jetzt festgestellt habe, ist, dass ihr stolz auf euren Erfolg seid“, sage ich und grinse. 
    „Oh, das muss ich mir merken. ‚Ich bin kein Angeber, ich bin stolz auf meinen Erfolg. ‘ Ja, das klingt gut.“  J-Hope kichert, während Suga mit einem Schulterzucken nickt. „Aber ernsthaft, ich hoffe, du fühlst dich bei uns - und Taehyung - wohl.“
    Ein wenig ungläubig starre ich ihn an. Suga boxt ihm leicht gegen die Schulter. „Wow. Die beiden kennen sich gerade mal einen halben Tag und du machst schon solche Kommentare.“ Er wendet sich zu mir. „Dann kannst du dich darauf einstellen, dass das in den nächsten Monaten nur noch schlimmer wird, bis er irgendwann selbst ein Date für euch organisiert. Vielleicht können wir am Wochenende sogar schon mit einer Hochzeit rechnen?“
    „Hör' nicht auf ihn, so etwas habe ich noch nie gemacht. Und ich habe auch nicht vor, das zu tun.“
    „Gut“, lache ich, um meine Verwirrung zu verstecken. „Obwohl ich dann eine gute Idee für ein Foto von dir hätte: Du im Armor-Kostüm. Hey, das könnte sogar gut werden ...“ Ich gebe vor, ernsthaft darüber nachzudenken, sodass J-Hope mich geschockt ansieht und Suga leise vor sich hin lacht. In diesem Moment geht der Aufzug ein weiteres Mal auf und der Rest kommt ins Foyer: Namjoon, Jungkook, Jimin, Jin und schließlich auch Taehyung. „Kommen die anderen nicht mit?“, frage ich in J-Hopes Richtung. Ich bin davon ausgegangen, dass das Kamerateam, Danbi und Donghae auch mitkommen.
    „Nicht das ich wüsste. Eigentlich kommst du auch nur wegen Taehyung mit. Er hat uns wirklich die Ohren voll gequengelt. Normalerweise gehen wir am ersten Tour-Tag immer allein essen“, antwortet er, während die anderen auf uns zukommen.
    „Oh“, mache ich. „Also wenn ich irgendwie störe-“
    J-Hope winkt lächelnd ab. „Quatsch, du störst nicht. Es ist nur ... ungewohnt, aber nicht im negativen Sinne.“
    Zwar bleibt immer noch die Frage, warum Taehyung überhaupt so unbedingt wollte, dass ich mitkomme, aber vorerst gebe ich mich mit der offenen Art der Mitglieder zufrieden. 
    „Hallo“, begrüßen uns nun die anderen. Alle scheinen ein wenig müde und ich bemitleide sie dafür, dass der Abend noch lange nicht für sie vorbei ist. Ich werfe einen Blick zu Taehyung, der sich sofort neben mich gestellt hat und mir nun zu lächelt. 
    „Also, bevor es noch später wird, würde ich sagen, dass wir losgehen. Um 22 Uhr sollen wir an der Konzerthalle sein“, verkündet Namjoon und geht dann voran. Die Jungs springen trotz ihrer Müdigkeit umher und machen Witze, während ich mich eher zurückhalte und dafür einfach mitlache. Der Weg zum Restaurant - ein chinesisches Restaurant mit All-you-can-eat-Buffet - dauert nur wenige Minuten. Obwohl die Straßen ziemlich leer sind, ist das Restaurant gut besucht. Sobald wir eintreten kommt uns eine strahlende Kellnerin entgegen.
    „Guten Abend. Ihr seid BTS, richtig?“
    „Ja“, sagen alle im Einklang, was mich zum Lachen bringt.
    „Also ein Tisch für sieben. Mal sehen ...“
    „Wir sind acht Personen“, sagt Namjoon und nickt in meine Richtung. Die Kellnerin sieht mich an - meine ich das nur, oder liegt in ihrem Blick tatsächlich ein wenig ... Eifersucht? 
    „Gut, dann eben für acht Personen. Ich glaube, da müssen wir ein paar Tische zusammenschieben ...“ Sie ruft den anderen Kellnern etwas zu und sie machen sich daran, zwei bisher leere Gruppentische zusammen zu rücken. Nachdem wir uns gesetzt haben, verschwindet die junge Frau in einem Raum. Ich sitze rechts neben Jin, am Ende des Tisches. Gegenüber von uns sitzen Taehyung und Jimin. Auch wenn Taehyung vor einer Stunde noch sauer auf ihn zu sein schien, weil Jimin mit Jungkook auf ein Zimmer gegangen ist, unterhalten sich beide nun als wäre nichts passiert. Ich komme mir zunächst ein wenig verloren vor, weil alle in ein Gespräch verwickelt sind, bei dem ich nicht mitreden kann, aber gebe mich letztendlich damit zufrieden, den stillen Beobachter zu spielen. 
    Die Kellnerin kommt nach wenigen Minuten wieder und nimmt die Bestellungen für die Getränke auf. Ebenso wie die anderen bestelle ich ein Wasser. 
    „Sollen wir uns dann jetzt Essen holen?“, fragt Jin aufgeregt.
    „Ist vielleicht besser so, nicht, dass du vor Hunger umkippst“, seufzt Namjoon.
    „Hast du schon einmal chinesisch gegessen, Lucy?“ 
    Ein wenig überrascht, dass ich doch angesprochen werde, sehe ich zu Jin. „Ehrlich gesagt, nein, habe ich nicht. Kannst du mir etwas empfehlen?“ Suga, der links neben Jin sitzt, beugt sich vor und schüttelt energisch den Kopf. Ich schaue verwirrt zurück. Was soll das bedeuten? 
    „Das kann ich tatsächlich. Warte hier, ich bringe dir etwas mit.“ Mit einem Grinsen steht Jin auf und macht sich auf den Weg zum Buffet. Die anderen folgen ihm nach und nach.
    „Du brauchst dir auf jeden Fall keine Sorgen machen, dass du demnächst Hunger hast. Wenn Jin sagt, er bringt dir ‚etwas‘ mit, dann meint er damit ein 5-Gänge Menü. Herzlichen Glückwunsch!“, lacht J-Hope und ich schaue ihnen entsetzt hinterher. Das meint er doch nicht ernst, oder? Mein Blick trifft auf denn von Taehyung, der mich nachdenklich ansieht. Doch kurz darauf dreht er sich weg - und ich könnte schwören, dass er Jin, der sich fleißig am Buffet bedient, einen bösen Blick zu wirft.

    10
    Bevor das Kapitel losgeht, möchte ich mich einmal bei euch, meinen treuen und unfassbar motivierenden Lesern, bedanken! Einfach dafür, dass ihr die mittlerweile langen Wartezeiten aushaltet und natürlich auch dafür, dass ihr mir Glück fürs Abi wünscht – ich werde es brauchen!: D Ich habe ehrlich gesagt nicht erwartet, dass ihr so viel Verständnis zeigt (ich persönlich hasse lange Wartezeiten bei einer Geschichte, die gut ist ;)), deswegen bin ich umso mehr dankbar! Und jetzt viel Spaß bei dem Kapitel!

    J-Hope hat mit seiner Aussage nicht übertrieben. Unter dem gespannten Blick von Jin esse ich artig auf, was er mir vorsetzt, doch als er aufstehen will, um meinen Teller zum vierten Mal zu füllen, winke ich ab.
    „Das ist wirklich lieb von dir, aber ich kann echt nichts mehr essen“, stöhne ich und die anderen lachen.
    „Das heißt auch keinen Nachtisch?“, fragt er und sieht mich so enttäuscht an, dass es mir Leid tut, dass mein Magen nicht an viel Essen gewöhnt ist.
    „Ich fürchte, dass der für mich ausfallen muss“, meine ich. „Aber trotzdem danke. Es war alles sehr lecker.“
    Zufrieden wendet er sich seinem eigenen Teller zu, während die anderen noch immer kichern. Suga stößt ihn leicht an. „Ob du es glaubst oder nicht, aber nicht jeder hat so großen Appetit wie du.“
    „Essen ist etwas Gutes, es macht glücklich. Warum sollte ich also nicht viel essen?“, erwidert Jin und grinst ihn frech an. Suga seufzt nur und schüttelt leicht den Kopf.
    „Und hast du jetzt schon ein paar Ideen für Fotos von uns?“, will Namjoon wissen und alle Blicke legen sich auf mich.
    „Hm. Also ich kann mir Jin in einer Küche vorstellen“, sage ich und lache. „Das war natürlich ein Witz. Aber ich habe schon einige Ideen, deswegen könnt ihr euch darauf einstellen, dass ich euch in den nächsten Tagen oft fragen werde, ob ihr Zeit für Fotoshootings habt. Aber natürlich haben eure Proben Vorrang.“
    „Hey, wenn du Hilfe brauchst, ich denke Taehyung wäre gern dein Assistent“, grinst J-Hope. „Habe ich recht?“
    „Ich denke, dass er schon genug um die Ohren hat“, antworte ich für Taehyung, der J-Hope nur müde ansieht. Dieser erntet einen Stoß von Suga und lacht dann vor sich hin. Namjoon wirft einen Blick auf seine Uhr.
    „Ah, wir haben noch eine Viertelstunde. Wir sollten bezahlen.“ Wir stehen auf und machen uns auf den Weg zur Kasse. Nachdem wir alle bezahlt haben, verabschieden wir uns von der Kellnerin - die mich während des gesamten Essens immer wieder böse angeschaut hat - und gehen dann nach draußen. Es ist überraschend kalt geworden und ich ziehe meine Jacke enger zusammen. Ich drehe mich zu den anderen.
    „Gut, ich werde dann wieder ins Hotel gehen. Es hat mir wirklich Spaß gemacht!“
    „Uns auch“, sagt Jin und sieht sich um. „Hat es doch, oder nicht?“
    „Ja, hat es“, lacht Namjoon und nickt. „Findest du den Weg alleine?“
     Ich sehe in die Richtung, aus der wir gekommen sind. „Bestimmt. So weit ist es ja nicht. Einfach die Straße entlang und dann rechts abbiegen, oder? “
    „Links abbiegen“, berichtigt mich J-Hope. „Hat Jin nicht gesagt, dass er dir heute morgen schon den Weg zeigen musste?“
    „Ja schon, aber ... das war auch ein komplizierter Weg. Ich schaffe das schon. Und ihr müsst jetzt los!“
    Ich winke allen noch einmal zu, dabei bleibt mein Blick kurz an Taehyung hängen, der sich ganz offensichtlich ein Grinsen verkneifen muss. Mit einem letzten Lächeln schaffe ich es schließlich, mich abzuwenden und mache mich auf den Weg. Nach wenigen Metern drehe ich mich noch einmal um und erkenne, dass Taehyung mir noch immer hinterher schaut. Schnell drehe ich mich wieder nach vorne und husche die Straße entlang. Wie durch ein Wunder verlaufe ich mich nicht und kann mich bereits nach zehn Minuten auf das weiche Bett werfen. Müde streife ich meine Schuhe von den Füßen und stöhne, als mir auffällt, dass ich mir noch einen Schlafanzug anziehen muss. Also quäle ich mich wieder aus dem Bett und mache mich fertig. Ich beschließe, trotz der späten Stunde, die Bilder, die ich vorhin gemacht habe, noch einmal durchzusehen und zu sortieren. Also packe ich meinen Laptop aus, fahre ihn hoch und stecke die Speicherkarte ein. Nach und nach betrachte ich alle Fotos im Detail, lösche diejenigen, die ich definitiv nicht verwenden werde, bis am Ende eine kleinere Auswahl besteht. Mein Blick bleibt an dem Foto hängen, auf dem Taehyung an den Baumstamm gelehnt mit einem leichten Lächeln ein wenig an der Kameralinse vorbeischaut. Ich erinnere mich, dass er in diesem Moment mich direkt angesehen hat. Mit einem Doppelklick vergrößere ich das Bild und verliere mich plötzlich in der Intensität seines Blickes. Mir wird warm, während gleichzeitig eine Gänsehaut meine Arme überzieht. Ohne es wirklich zu bemerken, lege ich meinen Finger an den Bildschirm und kann nicht anders, als das Foto länger und länger und länger anzustarren.

    Taehyung P.o.V.
    Wir kommen gegen zwei Uhr morgens wieder im Hotel an. Es hat sehr viel länger gedauert als gedacht, jede einzelne Einstellung zu besprechen, aber letztlich haben wir es trotz unserer Müdigkeit geschafft. Ich verabschiedet mich von den anderen und öffne dann mit einem Gähnen die Tür zum Hotelzimmer. Ob Lucy wohl schon schläft? Vermutlich. Der Gedanke daran, dass ich mir mit ihr ein Bett teilen muss, ist immer noch seltsam. Zwar habe ich keine großen Probleme damit, aber ... sie bleibt jemand, den ich heute erst kennengelernt habe. Und doch ... Doch habe ich das Gefühl, als würde ich sie schon eine Ewigkeit kennen und gleichzeitig jede Sekunde etwas neues über sie herausfinden. Wirklich seltsam. 
    Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und hänge meine Jacke an den Kleiderhaken. Erst dann sehe ich mir den Raum genauer an ... Und stelle fest, dass das Bett leer ist. Dafür ist auf dem Schreibtisch ein Laptop aufgestellt, vor dem Lucy sitzt - und schläft. Ich kann nicht anders als zu grinsen. Wahrscheinlich ist sie beim Bearbeiten ihrer Fotos eingeschlafen. Ein wenig neugierig trete ich näher und betrachte das geöffnete Foto auf dem Desktop. Es ist eines der Fotos von mir, die sie heute gemacht hat - und zwar das, was mir schon beim Durchgehen der Bilder am besten gefallen hat. Nicht, weil sie mich darauf gut eingefangen hat - was sie zwar definitiv hat - sondern weil ich genau weiß, dass ich in diesem Moment sie angeschaut habe und lächeln musste. So wie jetzt. Meine Güte, was ist bloß mit mir? Ich schiebe meine seltsamen Gedanken auf die Müdigkeit. 
    Ich rüttele Lucy leicht an der Schulter und sie hebt nach einer Weile langsam den Kopf. „Hast du vor, die ganze Nacht am Schreibtisch zu verbringen?“, frage ich sie und sie sieht mich verschlafen an. Nur langsam scheint zu realisieren, dass sie nicht im Bett liegt. Mit einem leisen Seufzen erhebt sie sich, schleppt sich zum Bett und kriecht dann unter die Decke, ohne noch etwas zu sagen. Schon nach ein paar Sekunden ist sie wieder eingeschlafen. Ich grinse und schlüpfe dann selbst in meine Schlafsachen - bestehend aus einem T-Shirt und Shorts - und begebe mich nach dem Zähneputzen ebenfalls ins Bett. Es dauert nicht lange, bis auch ich eingeschlafen bin.

    11
    Ich bin nie ein Mensch gewesen, der allzu lange schläft. Sogar wenn ich erst spät nachts ins Bett gehe, wache ich spätestens um 8 Uhr auf. So ist es auch heute. Eine Weile starre ich an die Decke, erinnere mich, dass ich in einem Hotel bin ... Und mir mit Kim Taehyung ein Bett teile. Ich lege meinen Blick auf den Deckenhaufen neben mir. Nur ein paar Haare, die oben heraus schauen, verraten dass eine Person darunter liegt. Ein Lächeln schleicht sich ohne dass ich weiß warum auf meine Lippen. Schließlich schaffe ich es jedoch, mich aufzurappeln und im Bad zu verschwinden, wo ich zunächst kurz unter die Dusche springe und mir dann die Zähne putze. Für mein Outfit entscheide ich mich für eine Skinny Jeans und einen weißen Sweater, die ich bereits vor dem Duschen im Bad ausbreite - einfach um möglichen unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen. Doch meine Vorsicht war unbegründet, denn als ich das Zimmer wieder betrete, ist Taehyung noch immer fest am schlafen. 
    Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es 8:30 Uhr ist. So viel ich weiß, treffen sich alle um 11:30 Uhr an der Konzerthalle. Das heißt, ich muss bis dahin die Zeit irgendwie totschlagen. Mir fällt auf, dass mein Laptop noch immer angeschaltet, aber im Energiesparmodus, auf dem Schreibtisch steht. Einen Moment Mal ... Wann genau bin ich überhaupt ins Bett gegangen? Ich weiß nur, dass ich mir die Fotos angeschaut habe ... Dabei muss ich eingeschlafen sein. Oh, und Taehyung hat mich später geweckt und ich habe meinen Schlafplatz ins Bett verlegt. Ja, so war es. 
    Ich nehme den Laptop und beschließe, im Aufenthaltsraum des Hotels Stellung zu beziehen. So hat Taehyung, wenn er aufsteht, auch die Möglichkeit sich in Ruhe fertig zu machen. Anscheinend hatte Taemin die gleich Idee wie ich. Als ich den Raum betrete winkt er mir vom Sofa aus zu. Um nicht unhöflich zu erscheinen setze ich mich neben ihn.
    „Guten Morgen“, begrüßt er mich. „Auch ein Frühaufsteher?“
    „Eher ein Frühaufwacher. Aufstehen hasse ich“, lache ich und stelle meinen Laptop auf den Tisch vor uns. Ich deute auf den Laptop daneben, der wahrscheinlich Taemin gehört. „Du bist also schon am arbeiten?“
    „Ich gehe die Aufnahmen von gestern durch und schaue, was brauchbar ist. Ah, da fällt mir doch glatt eine Szene ein, die Shiwon aufgenommen hat. Moment“, sagt er mit einem Grinsen und ich schaue ihn fragend an. Er scrollt durch einen Ordner und öffnet dann ein Video. Es wurde im Bus aufgenommen, wahrscheinlich ein, zwei Stunden nach Beginn der Fahrt. Die Kamera zoomt abwechselnd auf alle Mitglieder, die schlafen - und schließlich auch auf Taehyung. Mir schießt das Blut ins Gesicht, als mir klar wird, dass Taehyung gestern nicht gelogen hat. Man sieht mich, wie ich an seine Schulter gelehnt bin und er seinen Kopf auf meinen gelegt hat. 
    „Bitte sag' mir, dass du das nicht benutzt“, flehe ich mit hochrotem Gesicht. 
    „Keine Sorge, das dürfte ich sowieso nicht. Stell' dir bloß das Aufsehen vor!“, lacht Taemin. „Aber ... Die anderen und ich dachten, dass wir, abseits von dem öffentlichen Film noch einen anderen, kürzeren zusammen schneiden. Quasi als Andenken. Dafür wäre das doch eine perfekte Szene! “
    Ich seufze und senke geschlagen den Kopf. „Das wird mir wohl noch ewig nach hängen, oder?“
    „Vermutlich schon, ja“, lacht Taemin. „Hm, wo wir gerade davon reden, wie war denn die Nacht mit ihm?“
    „Bitte fang' du nicht auch noch damit an. Ein Amor reicht wirklich “, brumme ich, grinse aber dabei. Schließlich weiß ich ja, das er das keineswegs ernst meint. 
    „Amor? Wer denn? “
    „J-Hope. Wirklich, er hat gestern bestimmt fünf Kommentare zu Taehyung und mir gemacht.“ Ich zucke mit den Schultern. „Na ja.“
    Taemin erzählt mir noch ein wenig von seinem ersten Eindruck von BTS - den er sich allerdings schon viel früher machen konnte, weil er vor einigen Monaten schon an einer Aufnahme beteiligt war. Nach wenigen Minuten treffen jedoch auch die anderen Mitglieder des Kamerateams ein und ich beschließe, mich in einen Sessel zu setzen, um ihre Besprechung nicht zu stören. Ich beende den Energiesparmodus meines Laptops und das erste was auftaucht ist Taehyungs Gesicht. Oh nein. Wenn ich beim Betrachten dieses Fotos eingeschlafen bin ... dann muss Taehyung das gesehen haben, als er mich geweckt hat. Das so etwas auch immer mir passieren muss! Ich schließe das Fenster schnell und versuche mich mit einigen anderen Fotos abzulenken. Aber der Gedanke an Taehyung bleibt. 
    „Guten Morgen!“, ruft irgendwann jemand fröhlich und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. Wo wir gerade beim Thema sind ... Taehyung winkt allen von der Tür aus zu. Erst am Schluss treffen sich unsere Blicke und einen Augenblick lang könnte ich schwören, die Zeit um mich herum bleibt stehen. Mit einem Schlag wird mir klar, was mit mir los ist. Nein. Nein., wiederhole ich in Gedanken, während ich aufspringe und an Taehyung aus dem Raum flüchte. Du kennst ihn erst 24 Stunden, hör' auf damit! Das letzte Mal ging es alles andere als gut aus ...Ich verschwinde hinter einer Ecke, wo ich mich seufzend gegen eine Wand lehne. Wie zum Teufel soll ich so bitte die nächsten Monate überstehen? Wie soll ich meinen Job vernünftig machen? Wie soll mein Herz heile aus der Sache rauskommen, wenn ich weiß, dass es keine Chance gibt? 
    Oh, warum ich vor Taehyung geflüchtet bin? Warum ich mir solche Sorgen machen? Nun. Ich bin gerade dabei, mich in Kim Taehyung zu verlieben.

    12
    Ich schaffe es, bis 11 Uhr allen Menschen aus dem Weg zu gehen, indem ich mich auf dem Bad im Hotelzimmer einschließe. Um Punkt 11 Uhr jedoch klopft jemand an der Tür. Einen Moment später höre ich Taehyungs tiefe Stimme.
    „Lucy, ist alles in Ordnung? Du bist vorhin so schnell verschwunden.“
    „E-es ist alles gut!“, rufe ich zurück. 
    „Kann ich dann vielleicht auch das Bad benutzen?“, lautet seine Erwiderung und ich kann sein Grinsen quasi durch die Tür sehen. Ich stehe mit einem Seufzen von meinem Platz auf dem Badewannenrand auf und schließe die Tür auf. Taehyung erwartet mich mit großen Augen. „Was hast du gemacht?“
    Gute Frage. „Ich ... wollte kurz alleine sein“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Tut mir Leid, dass ich das Bad blockiert habe.“
    „Kein Problem.“ Seine dunklen Augen funkeln mich freundlich an und ich reiße mich nur mit Mühe von seinem Anblick los. „Wenn du willst können wir gleich zusammen zur Konzerthalle gehen. Ich will mir nur eben die Zähne putzen.“
    „Oh, von mir aus! Ich meine ... wahrscheinlich würde ich mich sowieso verlaufen“, murmele ich mit einem Schulterzucken. Dann lasse ich ihn endlich ins Bad, als mir bewusst wird, dass ich noch immer in der Tür stehe. Taehyung lacht und verschwindet dann in dem kleinen Raum. Während er sich die Zähne putzt, packe ich alles was ich brauche in einen Rucksack: Eine Kamera, einen Notizblock, der voll von Fotoideen ist, und mein Portemonnaie. Wir sind beide zur selben Zeit fertig und er schließt schließlich die Hotelzimmertür hinter uns ab.
    „Was ist mit den anderen?“, frage ich auf unserem Weg nach unten.
    „Jin, Namjoon, J-Hope und Jungkook sind schon da, glaube ich. Suga und Jimin kommen mit uns“, antwortet er und ich bin ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht, dass wir nicht alleine gehen. Ach, was rede ich da. Das ist gut so, denn somit kann ich meine Gedanken auf etwas anderes als Taehyung richten. Wie er gesagt hat, warten Suga und Jimin im Foyer bereits auf uns. Jimin lächelt mich freundlich an und Suga hebt die Hand zum Gruß, was ich erwidere.
    „Wir müssen uns wirklich beeilen, sonst kommen wir zu spät, vor allem mit deinem Orientierungssinn“, sagt Suga schließlich mit Blick auf Taehyung. 
    „Also ich finde, dass der gar nicht so schlecht ist“, sagt dieser gespielt trotzig, während wir uns auf den Weg machen. Die Straßen sind besser besucht als noch gestern abend und wir müssen uns teilweise durch einige Menschenmengen drängen. Letztendlich kommen wir jedoch mit nur wenigen Minuten Verspätung an als letzte an. Donghae erwartet uns bereits vor der Konzerthalle und winkt uns sobald wir in Sichtweite sind zu, was wohl so etwas bedeutet wie: „Schneller!“ Wir beschleunigen unsere Schritte und folgen dem Älteren schließlich durch eine große Vorhalle und einige Gänge bis wir an der Bühne stehen. Jin und Jungkook stehen bereits auf der Bühne und testen die Mikrofone, während J-Hope und Namjoon gerade eine Choreografie durchzugehen scheinen. 
    „Wir stehen ein wenig unter Zeitdruck. Ein paar Lichteinstellungen klappen nicht so wie sie sollten und wir müssen deshalb alles noch einmal durchgehen. Also ihr drei, auf die Bühne!“, ruft Donghae Jimin, Suga und Taehyung zu, welche sich kurz entschuldigen und dann der Aufforderung Folge leisten. Donghae wendet sich anschließend mir zu. „Es wirft kein gutes Licht auf Sie, wenn sie zu spät kommen. Achten Sie demnächst bitte darauf.“ Sein Ärger hält sich zwar in Grenzen, ist aber trotzdem kaum zu überhören. Also nicke ich nur verlegen und entschuldige mich ebenfalls. Um ihm wenigstens den Eindruck zu vermitteln, dass ich meine Arbeit ernst nehme - was ich ja auch tue - packe ich meine Kamera aus und verbringe die nächste halbe Stunde ein paar Perspektiven und Blickwinkel auf die Bühne zu testen, damit ich später beim Konzert keine guten Gelegenheiten verpasse. Hin und wieder schieße ich auch Fotos von BTS - und durch ein wenig Glück fange ich den Moment ein, indem Jimin stolpert und beinahe von der Bühne fällt, was von allen Anwesenden mit einem Lachen kommentiert wird. Taemin und seine Kollegen sind ebenfalls fleißig am filmen und ziehen hin und wieder das ein oder andere Mitglied beiseite um ein kurzes Interview zu führen. 
    In einer Pause beschließe ich, mir ein Interview anzusehen. Gerade ist Jungkook an der Reihe. Sook stellt ihm die Frage, wie er sich vor einem Konzert vorbereitet und Lampenfieber vermeidet. 
    „Es ist schwierig, etwas zu finden, was als gute Vorbereitung für jedes Konzert dienen könnte. Jedes Konzert ist ein wenig anders, das wissen auch alle. Aber es gibt tatsächlich eine Art Ritual vor Konzerten, das wir abhalten.“ Er lacht verlegen und scheint kurz zu überlegen, ob es eine gute Idee ist, das der Kamera anzuvertrauen. „Wir ... stellen uns in einen Kreis und jeder sagt etwas über seinen Nachbarn, was dieser bei diesem Konzert machen muss. Das kann alles sein. Eine Grimasse, eine Pose, einen Satz sagen. Natürlich gibt es gewisse Grenzen, aber es sind so lustige Sachen dabei, dass es einem die Anspannung ein wenig nimmt.“ 
    „Danke, Jungkook“, sagt Sook und Jungkook verabschiedet sich. „Haben wir erstmal alles?“
    Taemin schaut kurz auf eine Liste. „Interview mit allen Mitgliedern, kurze Aufnahmen von der Probe, ja... Jetzt fehlen nur noch ein paar Aufnahmen von der Konzerthalle, innen und außen. Ah, und später die Eingangshalle mit den Fans.“ Er nickt zufrieden. „Gut, damit könnt ihr alle eine Pause machen. In einer Stunde treffen wir uns wieder hier.“
    Das Team scheint erleichtert zu sein und macht sich sofort auf den Weg nach draußen. Schließlich stehe ich alleine in der riesigen Konzerthalle. Es ist seltsam, dass es hier so still ist, wenn man bedenkt wie laut es heute Abend sein wird. Mir kommt ein Gedankenblitz und ich klettere auf die Bühne, von wo aus ich die leeren Sitze fotografiere. Nach einer Weile lasse ich die Kamera jedoch sinken und lasse einfach die Atmosphäre auf mich wirken. Zwar habe ich mich noch nie wohl gefühlt, im Mittelpunkt zu stehen, aber das Gefühl auf so einer großen Bühne zu stehen ... Und das vor keinem Publikum ... ist eigentlich recht angenehm, wenn ich ehrlich bin. Ein wenig verwirrt von meiner plötzlichen Nostalgie, schüttele ich schließlich jedoch den Kopf und wende mich zum Gehen. Nur um in meiner Drehung gegen eine einen Kopf größere Person zu stoßen - und vor lauter Schreck meine Kamera aus der Hand fallen zu lassen.

    13
    Ich bin wütend. Nicht einmal wütend auf Taehyung, sondern auf mich, auf meine eigenen Dummheit. Warum passiert so etwas immer mir? Das frage ich mich, während ich die Überreste meiner Kamera vom Boden aufhebe. 
    „Es tut mir wirklich so Leid. Ich habe nicht erwartet, dass du dich so erschreckst“, sagt Taehyung gefühlt zum zehnten Mal, während er mir hilft.
    Und wie zum gefühlt zehnten Mal antworte ich: „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ Das meine ich auch so, aber ich bin so damit beschäftigt, meine Tränen zu unterdrücken, dass ich wahrscheinlich unfassbar unglaubwürdig klinge. 
    „Aber das ist meine Schuld. Es tut mir so Leid. Und dann auch noch die Kamera, die du so gern hast!“ Es ist kaum zu überhören, dass er sich große Vorwürfe macht. 
    „Schon gut, ehrlich. Ich habe ja noch andere.“ Was ich eigentlich sagen will: „Ja, das war die Kamera, die ich so gerne habe, die einzige richtige Erinnerung an meine Mutter, die einzige richtige Erinnerung an eine schöne Zeit. Und jetzt liegt sie in tausend Einzelteilen vor mir auf dem Boden!“ Aber ich halte mich zurück, weil ich weiß, dass es Taehyungs Selbstvorwürfe nicht besser machen würde. 
    „Vielleicht kann man sie ja reparieren?“, schlägt er vor, als wir alle Teile aufgesammelt haben und auf einen Tisch hinter der Bühne legen. 
    Ich schlucke schwer und zwinge mich noch ein wenig länger dazu, nicht zu weinen. „Wenn du jemanden findest, der aus einem Haufen Schrott wieder eine funktionstüchtige Kamera machen kann, sag mir Bescheid.“ Bedrückt sieht Taehyung zu Boden. „Okay. Danke für deine Hilfe beim Aufsammeln. Ich werde dann zurück ins Hotel gehen und eine neue Kamera holen. Bis später dann.“ Meinem Drang, Taehyung zu umarmen widerstehend, drehe ich mich um und suche den Weg aus der Halle, den ich glücklicherweise - dank einer Menge von Wegweisern - auch finde. Es ist mittlerweile Nachmittag und die ersten Fans haben bereits vor dem Gebäude Stellung bezogen, erkenne ich, als ich aus dem Hinterausgang und die Straße entlang gehe. Ein weiteres Indiz dafür, dass ich scheinbar hinter dem Mond gelebt habe. Anders kann man sich doch gar nicht erklären, dass ich BTS bisher nicht wirklich kannte. 
    Als ich schließlich die Tür zum Hotelzimmer öffne, habe ich endlich die Gelegenheit, meinem Tränen freien Lauf zu lassen. Ich fühle mich, als wäre mit dem Zerschellen meiner Kamera auch ein Teil meines Herzens zersprungen. Zwar bin ich niemand, der sich sehr an materielle Dinge bindet, aber diese Kamera ... war besonders. Ein Wegbegleiter. Ein Helfer. Ein Anker. Eine Erinnerung. Und jetzt? 
    Irgendwann wische ich meine Tränen weg und zwinge mich, mit meinem Selbstmitleid aufzuhören. Ich habe einen Job, auf den ich mich konzentrieren muss. Momente, die ich einfangen muss. Wie so oft sage ich mir also: Mach weiter. Deine Probleme kannst du beiseite schieben. 
    Ich suche also eine andere Kamera aus, trage ein wenig Makeup auf, um die roten Flecken vom Weinen in meinem Gesicht zu verbergen und mache mich wieder auf den Weg zur Konzerthalle.

    Was soll ich sagen? Das Konzert ist unfassbar. Auch wenn ich die meiste Zeit nur vor der Bühne umherlaufe und Fotos mache, habe ich auch die Gelegenheit, ihre Musik und Choreografie zu bewundern. Sie performen alle jeweils ein Solo und ansonsten alle Songs von den Alben „Love Yourself 承 'Her'“ und „The Most Beautiful Moment in Life Pt. 2“. Auch die Fans sind begeistert und ich lasse es mir nicht nehmen, auch ein paar Fotos von dem Meer aus Lichtern zu machen. Für eine Überraschung sorgt Jin, der am Ende des Konzertes mit einem großen Pappaufsteller in Herzform, auf dem „ARMY“ steht, von unten auf die Bühne kommt. Alle Mitglieder bedanken sich abschließend in kleinen Reden bei ihren Fans und dafür, dass sie das alles möglich machen. Nachdem das Konzert schließlich endgültig vorbei ist, bahne ich mir meinen Weg zum Backstage-Bereich, den ich vor dem Konzert mehr oder weniger gemieden habe. Aber da Donghae um ein kurzes Treffen gebeten hat, kann ich Taehyung nun wohl kaum noch aus dem Weg gehen. Ich weiß nicht einmal wirklich, warum ich ihm nicht über den Weg laufen will. Schließlich hat er die Kamera ja nicht kaputt gemacht, sondern ich. Aber zugegeben, so ganz unschuldig ist er auch nicht.
    Ich finde alle schließlich in einem kleinen Aufenthaltsraum. Scheinbar haben sie nur auf mich gewartet, da jeder einzelne mich nun erwartungsvoll ansieht. 
    „Hallo“, begrüße ich die Gruppe und Donghae winkt mich in den Kreis, in dem sie stehen.
    „Gut. Dann können wir anfangen“, sagt er und setzt sich hin, was wohl eine Aufforderung für alle ist, sich ebenfalls zu setzen. Es gibt jedoch nicht genug Plätze, sodass ich stehen bleiben muss. Jimin, der gegenüber von mir ist, deutet auf seinen Sessel und sieht mich fragend an, aber ich schüttele den Kopf. Also setzt er sich schließlich auch hin. „Erst einmal: Das Konzert war großartig. Glückwunsch!“ Es gibt eine Runde Applaus und man sieht den Jungs deutlich an, dass sie erleichtert, wenn auch erschöpft, sind. „Wirklich, ich denke, dass es eines der besten Konzerte war. Wenn der Rest der Tour genauso verläuft, dann wird es keine Probleme geben. Aber kommen wir nun zu dem eigentlichen Grund für das Treffen. Morgen reisen wir in die nächste Stadt, wo wir jedoch erst in einer Woche das nächste Konzert geben. Das bedeutet, ihr habt alle ein wenig Freizeit. Trotzdem stehen Proben und Aufnahmen an, vergesst das bitte nicht. Wir werden ab morgen außerdem mit einem Tourbus weiterfahren. Es wird nur einen Bus geben, mit 14 Schlafplätzen. Das ist aus kostentechnischen Gründen so. Für die meisten Nächte haben wir zwar Hotelzimmer gebucht, aber es gibt auch längere Fahrten über Nacht, da ist es günstiger so einen Tourbus zu mieten. Wir treffen uns morgen um 13 Uhr vor dem Hotel, wo der Bus ankommt. Seid bitte pünktlich da!“
    „BTS, ihr werdet gleich mit einem Taxi zum Hotel gebracht“, fügt Danbi hinzu. „Das Kamerateam und Lucy bleiben bitte noch hier, damit wir noch weiteres besprechen können.“
    Trotz meiner Müdigkeit ist es mir eigentlich nur recht, dass ich erst später ins Hotel komme. So muss ich mich Taehyung nicht stellen. Da fällt mir ein ... als ich vorhin hinter der Bühne her gegangen bin, war der Tisch, auf dem eigentlich die Überreste meiner Kamera liegen sollten, leer. Ob jemand die Teile weggeworfen hat? Natürlich, was denn sonst. Ich bezweifle, dass es hier jemanden gibt der eine Vitrine mit der Aufschrift „Sammlung von kaputten Kameras in ihren Einzelteilen “ hat.
    „Gut, das Taxi ist jetzt da“, meint Danbi mit einem Blick auf ihr Handy. „Ruht euch aus, ihr habt noch einige harte Wochen vor euch.“ Noch eine Runde Applaus, dann erheben sich die Bandmitglieder und verschwinden nach und nach. Ich starre bewusst geradeaus, auch wenn ich spüre, dass Taehyungs Blick beim Rausgehen quasi an mir klebt. Innerlich seufze ich. Irgendwann muss ich ja mit ihm reden. Es gibt zwei Möglichkeiten: Nummer Eins: Das Gespräch vermehrt meine nicht wirklich vorhandene Wut auf ihn und meine sich langsam entwickelnden Gefühle für ihn verschwinden. Oder Nummer Zwei - und wie ich mich kenne das Wahrscheinlichere: Unser Gespräch verläuft so, dass ich gar nicht anders kann, als mich in ihn zu verlieben. Denn das ist einfach so eine Sache bei mir: Ich fühle mich zu den falschen Leuten hingezogen. Taehyung ist zwar nicht falsch in dem Sinne von „Jo! Ich bin ein Gangster, deale mit Drogen, bin ein Einbrecher und sonst bin ich alkoholabhängig“, sondern in dem Sinne von: „Ich bin eine wundervolle, liebe, freundliche, humorvolle Person, mit der es wirklich toll sein würde, den Rest seines Lebens zu verbringen, aber das ist ganz egal denn du wirst NIEMALS in diesen Genuss kommen sondern dabei zusehen wie ich eines Tages eine Frau heiraten werde die genauso berühmt, gutaussehend und perfekt ist wie ich!“

    Eine kurze Anmerkung:
    Falls ihr es noch nicht mitbekommen habt – schließlich liest nicht jeder die Kommentare durch ;) - hier noch einmal eine kurze Info: Ihr habt noch [vorläufig, je nach der Anzahl der bis dahin eingereichten Songs] bis Sonntag (18.02.2018) Zeit, euer persönliches Lieblingslied von BTS in die Kommentare zu schreiben. Ich werde dann fünf daraus aussuchen und zu jedem dieser fünf Songs jeweils ein Kapitel schreiben! Bitte schreibt jedoch nur ein Lied pro Person, nicht, dass ich am Ende fünf von ein oder der selben Person aussuche ;) Wenn ihr seht, dass euer Lieblingslied schon eingereicht wurde, nehmt einfach ein anderes - schließlich gibt es ja mehrere gute Lieder von ihnen ;)

    14
    Mehr oder weniger zu meinem Glück trägt Donghae mir in der Besprechung auf, mich mit dem Kamerateam abzusprechen, da wir einige kleine Sketche drehen sollen und scheinbar meine „kreative Ader“ - Zitat von Taemin (woher weiß er eigentlich, dass ich kreativ bin?) - benötigt wird. Es wird insgesamt 15 Sketche geben - zwei für jedes einzelnes Mitglied und noch einmal einen für die Gruppe zusammen - die quasi kleine Geschichten erzählen sollen. Donghae wollte nicht verraten, wozu die Sketche benötigt werden, hat aber gesagt, dass die groben Storylines schon feststehen und wir sie nur noch mit Leben füllen und filmen müssen. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie ich, als Fotografin, da eigentlich helfen soll, aber grundsätzlich ist es natürlich nicht schlecht, an einem neuen Projekt zu arbeiten. Das bedeutet mehr Arbeit und mehr Arbeit bedeutet mehr Zeit, die ich nicht mit Taehyung verbringen kann. Wie gesagt, mehr oder weniger zu meinem Glück.
    Gleichzeitig bedeutet Arbeit aber auch Müdigkeit. Und die merke ich ganz besonders, als ich mir meinen Weg aus dem Gebäude suche - die anderen sind schon gegangen, während ich noch meine Sachen zusammen suchen musste. Da hilft es auch nicht, dass ich über den Tag hinweg bestimmt zehn Kaffees getrunken habe. Und der Hunger trägt zu meiner Erschöpfung auch bei, schließlich habe ich quasi zwischen Tür und Angel nur ein Sandwich gegessen, das Danbi kurz vor dem Konzert an alle verteilt hat. Ein kleiner Auffrischer ist einzig und allein die Eiseskälte, in die ich nun trete. In den Nachrichten haben sie gesagt, dass dieser Winter in Südkorea wohl besonders kalt werden soll. Daran hätte ich vielleicht denken können, als ich vorhin meinen Mantel im Hotelzimmer vergessen habe. Also heißt es: Zähne zusammen beißen und im Eiltempo die Wärme des Hotels aufsuchen. 
    Ich ziehe die Ärmel meines Pullovers über meine Hände und ziehe die Schultern hoch. Gerade bin ich wenige Meter unter den Straßenlampen entlang gegangen, als jemand meine Schulter berührt. Fast denke ich, dass ein Fan vielleicht solange gewartet habe und mich nun fragen will, was ich denn in der Konzerthalle gemacht habe. Aber als ich mich umdrehe sehe ich nur roten Stoff vor meiner Nase. Mein Mantel schwebt vor mir! Einen Augenblick später jedoch senkt jemand den Mantel ... Und Taehyungs Gesicht kommt zum Vorschein. Sofort wird mir warm ums Herz und ich kann nicht anders, als zu lächeln. 
    „Du hast den im Hotelzimmer vergessen. Es ist so kalt, da wollte ich nicht, dass du dich ohne ihn auf den Weg machst“, erklärt er und ich nehme ihm den Mantel langsam und leicht zitternd aus der Hand, bevor ich ihn schnell überziehe.
    „D-Danke“, stammele ich und im Angesicht meiner offensichtlichen Erleichterung, muss Taehyung grinsen. Einen Moment später wird sein Gesicht aber wieder ernst. 
    „Kann es sein, dass du mir den Tag über aus dem Weg gegangen bist?“
    Ich stoße mit einem Seufzen eine Atemwolke aus. „Irgendwie schon, ja. Tut mir Leid.“
    „Etwa wegen der Kamera? Ich weiß, dass das mein Fehler war. Wenn ich das irgendwie gut machen kann-“
    „Ist schon in Ordnung. Ich bin einfach schreckhaft, das kannst du ja nicht wissen“, meine ich und versuche, ein Lächeln in Stande zu bringen. „Dich trifft kaum eine Schuld.“
    Taehyung zuckt mit den Schultern und sieht dann nach oben. „Ich fühle mich einfach so schuldig. Ich werde es wieder gut machen. Versprochen!“ Er zwinkert mir zu, während ich nur, komplett überfordert mit der Situation, wie versteinert da stehe. „Jetzt komm, sonst werden wir beide krank!“ Kurzerhand greift er meine Hand und weil ich mich immer noch nicht bewege, zieht er mich hinter sich her. 
    „Moment Mal!“, rufe ich schließlich. „Zum Hotel geht es in die andere Richtung, oder nicht?“
    Taehyung bleibt stehen und sieht mich mit großen Augen an, bevor er sich die Umgebung ansieht. „Oh.... Ja, du hast recht. Erst mache ich deine Kamera kaputt und jetzt führe ich dich auch noch in die Irre. Du musst ja einen tollen Eindruck von mir haben“, lacht er und macht sich auf den Weg in die andere Richtung. Ich erwidere nichts - ich kann ihm ja schlecht ins Gesicht sagen, dass ich in Wirklichkeit einen sehr guten Eindruck von ihm habe. Als wir an einer Ampel stehen bleiben stehen müssen, herrscht dementsprechend großes Schweigen. Also deute ich auf Taehyungs Hand, die meine Hand noch immer fest umklammert. 
    „Du kannst mich loslassen, ich laufe dir schon nicht weg“, lächele ich.
    „Da bin ich mir nicht so sicher“, meint er mit einem Grinsen und ich merke, wie sein Griff nur noch fester wird. Ich seufze, mein Grinsen wird aber nur noch breiter. Zumindest bis ich ganz in der Nähe ein leises „Klick“ höre - wie das einer Kamera beim Schießen eines Fotos. Das Gefühl beobachtet zu werden beschleicht mich und ich sehe mich unsicher um.
    „Hast du das eben auch gehört?“, frage ich und schaue zu Taehyung. Dieser schüttelt, offensichtlich verwirrt, den Kopf. Vielleicht habe ich es mir ja doch nur eingebildet. Da Taehyung sich keine Sorgen zu machen scheint, beschließe ich, alles auf meine Müdigkeit zu schieben. 
    Ein großer Fehler, wie sich am nächsten Morgen um acht Uhr herausstellt.

    ~oOo~
    Tut mir leid für das eher kurze Kapitel, aber ich komme im Moment einfach kaum zum Schreiben:( Ich versuche nun meine wenige Freizeit mehr für das Schreiben zu verwenden, damit ich euch regelmäßig mit Kapitel versorgen kann ;)
    Nun aber zu den Songs, zu denen ich Kapitel schreiben werde. Erst einmal natürlich danke für eure Einsendungen! Es fiel mir schwer, mich von einigen Vorschlägen zu trennen:( Hier nun erstmal die Songs, die ein Kapitel bekommen werden:

    •Spring Day
    •‎Good Day
    •‎Blood Sweat & Tears
    •‎Save Me
    •‎Boy in Luv

    Ich werde sie nicht chronologisch in die Story einbringen, sondern dann wann es am besten passt. Heißt: Das nächste Kapitel kann immer ein normales oder ein Special-Kapitel sein. Ich werde das jedoch dann am Anfang des Kapitels sagen, sodass ihr noch genug Zeit habt, das Lied einzuschalten ;)
    Wenn euer Lied nicht ausgewählt wurde: Keine Sorge! Ihr werdet noch mehr Möglichkeiten bekommen, euch an der Story zu beteiligen! Seid also geduldig ;) 

    15
    Nach unserem Eintreffen im Hotelzimmer dauert es keine fünf Minuten und ich liege bereits, halb eingeschlafen, im Bett. Unterbewusst bekomme ich noch mit, wie sich Taehyung über meine Müdigkeit lustig macht, doch das ist mir egal, da ich im nächsten Moment bereits in das Land der Träume übergehe ...
    ... In welchem mich ein lautes, dumpfes Klopfen erwartet. Dunkelheit umgibt mich und ich versuche mich mit meinen Händen voran zu tasten. Doch meine Finger stoßen auf etwas weiches, flauschiges und irgendwie ... haariges. Erschrocken schreie ich auf und bemerke, dass ich nicht träume sondern im Halbschlaf tatsächlich durch Taehyungs Haare gewuschelt habe. Sofort bin ich hellwach und setze mich auf. Hoffentlich ist er nicht aufgewacht ... , denke ich und werfe vorsichtig einen Blick zur Seite. Meine Befürchtung bewahrheitet sich. Taehyung sieht mich mit großen Augen an. Oh, verdammt.  
    „Hast du etwa von meinen Haaren geträumt?“, fragt er erstaunt und ich sehe ihm an, dass er sich ein Lachen kaum verkneifen kann.
    „Was! Natürlich nicht! Ich habe von ... einem Hund geträumt. Ja, von einem Hund“, stammele ich irgendwie zusammen. Nun gibt es für Taehyung kein Halten mehr. Er kichert zuerst, nur um dann in lautes Gelächter auszubrechen. Ich kann nicht anders, als mitzulachen. Sein Lachen ist eben einfach ansteckend. Doch dann ertönt wieder dieses Klopfen. Nein, das ist diesmal wirklich kein Traum. 
    „Taehyung!“, ruft jemand von draußen. „Taehyung!“ 
    Ich seufze leise und stehe dann auf, um die Tür zu öffnen. Vorher werfe ich noch einen Blick auf die Uhr - es ist Punkt acht Uhr. Sobald ich die Türklinke herunter gedrückt habe wird die Tür aufgestoßen und es kommt wie es kommen musste - ich stoße mir hart den Kopf an. 
    „Namjoon!“, ruft Taehyung erschrocken und springt auf. 
    „Oh, verdammt! Das tut mir so Leid!“, sagt nun jemand anderes direkt vor mir, Namjoon. „Ich wusste ja nicht, dass da jemand direkt hinter steht ... Alles in Ordnung?“
    „Meine Güte, natürlich ist nicht alles in Ordnung, sie hat eine Tür vor den Kopf geschlagen bekommen!“, antwortet Taehyung für mich. Während die beiden über meinen Gesundheitszustand streiten, halte ich mir die Hand vor meine Stirn und betrachte sie anschließend. Gott sei Dank, kein Blut zu sehen. 
    „Ich habe ja gesagt, es tut mir Leid, okay? Lucy, brauchst du irgendetwas?“
    Ich schüttele den Kopf und versuche ein Lächeln zustande zu bringen. „Es geht schon. Sag nächstes Mal aber bitte Bescheid bevor du einen auf Rammbock machst.“
    Namjoon lacht und erntet dafür einen bösen Blick von Taehyung. „Warum bist du überhaupt so herein gestürmt?“, will er mit ärgerlicher Stimme wissen. 
    „Das schaut ihr euch am besten alle selbst an“, antwortet Namjoon. Alle? Wieso das denn? Es sind doch nur Taehyung und ich abgesehen von Namjoon im Raum ... Die Welt dreht sich ein wenig um mich und es dauert eine Weile bis ich mitbekomme, dass nun auch die anderen BTS-Mitglieder in das Zimmer kommen. Seit wann ist das denn ein Aufenthaltsraum?
    „Ich schwöre dir, wenn du mich ohne Grund so früh aus dem Bett gezerrt hast-“, brummt Suga beim Reinkommen und reibt sich die Augen, bevor er sich auf dem Bett niederlässt. Hoseok folgt ihm und seufzt nur. Sein Blick bleibt an mir hängen.
    „Alles okay? Warum hast du eine Beule an der Stirn?“, fragt er verwundert.
    Na toll. Eine Beule. Kann der Tag noch besser werden? 
    „Namjoon hat scheinbar ein neues Hobby: Türen gegen Menschen knallen“, sagt Taehyung. „Wirklich Lucy, du brauchst sicher nichts? Du siehst blass aus. “
    „Mir geht es gut, ehrlich.“ In Wirklichkeit ist mir schwindelig und mein Kopf dröhnt so stark, dass ich denke, er müsse jeden Augenblick explodieren. Ich setze mich also auf den Schreibtischstuhl, da das Bett nun von Suga, Jimin, Jin und Jungkook in Beschlag genommen wurde. 
    „Habt ihr einen Laptop?“, will Namjoon wissen und ich deute auf meinen, der auf dem Nachttisch steht. „Okay, gut. Einen Moment.“ Er fährt ihn hoch und öffnet dann den Browser bevor er etwas eingibt und uns dann eine Internetseite vor die Augen hält. 
    „Was zum-“, entfährt es Suga und spricht dabei wohl das aus, was wir uns alle beim Lesen des Titels des Zeitungsartikels auf der Seite denken. 
    Vom Bangtan Boy zum Bangtan Boyfriend? Kim Taehyung scheinbar glücklich vergeben!“ lautet die Überschrift. Direkt darunter: Ein Bild von Taehyung und mir, wie wir Händchen haltend an einer Ampel warten. Ich reiße Namjoon den Laptop aus den Händen und starre das Foto an.
    „Aber das ...“, stammele ich und sehe zu Taehyung, der genau wie die anderen mit offenem Mund den Artikel anstarrt. 
    „Es kommt noch besser. Warte, ich lese den Artikel mal vor.“ Namjoon nimmt mir den Laptop weg und fängt an, vorzulesen. „Die halbjährige Tour der erfolgreichen Band BTS, alias Bangtan Boys, Bulletproof Boy Scouts und neuerdings Beyond The Scene, hat gerade begonnen. Das erste Konzert ihrer Beautiful life - Tour* war ein voller Erfolg. Und das scheint Kim Taehyung, Sänger der Band, wohl mit seiner Freundin feiern zu wollen! Ein Paparazzi entdeckte den jungen Mann am gestrigen Abend in Begleitung einer bisher unbekannten Frau. Was wir jedoch wissen: Die beiden verhielten sich wohl sehr vertraut. Bilder zeigen die beiden Hand in Hand und lachend. Später verschwinden die beiden gemeinsam in einem Hotel. Ob es sich hier wohl um die Freundin des jungen Stars handelt? Das wäre für viele Fans wohl ein Schock. Schließlich ist der Sänger sehr begehrt. Doch gerade hier besteht der Punkt: Ein so gut aussehender, talentierter, erfolgreicher Mann wird doch wohl kaum Single sein! Tatsächlich hielten sich die Gerüchte über den Sänger und seine mögliche Beziehungen bisher in Grenzen - vielleicht, weil er keine Frauen trifft, weil er bereits vergeben ist? Auf zahlreichen Foren gibt es bereits umfassende Diskussionen. Während einige Fans sich der Realität nicht stellen wollen, ist das Urteil der meisten eindeutig: Kim Taehyung hat seine Herzdame scheinbar gefunden. „Ich freue mich so für ihn, er hat es verdient, glücklich zu sein!“, schreibt einer seiner Anhänger. Der Großteil des Fandoms meint jedoch: „Wahrscheinlich ist es nur irgendeine Tussi, die sein Geld will. Finger weg!“ Die Meinungen unter den Fans sind also mehr oder weniger gespalten. Nun warten alle auf eine offizielle Bestätigung - und darauf, dass der Star seine Freundin endlich vorstellt!“
    Ich kann nicht anders als Namjoon anzustarren. Soll das etwa heißen ... Dass die ganze Welt nun denkt, ich wäre mit Kim Taehyung zusammen?



    *Anmerkung: Ich weiß natürlich, dass sie keine Tour mit diesem Namen machen. Es handelt sich hier lediglich um einen eigenen Input von mir, der selbstverständlich nicht wirklich etwas mit der Realität zu tun hat. Genauso verläuft natürlich eine Tour an sich in der Wirklichkeit nicht so, wie ich es hier darstelle. Die Darstellung der einzelnen Handlungen (nicht nur die Tour, auch der Beruf eines Fotografen beispielsweise) dient lediglich der Vereinfachung – aber ich denke, das stört niemanden so wirklich, richtig?:)

    16
    „Wie bitte? Wenn Sie Gerüchte verbreiten, die dazu noch nicht einmal stimmen - tut mir Leid, das verstehe ich nicht unter der sogenannten ‚Pressefreiheit‘! Ich verlange, dass sie den Artikel löschen, und das zügig!“ 
    Donghaes Stimme hallt höchstwahrscheinlich durch das gesamte Hotel. Er geht unruhig im Aufenthaltsraum auf und ab und sein Gesicht ist zu einer wütenden Grimasse verzogen, während BTS, das Kamerateam und ich - mittlerweile mit einem Kühlpack, das Jin mir gegen dir Stirn hält - eingeschüchtert in den Sesseln sitzen. Nachdem der erste Schock überwunden war, haben wir den Manager geweckt und ihm erzählt, was geschehen ist. Dieser ist sofort ans Telefon gehechtet und ist nun seit zehn Minuten dabei, in sein Handy zu schreien. Keiner von uns traut sich, etwas zu sagen. Sogar Danbi ist mit ihrem Laptop in eine Ecke geflüchtet.
    „Gut, hier ist Ihr verdammtes offizielles Statement: Kim Taehyung ist nicht vergeben! Jetzt löschen Sie diesen Artikel oder setzen Sie sich hinter ihren Computer und schreiben Sie einen neuen, in dem sie das Ganze aufklären!“ 
    Ich werfe einen Blick zu Taehyung, der mich ebenfalls ansieht. Mit einer Geste gibt er mir zu verstehen, dass er selbst ein wenig überfordert mit der Situation ist. Tatsächlich sind er und ich diejenigen, die sich bisher eigentlich kaum zur Sache geäußert haben. Aber was gibt es da schon zu groß zu sagen? Die Gerüchte stimmen natürlich (und leider) nicht. Das ist die Realität, nicht mehr und nicht weniger. 
    „Ich schwöre Ihnen, wenn ich bis heute abend keinen neuen Artikel auf Ihrer Seite finde ... Gut, das will ich auch hoffen. Sie haben sich da in mächtige Probleme gebracht! Auf Wiederhören!“ Als Donghae endlich auflegt habe ich für einen Moment die Befürchtung er würde sein Handy vor Wut an die Wand werfen, so verärgert schaut er es an. Doch schließlich seufzt er nur und steckt es mit hochrotem Kopf in seine Hosentasche. „Also. Das Magazin wird hoffentlich einen neuen Artikel schreiben und die Gerüchte widerlegen. Hoffen wir mal, dass kein größerer Schaden angerichtet wird.“
    „Ich denke, dafür ist es bereits zu spät“, meldet sich Danbi zu Wort und dreht ihren Laptop zu uns. „Tausende von Fans haben schon zu dem Thema getweetet. Sie sind nicht ... begeistert, sagen wir es mal so.“ Taehyung nimmt den Laptop aus ihrer Hand und scrollt langsam die Seite herunter. Obwohl seine Gesichtszüge gleichgültig bleiben, kann ich beobachten, wie er schwer schluckt und sich kurz auf die Lippe beißen.
    „Was schreiben sie so?“, will Jungkook wissen und lehnt sich herüber. 
    „Äh ... also größtenteils jedenfalls nichts über mich“, antwortet Taehyung zögerlich und wirft mir einen kurzen Blick zu. Ein seltsames Gefühl beschleicht mich.
    „Oh ...“, macht der Jüngste und seine Augen weiten sich. „Dieses Wort habe ich ja noch nie gehört ...“
    „Darf ich auch lesen?“, frage ich schließlich, nachdem sich alle anderen BTS-Mitglieder ebenfalls um Taehyung versammelt haben und ihnen nacheinander langsam die Kinnladen nach unten klappen.
    Eine lange Stille herrscht, bevor Jin, der sich fast überstreckt, da er mir noch immer das Kühlpack vor die Stirn hält und gleichzeitig auf den Laptop schaut, antwortet: „Vielleicht lieber nicht.“
    „Aber-“, setze ich an, doch Hoseok legt mir eine Hand auf die Schulter.
    „Wirklich, Lucy. Das solltest du nicht lesen“, meint er ruhig, was mich jedoch nur wütend macht. Habe ich nicht auch ein Recht darauf, zu erfahren, was die Welt dazu schreibt, besonders weil ich ja ziemlich direkt davon betroffen bin? Aber bei den Dingen, die ich mittlerweile über die Jungs weiß, wird mir klar, dass sie mich niemals die Seite durchgehen lassen würden. Zumindest ... nicht in ihrem Beisein.
    „Dann eben nicht“, sage ich und gebe vor, das Thema abgehakt zu haben. Dann stehe ich auf, nehme Jin das Kühlpack aus der Hand und mache mich auf den Weg Richtung Hotelzimmer.
    „Wo willst du denn hin?“, ruft Jin mir hinter her und ich rufe zurück, dass ich ein neues Kühlpack holen möchte. In Wahrheit verschwinde ich auf Taehyungs und meinem Zimmer und setze mich hinter meinen Laptop. Schnell gehe ich auf Twitter und sehe mir die derzeitigen Trends an. Da. „#KimTaehyung“. Ich klicke auf den Link und nacheinander tauchen die neuesten Tweets zum Hashtag auf. Eine Gänsehaut fährt mir über die Arme, als ich die ersten durchlese.
    „Ich hoffe, Taehyung bleibt nicht bei der. Ist bestimmt nur auf sein Geld aus.“
    „Kenne die Tussi zwar nicht, aber ist wahrscheinlich jemand, der sich irgendwie hocharbeiten muss.“
    „So eine Sch .... Ich könnte kotzen.“ 
    „Es wunder mich, dass Big Hit es ihnen erlaubt, solche Frauen zu treffen.“
    „Ekelhaft!“
    Ich merke, wie sich meine Augen langsam mit Tränen füllen. Diese Kommentare zu lesen, von Menschen die ich nicht einmal kenne und die mich auch nicht kennen ... Ich weiß nicht wieso, aber es tut wirklich weh zu lesen, ich sei irgendeine daher gelaufene Tussi, die nur auf Erfolg und Geld aus ist. Dass ich mich an Taehyung ranwerfen würde und die Leute nicht wissen wollen, bei wem ich diese Masche schon probiert hätte. Gleichzeitig kann ich auch nicht aufhören, die Tweets zu lesen, in der verzweifelten Hoffnung darauf, doch noch eine positive Rückmeldung zu finden. Aber ich werde nicht fündig. 
    „Was machst du denn da? Du solltest das nicht lesen.“
    Beim Klang der Stimme wische ich schnell meine Tränen weg und klappe den Laptop zu. Dann drehe ich mich zu Yoongi, der mich mit hochgezogener Augenbraue ansieht. So ein Mist. Ich habe vergessen, die Tür abzuschließen. „Ich ... war nur neugierig“, erkläre ich und versuche erst gar nicht, zu verheimlichen, dass ich die Tweets gelesen habe.
    „Neugierig, hm. Neugierig darauf, was das Internet so zu bieten hat? Oder neugierig darauf, was das Internet zu dir und Taehyung denken könnte?“, fragt er und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt. Ertappt starre ich auf meine Hände. „Habe ich es mir doch gedacht. Du stehst voll auf ihn.“
    „Ich stehe nicht voll auf ihn!“, widerspreche ich trotzig und sehe Yoongi böse an, was er mit einem Auflachen kommentiert.
    „Ja, sicher. Du bist bereit, ein Zimmer mit ihm zu teilen. Beim Essen schaust du kaum jemand anderen an, als ihn. Beim Konzert hast du wahrscheinlich tausende Fotos von ihm gemacht, so oft, wie du die Kamera in seine Richtung gehalten hast. Dann haltet ihr Händchen. Keine Sorge, ich weiß, dass das von Taehyung ausging. Aber du hattest scheinbar nichts dagegen. Also. Du stehst ganz eindeutig nicht auf ihn, klar.“
    Ich öffne den Mund um etwas zu erwidern, schließe ihn aber wieder, da mir klar wird, dass ich kaum etwas einwenden kann. Also sehe ich nur gespannt zu Yoongi, um zu erfahren, wie er nun mit dieser Information umgehen wird. Sein seltsames Grinsen lässt mich das Schlimmste vermuten.

    17
    Es herrscht bestimmt eine Minute lang Stille zwischen uns. Eine Minute, in der ich mich fragen kann, was das seltsame Grinsen auf Yoongis Gesicht zu bedeuten hat. Schmiedet er Pläne wie er mich am besten auffliegen lassen kann? Plant er schlimmstenfalls den Mord an mir, weil ich plötzlich zu einem Problem geworden bin? Ich habe absolut keine Ahnung, denn Yoongis Mimik ist bis auf das Grinsen völlig ausdruckslos. Als er schließlich den Mund öffnet, um etwas zu sagen, fällt mir beinahe ein Stein vom Herzen.
    „Okay, hör zu. Du bist nicht die erste, die ziemlich schnell Gefühle für Taehyung entwickelt hat. Es gab mal jemanden ... na ja, ich will gar nicht zur Tratschtante werden. Du solltest jedoch wissen, dass wir alle seitdem vorsichtig begutachten, mit wem Taehyung so seine Zeit verbringt. Das nervt ihn zwar, aber es ist besser so, glaub' mir.“
    Ich bin ein wenig verwirrt. Soll das nun heißen, dass ich zuerst BTS als Gruppe dazu bringen muss, mich zu akzeptieren, bevor ich irgendwas mit Taehyung anfangen kann? Dabei habe ich doch noch nicht einmal Pläne gemacht, wie ich Taehyung am besten näher kommen könnte. Und habe es auch gar nicht vor. Er ist schließlich kein Objekt, das man sich nach langer, harter Arbeit endlich leisten kann.
    „Wenn ich dir einen Rat geben darf ... Mach dir keine unnötigen Hoffnungen. Wenn sich irgendetwas entwickelt, dann ist das zwar gut für dich. Aber wenn nicht, solltest du das auch akzeptieren. Also ich habe nichts dagegen, wenn Taehyung endlich jemanden findet, mit dem er unbegrenzt glücklich sein und ganz ehrlich ... Ich glaube, soweit ich dich bisher einschätzen kann, wärst du nicht einmal eine schlechte Wahl. Wobei … eine für mich negative Eigenschaft hast du wirklich.“
    „Und ... welche?“, frage ich zögerlich. 
    Yoongi seufzt und zuckt dann mit den Schultern. „Du machst es einem leicht, dir Dinge zu erzählen, die man eigentlich gar nicht erzählen möchte. Ich weiß nicht einmal, warum ich dir überhaupt diese seltsamen Beziehungstipps gebe. Siehst du was ich meine? Ich rede und rede ohne einen Grund. Gott, das nervt wirklich. Ich verstehe nicht wie Leute es schaffen, stundenlang zu reden ohne sich dabei selbst zu nerven“, sagt Yoongi und aus irgendeinem Grund muss ich anfangen zu lachen. Yoongi hat sich bisher nicht gerade als der gesprächigste Mensch gezeigt. Die Tatsache, dass er nun ohne Punkt und Komma redet, ist so befremdend, dass ich gar nicht anders kann als zu kichern. „Ja, ja. Mach dich nur lustig.“ Er erhebt sich, wobei er etwas Unverständliches grummelt. 
    „Warte! Was machst du jetzt? Du erzählst es doch niemandem, oder?“
    Er sieht mich kurz mit zusammen gekniffenen Augen an. „Erstmal nicht. Aber solltest du mich jemals nerven ... Ich mache nur Spaß. Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Ich hasse Leute, die Geheimnisse weitererzählen und einen auf Klatsch-Magazin machen. Wow. Schon wieder so viel Gerede von mir. Ich sollte vielleicht meine Prinzipien überdenken. Wo war ich? Ach, ja. Wenn du nicht wollen solltest, dass in einer Woche nicht jeder aus BTS weiß, wie du zu Taehyung stehst, solltest du dich vielleicht ... weniger auffällig verhalten.“ 
    Ich nicke langsam und murmele dann ein leises „Danke“. Kurz darauf ist Yoongi auch schon wieder verschwunden und ich bleibe, verwirrt und mit leichten Kopfschmerzen, allein zurück.

    Der Tourbus ist viel größer, als ich erwartet habe. Er hat zwei Stockwerke: Oben befinden sich die Betten und eine kleine Aufenthaltsecke. Unten jedoch hat er die reinste Luxusausstattung: eine Minibar, Fernsehen, mehrere Sitzecken und sogar eine Art Mini-Küche, in der sich eine Kaffeemaschine, eine Mikrowelle und ein Kühlschrank befinden. Alles in allem mehr, als ich in den letzten beiden Jahren in meinen Unterkünften hatte. Natürlich dürfen die Mitglieder von BTS sich zuerst die Betten aussuchen. Wie zu erwarten war wählen alle die oberen Betten (es liegen immer zwei übereinander). Donghae und Danbi bekommen die Betten, die am nächsten zur Treppe liegen, also die unter Namjoon und Hoseok. Das Kamerateam verteilt sich auf die Betten unter Jimin, Jungkook, Yoongi und Taehyung und ich bekomme dementsprechend das Bett unter Jin. Geht man also von der Treppe aus nach vorne lautet die Bettverteilung also: Namjoon und Donghae links, Hoseok und Danbi rechts, Jimin und Taemin links, Jungkook und Miga rechts, Taehyung und Shiwon links, Jin und ich rechts und schließlich Yoongi und Sook am Ende des Gangs. Glücklicherweise habe ich keine Klaustrophobie, denn dann hätte ich ein großes Problem.
    Ebenfalls zu meinem Glück hat Yoongi sein Versprechen bisher eingehalten und nichts gesagt. Er hat mich nicht einmal angesehen. Man kann ihm also nicht nachsagen, dass er sein Wort nicht hält. Zwar haben die anderen bei der Kofferabgabe gefragt, wo ich solange war, aber ich habe mehr oder weniger die Wahrheit gesagt und erzählt, dass es mir nicht gut ging und ich deshalb auf dem Zimmer geblieben bin. Was dann dazu geführt hat, dass mir Jin auch weiterhin Bettruhe aufgedrück hat und ich nun, während der Bus anfährt, in dem nicht gerade unbequemen Bett liege. Er hat sich sogar dazu bereit erklärt, mit mir nach oben zu gehen und streckt nun alle zwei Minuten seinen Kopf zu mir nach unten, um zu sehen ob ich noch hier liege. Als würde er es nicht bemerken, wenn ich aufstehen würde. Na ja. Mir soll es egal sein. Und schließlich träumen bestimmt einige davon, dass ein fürsorglicher Jin regelmäßig nach ihnen schaut und sich um sie kümmert. 
     ‎So wirklich stören tut es mich sowieso nicht, dass ich hier liegen muss. Denn ich bin immer noch hundemüde und unfassbar erschöpft. Dazu kommt dann noch der Schlag an meinen Kopf, der mir ein leicht betäubendes Gefühl gegeben hat - und schon bin ich eingeschlafen.

    18
    Als ich aufwache, fühle ich mich seltsam erholt. Im Bus ist es sehr ruhig, man hört nur das Brummen des Motors. Ich schiebe den Vorhang, der vor dem Fenster neben dem Bett hängt, ein wenig beiseite und erblicke, bis auf ab und an ein paar leuchtende Straßenlaternen, nichts außer Dunkelheit. Habe ich wirklich so lange geschlafen? Irgendwo in einem Fach am Bettende finde ich mein Handy. Ich werfe einen Blick darauf. Tatsächlich, es ist kurz vor Mitternacht. Wow. Ich muss wirklich müde gewesen sein.
    Jetzt aber bin ich wach - und das bedeutet bei mir, dass ich so schnell nicht wieder einschlafen werde. Vorsichtig luge ich auf den Gang, bevor ich aus dem Bett klettere. Die Vorhänge vor fast allen Betten sind zugezogen, also schlafen sie wohl schon. Überraschend ist dies nicht, schließlich haben sie erst ein anstrengendes Konzert und eine relativ kurze Nacht hinter sich. Einen Moment bin ich versucht, den Vorhang vor Taehyungs Platz beiseite zu schieben, aber ich kann mich beherrschen. Hm. Wem gehört noch mal das zweite obere Bett von links? Es ist das einzige, was leer ist. Ach, ja. Jimin. Ob er wohl unten ist? Ich beschließe, einfach nachzusehen. So oder so habe ich nichts wirklich zu tun. Ein kleines Gespräch mit einem anderen BTS-Mitglied abgesehen von Taehyung kann sowieso nie schaden.
    Meine Vermutung hat sich bestätigt: Jimin hat es sich auf einer der Sitzecken unten bequem gemacht und scheint Musik zu hören. Ich meine damit, dass er wirklich nur Musik hört. Mit geschlossenen Augen und Kopfhörern in den Ohren sitzt er da und macht sonst nichts. Einen Moment frage ich mich, ob er wohl schläft, aber dann öffnet er die Augen und lächelt mich an. Ich lächle zurück und komme dann näher. 
    „Wie geht es dir?“, fragt er, während er die Kopfhörer herausnimmt und sie weg packt. 
    „Ganz gut. Mein Kopf tut noch ein wenig weh, aber nicht mehr so sehr wie vorhin“, antworte ich wahrheitsgemäß. 
    „Das ist gut. Wir haben uns vorhin alle Sorgen um dich gemacht, wir dachten du hättest vielleicht eine Gehirnerschütterung und würdest plötzlich in ein Koma fallen, oder so.“
    Ich muss bei dem Gedanken daran, wie sich die Mitglieder an diesem Tisch aufgeregt darüber anhalten, ob ich vielleicht ins Krankenhaus sollte, leise lachen. „Keine Sorge, ich denke so schlimm ist es nicht. Von Namjoon werde ich aber auf jedem Fall Schmerzensgeld verlangen.“
    Jimin lacht ebenfalls. „Ich glaube, er leidet schon genug. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie wütend Taehyung ihn die ganze Zeit angesehen hat. Wenn Blick töten könnten, dann wären wir jetzt nur noch 6 Mitglieder.“
    „Oh, das ist mir vorhin schon aufgefallen. Ich glaube, er hat sich mehr aufgeregt als ich. Auch wenn ich mich frage warum“, denke ich laut nach und sehe dabei nach oben. Wirklich, Taehyungs Reaktion ist mir ein Rätsel. Schließlich bin ich doch diejenige, die eine Tür gegen den Kopf bekommen hat.
    „Na ja. Ich denke, er mag dich einfach. Und er mag es nicht, wenn Leute, die er mag, verletzt werden“, erklärt Jimin. „Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, morgen ist sein Ärger wohl wieder verflogen und es herrscht wieder Frieden im Hause BTS.“
    Ich muss grinsen. Immer mehr bekomme ich den Eindruck, als wäre BTS nicht nur eine Boyband. Nein, sie sind viel mehr als das. Eine Familie. „Warum bist du eigentlich noch wach? Bist du nicht müde?“, lenke ich das Thema nun auf Jimin um ein wenig mehr über ihn zu erfahren. Schließlich muss ich irgendwann anfangen, Fotos zu schießen.
    Jimin zuckt mit den Schultern und lehnt sich zurück. „Ich genieße einfach gerne die Zeit, in der wir nichts geplant haben. Ich finde es viel entspannender, herum zu sitzen und nichts zu tun, als zu schlafen. Klingt wahrscheinlich blöd.“
    „Nein, nein. Ich glaube, ich weiß was du meinst. Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, einzuschlafen. Wach im Bett zu liegen, dabei ein wenig nachzudenken, ist okay. Aber einschlafen? Das erinnert mich nur daran, dass ich irgendwann aufwachen und aufstehen muss.“
    „Ich hätte nie gedacht, dass mich mal jemand versteht!“, ruft Jimin aus und wirkt ehrlich erleichtert. Einen Moment später gähnt er jedoch.
    „Entspannung hin oder her, Schlaf braucht jeder Mensch“, kichere ich. „Vielleicht solltest du nach oben gehen und deinen Augen auch etwas Entspannung bieten.“
    „Vielleicht hast du recht. Was ist mit dir?“
    Nun bin ich es, die die Schultern zuckt. „Ich werde wohl versuchen wieder zu schlafen. Es liegt schließlich noch viel vor uns.“ 
    Zustimmend nickt Jimin und gemeinsam gehen wir wieder nach oben. Leise flüstern wir uns ein „Gute Nacht“ entgegen, bevor wir beide in unsere Betten gehen. Tatsächlich schaffe ich es nach ungefähr einer halben Stunde wieder einzuschlafen - ein wenig Müdigkeit ist wohl doch noch in mir vorhanden.

    19
    Ein lauter Knall reißt mich aus dem Schlaf. Nach einem Augenblick der Orientierungslosigkeit steigt Panik in mir auf - sind wir vor einen Baum gefahren? Hatten wir einen Unfall? Ist jemand gestorben? Sofort klettere ich aus dem Bett, und glücklicherweise bestätigen sich meine schlimmsten Vermutungen nicht. Von unten herauf vernehme ich Hoseoks lautes - wirklich sehr, sehr lautes - Gelächter. Auch wenn meine Angst vorerst unbegründet zu sein scheint, bin ich verwirrt. Erst ein lauter Knall und dann Gelächter? Was kann nur passiert sein? Ich beschließe, einfach nachzusehen. Sobald ich die Treppe herunter steige, empfängt mich der Duft von Kaffee und ... verbrannten Pfannkuchen?
    „Lucy!“, ruft jemand und ich werde kurz darauf in eine feste Umarmung gezogen. Ein angenehmer Duft umhüllt mich. Fast schon genieße ich die Umarmung - aber wer ist überhaupt mein mysteriöser Umarmer? 
    „Ich glaube, du kannst sie jetzt loslassen, Taehyung“, höre ich Yoongi sagen. Erschrocken reiße ich mich los. Das ... das gibt es doch nicht! Taehyung hat mich gerade wirklich umarmt! Tatsächlich steht er nun mit einem fröhlichen Grinsen vor mir und dreht sich dann zu den anderen, die ihn ebenso wie ich nur perplex anschauen. 
    „Was denn? Ich habe mir eben Sorgen gemacht!“, erklärt er und Jungkook seufzt.
    „Schon mal etwas von persönlichem Freiraum gehört?“
    Taehyung verschränkt trotzig die Arme vor seiner Brust. „Also ich denke, ich darf sie umarmen, wir haben schließlich auch zusammen geschlafen!“
    Ein Moment der Stille herrscht, in welchem ich rot wie eine Tomate werde und meine Hände vors Gesicht schlage. Dann gibt es für die anderen kein Halten mehr. Alle fangen an loszuprusten. Sogar Yoongi, der sich sonst was das Lachen angeht eher zurück hält, kichert. 
    „Tae ...“, japst Jimin und durch meine Finger hindurch erkenne ich, dass er sich den Bauch vor Lachen hält. „Wortwahl.“
    „Was denn? Ich habe doch nichts ... oh. Oh! Das ... Nein! Das wollte ich gar nicht sagen! So habe ich das nicht gemeint!“, realisiert Taehyung seinen Fehler. Nun ist er es, der rot anläuft. „Ich meinte doch nur, dass es legitim ist jemanden zu umarmen, mit dem man in einem Bett war ...“
    „Lass' es einfach, Tae, du machst es nur noch schlimmer“, grinst Namjoon und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Schau Mal, jetzt ist Lucy ja ganz verlegen. Entschuldige dich!“
    „Entschuldigung“, nuschelt Taehyung und ich atme tief durch, bevor ich wieder aufsehe. Auf einmal fängt er an zu strahlen. „Wie dem auch sei: Wir haben Pfannkuchen gemacht! In der Mikrowelle!“, verkündet er stolz und die Peinlichkeit scheint vergessen zu sein - zumindest für alle außer Yoongi. Der wirft mir nämlich einen vielsagenden Blick zu, den ich nur ein wenig böse erwidere. 
    „Du meinst wohl, wir haben es versucht“, korrigiert Hoseok ihn. „Die Mikrowelle hat es nämlich nicht überlebt.“
    „Ihr seid echt solche Trottel, was habt ihr denn erwartet was passiert wenn man einen Teller, einen Plastikteller , auf dem man Teig verteilt hat in die Mikrowelle stellt und sie auf die höchste Stufe stellt?“, sagt Jin und sieht dabei aus wie eine Mutter, die mit ihren Kindern schimpft.  „Wie wollt ihr das Donghae und dem Busfahrer erklären?“
    Erst jetzt fällt mir auf, dass wir auf einem Rastplatz stehen und bis auf BTS und mir niemand im Bus ist. Die anderen sind wohl in die benachbarte Bäckerei gegangen, um sich dort etwas zum Frühstücken zu holen. Apropos Frühstück ... Wie auf Kommando grummelt mein Magen so laut, dass mich die anderen erstaunt ansehen. Stimmt, meine letzte Mahlzeit war das Sandwich vorgestern ... kein Wunder, dass ich mich so hungrig fühle!
    „Da scheint jemand Hunger zu haben. Ich würde sagen, wir gehen einfach auch in die Bäckerei?“, schlägt Namjoon vor und erhält von allen zustimmendes Nicken. Schon fünfzehn Minuten später sitzen wir jeweils mit einem Becher Kaffee und gefüllten Croissants auf einer Rastbank. Ich bin wohl nicht die einzige, die vor Hunger fast umgekommen wäre. Auch die Jungs haben ihr Essen in wenigen Minuten verschlungen. 
    „Wie sieht es eigentlich mit den Fotoshootings aus, Lucy? Hast du schon irgendetwas geplant?“, fragt Hoseok mich, nachdem er die Reste seines Croissants mit einem Schluck Kaffee herunter gespült hat. 
    „Ich habe mir gedacht, dass wir vielleicht passend zu euren Kurzfilmen ein paar Fotos machen könnten. Ansonsten habe ich schon ein paar Mottos im Kopf, aber ich bin mir noch unsicher, welche ich nehme“, antworte ich. 
    „Ah, du meinst die Kurzfilme die Donghae geplant hat?“
    Ich nicke und lege dann nachdenklich den Kopf schief. „Wofür sind die eigentlich? Donghae wollte mir das nicht verraten.“ 
    „Das wissen wir auch nicht so genau“, gibt Namjoon zu. „Er hat gesagt das werden wir erst sehen, wenn es fertig ist. Und dass wir danach eine Menge zu tun haben, aber es uns Spaß machen wird.“ 
    „Ich wüsste nicht warum viel Arbeit Spaß machen sollte“, meint Yoongi und gähnt. „Davon wird man doch nur müde.“
    „Dann musst du ja schwer beschäftigt sein“, erwidert Jin und alle bis auf Yoongi, der nur die Augen verdreht, fangen an zu lachen. „Ich für meinen Teil bin wirklich gespannt.“
    Jungkook nickt aufgeregt. „Das wird bestimmt super. Vor allem können wir unseren eigenen Film mitbestimmen - wie cool ist das denn bitte?“ Er grinst und scheint bereits eine genaue Vorstellung von seinem Film zu haben. Sollte ich ihm vielleicht sagen, dass die Story eigentlich schon fast festgelegt ist? Das wäre vielleicht besser. Nicht, dass er am Ende enttäuscht ist.
    „So weit ich weiß, sind die Storylines schon festgelegt“, werfe ich also ein und Jungkook sieht mich erstaunt an. Um ihm jedoch nicht ganz die Euphorie zu nehmen, füge ich nach einer kurzen Pause hinzu: „Donghae meinte, wir können uns aber noch mit den Protagonisten zusammen setzen, um Details zu planen.“
    „Richtig “, ertönt plötzlich eine Stimme hinter mir. Erschrocken drehe ich mich um. Donghae begrüßt uns mit einem Kopfnicken. „Und da wir gerade beim Thema sind: wir werden heute Abend eine Gruppenbesprechung haben, in der ihr noch eigene Vorschläge einbringen könnt und die Produzenten, also Lucy, Taemin und sein Team, das Setting besprechen. Und jetzt, ab mit euch in den Bus, wir haben noch zwei Stunden Fahrt vor uns.“
    Seufzen und genervtes Gebrumme macht sich breit, als die Mitglieder aufstehen und sich auf den Weg zum Bus machen. „Oh, und Lucy? Könnte ich Sie noch kurz sprechen?“, fragt Donghae, als ich der Gruppe folgen möchte. Ich sehe überrascht zu ihm. Ein kalter Schauer fährt mir den Rücken herunter, als ich seinen ernsten Blick bemerke und mit einem Mal habe ich ein mulmiges Gefühl ihm Bauch. Was habe ich denn nun angestellt?

    20
    „Ich möchte Ihnen nicht kündigen, und ich denke, dass Sie eigentlich perfekt für den Job sind. Also wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie meine Bitte befolgen würden. “
    Mit zusammen gepressten Lippen nicke ich und versuche dabei, nicht allzu verwirrt auszusehen. In gewisser Weise ist Donghaes Standpunkt ja nachvollziehbar, aber ... 
    „Ich verlasse mich auf Sie. Und sollten Sie merken, dass Sie nicht im Stande sind ihre Arbeit richtig fortzusetzen, auf Grund einer ... Beziehung zu einem der Mitglieder, sagen Sie mir das. In Ordnung?“
    „Natürlich. Ich werde den Kontakt zu ihnen auf das Nötigste beschränken“, gebe ich mühsam von mir. So etwas habe ich ja noch nie gehört. Sie müssen Privates von Ihrer Arbeit trennen. Das sind Donghaes Worte gewesen. Die Jungs haben zur Zeit genug Dinge, auf die sie sich konzentrieren müssen. Wenn mich jemand fragt, wollte er damit eigentlich nur sagen: „Finger weg. Das ist nicht Ihre Liga.“ 
    Das Gespräch scheint beendet zu sein, weswegen ich nun endlich in den Bus steige, wo mir sieben neugierige Augenpaare entgegen starren. Mit einem Mal treten mir Tränen in die Augen. Ich habe wirklich gedacht, dass ich in BTS so etwas wie Freunde sehen könnte. Und jetzt? Jetzt darf ich das nicht? Irgendwie bringe ich trotzdem ein Lächeln zu Stande und rausche dann nach oben. In der Sitzecke haben Taemin und sein Team Stellung bezogen. Das trifft sich ja gut, da kann ich mich gleich in die Arbeit stürzen, wie von Donghae gewünscht. 
    „Wir besprechen gerade schon ein paar Dinge für die Kurzfilme“, erklärt Taemin auf mein Nachfragen, ob ich mich dazu setzen könnte. „Also, ja, natürlich.“
    „Ich denke, dass sich jeder vielleicht mit 2 Storylines näher auseinander setzen könnte und wir dann im Team alles zusammentragen“, schlägt Sook vor und sieht fragend in die Runde. 
    „Ich fände es ist sinnvoller, wenn sich alle mit allen Stories beschäftigen. Da können wir gleich das meiste rausholen“, entgegnet Miga. Ich nicke zustimmend, ebenso wie die anderen. 
    „Okay, so machen wir es. Kommen wir nun zu den Stories an sich ...“ 
    Ich folge dem Gespräch kaum. Ich bin noch zu sehr beschäftigt mit dem, was Donghae gesagt hat. Ist es nicht eigentlich meine eigene Entscheidung, mit wem ich meine Zeit verbringe? Gibt es in meinem Arbeitsvertrag irgendwo eine Stelle in der steht „darf keinen privaten Kontakt zu BTS halten“? Da fällt mir ein ... hat Yoongi nicht gesagt, dass es da schon einmal eine Person gab, die ... tja, die was? Yoongi war in seinen Ausführungen nicht gerade das, was man präzise nennt.
    „Lucy?“
    Aus meinen Gedanken gerissen sehe ich hoch. Alle vier schauen mich an. „Hmm... Ja, ja, das sehe ich auch so“, versuche ich mein Bestes, eine Antwort zu geben, natürlich ohne Erfolg. Die anderen lachen und Sook hält mir dann einen Zettel vor die Nase.
    „Das ist ein grober Zeitplan für den Dreh. Nach der Besprechung heute Abend können wir den sicher erweitern. Das Beste ist wohl, das wir immer dann drehen wenn gerade ein längerer Aufenthalt in einer Stadt ansteht. Mit etwas Glück können wir diese Woche also schon mit dem ersten Film anfangen.“
    „Super“, sage ich und seufze dann. „Tut mir Leid, ich bin nicht so bei der Sache. Aber der Plan klingt gut.“
    Taemin nimmt Sook den Zettel aus der Hand und legt ihn dann in einen Ordner vor sich. „Ich denke, wir können hier eine Pause einlegen. Wie wäre es mit ein paar Aufnahmen der Fahrt? Miga, Shiwon, ihr kümmert euch darum. Sook, du kannst schon mal die bisherigen Aufnahmen durchgehen und anfangen, zu kürzen.“ Die drei erheben sich und machen sich dann an die Arbeit. Ich kann nicht anders, als schließlich meinen Kopf mit einem Stöhnen auf den Tisch zu legen. „So. Und du erzählst mir, was du mit Donghae besprochen hast und was los ist. Keine Ausreden, ich will Fakten.“
    Zweifelnd sehe ich zu Taemin. Ist er jetzt mein bester Freund, oder was? Andererseits, Donghae hat mir ja nicht verboten, jemandem von dem Gespräch zu erzählen. Also ... „Ich weiß selber nicht genau, was los ist“, fange ich an und erzähle ihm dann von dem gesamten Gespräch. Er unterbricht mich nicht, sondern hört aufmerksam zu und lehnt sich, als ich fertig bin, nachdenklich zurück.
    „Zugegeben, uns ist auch schon aufgefallen, dass du viel Zeit mit ihnen verbringst. Aber ich habe das nie als etwas Schlechtes betrachtet, schließlich kann es doch nicht schaden sich gut zu verstehen, richtig? Und wenn man Freundschaften schließt, dann sehe ich da gar kein Problem. Wenn du mich fragst ... Ich denke, Donghae hat kein Problem mit dir an sich, sondern eher mit deiner ... Stellung? Versteh' mich nicht falsch, aber im Grunde genommen bist du ja nur die Fotografin. Was soll denn die Öffentlichkeit denken, wenn heraus kommt, dass sich jemand aus BTS mit einer Fotografin einlässt - du weißt bestimmt was ich meine.“
    „Ich denke schon“, murmele ich. „Also soll ich mich einfach von ihnen fernhalten und stumpf meine Arbeit machen? “
    „Wenn du deinen Job nicht verlieren willst, ja, dann schon. Donghae ist da wahrscheinlich gnadenlos.“
    Ich möchte Taemin gerne Vorwürfe machen, aber dann fällt mir auf, dass er einfach ehrlich ist. Was er sagt, stimmt. Ich kann nicht meinen Job weitermachen und gleichzeitig Freundschaft mit BTS schließen. Doch ob ich einfach so tun kann, als würden sie mir nichts weiter bedeuten? Das dürfte mir ja zumindest bei Taehyung ziemlich schwer fallen. Und dennoch … vielleicht ist es einfach besser so. Vielleicht werde ich so meine Gefühle für ihn wieder los. Vielleicht überlebe ich die nächsten Monate, ohne an Herzschmerz zu sterben. Vielleicht passiert dann nicht so etwas wie das letzte Mal, als …
    „Und so oder so. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns, genau wie sie. Da wirst du kaum Zeit dazu haben, die über so etwas Gedanken zu machen“, fährt Taemin in diesem Moment fort, sodass ich meinen Gedanken nicht fortführen kann. Besser so. Ein letztes Mal seufze ich und nicke dann mehr oder weniger überzeugt. Es wird mir schwer fallen, aber irgendwie bekomme ich das hin. Das habe ich bis jetzt schließlich immer.

    21
    Zweieinhalb Jahre zuvor ...

    „Versuch' es mal mit diesem Objektiv“, murmele ich abwesend und reiche meinem Gegenüber den Gegenstand, während ich gleichzeitig die Umgebung nach einem neuen Motiv absuche. Vielleicht der alte Spielplatz? Oder die Parkbank?
    Ein sanfter Stoß gegen meinen Oberarm reißt mich aus meinen Gedanken. Erschrocken sehe ich zu Tom, der sich ein Grinsen kaum verkneifen kann. Seine haselnussbraunen Augen funkeln belustigt. „Du weißt, dass wir nicht hier sind, um unserem Hobby nachzugehen. Wir haben eine Aufgabe. Okay?“ 
    Ich seufze und wende mich dann ganz zu ihm. Das ist ungerecht. Ich dachte, dass das Praktikum bei der Fotografin mir neue Möglichkeiten bieten würde. Stattdessen muss ich mit Tom Enten fotografieren. Enten. Irgendwie gibt es spannendere Dinge, oder nicht?
    Natürlich habe ich nichts dagegen, etwas mit dem anderen Praktikanten, Tom, zu unternehmen. Schließlich ist er einfach unfassbar nett, humorvoll, intelligent - ganz zu Schweigen von seinem Aussehen. Gut, ich gebe zu: ich bin möglicherweise verknallt. Und mit „möglicherweise verknallt “ meine ich, dass ich mich schon bei unserer ersten Begegnung vor einem Monat Hals über Kopf in ihn verliebt habe. Ich habe dieses komische Gefühl, als würde er mich irgendwie ... ergänzen. Als würden unsere Seelen zusammen gehören. Klingt das seltsam? Möglicherweise schon. Aber ich glaube, nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass er mein Seelenverwandter ist.
    „Wie wäre es, wenn wir den Fotos Titel geben?“, lacht Tom beim Durchsehen der letzten Fotos. „Das hier nenne ich ‚Enterich Klaus in der Blütezeit seines Lebens ‘, was meinst du?“
    „Das passt perfekt. Oh, und das hier heißt ‚Ente gut, alles gut‘, die Ente sieht so glücklich aus.“
    Er nickt zustimmend, packt dann die Kamera beiseite und zieht mich dann zu sich. Während er seine Arme um mich legt, umhüllt mich der Duft nach Zitrone und Minze. Ich atme ihn tief ein, als wäre es meine letzte Gelegenheit dies zu tun. 
    „Lucy ... Ich bin wirklich froh, dass ich dich kennenlernen durfte. Du bist wie die Sonne am Morgen in mein Leben eingetreten und seitdem hatte ich nie das Gefühl, als würde es dunkel um mich sein.“
    Ein wenig löse ich mich von ihm. Tom ist ein Mensch, der ziemlich ... bildhaft spricht, um es mal so auszudrücken. Deswegen verwundert es mich umso mehr, dass ich jetzt so verwirrt von seinen Worten bin. Es scheint, als würde ein unausgesprochenes „Aber“ zwischen uns schweben. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit.
    Er seufzt schwer und nimmt dann seine großen Hände von meinen Schultern. „Ich ... ehm ... Habe nachgedacht. Und ...“, druckst er herum. Nervös beißt er sich auf die Lippen. Habe ich etwas verpasst? Seit wann hat er denn Probleme damit zu sagen, was er denkt? „Ich will ehrlich sein. Als du zum ersten Mal in das Fotostudio marschiert bist und dabei die halbe Beleuchtung umgeworfen hast, wusste ich, dass ich dich mag. Ich wollte dich näher kennenlernen, dieses mysteriöse Mädchen, das still seine Arbeit verrichtet, aber auch sehr oft viele Dinge sagen möchte, auch wenn es sie nie ausspricht.“ Ich lache leise, aber sehr unsicher. Es ist als würde er um den heißen Brei herum reden. „Als du mir letzte Woche gesagt hast, dass du etwas für mich empfindest, dachte ich mir: Kann es etwas Schöneres geben, als mit diesem Mädchen den Rest meines Lebens zu verbringen? Nein, bestimmt nicht. Ich dachte ... also ... Gott, das ist echt schwer.“
    „Tom“, fange ich an und ahne bereits, was er mir sagen möchte. Deswegen muss ich es einfach aussprechen. Ich brauche Gewissheit. „Dir ist klar geworden, dass du nicht das selbe für mich empfindest wie ich für dich, richtig?“
    Einen Moment sieht er mich forschend an. Dann nickt er zögernd, was für mich wie ein Schlag ins Gesicht ist. Einen Augenblick schließe ich die Augen. Vielleicht ist es nur ein schlimmer Traum. Vielleicht wache ich jetzt auf. Bitte, ich will aufwachen! „Ich will wirklich den Rest meines Lebens mit dir verbringen. Aber nur wenn du eine Freundin an meiner Seite bist. Eine Freundin, verstehst du?“ 
    Einatmen. Ausatmen. Tränen zurückhalten. Lächeln. Und nicht loschreien. „Das verstehe ich. Dann ... Danke für deine Ehrlichkeit.“ Meine Stimme ist erstaunlich ruhig, dafür dass mein Inneres gerade kocht. „Weißt du, mir ist gerade eingefallen, dass ich noch einen Termin habe. Kannst du die Sachen alleine zurückbringen?“
    „Natürlich. Lucy, es ist doch alles okay zwischen uns, oder?“
    Ich presse die Lippen aufeinander und nicke, bevor ich mich auf dem Absatz umdrehe und davon stürme. Nichts ist okay. Gar nichts. Wäre mein Leben ein Film, dann wäre jetzt der Moment indem es anfängt zu regnen und dramatische Musik einsetzt. Ich fühle einen stechenden Schmerz in meiner Brust und kann nicht anders, als meinen Tränen schließlich freien Lauf zu lassen. So fühlt es sich also an, wenn einem das Herz gebrochen wird. Ein immer schlimmer werdender Schmerz und das Gefühl, als würde man keinen Halt finden während man das Gleichgewicht verliert und in einen dunklen, tiefen Abgrund stürzt.

    22
    Natürlich war es Teil von Donghaes Forderung gewesen, dass ich mir nicht noch einmal mit einem BTS Mitglied das Hotelzimmer teile. Stattdessen ist Danbi nun meine Zimmergenossin, während Namjoon sich bereit erklärt hat, mit Donghae ein Zimmer zu teilen. Ich habe das seltsame Gefühl als würde Donghae damit sicherstellen wollen, dass ich auch wirklich hart arbeite. Schließlich kann Danbi so ständig Bericht erstatten, was ich so treibe.
    Bis zu der Gruppenbesprechung am Abend gehe ich BTS weitestgehend aus dem Weg. Gerade bei der Verteilung der Zimmer trafen mich zwar immer wieder neugierige Blicke, aber noch hat niemand etwas gesagt. Dann scheint es also gar nicht so verwunderlich zu sein, dass ich plötzlich nichts mehr mit ihnen zu tun habe. Ein Zeichen dafür, dass das schon einmal bei einer anderen Person passiert ist?
    Das Meeting findet in einem Aufenthaltsraum des Hotel statt, welches nebenbei bemerkt unserem vorherigen Hotel stark ähnelt. Dieses Mal gibt es auch genügend Sitzpätze für alle. Danbi und ich sind die ersten, die ankommen - die Frau ist wirklich ein wandelnder Wecker. Nach und nach treffen auch Taemin, Donghae, Sook, Shiwon, Miga und die Idols ein. Es herrscht eine ziemlich entspannte Stimmung, Jin reißt ein paar Witze, Yoongi sieht aus als würde er gleich einschlafen und Taehyung ... Okay, nein. Nicht hinsehen, ermahne ich mich. Denk' nicht einmal dran.
    „Gut, ich würde sagen wir fangen direkt an, dann habt ihr alle noch etwas von diesem freien Abend. Wie ihr alle wisst, werden wir Kurzfilme drehen, zwei für jedes einzelne Mitglied und einen für die Gruppe. Danbi, stellen Sie doch bitte einmal die groben Konzepte vor“, beginnt Donghae die Sitzung. Gespannt sehe ich zu der Assisistentin. Auch wenn ich Teil des Produktionsteams bin, habe ich nämlich auch keine Ahnung von den Stories. Umso gespannter bin ich nun, welche Stories die einzelnen Mitglieder bekommen.
    „Ich würde sagen, wir fangen mit dem Ältesten an. Jin. Du wirst im Grunde genommen erstmal dich selbst spielen. Ein erfolgreiches Idol, das auch ziemlich zufrieden mit seinem Leben ist. Aber, und das ist das Problem mit welchem sich deine Filme auseinander setzen, hast du das Gefühl, als würde etwas in deinem Leben fehlen. Im zweiten Film wird dieses Problem gelöst: Du lernst eine junge Frau kennen, verliebst dich und bist wunschlos glücklich.“
    Jin nickt zufrieden. „Damit kann ich leben. Wirklich, das klingt gut“, meint er und scheint erleichtert. Auch die anderen stimmen zu und Danbi fährt mit Yoongis Kurzfilmen fort.
    „Im ersten Film besuchst du noch die Schule. Du bist ein Außenseiter, die anderen machen sich lustig über dich, weil du nie etwas sagst und gleichzeitig, na ja, aus einer armen Familie kommst. Der zweite Teil spielt einige Jahre später: Du bist ein berühmter Rapper, hast Erfolg - auch wenn du immer noch nicht viel redest.“
    Yoongi zieht eine Grimasse. „Warum muss ich denn mein eigenes Leben verfilmen lassen?“
    „Alle Filme beziehen sich in irgendeiner Weise auf euch und eure Lebensgeschichte, manche mehr und manche weniger“, antwortet Donghae an Danbis Stelle. „Deswegen könnt ihr auch ein wenig mitentscheiden was letztendlich gezeigt wird und was nicht. Danbi, weiter bitte.“
    Die Assistentin wirft einen kurzen Blick auf den Zettel in ihrer Hand. „Okay, dann Hoseok. Du spielst im ersten Film einen Street Dancer, der sich zwar so gerade über Wasser halten kann, aber trotzdem keinen festen Wohnsitz hat. Im zweiten Film nimmst du an einem Turnier teil, wirst entdeckt und kannst so deine Karriere als professioneller Tänzer beginnen.“
    „Woah“, macht Hoseok und zieht die Augenbrauen hoch. „Es ist echt gruselig wie realitätsnah das ist. Wow.“
    Ich freue mich ein wenig, dass die Filme so stark auf die individuellen Geschichten der Mitglieder bezogen sind. Da wird es ziemlich leicht, Fotos zu machen die zu den Filmen und gleichzeitig zu der Person passen.
    „Namjoon, in deinen Filmen dreht sich alles um einen intelligenten Schüler, der sehr hart arbeitet und kaum Zeit außerhalb der Schule und des Lernens verbringt. Deswegen verliert er immer mehr den Bezug zum, nennen wir es, normalen‘ Leben. Der zweite Film wird jedoch zeigen wie du den Bezug zur Musik findest und schließlich beschließt deine eigentlichen Träume zu erfüllen.“
    Namjoon nickt lächelnd und scheint sich über den Inhalt seiner Filme zu freuen.
    „So, dann Jimin. Der Protagonist deiner Filme ist Perfektionist und sehr, sehr selbstkritisch. Dem Wunsch, sich selbst zu perfektionieren, folgend, fällt er in eine Essstörung. Er bricht dann im zweiten Film jedoch vor Schwäche zusammen und muss ins Krankenhaus. Seine Freunde zeigen ihm, dass er perfekt ist so wie er ist.“
    Ein leichtes Lächeln legt sich auf Jimins Gesicht, als Jin und Taehyung ihre Hand auf Jimins Schulter legen und leicht drücken. Das nennt man Familie, denke ich sehnsüchtig und muss mich zusammen reißen, nicht los zu weinen. Schließlich habe ich schon seit Jahren ... keine Familie mehr.
    „Wir nähern uns schon dem Ende. Taehyung.“ Unbewusst richte ich mich ein wenig auf. Ich bin gespannt auf seine Geschichte. „Du kannst dir aussuchen in welcher genauen Umgebung deine Geschichte spielt, aber du wirst einen Außenseiter spielen. Du scheinst in deiner eigenen Welt zu leben, andere verstehen dich nicht wirklich und deshalb fühlst du dich einsam. Im zweiten Film lernst du jedoch eine Person kennen - auch hier hast du relativ freien Spielraum - die dich so akzeptiert wie du bist.“
    „Oh, das klingt schön“, lacht Taehyung und ich muss grinsen. „Ich habe schon gute Ideen-“
    „Deine Ideen kannst du später dem Team mitteilen“, sagt Danbi mit einem Lachen und wendet sich dann zu Jungkook. „Der Jüngste also. Dein Protagonist will immer alles richtig machen und in allem gewinnen. Durch seinen Selbstfokus verliert er jedoch nach und nach seine Freunde. Im zweiten Film verletzt er sich bei einem zu harten Training und muss sich folglich schonen. Dadurch lernt er aber auch, sich etwas zurück zunehmen. Seine Freunde erlangt er so dann auch zurück.“
    Jungkook legt den Kopf schief und denkt kurz nach. Dann nickt er langsam und ein seine Augen hellen sich nach und nach auf. „Das ist gut“, lautet sein Urteil schließlich und seine Freunde lachen.
    „So. Da ihr jetzt alle wisst, was euch erwartet, würden wir einfach an das Produktionsteam übergeben. Falls ihr Ideen habt, teilt diese rechtzeitig mit, die Filme müssen recht bald fertig sein.“ Donghae und Danbi verabschieden sich und verschwinden dann. Unsicher sehe ich zu Taemin. Ich bin definitiv niemand, der gerne die Führung übernimmt, da fühle ich mich nur unwohl. Zu meinem Glück übernimmt Taemin das Kommando und steht auf.
    „Ich denke nicht alle von euch werden jetzt schon Ideen haben, wie wir die Filme genau gestalten können. Deshalb würde ich einfach sagen, dass ihr bis morgen Abend Zeit habt uns etwas mitzuteilen, sodass wir alles rechtzeitig besprechen können. Damit seid ihr für heute erstmal entlassen.“
    Den Idols fällt sichtbar ein Stein vom Herzen. Yoongi und Hoseok springen sofort auf und verabschieden sich dann. Auch Namjoon, Jin und Jimin verlassen kurz darauf den Raum. Jungkook fragt Taemin nach Zettel und Stift, damit er seine Ideen aufschreiben kann und hat schon nach kurzer Zeit eine halbe Seite vollgekritzelt. Taehyung schaut ihm kurz über die Schulter und nickt anerkennend. Dann jedoch sieht er mich an und für einen Moment setzt mein Herz einen Schlag lang aus. Schnell und erschrocken drehe ich mich weg, doch es ist zu spät. Er kommt bereits auf mich zu. Ich tue so, als würde ich etwas wichtiges in meinen Unterlagen suchen.
    „Lucy?“, höre ich seine angenehm tiefe Stimme vor mir und beiße mir kurz auf die Unterlippe bevor ich antworte.
    „Ja? Hast du Ideen?“, frage ich und sehe, auch wenn es mir schwer fällt, zu ihm hoch.
    Er schüttelt nach kurzem Zögern den Kopf. „Nein. Ich wollte nur kurz mit dir reden.“
    Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen, als ich aufstehe und mich an ihm vorbei drängle. „Wenn es nichts mit den Filmen zu tun hat, habe ich leider keine Zeit. Tut mir Leid.“ Gott. Wie kann es nur Menschen geben, die andere so abweisend behandeln ohne sich dabei am liebsten in ein Loch verkriechen zu wollen?
    „Aber-“, fängt Taehyung an, doch den Rest des Satzes höre ich nicht, da ich, meine Papiere fest an mich gedrückt als würde mein Leben davon abhängen, aus dem Raum stürze.

    23
    Den folgenden Tag bekomme ich kaum etwas von BTS mit. Dafür bin ich viel zu beschäftigt. Um sieben Uhr weckt Danbi mich, da Donghae kurzfristig ein Meeting einberufen hat, in welchem Taemin, Miga, Sook, Shiwon und ich bis Mittag einen Drehplan ausarbeiten. Hoseok hat uns bereits gute Anregungen geliefert, sodass wir beschließen, mit seinen Filmen schon übermorgen anzufangen. Allerdings muss bis dahin viel geschehen: Wir brauchen Stylisten, eine Location und überhaupt erst ein Drehbuch. Nun, und für das sind Miga und ich zuständig. Die bisher eher ruhig auftretende Frau in meinem Alter, lächelt mich an als der Plan steht.
    „Ich denke, wir werden das ganz gut hinbekommen. Am besten gehen wir an irgendeinem ruhigen Ort“, sagt sie und ist bereits dabei ihre Sachen zu packen. 
    „Das Drehbuch muss heute abend fertig sein, sodass wir morgen alles organisieren können“, erinnert uns Taemin. „Macht euch auf einen straffen Zeitplan gefasst.“
    Mit einem Seufzen erhebe ich mich ebenfalls. Von einer Fotografin zur Autorin innerhalb weniger Stunden. Das kann auch nicht jeder von sich behaupten. Eigentlich hätte ich mich viel lieber um die Location gekümmert, das ist etwas das mir liegt, aber gut. Taemin wird schon wissen warum er mich dafür eingeteilt hat, richtig? 
    Gerade als Miga und ich den Raum verlassen wollen, kommt Donghae herein. Na toll. Was gibt es diesmal wieder zu bemängeln? „Ah, Lucy, gut dass ich Sie noch treffe. Es geht um den Artikel “, begrüßt er mich und ich lege den Kopf schief. Artikel? Welcher ... Oh. Der Artikel. Stimmt, da war ja etwas. „Ich habe gute Neuigkeiten. Es wurde ein weiterer Artikel veröffentlicht, indem das Magazin die Gerüchte widerlegt hat. Damit sind sie vorerst oberflächlich aus der Welt geschaffen, aber so ganz schnell geht das natürlich nicht. Wenn jetzt jedoch keine Aufmerksamkeit mehr in dieser Hinsicht erregt wird, dann ist das ganze in zwei, drei Wochen vergessen.“ Noch ein intensiver, vielsagender Blick und die unausgesprochene Warnung von ihm an mich ist unmissverständlich. Ich habe es ja verstanden! Was soll ich denn noch tun abgesehen von meinem abweisenden Verhalten? Freiwillig kündigen? 
    Zum Glück zieht Miga mich mit sich, bevor ich Donghae einen wütenden Blick zu werfen kann. „Komm, die Zeit drängt!“, ruft sie und wirft Donghae einen entschuldigenden Blick zu. Als wir jedoch im Aufzug nach unten stehen, fängt sie an zu lachen. „Donghae hat dich ganz schön auf dem Kicker, was?“
    Ich ziehe unbeholfen die Schultern nach oben. „Ich habe wirklich keine Ahnung wieso.“ Ernsthaft, so langsam beschleicht mich das Gefühl als würde hinter seinen Mahnungen viel mehr hinter stecken. Aber was? Mir fällt einfach kein Grund ein, so sehr ich auch nachdenke. 
    „Ich verstehe das auch nicht. Taemin hat uns ein wenig aufgeklärt, weil die Spannung zwischen euch unübersehbar ist. Dann darfst du also nichts mit BTS zu tun haben, also außerhalb der Arbeit?“
    Taemin. Dem Mann vertraue ich ganz bestimmt nichts mehr an. Aber Miga scheint ehrlich interessiert und auch vertrauenswürdig zu sein. „Richtig. Er geht scheinbar davon aus, dass eine etwas engere Beziehung als ein Arbeitsverhältnis sofort eine Hochzeit bedeutet.“
    Miga legt den Kopf in den Nacken und denkt nach. „Ich frage mich, warum er da so streng ist. Ob es wohl schon mal so eine Situation gab, die jedoch alles andere als gut ausgegangen ist?“ 
    „Schon möglich, darüber habe ich auch nachgedacht. Aber im Endeffekt hilft mir das auch nicht. Wenn ich meinen Job behalten will, muss ich eben-“
    „Taehyung mitten im Raum stehen lassen?“, beendet sie meinen Satz und sieht mich, vielleicht ein wenig vorwurfsvoll, an. „Du hättest ihn sehen müssen, als du gestern einfach gegangen bist. Einen Moment dachte ich wirklich, er würde anfangen zu weinen, der Arme.“
    Oh, nein. Bitte nicht. Nicht ... Zu spät. Mir steigen Tränen in die Augen. Zwei Dinge bringen mich ständig zum Weinen: Wenn andere vor meinen Augen in Tränen ausbrechen oder auch nur der Gedanken daran, dass eine Person die ich mag weinen könnte. „Ich wollte das gar nicht“, murmele ich und schniefe. „Ich ... dachte es ist das Richtige, wenn ich so bin. So behalte ich meinen Job ... und kann wenigstens etwas Zeit mit ihnen verbringen. Denn ich mag sie, echt. Ich weiß nicht einmal warum ich dir das erzähle. Tut mir Leid“, schluchze ich. Die Tränen laufen mir nun unaufhörlich über die Wangen und ich wische sie wütend weg. Wütend, weil ich meine Gefühle nicht unter Kontrolle habe und wütend, weil ich keinen Ausweg aus diesem Dilemma sehe.
    Miga will gerade etwas erwidern, als wir unten ankommen und die Fahrstuhltür aufgeht. Sie saugt scharf die Luft ein. Ich reibe mir kurz über die Augen, da ich durch den Tränenschleier kaum etwas erkennen kann. Einen Moment lang habe ich das Gefühl als würde ich einen Schock erleiden. Denn vor mir steht niemand anderes als  ... Taehyung.

    24
    Einen Augenblick lang scheint die Zeit zwischen uns stehen zu bleiben. Wir starren einander einfach in die Augen und keiner sagt etwas. Nicht, dass ich überhaupt wüsste was ich sagen könnte. Genauso weiß ich nicht, was Taehyung sagen sollte. Am besten ignoriert er mich einfach und vergisst, dass ich ihm weinend gegenüber stehe. Nach meiner gestrigen Aktion habe ich sowieso nichts anderes verdient als seine Abneigung. Mein Gott, ich weiß echt wie man Beziehungen zu Menschen zerstört. Aber das ist bei mir ja nichts neues.
    Es ist schließlich Miga, die etwas Bewegung in die Situation bringt, indem sie mich aus dem Fahrstuhl schiebt, bevor dieser sich schließt. Taehyung macht einen Schritt zurück, um Platz zu machen, aber sonst tut er nichts. Er wendet nicht einmal den Blick von mir ab, während ich es nicht mehr ertrage und zu Boden sehe.
    „Taehyung!“, ruft da jemand und ich schaue auf. Jungkook kommt uns, einen Stapel Pizzen auf seinen Armen balancierend, entgegen. „Ich habe doch gesagt, du sollst den Fahrstuhl freihalten!“ Er dreht sich ein wenig, um sich anzusehen, worauf Taehyung starrt und gibt dann ein leises „Oh“ von sich. „Komm' jetzt endlich. Jin verhungert wahrscheinlich schon. Hallo? Erde an Taehyung?“
    Irgendwann spüre ich ein Ziehen an meinem Ärmel und sehe Miga an. „Wir müssen los, wir haben nicht ewig Zeit. Jetzt komm schon.“ Widerwillig gehe ich schließlich mit ihr. Auf der einen Seite bin ich froh, endlich aus der Situation zu flüchten. Auf der anderen Seite jedoch wird mir bewusst, dass sich die seltsamen Situationen zwischen mir und Taehyung nur noch anhäufen und er mich mittlerweile wahrscheinlich schon als kaltherzig abgestempelt hat. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn er mich hasst. Eigentlich wäre doch eher das Gegenteil verwunderlich.
    Ich bemerke gar nicht, wie Miga mich aus dem Hotel in einen nahegelegenen Stadtpark führt, bis sie mich dort auf eine Bank drückt und mir in den Arm kneift.
    „Aua!“, rufe ich, aus meiner Trance gerissen. „Was soll das?“
    „Ich habe dich jetzt schon zehn Mal gefragt, was das eigentlich für eine Situation gerade war. Aber du hörst mir einfach nicht zu!“
    „Tut mir Leid“, murmele ich und erkenne, dass sie durchaus das Recht hatte, mich zu kneifen. „Ich weiß es aber nicht.“
    Miga seufzt und setzt sich dann neben mich. „Weißt du was ich denke? Ich denke, dass du Taehyung echt magst. Und damit meine ich, dass du mehr für ihn empfindest. Und ich denke, und da bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass es dir und deiner Psyche echt nicht gut tut, diesen Job weiter auszuüben, zumindest unter dieses Bedingungen.“
    Ihre Stimme ist zwar sanft, hat aber einen sehr ernsten Unterton. Ich muss schlucken. „Du ... hast Recht, ich denke ...“ Soll ich es sagen? Einmal aussprechen? Vielleicht ... hilft es ja. „Ich habe mich in Taehyung verliebt“, gebe ich nach einem kurzen Ringen mit mir selbst, zu. Aber die Erleichterung, die ich mir erhofft habe, bleibt aus.
    Miga nickt und wirft mir den typischen „Ich habe es doch gewusst“-Blick zu. „Okay. Dann ist hier mein Rat. Rede mit Donghae, sodass du mehr Freiheit bekommst. Wenn er dir die nicht geben will ... dann schreib Taehyung eine Nachricht und erkläre es ihm einfach. Er wird es bestimmt verstehen.“
    „Ich habe seine Nummer gar nicht“, werfe ich ein. „Außerdem ... habe ich Probleme damit, Dinge über WhatsApp zu klären.“
    „Und wieso?“
    Ich atme tief aus. „Weil mich dadurch mal jemand sehr verletzt hat und ich nicht will, dass sich Taehyung genauso fühlt.“
    Miga sieht mich skeptisch an, nickt dann aber. „Okay. Dann keine Nachricht. Aber es gibt eine dritte Option. Du kündigst.“
    Wow. Das ist eine ziemlich ... radikale Maßnahme, die ich auch gar nicht ergreifen will . „Ich werde nicht kündigen. Das ist der Beruf, den ich ausüben will, da muss ich mich eben Schwierigkeiten stellen. Das bekomme ich hin.“ Ich merke selbst, wie verzweifelt ich wohl klingen muss.
    „Also ich weiß ja nicht, was du so als Schwierigkeit bezeichnest, aber jemandem nicht nahe zu sein dürfen obwohl man ihn liebt, das würde ich eher als Riesenproblem definieren. Ich kann verstehen, dass du den Job nicht einfach aufgeben willst. Hey, wenn ich einen anderen Weg sehen würde, würde ich dir das sagen. Was meinst du denn wie lange du das ganze aushälst? Ein, zwei Monate höchstens.“ Miga seufzt. „Rede einfach mit Taehyung. Sag ihm was Sache ist und ... vielleicht findet ihr eine Lösung.“ Ich starre meine kalten Finger an und muss Migas harte, aber ehrliche Worte erst einmal verdauen. „Wahrscheinlich musst du darüber nachdenken. Weißt du was? Ich habe sowieso den Zettel mit der Story im Hotel vergessen, den hole ich jetzt und in der Zwischenzeit überlegst du, was du machst. Deal?“
    Ich nicke zaghaft. Es ist seltsam, aber Miga ist die erste Person, in der ich seit langem eine Art Freundin sehe. Die Art von Freundin, die einem Ratschläge in schlechten Zeiten gibt, mit der man stundenlange Telefonate führen kann und die kein Problem damit hat, mitten in der Nacht mit Vanille-Eiscreme vor der Tür zu stehen. Und dafür bin ich ihr jetzt schon unendlich dankbar.
    Miga drückt kurz meine Schulter bevor sie aufsteht und geht. Ich sehe ihr hinterher, im Hinterkopf immer ihre Worte. Tja, was soll ich tun? Mich zusammenreißen? Kündigen? Von einer Brücke springen? Gut, dass wäre wohl sehr ... endgültig. Sogar wenn man Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern sitzen würden, wären sie sprachlos.
    Mit einem Frösteln ziehe ich die Ärmel meines Mantels über meine Hände. Ich trage den Mantel, den Taehyung mir mitten in der Nacht gebracht hat. Und wie habe ich es ihm gedankt? Mit einer kalten Abweisung. Wieder einmal kommen mir die Tränen. Ich bin einfach so ein schlechter Mensch. Es ... Es ist doch eigentlich für alle am besten, wenn ich kündige, oder?
    „Ich will nicht, dass du gehst.“
    Erschrocken sehe ich beim Klang der tiefen Stimme hoch. Das kann doch nicht wahr sein ... Was macht Taehyung denn hier? Mit einem Schlag wird es mir bewusst. Miga. Sie ist höchst wahrscheinlich zum Hotel gegangen, um Taehyung zu bitten, zu mir zu gehen. Ich kann es ihr nicht einmal vorhalten.
    Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ergreift Taehyung meinen Arm und zieht mich von der Bank hoch. Und schon im nächsten Moment finde ich mich in einer festen Umarmung wieder.

    25
    Das hier ist das erste Kapitel, welches ich zu einem Lied schreibe! Es ist zu „Good Day“, vorgeschlagen von K.Kuscheltierfan:) Nehmt euch vor dem Lesen kurz Zeit und schaltet es ein (hier ein Link dazu: https://www.YouTube.com/watch? v=EXpCpAU1ob8 ) Und nun viel Spaß!

    Ich spüre Taehyungs warmen Atem an meinem Ohr. Die Kälte, die mich zuvor umgeben hat, ist mit einem Mal wie weggeblasen und einer alles durchdringenden Wärme gewichen. Mein Herz pocht wie verrückt und ich habe das Gefühl, als würden meine Beine jeden Moment nachgeben. Und selbst wenn, wäre da Taehyung, der mir Halt gibt.
    „Ich will nicht, dass du gehst“, flüstert er erneut und ich schließe die Augen, um gegen die Tränen anzukämpfen. „Ich will, dass du bleibst.“
    „Taehyung ...“, murmele ich, will mich lösen, doch er drückt mich nur noch fester an sich. „Taehyung, ich bekomme wirklich Ärger, wenn uns jemand so sieht.“
    „Mir egal, was die anderen denken.“
    Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, aber gleich darauf wird mir bewusst, dass es nichts zum Lächeln gibt. Im Gegenteil. „Donghae ...“
    „Miga hat erzählt, was er gesagt hat. Das ist alles meine Schuld.“
    „Was redest du denn da? Das ist doch nicht deine Schuld. Es gibt Regeln ...“
    „... die es nur wegen mir gibt.“ Nun löst er sich doch ein Stück von mir, gerade so, dass er mir in die Augen sehen kann. „Auf der Tour letztes Jahr habe ich mich sehr gut mit einer Stylistin verstanden. Aber es hat sich herausgestellt, dass sie ... hmm ... ziemlich besessen von mir war. Es lief einiges schief und Donghae ... na ja, dass weißt du ja.“
    Also lag ich mit meiner Vermutung richtig. „Das ist aber nicht deine Schuld. Und Donghae hat eigentlich auch richtig gehandelt-“
    „Nein“, unterbricht mich Taehyung und zieht die Augenbrauen zusammen. „Er kann und sollte mir auch nicht vorschreiben mit wem die anderen und ich Zeit verbringen. Das möchte ich selbst entscheiden. Deswegen werde ich auch mit ihm reden. Wenn er die Regeln schon nicht abschaffen kann, soll er wenigstens eine Ausnahme bei dir machen.“
    Unwillkürlich muss ich grinsen. „Woher willst du denn wissen, dass ich kein verrückter Fan bin?“
    Er zuckt mit den Schultern und grinst ebenfalls. „Ich habe beim Durchsuchen deiner Taschen keine seltsamen Dinge gefunden. Spaß, ich würde nie die Sachen anderer Leute durchwühlen.“
    „Und warum dann?“ Nun bin ich wirklich neugierig. Taehyung scheint mir irgendwie zu vertrauen ... Aber warum? Ich habe schließlich nicht gerade Sympathie erweckt.
    „Ich weiß es nicht einmal wirklich. Ich mag dich. Und obwohl wir uns gerade seit nicht einmal einer Woche kennen würde ich dich sogar schon als Freundin bezeichnen.“
    Ein roter Schimmer belegt meine Wangen. Das habe ich definitiv nicht erwartet. „Ehrlich? Aber ich war so gemein zu dir ...“
    Mit einem Lachen zieht Taehyung mich wieder zu sich und legt sein Kinn auf meinem Kopf ab. „Stimmt, das hat mich auch ziemlich verletzt. Ich dachte, ich hätte vielleicht etwas falsches gesagt oder getan. Ich kann anderen nicht die Schuld für etwas geben. Darin bin ich einfach chronisch unfähig. Also suche ich die Fehler bei mir. Wirklich, ich lag die ganze Nacht wach, nur weil ich nicht wusste warum du dich so verhalten hast.“ Ich bin schon fast traurig, als Taehyung sich wieder von mir löst. Doch dafür verliere ich mich nun in dem tiefen Braun seiner Augen, was für mich genauso angenehm ist wie die Umarmung eben. „Aber jetzt weiß ich es ja und verstehe es.“
    Ich schüttele betrübt den Kopf und muss mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. „Ich hätte dich trotzdem nicht so behandeln sollen. Das ... Das macht man einfach nicht. Es tut mir wirklich unfassbar Leid.“
    Einen Moment lang kneift Taehyung die Augen zusammen. Fast denke ich, dass er ernsthaft wütend ist. Doch dann fängt er an zu lachen, laut und herzlich. Und mit einem Mal löst sich die ganze Anspannung, die sich während der letzten Tage bei mir angesammelt hat und ich lache ebenfalls. Ich lache, weil es plötzlich keinen Grund mehr gibt, traurig zu sein. Weil ich auf einmal Tausende, nein, Millionen Schmetterlinge im Bauch habe. Weil mein ganzer Körper kribbelt als würde mich jemand Unsichtbares durchkitzeln. 
    Irgendwann wuschelt mir Taehyung durch die Haare. „Du solltest öfters lachen. Das klingt so schön.“ In jeder anderen Situation wäre ich jetzt Rot geworden und hätte mich in meinem dicken Schal versteckt, aber die Tatsache, dass er so etwas sagt, bringt mich nur noch mehr zum Lachen. Ich kann gar nicht mehr aufhören! Ob es wohl daran liegt, dass ich einfach ein Mensch bin, der gerne lacht oder daran, dass ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr so richtig gelacht habe? Tatsache ist jedoch kurz und einfach, dass es mir unmöglich ist, aufzuhören. Nur allmählich schwächt sich mein Lachflash ab, doch letztendlich muss ich mich, immer noch kichernd und mir den Bauch haltend auf die Bank setzen, während Taehyung mich nur mit erstauntem Blick und einem riesengroßen Grinsen im Gesicht anstarrt. Ich wische mir Lachtränen aus den Augenwinkeln und sehe zu ihm hoch. „Tut mir Leid, ich musste mich einfach mal auslachen.“ Ich atme tief durch und lächle dann. „Das tat wirklich gut.“
    „Ich sage immer: Lachen ist die beste Medizin. Das heißt jetzt bist du der gesündeste Mensch auf dieser Welt.“ Er hält mir seine Hand hin. „Und jetzt gehen wir zu Donghae und reden mit ihm, in Ordnung? Ich will dieses Lachen schließlich noch öfter hören.“
    Ohne zu zögern strecke ich meine Finger mach seiner Hand aus und werde gleich darauf von ihm hochgezogen. Meine ersten Zweifel an dem Plan sind wie weggeblasen. Ich würde gerne sagen, dass es nichts bringen wird. Dass Donghae seine Meinung nicht ändern wird. Dass ich am liebsten kündigen würde, weil ich es sowieso nicht aushalte, in Taehyungs Nähe zu sein. Doch die ganzen schlechten Gedanken, die ich zuvor hatte, sind ... weg. Einfach weg. Nicht mehr existent. Als wären sie überhaupt nie da gewesen. Auf einmal habe ich das Gefühl, als könnte es tatsächlich klappen. Und das Wissen, Taehyung als einen Freund an meiner Seite stehen zu haben, jemanden der für mich da ist und mich selbst in dunklen Stunden zum Lachen bringen kann ... Gott, dieses Gefühl ist so unbeschreiblich schön. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich dieses Gefühl bisher jemals gespürt habe. Aber eins kann ich mit hundertprozentiger Sicherheit sagen: Zum ersten Mal seit Jahren bin ich aus tiefstem Herzen und mit allem was ich bin glücklich .

    26
    Als wir das Hotel wieder erreichen, steht Miga bereits vor der Tür und grinst uns breit an. „Na, alles geklärt?“, fragt sie scheinheilig und würde ich nicht so fröhlich sein wäre ich wohl echt wütend, dass sie sich in das alles eingemischt hat. Aber im Endeffekt kann ich nur dankbar sein. So wie ich mich kenne hätte ich nie selbst die Initiative ergriffen.
    Ich sehe zu Taehyung. „Alles super“, lächle ich. „Du weißt nicht zufällig wo Donghae ist?“
    „Ich glaube im Aufenthaltsraum. Muss wohl was mit Danbi besprechen, oder so. Okay, also ich kann mir schon vorstellen warum du ihn suchst, aber bitte vergiss nicht, dass wir noch das Drehbuch schreiben müssen. Wir haben sowieso schon kaum Zeit“, sagt Miga beim Hereingehen.
    „Wir, also die anderen und ich, könnten doch beim Drehbuch helfen!“, schlägt Taehyung vor. Ich sehe ihn überrascht an. „Das wird bestimmt Spaß machen. Wir haben alle immer gute Ideen für Musikvideos, da klappt das bestimmt auch. Bitte?“
    Ich zucke mit den Schultern. „Also ich habe nichts dagegen. Du?“
    Miga schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich. Taemin hat ja nicht gesagt, dass wir ganz alleine arbeiten sollen. Ich habe allerdings eine Bedingung. Ein Stück von der Pizza, die ihr vorhin geholt habt. Die roch echt lecker.“
    „Das lässt sich einrichten. Dann laufe ich schnell nach oben und sage den anderen sie sollen was übrig lassen, wir treffen uns beim Aufenthaltsraum, reden mit Donghae und dann können wir-“
    „Taehyung, du musst atmen!“, lache ich und schiebe ihn dann vor mir in den Fahrstuhl. Miga folgt uns kichernd und formt mit ihren Lippen die Worte: „Wie süß“. Auch wenn ich ihr innerlich zustimme, muss ich ihr einen bösen Blick zu werfen. Was fällt ihr ein in aller Öffentlichkeit so etwas zu machen? Gut, so öffentlich ist es hier nicht, aber trotzdem. Plötzlich wird mir bewusst, dass nun bereits zwei Menschen wissen, was ich für Taehyung empfinde. Ob das wohl gut geht?

    ~oOo~

    „... aus diesem Grund möchte ich Sie bitten, Lucy nicht so zu behandeln und eine Regeländerung vorzunehmen“, endet Taehyung seine bestimmt fünfminütige Rede. In diesen fünf Minuten hat er mehr positive Seiten an mir aufgezählt als mir selbst in den Sinn gekommen wären. Wirklich, ich komme mir nun fast wie eine Heilige vor, so sehr gelobt hat er mich, meine harte Arbeit, dass ich weitermache, obwohl alles schief läuft - hier hat er ganz eindeutig von der kaputten Kamera gesprochen - nur um ein paar Dinge zu nennen. Trotzdem zeigt Donghaes Gesicht vor uns keine Regung. Es herrscht eine fast schon beunruhigende Stille. Ich kann sogar das Ticken der Wanduhr hören, so leise ist es. Und natürlich meinen eigenen Herzschlag, von dem ich nicht denke, dass er in diesem Tempo normal ist. Dieses ganze Gefühlschaos der letzten Tage hat mein Herz ganz schon auf Trab gehalten. 
    „Hm“, macht Donghae schließlich und mustert mich, als würde er mich jetzt erst zum ersten Mal richtig wahrnehmen. „Ich fürchte, dass ich Ihnen wohl einen falschen Eindruck vermittelt habe. Es geht bei den Regeln nicht darum, dass ich sie nicht für fähig halte. Sie dienen lediglich dem Schutz vor ... na ja, übertriebenen Fans und dergleichen.“
    „Das weiß ich jetzt und ich habe vollstes Verständnis dafür“, erkläre ich und befürchte bereits, dass Donghae seine Vorschriften nicht zurücknimmt. Niedergeschlagen senke ich den Kopf. 
    „Aber ... Ich denke, ich kann Taehyungs Urteil hier vertrauen. Natürlich möchte ich Freundschaften und dergleichen nicht im Wege stehen. Aus diesem Grund bin ich damit einverstanden, dass Sie auch privat Kontakt zu BTS pflegen. Natürlich alles in einem gewissen Rahmen, sodass sie ihrer Arbeit noch nachkommen.“
    Überrascht starre ich ihn an. „Ehrlich? Das ist ... Das ist ernst gemeint?“, stammele ich und als Donghae nickt würde ich am liebsten um den Hals fallen. Damit zähle ich BTS jetzt offiziell zu meinem Freundeskreis! Gut, der besteht nun zwar nur aus ihnen, aber gerade diese Tatsache macht mich einfach glücklich. „Ich danke Ihnen! Ich werde Sie ganz sicher nicht enttäuschen!“
    Donghae lacht und wir verabschieden uns. Als Taehyung und ich vor dem Raum stehen, kann ich mich nicht mehr halten und hüpfe umher. „Es hat geklappt!“
    Taehyung lacht und umarmt mich dann kurz. Gott, daran muss ich erst mal gewöhnen ... „Ich habe ja auch überzeugende Argumente gebracht “, meint er und drückt mich fest. Mein Körper fängt an zu kribbeln und ich versinke in dem angenehmen Duft nach Zitrone und Minze, der ihn umgibt. Einen Moment mal … dieser Duft ist mir nur allzu gut bekannt. Entsetzt reiße ich mich los und starre Taehyung an. „Was ist denn? Bin ich dir zu nahe getreten?“, fragt er und sieht mich fast schon ängstlich an.
    „N-nein“, stammele ich. „Es ist nur …“ Meine Güte, wie erkläre ich jemandem, dass er genauso duftet wie mein erster und einziger Freund? Das muss doch echt merkwürdig klingen. Scheinbar haben Zitrone und Minze eine magische Anziehungskraft auf mich … Aber das ist doch jetzt egal, ich stecke gerade in einer echt blöden Situation. Innerlich seufze ich. Noch seltsamer kann ich ihm doch sowieso nicht erscheinen. Warum also nach einer Ausrede suchen? „Also, du riechst … du duftest wie … na ja, jemand der mir mal sehr nahe stand … also, wie mein Ex-Freund, um genau zu sein.“ So. Schön Sie kennenzulernen, mein Name ist Lucy Kimmel und ich bin nun offiziell der verrückteste Mensch der Welt!
    „Oh“, macht Taehyung und legt den Kopf schief. „Ist das schlecht?“
    Ich zucke mit den Schultern. „Nein, es ist nur … überraschend? Tut mir Leid, du hältst mich wahrscheinlich für vollkommen bescheuert. Das kann ich nachvollziehen.“
    „Ach, Quatsch“, grinst er. „Außerdem bin ich mindestens genauso verrückt. Hey, vielleicht habe ich ja endlich meine Seelenverwandte gefunden?“ Mit diesen Worten legt er einen Arm um meine Schultern und schiebt mich den Flur herunter, damit wir endlich zu den anderen gehen können. Doch mir geistert währenddessen nur ein Wort im Kopf herum. Seelenverwandte. Hatten wir das nicht schon einmal? Schließlich war ich mal fest davon überzeugt, Tom sei mein Seelenverwandter. Aber das hat sich als falsch herausgestellt. Gleichzeitig muss es doch nun noch jemanden geben, der das Gegenstück zu meiner Seele in sich trägt. Oder nicht? Gibt es nicht Seelen, die füreinander bestimmt sind? Ist Taehyung möglicherweise … Ist der Grund dafür, dass ich mich so schnell in ihn verliebt habe, vielleicht dass wir füreinander bestimmt sind? Ach, was denke ich denn da. Würde das so sein, müsste Taehyung doch auch so etwas fühlen, richtig? Und das tut er offensichtlich nicht. Meine Güte, warum muss Liebe auch so etwas kompliziertes sein.

    27
    „Ich stelle mir vor, dass am Anfang nichts gesagt wird. Es werden immer nur kurze Ausschnitte eines Tänzers, also mir, gezeigt, dazu passend Musik mit einem guten Beat. Vielleicht eine dramatische Melodie.“
    Hoseok sitzt, auf einem Stück Pizza kauend, auf dem Sofa in seinem und Yoongis Zimmer und fuchtelt bei seiner Erklärung wild mit seinen Händen herum. Während Yoongi auf seinem Bett liegt und aussieht als würde er schlafen, sitzen Namjoon und Jungkook auf dem Boden, Jimin und Jin haben sich neben Hoseok gequetscht, Taehyung sitzt auf einem Sessel und Miga und ich auf einem zweiten, kleineren Sofa. Miga verputzt gerade ihr drittes Stück Pizza und schreibt dabei eifrig mit. 
    „Das ist gut“, murmelt sie. „Man könnte den Soundtrack zu den einzelnen Filmen ja eigentlich komplett aus Songs von euch basteln, oder?“
    „Das könnten wir machen, aber wäre das nicht ein wenig ... eingebildet?“, fragt Jimin und sieht die anderen unsicher an.
    „Unsere Songs sind gut, also warum sie nicht verwenden“ brummelt Yoongi nun und setzt sich schließlich auf. Scheinbar ist das ein Thema, welches ihn doch ziemlich interessiert. „Und wir haben eine sehr große Auswahl. Außerdem müssen die Filme ja schon bald fertig sein, dann noch einen eigenen Soundtrack zu produzieren dauert einfach zu lange.“
    Miga nickt und schreibt alles Gesagte an den Rand ihrer Notizen. Gerne würde ich mich selbst in die Diskussion einbringen, aber aufgrund meines eher begrenzten Wissens über Filmproduktion geht das schlecht. Das einzige wobei ich wirklich helfen könnte ist vielleicht die Kameraführung und alles in dieser Richtung, doch das ist beim Schreiben eines Drehbuchs nicht wirklich hilfreich.
    „Dann hätten wir schon mal so ungefähr eine Minute. Die Filme sollen übrigens circa zehn Minuten lang sein, das sollten wir beachten.“
    „In den nächsten Minuten kann man ja den Alltag zeigen. Vielleicht ein paar Szenen in denen ich durch Gassen gehe?“, schlägt Hoseok vor und legt den Kopf schief. Hier fällt mir doch etwas ein und ich ergreife zum ersten Mal das Wort.
    „Man kann auch eine Fußgängermasse zeigen, einfach viele Menschen die durch das Bild gehen, aber du stehst abseits. Damit kann man deutlich machen, dass du gesellschaftlich nicht wirklich dazugehörst.“ Ich beiße mir auf die Unterlippe. In meinem Kopf habe ich diese Szene klar vor mir und sie sieht gut aus, aber ich hatte schon immer ein Problem damit, anderen das selbe Bild zu vermitteln.
    Hoseok klatscht begeistert in die Hände. „Das ist super, schreib' das auf!“ Auch die anderen nicken anerkennend. Erleichtert atme ich aus. So wie es aussieht bin ich doch nicht ganz nutzlos, das ist doch schon mal ein gutes Zeichen. Mein Blick trifft auf den von Taehyung, der mich aufmunternd ansieht und dabei einen Daumen nach oben zeigt. Okay, nicht ausflippen. Dass er meine Idee gut findet heißt nicht gleich, dass er mich auch mag – zumindest nicht so wie ich es mir wünsche. Und er hat selbst gesagt, dass er mich als Freundin bezeichnen würde … und Freunde unterstützen sich gegenseitig, richtig?

    ~oOo~

    Die nächsten drei Stunden verbringen wir fleißig mit dem Sammeln von Ideen und um Punkt 18 Uhr können Miga und ich ein fertiges Drehbuch für Hoseoks ersten Film bei Taemin abliefern. Er wirft einen kurzen Blick über den Stapel an Blättern und nickt anerkennend.
    „Nicht schlecht, ich bin wirklich überrascht, dass ihr das hier in der kurzen Zeit geschafft habt.“
    Ich werfe Miga einen Blick zu. „Wir hatten ein wenig Hilfe“, fange ich an. „Wir haben mit BTS zusammengearbeitet.“
    „Und es hat wirklich gut funktioniert wie du siehst. Ich finde, wir sollten auch für die anderen Filme die Jungs mit einbeziehen. Das ist zum einen nur fair und zum anderen auch sinnvoller“, fügt Miga hinzu und scheint sich auf eine Standpauke von Taemin bereits eingestellt zu haben. Doch Taemin scheint nicht wütend, eher im Gegenteil. Er nickt erneut und wendet sich dann wieder seinem Laptop zu, vor dem er sitzt.
    „Das sehe ich auch so. Unser Team wird immer größer“, lacht er. „So. Ich habe gesehen, dass ihr zu den Szenen jeweils aufgeschrieben habt, wo sie spielen sollen. Das ist super. Ich werde dann jetzt mal dafür sorgen, dass wir passende Locations finden und eine Genehmigung bekommen. Für heute Abend habt ihr also frei. Wir sehen uns morgen.“
    Ein Stein fällt mir vom Herzen. Der Tag war recht anstrengend, da tut ein wenig Zeit zum Entspannen echt gut. Wir verabschieden uns von Taemin und verlassen den Aufenthaltsraum – der scheinbar zum inoffiziellen Büro geworden ist – wieder.
    „Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich könnte jetzt echt eine heiße Schokolade vertragen. Was meinst du, sollen wir uns in ein Café setzen?“, fragt Miga mich und lächelt dabei herzlich.
    „Sehr gerne“, antworte ich wahrheitsgemäß. Es freut mich wirklich, dass ich in Miga eine Freundin gefunden habe. Und das sagt jemand, dem es schwer fällt Freunde zu finden. „Kennst du hier denn ein gutes Café?“
    Miga zuckt mit den Schultern und hakt sich dann bei mir unter. „Nicht wirklich. Aber-“
    Sie kommt nicht dazu, ihren Satz zu beenden, weil ihr jemand ins Wort fällt. „Aber ich kenne eins!“ Überrascht drehen wir uns zu der Stimme um und schauen in vierzehn Augenpaare. „Also falls es in Ordnung ist, dass sieben gelangweilte, gutaussehende und charmante junge Männer euch den Weg weisen“, lacht Taehyung und kassiert dafür von Hoseok einen leichten Stoß.
    „Du bist so ein Idiot, Taehyung. Wirklich.“ Hoseok verdreht die Augen und sieht uns dann entschuldigend an. „Was er meinte war, dass wir Lust haben mitzukommen.“
    „Von mir aus“, brummt Taehyung und reibt sich den Arm. „Kein Grund, Gewalt anzuwenden.“
    Es folgt eine kurze Diskussion zwischen den beiden darüber, dass Taehyung sich nicht so anstellen solle und Hoseok ein böser Mensch sei, welche Miga und ich jedoch nur stumm und ein wenig überfordert beobachten.
    Irgendwann tritt Namjoon zwischen die beiden. „Okay, das reicht jetzt. Ihr verschreckt sie ja nur.“ Hoseok und Taehyung wenden sich voneinander ab, doch beiden ist anzusehen, dass sie nur Spaß gemacht haben.
    „Also von mir aus können wir zusammen gehen“, sagt Miga schließlich und kann sich ein Lachen offensichtlich kaum verkneifen.
    „Super!“, ruft Taehyung und marschiert bereits davon. „Mir nach!“
    „Taehyung ...“, murmelt Jin und schlägt sich die Hand vor die Stirn. „Dieser Junge macht mich noch wahnsinnig.“
    Tja, Jin, da bist du nicht alleine

    28
    Ich glaube, ich hätte mir kein besseres Ende für einen anstrengenden Tag wünschen können. Das Café, in welches Taehyung uns führt, liegt zwar fast eine halbe Stunde vom Hotel entfernt, befindet sich dafür aber an einem Waldrand, gleichzeitig mit Ausblick auf einen See, der um diese Jahreszeit zugefroren ist. Durch die abgelegene Lage ist das Café eher spärlich besucht, aber das ist mir nur recht. Zu der gemütlichen Atmosphäre kommt noch ein unfassbar köstlicher Kakao und ein langes, ungezwungenes Gespräch zwischen allen Anwesenden – der Abend ist perfekt.
    Umso trauriger bin ich, als der Inhaber um Mitternacht an unseren Tisch tritt und uns verkündet, dass er schließen muss. Nun ja. Irgendwann hätten wir sowieso gehen müssen. Natürlich gibt es ein wenig Gebrumme, aber das kann ich gut verstehen. Schließlich bezahlen wir jedoch und treten hinaus in die Kälte. Tatsächlich ist mir wieder einmal gar nicht bewusst gewesen, dass es Winter und auch dementsprechend kalt ist. Mit einem Frösteln wickele ich meinen Schal enger um mich.
    „Miga, willst du vielleicht meinen Schal haben?“, höre ich Jin sagen und sehe mit leichter Belustigung zu ihm. Mir ist schon den ganzen Abend aufgefallen, dass er, wie soll ich sagen, sehr interessiert an Miga zu sein scheint. Waren vor wenigen Tagen noch Taehyung und ich das Traumpaar in Hoseoks Sicht, sind es nun die beiden. Und zugegeben, ich finde auch, dass sie einfach süß sind. Als Miga beispielsweise ihren Kakao verschüttet hat, ist Jin sofort aufgesprungen um ihr zu helfen. Und sie hat über jeden einzelnen seiner Witze gelacht. Über jeden und das nicht aus Mitleid, weil niemand anderes gelacht hat, sondern weil sie sie wirklich witzig fand.
    „Nein, nein. Den brauchst du selbst“, gibt Miga zur Antwort und lächelt vor sich hin. Da ist wohl jemand sehr, sehr glücklich.
    „Ich bestehe darauf. Hier.“ Ohne weiter zu diskutieren, nimmt Jin seinen dicken Schal ab und legt ihn ihr um den Hals. „So, dann wirst du auch nicht krank.“
    Yoongi seufzt neben mir und brummt etwas wie: „Nehmt euch bitte ein Zimmer.“ Ich stoße ihn leicht an und verdrehe gespielt genervt die Augen. Er sollte sich lieber darüber freuen, dass einer seiner besten Freunde vielleicht jemanden für sich gefunden hat. Das tue ich immerhin auch, obwohl … na ja, obwohl ich zwar jemanden gefunden habe, dieser jedoch nicht das selbe empfindet. Natürlich behandelt mich Taehyung mich nicht abweisend oder so, im Gegenteil. Er hat mehrmals gefragt, ob ich noch Spaß habe und wie es mir geht. Oh, und einmal hat mich sogar lachend darauf hingewiesen, dass ich Sahne auf meiner Nasenspitze habe. Das war zwar ziemlich peinlich, aber immerhin besser, als den ganzen Abend mit Sahne auf der Nase herumzulaufen.
    „Bevor wir hier erfrieren sollten wir vielleicht endlich gehen“, meint Jungkook schließlich, während er von einem Fuß auf den anderen hüpft.
    „Gut, dann los“, gibt Namjoon das Kommando zum Aufbruch. Jin und Miga gehen vor uns und unterhalten sich über irgendetwas. Auch Jimin und Hoseok sind in ein Gespräch vertieft, ich glaube, es geht um das Tanzen. Wir anderen gehen mehr oder weniger stumm hinter ihnen her. Mehr oder weniger, weil ich eigentlich die Einzige bin, die nichts sagt. Können einem eigentlich die Lippen einfrieren?
    Taehyung, der vor mir geht, dreht sich irgendwann zu mir um. „Alles in Ordnung? Du bist so still“, stellt er fest. Ich hebe widerwillig den Kopf aus meinem Schal.
    „Es ist nur kalt“, sage ich und watschele weiter. Es ist ziemlich glatt durch den Frost, weswegen man aufpassen muss, wie schnell man über welche Stelle geht.
    „Du siehst aus wie ein Pinguin“, lacht Taehyung und gesellt sich neben mich. „Ein kleiner, erfrierender Pinguin.“
    „So klein bin ich auch nicht“, empöre ich mich und hebe meine Hände vors Gesicht. „Das mit dem Erfrieren stimmt aber, ich spüre meine Hände nicht mehr.“ Das ist nicht einmal gelogen. Als ich meine Finger bewegen will, bekomme ich nur ein leichtes Zucken meines Zeigefingers zustande. Plötzlich greift Taehyung nach meinen Händen und umschließt sie mit seinen. Was macht er denn da?
    „Das ist nicht gut“, meint er. „Glücklicherweise habe ich immer warme Hände.“ Ein wenig überfordert, ein wenig viel überfordert, sehe ich ihn mit großen Augen an. Um die mobile Heizung zu spielen, muss er rückwärts vor mir hergehen, sodass ich zu ihm hochsehen kann. Ein großes Lächeln umspielt seine Lippen. „Weißt du was? Ich nenne dich ab jetzt Pinguin. Das passt doch perfekt!“
    „Nein!“, rufe ich aus und er legt den Kopf schief, wobei er die Augen zusammenkneift.
    „Wenn du warme Hände haben möchtest, musst du diesen Spitznamen jetzt akzeptieren. Denn sonst …“ Er löst seine Hände und der kalte Wind jagt sofort über meine Fingerspitzen.
    Nach einem kurzen Ringen mit mir selbst seufze ich. Einen Spitznamen nehme ich für warme Hände gerne in Kauf. Hoffentlich hat er ihn morgen schon wieder vergessen. „Na schön. Und jetzt gib deine Hände wieder her!“ Ich weiß nicht einmal, woher ich den Mut nehme, Taehyung herum zu kommandieren, aber es funktioniert. Meine Finger sind wieder schön eingemurmelt in seinen Händen.
    „Okay, Pinguin. Dann musst du mir jetzt aber Bescheid geben, in welche Richtung ich gehen soll. Ich habe nämlich keine Augen im Hinterkopf.“ Ich nicke und beschließe, mein bestes als Wegweiser zu geben. „Gut. Ich vertraue dir.“
    Ach, Taehyung. Wahrscheinlich hat er diese Worte nur so daher gesagt. Doch mir … mir bedeuten diese Worte unfassbar viel.

    29
    Es sind überraschenderweise nicht Danbi oder mein innerer Wecker, die mich aus dem Schlaf reißen. Im Gegenteil, viel mehr schreit mein Inneres danach, nicht aufzuwachen, so müde bin ich immer noch. Aber da ist dieses nervtötende Geräusch, welches den Raum erfüllt … mein Klingelton wie sich herausstellt. Verschlafen und genervt taste ich auf dem Nachtisch nach meinem Handy. Nur einen Spalt weit öffne ich die Augen, um auf die Uhrzeit zu sehen. Wer kommt denn bitte auf die Idee, mich um 11 Uhr morgens anzurufen! Moment Mal. Es ist 11 Uhr? Mit einem Ruck setze ich mich auf und sehe auf das Bett neben mir, welches leer ist. Danbi hat es nicht für nötig gehalten, mich zu wecken? Ich verstehe gar nichts mehr … seit wann schlafe ich so lange und warum darf ich überhaupt so lange schlafen? Alles Fragen, die ich später beantworten muss. Jetzt sollte ich wohl endlich mal das Gespräch annehmen.
    „Hallo, hier spricht Lucy Kimmel“, melde ich mich, hoffe das meine Stimme nicht so müde klingt wie ich mich fühle, und steige dabei aus dem Bett. Ein Knacken ertönt am anderen Ende der Leitung, so als wäre die Verbindung sehr schlecht. Ansonsten höre ich jedoch nichts. „Hallo? Wer ist da?“ Wieder nichts. Okay … vielleicht hat sich jemand verwählt? Ich beschließe, einfach aufzulegen. Darum kann ich mir jetzt keinen Kopf machen. Im Eiltempo putze ich mir die Zähne und ziehe mich dabei an. Noch schnell das Gesicht waschen und die Haare durchbürsten – fertig. Ich schnappe mir alles wichtige und verlasse dann das Zimmer um in den Aufenthaltsraum zu gehen.
    „Guten Morgen, Schlafmütze“, begrüßt mich Taemin und nickt mir zu. Er sitzt mit seinen Kollegen um einen Tisch herum, auf denen mehrere Zettel verteilt sind. Das Drehbuch, welches wir geschrieben haben, um genau zu sein. „Bevor du fragst, nein, du hast nichts verpasst.“
    „Okay“, meine ich immer noch verwirrt. Dann wird mir jedoch klar, dass niemand über mein spätes Aufstehen verärgert ist, weil nicht viel auf dem Plan steht. Taemin wollte sich heute nur um alles für den Dreh morgen vorzubereiten. „Kann ich irgendwie helfen?“
    Er schüttelt den Kopf und lehnt sich dann lächelnd zurück. „Nein, es ist jetzt alles geklärt. Das einzige, was du machen kannst, ist Hoseok zu sagen, dass wir morgen um 9 Uhr anfangen zu drehen. Warte, gib ihm noch diese Adresse ...“ Er greift sich Zettel und Stift und fängt an zu schreiben. „Da soll er dann hinkommen.“
    Ich nehme den Zettel entgegen. „Okay.“ Zum Abschied winke ich noch Miga zu, die im Vergleich zu mir sehr ausgeschlafen wirkt. Wenigstens eine von uns. Ich bin gespannt, ob die anderen genauso müde wie ich sind. Bei ihnen wäre das jedoch noch schlimmer, so weit ich weiß haben sie nämlich heute Tanzprobe. Ah! Aber das heißt ja, Hoseok ist gar nicht hier im Hotel! Noch in der Tür wirbele ich herum. „Ihr wisst nicht zufällig, wo die Probe heute ist, oder?“
    Sook, Shiwon und Miga schütteln den Kopf. Auch Taemin grübelt kurz, bevor er antwortet. „Donghae hat gestern eine Adresse genannt, aber ich habe sie mir nicht wirklich gemerkt. Ich würde ja sagen, dass du ihn fragst, nur sind er und Danbi auf einer Konferenz. Ich glaube , ich weiß es nicht hundertprozentig, dass es hier in diesem Stadtviertel ist. Mehr kann ich dir nicht sagen.“ Ich seufze und bedanke mich dann. Das war keine umfassende Information, doch es hilft ein wenig. Ich google einfach nach Tanzstudios hier in der Nähe. Doch meine Suche ergibt nichts. Wenn sie in keinem Studio sind … wo dann? Soll ich jetzt etwa das gesamte Viertel ablaufen und jedes Gebäude abklappern, in dem man eine Probe haben könnte? Ich fürchte, ich habe gar keine andere Wahl. Und der „kleine“ Spaziergang vertreibt bestimmt meine Müdigkeit.

    ~oOo~

    Eine Stunde später bin ich immer noch nicht fündig geworden. Dafür tun meine Füße weh und ich habe Hunger. Ach ja, verlaufen habe ich mich auch noch. Ich weiß weder, wo das Hotel ist, noch wo genau ich mich überhaupt befinde. Ein weiteres Mal verfluche ich meinen nicht vorhandenen Orientierungssinn. Zum Glück hat mein Handy noch genug Akku, sodass ich … nein. Ich kann niemanden anrufen, weil ich keine Nummern habe! Gott, was läuft denn noch alles schief!
    Ich beschließe, einfach auf gut Glück den Weg zu finden. Irgendwann muss ich ja am Hotel vorbeikommen. Richtig?
    Falsch. Eine weitere halbe Stunde später bin ich nicht am Hotel gelandet, sondern in eine seltsame Gasse eingebogen. Gut, was heißt seltsam. Eben die Art von Gasse, in der man gut eine Szene für einen Krimi oder Thriller drehen könnte. Von außen sah sie nicht einmal so gruselig aus, deshalb bin ich hierher gegangen. Erst hinter einer Ecke hat sich das Bild gewendet. Ein komisches Gefühl beschleicht mich. Nein, ich werde einfach ganz schnell wieder umdrehen und …
    „Hm?“, mache ich und lege den Kopf schief. Vor mir ist eine Tür, neben der ein kleines Schild hängt. Dance Dance steht darauf. Ob die anderen hier vielleicht trainieren? Für eine Firma hätte man sich zwar einen besseren Namen als Dance Dance einfallen lassen können, aber eindeutiger geht es wohl doch nicht. Kurzerhand drücke ich auf den Klingelknopf. Hoffentlich öffnet jetzt kein Typ, der das ganze als Tarnung für seine kriminellen Machenschaften verwendet. Erst nach einer Weile wird die Tür einen Spalt weit geöffnet.
    „Ja?“, höre ich eine Stimme sagen, kann jedoch nicht bestimmen ob sie zu einer männlichen oder weiblichen Person gehört. „Was wollen Sie?“ Ziemlich unhöflich für meinen Geschmack.
    „Ich … ich suche … BTS?“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Fiepen. Irgendwie macht mir das hier Angst.
    Es dauert eine Weile, bis eine Antwort kommt. „Wer sind Sie?“
    „Ich bin eine Fotografin und arbeite mit ihnen zusammen.“ Die Tatsache, dass die Person nicht „Von denen habe ich noch nie gehört“ gesagt und die Tür zugeknallt hat, gibt mir doch ein wenig Mut.
    „Name?“
    „Lucy Kimmel“, sage ich und versuche, einen Blick hinter die Tür zu werfen. Vergeblich. Die Tür wird im selben Augenblick geschlossen. Das war wohl nichts. Ich wende mich gerade zum Gehen, als die Tür wieder geöffnet wird, diesmal ganz. Ein großer, breit gebauter Mann kommt zum Vorschein.
    „Sie können reinkommen.“ Da ich zögere, seufzt er. „Tut mir Leid, dass ich so unhöflich war. Doch sie trainieren hier nur, weil sie das ungestört tun können. Ich wollte sicher gehen, dass Sie kein Paparazzi sind.“
    Seine Argumentation klingt recht einleuchtend. Also trete ich schließlich doch ein. „Lucy!“, ruft jemand und am Ende des Flures, in welchem ich stehe, erscheint eine Person. „Was machst du denn hier?“
    Mit Erleichtern stelle ich fest, dass es Hoseok ist. „Ich habe dich gesucht“, gebe ich zu. „Wegen dem Dreh.“
    „Ah, klar. Komm' doch mit, du kannst uns gerne Gesellschaft leisten“, lächelt er und schiebt mich bereits vor sich her, ohne auf eine Antwort zu warten. Gut, aber ich hätte das Angebot so oder so nicht verneint. Immerhin habe ich quasi einen freien Tag und nichts zu tun. Und Zeit mit BTS zu verbringen, dagegen habe ich echt nichts.

    30
    Ich hätte nie gedacht, dass es eine tolle Beschäftigung ist, anderen beim Tanzen zuzusehen. Aber während ich hier in einer Ecke sitze und gespannt jeder einzelner Bewegung der Idols verfolge, kann ich mir nichts Besseres vorstellen. Ab und an muss ich lachen, weil Taehyung zum Beispiel auf Jungkooks Rücken springt und ihn zum Pferd macht oder Jin ganz offensichtlich außer Atem ist und seine Bewegungen einem Wischmob ähneln. Doch die meiste Zeit starre ich einfach auf die Gruppe und frage mich, wie man gleichzeitig so chaotisch und doch aufeinander eingestellt sein kann.
    In einer Pause kommt Taehyung auf mich zu, während die anderen sich ausgepowert über den Raum verteilen und etwas trinken. „Und, wie gefallen dir unsere Choreografien?“, will er wissen und lässt sich neben mir nieder.
    „Ich finde sie toll“, sage ich wahrheitsgemäß und reiche ihm ein Handtuch, womit er sich den Schweiß abwischen kann. „Ihr könnt alle echt gut tanzen. Aber vor allem Jungkook, Jimin und Hoseok … wow. Einfach wow.“
    Taehyung wirft mir einen merkwürdigen Blick zu, den ich nicht so ganz zu deuten weiß. „Ja, sie sind unsere besten Tänzer“, meint er schließlich und starrt dann auf seine Hände. „Also, willst du noch ein bisschen bleiben?“
    „Wenn das in Ordnung ist, sehr gerne. Ich schaue euch gern zu und habe sowieso nichts zu tun.“
    Er strahlt mich an und scheint sich wirklich zu freuen. „Dann gebe ich mir extra viel Mühe!“
    Ich lege verwirrt den Kopf schief. „Warum das denn? Ist doch nur eine Probe und wenn du dich zu sehr anstrengst, kannst du dich verletzen.“
    „Keine Sorge, ich will dir nur zeigen … ach, egal. Hauptsache du bleibst hier!“ Mit diesen Worten springt er auf und geht zu den anderen herüber. Okay … das war seltsam. Aber bevor ich mir weiter über Taehyungs Verhalten Gedanken machen, vibriert mein Handy in meiner Hosentasche. Seufzend ziehe ich es heraus. Unbekannter Anrufer .
    „Hallo, hier spricht Lucy Kimmel“, sage ich in das Handy und warte auf eine Antwort. „Hallo?“ Nichts. „Haben Sie sich verwählt?“ Das wären dann schon zwei Personen, die heute die falsche Nummer gewählt haben. Ich lege genervt auf. Wenn man sich schon verwählt, sollte man das auch zugeben statt nichts zu sagen. Oder zumindest sofort wieder auflegen. Mehr verlange ich doch nicht!
    Gerade als mein Handy wieder in meiner Tasche verschwindet, fängt das nächste Lied an zu spielen, Spring Day heißt es, wenn ich mich recht entsinne. Es ist bisher eines der Lieder, die mir am besten gefallen. Umso gespannter bin ich nun auf die Choreografie.
    … die ich mir jedoch nicht wirklich ansehen kann, weil mein Handy wieder einmal vibriert. Bitte nicht jetzt! Wieder ein unbekannter Anrufer. Wie oft verwählen sich Leute denn bitteschön und erreichen immer die selber Nummer? Na ja, es kann auch sein, dass es jemand ist, der mich wirklich erreichen möchte. Also stehe ich auf und verlasse den Raum, denn mit der lauten Musik im Hintergrund lässt es sich sicher nicht in Ruhe telefonieren. „Hallo, hier spricht Lucy Kimmel“, melde ich mich nun schon zum dritten Mal, als ich den Flur betrete und die Tür hinter mir schließe. „Wer ist da?“
    Fast glaube ich, dass wieder niemand antwortet. Aber diesmal ist es anders. „Lucy“, sagt jemand ganz leise am anderen Ende der Leitung. Ich runzele die Stirn. Die männliche Stimme klingt irgendwie vertraut, aber ich kann sie nicht einordnen.
    „Ja? Mit wem spreche ich?“
    „Lucy.“ Mehr sagt die Person nicht. So langsam reicht es mir echt.
    „Ja, das ist mein Name. Wenn Sie mir etwas sagen möchten, dann machen Sie es jetzt. Nein? Gut. Dann wünsche ich einen schönen Tag noch.“ Ich lege auf und atme tief durch. Keine Ahnung, wer das gerade war und vielleicht habe ich die Person ungerecht behandelt. Doch warum kann man nicht einfach sagen, was man möchte? Ist das so schwer?
    Ein lautes Klirren reißt mich aus meinen Gedanken und ich wirbele herum. Das kam aus dem Tanzsaal! Ich reiße die Tür auf, in Angst, dass jemand sich verletzt hat. Als ich sehe, was passiert ist, schlage ich die Hand vor den Mund. Taehyung!

    Jimin P.o.V.

    Bis Lucy den Raum verlässt, läuft alles perfekt. Ich glaube, es ist sogar unsere bisher beste Probe. Vor allem Taehyung scheint plötzlich viel Energie zu haben, also noch mehr als sonst. Ob das vielleicht daran liegt, dass … nein. Er kann doch nicht so schnell … nein, nein, nein. Das geht nicht. Schnell verwerfe ich meinen seltsamen Einfall wieder. Er hat heute einfach gute Laune, daran liegt es wohl. Und zudem ist die Spring Day Choreografie auch nicht ganz so anspruchsvoll, was die Tanzschritte angeht, im Vergleich zu der Choreografie für zum Beispiel Fire .
    Gerade ist Tae mit seinem Solo dran. Und genau in diesem Moment steht Lucy plötzlich auf und verlässt mit dem Handy in ihrer Hand den Raum, was ich aus dem Augenwinkel beobachte. Ich sehe kurz zu Tae, der scheinbar seine Schritte auf einmal vergessen hat und bewegungslos auf die zufallende Tür starrt. Dann schüttelt er jedoch den Kopf und macht weiter. Aber nicht so wie bisher, nein. Er scheint abgelenkt, stößt mehrmals an mich und macht die Choreografie nur noch lustlos mit. „Tae, konzentrier' dich“, flüstere ich ihm zu, als der Part kommt, in welchem er mir vom Boden aufhilft. Doch es bringt nichts und es kommt wie es kommen muss. Bei Jins Solo stolpert er, kann sich nicht auffangen und knallt gegen den Wandspiegel - welcher mit einem lauten Klirren bricht.
    Ich eile ebenso wie die anderen sofort zu ihm. „Tae, alles in Ordnung?“, rufe ich und knie mich neben ihn. Er hält sich den Arm fest und liegt gekrümmt in einem Haufen von Scherben.
    „So ein Mist!“, flucht er und hebt die Hand an. Ich sauge scharf die Luft ein. Sein Ärmel ist am Handgelenk blutdurchtränkt. „Verdammt, verdammt, verdammt ...“
    „Okay, bleib ganz ruhig, wir müssen die Blutung stoppen-“, fängt Jin an und sucht nach etwas, was er zum Verarzten nehmen kann. Dann fällt sein Blick, ebenso wie meiner, jedoch auf eine Person die hinter uns steht. Lucy starrt mit Entsetzen und Tränen in den Augen auf Taehyung herunter.
    „Was ist passiert?“, fragt sie nach einer Weile und kniet sich ebenfalls neben Tae. „Geht es … geht es dir gut?“
    Taehyung ballt wütend seine nicht verletzte Hand und einen Moment habe ich Angst, dass er irgendjemanden schlagen will. Doch dann sieht er Lucy an und schlagartig ändert sich sein Gesichtsausdruck. Er lächelt .

    31
    Man könnte fast meinen, dass Jin Medizin studiert hat, so schnell handelt er. So wirklich bekomme ich jedoch nicht mit, wie er Taehyung verarztet, da ich viel zu beschäftigt damit bin, mir Sorgen zu machen. Was ist wenn er ernsthaft verletzt ist? Er beteuert zwar, dass es nicht so weh tut, aber bei der Menge an Blut …
    „Alles in Ordnung, Lucy? Du bist ja sogar blasser als Taehyung“, sagt Namjoon und legt eine Hand auf meine Schulter. Wir sitzen am Rand an einer Wand, damit Jin in Ruhe seine kurzzeitige Arbeit als Arzt verrichten kann.
    Ich atme mit einem Seufzen aus und reibe mir über die Augen. „Mir geht es gut … Meinst du, er muss ins Krankenhaus?“
    Mit einem Schulterzucken sieht Namjoon wieder zu Taehyung, der mittlerweile abseits der ganzen Scherben liegt und sich widerstandslos von Jin verarzten lässt. „Ich weiß nicht, wie tief die Wunde ist. Aber sicherheitshalber sollte er sich definitiv durchchecken lassen, das ist klar. Doch das ist ihm wahrscheinlich selbst schon bewusst, so schlau ist er.“
    „Also nach der Aktion würde ich seine Intelligenz schon ein wenig bezweifeln“, wirft Yoongi von der Seite ein. „Wie zum Teufel kann so etwas passieren?“
    „Er ist eben gestolpert, das kann eben schon ab und zu passieren“, meint Namjoon. „Und der Raum ist auch nicht ganz so groß wie er am besten sein sollte, deswegen ist es auch möglich, dass man gegen einen Spiegelt kracht, der dabei zersplittert und man sich an einer Scherbe schneidet.“
    „Das meinte ich gar nicht. Ich frage mich, wie man bei so einem Tanzschritt stolpern kann. Da muss man doch schon zwei linke Füße haben. Oder nicht bei der Sache sein.“ Yoongi zuckt mit den Schultern und verschwindet dann, irgendetwas brummelnd, in Richtung Toilette. Natürlich frage ich mich auch, was genau eigentlich passiert ist. Doch darüber kann ich mir jetzt keine Gedanken machen.
    „Ah, ich sollte vielleicht Donghae Bescheid geben“, fällt Namjoon ein und sieht mich fragend an. „Kommst du klar?“
    Ich nicke und er lächelt mir noch einmal zu, bevor er mit seinem Handy den Raum verlässt. Hoseok hilft Jin, Jungkook liegt erschöpft in einer Ecke, sodass nur noch Jimin bleibt, der mit mir hier sitzt. Er hat die ganze Zeit kein Wort gesagt und nur vor sich hin gestarrt. Jetzt sieht er mich jedoch nachdenklich an. „Kann ich … kann ich dich was fragen?“
    „Klar“, antworte ich, bin jedoch ein wenig verunsichert. Er sieht so ernst aus … was habe ich denn nun angestellt?
    „Magst du … ach, vergiss es einfach wieder“, murmelt er. „Hm. Warum bist du vorhin eigentlich gegangen?“
    Okay … das war seltsam. Er wollte mich ganz offensichtlich etwas Wichtiges fragen und hat es sich in letzter Sekunde anders überlegt. Muss ich das verstehen? „Ich habe einen Anruf bekommen und konnte ja schlecht mit der Musik im Hintergrund telefonieren. Na ja, da wusste ich ja nicht, dass es nur jemand war, der sich verwählt hat.“
    „Ah, das macht Sinn. Ich dachte, du hättest vielleicht keine Lust mehr auf uns“, lacht er schließlich und die komische Atmosphäre von gerade eben ist erst einmal beseitigt. Aber ich werde das ganz sicher nicht vergessen.
    Ich lache ebenfalls und schüttele dann den Kopf. Gerade als ich etwas erwidern möchte, sehe ich jedoch, dass Jin fertig ist und nun auf uns zu kommt. Ich springe auf. „Und? Wie schlimm ist es?“ Gott, ich fühle mich wirklich als würde Jin ein Chefarzt oder so sein.
    „Ich glaube, nicht allzu schlimm. Die Wunde ist nicht tief, aber ich habe ihm schon befohlen, heute noch zu einem richtigen Arzt zu gehen“, beruhigt Jin mich und wischt sich mit seinem Ärmel ein wenig Schweiß von der Stirn. Ich atme tief durch und nicke. Dann stirbt er also nicht. Zumindest nach Jins Urteil. „So. Was ist mit dir los? Du zitterst ja“, bemerkt Jin und wedelt mit einer Hand vor meinem Gesicht herum. „Hey, nicht umkippen.“
    „Ich … habe mir nur Sorgen gemacht“, gebe ich zu und fahre mir durch die Haare. Tatsächlich fällt es mir schwer, aufrecht zu stehen. Ich bin aufgeregt, besorgt und einfach fertig.
    „Du kannst dich ja jetzt beruhigen“, meint Jimin, der neben mir aufgetaucht ist. „Er überlebt es.“
    „Klar, sicher.“ Meine Güte. Ich bin kurz davor, in Tränen auszubrechen. Doch nicht vor den Jungs! „Ich gehe mal eben ein wenig an die frische Luft, ja?“
    „Soll ich mitkommen?“, fragt Jin und scheint ernsthaft besorgt.
    „Es geht schon, danke“, lehne ich sein Angebot ab und mache mich auf den Weg nach draußen. Sobald ich mich gegen die Hauswand lehne, fangen die Tränen an zu fließen. Wenn ich darüber nachdenke, was alles hätte passieren können … Er hätte sich lebensgefährlich verletzen können und … und dann … dann wäre er … möglicherweise … Ich schluchze. In diesem Moment ist es mir vollkommen egal, ob mich jemand beim Weinen erwischt. Die Tränen müssen einfach raus, sonst habe ich das Gefühl als müsste ich platzen.
    „Ah, ich wusste doch, dass etwas nicht stimmt.“
    Erschrocken drehe mich um und sehe Jin vor mir stehen. Ich nehme das „mir ist vollkommen egal, wer mich weinen sieht“ zurück. Schnell wische ich meine Tränen beiseite und versuche, ein Lächeln in Stande zu bringen. Mehr schlecht als recht, wie sich herausstellt.
    „Du musst nicht verstecken, dass du geweint hast. Das ist doch nur menschlich. Willst du mir vielleicht erzählen, warum du so reagierst?“ In seinen Augen erkenne ich, dass er die Antwort auf seine Frage bereits kennt. Natürlich kennt er sie, so auffällig wie ich mich verhalte. Scheinbar weiß jeder sofort, was ich fühle. Gott, das kann doch nicht wahr sein! Habe ich irgendwie ein Schild über meinem Kopf schweben, auf dem zu jeder Zeit meine Gefühle drauf stehen? „Okay, du brauchst nichts sagen, ich verstehe schon. Weißt du … Tae hat mir gerade etwas gesagt. Ich denke, das könnte dich aufheitern, aber … ich glaube auch, dass er gar nicht will, dass ich es dir sage. Die Entscheidung liegt bei dir.“
    Ich schniefe und schüttele den Kopf. Da brauche ich doch gar nichts zu entscheiden. „Sag' es mir nicht. Es ist wohl ein Geheimnis und Geheimnisse verrät man nicht. Du würdest ihn dadurch nur verletzen, und das hat er nicht verdient. Ich komme schon klar.“
    „Natürlich, natürlich. Ich hätte es dir so oder so nicht gesagt, schließlich ist Tae einer meiner besten Freunde. Das war nur ein Test.“ Er lacht leise auf und sieht dann nach oben. „Hach, das ist wie in einem Film ...“
    „Was meinst du damit?“, möchte ich wissen und vergesse vor lauter Neugier sogar, dass ich gerade noch einen halben Nervenzusammenbruch hatte. Das muss man Jin lassen; er weiß wie man jemanden auf andere Gedanken bringt. „Jin?“
    „Nichts“, grinst er und plötzlich umarmt er mich herzlich. „Das einzige was du wissen musst ist, dass du … innerhalb weniger Tage … eine große Bedeutung bekommen hast.“

    32
    Jins plötzliche Umarmung tut unfassbar gut. Schon seltsam … Millionen von Menschen hoffen darauf, von einem BTS Mitglied umarmt zu werden. Und ich bin eine der wenigen, denen dieses Glück zuteil wird. Und dabei wird mir bewusst, dass sie ebenfalls ganz normale Menschen sind, die andere ganz normal behandeln. Sie sind herzlich, freundlich, zuvorkommend und ich kann mich wirklich, wirklich glücklich schätzen, dass ich Zeit mit ihnen verbringen kann. Das alles wird mir während der Umarmung bewusst und fast fange ich wieder an zu weinen. Doch ich kann mich zurückhalten.
    „Ich will ja nicht stören, aber ...“ Jin löst sich von mir und ich sehe Namjoon überrascht an. „Ich habe gerade mit Donghae telefoniert. Er versucht so schnell wie möglich zu kommen, schafft es aber wahrscheinlich erst in einigen Stunden. Deswegen sollen wir mit Taehyung schon mal ins Krankenhaus und er kommt nach.“
    „Alles klar“, antwortet Jin und ohne ein weiteres Wort über die Umarmung zu verlieren gehen wir wieder herein. Im Tanzsaal wurden die Scherben mittlerweile beseitigt und Hoseok spricht gerade mit dem Mann, der mir vorhin die Tür geöffnet hat, wahrscheinlich über das weitere Vorgehen. Taehyung hat es sich auf einem Stuhl bequem gemacht und sieht auf, als wir hereinkommen. Er hat das selbe Lächeln auf dem Gesicht wie vorhin, als ich neben ihm gekniet habe. Mir wird warm ums Herz und ich kann nicht anders, als zurück zu lächeln, anders als vorhin. Denn da konnte ich ihn nur entsetzt anstarren. Er verletzt sich und hat tatsächlich die Nerven, mich anzulächeln? Na ja. Jetzt weiß ich wenigstens, dass sein Lächeln aufrichtig ist.
    „Okay, Leute. Donghaes Anweisung lautet, Taehyung ins Krankenhaus zu bringen, nur um sicher zu gehen. Er wird später dazu stoßen“, verkündet Namjoon noch einmal den anderen Mitgliedern.
    „Müssen wir jetzt echt alle Babysitter spielen?“, murmelt Yoongi, während er sich seine Sachen schnappt. Ich glaube, ich bin die Einzige die das gehört hat, da die anderen nicht darauf reagieren. Aber so oder so bin ich davon überzeugt, dass auch Yoongi ein wenig besorgt ist. Er gibt sich zwar als coolen Typen, der durch nichts aus der Fassung zu bringen ist, aber als Taehyung blutend auf dem Boden lag, stand auch ihm der Schock deutlich ins Gesicht geschrieben.
    „Kommst du mit Lucy?“, fragt Jungkook und die anderen sehen mich erwartungsvoll an.
    „Ich …“, fange ich an. Ob es wohl in Ordnung ist, wenn ich mitkomme? Sicher wollen sie in dieser Situation eher alleine sein …
    „Natürlich kommt sie mit, sie gehört schließlich dazu“, antwortet Hoseok für mich und gesellt sich zu uns. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie erleichtert sein wird, zu hören, dass es Tae gut geht. Habe ich Recht?“
    Macht er sich gerade lustig über mich und meine Besorgnis? Ich fasse es nicht! „... ja“, gebe ich nach einer Weile zu und werfe ihm einen bösen Blick zu. Dabei vermeide ich es, Taehyung anzusehen. Wenn diese Bemerkung mal nicht offensichtlich war!
    „Gut, dann wollen wir mal. Ich glaube das Krankenhaus ist nur ein paar Straßen entfernt“, sagt Namjoon.
    „Zum Glück. Nach der Probe bin ich echt fertig“, meint Jungkook und gähnt wie zur Bestätigung.
    Wir machen uns also auf den Weg, der tatsächlich nicht lange dauert. Immer wieder sehe ich zu Taehyung, um sicher zu stellen, dass es ihm gut geht und er nicht plötzlich zusammenbricht. Jin hat ihn zwar denke ich gut versorgt, aber man kann ja nie wissen. Taehyung ist jedoch keinerlei Schmerz anzusehen, im Gegenteil. Er hat gute Laune, albert herum und aus irgendeinem Grund hat er scheinbar immer wieder das Bedürfnis, mir durch die Haare zu wuscheln. Danke dafür.

    ~oOo~

    „Ich habe grundsätzlich erst einmal gute Nachrichten“, verkündet der Arzt, als er wenige Minuten nach der Untersuchung in das Behandlungszimmer zuückkehrt. Er hat sichtbar Probleme damit, einen Platz zu finden, da das Zimmer sehr klein ist und sich alle BTS-Mitglieder, ebenso wie Donghae und Danbi, die zwischenzeitlich eingetroffen sind, in den Raum gequetscht haben. „Die Wunde ist nicht sonderlich tief und die Erstversorgung war auch sehr gut. Wir müssen sie auch nicht nähen oder ähnliches. Ich werde Ihnen noch ein leichtes Schmerzmittel mitgeben, sollten sie eines brauchen.“
    Taehyung und auch wir anderen sind sichtlich erleichtert. Das ist doch ein gutes Zeichen, richtig? Namjoon drückt Taehyungs Schulter, als wolle er sagen: „Gut gemacht, du bist doch kein so großer Trottel.“
    „Was ich jedoch empfehle, vor allem da die Gefahr besteht, dass die Wunde noch einmal aufgeht, ist Schonung. Nehmen Sie sich ein wenig zurück und vermeiden Sie Aktivitäten, die eine Belastung für Hand und Arm bedeuten“, fährt der Arzt fort.
    „Moment“, unterbricht Donghae und verschränkt die Arme vor der Brust. „Wie sieht es mit dem Konzert aus? Kann er teilnehmen?“
    Alle sehen gespannt zu dem jungen Mann, der vor seiner Antwort kurz seufzt. „Im Grunde genommen ja. Aber es ist nicht meine Empfehlung. Die Choreografien sind möglicherweise zu belastend. Ich weiß, dass es eine schwierige Entscheidung ist-“
    „Das ist keine Entscheidung für mich“, meint Taehyung. „Ich werde das Konzert nicht verpassen.“
    Es herrscht Stille im Raum. Keiner scheint so wirklich zu wissen, wie er dazu stehen soll. Ich dagegen schon. „Taehyung, hast du nicht zugehört?“, rede ich ihn direkt an. „Was ist, wenn etwas schief läuft? Du solltest deine Gesundheit nicht so auf's Spiel setzen.“
    Scheinbar überrascht von meinem Einwand sieht er mich an. „Ich kann aber auch nicht einfach im Hotel sitzen und nichts tun, während meine Freunde ein Konzert geben, bei dem ich fehle. Außerdem will ich … egal.“
    Egal? Egal ? Das ist doch nicht egal! Ich beiße mir auf die Unterlippe, um ihn nicht anzumeckern. Es kann doch nichts wichtigeres als die Gesundheit geben! „Ich denke, Taehyung will in erster Linie die Fans nicht enttäuschen“, wirft Namjoon ein. „Richtig?“
    Es dauert eine Weile, bis er antwortet. „ … richtig.“
    „Wir könnten ja die Choreografien ein wenig anpassen, sodass er sicht nicht so sehr anstrengen muss“, schlägt Jungkook vor.
    Hoseok lacht auf. „In zwei Tagen alles umändern? Das schaffen wir nicht. Das einzige was möglich ist, ist dass Taehyung die Choreografien nicht mittanzt.“
    „Das kommt nicht in Frage. Ich werde mitmachen, ich werde tanzen, ich werde mein Bestes geben und-“
    „Jungs“, unterbricht Donghae die Diskussion. „Das sollten wir nicht hier klären. Ich danke Ihnen für die Arbeit, Doktor. Gibt es sonst noch etwas?“ Der Arzt schüttelt den Kopf. „In Ordnung. Dann verabschieden wir uns hiermit.“
    Ich verlasse den Raum nur zu gerne. Auf einmal bin ich unfassbar wütend. Wütend darauf, dass Taehyung nicht auf sich Acht gibt und zudem meine Meinung einfach ignoriert. Ich öffne die Tür und rausche den Flur herunter, dabei ignoriere ich Taehyung, der mir hinterher ruft. Wenn ihn meine Einwände schon nicht interessieren, dann ganz sicher auch nicht, dass ich gehe. Ob ich überreagiere? Möglich. Aber in diesem Moment finde ich es einfach richtig, ihm zu zeigen, dass ich sauer bin. Und zwar so richtig.

    33
    Da es schon recht spät ist, als ich im Hotel ankomme – nicht, weil ich mich verlaufen habe, sondern weil die Untersuchung so lange gedauert hat – mache ich mich bereits fertig zum Schlafen. Bevor ich jedoch ins Bett gehe, bereite ich alles für morgen vor. Schließlich ist morgen der erste Drehtag und auch das erste Fotoshooting mit Hoseok. Ich überfliege die Notizen, die ich mir dazu schon gemacht habe kurz und hoffe einfach darauf, dass alles so klappt wie geplant. Denn dann könnten das wirklich gute Fotos werden.
    Gerade als ich mich aufs Bett werfe, wird die Zimmertür geöffnet und Danbi kommt herein. Ihr Blick fällt auf mich. „Ich bin beruhigt, dass Sie sicher angekommen sind. Wir hatten alle ein wenig Angst, dass Sie den Weg nicht finden“, sagt sie mit einem Lächeln und hängt ihre Jacke auf.
    Ich warte darauf, dass sie mich auf mein schnelles Verschwinden anspricht, doch sie sagt nichts weiter. Vielleicht besser so, denn ich habe nach dem heutigen Tag nicht wirklich die Nerven mit einer weiteren Person über meine Gefühle zu sprechen.
    Ich bekomme gar nicht mehr mit, wie Danbi sich zu Bett legt, da ich bereits innerhalb weniger Sekunden von der Müdigkeit übermannt werde und einschlafe.

    ~oOo~

    Der erste Dreh läuft unerwartet gut. Ob es nun an Hoseoks Engagement liegt oder daran, dass Taemin alles sehr gut geplant hat, ich weiß es nicht. Man kann Taemin zwar nachsagen, dass er Privates nicht unbedingt für sich behält, aber an seiner Arbeit ist nichts auszusetzen.
    Meine Aufgabe am Set ist im Grunde genommen nur herumzulaufen und Fotos zu schießen. Jedoch habe ich mir selbst aufgetragen, alle mit Kaffee zu versorgen. Es läuft zwar alles perfekt, das ändert jedoch nichts daran, dass die Arbeit anstrengend ist. Und was kann da besser helfen als Kaffee?
    „Danke, du bist die Beste“, sagt Miga, als ich in einer Drehpause einen Becher reiche. „Läuft alles super bisher, oder?“
    Ich nicke und nicke an meinem eigenen Kaffee. „Das stimmt. Ich hätte mit mehr Problemen gerechnet, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit wir hatten um alles zu planen.“
    „Auf Taemin kann man sich was das angeht auf jeden Fall verlassen“, meint sie und beobachtet das Set. „Er ist zwar eine Tratschtante, aber auch ein guter Teamleiter. Wann fängst du eigentlich mit dem Fotoshooting an?“
    „Nach der nächsten und übernächsten Szene, damit ich verschiedene Motive habe. Dann muss Hoseok sich nicht ständig umziehen und die Stylisten haben auch weniger Arbeit“, antworte ich.
    „Ich habe meinen Namen gehört, was habe ich angestellt?“, kommt es da auf einmal von links und Hoseok kommt mit einem Grinsen auf uns zu. „Hallo erst einmal, wir konnten uns noch gar nicht richtig sprechen. Es läuft zwar ziemlich hektisch, aber dafür doch echt gut, oder?“
    „Das finden wir auch“, stimmt Miga zu. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Filme sehr gut werden.“
    „Das will ich doch hoffen!“, lacht Hoseok und streckt sich. „Ah, ich glaube, es geht weiter. Nach der nächsten Szene machst du Fotos, richtig?“
    Mit einem Nicken stelle ich meinen Becher beiseite und schnappe mir meine Kamera, um wieder meiner Aufgabe nachzukommen. „Genau. Aber keine Sorge, du kannst dir vorher eine Pause nehmen.“
    „Ach, das geht schon. Wir sehen uns dann später!“, verabschiedet er sich. Miga seufzt, trinkt ihren letzten Schluck Kaffee und folgt ihm dann, natürlich nicht ohne sich vorher ebenfalls zu verabschieden.
    Die Fotos, die ich schießen muss, sind übrigens für ein „Behind-the-Scenes“-Video, was später veröffentlicht werden soll. Das heißt ich fotografiere nicht nur Hoseok, sondern auch das Set, was zwar sicher nicht so interessant ist, aber was soll's. Deswegen habe ich auch genug Zeit, Kaffee zu verteilen. Wir drehen in einem Filmstudio, welches ungefähr zehn Kilometer vom Hotel entfernt liegt. Glücklicherweise gibt es jedoch eine U-Bahn, die quasi vom Hotel aus direkt hierher fährt, sodass ich mich später auf dem Rückweg gar nicht verlaufen kann. Zum Glück! Denn höchstwahrscheinlich wird der Dreh länger dauern als die Fotoshootings, sodass ich alleine zurückfahren muss.
    Die Fotoshootings verlaufen genau wie der Dreh wirklich gut. Da es sich bei dem Protagonisten um einen Tänzer handelt, schieße ich ein paar Fotos von Tanzposen, aber auch die typischen, ich nenne sie mal: „Model“-Posen. Nebenbei unterhalten sich Hoseok und ich, da er auf der einen Seite ein wandelnder Sonnenschein ist und ständig etwas zu sagen hat, und es auf der anderen Seite beängstigend ruhig am Set ist, da zur Zeit beider Shootings Drehpausen sind – ohne Hoseok kann ja so oder so nicht gefilmt werden.
    „Wie geht es eigentlich Taehyung?“, frage ich plötzlich und würde mich am liebsten selbst schlagen. Ah! Ich habe mich so bemüht, nicht nachzufragen, weil … na ja, ich bin doch wütend auf ihn! Aber trotzdem mache ich mir Sorgen und nicht zu wissen, wie es ihm geht, macht mich einfach verrückt.
    Hoseok lacht. „Ich habe mich schon gewundert, wann die Frage endlich kommt. Ihm geht es gut, keine Sorge. Nachdem du gestern gegangen bist, war er aber ziemlich verwirrt. Ich denke, er weiß nicht warum du sauer warst. Dabei ist es doch so offensichtlich“, grinst er. „Er wollte dir hinterher laufen, aber Jin hat ihn davon abgehalten. Er meinte irgendetwas davon, dass du Zeit für dich bräuchtest. Tja, und dann war es glaube ich für alle klar, was Sache ist.“
    Moment mal. Was? „W-Was meinst du damit?“, will ich unsicher wissen.
    „Ah, keine Sorge. Taehyung hat keine Ahnung. Was das angeht ist er wirklich blind. Also, anhand deiner Reaktion nehme ich mal an, dass ich mit der Vermutung recht habe? Du stehst auf ihn?“
    Ich senke die Kamera und seufze. „Du weißt gar nicht, wie viele Leute das jetzt schon gefragt haben. Wir sind übrigens fertig.“
    Wieder lacht Hoseok und legt mir eine Hand auf die Schulter. „Wie süß ist das denn bitte? Erst Jin und Miga, jetzt Taehyung und du … vielleicht bin ich ja wirklich Amor?“
    „Wenn du es irgendjemandem erzählst werde ich dich wirklich in ein Amor-Kostüm stecken und Fotos davon veröffentlichen“, warne ich ihn und werfe ihm einen gespielt bösen Blick zu.
    „Okay, okay. Ich sage es nicht weiter“, beruhigt er mich. „Aber ich werde euch so was von verkuppeln!“ Mit diesen Worten hüpft er quasi davon.
    „Hoseok!“, rufe ich ihm hinterher, doch ohne Erfolg. Er verschwindet schon hinter einer Tür. Na toll. Aus irgendeinem Grund habe ich die seltsame Gewissheit, dass Hoseok seine Drohung wahr machen wird.

    34
    Da bereits übermorgen das nächste Konzert ansteht und die Idols dementsprechend proben müssen, laufe ich kaum jemand anderem über den Weg als Hoseok bei den Drehs. Da auch Danbi und Donghae Geschäftliches klären müssen und das Kamerateam ja beim Set ist, bin ich nach dem ersten Drehtag somit alleine im Hotel. Ich nutze die Zeit alleine dafür, schon einmal Fotos auszusortieren und zu bearbeiten. Wobei ich beim Bearbeiten gar nicht viel mache. Mein persönlicher Stil ist eher, das Foto so zu lassen wie es ist und somit ein gutes Bild der Realität wiedergebem. Das einzige was ich eigentlich bei den Fotos aus dem Shooting mache, ist den Hintergrund unscharf zu machen, der Fokus soll schließlich auf Hoseok liegen. Aber ansonsten finde ich die Fotos schon beinahe zu perfekt.
    Gegen Abend kommt auch das Kamerateam wieder. Miga stattet mir einen Besuch ab und wir reden ein wenig, unter anderem darüber wie toll sie Jin doch findet und dass sie den Dreh seiner Filme kaum abwarten kann. Mit ihrer Schwärmerei hindert sie mich zwar daran, von Taehyung zu schwärmen, gleichzeitig wird mir aber auch schmerzlich bewusst, dass sie und Jin immerhin eine Chance haben. Nicht, dass ich eifersüchtig bin, nein. Im Gegenteil, ich freue mich viel mehr darüber. Doch trotzdem … dieses Glück werde ich wohl nie haben.

    ~oOo~

    Auch der nächste Drehtag klappt einwandfrei. Diesmal ist Hoseok jedoch nur vormittags dabei, da nachmittags eine Probe ansteht und zudem fast nur noch Szenen gefilmt werden, in denen er nicht vorkommt. Ein letztes Fotoshooting steht ebenfalls noch an, bei welchem ich ihn noch einmal darauf anspreche, was er gestern gesagt hat.
    „Was du gestern meintest ...“, fange ich an, während ich einige Fotos von ihm auf dem Dach des Filmstudios schieße – etwas, was ich mit allen Mitgliedern plane, um zumindest eine Verbindung der Fotos herzustellen. Zum Glück scheint die Sonne heute, trotz Winter, sodass ich später nicht künstlich noch Licht einfügen muss.
    „Was denn? Dass ich Amor bin?“, lacht er und sieht mich an. „Ich weiß schon, was du meinst. Und falls du fragen willst, ob ich das ernst meinte: Ja, ich meinte das ernst.“
    „Bitte mach das nicht“, sage ich und gebe ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er wieder zur Seite schauen soll.
    „Aber wieso denn nicht? Wenn es klappt-“
    Falls es klappt“, berichtige ich ihn. „Wenn es das nicht tut, dann wird alles in einem großen Chaos enden.“ Mit einem Seufzen senke ich die Kamera, nachdem ich das letzte Foto geschossen habe.
    Hoseok zuckt mit den Schultern und hilft mir dabei, alles einzupacken. „Du solltest nicht so negativ denken. Einen Versuch ist es doch wert.“
    „Du verstehst das nicht. Taehyung … bedeutet mir viel. Erst ist seit langem der Erste, mit dem ich mich ungezwungen unterhalten konnte. Der Erste, der mich zum Strahlen bringt, wenn ich ihn nur ansehe. Der Erste, in dem ich einen guten Freund gefunden habe. Ich will ehrlich sein, ich hatte nie viele Freunde und seit ich Deutschland verlassen habe, habe ich keine tiefer gehenden Beziehungen gehabt als die zu dem Verkäufer im Supermarkt. Dann habe ich Taehyung getroffen und mal abgesehen davon, dass ich mich in ihn verliebt habe, will ich eine sehr, sehr lange Zeit nicht mehr ohne ihn mein Leben verbringen.“
    Hoseok starrt mich nach meinem inneren Monolog an. „Du hast also Angst, dass du die Freundschaft zu ihm zerstörst“, stellt er fest. Ich nicke. „Okay. Hör zu. Ich finde zwar, dass man nicht allzu lange warten sollte. Dass man Risiken eingehen muss. Aber ich respektiere auch deine Angst und habe vollstes Verständnis dafür. BTS ist wie eine Familie für mich und ein Leben ohne diese Idioten kann ich mir auch nicht mehr vorstellen. Und genauso wenig möchte ich, dass Taehyung unglücklich wird. Ich weiß, dass du ihm etwas bedeutest, zumindest eine gute Freundin bist, und deswegen könnte ich es genauso wenig ertragen, wenn er so eine Freundin verliert. Also ...“
    „Also?“
    „Also halte ich mich zurück, versprochen“, schließt er. Erleichtert atme ich auf.
    „Danke“, murmele ich und lächele ihn an.
    Er lächelt zurück und drückt mich dann an sich. „Mal abgesehen davon, dass Taehyung so eine besondere Person für dich ist, würde ich mich darüber freuen, wenn du mich und die anderen auch als Freunde ansehen würdest.“
    Ich kann nicht anders, als zu lachen. „Das tue ich doch schon längst.“
    „Das ist gut. Und als dein nun offiziell erklärter Freund, werde ich nun Taehyung anrufen, dir mein Handy geben und dann wirst du mit ihm reden. Denn es stand gestern quasi auf seiner Stirn geschrieben >Lucy ist wütend, ich verstehe nicht warum, und will mit ihr reden<. Als wir nach der Probe mitten in der Nacht zum Hotel gekommen sind, wollte er sogar noch zu dir gehen. Doch er war wohl selbst zu müde und fertig und hat dann eingesehen, dass es keine gute Idee ist, um Mitternacht das Hotel unsicher zu machen. Na ja.“ Ein wenig unsicher beobachte ich Hoseok dabei, wie er eine Nummer wählt und sich dann sein Handy ans Ohr hält. „Tae? Hier ist Hoseok. Hast du fünf Minuten Zeit? Lucy ist hier und will mit dir reden.“ M-Moment, ich bin doch gar nicht vorbereitet! Was soll ich ihm denn sagen? „Super. Ich reiche dich weiter. Hier.“ Er hält mir sein Handy entgegen. „Jetzt nimm es schon! Oder ich sage ihm, dass …“ Okay, ist ja schon gut! Schnell nehme ich das Handy und werfe ihm einen warnenden Blick zu.
    „Hallo, hier ist Lucy“, melde ich mich. Hoseok zeigt mir beide Daumen nach oben.
    „Lucy!“, ertönt Taehyungs tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung. „Endlich! Ich denke Hoseok hat dir schon erzählt, dass ich nicht wirklich weiß, warum du so wütend bist …“
    „Ja, was das angeht … Also ich bin nicht mehr so wütend. Der Grund für meine Wut vorgestern war einfach, dass ich nicht will, dass du deine Gesundheit für ein Konzert aufs Spiel setzt. Ich meine, natürlich wären die Fans enttäuscht, dass du nicht dabei bist. Aber ich bin sicher, dass sie auch Verständnis dafür haben, oder nicht? Wenn dir etwas passieren sollte, dann hätte das sicherlich mehr Konsequenzen als ein Konzert ohne Kim Taehyung. Als deine Freundin will ich nicht, dass du dich verletzt.“
    Es dauert eine Weile, bis Taehyung antwortet. „In Ordnung. Du hast ja Recht.“
    „Habe ich?“, frage ich erstaunt.
    „Ja. Wenn ich ehrlich sein soll … ich wollte das Konzert nicht nur wegen den Fans mitmachen, sondern … na ja. Ist ja egal. Ich kann es auch nicht ausfallen lassen, eben wegen den Fans. Deswegen … werde ich die Choreografien nur teilweise mittanzen und es ruhiger angehen. Deal?“
    Auch wenn er es nicht sehen kann, lächle ich. „Deal. Tut mir Leid, dass ich vielleicht ein wenig überreagiert habe.“
    „Du bist ja nur besorgt, das ist verständlich. Und süß.“ H-Habe ich das gerade richtig gehört? Süß? Nein, nein. Da habe ich mich verhört. Taehyung räuspert sich. „Du wirst morgen also zum Konzert kommen?“
    „Natürlich“, antworte ich. „Ich muss ja schließlich Fotos schießen.“ Mit Blick auf Hoseok, der mich gespannt ansieht, füge ich hinzu: „Und meine Freunde unterstützen.“
    Ich kann Taehyungs Grinsen quasi durch das Handy spüren. „Das freut mich, wirklich. Okay, also ich muss wieder proben. Das heißt proben, nichts zu tun, du weißt ja was ich meine. Wir sehen uns dann hoffentlich noch vor dem Konzert, ja? Ah, und sag Hoseok bitte, dass er dir meine Nummer geben soll, damit wir öfters telefonieren können!“
    „Ist gut. Bis dann!“, verabschiede ich mich und reiche Hoseok das Handy wieder.
    „Und, alles geklärt?“, will er auf dem Weg nach unten wissen, während er sowohl Taehyungs als auch die Nummer aller anderen BTS Mitglieder in mein Handy eingibt. Glücklich nicke ich und nehme schließlich mein Handy wieder entgegen.
    „Alles geklärt!“

    35
    Leider geht Taehyungs Wunsch, mich vor dem Konzert noch einmal zu sehen, nicht in Erfüllung. Was … gewissermaßen … meine Schuld ist. Zu meiner Verteidigung: Heute ist einfach nicht mein Tag.
    Es fing alles heute Morgen an. Da ich vor Danbi wach geworden bin, dachte ich mir ich könnte im Aufenthaltsraum ein wenig an den Fotos arbeiten. Ich machte mich also fertig, nahm meinen Laptop und wollte gerade gehen, da stolperte ich über einen herumliegenden Schuh und fiel hin. Gott sei Dank haben mein Laptop und ich noch überlebt. Danbi war aber von dem Krach wach geworden – um sechs Uhr morgens merke ich an – und ist seitdem sauer auf mich. Damit kann ich zwar leben, aber es wird noch schlimmer. Ich flüchtete aus dem Raum, lief dabei jedoch in Taemin, der ja bekanntlich ebenfalls ein Frühaufsteher ist, und er verschüttete vor Schreck seinen Kaffee. Das war dann die zweite Person, der ich den Tag vermasselt habe. Trotzdem wollte ich dem Tag noch eine letzte Chance geben und machte es mir im Aufenthaltsraum bequem, natürlich nachdem ich Taemin einen neuen Kaffee besorgt habe. Bis zum Mittagessen, welches für mich aus einer Suppe aus dem Hotelrestaurant bestand, klappte alles wieder. Ich kam jedoch auf die tolle Idee, die Suppe auf meinem Zimmer zu schlürfen und es kam wie es kommen musste – ich verschüttete sie auf dem Weg dahin. Meine Arme sind übrigens immer noch rot. Und da beschloss ich, bis zum Konzert einfach auf meinem Bett meine Existenzkrise auszuleben und niemand anderen in Gefahr zu bringen.
    Immerhin habe ich den Weg zur Konzerthalle gefunden. Was ziemlich ironisch ist: Sonst verlaufe ich mich ständig, alles andere läuft gut und heute ist es genau anders herum. Wenn mir das Schicksal damit etwas sagen will, verstehe ich es nicht. Ich komme gerade an, als BTS bereits hinter der Bühne auf den Anfang warten. Im Eiltempo packe ich mein Equipment aus und beziehe dann Stellung an der Seite der Bühne. Aus dem Schatten heraus sehe ich jemanden winken und erkenne, dass es Miga ist. Ich winke erschöpft zurück und warte einfach darauf, dass der Tag endlich endet.
    Als plötzlich die Lichter ausgehen, weiß ich, dass das Konzert anfängt und halte meine Kamera bereit.
    [Um das Ganze mal ein bisschen aufzulockern, hier ein Video von einem Auftritt von BTS, so könnt ihr euch das vorstellen: https://www.YouTube.com/watch? v=FCSrfiqq2ko]
    Taehyung hat nicht gelogen, als er mir versprochen hat, sich zurückzunehmen. Ich weiß nicht, ob die Performance von Let Me Know von Anfang an geplant war, aber dass er dabei keine Choreografie machen muss, ist beruhigend. Und abgesehen davon ist der Song einfach wunderschön. Ich erwische mich sogar dabei, wie sich ein paar Tränen in meine Augen schleichen. Als der Song schließlich vorbei ist, bin ich beinahe traurig. Doch dann dreht sich Taehyung auf einmal lächelnd um und sein Blick trifft meinen. Einen Moment lang vergesse ich zu atmen und starre ihn einfach an. Das Scheinwerferlicht lässt ihn strahlen und würde ich es nicht besser wissen, würde ich meinen ein Engel steht auf der Bühne. Meine Fantasie geht in letzter Zeit aber ziemlich häufig mit mir durch.
    „ARMY!“, ruft Namjoon da und Taehyung dreht sich wieder um, um sich mit den anderen in eine Reihe zu stellen. „Seid ihr bereit?“
    Das Publikum jubelt und man sieht tausende kleine Lichter in der Luft wackeln. Die Begrüßung folgt und dann ergreift Jimin das Wort.
    „Bevor wir anfangen, haben wir leider eine schlechte Nachricht“, sagt er und sieht zu Taehyung, welcher auflacht. „Leider wird V euch heute nicht mit seinen Tanzkünsten beglücken können.“
    „Ja, das stimmt. Ich habe mich verletzt und ...“ Er wird von Schreien im Publikum kurz unterbrochen. „Und eine gewisse Person macht sich Sorgen um mich und hat mir verboten, mich zu sehr anzustrengen.“
    Oh Gott. Super. Wenn mich nach dem Zeitungsartikel noch nicht die ganze Welt hasst, dann tut sie es jetzt ganz gewiss. Am liebsten würde ich im Erdboden versinken.
    „Aber!“, ruft Jungkook um die offensichtlich aufgewühlten Fans zu beruhigen. „Die Gesundheit geht vor. Und er ist ja immerhin hier, richtig?“ Das scheint das Publikum wieder zu besänftigen, zumindest für den Moment. Ich sehe schon vor mir, wie morgen die Zeitungen voll mit Artikel sind, die den Titel „Mysteriöse Person verbietet Kim Taehyung seinem Beruf nachzukommen“.
    Es geht weiter mit den nächsten Performances vom Album „Dark & Wild“ und „You Never Walk Alone“, welche jedoch sehr viel mehr Choreografie haben als die von Let Me Know . Aber Taehyung hält sein Wort. Und trotz der Tatsache, dass er die meiste Zeit nur ein wenig herum läuft und einige Tanschritte mitmacht, sieht es so aus als wären die Auftritte von Anfang an so geplant gewesen. Dementsprechend ist auch der Rest des Konzerts ein voller Erfolg.
    Nach dem Ende treffen wir uns wie beim letzten Mal in einem Aufenthaltsraum. Diesmal bin ich sogar eine der ersten. Nur Danbi wartet bereits und wirft mir, als ich hereinkomme einen nicht gerade freundlichen Blick zu. Okay …
    Es ist Yoongi, der als Erster der Idols eintrifft und sich erschöpft in einen Sessel fallen lässt. „Gott, bin ich neidisch auf Taehyung. Eine Pause von dem ganzen Tanzen würde mir auch nicht schaden.“
    „Ihr habt ja jetzt wieder eine Woche Pause“, meint Danbi mit Blick auf den Plan in ihrer Hand. „Nur danach wieder einen straffen Zeitplan.“
    Yoongi stöhnt und wischt sich mit einem Handtuch den Schweiß weg. In dem Moment kommen auch die anderen Mitglieder herein. Sie haben ganz eindeutig bessere Laune als Yoongi, auch wenn sie alle genau so erschöpft aussehen.
    „War das gut oder war es gut?“, ruft Hoseok und tanzt förmlich auf das Sofa in der Ecke zu. „Es war super!“
    Als Taehyung lachend hereinkommt, lächle ich ihn an. „Und war es so schlimm, dass du nicht so sehr mitgemacht hast?“, will ich wissen. Er schüttelt den Kopf und streckt sich dann.
    „Eigentlich war es sogar sehr entspannend. Sollte ich öfters machen!“
    „Das kannst du vergessen! Ich tanze ganz sicher nicht noch einmal deine Parts“, mischt sich Jungkook ein und hebt abwehrend die Hände. „Nie wieder!“
    „Okay, damit ihr alle noch vor Mitternacht ins Hotel kommt, würde ich sagen, wir machen es schnell“, sagt Donghae, als er den Raum betritt. „Das Konzert war toll, das habt ihr gut gemacht. Ein paar Fans waren zwar enttäuscht, wie ich sehen konnte, aber das waren nur wenige Ausnahmen. Die meisten hatten genauso viel Spaß wie sonst. In einer Woche ist wie ihr wisst das nächste Konzert, übermorgen werden wir dann in die nächste Stadt fahren. Ansonsten muss ich nur noch kurz einen Dank an das tolle Team loswerden, Taemin, Shiwon, Sook, Miga, Lucy, ihr macht das super bisher.“ Ich lächle bei der Runde Applaus welche folgt. Schön, mal ein wenig Anerkennung zu bekommen. „Gut, dann seid ihr hiermit entlassen. Es warten Taxen draußen, mit denen wir zurückfahren.“
    „Dann mal los! Sonst schaffen wir das mit der Party nicht mehr“, ruft Hoseok. Was denn für eine Party? „Hat eigentlich schon jemand gefragt … nein? Meine Güte, Leute!“ Hoseok wendet sich an das Kamerateam und mich. Donghae und Danbi sind bereits gegangen. „Da scheinbar keiner meiner Freunde so schlau war zu fragen, muss ich das jetzt kurzfristig machen. Also, wir wollten eine kleine Zimmerparty machen, ihr wisst schon, zum Abschalten. Und dazu seid ihr natürlich eingeladen. Sie sollte gleich ab Mitternacht in Taehyungs und Jimins Zimmer stattfinden, das ist das Größte. Ist ein wenig kurzfristig, deswegen-“
    „Also ich komme gerne!“, antwortet Sook und zeigt einen Daumen nach oben.
    „Ich auch“, sagen Taemin und Shiwon im Chor. Auch Miga stimmt zu. Damit legen sich alle Augen auf mich.
    „Eh, dann werde ich auch kommen“, sage ich und alle verlassen jubelnd das Zimmer. Wow. Bei der guten Laune, die bereits jetzt herrscht, bin ich gespannt, wie so eine exklusive BTS-Party aussieht.

    36
    Da verständlicherweise keiner von uns verschwitzt eine Party veranstalten will, wird das Ganze um eine Stunde nach hinten verschoben, damit wir uns frisch machen können. Danbi ist, als ich unter die Dusche springe, noch nicht im Hotelzimmer angekommen, weswegen ich mir keine Sorgen muss, dass ich sie wieder einmal aufwecke. Ich trage noch einen Lippenpflegestift auf – meine Lippen eskalieren im Winter immer ein wenig – und föhne mir meine Haare, dann stehe ich vor dem Kleiderschrank und überlege, was ich anziehen soll. Ich entscheide mich nach zehn Minuten für einen schwarz-weiß gestreiften Pullover und schwarze Skinny Jeans. Nicht besonderes, aber es ist bequem und mal ganz ehrlich, schwarz geht doch einfach immer, richtig?
    Ich werde sogar recht pünktlich fertig und mache mich auf den Weg zu Taehyungs und Jimins Zimmer. Vorsichtig klopfe ich. Es ist kein Mucks zu hören, was mich ein wenig verwundert. Sollte man nicht eigentlich laute Musik hören oder Gelächter? Keine Ahnung. Das kommt davon, wenn man noch nie auf einer Party war. Aber für alles gibt es ein erstes Mal, richtig?
    Die Tür wird schließlich geöffnet und Jimin streckt den Kopf heraus. „Lucy, hi! Komm doch rein!“
    Ich folge seiner Bitte und trete ein. Scheinbar bin ich die Erste, die eingetroffen ist. Nur Taehyung sitzt auf einem Bett und bastelt gerade an einer kleinen Anlage herum. Er dreht sich zu mir um. „Willkommen im TAEMIN-Land! Weißt du, eigentlich ist der Name bescheuert, jetzt da wir jemanden im Team haben, der Taemin heißt“, wendet er sich an Jimin. „Wir brauchen was besseres. Jihyung? ChimTae? Vmin? Nein, nein. Das klingt nicht gut. Ah … Wo ist nur meine Kreativität geblieben?“
    Jimin lacht und beugt sich dann vor dem Bett herunter. „Taes Kreativität? Bist du hier?“ Er schüttelt den Kopf und fährt seine Suche dann am Schrank fort. „Hallo? Kreativität? Nicht da?“
    „Tja, dann sollte ich mir wohl mal neue Kreativität besorgen“, meint Taehyung. Ich muss anfangen zu lachen. Ist Jungkook wirklich der Maknae oder sind es in Wirklichkeit diese beiden hier? Ein ungeklärtes Mysterium. „Vielleicht kannst du ja helfen?“
    Ich mache eine nachdenkliche Pose. „Hm. Taehyung. Jimin. Zusammen in einem Wort. Schwierig, schwierig … wie wäre es denn mit … Taeji? Jitae? Nein … das ist wirklich schwer!“
    Taehyung zuckt mit den Schultern und sieht zu Jimin. „So wie es aussieht gehören wir einfach nicht zusammen.“ Jimin tut so, als wäre er am Boden zerstört und wirft sich auf Taehyung.
    „NEIN!“, ruft er und knuddelt ihn. „Das einzige was uns im Weg steht ist Taemin! Wir beseitigen ihn einfach, dann kann uns nichts mehr trennen!“ In diesem Moment klopft es an der Tür. Immer noch kichernd gehe hin, um sie zu öffnen. Wenn man vom Teufel spricht …
    „Hallo, hallo!“, ruft Taemin fröhlich und spaziert herein. Miga, Sook und Shiwon folgen ihm und begrüßen alle. Als ich die Tür wieder schließen will, sehe ich Namjoon, Hoseok und Jin am Ende des Flures und warte, bis sie ankommen.
    „Danke“, sagt Namjoon beim Reinkommen und breitet dann beim Anblick des plötzlich ziemlich vollen Raumes die Arme aus. „Ich habe gedacht, wir wären die ersten. Wir haben uns so beeilt!“
    „Tja, an Lucys Pünktlichkeit kommt keiner heran“, lacht Taehyung und wuschelt mir durch die Haare. Geht das etwa schon wieder los …
    Ein weiteres Mal klopft es und diesmal macht er die Tür auf. Nun kommen auch die restlichen Mitglieder herein. Yoongi hat außerdem eine Tasche bei sich, die recht schwer aussieht und … seltsame Geräusche von sich gibt. Was da wohl drin ist? „Wo kann ich das Ding abstellen?“
    „Einfach auf das Bett“, meint Jimin und deutet auf die Decke. Yoongi nickt und tut, was ihm gesagt wurde. „Okay, da wir jetzt alle da sind … Hoseok hast du die Musik?“
    „Klaro!“ Der Angesprochene holt einen USB Stick aus seiner Hosentasche und steckt ihn in die Anlage. „So, es sollte funktionieren … alles klar, dann lasst die Party mal beginnen!“
    Schon wenige Minuten später hüpfen wir alle zu „Very Nice“ von Seventeen durch das Zimmer. Obwohl Miga erst Bedenken wegen dem Lärm hatte, da es ja durchaus noch andere Hotelbewohner gibt, hat Jimin sie beruhigt, indem er ihr gesagt hat, dass der Flur nur aus unseren Zimmern besteht und wir somit ungestört sind. Und als Hoseok dann angefangen hat zu tanzen, gab es kein Halten mehr. Sogar Shiwon, der mir bisher eher als sehr zurückhaltender Mann aufgefallen ist, ist überraschenderweise dabei. Selbst Yoongi scheint Spaß zu haben, auch wenn seine Tanzschritte … sehr interessant sind. Aber ich bin wohl nicht besser. Das einzige was ich mache, ist mit Miga an der Hand herum zu hüpfen und dabei den Text mitzusingen. Ich hätte jedoch nie gedacht, dass es so viel Spaß machen kann, einfach zu entspannen und sich auf Dinge einzulassen. Aber bei dieser Gesellschaft ist das auch nicht wirklich schwer!
    Aus dem Augenwinkel betrachte ich irgendwann, wie Yoongi und Namjoon sich über die mysteriöse Tasche beugen. Ich frage mich immer noch, was er zu einer Party mitschleppen musste. Es ist doch alles da, was da sein muss … oder … oh. Jetzt wird es mir klar. Eine Sache fehlt tatsächlich noch. Meine Vermutung bestätigt sich, als die beiden einige Flaschen aus der Tasche ziehen. Schlagartig ändert sich meine Laune.
    „Hey, Leute! Wir haben ein wenig Alkohol besorgt, für die, die wollen“, ruft Namjoon. „Nichts Hartes natürlich, wir wollen schließlich keinen Kater! Ich würde sagen eine Runde trinken wir alle zusammen, oder?“
    Die anderen jubeln begeistert, während ich mir nur auf die Unterlippe beiße. Yoongi zieht noch ein paar Plastikbecher aus der Tasche und verteilt sie. Als er mir einen Becher reicht, wehre ich ab. „Eh, ich … trinke nicht“, sage ich.
    „Ach komm, nur einen Schluck zum Anstoßen!“, meint Jin. Ein wenig überfordert schüttele ich den Kopf. Da werden ganz böse Erinnerungen wach … okay, nicht … nicht weinen …
    „Ich … kann nicht, tut mir Leid.“ Auf einmal wird es mir in dem Raum zu eng und ich rausche zur Tür hinaus.

    ~oOo~

    Egal wie schlecht es mir ging, egal wie dunkel meine Gedanken, es gab bisher immer eine Sache, die mich aufmuntern konnte. Mir Hoffnung schenkte. Der Sonnenaufgang. Ein Weg ins Licht, in einen neuen Tag, in einen Neuanfang, in eine Zeit, in der man es besser machen kann als bisher. 
    Doch heute ... Heute sehe ich nur stumm in die Ferne, kann die aufgehende Sonne nicht wahrnehmen, kann mich nicht auf den neuen Tag freuen. Die Sonne verschafft mir keine Erleuchtung.
    Nach meiner Flucht von der Party habe ich mich zwar ins Bett gelegt, doch einschlafen konnte ich nicht. Und da es ohnehin schon recht spät oder besser gesagt früh war, bin ich auf das Dach des Hotels gegangen, um mir den Sonnenaufgang anzusehen. Ob das eine gute Idee war, wage ich zu bezweifeln, weil es wie gesagt nichts bringt und es zudem echt kalt ist. Irgendwann fängt es dann auch noch an zu regnen. Ich bleibe auf dem Dach sitzen, weil ich nicht dazu bereit bin, herunter zu gehen. Weil ich immer noch darauf warte, dass die magische Wirkung des Sonnenaufgangs eintrifft. Was nicht geschieht. Eigentlich sollte ich mittlerweile wissen, dass ich immer zu lange auf Dinge warte, die nicht passieren.
    Es ist jedoch etwas anderes, jemand anderes, der mich von meinen Gedanken abbringt. Als sich hinter mir mit einem Quietschen die Dachluke öffnet, drehe ich mich nicht um. Erst als plötzlich keine Regentropfen mehr auf meiner Haut landen und meine Kleidung durchweichen, sehe ich nach oben. Ein blauer Regenschirm schwebt über mir.
    „Willst du krank werden?“, höre ich Jimin sagen. Ich zucke mit den Schultern. „Ich möchte nicht, dass du krank wirst.“ Er setzt sich neben mich. „Möchtest du mir vielleicht erzählen, warum du heute Nacht so plötzlich gegangen bist? Oder viel mehr warum du gegangen bist, als der Alkohol ins Spiel gekommen ist?“
    „Nicht wirklich“, antworte ich und lege mein Kinn auf meine angewinkelten Knie. Es geht nicht darum, dass ich nicht möchte. Sondern viel mehr darum, dass ich nicht kann . Ich bin einfach noch nicht bereit dazu. Wenn ich mich nicht einmal in meinen Gedanken der Vergangenheit stellen kann … wie soll ich das dann schon außerhalb meines Kopfs? Muss ich nicht selbst erst einmal damit klarkommen, bevor ich andere dazu bringen kann das ebenfalls zu tun?
    „Das ist okay. Ich will dich nicht zwingen. Aber was auch immer du für ein Problem hast, du weißt, dass wir, als deine Freunde, dir zuhören wenn du redest, ja?“
    Ich nicke und seufze. „Danke. Vielleicht komme ich darauf zurück. Vielleicht.“
    „Ich zwinge dich zu nichts. Na ja, nur zu einer Sache: Dass du jetzt mit mir nach unten gehst und wir frühstücken. Ich sterbe vor Hunger. Und du sicher auch“, lächelt Jimin. „Na komm schon.“
    Eines musste ich in den letzten Tagen feststellen: In der Nähe von BTS zu sein hält einen wirklich davon ab, über eine längere Zeit traurig zu sein. Also seufze ich ein letztes Mal und greife dann Jimins Hand, der mich nach oben zieht. Womit habe ich solche Freunde eigentlich verdient?

    37
    Drei Wochen später, 29.12.2017

    Das letzte Konzert von BTS im Jahr 2017 läuft wie die vorherigen Konzerte unglaublich gut. Und eben weil es das letzte Konzert ist, haben die Idols eine ganz besondere Überraschung für ihre Fans. „Am Ausgang gibt es für jeden von euch ein kleines Geschenk. Es sind kleine Figuren, die euch im nächsten Jahr viel Glück bringen sollen. Wir hoffen, dass ihr alle gesund bleibt und uns mit genauso viel Liebe überschüttet wie bisher“, lauten Jins Abschlussworte. Vor dem Jubeln des Publikums verbeugen sich die Sieben und verlassen dann winkend die Bühne. Dabei gehen sie an mir vorbei und jeder von ihnen gibt mir ein High Five. Taehyung ist der Letzte und zieht mich zudem mit sich.
    Was ist in den letzten Wochen passiert? Nun, zum einen bin ich mit allen Mitgliedern wirklich befreundet. Vor allem Hoseok und Jimin sind mir, neben Taehyung, dabei besonders ans Herz gewachsen. Zwischen Taehyung und mir hat sich jedoch nicht viel geändert. Er kennt meine Gefühle für ihn noch immer nicht, was aber auch ganz gut ist, schätze ich. Schließlich konnte er so zu meinem besten Freund werden. Vor einigen Tagen hat er mich sogar in einem Videochat mit seinen Eltern, an welchem wir eher zufällig alle beteiligt waren, als seine beste Freundin vorgestellt. Ich bin seine beste Freundin! Innerlich bin ich, als er das gesagt hat, beinahe ausgerastet. Ich glaube, ich könnte im Moment echt nicht glücklicher sein. Das meine ich vollkommen ernst.
    Tja, was gibt es noch zu erzählen … Jin und Miga sind sich näher gekommen, aber es ist noch nichts „Ernstes“ passiert. Aber heimlich haben Hoseok und Yoongi Wetten abgeschlossen, wann die beiden wohl zusammen kommen. Es ist, denke ich, nur noch eine Frage der Zeit. Ach ja, Miga ist ebenfalls zu einer sehr guten Freundin geworden. Schon seltsam, dass ich nur durch meine Arbeit mindestens zwei Freunde fürs Leben gefunden habe. Aber nicht negativ seltsam, nein. Eher auf eine sehr positive Weise.
    Dann haben wir natürlich auch die Filme für die anderen Mitglieder gedreht und sind überraschenderweise sogar vor Jahresende fertig geworden. Taemin und Shiwon werden sich über die kommenden „Ferien“ an den Schnitt setzen und sie werden in drei Wochen vielleicht ganz fertig sein. Was Donghae natürlich sehr freut. Er ist mir gegenüber zwar immer noch etwas skeptisch, aber unser Verhältnis ist durch meine Arbeitsleistung sehr, sehr viel besser geworden. Zum Glück.
    Also insgesamt gab es in den letzten Wochen nicht wirklich etwas, was nicht so gut gelaufen ist. Und wenn, dann nur Kleinigkeiten, nichts worüber man sich länger Gedanken machen könnte. Okay. Eine schlechte Sache gibt es da doch. Die Anrufe, die immer noch nicht aufgehört haben. Mittlerweile bin ich ziemlich sicher, dass es immer die gleiche Person ist, die mich beinahe täglich anruft. Den Anderen habe ich nichts davon erzählt, weil ich die Anrufe seit Neuestem sowieso ignoriere. Wenn ich dazu komme, werde ich mir einfach eine neue Nummer zulegen und dann war es das. Zwar frage ich mich, wer zum Teufel es so toll findet mich anzurufen und nichts zu sagen, doch … ach, ich weiß auch nicht so richtig, aber ich habe das Gefühl, als möchte ich es auch gar nicht wissen, als könnte mich die Antwort darauf wirklich beängstigen.
    „Ich kann nicht glauben, dass das unser letztes Konzert 2017 war“, sagt Jungkook im Aufenthaltsraum, in welchem wir uns wie immer versammeln. „Das Jahr ging so schnell herum.“
    „Schon irgendwie, ja. Aber das kommt uns wahrscheinlich nur so vor, weil wir so viel erreicht haben“, erwidert Namjoon und lässt sich neben ihn auf ein Sofa fallen. „Ich für meinen Teil freue mich schon auf das nächste Jahr. Mal sehen, was uns so erwartet. Hoffentlich nur Gutes.“
    „Hey, könntet ihr mit den Wünschen für das nächste Jahr vielleicht noch zwei Tage warten?“, lacht Taehyung. „Wenn wir Silvester schon zusammen feiern, dann sollten wir auch unsere Wünsche gemeinsam verkünden, ja?“ Die beiden nicken und müssen grinsen. Stimmt, das habe ich ganz vergessen zu erwähnen! Miga und ich werden gemeinsam mit BTS Silvester feiern! Und nicht nur das, wir werden auch für einige Tage bei Taehyung zu Gast sein. Schließlich hat er morgen auch Geburtstag und mich eingeladen, und da ich beinahe zweihundert Kilometer von ihm entfernt wohne – es wird alles bei seinen Eltern stattfinden – hat er mir und den Anderen angeboten, bei ihm zu übernachten. Da konnte ich ja schlecht ablehnen. Und überhaupt einen Grund abzulehnen habe ich ja auch nicht. „Apropos feiern. Was genau schenkt ihr mir eigentlich zum Geburtstag?“, will Taehyung wissen und sieht jeden Einzelnen gespannt an.
    „Du hast Geburtstag? Wann denn?“, fragt Yoongi beim Hereinkommen und bekommt dafür ein Kissen von Taehyung vor das Gesicht geworfen.
    „Natürlich nichts, du hast dir nichts verdient“, meint Hoseok. Und wieder fliegt ein Kissen durch den Raum.
    „So böse Freunde habe ich ganz sicher nicht verdient“, schmollt Taehyung und tut so, als würde er beleidigt sein. „Ich bin immer nett und was bekomme ich als Dank?“
    „Jetzt beschwer' dich mal nicht, wir sind schließlich die, die mit Kissen attackiert werden“, lacht Hoseok und wirft das Kissen zurück. „Wenn du dieses Jahr ein lieber Junge warst, brauchst du dir doch sowieso keine Sorgen machen, dass du keine guten Geschenke bekommst.“
    Taehyung denkt darüber kurz nach und nickt dann. „Stimmt. Also kann ich beruhigt schlafen gehen.“
    In dem Moment kommen Donghae, Danbi und das Kamerateam herein. „Die erste Etappe ist geschafft“, sagt Donghae und klatscht in die Hände. „Ihr habt das alle toll gemacht, die drei Wochen Pause habt ihr euch verdient. Gut … also, ich wünsche euch allen einen guten Start in das neue Jahr. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit euch allen zusammen zu arbeiten. Am 22. Januar treffen wir uns dann wieder. Bis dahin hoffe ich, dass ihr euch entspannen könnt und erholt wiederkommt.“ Er gibt jedem von uns die Hand, ebenso wie Danbi. Auch Taemin, Shiwon und Sook verabschieden sich bereits. Die Drei werden die nächsten Wochen in den Bergen verbringen, so wie ich das verstanden habe. Miga wird nächste Woche, nach den Feierlichkeiten, ebenfalls nachkommen.
    Nachdem die Fünf gegangen sind, dreht sich Jin zu uns. „Ich würde sagen, dass wir uns auch auf den Weg ins Hotel machen. Schließlich fahren wir doch über Nacht mit dem Tourbus zu Taehyung, richtig?“
    „Stimmt. Und der Busfahrer meinte, er würde um … oh, verdammt. In zehn Minuten ist er da. Ich glaube, wir müssen ein wenig rennen“, sagt Jungkook mit Blick auf die Uhr.
    Yoongi stöhnt, doch Jin zieht ihn vom Sessel hoch. „Ich frage mich wirklich, warum du dich statt >Agust D< nicht >Faultier D< genannt hast. Würde viel besser passen“, meint er und zieht ihn mit sich. Wir anderen lachen nur über Yoongis bereits bekannte Bequemlichkeit und folgen den beiden dann im Eiltempo. Im Laufen legt Taehyung einen Arm um meine Schulter.
    „Hey, Pinguin.“ Jap, das ist jetzt sein offizieller Name für mich. Super, oder? „Kannst du mir nicht wenigstens einen Tipp geben, was du mir schenkst? Nur einen kleinen? Er kann auch winzig sein. Wie ein Staubkorn. Oder ein Atom. Bitte, bitte?“
    Ich schiebe grinsend seine Hand von meiner Schulter. „Vergiss' es. Es ist eine Überraschung, habe ich doch gesagt. Und dabei bleibt es auch.“
    Taehyung seufzt und trottet dann neben mir her. „So eine Gemeinheit. Ich hasse Geheimnisse!“
    „Eine Überraschung ist nicht wirklich ein Geheimnis. Also sie ist schon irgendwie geheim, aber trotzdem auf eine andere Art.“
    „Hm. Da könntest du Recht haben, Pinguin. Dann sag es mir eben nicht. Ich werde das selbe dann mit dir und deinem Geschenk machen, wenn du Geburtstag hast. Tja! Selbst Schuld! Da fällt mir ein … wann genau hast du eigentlich Geburtstag? Das weiß ich gar nicht … ich bin ein schlechter bester Freund.“
    Ich will gerade antworten, als Jungkook von hinten auf Taehyungs Rücken springt und er spontan zum Pferd wird. „Schneller!“, ruft er. Schon läuft Taehyung davon.
    „Morgen“, murmele ich leise. „Ich habe morgen Geburstag, Tae.“

    38
    Wir haben uns in den letzten Wochen alle daran gewöhnt, Nächte im Tourbus zu verbringen. Und da es ein sehr anstrengender Tag war, dauert es auch nicht lange, bis alle in ihren Betten liegen und friedlich schlafen. Na ja, alle bis auf ich. Ich stehe in einem inneren Konflikt, der mich vom Schlafen abhält. Sollte ich den anderen vielleicht sagen, dass ich am selben Tag wie Taehyung, also morgen, Geburtstag habe? Natürlich würde ich mich über ein paar Glückwünsche freuen, aber … es ist doch Taehyungs besonderer Tag. Er hat in den letzten Tagen mehrfach sehr beeindruckend ausgemalt, wie sehr er sich darüber freut, seinen kompletten Geburtstag mit seinen Freunden zu verbringen und einmal im Mittelpunkt zu stehen. Das kann ich ihm doch nicht einfach kaputt machen. Wenn es ihn wirklich so freut, dass es mal nur um ihn geht … nein, ich will ihm das nicht wegnehmen. Und so oder so habe ich die letzten Jahre meinen Geburtstag alleine verbracht. Da werde ich ein weiteres Jahr doch wohl überleben. Nachdem ich die Frage nun beantwortet habe, kann auch ich endlich einschlafen und eine ruhige, traumlose Nacht verbringen.

    ~oOo~

    „Happy Birthday to you! Happy Birthday to you! Happy Birthday dear Taehyung! Happy Birthday to you!“ Das ist heute der Wecker für Taehyung. Wir haben uns alle vor seiner Liege versammelt und ihn im perfekten Chor geweckt. Verschlafen sieht er uns nacheinander an. Als er dann realisiert, welcher Tag heute ist, breitet sich ein großes Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Alles Gute zum Geburtstag!“
    „Danke“, lacht er und wir machen ein wenig Platz, damit er aufstehen kann. Er wird von jedem einmal umarmt. „Ich habe Geburtstag!“, ruft er. Wow, ich glaube, ich habe noch nie einen glücklicheren Menschen gesehen. Unwillkürlich muss ich strahlen, auch wenn ich ziemlich nervös bin. Warum? Wegen meinem Geschenk für ihn. Zwar bin ich mir bei einer Hälfte davon recht sicher, dass es ihm gefallen wird, aber bei der anderen … es wird sich erst heute Abend zeigen, ob es ein gutes Geschenk ist. Zwar haben mir Jimin und Hoseok geholfen, doch letztlich habe ich selbst keine Ahnung, ob es so gut ist. Und ganz fertig ist es auch noch nicht.
    „Dein erstes Geburtstagsgeschenk wartet übrigens draußen“, sagt Jimin und fängt an, ihn vor sich nach unten zu schieben. „Du musst die Augen zu machen!“ Taehyung tut, was ihm aufgetragen wurde und wird dann von Jimin durch die Bustür geführt. „Okay, noch ein Schritt … perfekt! Mach die Augen auf!“
    „Waaa-“, ruft Taehyung aus und wird gleich darauf von einem jüngeren Mädchen und Jungen beinahe umgerannt. *
    „Alles Gute zum Geburtstag!“, schreien die beiden und hüpfen dann um ihn herum. „Tae hat Geburtstag, er ist jetzt ein alter Mann!“
    „Gar nicht wahr!“, lacht er und schnappt sich das ungefähr elfjährige Mädchen, welches ihm genau wie der Junge wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein scheint. „Du bist ganz schön frech geworden, Eonjin! Zum Glück bin ich jetzt da, um dich zu erziehen.“ Eonjin kann sich befreien und schnappt sich dann ihren kleineren Bruder, um gemeinsam wegzulaufen.
    „Taehyung!“, ertönt dann eine tiefe Stimme aus dem Haus vor uns. Immerhin weiß ich jetzt, von wem er seine tiefe Stimme geerbt hat.
    Taehyung dreht sich zur Haustür und sein Gesicht hellt sich auf – wenn das überhaupt noch möglich ist. „Appa! Eomma!“ Er läuft auf seine Eltern zu und fällt ihnen dann in die Arme. Ich glaube wirklich, dass für ihn heute der beste Tag seines Lebens ist. Zum einen hat er Geburtstag, zum anderen sieht er nach langem seine Familie wieder. Kann es noch schöner werden?
    „Also … ich glaube, Taehyung ist erst einmal nicht zu gebrauchen. Dann lasst uns schon mal unsere Sachen ins Haus packen, oder?“, lacht Namjoon und wendet sich zu uns. Wir holen also unsere Koffer aus dem Bus, Jin nimmt noch den von Taehyung mit, und machen uns dann ebenfalls auf den Weg ins Haus. An der Tür wird jeder Einzelne mit einer herzlichen Umarmung seiner Eltern begrüßt.
    „Du bist Lucy, richtig? Schön, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen“, lächelt Taehyungs Mutter, nachdem sie mich umarmt habt. „Ich bin Chinsun, das ist mein Mann Hyun. Ich hoffe, dass du dich bei uns wohlfühlst!“
    „Das werde ich ganz bestimmt.“ Gott, ich liebe seine Eltern, seine ganze Familie, jetzt schon. Muss ich noch großartig erklären warum?
    Ich folge den anderen in einen schmalen Flur, wo wir unsere Koffer abstellen. Taehyung steht auf dem Absatz einer Treppe nach oben und winkt uns zu. „Ihr könnt eure Sachen schon in eure Zimmer stellen, kommt!“
    Natürlich haben Taehyungs Eltern nicht für jeden ein einzelnes Zimmer. Also teile ich mir mit Miga ein etwas kleineres Gästezimmer, und die Jungs beziehen Taehyungs Zimmer, welches scheinbar groß genug für alle ist. Unser Zimmer ist gemütlich eingerichtet. An der rechten Wand steht ein breiter Kleiderschrank, direkt daneben ein Sessel und ein kleines Bücherregal. An der Türseite steht eines der Betten, das andere steht in der gegenüberliegenden Ecke. Es gibt sogar eine Tür, die auf einen kleinen Balkon führt, der auf eine atemberaubende Hügellandschaft ausgerichtet ist. Auf den beiden Betten wurden sogar kleine Pakete mit Süßigkeiten verteilt. „Weißt du, eigentlich fühle ich mich schlecht, dass wir uns hier so einquartieren. Wir sollten uns irgendwie bei seinen Eltern bedanken, meinst du nicht?“, murmelt Miga und setzt sich probeweise auf ihr Bett.
    „Sehe ich auch so. Wir könnten ja … etwas backen oder so. Oder gibt es etwas bestimmtes was man verschenkt?“, frage ich und streiche abwesend über den glatten Stoff der Bettdecke.
    „Nicht das ich wüsste. Aber das mit dem Backen ist eine gute Idee. Das heißt jedoch, dass wir uns nachts in die Küche schleichen müssen, damit sie nichts mitbekommen. Und was sollen wir überhaupt backen? Einen Kuchen mit der Aufschrift >Danke für die Gastfreundschaft!<?“
    Ich kichere. „Vielleicht nicht mit dieser einfallsreichen Aufschrift, aber Kuchen klingt doch gut.“
    „Dann wäre das geklärt. Wir sollten vielleicht mal zu den anderen gehen, meinst du nicht?“
    Ich nicke und wir machen uns auf den Weg nach unten. Nach kurzem Suchen finden wir ein geräumiges Wohnzimmer. Von der anliegenden Terrasse aus ruft Jin: „Da sind die Vermissten ja! Kommt, wir frühstücken!“
    Miga und ich sehen uns kurz an und gesellen uns dann zu der großen Gruppe, die an einem langen Tisch sitzt. „Der Ehrenplatz gehört natürlich meiner besten Freundin“, sagt Taehyung vom Tischende aus und deutet auf den Platz links von ihm. Rechts sitzt Jimin und lächelt mich an. Miga bekommt einen Platz neben Jin – Zufall? Ich denke nicht. Auch Taehyungs Eltern und seine Geschwister sind da.
    „Ich habe dir noch gar nicht meine Geschwister vorgestellt“, fällt Taehyung ein wenig später auf, als er gerade den letzten Bissen eines Brötchens verschlungen hat. Er deutet auf das Mädchen, das neben Hoseok sitzt und von ihm gerade durchgekitzelt wird. „Das ist meine Schwester Eonjin. Sie steht übrigens auf Hobi, aber verrat das niemandem.“ Ich lache leise, was Taehyung wohl dazu animiert, ebenfalls zu kichern. „Und dieser kleine Schlumpf da ist mein Bruder Jeonggyu.“ Der etwa siebenjährige Junge, auf den er zeigt, sitzt zwischen seinen Eltern und kaut schweigend auf einem Brot herum. „Er redet nicht viel und mit Fremden erst recht nicht, aber lass dich davon nicht verunsichern. Dafür ist er ein prima Kuscheltier.“ Ich nicke und betrachte den Jungen neugierig. In diesem Moment sieht er auf und schaut mir direkt in die Augen. Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus und ich muss ebenfalls lächeln. „Oh!“, macht Taehyung. „Ich glaube, er mag dich. Hey, Jeonggyu! Lucy ist meine beste Freundin und ich teile sie nicht, damit das klar ist!“, ruft er seinem Bruder zu, welcher ihm nur die Zunge rausstreckt und dann, als wäre nichts passiert, damit fortfährt, sein Brot zu essen. Ich fange einen vielsagenden Blick von Chinsun auf. Was soll der denn bedeuten? Sie zieht die Augenbrauen hoch und nickt dann unauffällig zu Taehyung, der gerade damit beschäftigt ist, Jimin zu erklären, was er so faszinierend an Schnabeltieren findet.
    „Es ist zwar ein Säugetier, aber es legt auch Eier und kann außerdem schwimmen und dazu hat es auch noch einen Giftstachel. Das bedeutet, dass es Säugetier, Vogel, Fisch und Reptil in einem ist! Wie krass ist das bitte?“
    Ich sehe wieder zu Chinsun, welche mich nun anlächelt. Nein, ich habe immer noch keine Ahnung, was sie mir damit sagen will. Ich hoffe einfach mal, dass es nichts schlimmes ist.

    *Anmerkung: Da ich nichts genaueres über Taehyungs Geschwister herausfinden konnte außer, dass er eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder hat, habe ich ihnen selbst Eigenschaften zugewiesen. Gleiches gilt auch für die Namen seiner Eltern. Nur um das noch einmal klarzustellen, das entspricht also nicht alles der Realität ;)

    39
    Ich werde aus Chinsuns Blick einfach nicht schlau, was sie wohl sehr amüsiert. Trotzdem sagt sie auch nichts dazu, was entweder ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, und fährt mit dem Essen fort. Hm, wirklich merkwürdig.
    Nach dem Frühstück wird Taehyung „verbannt“, damit wir alles für die Feier am Abend vorbereiten können. Seine Geschwister entführen ihn also zu einem Spaziergang in die nächstgelegene Stadt, die fünf Kilometer entfernt ist. Das verschafft uns genug Zeit, um das Wohnzimmer und die Terasse zu dekorieren. Zwar soll die Party möglichst draußen stattfinden, aber da es Winter ist, wird es wohl auch schnell kalt, weswegen sicherheitshalber auch das Wohnzimmer vorbereitet wird. Außerdem habe ich noch Zeit, Taehyungs Geschenk endlich fertig zu stellen, wozu ich jedoch Jimins und Hoseoks Hilfe brauche. Glücklicherweise haben die beiden nichts mehr zu tun, sodass wir alles vorbereiten können.
    „Ich bin immer noch überrascht von deiner Idee, Lucy“, sagt Hoseok, als wir uns nach ungefähr einer Stunde wieder auf den Rückweg zum Haus machen. „Das ist wirklich kreativ und zudem auch noch sehr romantisch .“
    Ich werfe ihm einen bösen Blick zu. „Ich habe aber keine solchen Hintergedanken dabei, ganz im Gegensatz zu dir. Nein, ich will ihm einfach eine Freude machen.“
    Jimin dreht sich zu mir. „Genauso wie du ihm eine Freude machen willst, indem du niemanden sagst, dass du heute auch Geburtstag hast?“
    Verblüfft starren Hoseok und ich ihn an. „W-Woher weißt du das?“, frage ich vorsichtig. Ich habe es doch niemanden erzählt …
    „Warte, das heißt es stimmt? Du hast am selben Tag wie Taehyung Geburtstag? Heute? Ernsthaft?“, ruft Hoseok und sieht mich gespannt an. Ich nicke und werde sofort von ihm in eine Umarmung gezogen. „Dann alles Gute! Mensch, warum hast du denn nichts gesagt?“
    „Von mir auch alles Liebe“, sagt Jimin und umarmt mich ebenfalls herzlich. „Ich habe gehört wie du das gestern gesagt hast, nachdem Taehyung weg war“, erklärt er. „Auch wenn es sehr leise war.“
    „Aber jetzt mal ernsthaft … warum zum Teufel hast du es niemanden gesagt? Ich meine, hasst du Geburtstage? Bestimmt nicht. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du nicht gerne >Alles Gute zum Geburtstag, Lucy!< hören würdest. Also, warum das Geheimnis?“
    Ich zucke mit den Schultern. „Es ist Taehyungs Tag. Er hat sich so darauf gefreut und … ich will ihm das Ganze nicht kaputt machen. Ich meine, hast du gesehen wie glücklich er heute Morgen war, als wir uns alle um ihn herum versammelt haben? Oder als er seine Familie wiedergesehen hat? Ich glaube, heute ist einer der wenigen Tage, an denen er sich mal keine Sorgen um irgendjemanden macht. Er und ihr auch musstet euch in den letzten Wochen so oft um mich und meine Psyche kümmern, da bin ich es euch und ihm doch schuldig, mal eine Auszeit davon zu nehmen.“
    „Ach, Lucy. Wie oft müssen wir dir das noch sagen? Du bist unsere Freundin und um Freunde kümmert man sich. Man macht sich auch ständig Sorgen um sie, egal ob sie das wollen oder nicht. Und wie kommst du nur dazu, zu denken, dass wir eine Auszeit davon brauchen?“, meint Hoseok und sieht aus als würde er mich am liebsten ganz sanft vor eine Wand schlagen wollen. „Vor allem … was denkst du denn, was Taehyung sich für Vorwürfe machen wird, wenn er erfährt, dass er den Geburtstag seiner besten Freundin verpasst hat?“
    „Okay, okay. Ich verstehe ja schon, dass ihr das für keine gute Idee haltet. Ich werde es ihm nachher sagen, ja? Aber erst einmal möchte ich, dass er diesen Tag für sich einfach genießt.“ Wir stehen mittlerweile wieder vor der Haustür. Mit zusammen gekniffenen Augen sehe ich die beiden an. „Ihr werdet es niemandem sagen, verstanden?“
    „Lucy“, seufzt Jimin. „Wenn du es nicht willst, natürlich nicht. Ist ja schließlich dein Geburtstag und wenn du dich dazu entscheidest, ihn nicht zu feiern, respektieren wir das. Tun wir doch, oder Hobi?“ Hoseok stöhnt kurz auf, nickt aber dann.
    „Danke“, murmele ich noch und drücke dann auf die Klingel. Auf Jimin und Hoseok ist auf jeden Fall Verlass.

    ~oOo~

    „Okay, seid ihr bereit?“, ruft Jin aus der Küche ins Wohnzimmer.
    „Ja!“, lautet die Antwort und Jin und ich heben die große Torte vorsichtig an, um sie in den Raum zu tragen. Jimin und Jungkook halten Taehyung die Augen zu, der sichtbar Probleme damit hat, ruhig sitzen zu bleiben. Hoseok zählt lautlos bis drei, dann nehmen die beiden ihre Hände weg und alle rufen im Chor: „Alles Gute zum Geburtstag!“ Mit großen Augen beobachtet Taehyung die Torte, die nun auf den Tisch gestellt wird. Exakt 22 Kerzen stecken in dem Teig und warten nun darauf von ihm ausgepustet zu werden.
    „Wünsch' dir was!“, ruft Eonjin, die es sich auf Hoseoks Schoß bequem gemacht hat. „Na los!“
    Taehyung überlegt kurz, schließt dann lächelnd die Augen und schafft es, alle Kerzen auf einmal auszupusten.
    Er strahlt mich an und ruft dann: „Mein Wunsch wird in Erfüllung gehen!“
    „Und was hast du dir gewünscht?“, will seine Schwester wissen und Hoseok piekst ihr leicht in die Seite.
    „Das darf er nicht sagen, sonst geht es nicht in Erfüllung, das weißt du doch!“ Mit einem Lachen wuschelt Taehyung ihr durch die Haare, so wie er es bei mir immer macht.
    „Genau. Und mir ist dieser Wunsch sehr wichtig, deswegen werde ich schweigen wie ein Grab.“ Eonjin streckt ihm die Zunge heraus und wendet sich dann an ihre Eltern.
    „Und können wir ihm jetzt unsere Geschenke geben?“ Chinsun nickt lächelnd und das Mädchen springt auf. Dann verschwindet sie im Flur.
    „Sie ist schon seit Wochen ganz aufgeregt wegen dem Geschenk“, erklärt Hyun, hinter dem sich Jeonggyu versteckt. „Deswegen ist es glaube ich ganz gut, wenn sie ihres als Erstes überreichen darf, meint ihr nicht?“
    „Definitiv“, lacht Namjoon. Es dauert jedoch einige Minuten, bis Eonjin wieder auftaucht – mit einer großen Kiste im Schlepptau. „Was da wohl drin ist?“ Das frage ich mich allerdings auch, neben der Frage, wie ein kleines Mädchen so etwas überhaupt transportieren kann.
    „Jeonggyu! Du musst herkommen! Wir wollten es ihm doch zusammen geben.“ Widerwillig kommt der Junge aus seinem Versteck hervor und stellt sich dann neben seine Schwester. „Okay. Tae, das ist für dich. Jeonggyu und ich haben es zusammen gemacht … alles Gute zum Geburtstag und … wir haben dich lieb.“
    „Du hast etwas vergessen“, flüstert Jeonggyu. „Das mit dem Spielen.“
    „Ach ja, stimmt. Wenn du irgendwann mal erwachsen werden solltest, was wir aber bezweifeln, dann würden wir uns darüber freuen, wenn du trotzdem noch mit uns spielst.“ Taehyung steht auf und nimmt die beiden in den Arm.
    „Ich werde immer euer Spielpartner sein“, lächelt er und ihm ist anzusehen, wie sehr er sich über die Worte seiner Schwester freut. „Gut, dann will ich mal sehen, was ihr da gemacht habt. Hm … wo macht man es auf?“ Jeonggyu deutet auf einen Griff auf der Kiste, an welchem Taehyung zieht. Kurz darauf fällt die Kiste auseinander und ein Baum kommt zum Vorschein. Aber kein gewöhnlicher Baum. Es ist ein selbstgebauter Baum aus Holz, an dessen Ästen ganz viele kleine Bilder hängen. „Wow. Das sind … so viele Fotos! Danke!“ Er drückt seine Geschwister und macht sich dann daran, jedes einzelne Bild zu betrachten.
    „Wir haben noch ein wenig Platz gelassen, damit du selbst welche daran machen kannst“, fügt Eonjin hinzu und setzt sich dann zufrieden auf das Sofa.
    „Das ist einfach toll. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, ich meine … so viel Arbeit … für mich!“ Taehyung dreht sich zu uns. Meine ich das nur oder glitzern da wirklich ein paar Tränen in seinen Augen?
    Yoongi räuspert sich. „Also, bevor du anfängst zu weinen, werde ich dir mal mein Geschenk geben. Eh … ich war mir nicht ganz sicher, was ich dir schenken soll, abgesehen von einer lebensgroßen Figur von mir, aber ich denke, das wird dir auch gefallen.“ Er zieht ein kleineres Geschenk hinter seinem Rücken hervor und reicht es Taehyung, der es sich mittlerweile auf dem Teppich auf dem Boden bequem gemacht hat. „Alles Gute zum Geburtstag.“
    „Danke!“ Gespannt beobachten wir, wie er ein großes Buch auspackt. „Warte … das ist doch das Buch, das wir auf der Ausstellung für französische Kunst gesehen haben … das, was so teuer war!“
    „Daran kann ich mich nicht erinnern“, meint Yoongi und grinst. „Hab noch nie davon gehört.“
    „Wow! Das sind so viele Gemälde drinnen … sogar mit Anmerkungen und Interpretationen! Monet, Decamps, das ist einfach unglaublich. Danke!“, ruft Taehyung und strahlt.
    Auf einmal kommt mir mein Geschenk unfassbar … unbedeutend vor. Ich meine, es ist nichts wirklich Materielles. Und bestimmt auch nicht so teuer wie Yoongis Geschenk. Ob es ihm trotzdem gefällt? So ein Mist aber auch, ich hätte einfach etwas nehmen sollen, bei dem ich mir sicher bin. Oder? Nein. Nein, ich habe mir Mühe gegeben und nun will ich auch, dass er es bekommt. Und wenn es ihm nicht gefällt … dann weiß ich wenigstens für das nächste Mal Bescheid.

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    So, hier endlich das zweite Kapitel zu einem Lied! Diesmal ist es zum Song „Save Me“, der von kathi vorgeschlagen wurde. Hier ein Link dazu: https://www.YouTube.com/watch? v=GZjt_sA2eso Eine Anmerkung habe ich jedoch noch, bevor ihr den Song abspielt: Das Kapitel wird nur zu einem bestimmten Teil Bezug zum Song nehmen, von wo bis wo habe ich euch natürlich markiert. Also würde ich euch raten, erst da den Song zu hören, es bleibt aber selbstverständlich euch überlassen. Und nun viel Spaß!

    Trotz meiner Entschlossenheit, dass Taehyung sein Geschenk von mir bekommen wird, steigt meine Nervosität mit jedem Geschenk, das ihm von den anderen gereicht wird. Da wären zum Beispiel von Namjoon mehrere Schallplatten mit verschiedenen Musikrichtungen und von Jin und Miga ein Schallplattenspieler dazu. Hoseok schenkt ihm einen Gutschein für einen Shopping-Tag, den er finanzieren wird und ein dickes Fotoalbum. Jimin und Jungkook haben für eine neue Fotokamera zusammengelegt. Ach ja, und nicht zu vergessen das Geschenk seiner Eltern. Eine einwöchige Reise für zwei Personen nach Frankreich. Paris, um genau zu sein.
    „Appa! Eomma! Das wäre doch nicht nötig gewesen! War das nicht unfassbar teuer?“, ruft Taehyung als er den Umschlag mit den Reiseunterlagen wieder schließt.
    „Über Geld spricht man nicht. Es ist auch alles mit deinem Manager geklärt, du musst dir also keine Sorgen machen, dass du zu der Zeit irgendein Konzert oder so hast“, meint Hyun und erwidert die plötzliche Umarmung seines Sohnes herzlich. „Das einzige worum du dich kümmern musst, ist wen du als deine Begleitung mitnimmst.“
    „Ich danke euch so sehr … das ist einfach … wow.“ Glücklich drückt Taehyung den Umschlag an sich und hüpft durch den Raum. „Ich gehe nach Frankreich! Frankreich! Ja! Bonjour, je m'appelle Taehyung! Merci beaucoup! Na, wie ist mein Französisch?“
    „Ich würde sagen gut genug, damit du dich nicht verläufst“, lacht Jin. „Taehyung alleine in einem fremden Land … das kann ja etwas geben.“
    „Hey, ich bekomme das hin! Und außerdem bin ich ja nicht alleine. Ich weiß sogar schon, wen ich mitnehme. Aber das bleibt erst einmal ein Geheimnis.“ Taehyung grinst geheimnisvoll. Okay, ich weiß, dass ich das nicht sein sollte, aber irgendwie bin ich … eifersüchtig auf die Person, die mit ihm nach Paris kann. Natürlich freue ich mich für ihn und wer auch immer seine Begleitung ist. Aber eine Reise alleine mit Taehyung … und dann auch noch nach Paris … kann es etwas schöneres geben?
    „Gut, bevor hier noch ein Krieg ausbricht, würde ich sagen, wir machen mit der letzten Person weiter. Lucy, du hast noch ein Geschenk für ihn, richtig?“, meint Chinsun und lächelt mich aufmunternd an.
    „Eh … j-ja … also …“, stammele ich und hole zwei Umschläge hinter meinem Rücken hervor. „Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass es … zwei Geschenke sind. Das Erste kannst du jetzt schon haben und öffnen, aber ich glaube, es ist besser, wenn du das andere erst später öffnest. Weil du dafür ein wenig Zeit brauchen wirst und wenn du es jetzt aufmachst kannst du nicht hier sein um zu feiern und … okay, ich rede zu viel. Hier ist dein erstes Geschenk.“ Mit leicht zitternden Fingern reiche ich ihm einen der Umschläge. Er sieht mich mit einem undefinierbaren Ausdruck in den Augen an und nimmt den Umschlag entgegen. Langsam öffnet er den Umschlag und zieht zum einen einen zweiseitigen Brief heraus und zum anderen zwei Karten.
    „Ich weiß, es nichts besonderes, aber-“, fange ich an, werde aber von einem Jubelschrei unterbrochen.
    „Das sind Karten für die Kunstausstellung in Seoul! Da wollte ich unbedingt hin! Danke, danke, danke!“ Taehyung zieht mich zu sich und drückt mich fest. So, dass nur ich es hören kann, flüstert er: „Ich meine das ernst, das ist ein tolles Geschenk.“ Er löst sich von mir und spricht lauter. „Du kommst doch sicher mit mir dahin, oder?“
    „Also, wenn du das willst … dann klar, sehr gerne“, antworte ich lächelnd.
    Aus irgendeinem Grund applaudieren die Anderen, als hätten wir gerade einen Award gewonnen. „Ist das dann ein Date?“, fragt Eonjin in diesem Moment und ich starre sie mit offenem Mund an, während ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt.
    „Eonjin!“, ruft Chinsun und wirft ihrer Tochter einen nicht wirklich bösen Blick zu. „Natürlich nicht, wo denkst du denn hin. Sie sind nur Freunde. Gute Freunde. Beste Freunde“, korrigiert sie sich und sieht zu uns. „Nicht wahr?“
    „Genau“, sage ich und würde am liebsten im Erdboden versinken. Eine peinliche Stille folgt, bis Hoseok sich schließlich räuspert.
    „Tae, ich glaube da war noch ein Brief bei, willst du ihn nicht lesen?“, fragt er und deutet auf die Zettel in Taehyungs Hand.
    „Oh. Doch, doch.“ Er setzt sich wieder hin und während er die Zeilen liest, macht Jimin sich daran, den Kuchen zu schneiden. Ich kann jedoch die Augen nicht von Taehyung lassen. Es ist, als wären die Worte, die ich ihm geschrieben habe, wie in mein Gehirn gebrannt, so oft ich sie selbst gelesen habe und darüber gegrübelt habe, weswegen ich innerlich mitlese.

    [Ab hier geht es mit dem Song los!]

    Lieber Taehyung,
    ja, ich weiß, dass man auch einen kreativeren Anfang für einen Brief finden könnte, aber um ehrlich zu sein, musste ich den Brief jetzt schon so oft neu anfangen, dass ich fast am Verzweifeln bin. Deswegen belasse ich es einfach dabei.
    Wie du weißt, bin ich nicht wirklich gut darin, über mich zu reden. Also schreibe ich dir einfach das, was ich dir sagen will. Bitte nimm es mir nicht übel, ich arbeite wirklich daran, offener zu werden. Na ja, es ist schwieriger als du vielleicht denkst. Darum soll es aber jetzt nicht gehen.
    Als ich dir zum ersten Mal begegnet bin, wusste ich fast nichts über dich. Und du wusstest erst recht nichts über mich. Trotzdem, oder gerade aus diesem Grund, hast du dich am ersten Tag der Tour neben mich in den Bus gesetzt und mit mir geredet. Du wolltest mich kennenlernen und ich wollte unbedingt deine Freundin werden, was ich mir bis heute auch nicht so wirklich erklären kann. Und wie wir letztlich zu Freunden wurden - obwohl du meine Kamera kaputt gemacht hast, möchte ich hier an der Stelle einwerfen – ist ein noch größeres Mysterium.
    Um ehrlich zu sein habe ich die Monate vor unserem Treffen wie in einem dunklen Loch gelebt, aus welchem ich mich nicht befreien konnte. Ich fühlte mich eingesperrt, wie in einem Albtraum gefangen, alleine und einsam. Ich glaube, man hätte mich gut als psychisches Wrack beschreiben können. Ich wollte es mir nie eingestehen, aber ich war zu schwach dafür, mir selbst auf die Beine zu helfen. Wie oft habe ich mir selbst gesagt: „Irgendwann geht es vorbei. Irgendwann wirst du ein richtiges Leben leben. Irgendwann wirst du glücklich sein.“ Ich wusste, dass mir diese Worte alleine nicht helfen konnten, aber ich wusste auch, dass ich nichts anderes tun konnte, als sie zu sagen.
    Du weißt immer noch nicht viel über mich und meine Vergangenheit. Irgendwann werde ich dir erzählen, warum ich mich in diesem Zustand befunden habe. Versprochen. Doch noch bin ich noch nicht so weit, was du mir hoffentlich verzeihen kannst. Zugegeben, habe ich ein wenig Angst, wie du darauf reagieren wirst. Immerhin … nein, ich belasse es einfach dabei. Was ich dir jetzt jedoch schon sagen kann ist, dass es keine schöne Geschichte ist. Mit „nicht schön“ meine ich, dass … dass es Zeiten gab, in denen ich mich gefragt habe, warum ich überhaupt noch auf dieser Welt bin. Ich bin niemand, der sich gerne beschwert, weil ich mir ständig sage, dass es schlimmer sein könnte. Doch mir ist klar geworden, dass es für mich nicht viel schlimmer hätte sein können. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel ich verloren habe, sowohl physisch als auch emotional. Allein der Gedanke daran treibt mir Tränen in die Augen. Ich bin noch nicht ganz fertig damit, alles zu verarbeiten, aber ich mache kleine Fortschritte. Weißt du, früher hatte ich jede Nacht mindestens einen Albtraum. Doch mittlerweile träume ich nur noch schöne Dinge. Dank dir.
    Warum schreibe ich dir das alles? Weil du die Person bist, die mir aus dieser Situation geholfen hat. Du warst es, der mir seine Hand gegeben, mich aus diesem Loch gezogen hat. Du bist es, der mich die dunklen Ereignisse in meiner Vergangenheit verarbeiten und vergessen lässt. Und du wirst immer derjenige sein, der mich zum Lachen bringt und mich davor bewahrt, wieder in diesen Abgrund zu stürzen. Denn du bist mein bester Freund. Ich habe nun zwar auch andere Freunde, aber niemand steht mir so nah wie du. Du bist, so kitschig wie das auch klingt, meine bessere Hälfte. Ach, was rede ich da. Du bist die Person, die mich komplett zu einer besseren Person gemacht hat. Aber ohne mich zu ändern. Wenn ich bei dir bin, kann ich einfach ich sein. Danke dafür. Und auch dafür, dass du mir das Gefühl gibst, als könnte ich fliegen. Wenn ich wirklich fliegen könnte, dann wärst du meine Flügel. Tut mir Leid für diesen seltsamen Vergleich, aber ich denke, dass ich so am besten beschreiben kann, was du für mich bist.
    Doch am meisten bin ich dir dankbar dafür, dass du mein Freund bist, dafür, dass du dich nicht von mir abwendest, wenn ich schlechte Zeiten habe, dafür, dass du diesen Albtraum beendet hast. Diese Eigenschaften von dir, deine Geduld mit mir, deine Warmherzigkeit, dein Optimismus, all das weiß ich wirklich zu schätzen. Und bitte verprich mir, dass du diese Eigenschaften niemals verlieren wirst. Natürlich ändert sich jeder Mensch und das ist gut so – das beste Beispiel bin ich ja ganz offensichtlich – nur behalte das einfach bei.
    Du hast heute Geburtstag, deswegen bin ich eigentlich diejenige, die dir Versprechen geben sollte, statt sie von dir zu verlangen. Und aus diesem Grund verspreche ich dir auch etwas.
    Egal zu welcher Zeit, egal an welchem Ort wir uns gerade befinden. Ich verspreche dir, dass ich auch immer für dich da sein werde. Dass ich dir meine Hand geben werde, um dir aufzuhelfen, wenn du Probleme damit hast. Und dass ich dich, solltest du irgendwann auch von einer Dunkelheit umgeben werden, wieder ins Licht ziehen werde. Um es ganz klar (und kitschig) zu sagen: Ich werde dich retten, so wie du mich gerettet hast.

    Deine Lucy

    P.S.: Ich hoffe, ich habe dich mit diesem Brief nicht traurig gemacht und dass du deinen Geburtstag trotzdem noch fröhlich feiern kannst. Alles Liebe von deinem Pinguin.


    [Das war der Teil zu dem Song:)]

    „Taehyung? Taehyung weinst du etwa?“, fragt Chinsun besorgt und legt ihrem Sohn eine Hand auf die Schulter. Oh Gott, bitte nicht. Ich merke, wie mir Tränen in die Augen steigen und vergrabe mein Gesicht in den Händen. Da wären wir wieder bei meinem Problem, dass ich andere nicht weinen sehen kann. Auf einmal werden meine Hände von jemandem umfasst und ich werde nach oben gezogen. Einen Moment später finde ich mich in einer festen Umarmung wieder.
    „Ich habe dich lieb“, schluchzt Taehyung an meinem Ohr und nun läuft auch mir endgültig ein wahrer Fluss aus Tränen über die Wangen.
    „Ich habe dich auch lieb“, mumele ich und kann gar nicht anders, als ihn ganz fest zu halten.
    „Ach, Leute. Jetzt muss ich auch weinen, obwohl ich nicht einmal weiß, worum es geht“, höre ich Hoseok sagen. Plötzlich wird es noch wärmer und als ich es schaffe, meinen Kopf ein wenig zu heben, erkenne ich, dass aus der Umarmung zwischen Taehyung und mir eine Gruppenumarmung geworden ist. Ganz BTS und Miga haben sich an uns gekuschelt. Lächelnd und weinend zugleich lasse ich es einfach über mich ergehen, während sich zum ersten Mal seit Jahren ein fast vergessenes Gefühl in mir ausbreitet. Familie.

    41
    Im Laufe des Abends kommen noch einige andere Gäste vorbei, um Taehyung alles Gute zu wünschen. Die meisten von ihnen sind, soweit ich das mitbekommen habe, Nachbarn und Kindheitsfreunde von ihm. Glücklicherweise bietet die Terasse genug Platz für alle, und bei der Menge an Menschen, die zur Musik tanzen – Yoongi hat die DJ Rolle übernommen – ist es auch nicht wirklich kalt. Ich stehe ein wenig abseits mit einem Glas Apfelsaft in der Hand und betrachte schweigend eine Szene, die sich mir bietet. Taehyung tanzt gerade mit einer Kindergartenfreundin von ihm. Wie war ihr Name noch gleich? Mee? Ich weiß es nicht genau. Was ich allerdings weiß ist, dass sie … wie drücke ich es am besten aus … sehr kontaktfreudig ist. Und mit „kontaktfreudig“ meine ich Körper-kontaktfreudig. Nein, ich bin nicht eifersüchtig. Ich doch nicht. Auf gar keinen Fall! Okay. Vielleicht schon. Ein bisschen. Ein bisschen viel. Am besten sehe ich einfach nicht hin. So, dann wäre das geklärt. Aus den Augen, aus dem Sinn, wie man das so schön sagt. Nein, es funktioniert nicht. Also bleibt mir nur eins: Ablenkung. Ich erblicke Jeonggyu, der etwas verloren genau wie ich abseits steht und beschließe einfach zu ihm zu gehen.
    „Hey, du“, begrüße ich ihn und knie mich neben ihn. „Du scheinst ja nicht so viel Spaß zu haben. Alles in Ordnung?“
    Er sieht mich mit großen Augen an. Es ist einfach unglaublich, wie ähnlich er Taehyung sieht, obwohl er mehr als zehn Jahre jünger ist. „Ich will nicht, dass Mee mit Taehyung tanzt. Er gehört doch zu dir.“
    „Tja, weißt du, Taehyung ist erwachsen. Er kann tanzen mit wem er will. Und da können wir beide auch nichts dran ändern.“ Ich bin ein wenig überrascht, dass der Junge mit mir spricht. Schließlich hat Taehyung ja gesagt, dass er eher still ist, vor allem gegenüber Fremden. Natürlich ist es toll, dass er mit mir redet.
    „Also willst du auch nicht, dass sie tanzen?“, fragt er und ich zucke mit den Schultern.
    „Ehrlich gesagt … nein.“ Man Kinder ja nun wirklich nicht anlügen. Und Jeonggyu erst recht nicht. „Hm, da wir beide nichts zu tun haben … was hältst du davon, wenn wir zusammen tanzen? Dann zeigen wir es den anderen.“ Jeonggyu strahlt und nickt. Ich nehme seine kleine Hand und führe ihn ein wenig näher an die tanzende Masse. Gerade läuft „B-Day“ von iKON, was Jeonggyu wohl ziemlich zu mögen scheint. Mit einem Elan, den ich gar nicht von ihm erwartet hätte, hüpft er erst herum und zeigt dann eine beeindruckende Anzahl an Tanzschritten. Er macht eine Handbewegung, die wohl heißen soll, dass ich ihm nachmachen soll. Warum nicht? Ich habe nichts gegen das Tanzen und so schlecht bin ich auch nicht. Also wird Jeonggyu kurzzeitig zu meinem Tanzlehrer. Und es macht überraschend viel Spaß von ihm unterrichtet zu werden. Ich merke gar nicht richtig, wie die anderen nach und nach aufhören zu tanzen und uns anfeuern. Nach einer Weile kommen Hoseok, Jimin und Jungkook dazu und machen unsere tolle Choreografie ebenfalls nach. Ich wette, wir sehen wie eine professionelle Dance-Crew aus. Als das Lied schließlich vorbei ist, gebe ich Jeonggyu ein High Five. „Das hat Spaß gemacht!“, lächle ich ihn an.
    „Ja, ja hat es“, grinst er zurück.
    „Du bist ein toller Tänzer, Jeonggyu! Vielleicht solltest du uns mal bei einem Auftritt unterstützen“, meint Hoseok lachend. Jungkook und Jimin stimmen ihm zu. Jeonggyu sieht die Drei erstaunt an und sein Grinsen wird noch breiter. Dann läuft er glücklich zu seiner Mutter, wahrscheinlich um ihr von der frohen Nachricht zu erzählen. „Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass er so viel Spaß hat. Sonst hält er sich immer zurück, selbst wenn nur wir da sind“, überlegt Hoseok.
    Jimin legt mir eine Hand auf die Schulter. „Lucy hat eindeutig ein Händchen für Kinder, meint ihr nicht?“
    „Quatsch. Ich habe mich einfach nur mit ihm unterhalten und das war es schon. Ist doch keine große Sache“, wehre ich ab und sehe mich um. Ich entdecke Taehyung, der sich einen Weg durch die nun wieder tanzenden Leute bahnt und auf uns zu kommt. Gefolgt von Mee. Super.
    „Du bist eine Heldin, Lucy!“, begrüßt er mich. „Das hat er noch nie gemacht! Siehst du Mee, ich habe doch gesagt, dass Lucy einfach die Beste ist.“ Die angesprochene junge Frau in unserem Alter fährt sich kurz durch ihre langen, blond gefärbten Haare und mustert mich dann.
    „Ja, das hast du gesagt. Hi, ich bin Mee. Ich kenne Tae aus dem Kindergarten. Und du bist also Lucy, seine beste Freundin?“ Sie betont die letzten Worte so seltsam, dass man meinen könnte, sie mache sich lustig darüber. Und auch wie sie „Tae“ gesagt hat. Als wäre es ein Privileg, ihn so zu nennen. Ich fange einen Blick von Hoseok auf, der wohl so viel bedeutet wie: „Ja, sie ist immer so.“
    „Das bin ich. Freut mich, dich kennenzulernen“, antworte ich und gebe mir Mühe, freundlich zu klingen. Ich kenne diese Frau nicht einmal besonders gut und weiß jetzt schon, dass wir definitiv keine Freunde werden. Taehyung scheint ein wenig verwirrt von der Stimmung zu sein.
    „Tae, sollen wir wieder tanzen?“, fragt Mee und greift nach seiner Hand, die er ihr jedoch wieder entzieht.
    „Nein, nein. Ich will mit Lucy tanzen, das habe ich heute noch gar nicht“, meint er und lächelt mich an. „Kommst du?“
    Ich sehe ihn überrascht und unsicher an. „Sicher?“ Gerade läuft nämlich „Last Dance“ von BIGBANG und … na ja, es ist nicht gerade ein Lied, das man wild herum hüpfend tanzt, um es mal so zu sagen.
    „Klar, warum nicht?“ Taehyung nimmt ohne ein weiteres Wort meine Hand und zieht mich mit sich in die Menge aus Pärchen. Okay, das … ist ziemlich … ah, nicht ausrasten, einfach atmen! Wir sind doch beste Freunde und beste Freunde tanzen nun mal … also … manchmal auch etwas … enger zusammen. Kein Grund, einen Herzinfarkt zu bekommen. Nein, das ist leider unmöglich. Taehyung dreht sich zu mir und legt dann meine Hände um seinen Hals bevor er seine eigenen an meinen Rücken legt. Er sieht mir tief in die Augen, während wir uns langsam zum Takt der Musik bewegen. Unfähig, mich von seinem Blick zu lösen, schlucke ich schwer. „Du scheinst Mee nicht besonders zu mögen. Warum?“
    Tja, warum wohl. Ich will es ihm sagen. Will ich wirklich. Aber ich kann nicht. Denn was ist wenn das selbe passiert wie bei Tom damals? Wenn er mich abweist … wenn ich unsere ganze Freundschaft damit zerstöre? „Ich kenne sie ja kaum, also kann ich sie nicht wirklich beurteilen. Aber … ich weiß nicht, kennst du das, wenn du schon von vornherein weißt, dass du keine Verbindung zu einer Person aufbauen kannst?“ Er nickt zögernd. „So geht es mir mit ihr.“ Das ist nicht einmal gelogen. Zwar auch nicht die ganze Wahrheit, aber immerhin keine Lüge.
    „Sie war im Kindergarten meine beste Freundin. Ich dachte, ihr würdet euch vielleicht gut verstehen. Na ja. Solange du mich magst, ist ja alles gut. Tust du doch noch, oder?“ Es war so klar, dass dieser Kommentar kommen wird. Wenn Taehyung erst einmal weiß, dass jemand ihn mag, dann kann er nicht damit aufhören, das zu betonen und sich immer wieder zu vergewissern, dass sich nichts geändert hat.
    „Du solltest mittlerweile wissen, dass ich das tue, Tae .“ Okay, ich musste es wenigstens einmal tun, Mee nachmachen.
    „Wow, ich bin es ja gar nicht von dir gewohnt, dich über andere lustig zu machen“, kichert er. „Vielleicht bist du ja eifersüchtig auf sie, weil sie mich länger kennt?“
    Ich löse eine meiner Hände und boxe ihm leicht gegen die Brust. „Jetzt übersteigerst du dich aber ein wenig, meinst du nicht?“
    „Da könntest du Recht haben. Ach, übrigens, das mit Jeonggyu … hm, also ich weiß nicht, wie du das geschafft hast, aber ich bin dir dankbar dafür. Manchmal mache ich mir Sorgen um ihn, weil er so zurückgezogen ist. Deswegen bedeutet das heute Abend viel mehr, als du dir vorstellen kannst.“ Er lächelt und sieht dabei so glücklich aus, dass mein Herz einen Moment stehen bleibt. Meine Güte, wie kann jemand so perfekt sein? Wie? „Also, was hat es jetzt eigentlich mit dem zweiten Geschenk auf sich? Kann ich es jetzt haben?“, wechselt er das Thema. Zu meinem großen Bedauern ist auch der Song mittlerweile zu Ende. Wir lösen uns voneinander und verlassen die Tanzfläche wieder. Wie sagt man doch gleich? Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist, richtig?
    „Wenn du deine Geburtstagsfeier schon verlassen willst, dann ja. Wir müssen nämlich ein ganzes Stück laufen“, sage ich und sehe ihn an.
    „Hm, weißt du, ich glaube ich habe mich heute genug präsentiert. Und die ersten Gäste sind auch schon wieder gegangen, also … ich will endlich wissen, was das für ein Geschenk ist! Willst du hier warten? Ich hole nur kurz etwas und sage meinen Eltern Bescheid, dann können wir gehen, wohin auch immer du willst. Einverstanden?“ Ich nicke grinsend und lasse ihn von dannen ziehen. Nach wenigen Minuten kommt er mit einer kleinen Tasche wieder und schiebt mich zum Gartentor. „Also, dann mal los!“
    „Eh, so einfach wird das leider nicht, Taehyung, tut mir Leid.“ Ich reiche ihm den zweiten Umschlag, den ich ihm vorhin enthalten habe. Er sieht mich verwirrt an und öffnet ihn dann. Seine Augen weiten sich, als er die wenigen Worte liest.
    „Wow, wow, wow. Moment Mal. Heißt das … heißt das ich muss nach dem Geschenk suchen ?“

    42
    „Ich habe gehofft, dass ich mein Gehirn erst einmal nicht anstrengen muss“, seufzt Taehyung und muss dann lachen. „Aber irgendwie ist die Idee wirklich toll, ich bin richtig aufgeregt! Okay, also … muss ich ein paar Rätsel lösen, damit ich mein Geschenk finde?“
    Ich nicke. „Genau. Wie eine Schnitzeljagd. Ich weiß, ich weiß. Aus dem Alter sind wir eigentlich raus. Aber ich verfolge damit ein höheres Ziel, deswegen … na ja.“
    „Du klingst als wärst du aus einer Sekte. >Bringt diese Opfer, um unser höheres Ziel zu erreichen, meine Brüder und Schwestern!<“ Er kichert. „Ich finde, man ist nie zu alt dafür, so etwas zu machen. Aber ich nehme mal an, dass du mir nicht helfen wirst, richtig?“ Ich schüttele grinsend den Kopf. „Na schön. Ich bekomme das schon hin. Irgendwie.“ Er sieht sich den Zettel in seiner Hand noch einmal genauer an. „Also, hier steht:
    Dein Geschenk wartet auf dich!
    Mache eine Reise und finde mich.
    Der erste Hinweis schwingt hin und her,
    Diesen Ort zu finden ist nicht schwer.“
    Er sieht nachdenklich nach oben. „Tut mir übrigens Leid für diese schlechten Reime. Ich bin wirklich nicht gut darin. Vielleicht solltest du noch wissen, dass Jimin und Hoseok mir ein wenig geholfen haben, weil ich nicht wirklich weiß, an welchen Orten … nein, ich verrate zu viel“, sage ich und muss gleichzeitig zugeben, dass es mir irgendwie Spaß macht, Taehyung zum Nachdenken zu bringen.
    „So schlimm sind die Reime nicht. Schon ein bisschen, aber solange sie mir helfen ist doch alles gut“, grinst Taehyung und fängt an, nachdenklich im Kreis zu gehen. „Ich würde sagen, was hier wirklich wichtig ist, ist die Aussage, dass der Hinweis hin und her schwingt. Was könnte das bedeuten … es geht um einen Ort … hin und her schwingen … Oh! Ich weiß es! Der Baum mit der Schaukel! Richtig?“
    Ich komme gar nicht mehr dazu, zu nicken, da er schon meine Hand ergreift und mich hinter sich her zieht. Ich muss schon fast rennen, um mit seinen Schritten mitzuhalten. Warum hat er es denn so eilig? Und wie hat er das Rätsel so schnell gelöst? Okay, es war nicht besonders schwer, das gebe ich zu. Aber dafür sind die nächsten schwieriger. „Taehyung … wir haben Zeit, okay?“, keuche ich, als wir schließlich an dem besagten Baum ankommen. Er lässt meine Hand los und sieht sich um.
    „Ja, ich weiß. Nein, eigentlich haben wir nicht so viel Zeit. Weil … na ja, das wirst du noch sehen. Also … der Hinweis muss bei der Schaukel sein ...“, murmelt er. „Ah, ich erinnere mich daran, dass ich hier früher beinahe jeden Tag war und ein Baumhaus bauen wollte. Ich habe den Reifen mal gefunden und dann eine Schaukel daraus gemacht. Zu mehr bin ich leider nicht gekommen.“ Ich lächele vor mich hin, während ich ihm zuhöre. Mein Plan scheint aufzugehen. „Ich glaube, wenn ich später mal Kinder habe werde ich ihnen ein Baumhaus bauen. Und mich dann heimlich selbst da einquartieren.“ Er lacht und hält dann triumphierend einen kleinen Zettel in die Höhe. „Ha! Gefunden! Okay, was steht hier …
    Tropfen der Erinnerung sammeln sich an einem Ort,
    sie bleiben nicht, sondern fließen fort.
    Nur eine Sache hält sie auf,
    hier nimmt die Suche ihren Lauf.
    Wow, das ist ja wirklich poetisch! Wenn ich mal Hilfe bei einem Song brauche, sage ich dir Bescheid.“
    „Ach, so gut ist das auch nicht“, wehre ich ab und schubse den Reifen abwesend ein wenig an. Wie oft Taehyung hier wohl drauf saß und über alles Mögliche nachgedacht hat? Ob er jemals mit einer anderen Person hier war? „Also, hast du eine Idee wo der nächste Ort ist?“, frage ich, um mich selbst auf andere Gedanken zu bringen.
    Taehyung reibt sich über das Kinn. „Hm … Noch nicht. Das ist definitiv schwieriger als gedacht. Gibst du mir einen Tipp?“
    „Vergiss' es, nicht nachdem du mich so hierher gehetzt hast“, grinse ich. Ach, Rache ist wirklich süß.
    „Schön, dann eben nicht. Ich bekomme das schon hin, Pinguin.“ Ich seufze. Er weiß ganz genau, dass er mich mit diesem Spitznamen ärgern kann. „Tropfen der Erinnerung … Tropfen. Vielleicht Tränen? Etwas Trauriges? Nein, nein ...“ Ich lasse ihn in seinem Gedankengang gewähren und sehe mir währenddessen die Sterne an, die heute sehr gut zu sehen sind. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich früher diese Rätsel lösen musste und wie viel Spaß es mir gemacht hat. Hach … das war eine schöne Zeit. „Ich habe es! Es geht um Wasser! Und da es fort fließt, meinst du logischerweise einen Fluss, der … der von einem Damm aufgehalten wird! Der Biberdamm!“
    „Gut gemacht“, lobe ich ihn. „Siehst du, war doch gar nicht so schwer und du hast es sogar ohne meine Hilfe geschafft.“
    Fröhlich macht Taehyung sich auf den Weg. Da es mitten in der Nacht und somit ziemlich dunkel ist, habe ich keine Ahnung woher wir gehen und muss mich dementsprechend auf Taehyungs Orientierungssinn verlassen. Na, wenn das mal nicht schief geht. Irgendwann dreht er sich zu mir. „Warum gibst du dir eigentlich so viel Mühe mit meinem Geschenk? Ich meine, bei den Karten musst du wahrscheinlich lange überlegt haben, für welche Ausstellung du sie holst. Dann noch der lange Brief und jetzt das hier. Nicht, dass ich mich beschwere.“
    Ich zucke mit den Schultern. „Ich will dir einfach eine Freude machen. Man hat schließlich nicht jeden Tag Geburtstag.“ Wow, mit dieser Aussage habe ich mir selbst wohl gerade vollkommen widersprochen. „Außerdem hatte ich ja Hilfe von Jimin und Hoseok.“
    Taehyung öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen, schließt ihn aber wieder und schaut nach vorne. „Trotzdem … danke“, meint er schließlich. „Du bist zwar ein Pinguin, aber auch eine wirklich gute beste Freundin. Das meine ich ernst. Und bevor du sagst, dass das gar nicht wahr sei: Doch ist es. Ach, und noch etwas. Wegen dem Brief. Ich weiß, dass du nicht gerne über dich redest. Aber wenn du es irgendwann tun willst, dann werde ich da sein. Denn ich höre dir gerne zu.“ Er legt einen Arm um meine Schultern und bleibt nach einer Weile stehen. „Wir sind da.“ Vor uns liegt ein schmaler Bach, dessen Strom durch einen kleinen Damm leicht gebremst wird. „Ich fasse es nicht, dass der Damm immer noch da ist. Wann war ich das letzte Mal hier? Vor zehn, fünfzehn Jahren? Das ist unglaublich. Übrigens haben den Damm nicht wirklich Biber gebaut, die leben hier gar nicht. Meine Eltern haben ihn als Kinder gemacht. Und er steht immer noch.“ Taehyung seufzt und sieht dann auf den Boden. „Ich hoffe, dass ich eines Tages auch jemanden finde, mit dem ich das machen kann.“
    Oh, Taehyung … wenn du nur wüsstest. Er tut mir mit einem Mal unendlich Leid. Schließlich hat er keine Ahnung, dass es da jemanden gibt, der das mit ihm machen würde. Die Person steht sogar direkt neben ihm. „Taehyung ...“, fange ich an. „Ich … also …“
    „Da ist ein Zettel!“, ruft er plötzlich und ich komme nicht dazu, meinen Satz zu beenden. Wow, da war ich zum ersten Mal bereit, ihm zu sagen, was ich empfinde, und dann so etwas. Vielleicht ist es ein Zeichen. Vielleicht sollte er es nicht wissen. Vielleicht soll es einfach nicht sein. „Wie soll ich denn da drankommen ...“
    „Warte, ich helfe dir“, murmele ich traurig und knie mich an das Ufer des Bachs, bevor ich meine Hand ausstrecke und den Zettel aus dem Damm fische. „Hier.“
    „Danke! Ist das schon der letzte Hinweis?“ Ich nicke und warte darauf, dass er den Zettel liest. „Noch so etwas Poetisches, ich bin ernsthaft beeindruckt …
    Der letzte Hinweis, es ist nicht mehr weit.
    Stein um Stein verschwand hier durch die Zeit.
    Was einst war groß, neu und schön,
    Ist nun kaum noch mehr zu seh'n.“
    Okay, ich muss sagen, dass ich auf dieses Rätsel besonders stolz bin. Nicht, weil mir die Reime dieses Mal ein wenig besser gelungen sind, sondern weil ich denke, dass er hier wirklich nachdenken muss.
    „Ach, komm schon. Nur ein winziger Tipp. Bitte!“, fleht mich Taehyung eine Viertelstunde später an. „Im Gegenzug bekommst du noch ein Stück vom Kuchen. Nein? Du bist wirklich hartnäckig. Da bleibt mir nur eine Möglichkeit … ich werde mit jemand anderem nach Seoul zur Ausstellung fahren.“
    Geschockt sehe ich ihn an. „Warte, warte. Das machst du doch nicht wirklich, oder? Taehyung!“
    „Tja, was denkst du denn?“ Er sieht mich mit einem schelmischen Grinsen an. „Die Entscheidung liegt ganz bei dir ...“
    „Du bist wirklich, wirklich, wirklich böse, weißt du das? Schön, dann helfe ich dir eben“, gebe ich nach. Ich werde ganz sicher nicht die Chance, mit ihm Zeit zu verbringen, verstreichen lassen. „Also, im Hinweis steht, dass Stein um Stein verschwand. Was bedeutet das?“
    „Das bedeutet, dass es ein Ort ist, an dem sich mal viele Steine befunden haben, aber jetzt nicht mehr?“, vermutet er und sieht mich hilflos an. Dabei sieht er aus wie ein Welpe, der sich verirrt hat und nun auf der Suche nach seinem Herrchen oder in diesem Fall Frauchen ist.
    „Gemeint sind nicht Steine im Sinne von Kieselsteinen oder Felsen oder so. Es geht um andere Steine. Steine, die man benutzt um Gebäude zu bauen. Und diese Steine sind größtenteils weg“, helfe ich ihm.
    Er runzelt die Stirn. Dann weiten sich seine Augen. Ich kann das Licht förmlich über seinem Kopf angehen sehen. „Ruinen! Die Ruinen! Sag' das doch gleich!“
    Ich verkneife mir einen Kommentar und folge ihm lachend. Es ist schon ein wenig schade, dass er das letzte Rätsel gelöst hat, aber es war ja klar, dass er das tun würde. Die Ruinen, die mir Jimin und Hoseok heute noch gezeigt haben, sind nur wenige Minuten entfernt. Sie sind die Überreste einer Kirche, glaube ich, und befinden sich auf einem Hügel, von wo aus man in der Ferne die nächste Stadt sehen kann. Die Aussicht war heute Mittag schon beeindruckend, aber als wir nun ankommen und man nur einige Lichter sieht, ist sie noch viel schöner. „Wow“, entfährt es mir und ich bereue es, meine Kamera nicht mitgenommen zu haben.
    „Da stimme ich dir vollkommen zu. Ich liebe diesen Ort einfach. Hier ist es so ruhig, perfekt um nachzudenken oder einfach nichts zu tun.“ Ich sehe zu Taehyung, der ebenfalls die ferne Stadt betrachtet. Sein Gesicht ist regungslos, aber ich glaube, nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn noch nie so … friedlich gesehen habe.
    „Also, dein Geschenk.“ Ich mache eine große, weite Handbewegung. „Dein Geschenk ist das hier. Ich dachte mir, dass es als Idol manchmal vielleicht schwer ist, sich an die wichtigen Dinge im Leben zu erinnern. Und dass es auch beängstigend sein kann, von so vielen Menschen gesehen zu werden, wenn man selbst nur wenige sieht. Deswegen habe ich dich an die Orte, die dir in deiner Kindheit wichtig waren geführt, und natürlich auch hier hin. Du siehst fast die ganze Stadt da, aber die Menschen dort sehen dich nicht. Wahrscheinlich wissen sie nicht einmal, dass du hier stehst und zu ihnen schaust.“ Nach einer kurzen Pause fahre ich fort. „Mir ist aufgefallen, dass du in den letzten Tagen sehr erschöpft warst. Ich dachte, eine kleine Auszeit tut dir bestimmt ganz gut. Früher … als ich kleiner war … da hat Mama an meinem Geburtstag auch immer so etwas gemacht. Ich habe es geliebt. Nicht nur, weil ich gerne diese kleinen Rätsel gelöst habe oder weil wir an meine Lieblingsorte gegangen sind. Das, was mich wirklich glücklich gemacht hat, war die Zeit, die ich mit ihr verbracht habe.“ Ich atme tief durch. Wie lange habe ich schon nicht mehr über meine Mutter gesprochen? Es ist schmerzvoll und schön zugleich, darüber zu reden.
    Als Taehyung nichts erwidert, drehe ich mich zu ihm. Er sieht mich mit großen Augen an, das kann ich sogar in der Dunkelheit erkennen. Kurz befürchte ich, dass es keine gute Idee war, hierher zu kommen. Aber dann breitet sich ein breites Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Hast du gerade wirklich zum ersten Mal etwas über deine Mutter erzählt? Über deine Vergangenheit?“
    „Ich denke schon“, meine ich und versuche ein Lächeln in Stande zu bringen. Was mir nicht schwer fällt, da ich kurz darauf in eine feste Umarmung gezogen werde.
    „Ich bin sehr, sehr stolz auf dich. Und unfassbar glücklich. Das ist das beste Geschenk das du mir hättest machen können. Danke.“ Taehyung löst sich ein wenig von mir und grinst mich dann an. „Okay, dann kann ich dir ja jetzt endlich mein Geschenk geben.“ Ich lege den Kopf schief und setze an, etwas zu sagen, doch er hebt eine Hand. „Hast du ernsthaft gedacht, dass ich nicht herausfinde, dass du heute auch Geburtstag hast? Nachdem ich gestern gefragt habe und deine Antwort verpasst habe, habe ich einfach Donghae heute Morgen angerufen. Als er mir gesagt hat, dass wir am selben Tag Geburtstag haben, wollte ich erst sauer auf dich sein, weil du mir das nicht gesagt hast, aber dann habe ich darüber nachgedacht, warum du es mir nicht gesagt hast. Und mir ist aufgefallen, dass ich noch nie jemanden getroffen habe, der so selbstlos ist wie du. Deswegen wollte ich, statt wütend zu sein, dir auch eine Freude machen. Ich habe auch zwei Geschenke für dich. Geschenk Nummer Eins ist das hier.“ Er greift in die Tasche, die er vorhin mitgenommen hat und holt eine Schachtel heraus. Ein wenig überfordert nehme ich sie entgegen. „Lucy Kimmel, ich wünsche dir alles Liebe dieser Welt zum Geburtstag und hoffe, dass wir jeden unserer nächsten Geburtstage zusammen feiern werden.“
    Ich starre erst das Geschenk und dann Taehyung an, unfähig, etwas zu sagen. Er wusste also die ganze Zeit, dass ich Geburtstag habe … „D-Danke?“
    „Bitte. Und jetzt mach es auf!“ Er beobachtet mich gespannt, wie ich die Schachtel öffne und … eine Kamera herausziehe. Mir fällt die Kinnlade herunter. Es ist nicht irgendeine Kamera, nein. Es ist die Kamera, die … die ich fallen gelassen habe, als er mich erschreckt hat. Nur nicht in Einzelteilen - sondern ganz! Ich wiederhole mich: Es ist die selbe Kamera, die kaputt war! „Ich habe die Teile eingepackt und versucht, sie wieder zusammen zu setzen. Sie funktioniert zwar nicht, aber … na ja, sie ist dir ja wichtig, deswegen wollte ich sie nicht wegwerfen. Hallo? Lucy? Atmest du noch?“ Ich sehe ihn perplex an. „Hey, bitte rede mit mir, damit ich weiß, dass du noch lebst.“
    „Ich … weiß nicht, was ich sagen soll“, stammele ich irgendwann. „Du hast sie repariert! Das … das … nein, ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll.“ Ich merke, wie mir Freudentränen über die Wangen kullern. „Danke, ich danke dir so sehr ...“ Nun bin ich diejenige, die ihn umarmt.
    „Es gibt wie gesagt noch ein zweites Geschenk. Nur habe ich ein wenig Angst, dass du einen Herzinfarkt bekommst, wenn ich es dir sage“, lacht er. „Hm, ich werde es wohl riskieren müssen. Okay. Also … Trommelwirbel bitte … wir werden zusammen nach Paris fliegen!“
    Ha ha … zusammen … nach Paris … zusammen nach … Paris … Moment mal ... ZUSAMMEN NACH PARIS!

    43
    Zehn Minuten später muss ich noch immer schwer darum kämpfen, meine Atmung wieder in einen normalen Rhythmus zu bringen. Einatmen, ausatmen … Paris … einatmen, ausatmen … „Nein, Taehyung“, meine ich schließlich. „Das kann ich nicht annehmen. Es ist dein Geschenk und außerdem wären die Anderen wahrscheinlich sehr enttäuscht, dass sie nicht mitkommen können.“
    „Sie werden es verstehen. Ich hätte ja so oder so nur eine Person mitnehmen können, deswegen ist es wahrscheinlich sogar besser, dass ich mich für niemanden von ihnen entschieden habe, sonst gäbe es vielleicht Streit. Und ich habe bereits mit meinen Eltern gesprochen. Sie haben sich aus irgendeinem Grund sogar wirklich darüber gefreut, dass ich dich als Begleitung gewählt habe. Und da wir gleichzeitig Geburtstag haben, ist es sozusagen auch ihr Geschenk an dich.“ Taehyung legt mir die Hände auf die Schultern. „Bitte. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn du mitkommst.“
    „Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne mitkommen würde. Aber doch nicht auf Kosten deiner Eltern!“ Ich seufze. Taehyung wird wahrscheinlich nicht nachlassen, bis ich zustimme. „Ich komme unter einer Bedingung mit. Ich werde meinen Anteil selbst bezahlen. Sonst würde ich mich echt schlecht fühlen.“
    „Einverstanden! Hauptsache, du kommst mit! Wir fliegen nach Paris! Wir fliegen nach Paris!“, jubelt er. Ich kann nicht anders, als zu lachen und dann ebenfalls zu jubeln. Wir fliegen nach Paris!
    Nach unserem kleinen Freudenstanz beschließen wir, uns noch ein wenig die entfernte Stadt anzusehen. Taehyung hatte auf jeden Fall Recht. Dieser Ort hier ist definitiv ein wunderschöner, ruhiger Ort, an dem man prima seine Seele baumeln lassen kann. Da fällt mir ein … wenn ich schon keine Kamera dabei habe, kann ich ja wenigstens mit meinem Handy ein paar Fotos machen. Ich ziehe es also aus meiner Tasche. Ein großer Fehler.
    14 verpasste Anrufe , steht auf dem Display. Nicht einmal an meinem Geburtstag kann mich der mysteriöse Anrufer in Ruhe lassen. Vielen Dank auch.
    „Was ist los?“, fragt Taehyung und wirft mir einen besorgten Blick zu. Ob ich ihm von den Anrufen erzählen sollte? Warum nicht. Es wird mich schon nicht umbringen. Hoffentlich.
    „Ich weiß nicht genau. Seit ein paar Wochen werde ich immer wieder von jemandem angerufen. Aber es meldet sich niemand, wenn ich drangehe. Ab und an sagt die Person meinen Namen, aber das war es auch schon.“ Ich zucke mit den Schultern. „Na ja. Es ist wahrscheinlich nicht so wichtig.“
    „Nicht wichtig? Blödsinn. Das ist wirklich gruselig!“ Taehyung schüttelt den Kopf und sieht mich anklagend an. „Warum hast du denn nichts gesagt? Oder bist zur Polizei gegangen? Die hätte heraus gefunden, wer das ist.“
    Ich setze zu einer Antwort an, doch dann vibriert das Handy in meiner Hand. „Hey, wenn man vom Teufel spricht …“
    Taehyung rückt ein wenig näher und schaut auf das Display. „Unbekannter Anrufer. Ist er das?“
    „Ich denke schon“, meine ich.
    „Okay, geh dran. Und schalte auf Lautsprecher!“ Ich sehe ihn skeptisch an. Irgendetwas scheint er vorzuhaben … Trotzdem tue ich, was er sagt und nehme das Gespräch an.
    „Hallo, hier ist Lucy Kimmel“, melde ich mich. Natürlich kommt keine Antwort. In diesem Moment reißt Taehyung mir das Handy aus der Hand und hält es vor sich.
    „Jetzt hören Sie mir mal zu. Entweder Sie sagen jetzt, wer Sie sind oder Sie werden ihre Anrufe in Zukunft unterlassen! Oder wissen Sie nicht, was sie sonst machen können? Suchen Sie sich verdammt noch einmal ein Leben! Gehen Sie arbeiten! Gehen Sie ins Kino! Von mir aus können Sie auch zuhause vor dem Fernseher sitzen und sich schlechte Sendungen anschauen! Aber lassen Sie meine Freundin und ihr Leben in Ruhe! Und wenn Sie das nicht tun dann werde ich Sie anzeigen!“ Wow. Ich glaube, ich habe Taehyung noch nie so wütend erlebt. Gespannt warte ich auf die Reaktion des Anrufers. Und zum ersten Mal redet dieser.
    „Wo ist Lucy?“, ertönt eine männliche Stimme aus dem Handy. „Ich will mit Lucy reden.“ Woher kenne ich diese Stimme nur … es will mir einfach nicht einfallen.
    „Zuerst sagen Sie mir ihren Namen. Sonst ist dieses Gespräch hiermit beendet“, antwortet Taehuyng und sieht mich triumphierend an.
    „Lucy weiß, wer ich bin. Ich nehme mal an, dass sie mithört. Deswegen: Hallo, Lucy. Ich wollte dir alles Gute zum Geburtstag wünschen. Weißt du, ich vermisse dich. Und mir ist klar geworden, dass ich Fehler gemacht habe. Der größte Fehler war, dich gehen zu lassen. Es tut mir Leid. Aber ich weiß jetzt, dass ich falsch lag. Lucy, ich will, dass du zurück kommst.“
    Ich lausche der Stimme. Langsam aber sicher formt sich ein Bild vor meinen Augen. Braune Haare. Eine kleine Narbe an der Stirn, die von einem Unfall auf einem Spielplatz übrig geblieben ist. Haselnussbraune Augen. „Oh. Mein. Gott“, murmele ich und schlage mir die Hand vor den Mund. Das ist … Das ist Tom! Ich nehme Taehyung das Handy aus der Hand und lege im Eiltempo auf. Er sieht mich verwirrt an. „Ich weiß jetzt, wer es ist.“
    „Und? Wer?“, will er verständlicherweise wissen.
    „Tom. Mein … mein erster und einziger Freund. Also fester Freund“, erkläre ich, noch immer fassungslos und unsicher, was ich darüber denken soll. Wieso … wieso meldet er sich jetzt, nach so einer langen Zeit? Warum jetzt ?
    Taehyungs Gesichtsausdruck ändert sich schlagartig von neugierig zu … tja, zu was? Schwer zu sagen. Er beißt sich auf die Unterlippe und sieht nach vorne. „Oh“, ist das einzige, was er zu sagen hat. Da vibriert mein Handy erneut und mit einem Mal spüre ich große Wut in mir aufsteigen. Kurzerhand stehe ich auf. Dann sammele ich all meine Kraft und werfe das Handy eine Böschung herunter. Scheinbar kommt es auf einem Stein auf, da ich ein leises Poltern höre. „Hm, deine Meinung zu ihm scheint ziemlich eindeutig zu sein.“ Nun breitet sich ein Grinsen auf Taehyungs Gesicht aus.
    „Was man nicht braucht sollte man auch nicht behalten. Und wegwerfen“, sage ich nur und atme dann tief durch. Das tat unerwartet gut. „Vielleicht sollten wir zurückgehen. Bevor ich diesem Handy hinterher renne und es noch mehr zerstöre.“
    „Das ist doch mal ein Wort“, lacht Taehyung. Wir machen uns also auf den Weg zurück und schweigen dabei größtenteils. Bis er das Thema „Tom“ aufgreift, worauf aber ich aber ehrlich gesagt nur gewartet habe. Vor allem Taehyung ist niemand, der etwas nicht anspricht. „Dieser Tom … du warst also mal mit ihm zusammen?“
    „Für eine Woche, ja. Und dann hat er mir gesagt, dass er mich nur als normale Freundin sehen kann. Tja, das war es dann.“
    „Oh, das ist … na ja. Ziemlich kacke, um es mal so auszudrücken“, meint er.
    Ich lache kurz und bitter auf. „Das kannst du laut sagen.“
    „Das ist ziemlich kacke!“, ruft er und ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Mit gespieltem Entsetzen gebe ich ihm einen leichten Stoß. „Und warum kann er so gut Koreanisch? Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich gewundert, es war fast perfekt“, lautet seine nächste Frage. Gott, er ist ja ziemlich neugierig. Na ja, ich will mal nicht so sein. Das Kapitel Tom ist abgeschlossen, da fällt es mir nicht so schwer, darüber zu reden.
    „Ich habe es ihm beigebracht. Meine Mutter war Koreanerin, von ihr habe ich die Sprache also auch gelernt.“
    „Ah, das erklärt auch warum du so asiatische Gesichtszüge hast. Ich wollte eigentlich schon früher fragen, ob du asiatische Vorfahren hast, aber da du ja nicht so gerne über dich redest …“ In der Ferne taucht das Haus seiner Eltern auf, in dem nur noch wenige Lichter brennen. Er bleibt stehen und dreht sich dann zu mir. „Eine Frage habe ich noch, wenn das okay ist.“
    „Klar, immer her damit“, lächle ich. Es tut irgendwie gut, zu wissen, dass es jemanden gibt, den die eigene Vergangenheit interessiert. Und bei Taehyung bedeutet mir das sogar doppelt so viel, was wohl verständlich ist.
    Er räuspert sich und scheint kurz darüber nachzudenken, wie er die Frage stellen soll. „Er hat dich wohl ziemlich verletzt, schätze ich mal. Ich würde nur gerne wissen, ob … hm, wie frage ich das am Besten … Ob du trotzdem … nein, warte, ich habe es gleich. Ich würde gerne wissen, ob du Angst davor hast, noch einmal eine Beziehung einzugehen.“
    Überrascht starre ich ihn an. Das ist eine ziemlich … seltsame Frage. Und sie ist außerdem sehr direkt. Ich frage mich, warum er das fragt. Denn ihm dürfte die Antwort ja nun nicht wirklich etwas bedeuten. „Ehm … ich weiß nicht. Also ich denke, dass ich Angst davor habe, verletzt zu werden, das schon. Und das ich mich deswegen auch nicht so leichtfertig und Hals über Kopf in eine neue Beziehung stürzen würde. Aber ich will auch nicht den Rest meines Lebens alleine verbringen, verstehst du? Wenn es also eine Person gibt, von der ich weiß, dass sie das selbe empfindet wie ich für sie …“ Ich zucke mit den Schultern und sehe Taehyung hilflos an. Wie soll ihm bitte indirekt sagen, dass ich etwas für ihn empfinde und sehr gerne seine feste Freundin sein würde?
    Mit einem Grinsen wendet sich Taehyung wieder Richtung Haus und marschiert dann davon. Dabei hätte ich schwören können, dass er so etwas wie: „Gut, das ist sehr gut“ gemurmelt hat. Aber das war wohl nur Einbildung oder ich habe mich verhört. Es gibt schließlich keinen Grund für ihn, so etwas zu sagen.

    44
    „Du! Wie kannst du es wagen, mir nicht zu sagen, dass du Geburtstag hast!“
    Verschlafen öffne ich die Augen und sehe Migas Gesicht über meinem. „Was ...“ Es dauert eine Weile, bis mein Gehirn einigermaßen funktioniert. „Oh … tut mir Leid.“
    „Jetzt ist es sowieso zu spät. Mensch! Ich habe nicht mal ein Geschenk für dich! Okay, weißt du was, ich werde dir einfach später eins geben. Und jetzt steh endlich auf, wir müssen doch noch die Zutaten für den Kuchen besorgen! Und uns für die Feier nachher fertig machen … wir haben einen straffen Zeitplan!“ Miga zieht meine Decke weg. Ich versuche noch, sie aufzuhalten, aber es ist nichts zu machen. Müde stöhnend bringe ich es irgendwie zustande, aufzustehen und das Bad zu finden, um mich fertig zu machen. Kaum bin ich angezogen, greift Miga nach meiner Hand und zieht mich mit sich nach unten. Chinsun streckt ihren Kopf aus der Küchentür heraus.
    „Guten Morgen, du Schlafmütze!“, begrüßt sie mich und lächelt dabei.
    „Morgen.“ Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich, als hätte mich ein Zug überfahren. Gut, dass könnte auch daran liegen, dass ich so spät ins Bett gegangen bin. Oder so früh, besser gesagt. Ob Taehyung wohl schon wach ist?
    „Hallo! Erde an Lucy!“ Miga fuchtelt mit ihrer Hand vor meinem Gesicht herum und seufzt dann. „Ich glaube wir sollten dir unterwegs einen Kaffee besorgen. Sonst schläfst du mir noch ein.“
    „Oh, ihr wollt weggehen?“, fragt Chinsun, während sie einen Teller mit einem Tuch abtrocknet.
    Miga nickt und reicht mir dann meinen Mantel. „Ja, wir müssen einige Sachen in der Stadt besorgen. Was genau verrate ich aber nicht“, grinst sie und winkt Taehyungs Mutter dann zum Abschied zu. Ich hebe nur meine Hand und lasse mich dann von Miga den Weg aus dem Haus ziehen. „So. Du musst mir jetzt alles von gestern erzählen. Wo bist du mit Taehyung hingegangen? Warum seid ihr so spät wieder da gewesen? Und noch viel wichtiger: Ist irgendetwas passiert, das ich wissen sollte?“
    „Jetzt beruhig' dich doch mal, mein Gehirn kann die ganzen Fragen noch nicht verarbeiten. Ich habe dir doch von meinem Plan erzählt, oder? Den habe ich in die Tat umgesetzt. Nicht mehr, nicht weniger. Und nein, es ist nichts passiert, was morgen vielleicht in der Zeitung stehen könnte. Wir haben einfach Zeit miteinander verbracht und geredet“, sage ich. „Und da wir gerade schon beim Verhören sind: Was ist denn hier so passiert?“
    „Ach, weißt du … nichts Besonderes ...“ Ich beobachte wie sich Migas Wangen rot färben und sehe sie mit großen Augen an.
    „Moment mal … Miga? Was ist passiert?
    „Na ja … also … ich habe Jin gesagt, dass … dass ich mich in ihn verliebt habe“, murmelt sie und vermeidet es, mich anzusehen.
    „Und was hat er gesagt? Sag' schon!“ Ich hüpfe, mittlerweile hellwach, aufgeregt vor ihr her.
    „Er hat nicht viel gesagt, um ehrlich zu sein. Stattdessen … er ist ein Mann der Taten sprechen lässt, um es mal so zu sagen.“ Heißt das etwas das, was ich denke, dass es heißt? Sie lächelt und hält sich dann die Hände an die Wangen. „Wow, ich bin wahrscheinlich ziemlich rot, oder?“
    Ich lache und nicke. „Dann seid ihr jetzt also zusammen? Ich freue mich so für dich! Ah! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Das ist … das ist so toll, ihr gehört einfach zusammen! Keine Ahnung, ob man das sagt, aber ich wünsche euch auf jeden Fall ganz viel Glück!“
    „Danke“, lacht sie. Den Rest des Wegs spekulieren wir darüber, wie wohl das Leben als Partnerin eines Idols aussieht. Wir kommen zu dem Schluss, das es wohl nicht immer einfach, aber durchaus nicht unmöglich ist, eine Beziehung mit einem weltbekannten Star zu führen. Und ich bin mir sehr sicher, dass Miga und Jin das auf jeden Fall hinbekommen werden. Daran glaube ich ganz fest. Ist es nicht eigentlich sehr seltsam, dass ich bei anderen so positiv bin und bei mir selbst nicht? Klar, könnte man jetzt sagen, dass ich das ändern sollte. Würde ich ja gerne. Aber wie?
    Als wir ungefähr eine Stunde wieder zurück sind und die ganzen Zutaten für den Überraschungskuchen für Taehyungs Eltern in unserem Zimmer versteckt haben, ist es bereits Zeit für das Mittagessen. Ich habe also länger geschlafen, als ich zunächst angenommen habe. Nun ja, was soll's. Es sind schließlich Ferien. Da darf man das doch, richtig? Wie gestern beim Frühstück versammeln wir uns am Tisch auf der Terasse um zu essen. Wir sind die letzten, die eintreffen. Die Sitzordnung ist wie gestern: Ich sitze neben Taehyung und Yoongi, Miga neben Jin. Es gibt doch diese Pärchen, die der ganzen Welt zeigen, dass sie zusammen gehören, richtig? Ich meine die, bei denen sich die Partner gegenseitig füttern, T-Shirts mit der Aufschrift „Mein Traummann“ oder „Meine Traumfrau“ tragen, ständig aufeinander hocken und sich bestimmt fünftausend Spitznamen füreinander ausdenken. Tja, Miga und Jin gehören definitiv nicht dazu. Stattdessen lächeln sie sich nur schüchtern an und als Miga sich setzt, drückt Jin ihre Hand. Ich bin mir nicht sicher warum, aber ich finde das unfassbar süß. Ach ja, da kommt man fast ins Träumen …
    „Hey, Pinguin“, begrüßt Taehyung mich, nachdem er bei Jins Begrüßung kurz lächeln musste. „Ausgeschlafen?“
    Ich gähne, was wohl Antwort genug ist. „Ich fühle mich, als hätte ich seit Tagen nicht geschlafen“, gebe ich zu. „Wie sieht es mir dir aus?“
    Er streckt sich kurz. „Ich habe erstaunlicherweise wirklich gut geschlafen und obwohl Jimin mich sechs Uhr geweckt hat ...“ Er wirft dem Angesprochenen einen vielsagenden Blick zu, bevor er fortfährt. „... bin ich putzmunter.“
    „Warum seid ihr denn um sechs Uhr aufgestanden?“, frage ich und sehe zwischen den beiden hin und her.
    „Das würde ich auch gerne wissen. Und vor allem warum ihr uns alle wecken musstet“, brummt Yoongi neben mir.
    „Wir haben Lunchpakete vorbereitet, für heute Nachmittag“, erklärt Jimin. „Da gehen wir nämlich wandern, ist irgendwie Tradition. Und wärst du nicht wieder eingeschlafen Yoongi, wüsstest du das auch.“
    Yoongi grinst und macht dann eine abwehrende Handbewegung. „Wenn ihr mir gestern gesagt hättet, dass wir früh aufstehen, wäre ich auch früher ins Bett gegangen. Aber so ...“
    „Ich habe da so meine Zweifel, ehrlich gesagt“, lache ich und fange mir dafür einen leichten Stoß von ihm ein. „Also ihr geht wandern, hm?“
    „Jap. Willst du vielleicht mitkommen?“, fragt Taehyung.
    „Nein, nein. Ich glaube es tut euch mal ganz gut, Zeit alleine zu verbringen. Und deine Eltern brauchen hier sicherlich Hilfe, alles vorzubereiten“, antworte ich.
    „Das stimmt, es wäre nett, wenn zumindest eine Person noch helfen könnte“, wirft Chinsun ein, die gerade mit einem großen Topf auf die Terasse kommt. Chinsun hat Japchae gekocht, was Taehyungs Lieblingsgericht ist, wie ich in den letzten Wochen herausgefunden habe.
    „Lucy und ich helfen Ihnen gerne“, meint Miga. „Wir müssen uns ja irgendwie nützlich machen, wenn wir hier schon kurzzeitig wohnen.“
    „Ach, ihr könnt mich ruhig Duzen. Und danke für eure Hilfe.“

    ~oOo~

    Kurz nach dem Essen machen sich BTS schon auf den Weg, zwar sehr zu Yoongis Bedauern, aber letztendlich akzeptiert er es. Chinsun gibt Miga und mir ein paar Aufgaben. Ich verbringe also die nächsten Stunden damit, das Wohnzimmer mit Lametta und Ballons zu dekorieren, ein paar Häppchen vorzubereiten und mich schließlich mit Miga vorzubereiten, was zugegeben keine Aufgabe von Chinsun ist, sondern eher von Miga. Ich wäre damit einverstanden gewesen, in Jogginghose und Sweater den Abend zu verbringen, aber sie überredet mich dazu, mir etwas Schickes anzuziehen und mich zu schminken. Sie leiht mir sogar extra ein Kleid von ihr aus. Es ist schwarz, knielang und geht aber der Taille in ein helles Blau über, das meiner Augenfarbe stark ähnelt. Als ich mich im Spiegel betrachte, muss ich feststellen, dass es gar nicht so schlecht aussieht. Nein, eigentlich ist es sogar wirklich schön.
    „Du siehst so toll aus“, schwärmt Miga von ihrem Bett aus und ich drehe mich ein wenig. „Wenn Taehyung dich sieht ...“
    „Wenn Taehyung mich sieht, fragt er sich wahrscheinlich, warum zum Teufel ich ein Kleid angezogen habe. Kann ich nicht einfach eine Hose anziehen? Das ist viel bequemer. Hey, ich glaube, ich habe sogar ein T-Shirt mit der Aufschrift >Neues Jahr, neues Glück<, das passt doch perfekt ...“
    „Nein, vergiss es. Du behältst das Kleid an, klar? Hab' ein bisschen Selbstbewusstsein! Es gibt keinen Grund, warum du es nicht anziehen solltest. Du siehst darin sogar besser aus als ich. Und es ist schon schlimm genug, dass du an deinem Geburtstag in Jeans herumgelaufen bist. Dein Oberteil war zwar schön, aber trotzdem.“
    Ich stöhne und gebe mich schließlich geschlagen, da ich die Befürchtung habe, dass Miga mich notfalls an das Kleid näht. „Und was ziehst du an? Bitte auch ein Kleid. Dann fühle ich mich nicht so alleine.“
    „Klar, schätze, dass bin ich dir schuldig“, lacht sie.
    Als wir mit allem fertig sind und bereits im Wohnzimmer sitzen, klingelt es an der Tür. „Das dürften die Jungs sein. Ich werde aufmachen und ihnen sagen, dass sie sich etwas Schickes anziehen sollen, sonst müssen sie sich wirklich schämen“, sagt Chinsun lächelnd. Sie war absolut begeistert, als Miga und ich in unseren Kleidern die Treppe herunter gekommen sind. Immerhin eine Person.
    „Lucy, du bist dran“, erinnert mich Jeonggyu. Wir spielen gerade „Wer bin ich“ und ich bin die Einzige, die noch nicht ihren Namen erraten hat.
    „Okay, also … ich bin weiblich, nett, und ich kenne mich auf jeden Fall persönlich … bin ich älter als ich?“
    „Nein“, lacht Eonjin, die für mich übrigens eine Person ausgesucht hat. „Okay, ich gebe dir einen Tipp. Du bist auch nicht jünger als du.“
    Nachdenklich sehe ich sie an. „Ich bin nicht älter und nicht jünger? Also bin ich genauso alt wie ich? Ah! Ich bin ich!“
    „Ja!“, ruft sie und klatscht. „Spielen wir noch einmal?“
    „Klar!“, sagt Miga und fängt an, ein paar Zettel aus einem Blatt Papier zurecht zu schneiden. In diesem Moment kommen die anderen heran, die überraschenderweise auf Chinsun gehört haben. Okay, auch wenn ich in Taehyung verliebt bin, muss ich zugeben, dass sie alle einfach unfassbar gut aussehen. Sie tragen alle schwarze Hosen und Hemden in jeweils verschiedenen Farben. Es ist nicht einmal etwas besonderes, aber als sie in den Raum kommen, komme ich mir selbst in dem Kleid plötzlich vor wie in einem Kartoffelsack.
    „Oh! Spielt ihr Wer bin ich? Da spiele ich mit!“, ruft Taehyung aufgeregt und wirft sich neben mich auf das Sofa. „Schönes Kleid übrigens, das steht dir wirklich gut. Du siehst toll aus.“ Ich fange einen vielsagenden Blick von Miga auf. Schön, dann hatte sie eben Recht.
    „Danke“, lächle ich. Mein Herz fängt an, schnell zu klopfen. So ein Kompliment bekommt man schließlich nicht alle Tage. „Du siehst auch gut aus“, bringe ich irgendwann heraus.
    „Wir spielen auch mit“, verkündet Hoseok. Ein paar Minuten später sitzen wir alle, einschließlich Hyun und Chinsun in einem Kreis und sind ratlos, was unsere Namen angeht. Das klingt echt komisch, wenn man so darüber nachdenkt, aber na ja.
    Jeonggyu ist an der Reihe. „Ich bin älter, männlich, berühmt … ich bin cool, gutaussehend … bin ich aus BTS?“
    „Ja“, sagt Hoseok und kann sich ein Lachen kaum verkneifen. Was verständlich ist, denn schließlich hat Yoongi einfach sich selbst für Jeonggyu ausgesucht.
    „Okay … da Yoongi meinen Namen ausgesucht hat, nehme ich mal an … ich bin er, richtig?“
    „Wie hast du das denn herausgefunden“, grinst Yoongi. „Okay, ich bin dran. Weiblich, älter … nicht berühmt. Mag ich mich wenigstens?“
    „Ich glaube nicht wirklich. Also du hasst dich jetzt nicht, aber ihr habt auch nicht das beste Verhältnis“, antwortet Jimin. Yoongi Danbi zuzuteilen war wirklich eine gute Idee.
    Da ich neben Yoongi sitze, bin ich nun dran. Nur bin ich wohl noch weiter von meiner Lösung entfernt als er. Was habe ich bis jetzt herausgefunden … ich bin männlich, größer als ich, ich kenne mich persönlich. Tja, was hilft mir das schon. „Hm … mag ich mich?“
    „Oh, ja. Ja, auf jeden Fall. Sogar sehr“, meint Miga.
    „Man könnte schon fast meinen, dass es keine Person gibt, die du mehr magst“, fügt Jin hinzu.
    Eine vage Vermutung kommt mir in den Sinn. Oh, nein. Das hat sie nicht gemacht … Miga! Okay, wenn ich jetzt „Taehyung“ sage, dann habe ich ein großes Problem. Denn … damit bin ich so gut wie aufgeflogen. Also bleibt mir nur eine Möglichkeit. Verlieren. Moment … das heißt Miga und Jin haben sich ganz offensichtlich abgesprochen. Denn Jin hat Taehyung keinen anderen Namen als meinen gegeben. Meine Güte!
    „Kenne ich mich schon lange?“, ist meine nächste Frage. Und wie vermutet lautet die Antwort „Nein“. Damit bin ich erst einmal aus dem Schneider, aber es hilft mir nicht aus dieser Situation. Also, wenn ich dieses Spiel irgendwie überleben sollte, dann kann Miga sich aber auf eine große Rede von mir gefasst machen. Das schwöre ich.

    45
    Ich habe ein echtes Problem. Nicht die Art von Problem, bei dem gleich die ganze Welt untergeht, aber auf jeden Fall die Art von Problem, bei dem auf jeden Fall meine Welt untergehen wird. Und mit einem Problem meine ich eine ganze Menge von Problemen. Okay. Schauen wir uns diese Probleme doch einmal an.
    Problem Nummer Eins: Miga hatte die tolle Idee, für mich bei „Wer bin ich“ Taehyung als Namen zu wählen. Warum ist das ein Problem? Ich habe bereits so großartige Fragen wie „Mag ich mich?“ gestellt. Und hier kommen wir zu
    Problem Nummer Zwei: Zwei gewisse Personen, hust Miga und Jin hust, meinten so brilliante Antworten wie „Man könnte schon fast meinen, dass es keine Person gibt, die du mehr magst“ zu geben. Tja, und damit zu
    Problem Nummer Drei: Eigentlich bin ich schon aufgeflogen. Denn Taehyung weiß ja, wer ich bin. Und er hat die Antworten auch gehört. Und die waren ja wohl eindeutig.
    So und nun die Lösung! Moment … es gibt keine Lösung! Ha! Super! Danke Miga! Danke Jin! Also bitte, wer kommt den schon auf die Idee, dass ich Taehyung selbst sagen wollte, was ich für ihn empfinde! Gott, ich bin einfach so unfassbar wütend. Ich bin doch noch gar nicht soweit, es ihm zu sagen. Und jetzt werde ich quasi dazu gezwungen. Das ist nicht fair!
    „Nur noch Lucy und Taehyung. Das wird spannend“, meint Hoseok. Sicherlich ist das für so gut wie alle Anwesenden hier Unterhaltung pur. Für mich ist es die Hölle. Immerhin ist Taehyung dran. Das heißt ich habe noch ein paar Sekunden um mich auf meinen Untergang vorzubereiten.
    „Ich weiß nicht, was ich noch fragen soll. Also … ich bin weiblich. Ich kenne mich persönlich und bin mit mir befreundet. Was weiß ich noch?“, überlegt Taehyung. „Ah, ja. Ich bin wirklich nett, aber ruhig. Und auf irgendeinem Gebiet habe ich scheinbar ein großes Talent. Oh, und Taehyung mag mich. Also ich mag mich. Das ist ziemlich kompliziert.“ Er lacht und sieht dann nachdenklich an die Decke.
    „Okay, wie wäre es, wenn wir euch beiden einen Tipp geben? Sonst werden wir ja nie fertig“, sagt Yoongi. Er scheint der einzige zu sein, der neben mir ebenfalls kein Gefallen an dem Spektakel findet. Danke! Wenigstens einer, der mich versteht. Die Anderen stimmen zu. „Okay. Lucy, auch wenn ich überzeugt bin, dass du schon längst weißt, wer du bist: die Person ist genauso alt wie du. Tae … du hast mir letztens noch die Ohren damit voll gelabert, wie hübsch die Person doch ist. So. Jetzt dürfte es klar sein.“
    „Wa-“, fange ich an und sehe verwirrt zu Yoongi. Heißt das … heißt das Taehyung hat … er hat gesagt, dass ich hübsch bin? Ich? Er? Er hat das über mich gesagt?
    „Oh“, macht Taehyung und schlägt sich die Hand vor das Gesicht. „Klar, jetzt weiß ich es. Danke, Yoongi, dass du das so offen sagst. Wirklich. Danke.“
    „Tut mir Leid. Aber ich wollte nur für Gleichheit sorgen. Schließlich weißt du schon seit Anfang der Runde was Lucy über dich denkt“, ist die Antwort. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Yoongi schlagen oder umarmen soll. Aber so richtig darüber nachdenken kann ich auch nicht, da sich meine Gedanken gerade nur darum kreisen, dass Taehyung ihm gesagt hat, dass ich er mich hübsch findet. Das … das ist doch gut, oder? Vielleicht interpretiere ich ja auch zu viel, aber eigentlich ist das doch ein gutes Zeichen. Oder? Oder?
    „Okay, ja, ich schätze das tue ich. Und ich will eine Sache los werden.“ Er seufzt. „Ich möchte nicht, dass sich irgendjemand in so etwas einmischt. Ihr behandelt mich oft so, als wäre ich ein Kind, auf das ihr aufpassen müsst, aber Tatsache ist, dass ich sehr wohl Dinge selbst regeln kann und auch will. Wenn ich dir etwas im Vertrauen sage, Yoongi, dann möchte ich nicht, dass es gleich die ganze Welt erfährt. Und Jin, Miga. Ich bin sicher, dass Lucy ganz sicher nicht wollte, dass ihr so etwas sagt. Ich weiß gar nicht, was ich darüber denken soll, weil sie es mir nicht selbst gesagt hat. Wisst ihr, warum man Dinge verschweigt? Vielleicht weil man noch nicht bereit dazu ist, sie auszusprechen. Wenn man sich unsicher ist. Tut mir Leid, wenn meine Worte zu hart sind, aber ich finde so etwas macht man einfach nicht. Dazu sind Freunde nicht da. Ich dachte, das Ganze wäre ein Scherz von euch, deswegen habe ich nichts gesagt. Aber jetzt weiß ich, dass es das wohl nicht war. Ich bin schon enttäuscht, dass ihr so etwas gemacht hat, das muss ich zugeben, aber ich kann euch verzeihen. Ob Lucy das kann? Ich weiß nicht, das müsst ihr mit ihr klären. Aber ich kann mir vorstellen, dass mehr als eine Entschuldigung nötig ist, um das zu beseitigen. Ich hoffe, ihr versteht das. Dann also weiter ... Lucy, ich … ich würde gerne mit dir reden. Alleine. Wenn du willst, natürlich nur.“
    Es herrscht eine Weile Schweigen. Schließlich stehen Taehyungs Eltern auf und ziehen Eonjin und Jeonggyu mit sich aus dem Raum. Widerstandslos folgen die beiden Chinsun und Hyun. Vielleicht besser so. Irgendwann räuspert sich Yoongi. „Du hast Recht. Es war nicht okay, dass ich das gesagt habe. Es tut mir wirklich Leid, Tae.“
    Taehyung nickt und lächelt. „Schon okay. Ich kann es ja irgendwie verstehen, ich glaube ich habe dich wirklich genervt mit meinem Gerede.“
    „Ein bisschen vielleicht. Okay, ehrlich gesagt schon ziemlich viel. Aber egal.“ Yoongi zuckt mit den Schultern.
    „Und mir tut es Leid, dass ich auch nichts gesagt habe“, sagt Hoseok. „Ich dachte nur, es würde euch beiden helfen.“
    „Das selbe gilt für mich. Tae, du weißt, dass ich nur dein Bestes will und ich war der Meinung, dass ein kleiner Schubs euch gut tun würde“, fügt Jimin hinzu und legt eine Hand auf Taes Schulter. Dann schaut er mich an. „Tut mir wirklich Leid.“
    „Mir auch“, meldet sich Jungkook. „Ich habe nicht daran gedacht, dass ihr das so ernst nehmt. Das hätte ich aber tun sollen.“
    Namjoon nickt. „Das hätten wir alle tun sollen. Sorry.“
    Ich verfolge die Entschuldigungen schweigend, da ich nicht wirklich welche erwartet hätte. Aber umso glücklicher machen sie mich. Denn Fehler einzugestehen zeugt von Stärke. Ich werfe Miga und Jin einen Blick zu, die bedrückt zu Boden schauen.
    „Tut uns Leid, Lucy. Ich wollte nur, dass du endlich Taehyung sagst, was du für ihn empfindest. Da Jin und ich zusammen sind, fühle ich mich schlecht, dass ich mein Glück früher gefunden habe als du, obwohl du doch so viel früher danach gesucht hast. Als deine Freundin will ich, dass du glücklich bist, aber ich hätte nicht so weit gehen sollen. Ich denke, da spreche ich für Jin mit, oder?“
    „Ja, das tust du. Ich wollte dich nicht verletzen. Wirklich nicht. Gerade wir hätten das nicht tun sollen, da wir genau wissen, wie schwer es ist, jemanden zu sagen, wie viel er einem bedeutet. Ich hoffe, du kannst uns verzeihen. Wenn du willst, koche ich etwas für dich!“
    „Das brauchst du nicht“, lächle ich. „Ich schätze, in gewisser Weise … war es gut von euch. Ich verzeihe euch. Und Taehyung … es wäre toll, wenn wir reden könnten.“
    „Dann … lassen wir euch mal alleine, oder?“, fragt Jungkook und sieht die anderen unsicher an.
    Taehyung winkt ab. „Nein, nein. Wir gehen.“ Er steht auf und deutet mir mit einer Handbewegung ihm zu folgen. Okay … die Stunde der Wahrheit ist also gekommen. Entweder wird er mir jetzt sagen, dass er auch Gefühle für mich hat … oder er wird mir sagen, dass er sie nicht hat. Und dass unsere Freundschaft im schlimmsten Fall vorbei ist. Denn würde er ebenfalls etwas für mich empfinden, hätte er das doch sicher schon längst gesagt, oder? Im Flur reicht Taehyung mir meinen Mantel. „Hier, den brauchst du. Denn obwohl die Anderen mir einen Strich durch die Rechnung gemacht haben, habe ich doch einen Plan für heute gehabt. Und den kann ich noch irgendwie ausführen.“ Ein Plan? Was soll das denn bedeuten? Was hat er vor?

Kommentare (388)

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Tae ♡ (52055)
vor 52 Minuten
Hoffentlich halte ich durch 😂
Ev22ev (28213)
vor 3 Stunden
Hoffe ich 😂 und ich hoffe , dass ich mein Handy nicht vor Aufregung aufesse xD
Jackie Cookie ( von: Jackie Cookie)
vor 3 Stunden
So, habe die ersten Prüfungen erst einmal hinter mir zum Glück ;) Das neue Kapitel kommt jedoch wahrscheinlich erst morgen gegen Mittag oder so, da ich jetzt gleich eine Verabredung habe und deshalb nicht schreiben kann ... ich hoffe ihr könnt noch so lange warten! :)
TheFunnyWaCaDistel!!! ( von: TheFunnyWaCaDistel!!!)
vor 22 Stunden
Viel Glück bei den Prüfungen! Wir glauben an dich!
SnowWhite134 (33911)
Gestern
Ach und SUPER DUPER MEGA VIEL GLÜCK BEI DEINER PRÜFUNG!!💞 Ich glaub an dich *Daumen-drück*
SnowWhite134 (33911)
Gestern
Ahhhhh, wieso!? Ich sehe schon während ich lese so : Oh mist das Kapi ist fast zu Ende
Aber Ahhhhhhh ich muss es wissen😆❤💞😍💖😘😱
Jackie Cookie ( von: Jackie Cookie)
Gestern
Es werden wahrscheinlich doch mehr als die 50 Kapitel die geplant waren (muss ja auch noch Specials schreiben), deswegen kann ich euch beruhigen: es dauert noch ein wenig bis der erste Teil, also der hier, endet :D
LILO_ARMY (96506)
Gestern
OMG BITTE LASS DIE FF NOCH EIN BISSCHEN (am besten 1 jahr XD)

aber lass sie noch in den urlaub fliegen OHNE DASS SIE ZSM SIND

vll vergessen sie es ja odersie wollen (erstmal)noch freunde bleiben oder soooooooooo
aber bitteeeeeee T.T
isa_zzh ( von: isa_zzh)
Gestern
Oh Gott *kreisch* das ist das beste Kapitel eveeeer😭😍😍💗 Ich liebe es einfach!!!! Wieso muss es immer an den spannendsten Stellen fertig sein😭😭
VIEL GLÜCK BEI DEN PRÜFUNGEN
Ilviliiiiiii (34302)
Gestern
Ich sterbeeeeeeeee;-; *cutenessoverload* *screaming because of cuteness*
TheFunnyWaCaDistel!!! ( von: TheFunnyWaCaDistel!!!)
Gestern
Dises Kapitel!*kreisch-Anfall krieg* I love it so much!
Jackie Cookie ( von: Jackie Cookie)
Gestern
Ich habe es geschafft! Yay! xD
Hoffentlich schaffe ich morgen auch eins, aber da ich Freitag meine Prüfung in Englisch habe, muss ich morgen auch lernen ... wenn morgen keins kommt verzeiht ihr mir hoffentlich, aber dann wird ab Freitag hoffentlich wieder jeden Tag eins kommen! :3
Jackie Cookie ( von: Jackie Cookie)
Gestern
Ich sitze gerade am nächsten Kapitel und HOFFE, dass ich es heute noch schaffe .. Ich hasse mich selbst dafür, dass ich euch warten lasse D:
Tae ♡ (01580)
Gestern
Ich glaube ich halte es bis Dienstag nicht !!!!! Ich überlege mir schon die ganze Zeit wie es weitergeht 😭😭😭😭😍
Jungkookie (38272)
vor 2 Tagen
Am Dienstag!!!!!!!?????? NEEEEEEIIIIIIINNNN dein ernst!!!!!!!!????? Ich fahre am Dienstag auf Klassenfahrt und wir dürfen unser Handy nicht mitnehmen (warum auch immer) und dann kann ich das Kapi erst am Freitag Abend lessen und... und...und.... einfach nur NEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIN
Ilviliiiiiii (34302)
vor 3 Tagen
Und wer ist auch schon mega aufgeregt wegen dem Comeback?!
Ilviliiiiiii (34302)
vor 3 Tagen
Ich würde meinen insta Namen im Internet vorsichtig sagen. Ich hab zwar auch insta, aber würde ihn vorerst noch nicht sagen~
isa_zzh ( von: isa_zzh)
vor 3 Tagen
Und wie heisst ihr?
So für Austausch von ARMY zu ARMY😂💗
isa_zzh ( von: isa_zzh)
vor 3 Tagen
Ich heisse isa_zzh auf Insta💗💗
Ev22ev (18041)
vor 3 Tagen
@Fangirl ja hab ich falls du mich meintest. Ich heiße xevelxnx5360. Ich hoffe es kommt ein neues Kapitel on, weil @Jackie Cookie ja sagte, dass einschließlich am Dienstag ein Kapi on kommt.😂💕🙈Wie heißt ihr auf Insta?