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Wildherz - Im Bann von Donner und Blitz

Sie lebt den Traum jedes Warrior Cats-Fans, aber mit ungeahnten Folgen...
Nachdem Wildherz es endlich geschafft hat, Vogelstern, Laubrache und (ziemlich unerwarteterweise) auch den Wald der Finsternis hinter sich zu lassen, ist es nun an ihr, die nächste Aufgabe zu erfüllen, um die Welt der Geschichten vor einer ungeheuren Bedrohung zu schützen, der nicht einmal mehr der SternenClan standhalten kann. Doch um so weit zu kommen, musste die Gestaltwandlerin einen hohen Preis zahlen: Ihre blutige Vorgeschichte hat sie zu der gemacht, die sie heute ist und wenn es ihre Träume nicht tun, so werden sie immer ihre Narben an die Fehler erinnern, Fehler, die Folgen haben müssen...weshalb Held sein im Moment ein ziemlicher Alptraum ist. Und wenn da nicht auch noch Geißel, die Kleinen und ihre neuen Gefährten wären...

Eine Geschichte über Hoffnung, stark sein, Loyalität, Mut und das einzig wichtige im Leben - ihr wollt es wissen und lest das hier immer noch? Dann wird's aber Zeit. ^^
Der dritte Teil der Wildherz-Fanfiktions.

https://www.testedich.de/quiz49/quiz/1503131867/Wildherz

https://www.testedich.de/quiz52/quiz/1514984050/Wildherz-oder-warum-schwarze-Katzen-Unglueck-bringen

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    "Du musst aufstehen, Kätzchen.", hörte ich seine Stimme, noch bevor sich der schwarze Kater mit dem Hundehalsband vorbei am Efeu in meine
    "Du musst aufstehen, Kätzchen.", hörte ich seine Stimme, noch bevor sich der schwarze Kater mit dem Hundehalsband vorbei am Efeu in meine kleine, graue Höhle schlängelte. Na gut, vielleicht war sie auch etwas größer. Seine Augen funkelten besorgt, während er mich ansah, ich, die immer noch im selben Nest aus Moos und Federn wie noch vor zwei Wochen lag. "Ich habe dir Taube mitgenommen." Er schnurrte. "Das magst du am liebsten." Doch ich drehte mich nur weg und starrte stadessen den grauen Stein an, der nur Millimeter von meiner erschöpften Nase war, wie auch der Rest meines Körper zu mitgenommen von den Stunden bei Bonny. Auch wenn ich Taube eigentlich mochte, wollte ich nicht essen. "Ich habe keinen Hunger. Wieso kommst du immer nur nachts? Ich will schlafen." Draußen schien der Mond, der normale mit dem silbernen Licht, das die Spitzen unserer Kiefern so schön leuchten ließ, wenn der Himmel sich dunkelblau färbte.
    Geißel strich langsam mit der Pfote über meine verspannten Schultern hinab zu meinem Rücken und zwar mit derselben Pfote, die mir und so vielen anderen das Leben gekostet hatte. Aber das war aus einer vergangenen Zeit, der ich nachtrauern konnte so viel ich wollte, das Geschehene wird sich nie wieder ändern. "Ihr seid jetzt schon seit zwei Wochen im neuen Territorium und du hast noch kein einziges Mal deinen Bau verlassen, Kätzchen.", flüsterte er, um die anderen nicht zu wecken, deren Baue direkt an meinen angrenzten. Unser neues Lager war auf einer gewaltigen Lichtung im Wald der tausend Kiefern, den Taubenschreck kannte, weil er hier großgeworden war. Ursprünglich hatte hier der NachtClan gelebt, aber das war schon lange nicht mehr, seit dem eine Seuche sämtliche Katzen dahingerafft hatte, genauer gesagt. Das war auch der Grund, weshalb die drei anderen es noch nicht wagten, sich uns zu nähern. Wenn sie von unserer Beute aßen wurden sie schwach, nach drei Monden krank, es wurde immer schlimmer, bald darauf, höchstens ein halbes Jahr noch, und der Dieb starb an der Seuche, doch erstaunlicherweise schienen wir alle dagegen immun.
    Geißel mochte es nicht, sobald ich begann, ihn zu ignorieren, deshalb legte er sich mit Schwung neben mich, sodass ich ihm nicht mehr ausweichen konnte, sondern seinem eisblauen Blick standhalten musste. Trotzdem drehte ich den Kopf weg so gut es ging.
    Geißel sagte: "Man hat ihnen eine Anführerin versprochen, die sie schützen wird, aber du versteckst dich in deinem Bau und sie reden, dass du zu schwach bist." Ich fragte: "Was sagst du ihnen, damit sie mich vorerst in Ruhe lassen?" "Dass du dich noch von der Folter erholen musst natürlich.", antwortete er und beobachtete mich immer noch. Seine Nähe war betäubend auf mich, so, dass es mir schwer fiel, mich zu konzentrieren, überhaupt etwas zu sagen. Ich musste aufpassen, damit er mich nicht austrickste.
    "Also ich denke, dass Wüstensee und Lichtherz sich bis jetzt ganz gut um den Clan und das Jagen und so kümmern." Allmählich wurde ich beleidigt. Er hatte nicht das Recht, mir zu sagen, ich solle nach alldem einfach weitermachen! Der SternenClan hatte es genauso wenig, mir jede Nacht (oder zumindest für diese süßen zwei Stunden, die ich Schlaf fand) jene Bilder zu zeigen, wie Bonny mir das Wort "Verräterin" mit dem Dolch einritzte oder ich noch einmal den Moment durchlebte, wie Knöpfchen durch meine eigenen Krallen gestorben war.
    "Außerdem funktioniert es so gerade sehr gut. Haben Natternjunges und Wurzeljunges schon ihre Mentoren? Welche sind es?"
    "Findest du nicht, dass so etwas die Anführerin beziehungsweise ihre MUTTER entscheiden sollte?"
    "Ich bin eine schlechte Mutter."
    "Nein, aber du willst aufgeben."
    Taubenschreck hatte uns hier hergeführt, nachdem wir den Wald der Finsternis und seine unmittelbare Umgebung verlassen hatten, wir lagen jetzt ungefähr drei Kilometer von der Hölle entfernt und verbunden durch den Dschungel, das freie Gebiet zwischen uns, dem FeuerClan, dem Clan des rasenden Wassers (kurz WasserClan) und dem LaubClan, waren wir auch in so etwas wie Zivilisation angekommen. Nur, dass man im Bau des Anführers davon recht wenig mitbekam.
    "Die anderen Clan werden neugierig.", fügte Geißel hinzu und legte seine weiße Pfote auf meine schwarze. Es prickelte, wenn er das machte, das war einer seiner Tricks. Ich hasste das. "Du weißt genauso gut wie ich, dass du es sein musst, die die anderen zum Dschungel zur Bunten Lichtung führt, und du weißt gerade einmal wie unser Lager aussieht."
    Ich musste zugeben, dass unser Platz wirklich ideal war, denn die Baue lagen in den Höhlen, die oberen konnten durch das Klettern am Efeu erreicht werden, eines halben Felsenkessels, der unser gesamtes Kiefernwaldterritorium in zwei gewaltige Teile trennte. Das hier war nicht mit den mickrigen Revieren von DonnerClan, WindClan, SchattenClan oder FlussClan zu vergleichen. Die andere Hälfte des Lagers war übersät von Felsbrocken aller Größe (wie die auch immer in einen Nadelwald gekommen waren) und ein trockenes Flussbett, das gleich an die Felswand anschloss, überraschend viel Moos, weiches Gras und insgesamt hatte es so die Größe einer halben Turnhalle.
    Der Rest unseres Territoriums war eigentlich nur Kiefernwald, ein wenig niedriger Nebel, Moos, weiche Nadeln, der kristallklare See, der sowohl von uns als auch vom LaubClan genutzt wurde, weil er direkt an der Grenze war, und dann noch vielleicht das Verlassene Haus, am äußersten Rand des Territoriums. Auf andere mochte es ein wenig düster wirken, aber der Schatten schützte wunderbar vor Hitze und unerwünschten Blicken, Zweibeiner trauten sich sicher auch nicht oft her und zu kalt war es komischerweise nie. Vielleicht hatten wir auch nur sehr dichtes Fell und einen unsensiblen Magen, der es uns ermöglichte, kranke Beute zu essen ohne selbst darunter zu leiden.
    Geißel stand wieder auf, aber nur ganz langsam, weil er noch gar nicht wirklich gehen wollte. "Du weißt auch, dass ich kein Teil vom Clan bin, aber ich lebe im Verlassenen Haus. Bitte sag deinen Freunden, dass sie nicht versuchen sollen, mich zu verjagen oder zu töten." Jetzt musste ich doch noch lächeln. "Als ob sich das jemals jemand trauen würde." "Na ja, wenigstens eine gute Nachricht." Er grinste dieses verschmitzte Grinsen, das mir immer das Fell hochstehen ließ und verlegen versuchte ich wenigstens das an meiner Brust wieder zu glätten. "Ich habe Wüstensee gefragt, was die anderen denken, ob sie es in Ordnung finden, dass ich auf ihrem Territorium lebe, aber nicht mit zum Clan gehöre, mal ganz davon abgesehen, dass ich dein Gefährte bin." Gefährte. Mein Herz wurde warm. Ja, das war ein schönes Wort. "Und?", wollte ich wissen. "Sie mögen mich, weil ich ihnen damals geholfen habe, als Bonny dich als Geisel genommen hat und deshalb darf ich natürlich bleiben. Wüstensee sagt, sie hält sowieso nichts davon, dass Liebe verboten werden soll." Und weg war er, einfach durch den silbrig leuchtenden Efeu verschwunden. Hmm...vielleicht war es doch Zeit, weiterzumachen.

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    Schwer atmend stand ich vor dem Efeu und irgendwie waren meine Pfoten weder in der Lage, einen Schritt in Richtung Zukunft noch einen zurück gen Sich
    Schwer atmend stand ich vor dem Efeu und irgendwie waren meine Pfoten weder in der Lage, einen Schritt in Richtung Zukunft noch einen zurück gen Sicherheit zu machen. Obwohl ich am liebsten mich wieder im geschützten, warmen Nest zusammengerollt hätte, denn jetzt, nach so langer Zeit im Liegen und an die Wand starren, war es schon schwierig genug, aufzustehen. Und jetzt stand ich hier. Draußen hörte ich ein paar junge Katzen lachen, dieser unschuldige Moment der Freude rührte meine Seele. Hoffentlich waren Natternjunges und Wurzeljunges darunter. Selbst wenn ich die schlechteste Mutter unter dem Himmel war, so sollten sie nicht alle unter einer miserablen Anführerin zu leiden haben.
    Langsam schob ich die Blätter zur Seite, bis ich das erste morgendliche Sonnenlicht auf meiner kühlen Nase spüren konnte, welches einen neuen Tag mit neuen Möglichkeiten versprach. Also streckte ich den Kopf ganz hindurch, überblickte eine Lichtung, gespickt mit Steinen und Moos, auf der Katzen allen möglichen Beschäftigungen nachgingen: Da waren Wüstensee, Lynx und Lichtherz, die gerade am improvisierten Beutehaufen im trockenen Flussbett zusammen aßen, Blutjunges, Natternjunges und Wurzeljunges tollten mit dem weißen Kater über diese heilige Erde.
    Ich wollte auch wieder glücklich sein und ich wünschte es mir so sehr, dass ich mich der Situation mich hoch erhobenem Kopf, analytischem Blick und gespitzten Ohren stellte, also keuchend auf den oberen Rand des halben Felsenkessels kletterte. Sofort richteten sich alle Blicke auf mich.
    "Mein Clan, versammle dich hier beim halben Felsenkessel!", rief ich die Katzen zusammen, bis ausnahmslos alle unter mir im Flussbett kauerten, die Augen glänzend und mit gespannt zuckenden Schweifen. Einige flüsterten, was jetzt wohl passierte und ich wusste es nicht einmal selbst.
    Warum waren diese Katzen, die bereit gewesen waren, ihr Leben und ihre Geschichte für mich zu riskieren, auf einmal lauter Fremde? Sie müssen lernen, dir wieder zu vertrauen, nachdem du sie hast warten lassen, du dummes Kind. Freunde fallen nicht vom Himmel! Ja, und aus der Hölle auch nicht; Stille.
    Ich miaute laut und deutlich, damit sie mich alle problemlos verstehen konnten: "Guten Morgen. Ich weiß, es ist noch recht früh, aber ich finde, dass dieses Treffen nicht länger aufgeschoben werden darf." Lichtherz, Chelsey, ihr Bruder und Taubenschreck nickten zustimmend zu meiner Freude, während die anderen immer noch jede meiner Bewegungen bewerteten, um herauszufinden, wohin das denn führen sollte. Pech, ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, aber das mussten sie ja nicht wissen.
    "Ihr habt alle sehr großen Mut und Kameradschaft bewiesen, als ihr mich vor einem fürchterlichen Ende gerettet habt, das man nicht seinem schlimmsten Feind wünscht. Generell finde ich, dass Rache etwas sündhaftes ist, also wünscht euren Rivalen bitte gar nichts. Trotzdem muss ich sagen, dass wir uns jetzt einer neuen Herausforderung stellen müssen, die wir nur überwinden, wenn wir als ein Clan zusammen halten." "Was ist das Problem?", rief Mini, die sofort einen giftigen Blick von Lynx einfing. Ich antwortete: "Es ist absolut ok, dass du das gefragt hast, weil das...nun ja...eine sehr gute Frage ist, die ich selbst nicht wirklich beantworten kann. Fakt ist, dass wir uns auf verlorenem Gebiet aufhalten, umkreist von anderen Clans, die keiner von uns einschätzen kann. Wir müssen sehr vorsichtig sein."
    Zögerlich fragte Blutjunges, die fast nicht gehört wurde, weil sie so leise sprach: "Wildherz, darf ich zu dir raufkommen?" Lichtherz schüttelte den Kopf: "Nein, der Anführer muss über dem Clan stehen, wenn er spricht." Doch Wüstensee war einfach anderer Meinung genau wie ich. "Keine Katze ist besser als eine andere. Wildherz, du solltest sie zu dir hoch lassen." "Ich mach das schon." Wurzeljunges, mein Sohn war unheimlich gewachsen, trat nach vorne, nahm seine viel kleinere Spielgefährtin am Nackenfell, kletterte bis zu mir nach oben, setzte sie ab und gesellte sich wieder zu Natternjunges, die stolz schnurrte.
    Blutjunges redete und sie wurden alle still: "Ich möchte wissen, weshalb du heute mit uns sprichst, Wildherz." Ich seufzte. "Wenn wir zusammenhalten sollen, muss ich jetzt ehrlich sein: Ich bin im Moment schwach, noch nie war irgendeine andere Katze so weit davon entfernt stark zu sein, aber ich will nicht, dass ihr darunter leidet. Deshalb muss ich heute damit anfangen, Ordnung zu machen, wo Chaos ist." Carla spitzte gespannt die Ohren und mir fielen zwei erwachsene Kater neben ihr auf, die wohl neu dazugekommen waren, während meiner...Ruhephase. "Was meinst du damit?" "Ich möchte jetzt gerne die Ränge einteilen und zwar in Anführer, zwei Vertreter, zwei Heiler, Krieger, Schüler, Königinnen, Älteste und selbstverständlich Jungen." Wie ich es schon erwartet hatte, schnappten die Älteren entsetzt nach Luft. "Wer soll dann Anführer werden, wenn es zwei Vertrer gibt?", empörte sich Knöpfchen, der Kater, den ich ermordet hatte. Hinter ihm, im Schatten halb unsichtbar, saß Geißel und beobachtete das Treffen genauso aufmerksam wie alle anderen.
    "Ich will das der Clan, sollte es so weit sein, abstimmt. Angenommen ich treffe eine gute und eine schlechte Wahl, so gibt es immer noch Hoffnung, dass der best mögliche Anführer unseren Clan weiter leiten wird." "Hm, das macht Sinn." "Riskant ist es trotzdem." Sol miaute: "Der Clan soll auch entscheiden dürfen, das ist gut." "Du warst noch nicht einmal in einem Clan." "Ja, zum Glück."
    "Ruhe.", verlangte ich, seltsamerweise war die Atmosphäre jetzt deutlich friedlicher, denn...sie neckten sich. Das war gut, dachte ich mir zufrieden, ohne es laut auszusprechen. Sie schlossen Freundschaft und mit Arbeit würde daraus mehr werden, sodass es vielleicht irgendwann Hoffnung gab.
    Ich fuhr fort: "Allerdings müssen wir unsere Geschichten kennen, bis so etwas wie Rang vergeben werden kann. Wir werden uns alle heute hier beim Beutehaufen um Mitternacht treffen und...ich weiß, dass das viel verlangt ist, doch ich würde es nicht fordern, wenn ich nicht denke, dass wir das brauchen, finden wir heraus, wer wir sind."

    Große Worte für so eine schwache Katze. Du willst sie beschützen, aber verrate es mir, wer beschützt dich? Während ich nach unten kletterte, um selbst eine Jagdpatroullie zu führen und Lynx zu helfen, damit die Grenzpatroullien eingeteilt wurden, meldete sich Veilchenmond wieder zu Wort. Sie erinnerte mich daran, dass ich noch nicht abgeschlossen hatte, was wieder Schmerzen an meinen Narben verursachte. Diese Welt war unfair, also ist es meine Aufgabe, sie ein wenig besser zu machen. Wozu sonst sollte man so eine Erkenntnis erhalten, fragte ich in Gedanken den SternenClan und lächelte Lynx zu. Sie antworteten nicht, aber aus dem Grund, das sie etwas wussten und ich nicht - Vielleicht hatte ich mehr Stärke in mir als mir bewusst war. Ich musste diese Stärke weitergeben.

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    "Mama, es wird Zeit.", erinnerte mich Natternjunges, sodass ich erschrocken zusammenzuckte. Ich saß gerade auf dem Felsenkessel über meine
    "Mama, es wird Zeit.", erinnerte mich Natternjunges, sodass ich erschrocken zusammenzuckte. Ich saß gerade auf dem Felsenkessel über meinem Bau und hatte defintiv NICHT damit gerechnet, jetzt von jemandem gestört zu werden, auch wenn es mein eigenes Fleisch und Blut war. Schlechtes Gewissen umklammerte meine Seele wie die Krallen der hübschen Füchsin, die uns heute gleich zwei Hasen, einen Specht und zwei Amseln hatte erlegen können, denn statt mich um meine Jungen zu kümmern, war ich ständig damit beschäftigt gewesen, Baue für die verschiedenen Ränge auszuwählen, mit Knöpfchen und Lynx die Grenzen zu markieren oder Anordnungen zu geben, wie wir mit einer Mauer aus Ästen das Lager besser schützen konnten. Erstaunlicherweise hatte es nur einen Tag gebraucht, diesen zusätzlichen "Zaun" zu errichten, der uns von anderen wilden Tieren wie Wildschweinen oder streunenden Hunden und Füchsen verbergen sollte.
    "Natürlich.", antwortete ich und mein Blick fiel auf die Katzen und die Füchsin, im Flussbett beim Beutehaufen saßen sie, seltsam ruhig und einige auch sehr aufgelöst wie es aussah. Ich hatte Mitleid, aber wenn ich ihnen helfen wollte, musste ich wissen, wer diese Tiere waren. "Komm, ich helf dir runter.", meinte ich zu Natternjunges, doch diese grinste nur. "Ich kann das schon alleine!" Tatsächlich kam sie um einiges schneller runter als ich, deren jeder einzelne Muskel vom vergangenen Tag schmerzte. Auch Geißel saß beim Beutehaufen, seine Haltung verriet aber, dass er sich nicht am Gespräch beteiligen würde.
    Als ich mich zu ihnen in den Kreis setzte, es war schon zu finster, als das man hätte sagen können, neben wem, wurde es sogar noch stiller als eben und ich sagte: "Mir ist klar, dass das ein schwieriger aber notwendiger Schritt ist, um mit der Vergangenheit abzuschließen. Soll ich anfangen?" Das Schweigen war deutlicher als jede gesprochene Antwort.
    Also erzählte ich ihnen von meinem Leben, so gut es ging zumindest, obwohl ich einige Erlebnisse wie Sonnenruß oder Pilzkralles Selbstmord aus Respekt vor diesen Katzen ausließ. Ob ich sie stolz machte, diesen Clan zu führen oder wussten sie bereits, dass wir alle verloren waren?
    Dann war Lynx dran, die anscheinend neben mir saß; natürlich, ich hätte ihren vertrauten Geruch erkennen müssen. Lynx ließ die anderen wissen, was sie auch mir damals in dieser besonderen Nacht, der Nacht von der Geburt unserer beider Jungen, verraten hatte, nicht einmal den Kater ließ sie aus, der sie immer wieder verfolgt und zu Jungen gezwungen hatte. Aber sie klang traurig, denn sie wünschte sich, sie hätte eine andere Geschichte, genauso wie alle von uns.
    Lynx sprach auch für ihre Kinder Chelsey, Nox und Carla, vielleicht weil sie ihnen diese Feuerprobe ersparen wollte und weil sie noch alle so jung waren, fand auch niemand von uns etwas falsch daran.
    Anscheinend hatten sie sich weiterhin in der Höhle neben Bonnys versteckt, bis ihnen schließlich eine geisterhafte Kätzin mit grau gesprenkeltem Fell erschienen war, die irgendwas von Hoffnung und Neuanfang murmelte, aber am meisten über eine schwarze Kätzin, die noch nicht sterben durfte. Übrigens hatte sie sich zuerst gedacht, dass ich ihr leid tat, weil diese Welt so und so zu grausam zum Überleben war.
    Dann war die Füchsin dran: "Hallo, mein Name ist Schmetterling und ich bin nicht einmal eine Katze." Es machte mich traurig und wütend, dass sie dachte, ihr Wert sinkt dirch die Tierart, dessen Körper sie besitzt oder wer auch immer ihr eingeredet hatte, die Tatsache, dass sie ein Fuchs war, trennte sie von einem Leben mit Katzen.
    Dann klang sie niedergeschlagen, so erschüttert, ich konnte selbst in der Dunkelheit ihre Tränen wie meine eigenen spüren, die kamen, als ich endlich wusste, wer sie war. "Früher hatte ich einen Geliebten namens Wurzel, aber sein Bruder Holz hat mich entführt, seit dem weiß ich nicht einmal, ob meine Töchter und mein Sohn noch leben. Lange Zeit habe ich versucht, meine Familie wiederzufinden, doch...als Holz mich wieder hat gehen lassen, da waren sie verschwunden...alle. Ich muss trotzdem weitermachen, auch wenn es nur dem Zweck dient, sie eines Tages im Himmel wiedersehen und sagen zu können: Ich habe für euch gelebt. Ich bin hier, weil ich noch nicht aufgegeben habe und weil ich so schlimme Angst habe, Holz und Ast werden mich wieder finden. Sie suchen mich. Sie wollen mich tot sehen." "Schmetterling.", hauchte ich mit vor Tränen erstickten Stimme. "Es tut mir so unendlich leid. Wurzel hat mir mehrere Male das Leben gerettet, wir waren gemeinsam mit euren Kindern auf einer wichtigen Mission, damit meine Clans sich nicht umbringen konnten. Aber ich habe ihn aus den Augen verloren, außer ihm alle neben Moospfote und Pilzkralle, als die Jäger uns überrascht haben." Schmetterling jaulte auf, denn ihr innerer Schmerz war nicht mehr länger zu ertragen. Sie hatte genauso viel wie ich verloren und nun war sie hier, um weiterzuleben. Wie wir alle.

    Der hellbraune, mollige Kater, dessen Namen ich noch nicht kannte, sprach weiter: "Ich bin Weinbauch und war Teil des BärenClans, bis die Clans von den Luchsen angegriffen wurden, sodass ich sie im Chaos verloren habe. Fünf Monde habe ich alleine gelebt, dann war ich immer auf der Suche nach einem neuen Zuhause." 'Ja, so etwas brauchten wir alle. Mit zitternden Pfoten spürte ich seinen Blick auf mir, der alles sagte, was hier nicht ausgesprochen werden konnte: Wir sind Verbündete, weil sie uns beide zurückgelassen haben, aber es ist besser so.
    Neben Weinbauch hatte es sich Geißel bequem gemacht, doch er blinzelte nur und Wüstensee, die die Nächste war, begann, uns ihr Schicksal zu verraten: "Hallo, mein Name ist Wüstensee. Auch wenn ich eigentlich eine Kämpferin bin, am liebsten würde ich mich jetzt in der Erde vergraben, denn ich kann auf meine Vergangenheit NICHT stolz sein. Also, ich habe graue Augen, und habe mal im RabenClan gelebt, mein größter Wunsch, Anführerin zu werden. Irgendwann sollte ich am Rand zum TigerClan jagen, wo mich eine Patroullie von diesen Fuchsherzen - nichts für ungut -" Verhaltenes Gelächter im Hintergrund. "angegriffen hat und so ein besonders großer Krieger hat mir gedroht, mich und meine ganze Familie zu vernichten, sollte ich jetzt nicht sofort und für immer meinen Clan verlassen. Was hatte ich für eine Wahl? Meine Schwester und mein Bruder bedeuteten mir mein Leben, mehr als jede Aufgabe oder jedes Privileg, das der Posten des Zweiten Anführers bietet. Ich habe den RabenClan verlassen und weiß bis heute nicht warum. Aber allen Anschein nach, könnte ich sie jetzt nicht mehr finden, selbst wenn ich den Mut aufbrächte."
    Wir hatten alle unsere Liebsten verloren, doch gezwungen durch die Tyrannei eines Fremden - das war eine ganz andere Liga.
    Taubenschreck räusperte sich. "Hey,...früher habe ich hier im NachtClan gelebt, geschwisterlos, die einzige Gleichaltrige, die mich leiden konnte war Grausprenkel, meine Cousine. Ich glaube, ich war lange Zeit, sehr, sehr lange, heimlich in sie verliebt, doch dann kam die Seuche, hat alle außer wenigen getötet und als wir, Grausprenkel, Vanessa, ihre Halbschwester, und ich, dem Hauptwald der lebenden Schatten zu nahe gekommen waren, wurden wir von einer Bande überfallen und zu..." Er kämpfte mit sich. "Bonny gebracht. Vanessa musste ich selbst töten, weil ihre Verletzungen zu schlimm wurden und sie sie einfach nicht in Ruhe sterben ließen, meine Liebe wurde danach verrückt und schließlich von einem von Bonnys Wächtern ermordet." Sein gesamter Körper bebte vor Zorn und dem innigen Wunsch nach Vergeltung, für das, was sie genommen hatten, doch wir wussten es besser: Dieses Kapitel war schon längst abgeschlossen, da war nichts mehr zu tun, außer zu hoffen, dass die Schmerzen nachließen. Ich dachte an meine Narben.
    Mini redete von ihrem ehemaligen Leben, wo sie noch ein Hauskätzchen gewesen war, welches keine Sorgen hatte, und von ihrem Tod, wobei sie ausließ, dass es Bonny und ich gewesen waren, die ihr das Leben genommen hatten. Das ist WAHRE Stärke. Auch wenn ich mein Aussehen beliebig verändern durfte, diese Narben waren für ewig bestimmt - VERRÄTERIN und ich wusste, dass es stimmte. Geißel sah mich an, weil er als einziger in der Lage war, es ebenfalls zu wissen, allerdings nicht von den Narben, sondern von dem, was in mir vorging.
    Von Knöpfchen und Lichtherz erfuhren wir ebenfalls nichts Neues, außer - und das schockte mich so richtig, ernsthaft - Wolkenschweif hatte Lichtherz betrogen, sie hatte sich an mich erinnert, war meinen Spuren gefolgt, die der Matsch sehr gut erhalten hatte, um sich mir anzuschließen. Es waren nur noch fünf Katzen übrig: Sol, die hellbraune aus dem Wald der Finsternis, der helle Schüler und die zwei fremden Kater, welche...seltsam lila glühten in der Nacht. Genau wie ich.

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    Einer von ihnen sagte: "Bist du wirklich Wildherz?" Im Schatten war es gar nicht so leicht, sein Fell genau zu bestimmen, doch ich tippte au
    Einer von ihnen sagte: "Bist du wirklich Wildherz?" Im Schatten war es gar nicht so leicht, sein Fell genau zu bestimmen, doch ich tippte auf schildpattfarben, denn es war viel heller als das seines Freundes, dessen Pelz so ziemlich alles von weiß bis schwarz zu enthalten schien: weiß, schwarz, orange, rot, hellbraun, grau, dunkelbraun, sandfarben leuchtete mir der zweite Kater trotz der Finsternis entgegen. Ich konnte ihn sofort nicht leiden, aber der andere, der hellere...warum kam er mir so vertraut vor?
    "Sagst du mir, weshalb du nach Meerschweinchenschimmer...und Vogelstern riechst?", fragte ich ihn. Das war es, das mich so furchtbar irritierte, denn ich hatte genauso wie die anderen Kätzinnen des ehemaligen LibellenClans allen Grund hierbei bloß vorsichtig zu sein. Dunkle Zeiten waren das gewesen und ohne mich wehren zu können zogen diese grauenvollen Momente wieder an mir vorbei: Wie er versucht hatte, dass ich mich in ihn verliebte, seine Jagd auf Habi und mich, die schlimm ausgegangen wäre, hätte es nicht Sonnenruß gegeben. Sonnenruß hatte mich auch vor Vogelstern beschützt, als ich mit meinem ehemaligen Anführer in einem Nest hatte schlafen müssen - nicht freiwillig. Aber diese Zeiten des Horrors waren vorbei, ich war jetzt stärker als er, erinnerte ich mich nicht ohne ein wenig Gänsehaut. Ob Vogelstern schon tot war, genauso wie Laubrache?
    Dem Schildpattfarbenen liefen Tränen über das Gesicht, die vom hellsten Mond, den ich je gesehen hatte, wie Perlen reflektiert wurde. "Du hast mich aufgezogen. Erinnerst du dich nicht mehr?" "F...Finkenjunges?", hauchte ich ungläubig. Nervös sahen Katzen und Fuchs zwischen uns hin und her, sie wussten nicht, was sie von unserer Reaktion halten sollten und wollten dieses Wiedertreffen nicht stören. "Finkenjunges!" Auch ich musste weinen, nach all den schrecklichen Jahren hatte ich das Kind meiner engen Freundin endlich gefunden, konnte mein Versprechen einlösen, das ich ihr doch vor ihrem Tod gegeben hatte und ihn jetzt beschützen.
    Ohne auf die Umstehenden zu achten stürzte ich zu meinem Sohn und presste meinen Kopf an seine starke Schulter. "Du bist so groß geworden.", flüsterte ich und es war mir egal, was sie dachten, nur Finkenjunges zählte. Verlegen scharrte der helle Kater mit den Pfoten. "Sonnenstern hat mir bereits meinen Kriegernamen gegeben.", sagte er. "Er wusste, dass du mich großgezogen hast und dir zu Ehren hat er mich sogar zum Zweiten Anführer gemacht. Ich heiße jetzt Finkenteich." "Finkenteich ist ein wundervoller Name." Obwohl ich immer noch ein wenig schniefte wie er auch, musste ich einfach lächeln. "Auch wenn niemand zu so einem Posten ausgewählt werden sollte, nur aufgrund von Liebe." Mir war zu spät klar, was ich da gerade eben gesagt hatte und hörte sein Herz in tausend Millionen Teile brechen. Das war dumm gewesen. "Der ganze Clan weiß, dass er dich immer noch liebt, selbst wenn er es niemals zugeben wird. Auch seine neue Gefährtin." "Bitte sag mir, dass es deinen Geschwistern gut geht und das sie ein normales Leben leben dürfen!", flehte ich ihn an und wurde ein wenig traurig, da ich Finkenteich mehr Aufmerksamkeit schenkte als meinen eigenen Kindern. Aber das mussten sie doch verstehen, oder? SternenClan, diese Schmerzen zerrissen mich schlimmer denn je und es war alles nur Vogelsterns Schuld, ja, warum wurde dieser Verbrecher nicht endlich zur Rechenschaft gezogen? Wenn das so einfach ist, mach doch selbst. Forder mich BLOß nicht heraus, Veilchenmond, du weißt ganz genau, dass das eine SCHLECHTE Idee ist. Geißel knurrte: "Wieso zögerst du, Finkenteich? Wildherz hat dich gerade eben etwas gefragt, das du uns beantworten solltest." Ich konnte ihn aus dem Wald der Finsternis retten, aber niemals die Schatten ganz tief in ihm.
    Doch Finkenteich ließ sich nicht provozieren: "Der Angriff und die Vertreibung hat in der Tat vieles verändert." "Was denn?" Weinbauch und Wüstensee waren gleichzeitig aufgesprungen und auch diejenigen, die die Clans nie hatten ein Zuhause nennen können, lechzten nach Neuigkeiten von diesem katastrophalen Mysterium.
    "TigerClan und BärenClan haben sich von den anderen Clans nach diesem Überall getrennt, beide sind irgendwo in den Norden, während wir, die restlichen Katzen, Zulflucht in den Wäldern ganz im Westen gesucht haben, dort, wo man unser früheres Heim nicht einmal am Horizont erkennt. Fuchsblüte erwartet Junge von ihrem Gefährten Rostsprung so weit ich weiß, und Flussstern...er darf sich der neue Anführer des RobbenClans nennen." Dickflüssiger Stolz lähmte meinen Gedanke und öffnete mein Herz so unendlich weit, ich hätte glatt erneut weinen können. "Ich bin so stolz auf euch - und zwar auf euch alle. Aber was hat dich hierher gebracht? Wie habt ihr uns gefunden?" "Endlich die richtigen Fragen.", pflichtete mir Knöpfchen bei und alle starrten ihn entgeistert an. "Was denn?", entgegnete er ungerührt. "Beide sind uns fremd, wir dürfen ihnen nicht spontan trauen. Das lernt man im Hauptwald der lebenden Schatten, der Rest, der es nicht begreift, erlebt dort keine halbe Stunde." Finkenteich fuhr gelassen fort: "Es gab einen Krieg zwischen RabenClan und LibellenClan...noch während des Kampfes habe ich beschlossen, das es Zeit ist, die schwarze Kätzin, von der alle reden, zurückzuholen." Eine Eule schrie ihr Klagelied wie alle meine Gedanken zusammen. "Warum sollten die Clans von mir reden?" "Weil sie dich suchen, Mama, die Anführer haben von deiner Bestimmung erfahren." Finkenteichs Augen leuchteten vor Begeisterung, während er über so üble Dinge sprach, aber er war ja noch jung. "Sie sagen, du sollst die Welt der Warrior Cats retten." "Nicht nur. Aber das spielt keine Rolle." "Natürlich tut es das!", zischte Wüstensee eindringlich. Lynx miaute: "Du weißt, dass unsere Aktion - damals zumindest - nicht reine Nächstenliebe war, oder?"
    "I...ich werde nicht zu den anderen Clans zurückgehen." Ich spürte die Bewunderung der anderen, wo meine Loyalität jetzt lag, bei ihnen, und meine Enttäuschung, das ich dort tatsächlich nicht hin wollte. "Finkenteich, ich habe abgeschlossen. Mein Platz ist hier." Er seufzte. "Das respektiere ich. Auf jeden Fall ist das MEINE Geschichte. Buntpelz ist ein Sohn von Laubrache, er kommt aus dem FuchsClan." Sie alle wussten, was für eine Bedrohung das für mich sein musste, sie hatten Angst davor, dass ich die Beherrschung verlor. Ich atmete nur tieeeeeeef durch. "Sei willkommen, Bunt...pelz? Wir verurteilen niemanden wegen seiner Herkunft. Du wolltest meinen Sohn begleiten?" Buntpelz nickte und seine Augen funkelten schelmisch wie die seines Vaters, sodass es mir das Fell aufstellte. Vier Monde später eine Geburt war die Folge gewesen, als ich diesen Ausdruch zuletzt auf jemandes Gesicht gesehen hatte, aber die Wucht traf mich erneut.

    Sol erzählte uns davon, dass er merkte wie er älter geworden war und dass ihm der SternenClan versprochen hatte, ich würde ihm für seine Taten vergeben; der weiße Schüler hieß Frostpfote, die drei anderen weiblichen Kätzinnen in seinem Alter (Strauchpfote, grau-hellbraunes Fell, Wellenpfote, blaugraues Fell, Akazienpfote, orange-dunkelbraun gescheckt) hatten sich gemeinsam mit ihm im Moor außerhalb des eigentlichen Waldes durchgeschlagen, alles Kinder von Streunern, die sich entschieden hatten, sie gleich nach der Geburt loszuwerden. Nur Marie, eine alte Einzelläuferin hatte sie am Leben gehalten, wurde jedoch von einem Dachs vor drei Monden ungefähr getötet.
    Schlangenpfote, so war der Name der braunen Kätzin, die ich zum ersten Mal nach meinem Erwachen aus der Betäubung gesehen hatte, sagte weder etwas von Nadelsprung noch dem FuchsClan, sie erwähnte den Wald der Finsternis und dass sie es besser machen wollte ab jetzt. Dabei sah sie mir die ganze Zeit in die Augen, denn sie wollte, dass ich ihr sagte, sie werde das schaffen. Ich wandte erschöpft den Blick ab.
    Blutjunges war als letztes dran und ich wollte sie schon fast übersehen, um ihr die Mondprobe zu ersparen um ihrer Jugend willen. Doch die weiße Kätzin mit den roten Sprenkeln schüttelte entschlossen den Kopf. "Mein Name ist Blutjunges aus dem Wald der Finsternis, Tochter von Bonny und einem ihrer zahllosen One-Night-Stands. Aber das ist mir egal. Ich will niemals so sein wie sie und möchte trotzdem überleben. Auch wenn ich kein Monster bin wie sie." Lynx beugte sich zu der hellen Kätzin hinab und berührte zärtlich ihre Nase mit ihrer eigenen. "Das bist du nicht.", miaute sie ganz sanft.
    Ich wagte einen Blick in diese lila Augen, die von den magischen Fähigkeiten ihrer Mutter, der Mörderin mit dem großen Namen, zeugten, und sie sprach zu mir, so, dass nur ich es hörte: Wir alle hier haben nur einen Teil der Wahrheit erzählt, wie du, aber das weißt du, oder? Ich glaube dir nicht, dass du im LibellenClan aufgewachsen bist und dann eines Tages gedacht hast: Hey, ich laufe in den Wald der Finsternis. Ich glaube dir kein Wort, dass du niemals Gefühle hattest für irgendwen anderen. Du bist schwach wie wir alle und eines Tages wirst du von jedem von uns die ganze Geschichte erfahren, doch das ist ok.
    Na gut, vielleicht hatte ich nicht nur Sonnenruß und Pilzkralle ausgelassen. Even if you're not brave, just pretend to be. There's no difference. Vielen Dank, Veilchenmond, du, die doch gerade der Beweis für meinen inneren Zusamnenbruch ist. Ich bin Rauchvogel, nicht Veilchenmond. Aber der Sinn der Worte ändert sich nicht durch den Sprecher.

    5
    Für jede der Katzen, die gefährdet waren, sich selbst oder sogar den ganzen Clan durch ihre Impulsivität oder Gene zu bedrogen, ritzte ich mit den
    Für jede der Katzen, die gefährdet waren, sich selbst oder sogar den ganzen Clan durch ihre Impulsivität oder Gene zu bedrogen, ritzte ich mit den Krallen ein kleines, fast kaum merkbares Zeichen in den flachsten Stein unter meinem Nest. Einen kurzen Augenblick überlegte ich sogar, wie weit diese Liste im Laufe der Generationen noch führen würde, ob es dich nachfolgenden Anführer mir zu Ehren vervollständigen würden. Oh. Ich hatte vergessen, dass ich als individuelle Katze keinen Wert für sie hatte, sondern nur als die Anführerin, die sie aus den Schatten holte, und ihnen eine Ilusion von Hoffnung vorgaukelte. Ich war so schwach. Aber trotzdem durfte ich nicht so aussehen, denn dann werden sie alle mit mir untergehen und ich darf meine einzigen echten Freunde nie wieder sehen, weil ich sonst in die Hölle muss, zu Laubrache und zu all denen, die ihre Freude daran haben werden, mich jeden Tag auf's Neue jagen zu dürfen. Ich seufzte bekümmert.
    "Mama!" Wurzeljunges' zottiger Kopf sah durch den Efeu zu mir in den Bau, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich zuckte zusammen. "Sie warten alle schon!" Einen letzten Blick warf ich auf die Symbole, die da für immer im Stein vorhanden sein würden:
    Knöpfchen - Kreis mit vier Punkten darin
    Sol - Oval mit Strahlen darum
    Schlangenpfote - kurige Linie
    Blutjunges - drei winzige Kreise
    Buntpelz - Form eines Ahornblatts mit Punkten darauf

    Wurzeljunges kletterte flink wie ein Eichhörnchen den Felsenkessel wieder hinunter, ich jedoch stöhnend und entkräftet, trotzdem bemüht, den Kopf nicht allzu sehr hängen zu lassen, auf den Steinrand, unter mir alle Jatzen und die Füchsin im Flussbett anwesend. Unglaublich. Sie waren tatsächlich noch alle da, trotz der Feuerprobe, trotz der Schmerzen, die wir letzte Nacht hatten ertragen müssen, damit es so etwas wie Hoffnung in unserem geheimen Lager gab.
    Meine Kinder blickten mit stolzen Augen zu mir hinauf, Geißel am Rand der Lichtung, schon fast vom Schatten der Bäume verschluckt, beobachtete mich weniger begeistert. Er alleine wusste wie sehr ich unter meiner Position litt, doch er konnte mir nur zusehen, nach allem, was zwischen uns geschehen war.
    Ich schaffe das schon, versuchte ich ihm blinzelnd mitzuteilen und er senkte den Kopf. Natürlich glaubte er mir nicht, ich tat es ja nicht einmal selbst und verlangte es von allen anderen. Sie waren stärker als ich, hoffentlich blieb das auch so, sonst waren wir ALLE verloren.
    "Ich danke euch für eure Geschichten, mit denen wir endgültig die Ära des MondClans beginnen dürfen, denn Vergangenheit ist der einzige Klebstoff, der besser als Blut hält und weil wir nicht dasselbe haben, war es nun einmal der einzige Weg." Sie glaubten mir nicht oder zumindest litten sie noch unter den nächtlichen Strapazen.
    "Aber damit der Clan stark bleibt, hoffe ich, die richtige Entscheidung für die ab sofort geltenden Ränge getroffen zu haben: Lynx und Wüstensee, ihr seid hoffentlich mit dem Willen unserer Ahnen die neuen Vertreter des MondClans. Wir vertrauen euch. ICH vertraue euch." Die Tiere des MondClans jubelten unter der neuen Hoffnung, die an Kraft gewann und jatürlich auch für diese zwei ehrenhaften Kätzinnen, die bereit waren, das zu tun, zu dem ich nicht mehr imstande war. Geißel sagte nichts, er sah nur weiter zu und war sehr unruhig.
    "Selbstverständlich benötigen wir zwei Heiler, die uns helfen, nicht nur den Kampf, sondern auch die Zeit danach zu bestehen. Lichtherz und Taubenschreck, seid ihr dazu bereit?" Taubenschreck nickte feierlich, während seine Freunde seinen Hajen riefen, um ihm zu beglückwünschen, doch Lichtherz sah aus, als hätte sie ein Gespejst gesehen. Blutjunges hatte recht. Noch gab es zu viele Geheimnisse unter uns, die uns alle in Gefahr brachten. Und ich war deshalb genauso gefährlich wie die anderen, die ihr wahres Gesicht versteckten.
    Lichtherz wimerte: "Bitte...was ist, wenn ich einen Gefährten oder Junge haben will?" Ich lächelte ruhig. "Sag einfach ja, dazu komme ich am Ende." Zwar schien sie immer noch nicht begeistert, aber ich hatte den winzigen Funken von Mut in ihren Augen aufglimmen sehen. "Königinnen haben wir im Moment nicht, oder? Dann sollen Mini, Knöpfchen, Weinbauch und Sol uns als Krieger vor allem beschützen, des sich traut, unsere Gemeinschaft zu bedrohen." Fangt also schon mal mit den Lügnern an, die nicht die Wahrheit gesagt haben als das unsere Aufgabe war, also mit mir ganz am Anfang. Ich war eine schlechte Anführerin und sobald sie das endlich eingesehen hatte, würde ich sowieso verbannt werden. Dann konnte ich ihnen keinen Schaden mehr zufügen.
    "Bevor wir diese Versammlung beenden, gibt es allerdings noch zwei Sachen zu regeln: Nox, Chelsey, Carla, Schlangenpfote, Akazienpfote, Wellenpfote, Strauchpfote, Frostpfote und Blutjunges mit der mir verliehenen..." Schwäche? Angst? Trauer? "...S...Stärke jache ich euch zu Schülern. Äh...ja...Natternjunges und Wurzeljunges natürlich auch." Obwohl sie die größten unter den Gleichaltrigen waren, hatte es sie verletzt, vergessen worden zu sein, denn sie hatten hart gekämpft und vieles erlebt, was Junge in ihrem Alter nicht hätten erleben sollen. Geißel betrachtete mich immer noch: Er wollte nachher mit mir reden.

    6
    Ich teilte den Jungen ihre Mentoren zu: Nox -> Knöpfchen Chelsey -> Lynx Carla -> Wüstensee Frostpfote -> Weinbauch Blutjunges -> Min
    Ich teilte den Jungen ihre Mentoren zu:
    Nox -> Knöpfchen
    Chelsey -> Lynx
    Carla -> Wüstensee
    Frostpfote -> Weinbauch
    Blutjunges -> Mini
    Strauchpfote -> Sol
    Wellenpfote -> Taubenschreck
    Akazienpfote -> mir ging auf, dass eigentlich nur noch ich übrig blieb, da ich Lichtherz nicht noch mit einer Schülerin hatte belasten wollen, doch...Finkenteich
    Finkenteich war einverstanden, denn Buntpelz und er würden uns helfen, so gut sie konnten, obwohl seine Augen etwas komplett anderes erzählten: Die beiden Kater wollten MIR helfen, vielleicht war die Fassade immer noch nicht stark genug.
    Dann sprang ich von den Steinen herab, plötzlich mit den Tränen kämpfend, da ich die Erschöpfung, diese tiefe Veezweiflung einfach nicht länger in mir einsperren konnte. Ich hatte das Gefühl, esvwar vorbei, irgendjemand hatte mich erneut im Stich gelassen. Nur wer? Als ich die Lichtung absuchte, wusste ich es: Geißel war weg. Trotzdem kämpfte ich tapfer gegen die Traurigkeit an: "Wüstensee hat erst vor kurzer Zeit gesagt, das Gesetz, das Liebe außerhalb der Clans verbitet sei falsch." Beklommenes Gemurmel breitete sich durch die Tiere aus. "Und sie hat recht." "Wildherz, was soll das?" "Du kannst nicht das Gesetz der Krieger ändern, es ist heilig." "Es sollte nichts heilig genannt werden, das so etwas Wunderbares verbietet.", entgegnete ich und spürte Wüstensees Aufnerksamkeit. "Liebe kann niemals falsch sein. Dieses Gesetz hat mehr Blut vergossen als es jemals geschützt hätte, mehr...als sein darf." Sie dachtenban die zahlreichen Tode aufgrund dieser Vorschrift; waren sie alle umsonst gewesen? "Ein Tod ist nie umsonst.", flüsterte ich und sie hörzen mich trotzdem alle, genauso wie meine Tränen. "Solange wir nicht vergessen, was er uns gelehrt hat. Gefährten außerhalb des MondClans sind erlaubt!" Und genau diesen Satz ritzte ich den Stein direkt unter meinem Bau ein.

    "Geißel?" Es war schon längst dunkel, jeden Moment musste ich darauf gefasst sein, dass eine meiner Patroullien auftauchen und mich zur ersten Großen Versammlung mit den fremden Clans bringen würde. "Ich bin hier, Geißel." Einige Zweige knacksten, weshalb ich langsam gereizt wurde nach all diesen Anstrengungen in der Dunkelheit nach meinem verschwundenen Gefährten zu suchen. "Es ist nicht komisch." "Wirklich nicht?" Ganz unschuldig grinste er mich von dem Zweig einer Kiefer, der vielleicht einen Meter über meinem Kopf hing, an, sodass das schale Mondlicht seine hellweißen Zähne wie Blitze aufleuchten ließ. Ich miaute: "Ich hab dich schon gesucht, Süßer. Wärest du geneigt, deinen schönen Pelz hier runter zu mir zu bewegen, damit ich dir sagen kann, wie viel Angst ich habe, mit den anderen Clans reden zu müssen?" Geißel lachte nur tief und kehlig, was mir eindeutig zu viel war. "Ich komme jetzt!", zischte ich. "Schaffst du NIEMALS." "Ach, echt?" Aber der schwarze Kater hatte nicht unterschätzt (oder zumindest war es nicht seine Absicht gewesen, Abstand zu mir zu suchen), denn mit wenigen Zügen war ich die Rinde schon hoch und trabte über das schmale Holz, das wohl jeden Augenblick unter uns wegbrechen würde, zu ihm. "Tatsächlich.", hörte ich ihn in der Stille der Nacht, fast, als hätte der Mond entschieden, dass dieser Ort, dieser Moment jetzt sofort mir gehören sollte. Nicht einmal die Vögel dröhnten uns mehr voll oder diese dummen Grillen, die Frostpfote heute zusammen mit Strauchpfote gejagt hatte. Dummerweise war er dabei in eine relativ große Fläche Brennesseln gefallen und Lichtherz, die sichtlich fröhlicher schien nach der Verkündung unseres neuen Gesetzes, hatte ihm eine gigantische Packung mit grünem Zeug übergeben, dass er sich jetzt auf die Schulter presste, damit er bei der Reise zur Bunten Lichtung nicht allzu schlimm humpelte. Wir wollten beim ersten Mal einen guten, nicht verlorenen Eindruck machen.
    "Kätzchen, du spielst hier mit dem Feuer." Ein bisschen ärgerte es mich schon, dass er sich noch IMMER so überlegen vorkam, aber es zeigte mir, dass auch er auf mich aufpassen musste und das machte mir Mut. "Ich mag aber Feuer.", flüsterte ich zurück, nur noch einen halben Meter von Geißel entfernt, der mit dem Rücken zu mir auf dem Ast lag, die Rinde des Baumes vor seinen Pfoten sehr nachdenklich betrachtete. "Hmm...", erwiderte er ruhig. "Komm doch näher, wenn du dich wirklich traust." Ich zögerte tatsächlich, was ihn wieder breit lächeln ließ. "Mach schon und beweg dich her zu mir, damit ich dir sagen kann, wie viel du mir bedeutest, bevor deine Kätzlein uns finden und dich ans andere Ende der Welt verschleppen." Genüsslich die Luft einatmend, die Luft, die nach Freiheit, klarem Abenteuer und Efeu roch, legte ich mich so nahe zu ihm, wie es das Gesetz der Schwerkraft (welches ich blöderweise nicht einfach so als Anführerin aufheben durfte) erlaubte, ohne, dass wir beide auf dem weichen Moos (und den paar spitzen Steinen) unter uns landen würden.
    "Vermisst du eigentlich jemals den BlutClan?", fragte ich ihn, wartete gespannt auf seine Reaktion gegenüber dem Mörder-Clan, dessen Anführer er doch selbst gewesen war. Geißel seufzte. "Du kannst es nicht verstehen, wie es ist, wenn man so gegen seine wahre Natur leben muss, weil du zu den Engeln gehörst. Ich bin ein Teufel, ein Toter aus dem Wald der Finsternis und ich vermisse es so sehr zu töten. Der BlutClan war alles für mich. Ich will wieder Anführer sein, mich den anderen gegenüber behaupten können, aber das kann ich nicht ohne diese gewisse Macht, die ich nur damals hatte. Wie soll ich dich beschützen, wenn ich brav bleibe?" Schrecken schlich sich in meine Beine, raubte mir den Atem, sodass mir ein wenig schwindelig wurde. "Versprich mir, nie wieder zu töten.", sagte ich, denn ich durfte und konnte nicht zwischen meinem Gefährten und dem MondClan entscheiden. Liebe kann niemals falsch sein, hatte ich meinen Freunden erzählt, doch meine Liebe galt jemandem, der Spaß an dem hatte, was Bonny so gerne in ihrer Kammer früher machte. Geißel sah auf, drehte halb den Kopf und sah mir mit wildem, entschlossenem Blick, denen der Wunsch des Führens und des Mordens inbegriffen war, in meine ängstlich aufgerissenen Augen. "Ich werde es aber wieder tun.", hauchte er. "Nicht einmal du wirst es verhindern können. Es muss einen neuen BlutClan geben, du verstehst es noch nicht, doch nur so seid ihr stark genug, nur so kann ich dieses Territorium vor den anderen Clans verteidigen. Kätzchen, sie denken, ihr seid leichte Beute, lass mich dir helfen, damit es nicht so ist. Der BlutClan wird ihnen Angst machen, so viel Angst, dass sie nicht einmal überlegen werden, wie es wäre, diese Erde selbst zu betreten, denn WIR werden sie fernhalten." "Du darfst das nicht tun.", beteuerte ich fassungslos. "Wie willst du mir versprechen, dass keine deiner Katzen versuchen wird, jemanden vom MondClan anzugreifen oder sogar zu ermorden? Das geht nicht." "Wildherz, ich verspreche dir, dass niemals jemand von euch durch uns zu Schaden kommen wird. Unsere Aufgabe würde es sein, EUCH zu verteidigen. Das Verlassene Haus könnte unser Lager sein und das Territorium ist sicher groß genug, um zwei Clans gleichzeitig zu ernähren. Wir würden uns nicht einmal über den Weg laufen, weil hier so viel Fläche ist; außerdem sind wir eh meistens unterwegs." "Ja, um zu töten und zu foltern." Ich schwankte immer noch zwischen Panik und Furcht, was Geißels Wunsch an Kosequenzen haben dürfte. "Süßer, zwei Clans auf einem gemeinsamen Territorium? Die Beute wird knapp, es ist kalt, Zweibeiner beengen uns, bis es nicht mehr möglich sein wird, getrennte Wege zu gehen. Ihr werdet unser Untergang sein. Wirst du es ertragen, mich tot zu sehen, weil sich eine deiner Katzen bei meinem kümmerlichen, abgemagerten Anblick nicht beherrscht hat? Sie werden mich in die Hölle schicken müssen, sterbe ich zu früh; mein Blut wird wieder an deinen Pfoten und deinem Fell kleben." In der Nähe hörten wir das Rascheln von vom Wind hergefegten Laub aus dem LaubClan und dem FeuerClan, so wussten wir, dass sie mich bald für die Reise holen würden.
    Geißel antwortete nicht, aber ich konnte sein Herz bei dem Gedanken zittern sehen, wie ich für immer verloren war. "Niemand von uns wird Kralle an euch legen und jeder, der es trotzdem wagt, wird von mir selbst vor deinen Augen hingerichtet."
    "Wildherz?" Ich hörte Weinbauch, der nach mir rief, weil es Zeit war, zu gehen und schauderte bei der Vorstellung, wie sich Geißels dunkle Schatten an ihm vergriffen.
    "Tu, was du für richtig hältst.", flüsterte ich, damit uns niemand hörte und wusste nicht, wie ich ihnen beibringen soll, dass sie ihr Revier mit Mördern teilten. "Aber lass uns leben."
    Dann verließ ich den Ast, spürte, wie seine Augen mir immer noch folgten, bis ich außer Sichtweite war, der Patroullie entgegennlief, um meine Katzen in eine neues Zeitalter zu führen.

    7
    Später erinnerte ich mich vor allem daran, wie sich dieser Knoten in meiner Brust direkt unter dem V angefühlt hatte, das V, welches mich für immer
    Später erinnerte ich mich vor allem daran, wie sich dieser Knoten in meiner Brust direkt unter dem V angefühlt hatte, das V, welches mich für immer als unloyal und heimtückisch kennzeichnete. Es war mein Glück, dass ich dort das Fell etwas buschiger machen konnte, so fielen diese Narben nicht zu sehr auf, während wir, der gesamte MondClan mit Ausnahme von der Katze, die ich mir jetzt so an meiner Seite gewünscht hätte, uns der Bunten Lichtung mitten im Dschungel näherten, das einzig neutrale Gebiet, das von niemandem beansprucht wurde, weil dort mystische Gestalten ihr Unwesen trieben, wenn nicht gerade der Vollmond für die Clans schien.
    "Wildherz.", flüsterte Wüstensee, die schon die ganze Zeit an meiner Seite war, denn sie spürte meine innere Angst, die schon fast vollständig die Kontrolle übernommen hatte. "Wenn es überhaupt nicht geht, will ich für dich reden und NEIN, das zeigt ihnen nicht wie schwach wir sind, sondern das kein Unglück unsere Loyalität bröckeln lässt." Weinbauch, der ebenfalls mir nicht von der Flanke wich, nickte entschlossen. "Du bist eine gute Anführerin, Wildherz, das musst du ihnen nicht beweisen." Eine Zeit lang dachte ich über unser kurzes Gespräch nach, bis wir unser Territorium verließen und im Schatten der Tropenpflanzen dem geheimen Treffpunkt näher kamen. Kurz bevor wir die Lichtung betraten, wir wussten, dass wir hier richtig waren, weil es sowohl nach Feuer, als auch Laub und Feuchtigkeit roch, nahm ich noch einmal unsere ganze Umgebung wahr: Die bis in den SternenClan ragenden Bäume mit den schillernsten Vögeln und Reptilien in ihnen, das verrotende Laub, die duftenden Kräuter unter unseren Pfoten, das silbrige Strahlen des Mondes, das dem dunklen Grün dieses Urwalds ein magisches Funkeln verlieh, welches eindeutig nicht von unserer Welt war. Dann sagte ich laut genug, dass es Wüstensee und Weinbauch, aber nicht der Rest meiner Kameraden hören konnte, denn die meisten hielten aus Respekt ein wenig Abstand zu uns: "Ihr habt recht; es ist nicht meine Aufgabe, den anderen Clans zu beweisen, dass wir stark genug sind. Aber nichts entschuldigt mich, wenn ich es nicht meinem Clan zeige. Last uns einen neuen Schritt wagen, damit die Zukunft morgen anders aussieht." Verdutzt rissen die beiden Katzen die Augen auf und blinzelten, doch mein Entschluss war gefasst.
    Die Bunte Lichtung war die größte baumlose Fläche, die wir je in einem Wald/bzw. Dschungel gesehen hatten. Überall waren Katzen der verschiedensten Körperstrukturen, Fell- oder Augenfarben, mit langen oder kurzen Schweifen, von der Höhe eines kleinen Fuchses oder der Größe von einem Zwergkaninchen, wenn die Schüler noch sehr jung waren. Der Mond schien so, dass ein breiter, flacher Stein, der aus türkisem Wasser zu bestehen schien, genau in der Mitte der Bunten Lichtung lag er, in allen Farben des Regenwaldes erstrahlte, genauso wie die Katzen und Wesen, die sich in seiner anziehenden Nähe befanden. Denn da waren nicht nur Katzen: in der gewaltigen Masse waren Füchse, kleine Hunde, Otter, Wiesel und Habichte zu sehen, alle friedlich vereint auf heiliger Erde, nur wir gehörten noch nicht dazu.
    Sämtliche Aufmerksamkeit gehörte uns Fremden, während ich mir einen Weg an misstrauischen, überraschten, aufgeregten, gereizten, fröhlichen und neugierigen Gesichtern vorbei zum leuchtenden Wasserstein bahnte, meine Katzen und meine Füchsin folgten mir auf meinen Pfotenabdruck und die anderen Clans wichen zurück, denn sie wollten uns eine faire Chance geben, ein neues Leben anzufangen. Zumindest hoffte ich das sehr und zwar nicht nur für mich. Egoismus war in unserer Gemeinschaft nicht zu gebrauchen.

    Und auf dem seltsam coolen Stein, da befanden sich im gleisenden Mondlicht genau vier Gestalten, obwohl es doch nur drei weitere Clans waren.
    "Wildherz.", grüßte mich eine pummelige Terrier-Dame mit lockigem, schwarz-braunem Fell, welche sich neben einem Habicht niedergelassen hatte, der das ganze Geschehen aus glasigen Augen verfolgte. "Geister haben uns viel von dem neuen Clan erzählt, aber jetzt dürfen wir ihn endlich kennen lernen. Setz dich zu uns, Anführerin des MondClans."
    Der Habicht, eine weiße Kätzin mit goldenen Flecken und schwarzen Augen sowie ein schlanker, groß gewachsener Kater mit braun-schwarz-weißem Fell nickten einstimmig, als hätten sie diese Entscheidung alle zusammen getroffen.
    Dennoch hörte ich die Wesen des Feuer-, Wasser- und LaubClans miteinander tuscheln und ich kletterte auf das befestigte Wasser aus türkisem Mondlicht unter dem misstrauischen Blick der Kätzin. Nur die Hündin wirkte neutral, der Habicht schien nicht recht zu wissen, wie er darauf reagieren sollte, der einzige Kater starrte seine Clan-Kameraden an, als wollte er sagen: Noch kein Angriff. Wartet, Freunde.
    Hier war Blut, das sich älter erwies wie das unsere, das zurückging auf Tapferkeit und Zusammenhalt, dass wir es uns nicht erträumen konnten.
    "Der Clan sollte nicht dort leben, wo ein ganzer Clan sein Ende gefunden hat." "Vielleicht sterben sie schon bald." "Ob das die Rache für unsere Sünden ist?" "Die Anführer dürfen Fremden nicht trauen." "Weiß jemand, ob sie denn gefährlich sind?" Fuchsdung, jetzt hab ich mir meine Lieblingskralle abgebrochen!" Beschämt senkte der rostrote Kater mit den gelben Augen, welcher letzteres gesagt hatte, den Kopf, als ihn der schwarz-weiß-braune Kater strafend anfunkelte. Etwas an seiner Ausstrahlung machte mir Angst und beeindruckte mich gleichzeitig. Ich rede hier nicht vom Roten. Dieser Kater war mächtig, das spürte ich sofort und auf einmal wünschte ich mir, dass Geißel uns wirklich verteiden wird, egal, was das für Opfer kostet. Hauptsache, wir dürfen leben.

    "Sie haben von dir erzählt.", wisperte der Habicht, sein Schnabel klackerte lustig beim Reden und obwohl die Lichtung so groß und die Wesen so viele war, hörten sie in der Stille der Nacht alles. Der SternenClan hatte also beschlossen, dass dies immer noch meine Zeit war? Dann durfte ich die magischen Ahnen nicht enttäuschen.
    "Wer, Habicht?", fragte ich ihn.
    An der Stelle des Vogels antwortete die gedrungene Hündin mit leicht gesenkter Rute, das einzige, das so etwas wie unterdrückte Emotionen verriet. "Der SternenClan und seine Geister, die er in die Träume der Anführer und Mediziner schickt, damit die Wölfe nicht kommen." "Die Wölfe? Es tut mir leid, aber ich weiß nichts von euren Wölfen." Ein Rabe krächzte so laut und durchdringend, dass alle Wesen nach Luft schnappten, ängstlich zusammenzuckten, denn ansonsten war es komplett ruhig. "Die Wölfe.", erklärte die Hündin. "Sie leben im Norden und überfallen manchmal unsere Clans, wenn wir nicht achtgeben. Auch der MondClan muss sich vor ihnen schützen. Der SternenClan hat uns erklärt, dass du eine starke Anführerin bist, deshalb hoffen wir das Beste für dich und deinen Clan natürlich. Wir leben hier in Frieden. Werdet ihr diesen Frieden stören?" Der Habicht sagte: "Es darf keinen Krieg geben, solange die Wölfe leben, denn sonst sind die Clans zu schwach, um sich ihnen entgegenzustellen, versteht ihr das?" Das war der Moment, in dem ich begriff, dass ich wohl ein ganzes Wolfsrudel ausschalten musste, wollte ich nach meinem Tod in den Himmel gelangen.

    8
    Warum half mir niemand, wenn ich es mir am sehnlichsten wünschte? Vielleicht hätte ich nicht sagen sollen, ich wäre stark genug...Und dann fing der
    Warum half mir niemand, wenn ich es mir am sehnlichsten wünschte? Vielleicht hätte ich nicht sagen sollen, ich wäre stark genug...Und dann fing der Stein an zu strahlen, so hell und durchdringend, dass sie allesamt aufkreischten und die verängstigten Köpfe einzogen, auch ich kauerte mich ängstlich nieder. Wind kam auf. Tausend Schreie schienen über die heilige Lichtung auf einmal zu hallen, jeder eine einzige Geschichte aus Schmerz und Verlust, dass ich nun mehr Mitleid als Furcht empfand. Eine heisere, kehlige Stimme ertönte und wir hatte nicht mit so etwas gerechnet: "Denkt ihr wirklich, SternenClan, ihr könnt uns mit einer einzigen Katze aufhalten?" Alle Augen richteten sich auf mich und der MondClan wünschte sich, wir hätten diesen Ort niemals betreten. "Schützt die Schüler!", rief ich meinen Wesen über das Brausen des Windes hinzu, wenigstens sie sollten nicht unter mir zu leiden haben.
    Die Temperatur fiel, bis sämtliches Wasser zu Eis erstarrte und wir, die Tiere der vier Clans, zu Statuen der nackten Angst. "Ihr dummen, dummen Katzen denkt, wir werden den neuen Clan verschonen, damit ihr uns vernichten könnt? Nicht mit uns." Donner grollte, gelbe Blitze der Energie zuckten über den schwarzen Himmel, während wir zitterten, die Schüler schützend zu einem Kreis umgeben aus den älteren Tieren gedrängt wurden. Waren das...echte Wölfe? Hundeähnliche Gestalten aus blauen Funken, die wie der Wind und der Sturm über die Bunte Lichtung jagten, schienen die Clans zu umkreisen, bis der mysteriöse Kater es wagte, ihnen zu antworten, denn die Stimme schien aus derselben und zugleich hundert anderen zu bestehen: "Fennek, der Dschungel ist euch verboten und der WasserClan wird sich verteidigen, trauen es sich deine Gefährten, uns anzugreifen!" Und der Kater war nicht der einzige, der Widerstand gegen die blauen Funken, den tosenden Sturm und die atemraubende Kälte zeigte. Überall jaulten und schrien die Tiere, um zu zeigen, dass ihre Loyalität bis zum Blut ging, sie bereit waren, für das, woran sie glaubten, zu kämpfen. Die Gestalten des MondClans wechselten einen Blick der Hoffnung, denn der Clan hatte sein neues Zuhause letzendlich doch gefunden. Diese Tiere hier waren nicht unsere Feinde.
    Doch Fennek, die Geisterstimme, lachte nur und seine leuchtenden Gespenster in der Gestalt von Wölfen schlugen Hacken vor Begeisterung, sie wollten klar machen, dass sie hier das Sagen hatten und wir absolut machtlos waren. Ich knurrte. Keiner von seinen Geistern durfte Kralle an meinen Clan legen!
    "Entschuldige...ähem...das war wohl etwas taktlos..." Er klang zwar nicht wirklich so, als ob es ihm in irgendeiner Weise leid täte, doch zumindest hörten die Wölfe damit auf, uns einzukesseln.
    Fennek heulte gehässig: "Mama hat mir doch beigebracht: Man soll nicht mit seinem Essen spielen!" Sofort brachen seine Funkengefährten erneut in wildes Gelächter aus, dass ich mich nicht länger zurückhalten konnte: "Fennek ist dein Name? Meiner lautet Wildherz, die erste Anführerin des neuen MondClans." Die Wölfe erstarrten, nicht einmal ihr unsichtbarer Leiter hatte mit diesem unbeschreiblich dummen Hochmut gerechnet. "Ich kenne euch nicht, ich kenne diese Clans nicht, mein Territorium ist mir erst seit wenigen Tagen bekannt. Aber wir sind bereit für unsere einzige Chance zu kämpfen. Ich werde nicht zulassen, dass du dem MondClan schadest, und ich werde alles tun, was nötig ist, um euch von uns wegzuhalten." Die Wölfe kicherten, sprangen nur zum Spaß immer wieder in die Nähe der Clan-Tiere, doch Fennek lachte nur rumpelnd: "Der SternenClan hat gesagt, du wärst eine Kriegerin, nicht dumm. Lass mich dir beweisen, wie schwach du doch bist."
    Die Tiere der Clans flüsterten und schrien während sich an der Stelle, an der mein Clan die Bunte Lichtung betreten hatte, dort am Rand zum Gebüsch, das mein Fell gestreift hatte, als ich dachte, das wäre unser neuer Weg, aus leichtend grau-silbernen Funken, die aus der Erde zu steigen schienen, anders als die der blauen Geister, welche vom Himmel gekommen waren, ein Wolf bildete, der seinesgleichen suchte. So groß wie ein Elefant mit den Zähnen eines erfahrenen Säbelzahntigers und nur einem lila Auge, mit dem zottigem rauen Fell der sturen Bergziege, den Pranken eines Löwen, marschierte er direkt auf die Clans und vor allem meine Schüler, die von zitternden Katzen und einer erschrockenen Füchsin umkreist waren, zu. "Tu das nicht.", sagte ich.
    Die Geisterwölfe waren erstarrt, beobachteten das Tun ihres Leitwolfs aus gierigen, wachsamen Augen. Wer wusste es schon, vielleicht gab er seinen Kameraden von der Beute ab?
    "Du hast kein Recht, unschuldiges Fleisch zu nehmen!", krächzte die Hündin neben mir heiser und ich liebte sie dafür, das sie versuchte, meine Jungkatzen vor diesem Monster zu beschützen.
    Die Tiere der anderen Clans nahmen sich ein Beispiel daran: Knurrend und fauchend, schreiend sprangen sie das Ungetüm an, welches sie nur achtlos zur Seite drängte, nicht einmal wahrnahm, das sie meine Schüler verteidigen wollten.
    "Pass genau auf, Wildherz, damit du diesen Augenblick nie wieder vergisst...", flüsterten die tausend Stimmen, die alle nur aus dem weiß-silbernen Maul des Leitwolfes Fennek kamen.
    Meine Tiere nahmen Verteidungsposition an, die verschiedensten Kreaturen aus LaubClan, FeuerClan, WasserClan und MondClan riefen: "Verschwinde, das hier ist nicht dein Gebiet!" "Der SternenClan wird das nicht zulassen." "Wenn der MondClan ein Fluch wäre, hätte Wildherz ihm nicht die Stirn geboten!" "Vergreife dich nicht an Wesen, die kleiner sind als du!" Letzteres hatte ein schneeweißes Wiesel mit kleinen schwarzen Tupfen im seidigen Pelz gesagt, direkt neben einer der Pranken von Fennek. "Eisblatt!", schrie irgendjemand entsetzt, dann hatte Fennek das Wiesel einfach totgetreten.
    Er stieß Wüstensonne, Lichtherz, Weinbauch und Wellenpfote zur Seite, packte sich...wo war Blutpfote?...Frostpfote. "NEIN!", schrie der junge Kater abgrundtief entsetzt und seine Freundinnen Strauchpfote, Wellenpfote und Akazienpfote weinten, als Fennek ihn hoch in die Luft hob, für sichtbar, mir unentwegt in die Augen starrte, sagte: "Wegen dir stirbt dieser Schüler, schwarze Kätzin. Du bringst Verderben mit jedem Schritt, den du gehst, bis hierher und in den SternenClan. Frostpfote heißt er, oder? Auch egal." Seine gleisend strahlenden Zähne durchtrennten den Körper des schreienden Schülers mühelos, unachtsam ließ er die zwei blutigen Teile des toten Lebewesens auf die Erde direkt zu Finktenteichs Pfoten fallen, der sich daraufhin schnell wegdrehen und übergeben musste. Der Rest der Clan-Tiere und die Geisterwölfe starrten Fennek und sein Blutopfer an.
    Doch ich war nicht traurig, nur sauer, SO sauer. "Du hättest das nicht tun dürfen.", krächzte ich. "Rache!"
    Fennek lachte schadenfroh, stampfte vor Freude mit den Vorderpfoten so heftig auf, dass alle Tiere vor seinen Leuchtpfoten zurückwichen.
    Ich verwandelte mich...in den größten weißen Tiger, die all diese Clans und Fennek mit seinen Wölfen jemals gesehen hatten und preschte auf den Leitwolf zu, sodass alle gerade noch rechtzeitig zur Seite hechteten.
    "VERGELTUNG FÜR FROSTPFOTE!" Jaulend rammte ich dem Giganten meine silbernen Krallen in die Schulter und ich sah die Überraschung in seinen Augen, während er stolperte und auf die Erde fiel, wo mehrere LaubClan-Tiere gerade noch so ausweichen konnten.
    "Ich bin noch nicht fertig." Die Wölfe jaulten, trauten sich aber nicht, einzugreifen, als ich dem Wolf so stark in den Bauch trat, dass er nach Luft schnappte. Für das, was er eben getan hatte, wollte ich ihn vor seinen eigenen Untertanen so demütigen, dass sie es sich wohl überlegten, wohin sie ihm besser nicht folgen sollten.
    Fennek versuchte, sich aufzurappeln, hätte beinahe meine gewaltigen Pfoten umgestoßen, doch ich presste ihn erneut mit den Vorderpranken auf das blutbefleckte Gras; die Clans johlten, denn nun würde ich die erste sein, die dem Leitwolf zeigte, wie sich Rache anfühlte. Ich musste ihn töten.
    Aber es war nach allem immer noch nicht an mir über Tod und Leben zu richten. Dafür waren meine verstorbenen Ahnen da. "Fennek.", knurrte ich, sodass es alle hören. "DU wirst dich für immer an diesen Augenblick erinnern und die Schmerzen, damit du verstehst, was du meinem Schüler Frostpfote alles genommen hast. Was du MEINEM CLAN angetan hast."
    Und mit drei sauberen Schnitten machte ich ihm ein F für Frostpfpte in die Brust, das sie auf ewig an einen toten Helden erinnern musste. Jedes Mal, wenn sie ihrem Anführer in die Schlacht führen sollten, würden sie Frostpfotes Buchstaben sehen und wissen, dass er diesen Kampf verloren hatte.
    "Geh. Und wage es nicht, unser Revier zu betreten."
    Fennek und seine Wölfe lösten sich zu Staub auf, waren zumindest für den Moment fort genau wie Frostpfote und Eisblatt, der MondClan trauerte und vertraute seinen Kummer dem ruhiger gewordenen Wind an, der Rest jubelte, während sich meine Gestalt wieder zu der kleinen unscheinbaren schwarzen Katze änderte.

    9
    "WILDHERZ! WILDHERZ!", schrien und johlten die Clans. "MONDCLAN! MONDCLAN!" Nur mein Clan rief in die Nacht hinein bis hin zu alle
    "WILDHERZ! WILDHERZ!", schrien und johlten die Clans. "MONDCLAN! MONDCLAN!" Nur mein Clan rief in die Nacht hinein bis hin zu allen verzweifelten Katzen das Wort, das auch mir durch den Kopf schoss: "HOFFNUNG!" Die Tiere beglückwünschten mich und sprangen fröhlich an meine Seite, während ich mich mit entschlossenem Blick nicht zum Wasserstein mit dem schönen Licht, sondern zu der Stelle kämpfte, an der Frostpfote, ein so junger Kater entzweigeteilt lag. Die Clans wurden still.
    Aus Respekt vor dem verlorenem Schüler und meinem Opfer senkten sie die Köpfe, alle Reihen still und mit gesenkten Schweifen als hätten sie selbst ihr eigenes Junges verloren. Es war schrecklich und doch so unglaublich schön, wie diese unbestrittene Loyalität gegenüber demselben Feind zu Gemeinschaft dieser Art führen konnte. Damals bei den WaldClans, als Geißel mit dem BlutClan gedroht hatte, sie allesamt zu vernichten, das war das einzige Mal gewesen, wie sie alle wirklich zusammen Pfote an Pfote arbeiteten, doch diese Clans taten dies schon wesentlich länger und ausdauernder, das spürte ich in meiner Seele, die wohl irgendwie noch immer mit Blaustern, Rauchvogel und Meerschweinchen in Verbindung stand.
    "Wir haben gerade einen kräftigen Schüler verloren, der seinem Clan noch hätte lange dienen wollen. Er wird nie wieder die Chance haben, mit seinen Kameraden bei Sonnenaufgang jagen zu gehen, seine erste wahre Liebe zu finden oder stolz den Kopf zu euch emporzurecken, wenn er auch dafür dankt, dass ihr ihn zum Stellvertreter gemacht habt, SternenClan. Auch wenn Fennek nun vorerst vertrieben ist, so hätte ich lieber mein eigenes Leben gegeben als das gleich zweier wertvoller Individuen an einem Tag zu opfern. Aber vor allem ist nun eine großartige Katze von uns gegangen, stets bemüht den MondClan zu stärken und das, obwohl ich bis gerade eben selbst nicht einmal wirklich an uns und diese Verbindungen geglaubt habe, die er überall gesehen hat. Wir werden dich als Katze vermissen, Frostpfote und dich als Wiesel...Eisblatt." Schluchzend senkte ich mein Kopf genau wie all die anderen, um ihn an die blutdurchtränkte Brust von Frostpfotes Leichnam zu drücken. LaubClan, FeuerClan und WasserClan trauerten mit mir und das war es auch, was die Hündin sagte, nachdem sie sich zu mir geschlichen hatte und winselnd auf Eisblatt hinabsah: "Der LaubClan unterstützt euch bei eurem Verlust. Denn auch wir haben etwas verloren, das uns nicht mehr zurückgegeben werden kann." Der Habicht folgte der Hündin und auch die umstehenden Tiere flüsterten ihre letzten Sätze ihren verlorenen Freunden zu.
    Der Habicht klackerte: "Bei allem Respekt, Wildherz, Schlammstern, wir müssen die Bunte Lichtung verlassen, denn der Mond beginnt, schwächer zu werden." Seine Augen blinzelten durchdringend und auch der Rest warf nun nervöse Blicke in den Himmel, weil sie wussten, die Mysterien des Dschungels würden keinen Halt vor ihnen machen, sobald die besondere Zeit zu Ende war.
    "Strahlenstern und Dämmerstern, sind eure Clans ebenso bereit?", fragte Schlammstern, die Hündin und Anführerin des LaubClans zusammen mit dem Habicht. Zwei Anführer...es musste einer der gewaltigsten Clans sein, die es je in meiner Geschichte gegeben hatte. Würde es der MondClan schaffen, wohl auch jemals so stark und loyal zu werden?
    Die Katze mit den Goldflecken, die wohl Strahlenstern genannt wurde, nickte stumm und mit pechschwarzen Augen, die mich unverwandt anstarrten, der Kater Dämmerstern rief: "FeuerClan, wir verlassen jetzt die Große Versammlung!"
    Beim Vorbeigehen verabschiedete er sich auch bei Strahlenstern, Schlammstern, Fluchtstern und mir, wobei er sich vor allem bei mir auffällig viel Zeit ließ, sein Blick die ganze Zeit wachsam und gierig nach etwas, nach dem ich mich nicht traute zu fragen, was es denn war.
    Seltsamerweise erwies sich der MondClan als der letzte, der diesen mysteriösen, bedrohlochen Platz inmitten der aufregenden Wildnis verließ; Strauchpfote, Wellenpfote und Akazienpfote halfen sich gegenseitig und abwechselnd beim Tragen ihres gegangen Freundes und wir ließen sie, denn Frostpfote war nicht nur ihr Verbündeter im Kampf gegen den Tod sowie das Leben, sondern ebenso ihr engster Freund, nun an einem Ort, um den wir alle nicht herumkamen.
    Aber ich hatte heute etwas getan, das das Feuer in mir erneut entfacht hatte, ich war nun endgültig wieder bereit, für sie zu kämpfen. SternenClan, ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich alles versuchen werde, um die beste Anführerin zu sein, die jemals auf den Pfaden des MondClans gewandelt ist.

    Ich erinnerte mich noch an Chelsey, wie die junge, schwarze Kätzin total aufgelöst ins Lager gerast kam, außer Atem, mit schreckgeweiteten Augen, drei oder vier Monde nach unserer ersten Großen Versammlung. "MAMA!", schrie sie und niemand wusste, was passiert war, weil sie gerade erst mit Nox zusammen hatte jagen gehen wollen. "Mama..." Weinend sank die Schülerin vor meinen Pfoten zu Boden, während ich verwirrt den Kopf schüttelte, um die flüchtigen Gedanken an die Grenzpatroullie, die ich gerade hatte führen wollen, zu verdrängen. Die Schüler des Clans waren immer wichtiger als Erdbrocken, die es nur zu verteidigen galt, damit diese etwas zu essen hatten.
    "Chelsey, geht es dir gut?", fragte ich, meine Ohren zuckten nervös.
    Es war ein sehr schöner, warmer Tag Mitte Juli, Schmetterlinge segelten wie zarte Papierflieger durch die Luft, die Nadeln leuchteten grüner denn je und Beute gab es in Fülle, denn die anderen Clans akzeptierten uns, seit dem ich Fennek für sie und den MondClan verjagt hatte. Es hätte eigentlich super sein müssen.
    Doch Chelsey ließ sich nicht beruhigen und immer mehr Katzen, darunter Lichtherz, Carla und Akazienpfote, welche schon sehr gewachsen war, versammelten sich um sie. Schließlich hörte ich Lynx erschrocken aufschreien, mit einem knappen Halt verhinderte sie, dass sie über ihre Tochter stolperte, die schluchzte und wimmerte, keiner von uns wusste, was denn geschehen war.
    Lynx miaute ängstlich: "Mäuschen, sag Mama was los ist. Hat euch jemand verletzt? Gibt es fremde Tiere auf dem Territorium? Wir müssen deinen Bruder suchen!"
    Wie hatte ich nur jemals glauben können, das Schicksal wäre gnädig genug, mir ein Stückchen Glück zu überlassen, während die Geisterwöfe immer noch auf freier Pfote und meine Aufgabe, die doch so unendlich wichtig schien, noch lange nicht gelöst war. Angst schnurrte mir die Kehle zu und ich musste mich konzentrieren, um nicht hecktisch zu klingen: "Chelsey, du musst jetzt tapfer sein und uns erklären, was vorgefallen ist, damit wir dir und deinem Brider helfen können."
    Chelsey ließ sich gar nichts sagen, schrie und weinte nur, sodass niemand geglaubt hätte, die letzten Monde wären unsere friedvollsten seit Langem gewesen; alles, was ich in diesem Moment wollte, war zu beweisen, dass wir für so etwas stark genug waren. Wüstensee, die inzwischen auch dazugekommen war, fuhr sich mit der Pfote hecktisch über die Brust und zischte aufgeregt: "Das bringt nichts. Lasst uns Nox gleich suchen gehen." Schon waren Strauchpfote, Akazienpfote, Carla und Lynx aufgesprungen, vermutlich war es gegen das Gesetz der Krieger, doch sie rasten aus dem Lager ohne meine Erlaubnis - und wenn schon - seit wann machte ich mir etwas aus dem Gesetz der Krieger? Schluckend und mit einem furchtbaren Gefühl in der Magengegend betete ich zum SternenClan und all dem, das sie mir noch schuldeten: Bitte nehmt uns nicht Nox. Wir brauchen STARKE Schüler. Wir brauchen EINE ZUKUNFT.
    "Komm, Chelsey.", murmelte ich sanft, während ich sie vorsichtig am Nackenfell hochnahm und Sol neben mir zu verstehen gab, das er mir wohl helfen musste, da unsere Schüler in den letzten Monden stark gewachsen waren, fast schun unheimlich schnell. Ob es wohl mit der verseuchten Beite zusammenhang? Verdammt, ein junger Schüler war verschwunden und ich überlegte nur, wie groß die Kleinen schon waren, wer bitte hatte die Idee gehabt, MICH zum Opfer dieser dummen Prophezeiungen zu machen? Wenn es niemand fähigeren mehr gab, dann konnte diese Welt auch nicht mehr gerettet werden. Sol nickte. Zusammen brachten wir die schwarze Schülerin zu Taubenschrecks, Lichtherz' und Wellenpfotes Bau, der sich als einziger ganz unten im Felsenkessel am Flussbett befand (ziemlich klug wie ich fand, so blieb es uns ersparrt, Verlerzte noch mehr zu verwunden, denn die MondClan-Katzen würden noch lange brauchen, bis sie sich wirklich ans Klettern gewöhnt hatteny).
    "Wildherz?" Verschreckt steckte Lichtherz den Kopf durch den Efeu, sie musste wohl das Weinen von Chelsey gehört haben, sie mumelte nur: "Großer SternenClan, bring sie bloß schnell rein." "Was ist denn?" Wenn Lichtherz nicht schon überängstlich und todneugierig gewesen war, sie hatte wohl schon alles auf ihre tollpatschige Schülerin übertragen. "Großer..." "Aus dem Weg!", knurrte Sol stumpf; sofort hasteten die zwei Kätzinnen zur Seite, dann kam Taubenschreck zum Vorschein, den Chelseys Anblick als einziger nicht aus der Fassung brachte. Er hielt uns den Efeu zur Seite, was ich ihm schnurrend dankte, dann begleitete er uns und die zitternde Chelsey zum Nest, das Lichtherz und Wellenpfote bereits mit panischen Pfotenbewegungen vorbereitet hatten. Angenehm kühl war es hier drin und außerdem roch die Luft betörend nach Lavendel und Vanille, genau wie Taubenschrecks Pelz. Das waren Momente, da wurde mir bewusst, wie wichtig es gewesen war, das Gesetz gegen die Liebe abzuschaffen, weil nur so würde es auch Taubenschreck eines Tages möglich sein, eine zweite Liebe zu finden. Ich trauerte mit ihm zusammen um Grausprenkel, denn nur wir hatten sie gekannt...und vor allem sterben hören.
    "Schock.", sagte er mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem in diesem schattigen Bau, was vielleicht gut war, so hatten wir keine Gelegenheit ihn panisch zu machen. "Mohnsamen...Beute...Wasser...Wellenpfote, wo ist Frischbeute, wenn man sie braucht? Lichtherz!" "Ich bin nicht deine Schülerin!", widersprach die gescheckte Kätzin, trotzdem verschwanden sie und Wellenpfote sofort hinter dem Efeu, um ihrer Clan-Kameradin in ihrer Not zu helfen.
    Diese flüsterte mit gesträubtem Fell und wirrem Licht in den aufgerissenen Augen: "Nein...zu viel Blut...wir müssen sagen, dass...Verrat? Bitte..." "Chelsey?"versuchte ich den Nebel der Realität zu durchdringen, indem ich vorsichtig mit der Pfote ihre verkrampfte Schulter berührte. "Es wird alles gut..."
    Ein Schatten drängte sich durch den Efeu und ich wirbelte herum, als ich aus dem Augenwinkel sah, dass Lynx die Höhle betreten hatte. Die nachtschwarze Kätzin bebte vor Zorn. Sie fauchte: "Nichts wird gut!" Erschrockene Stille, Taubenschreck und ich wechseltenen einen entsetzten Blick, während Chelsey halb in Ohnmacht fiel. Etwas Furchtbares war geschehen, ganz in der Nähe meines Clans, den ich doch hätte beschützen sollen. Ich hatte erneut versagt. "Nox ist weg."

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    Alles in mir sehnte sich danach, das, das ich bei meinen Jungen falsch gemacht hatte wieder gut zu machen, indem ich bei Chelsey blieb und ihr Trost b
    Alles in mir sehnte sich danach, das, das ich bei meinen Jungen falsch gemacht hatte wieder gut zu machen, indem ich bei Chelsey blieb und ihr Trost bei dieser schrecklichen Nachricht spendete, doch dies war Lynx'Aufgabe und das gab sie mir auch zu verstehen. Also verließ ich den Bau, traf am Flussbett auf Carla und Strauchpfote - zu meinem Schrecken, das mir auch anzusehen war - Akazienpfote war nicht bei ihnen. "Erzählt mir alles, was ihr wisst.", sagte ich, denn wir hatten keine Zeit für Geduld oder Einfühlsamkeiten, wenn es um Leben ging. "Aber nicht hier. Wir gehen in meinen Bau."

    "Legt los." Strauchpfote fuhr sich mit geröteten Wangen über die Stirn, als ob sie die Schuldgefühle wie einen Schwarm Moskitos vertreiben wollte, Carla saß einfach da und starrte entsetzt den Boden zu ihren Pfoten an. "Akazienpfote sucht noch nach Nox...sie mag ihn schon eine ganze Weile.", miaute sie leise und immer wieder huschten ihre gestressten Augen zum Ausgang, als ob sie fürchtete, irgendjemand könnte uns belauschen. Wer wusste so etwas schon in diesen Tagen von Blut und Verderben?
    "Habt ihr wenigstens Spuren gefunden?" Mir war bewusst, wie ängstlich und verzweifelt ich mich anhören musste, aber ich würde es mir nicht erlauben, einen weiteren Schüler vorzeitig zu seinen Jagdgründen gehen zu lassen. Wie enttäuscht würde nur Blaustern sein, wie sehr würde Meerschweinchen über diese verlorene Seele trauern? Ich musste alles tun, was in meiner Macht stand, denn Anführerin zu sein, hieß Verantwortung für meine Kameraden zu übernehmen. Ich musste es wenigstens versuchen um Nox' Willen.
    Strauchpfote schüttelte bedrückt den Kopf, sodass ihre Schultern noch weiter hinabsanken. "Wir haben wirklich überall nachgesehen, aber da war kein Pfotenabdruck, weil es schon so lange nicht mehr geregnet hat und nirgendwo haben wie Anzeichen dür einen Kampf gefunden. Dabei wissen wie doch, dass Nox niemals frewillig ohne Akazienpfote irgendwo hingehen würde...bitte sag nicht, dass wir dir das verraten haben." "Ich bin keine Verräterin!", wiederholte ich etwas zu heftig und sah erschrocken, wie die beiden Kätzinnen zusammenzuckten. Ich musste unbedingt lernen, meine Gefühle besser verstecken, sonst schadete ich meinem Clan. "Ich meine, ich werde es natürlich niemandem sagen. Danke, dass ihr mir so sehr vertraut, vielleicht hilft uns das bei der Suche. Wer ist jetzt unterwegs?" "Lilli wollte eine Rettungspatroullie zusammen mit Weinbauch, Wüstensee, Knöpfchen und Buntpelz führen, hoffentlich finden sie auch bald Akazienpfote. Ich habe Angst, wenn sie noch alleine da draußen ist, während wir nicht wissen, was mit Nox passiert ist." Schreckliche Bilder, die mich noch Nächte ohne Schlaf und Entspannung wachhalten würden, schossen mir wie Blitze durch den Kopf - keines davon ohne eine Leiche oder zumindest mehr Blut und Angst, als für das Leben einer meiner Katzen gut war.
    In Gedanken beschloss ich, dass ich Schmetterling und Finkenteich beauftragen würde, bis auf Weiteres das Lager strickt zu überwachen, dann drehte ich mich von den Schülerinnen weg, damit sie nicht meine Angst in den Augen und im Rasen meines Herzens sehen konnten. Trotzdem rochen sie die Furcht, denn Geißel war da draußen und er plante etwas Furchtbares, vor dem ich sie nicht länger würde schützen können. Ich musste verhindern, dass er das tat, aber wie sollte ich mich meinem eigenen Gefährten entgegenstellen? Er wird sich wehren...
    "Ihr habt heute gut und schnell gehandelt, auch wenn es nicht unbedingt ein Erfolg war.", murmelte ich sehr kraftlos für ein Lob, das so etwas wie Kraft spenden sollte. "Sagt allen, dass sie das Lager bis auf's Jagen nicht verlassen sollen und Finkenteich und Schmetterling, dass sie das Lager überwachen müssen. Danke."
    Schweigend schritten Strauchpfote und Carla zutiefst erschüttert durch den Efeu, doch kaum waren sie weg, brach ich schluchzend zu einem Haufen Pelz der Verzweiflung zusammen. Geißel, was hast du nur getan? Du liebst mich, aber ansonsten niemand anderen, nur dich und den BlutClan, welcher alles vernichten wird, das mir etwas bedeutet.

    Wir fanden Nox auch bis zur Abenddämmerung nicht...und noch schlimmer - sie hätten Akanzienpfote niemals alleine lassen dürfen, denn nun war die orange-braune Kätzin genau wie ihr Crush verschwunden an einen Ort, von dem aus ich sie nicht beschützte vor was auch immer sie dorthin geführt hatte.
    Ich hörte in dieser Nacht sehr viele weinen: Carla, Chelsey und Lynx um ihren geliebten Sohn und Bruder, Akanzienpfote um ihre junge Liebe, den jungen Kater Nox um sich selbst und natürlich Akazienpfote, Wüstensee, weil sie als Stellverterin versagt hatte, Lichtherz um Chelsey, die immer noch nicht schlafen, essen oder trinken wollte, Frostpfote, denn der weiße Kater in den Sternen fürchtete sich davor, zwei weitere Kameraden im Himmel willkommen heißen zu müssen, Blutpfote, auch wenn ich nicht wusste warum, Strauchpfote, da sie heute eine Seite an mir gesehen hatte, die zu schwach war, sie oder den MondClan vor unseren Feinden zu verteidigen, ich selbst - denn ich war mindestens an der Hälfte der Tränen schuld, woran mich Century und Ekel auch die ganze Nacht erinnerten. Der SternenClan wusste schon immer, dass du schwach sein wirst, aber damit hast du sogar sie überrascht. Wenn der Himmel dich nicht will, wenn die Engel sich von dir abwenden, obwohl es ihre Aufgabe ist, dich zu beschützen, wer will dich dann noch? Versagt hast du als Kriegerin, Anführerin, Mutter und Katze, du kannst niemandem mehr etwas vormachen. Gegen deine eigenen Dämonen gewinnst du nicht; du möchtest, dass das andere für dich machen? Du bist die einzige Katze hier im Lager, die es verdient hätte, für immer zu verschwinden, dann wärest du kein Schaden mehr für sie, aber nein - lieber opferst du Frostpfote, Nox und Akazienpfote, was für eine unedle Anführerin bist du nur? Wirklich...es tut mir leid. Ich habe das doch nie gewollt! Die einzige Bedrohung des MondClans bist du und das wird auch immer so bleiben. "NEIN!"

    Schweißgebadet fuhr ich in die Höhe, meine Flanken zitterten vor der Angst, vor der Finsternis, mit der mich meine eigene Seele vergiftete, mein Herz raste wie Nox und Akazienpfote, als wolle es die überflüssigen Schläge wieder ausgleichen. Erst langsam beruhigte ich mich wieder und sank schniefend zurück ins Nest aus Federn und Moos, das Nest einer Königin, in der eine Mörderin schlief. Geißel und ich waren uns nicht unähnlich, wie hatte ich das nur je denken können? Das einzige, was uns von einander unterschied, war, das er mit der Tatsache, dass er nun einmal ein Monster war, umgehen konnte, ich dagegen zerbrach daran ohne irgendeinen Sinn. Ich musste die Schüler unbedingt retten.
    "Wildherz.." Eine dunkle Gestalt schob sich durch das Efeu, die ich nur erkennen konnte, weil gerade der silberne Mond durch die dichten Blätter schien, ja, mich fast schon blendete mit seinem grellen Locht.
    Die schwarze Katze mit der weißen Vorderpfote und der hellen Schweifspitze hinterließ mit ihren durchtränkten Pfoten Blutrückstände auf meinen Steinen, die ich noch sehr lange würde sehen können. Ich sog erschrocken die Luft ein.
    "Es ist alles gut.", flüsterte Geißel, wobei der Kater Zähne entblößte, die mehr rot als weiß leuchteten, oder bildete ich mir das in meiner grauenvollen Angst nur ein? Ich durfte keine Schizophrenie bekommen, nicht weil ich unbedingt gesund sein wollte, sondern, weil mich meine eigene Angst so fressen konnte. "Alles ok...du hast schlecht geträumt..."
    Schnurrend legte er sich zu mir ins Nest und das noch feuchte Blut an seinem Fell, das vom Weinen von meinen Schülern erzählte, berührte meines, das ihr Blut auch aufnahm wie ein gieriger Schwamm. Nox' und Akazienpfotes Blut klebte an MEINEM Pelz.
    "Was hast du nur getan?", schluchzte ich und rückte ein wenig von ihm ab, denn der Gestank nach Tod machte mich beinahe wahnsinnig, übertränkte jede Spur von Frieden, die ich hier so mühsam ausgelegt hatte. "Wie konntest du nur..."
    Beschämt ließ er den Kopf hängen. "Es tut mir leid, du musst mir glauben. Es ist nur...Riley hat sie heute zufällig gefunden und zum Verlassenen Haus gebracht, sie war noch neu und wusste nicht, dass sie das nicht darf...als die beiden dann dort waren, hatten sie schon Wunden.,.wir konnten uns nicht beherrschen. Tut mir leid." "Es...tut dir leid.", wiederholte ich fassungslos, doch mein krankes Herz konnte diese Infornation trotzdem nicht verarbeiten. "Du hast es mir versprochen...bitte sag, dass du Riley wenigstens getötet hast, wie versprochen." Ohne auf mein gesträubtes Fell und meine ausgefahrenen, zuckenden Krallen zu achten, rückte er wieder zu mir her, flüsterte: "Aber sie ist so gut im Töten! Wie könnte ich sie nur hinrichten, wenn ich nie wieder jemanden wie sie finde?" Andere hätte ihn für untreu gehalten, dass er tatsächlich nach so kurzer Zeit eine neue Flamme entfacht hatte, doch das wusste ich besser - und so wusste ich nur, dass Riley eine Gefahr darbot, die ich selbst vernichten musste.
    Ich knurrte: "Geißel, falls Riley nicht bis morgen Abend tot ist und ich das gesehen habe...ich SELBST schneide ihr die Kehle durch, verstanden? Willst DU meinem Clan erklären, was mit Akazienpfote oder Nox geschehen ist? Sie sind TOT, so TOT, dass ich nicht fasse, wie du nur atmen kannst. Als Anführerin des MondClans ist es meine Pflicht, sie zu rächen." Keine Ahnung, wieso mir danach war, aber ich war so unglaublich wütend...einfach mit der Pfote holte ich aus, wollte ihn an der Wange treffen, aber Geißel fing den erwarteten Schlag geschickt ab, rollte sich über mich und drückte mich mit Gewalt nach unten.
    "Und ich als dein Gefährte..." Er grinste schelmisch. "...bin Anführer des zweiten BlutClans. Du hast KEINE Chance gegen mich, Kätzchen. Ich liebe dich. Es gibt auf der ganzen Welt nichts, das ich mehr haben will als dich, aber auch wenn du meine Gefährtin bist, gehörst du nicht mir. Das muss ich ändern." In diesem Moment hasste ich ihn dafür, das er stärker war als ich, die nichts gegen den Mord meiner Schüler tun konnte. "Ich werde mich wehren, was immer du tust.", versprach ich ihm grimmig. "Ich kann kämpfen." "Und ich kann noch BESSER kämpfen", flüsterte er und sah mir in die Augen. "Ich werde mir etwas einfallen lassen und dann wirst du WIRKLICH mir gehören."
    Er küsste mich, sodass mein Herz kurz stehen blieb, dann stand er auf und verschwand wieder zum BlutClan, den ich nicht aufhalten konnte, um meine Clan-Gefährten zu schützen. Aber etwas, das Geißel gesagt hatte, machte mir noch größere Angst: Was verstand er unter Besitz?

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    Was sollte ich tun? Wohin konnte ich noch ausweichen? Wie würde ich es mir nur selbst verzeihen, wenn ich, die Katze, die den Wert Loyalität wie ein
    Was sollte ich tun? Wohin konnte ich noch ausweichen? Wie würde ich es mir nur selbst verzeihen, wenn ich, die Katze, die den Wert Loyalität wie ein Tattoo im Herzen trug, diesen mit Pfoten trat? Durfte ich meinen Clan im Stich lassen, selbst wenn es für mich nicht mehr sicher genug war? Doch es spielte keine Rolle, mein Schicksal dagegen schon: Der SternenClan hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass ich diesen Pfad gehen musste und ich war noch nicht hoffnungslos genug, um meine einzige Aufgabe aufzugeben. Auf jeden Fall sah ich Geißel eine lange Zeit danach nicht wieder und...es erschütterte mich und den gesamten MondClan, obwohl ich es ja eigentlich gewusst hatte...Akazienpfote und Nox kehrten nicht mehr zurück.
    Zusammen hielten wir als Clan schon die zweite Sterbewache ab, vor allem Lynx, Chelsey und Carla, die Familie, die gedacht hatte, er würde sie eines Tages selbst beschützen können, litt mehr als gut für jeden von ihnen war. Dass es dabei auch noch regnete hob die Laune nicht wirklich und als drei weitere Tage vergangen waren, keiner von ihnen mit ein bisschen mehr Sonne oder Lebensmut, was mir besonders bei Chelsey Sorgen machte, nahm ich die schwarze Kätzin, die immer noch nicht gegessen hatte, bei der Abendpatroullie zur Seite.
    "Geht schon vor zum Lager!", befahl ich Weinbauch, der überrascht wirkte und auch ängstlich, denn unser Wald war nicht mehr sicher. Ich scbuldete es ihnen, die Wahrheit zu sagen, aber noch war ich nicht bereit. Meerschweinchen, würde ich überhaupt jemals bereit sein? "Chelsey und ich werden nachkommen." Trotzdem wirkten Lichtherz, die mitgekommen war, um Schilf für Mini zu sammeln, deren Bauch in letzter Zeit verdächtig rund anschwoll, Carla, Chelseys Schwester, Weinbauch und Wellenpfote nicht so wirklich glücklich. "Lebend.", versprach ich ihnen und die Katzen zogen in dem Vertrauen weiter, dass ich Chelsey vor etwas verteidigen konnte vor dem ich...nun ja...sie nicht verteidigen konnte.
    "Lass mich dir etwas Schönes zeigen.", miaute ich, während meine Augen sie geheimnsvoll anfunkelten. Der SternenClan und Geißel hatten mir die Kraft gegeben, weiterzumachen, jetzt war es an mir, diese Macht an eine Schülerin weiterzugeben.
    Chelsey nickte traurig. Zusammen erklommen wir den Nadelbaum rechts von uns, kletterten immer weiter und weiter, bis die Äste dünner und die Aussicht weitflächiger und einfach nur wundervoller wurde.
    Das war unser Territorium: Wie ein Mantel der Unsichtbarkeit und des Schutzes vor ungewollten Blicken erstreckten sich die Nadelbäume über Hügel und Täler, bis da ein freier Fleck war, der klare See zum LaubClan, in dem aber nie Fische schwammen. Das türkise Wasser funkelte im Licht der untergehenden Sonne, sodass Glücksgefühle mein Fell trotz der Kälte im Schatten der Rinde bis in meine Schnurrhaare erwärmten.
    "Fühlst du das?", miaute ich glücklich und zog Chelsey mit dem Schweif etwas näher zu mir. "Fühlt es sich nicht großartig an?" "Ich wünschte, Nox darf das sehen.", wimmerte sie so kläglich, dass ihr Leid mein Herz wie mit einem Pfeil durchbohrte, an alten Wunden rieb, die ich immer noch versuchte zu vergessen. Ich sagte: "Du brauchst mir nicht zu erkkären, wie schlecht es dir jetzt und deiner Familie geht, nachdem man auch Nox genommen hat, denn Nox hatte ein gutes Herz, das mehr wert ist als jede unserer Krallen im Kampf zusammen. Nicht viele Katzen unterscheiden zwischen Gut und Böse, so etwas wie Schlecht und Toll gibt es nämlich nicht. Nox war einer von denen, die das wussten. Was ist mit dir, Chelsey?"
    Grüblerisch suchte die kleine Katze den Wald nach etwas ab, das nur sie sehen konnte - wahrscheinlich Hoffnung. Mir wurde schmerzlich bewusst, wie ähnlich Chelsey mir doch war, als ich selbst noch als junge Schülerin trainiert hatte. "Wie soll ich jemanden im Kampf töten oder verletzen, wenn ich weiß, dass es auch Gutes in ihm gibt?", fragte Chelsey und ich fand, dass das eine sehr kluge Frage für eine Schülerin war. "Hmmm...das kann ich dir nicht sagen." "Aber was soll ich dann tun? Nox hat immer genau gewusst, wann es wichtig ist, zu kämpfen oder sich zu wehren. Ist es nicht verboten, zu töten?" "Leben ohne Tod, das funktioniert nicht, Schülerin.", versichte ich ihr zu erklären. "Du wirst nicht darum herumkommen, die Maus zu morden, um selbst etwas zu essen, oder? Jagd ist nichts verbotenes, es ist das Gesetz der Natur und wir münsen ach ihren Regeln spielen, weil nur sie weiß, was gut ist und was nicht. Die Menschen waren bis jetzt ihr einziger Fehler. Und zu deiner Frage...eine sehr schlaue Katze hat mir mal gesagt, dass ein Gefühl entscheidender sein kann als tausend Prophezeiungen. Ein Gefühl, mehr wird dir der SternenCkan oder die Natur nicht geben. Und das ist in Ordnung."
    Chelsey winselte. "Ich vermisse ihn so unendlich." "Du brauchst ihn nicht zu vermissen, Chelsey. Spürst du es nicht? Er ist hier, im Wind, der dein Fell zerzaust, in dem Licht, das deine Augen leuchten lässt, in deine Tränen, die zur Erde fallen, um ihm zu beweisen, dass wir ihn nicht vergessen werden. Er weiß das auch. Ich will, dass du stark bist, dann wird sich entscheiden, ob du eine wahre Kriegerin wirst oder nicht...nur wer Kraft zeigt trotz Verlust sollte sich selbst eine Kämpferin nennen dürfen, findest du nicht auch?"
    Eine Weile schwieg die Schülerin, dann miaute sie entschlossen: "Lass uns zum Lager zurückkehren, Wildherz, ich muss noch mit Mama über mein Traning morgen sprechen." Blaustern, ich war so unglaublich stolz auf die Kämpferin neben mir.

    Es geschah, als Chelsey und ich uns gerade auf den Rückweg gemacht hatten, da sah ich zwei Paar boshafter funkelnder Augen, die uns beide aus dem Gebüsch heraus beobachteten, sodass ich mit der Panik in meinem Inneren kämpfen musste. "Geh, Chelsey, geh und sag, dass ich noch kurz jagen gehen wollte." Chelsey wirkte so fröhlich, als wäre nun endlich eine schwere Last gefallen, die ihr Herz an den Boden gekettet hatte. "Das werde ich. Wildherz?" "Ja?" "Danke. Ich meine nicht nur für die schöne Aussicht." Schnurrend musste ich trotz der fürchterlichen Gefahr lächeln. Verschwinde, Chelsey, so lange sie dich noch laufen lassen, denn ich bin bereit, den Preis für dich zu zahlen. "Immer wieder, Schülerin."
    Nur eine Sekunde später, als Chelsey, die den Kopf so stolz trug, weil sie wusste, dass sie stark genug sein würde, nicht mehr zu sehen war, trat eine der Gestalten, ein struppiger, dreckig weißer Kater mit braunen Schlitzaugen durch das Gestrüpp, machte sich nicht einmal die Mühe, sich vor mir zu verbergen. Er musste sich seiner Überlegenheit sehr sicher sein und ehrlich gesagt, wusste ich nicht, was ich von dieser Arroganz halten sollte. Mit dem würde ich fertig werden, sollte er nur versuchen, Chelsey zu folgen.
    "So, so. Wir haben schon so viel über dich gehört...Kätzchen." Seine Stimme hatte etwas tiefes, kehliges, das mich instinktiv zurückweichen ließ. "Ich bin Wildherz.", sagte ich. "Wer seid ihr?" Oh." Der Streuner-Kater schnippte mit dem Schweif wie aus Verlegenheit und lächelte höflich. "Verzeihung, ich bin so ein Trampel. Aber meine Freunde nennen mich Freddy." Freddy. Toll, sich nachts mit einem gruseligen Fremden zu unterhalten, der den Namen von Amerikas Lieblings-Serienmörder trug. Da stieg die Stimmung.
    "Freddy...ist ein ungewöhnlicher Name." Knurrend kauerte ich mich nieder, denn ich wollte nicht diejenige sein, die hier überrascht wurde. Falls er einen Kampf haben wollte, an mir lag es nicht. Ich liebte dieses Gefühl. "Ich weiß." Ungerührt fuhr er mit Krallen, die er wohl an Steinen oder so geschliffen hatte, über die Erde, auch wenn er dies nur ganz leicht tat, die scharfkantigen Spuren durch die Nadeln verrieten mir, dass ich es nicht mit einem Anfänger zu tun hatte. "Hast du etwa Angst, Mieze?" Eine orange-rote Kätzin mit Augen wie tödlichen Rubinen gesellte sich zu Freddy, ihr Fell war besprenkelt mit dem Blut...hoffentlich nicht dem einer Katze, obwohl ich an ihrem herablassenden Grinsen sah, dass ich damit total ins Schwarze getroffen hatte. Es wurde immer BESSER UND BESSER.
    "Schön, dass ich dich auch einmal kennen lerne, RILEY." Ich sprach ihren Namen wie eine Beleidigung aus, was sie eindeutig traf, denn sie zischte empört, fegte mit ihrem Schweif Nadeln und Staub über den Boden über Freddys Krallenabdrücke. "Du hast keine Ahnung, wie sehr ich mir wünsche, dich töten zu dürfen. Katzen der Hölle, es hätte schon etwas Erleichterndes, dir die Kehle aufzuschlitzen, zumindest hat mir dein Gefährte das erzählt." Ihre Rubine glommen wie Holz, das soeben erst Feuer gefangen hatte und bereit war, mein ganzes Leben abzufackeln. "Stimmt es?" Ich fauchte empört: "Komm doch her und find es raus!" Verlegen kichernd beugte sich die rote Kätzin zu Freddy hinüber, wobei sie ihn leicht mit der Pfote und der Schweifspitze in die Seite stupste. " Hast du sie nicht gehört, Feddy? Lass mal sehen."
    Ich war so unendlich dumm gesesen zu denken, ich könnte es mit diesem Streuner aufnehmen und mein Körper stimmte mir stöhnend zu, während er es mit nur einem Satz in die Flanke schaffte, mich aus dem Gleichgewicht und mit einem zweiten in den Staub zu bringen.
    "Wehr dich nicht, dann lebst du später vielleicht noch." Nein, gegen beide zusammen hatte ich nicht den Hauch einer Chance...es sei denn...nein, ich musste unbedingt den richtigen Moment abwarten, sonst war mein einziger Vorteil für immer verspielt.
    Mit einem widerlichen Lächeln drückte mich Freddy an den Schultern zu Boden, sodass alle meine Narben für beide Katzen des BlutClans, von dem mein Gefährte den Anführerposten beanspruchte, mühelos zu sehen waren. Mit rein wissenschaftlicher Neugier fuhr mir Riley durch das Fell, bis sie das Wort, das mich auf ewig kennzeichnen sollte, entziffert hatte. "Eindeutig Bonnys Handschrift.", meinte sie nur und warf Freddy einen beeindruckten Blick zu, welcher ebenfalls begeistert auf meine Narben starrte, ich, immer noch unfähig, mich zu rühren. "Sehr saubere Schnitte. Die ist echt ein Profi." Riley lächelte mir freudig zu, als sie sah, wie ich mich langsam entspannte. "Keine Sorge, das sind wir auch. Aber jetzt...ganz ruhig, zeig her..."
    Vorsichtig drückte sie meinen Kopf nach hinten, bis ich in die Büsche hinter mir sah, mein ganzer Körper sich vor Angst verkrampfte, weil ich die beiden nun nicht mehr sehen konnte und die lange glatte Narbe entlang meiner Kehle sichtbar wurde. "Tatsächlich!" Riley und Freddy schnappten nach Luft. "Die Auserwählte des SternenClans...", miaute sie ehrfüchtig, allerdings nicht wegen mir. "...im Kampf geschlagen vom berühmtesten Killer der Straßen. Die Clans sind verloren." Ziemlich respektlos fuhr Feddy die zarte Linie mit seinen eigenen Krallen nach, seine Augen glänzten dabei feurig und er ließ sogar meine Schultern los. Wäre jetzt trotzdem nicht sehr intelligent gewesen, direkt in seine Klauen hineinzuspringen. "Unfassbar...perfekt getroffen. Hast'e geschlafen, oder was? In meinem ganzen Leben...hab noch nie so 'n sauberen Kehlenschnitt gesehen." "Ich war benommen.", flüsterte ich ängstlich, während ich mich an den Schmerz erinnerte und den Schock, als ich begriff, dass ich nun sterben musste, weil ich zu viel Blut verloren hatte.
    "Er sagt, es hat sich großartig angefühlt. Schade, dass er es nicht mehr tun will, er braucht sie lebend als seine Gefährtin. Niemand ist vor dem BlutClan sicher." Sie sah mir dabei direkt in die Auge. "Egal, was Geißel dir erzählt hat." "Er ist mein Gefährte!", verteidigte ich uns entsetzt über so viel furchtbare Wahrheit. "Er würde mich niemals töten!" Freddy lachte mitleidig. "Aber das hat er doch schon. Mieze, glaub mir, er liebt dich, er liebt dich auf die Art und Weise wie es nur ein Psychopath kann. Aber...nun...ich bin mir nicht sicher, ob dir diese Art gefallen wird." Die beiden warfen sich ein wissendes Grinsen zu. Riley miaute: "Eines Tages werden wir uns wiedersehen, Wildherz, ...das muss ich dir nicht versprechen, Geißel hat es MIR versprochen."
    Ich hatte meine Fähigkeiten als Gestaltwandlerin noch nicht einmal einsetzen müssen und trotzdem verließen sie die Lichtung, töteten mich nicht, obwohl sie niemand daran gehindert hätte. Weil Geißel es ihnen verboten hatte. Und sie brauchten mich auch gar nicht zu holen...wieso auch, wenn sie wussten, dass ich so und so zu ihnen kommen werde.

    12
    "Ich sehe, dass du leidest.", begrüßte mich Wellenpfote, eine SCHÜLERIN, sobald ich das Lager nur betreten hatte. "Nein, mir geht es
    "Ich sehe, dass du leidest.", begrüßte mich Wellenpfote, eine SCHÜLERIN, sobald ich das Lager nur betreten hatte. "Nein, mir geht es gut!", entgegnete ich scharfzüngig und versuchte ihr nicht in die Augen zu sehen, damit Wellenpfote meine Tränen und diese abgrundtiefe Verzweiflung in meinem Herzen nicht bemerkte. Zum Glück waren fast gar keine Katzen mehr auf der Lichtung, denn es war schon sehr spät und weil ich Chelsey nicht hatte belügen wollen, nachdem sie gerade erst wieder Mut gefasst hatte, hatte ich auch gejagt. Wenn auch nicht sehr erfolgreich.
    Knöpfchen und Schlangenpfote hielten auf der anderen Seite des Lagers auf dem Felsenkessel an der Stelle über meinem heiß ersehnten Rückzugsort noch Nachtwache und ich fragte: "Warum bist du überhaupt noch wach, Wellenpfote? Wir brauchen ausgeruhte Schüler, die lernen und tranieren wollen, nicht müde Faultiere, die uns die Beute wegessen." "Du brauchst so etwas gar nicht erst zu sagen, wenn du sowieso nichts gefangen hast.", konterte Wellenpfote, die mir natürlich nicht glaubte, weil mein Körper wie eine einzige entsetzte Ruine aussah, nicht wie der einer erfolgreichen Jägerin...wann war ich denn schon jemals in meinem Leben in irgendetwas erfolgreich gewesen?
    "Ich werde dir auf deine Frage nicht antworten und jetzt geh schlafen." Ohne mich noch einmal umzudrehen steuerte ich auf den Bau des Anführers und Knöpfchen und Schlangenpfote zu, die das Geschehen zu ihren Pfoten mit gespitzten Ohren und wachsam glänzenden Augen verfolgten. Sie wollten Drama? Na, das konnte Wellenpfote ihnen bieten. "Wildherz!", rief sie mir noch hinterher. Ich ärgerte mich fürchterlich, denn jetzt glotzten auch Wurzelpfote, Natternpfote, Carla, Mini und Taubenschreck aus ihren Bäuen. Sie fügte etwas leiser hinzu, sodass es trotzdem jeder mithören konnte: "Ich glaube, dass etwas Schlimmes geschehen ist, da der SternenClan mir Alpträume schickt. Und ich werde herausfinden, was hier vor sich geht." Am Ende meiner Energie versuchte ich müde ein Gähnen zu unterdrücken...was mir aber nicht sonderlich gut gelang. "Viel Glück dabei."

    "Wildherz." Aus tausend Richtungen schienen sie meinen Namen zu flüstern und er hallte umher wie ein verloren gegangenes Echo. Obwohl alles um mich herum schwarz war wie dunkler Nebel, wusste ich, dass ich wieder den Körper von Wildpfote angenommen hatte, denn meine Haut war noch frei von Narben. NOCH. "Wildherz!" "Ich bin hier!", schrie ich zurück, doch sie antworteten nicht. Wer waren sie? "Wildherz?" Verzweifelt sprang ich so hoch es ging in die Luft, streckte mein Gesicht gen Himmel und miaute: "Wer immer ihr auch seid, ich habe keine Angst. Kommt zu mir!" Und das taten sie: In funkelndem weißen Nebel umhüllt erschienen Meerschweinchen und Gewitterjunges in der Dunkelheit, welcher mich unfassbar anstarrte. "Bist du Mama?", fragte er. "Ja. Ja, das bin ich." Zögernd näherte ich mich meinem Sohn mit der Narbe statt einem Auge und demselben Fell wie meines. Sogar dieselbe Farbe in den Fenstern seiner Seele glühte mir verschwommen entgegen. War Gewitterjunges wirklich zu mir zurückgekehrt?
    Allmählich änderte sich die Umgebung: Wir standen nun auf dem Sandhügel im Territorium des alten RobbenClans, wo meine Mutter mit ihrer Familie aufgewachsen war. "Ist es nicht schön hier?", fragte mich Meerschweinchen, beobachtete verträumt die Wellen, die gegen die Küste schlugen, um ihre Macht zu beweisen.
    "Nein. Ich mag kein Wasser.", entgegnete ich und rückte näher an Gewitterjunges heran. "Wieso musste er sterben?", flüsterte ich traurig. "Warum, Meerschweinchenschimmer?" "Niemand hat gesagt, Gewitterjunges wäre tot.", meinte sie nur gelassen. Ich drehte mich um, um zu erkennen, ob noch andere Geister des SternenClans bei uns an der Küste waren, doch diesmal war meine alte Freundin wohl alleine gekommen. "Gewitterjunges, lebst du noch?" Der schwarze Kater war natürlich gewachsen, sodass er mich schon um einen halben Kopf überragte, viel größer als Wurzelpfote, Natternpfote oder Finkenteich. Gewitterjunges sagte: "So heiße ich nicht mehr. Mein Name ist Thunder vom Clan der Freaks und ich werde alles tun, um dich wiederzufinden." Okay, dieses Statement saß, doch..."Wieso sind wir drei hier?", wollte ich von Meerschweinchen wissen; diese seufzte erschüttert. "Dunkle Zeiten nähern sich, die alle bisherigen übertreffen müssen, damit wir leben können." "Ihr seid schon tot?" "Egal. Das spielt keine Rolle." "Also eigentlich ist es ja schon recht wichtig, weil..." "Ruhe. Der SternenClan wittert Gefahr und ich dachte...ich schenke dir noch eine gemeinsame Erinnerung mit deinem verlorenem Sohn, bevor du drauf gehst." Verständnislos blinzelte ich sie an. "Oh, das ist aber nett." "Ja, nicht wahr?" Meerschweinchen kicherte leise und auch Thunder hob die Mundwinkel ein bisschen. Mein Sohn lächelte. Jetzt musste ich auch lächeln, böse Falle. Hier an diesem Ort schienen diese Gefahren, die Sorgen, Probleme, die Liebe und die Kämpfe um Herrschaft und Überleben so weit entfernt, dass ich mich fragte, ob denn ein Leben ohne nicht auch möglich war. Durfte ich nicht endlich auch meinen Frieden finden, oder war es Anführern von jetzt an verboten, glücklich zu sein? "Du musst stark sein.", sagte Meerschweinchen. "Denn wenn du die falsche Wahl triffst...du wirst daran zerbrechen." "Ich werde alles tun, was nötig ist, um den MondClan zu beschützen.", versprach ich, meinte es auch so und Meerschweinchen blinzelte, während sich Thunder, das Meer, die Küste, der Traum und sie selbst langsam auflösten. "Sicher?"

    "Wildherz, wovon hat die helle Katze geredet? Ist Thunder wirklich dein Junges?" Es gab defintiv andere Möglichkeiten jemanden zu wecken, diese hier ließ sich nicht am Muttertag oder überhaupt jemals entfehlen. Wellenpfote stand neben meinem Nest, das Fell verklebt und ihre Bewegungen sehr fahrig, als hätte auch sie geschlafen. "Der SternenClan hat mir Zugang zu deinen Träumen gewährt. Du musst mir sagen, was die Katze meint. Woher kennt ihr euch überhaupt?" "Ich sage dir jetzt, welchen Zugang ich DIR gewähre: nämlich den ich dein NEST. Es tut mir leid, Wellenpfote, aber dies ist mein Kampf, nicht deiner oder der des Clans. Geh schlafen." Wellenpfote blinzelte schläfrig, dann miaute sie: "Aber ich kann dir nicht glauben und das macht mir Angst. Irgendetwas ist auf unserem Territorium, nicht wahr? Wenn ich in mein Nest gehen, könnte es mich holen wie Nox oder Akazienpfote." "Dann schlaf hier." Obwohl mein Nest nicht sonderlich groß war, war ich selbst ja auch nicht, rückte ich so weit zur Seite, dass Wellenpfote ebenfalls Platz darin hatte. Behielt ich die blaue Schülerin bei mir, würde Geißel es nicht riskieren, mich heimlich zu besuchen. Und ich brauchte mehr Zeit.

    13
    Im Nachhinein wusste ich nicht mehr, ob Wellenpfotes furchtbares Geschnarche oder das Gebrüll der Vögel mich wachbekommen hatte, aber meine Stimmung
    Im Nachhinein wusste ich nicht mehr, ob Wellenpfotes furchtbares Geschnarche oder das Gebrüll der Vögel mich wachbekommen hatte, aber meine Stimmung war auf jeden Fall im Keller, als ob es beides gewesen wäre. Trotzdem würde ich Wellenpfote nicht selbst aufwecken, denn wenn ich Glück hatte, würde sie vergessen, was letzte Nacht geschehen war. Bitte, Wellenpfote, lass einfach die Augen zu und fall ins Koma, im SternenClan ist es sowieso besser als hier. Halt. Ich überlegte noch einen Moment und kam zu einem traurigen Entschluss: ÜBERALL war es besser als hier.
    Auf der Lichtung war bereits die Hölle los (haha) und Lynx und Chelsey rannten mich beinahe über den Haufen. "Morgen!" Chelsey strahlte, woraus ich schloss, dass sie die Neuigkeiten letzter Nacht noch nicht mitbekommen hatte. Ich hätte unbedingt vorsichtiger sein müssen, doch was sollte ich jetzt nur sagen? Ich kam nicht mehr um die Wahrheit herum. Solange diese Katzen noch halbwegs Verstand besaßen, würden sie mich dem BlutClan einfach freiwillig aushändigen. Nein, ich konnte das nicht, es wäre dort schlimmer als der Tod, auch wenn Geißel befahl, dass sie mich nicht berühren durften, dann würden sie eben mit Waffen schießen. Die Gedanken daran, mich wieder nicht wehren zu können wären schlimmer als die eigentlichen Schmerzen, die ich von Geißels Krallen oder Bonnys Dolch erhalten hatte. Bonny hatte recht: Ich war wirklich eine Verräterin, bereit jede der Katzen meines Clans zu opfern, nur damit ich das Verlassene Haus niemals betreten musste. SternenClan, wer von euch war bescheuert genug gewesen, zu glauben, ich wäre dafür stark genug? Aber es spielte keine Rolle mehr. Wellenpfote wird herausfinden, dass ich sie getäuscht habe, nur um den einzigen Kater, der dafür sorgte, dass die Schmerzen endeten, nicht gehen lassen zu müssen. Ich hatte sie mehr als nur getäuscht, das hier war ein einziges Opfer an Geißel gewesen.

    Ich ging zum Schülerbau, damit ich mich mit Schlangenpfote unterhalten konnte, ein Gespräch, das wir beide nicht wollten und - wem machte ich hier etwas vor? - ich als Versagerin war nicht in der Lage, ihr die Wahrheit zu erzählen. Schlangenpfote und Knöpfchen hatten gestern Nachtwache gehalten. Der Gestaltwandler kümmerte sich so und so nur um seinen eigenen Kram, selbst wenn er versuchte, etwas sozial Hilfreiches zu machen, sein Naturell kam ihm immer dazwischen. Schlangenpfote machte mir Angst. Im Wald der Finsternis lernte man nämlich zu schnell den Wert von Geheimnissen zu schätzen. Und wenn sie nicht bescheuert war, würde sie ihren Nutzen aus der Sache ziehen.

    Ich betrat den Bau. Die Sonne fiel so hinein, dass gerade nur eine Seite der Höhle beleuchtet wurde, in der Schlangenpfote, Carla, Blutpfote und Strauchpfote friedlich schlummerten. Schlangenpfotes Pfoten zuckten im Schlaf und sie lächelte, weil sie etwas erwischt hatte, das ihr das Überleben sichern konnte. Wer es immer noch nicht gecheckt hat, ich redete hier nicht von einem Traum.
    "Schlangenpfote.", zischte ich und stieß die hellbraune Schülerin etwas zu grob in die Seite. Die murmelte nur etwas von Laubrache, dass er sie doch gefälligst ausschlafen lassen solle und sie es hasste schon so früh am Morgen Jagd auf dumme Streuner machen zu müssen, da fiel mir etwas weit Beunruhigenderes auf. Das Blut, das von der im Schatten getränkten Seite des Baus bereits das Nest der schlafenden Blutpfote durchtränkt hatte und nun auch meine Pfoten erreichte. Erschrocken sog ich die Luft ein. Bitte, SternenClan, bitte mach dass sich jemand nur aufgekratzt hat. Ja klar, weil bei einem Kratzer auch der ganze Schülerbau mit Blut überflutet wurde.
    "Ist da jemand?", hauchte ich. Ein heiseres Röcheln war die Antwort. "Nein.", sagte eine Stimme am Eingang des Baus, sah mit entsetzt weit aufgerissenen Augen zwischen mir und dem Blut hin und her. Es war Wellenpfote. "Was hast du nur getan?", winselte sie unglücklich und legte sich hin, um ihre Gedanken zu ordnen. "Ich dachte, der BlutClan wäre die wahre Gefahr. Der SternenClan auch. Wieso hast du Carla umgebracht, du Monster?" Ihre Worte trafen mich sicherer und mit schlimmerer Wucht als jeder Pfeil oder Dolch. "Warum weißt du vom BlutClan?" Ich flüsterte, weil ich so Angst hatte, dass uns jemand draußen hören könnte. Sie werden mich verbannen. Riley wird mich bis zum Ende meines Lebens quälen. Ich werde danach in die Hölle zu Laubrache und Vogelstern müssen. Wie sollte ich das nur ertragen?
    Wellenpfote keuchte: "Der SternenClan hat mir im Traum alles verraten, Wildherz, besser gesagt eine Katze namens Habichtrose. Ihre einzige Bitte war, dich nicht schutzlos fortzuschicken, aber jetzt...du bist eine Mörderin, die zum BlutClan mit Leib und Seele gehört." "Das war ich nicht. Wellenpfote, du musst mir glauben! Ich habe mein Nest heute Nacht nicht verlassen!" "Wild...herz?", röchelte die Stimme aus dem Schatten. Carla, sie lebte noch und ich drückte die sterbende Kätzin eng an meine Brust. "Du darfst nicht gehen.", flüsterte ich ihr in das blutverschmierte Ohr, sodass ich nicht einmal sicher war, ob sie mich überhaupt hörte. Alles in mir verkrampfte sich. Wie lange würde es noch dauern, bis Wellenpfote entweder Lynx oder Wüstensee holte oder einer der anderen, lebenden Schüler aufwachte? Diese verlorene Katze war für mich mehr Verlust wie für alle anderen zusammen, trotzdem war ich auch ihre Mörderin...irgendwie. Wenigstens würde der Clan jetzt von Wellenpfote die Nachricht erhalten.

    "Carla.", flüsterte ich eindringlich. "Carla, bleib bei mir..." "Es geht nicht...tut mir leid, Wildherz..." "Sag mir, was passiert ist!" Wellenpfote war aufgestanden und hatte den Bau verlassen, um mein Leben zu zerstören, doch jetzt im Moment zählte nur die Schülerin, die in meinen Pfoten lag und mich zum Anlehnen brauchte, bis es vorbei war. "Tut sterben weh?" "Ja." "Mist." Sie zwang sich zu einem schwächlichen Lächeln, dann erstarrte sie. "Du musst Strauchpfote retten.", hauchte sie, ihr Körper krampfte sich das letzte Mal zusammen und es war alles meine Schuld. Ich war verwirrt. "Aber Strauchpfote geht es gut, Carla. Sie liegt in ihrem Nest und schläft." Ihre Augen verdunkelten sich, sie krächzte: "Wildherz, sie haben sie mitgenommen...das ist nicht Strauchpfote."

    Entsetzt starrte ich die Leiche einer zu jungen Schülerin an, fühlte ihren Geist, wie ihr den Körper verließ und meinte einen kurzen Moment die Umrisse eines schwarzen Katers namens Nox zu erkennen, der gekommen war, um seine Schwester auf ihrer letzten Reise zu begleiten. Draußen rührte sich etwas. Stimmen hallten durch das Lager, weil sie wissen wollten, ob es stimmte, dass ich Carla ermordet hatte. Ehrlich gesagt, ich wusste es selbst nicht. SternenClan, war ich an ihrem Tod ebenfalls Schuld? Wie viel Blut brauchte es noch an meinen Pfoten, damit ich in die Hölle zurückkehren musste?
    Dann drehte ich mich langsam um, denn ich hatte ein verdächtiges Knacken gehört, glotzte der grau-hellbraunen Kätzin, die wirklich große Ähnlichkeit mit Strauchpfote aufwies, direkt in die türkisen Augen. Strauchpfote hatte bernsteinfarbene.
    Wut kochte in mir und ließ mein Fell prickeln. "Sag mir deinen Namen, damit ich weiß, wessen Blut gleich an mir klebt. Ich bevorzuge Morde bei Katzen, von denen ich weiß, wie sie ihre Freunde nennen." Die fremde Kätzin neigte nachdenklich den Kopf zur Seite. "Geißel hat vielleicht Unrecht.", miaute sie. "Du könntest doch zu uns passen." Die Schüler räckelten sich im Schlaf, sodass die Fremde und ich beinahe zeitgleich zusammenzuckten. "Komm mit.", sagte sie. "Wohin?", knurrte ich, konnte den Blick nicht von ihrem Herzen nehmen. Wenn ich mich in ein hübsches, weißes Einhorn verwandelte... "Das weißt du schon. Ich bin übrigens Wieselherz." "Ich mag keine Wiesel." "Und ich mag es nicht, bestraft zu werden, nur weil deine Clan-Gefährten dich womöglich gleich töten." Der Wille zu fliehen war kaum noch zu unterdrücken, überall werde ich froh sein, nur nicht hier. "Bonus", fügte Wieselherz zu. "Wenn du dich bis heute Abend am klaren See befindest, lassen wir...wie hieß sie gleich...Strauchpfote leben. Geißel will dich wiedersehen." Nein, er wollte mich zu seinem Eigentum machen und ich kannte nur eine Art von Leben, das man als Lebewesen und Eigentum zugleich führen konnte. Wenn ich zum See ging, würde ich ein Sklave des BlutClans sein oder Schlimmeres. Aber Strauchpfote durfte nicht wegen mir sterben. Verzweiflung loderte in mir auf, drängte jeden anderen vernünftigen Gedanken zurück.
    Der Schatten einer Katze fiel in den Bau und ich war mir sicher, dass sie nicht zum Plaudern kam. "Bis bald.", säuselte Wieselherz, zwängte sich durch eine Ritze in den Felsen und zwar verschwunden.

    14
    Wüstensee starrte mich mit Tränen in den Augen an, dass es mir das Herz brach. "Wie konntest du nur? Wir haben gedacht, du wärst eine von uns.
    Wüstensee starrte mich mit Tränen in den Augen an, dass es mir das Herz brach. "Wie konntest du nur? Wir haben gedacht, du wärst eine von uns.", flüsterte sie kläglich. Verzweifelt versuchte ich ein letztes Mal meine Unschuld zu beweisen: "Wüstensee, ich bin eure Anführerin, deshalb KÖNNTE ich so etwas gar nicht tun. Wieselherz war es, Wieselherz vom BlutClan." Auch die weiteren Schüler erwachten, wobei Blutpfote beim Anblick (oder besonders beim Fühlen) ihres blutdurchtränkten Nestmateruals einfach in Ohnmacht fiel. Die nächsten Katzen drängten sich hinter Wüstensee, doch meine Stellvertreterin aus dem RabenClan ließ sie nicht durch, um die Situation wenigstens ein bisschen zu kontrollieren. "Wenn du so etwas tust.", knurrte sie. "Warum stehst du dann nicht einfach zu? Falls du denkst, irgendjemand wird dir glauben, dass der BlutClan überhaupt noch existiert, hättest du dir ein besseres Alibi überlegen müssen." Mir fiel kein anderer Ausweg mehr ein: Jaulend stieß ich Wüstensee und die verwirrten Katzen draußen zur Seite, bemerkte nur bruchstückhaft die Gesichter von Schmetterling, Knöpfchen, Wurzeljunges und Lynx, die genau wie ich nicht wussten, was sie nun glauben sollten. "Bleib stehen, Mörderin!", rief mir die sandfarbene Kätzin hinterher, doch ich dachte gar nicht daran, rannte um mein Leben, denn wenn sie mich fingen, dann war das mein Ende.
    Sie nahmen die Verfolgung auf, sie, der ganze MondClan, den ich organsiert und mit meinem Leben beschützt hatte, machte eine Verfolgungsjagd auf ihre Anführerin. Sie durften mich auf keinen Fall kriegen.

    Ich spürte Wüstensees und Knöpfchens Atem im Rücken und wusste im selben Moment, als ich fiel, dass ich von Anfang an keine Chance gehabt hatte, keine Chance gegen dieses Rennen oder mein Schicksal, keine Chance gegen die Wucht des Lebens hier draußen oder das Spiel mit der Liebe, das ich schon aus Prinzip verlieren musste. Mit Krallen scharf wie Dornenstacheln packte mich Knöpfchen bei den Schultern und drehte mich auf den Rücken, sodass wir uns direkt in die Augen sehen konnten. Sie funkelten vor Hass, vor Abscheu einer Katze gegenüber, die verantwortlich war für den Tod eines unschuldigen Schülers war. Das Schlimmste daran: Tief in meinem Herzen hörte ich die Stimme weinen, die da schon lebte, seitdem Bonny mich mit meinen Narben gekennzeichnet hatte: Warum? WARUM? Wieso hasst ihr mich alle? Ja, ich bin schuld, natürlich bin ich ein Freak und eine Mörderin und eine Verräterin, weshalb glotzt ihr so? Bringt es zu Ende, das, das Bonny hätte schon beenden müssen, tötet mich und nehmt mir endlich die Schmerzen! Der Verrat am Clan musste mit mir sterben.
    Um uns herum versammelten sich die Katzen und die Füchsin, immer noch mit respektvollem Abstand zu meinem Gegner und mir, ihrer Anführerin, die sie betrogen hatte, um selbst wieder Glück zu fühlen. Der Wald der Finsternis hatte mir gezeigt, was ich eh schon gewusst hatte: Ohne mich waren sie alle besser dran.
    Trotzdem hörte ich, wie sie redeten, und jedes ihrer Worte schien eine weitere Narbe tiefer als in meine Haut zu ritzen - nämlich in meine Seele, die von diesem ganzen Leid und der alltäglichen Verzweiflung so und so schon verstümmelt war wie ein totes Kaninchen, ein Kaninchen, das den Tod gefunden hatte, weil ein dummes Junges hatte spielen wollen. Oder mehrere dumme Junge.
    Lichtherz flüsterte: "Wellenpfote, du musst dich irren!" "Bist du dir sicher?", fragte auch Mini. "Wüstensee, sie ist unsere Anführerin...es kann nicht richtig sein, sie zu bestrafen!" "Ach ja?", knurrte Wüstensee, die als einzige den gefährlichen Mut besaß, sich neben Knöpfchen zu setzen und hasserfüllt auf mich herabzusehen. Ja, sie hasste mich und zwar weil ich ihr Hoffnung gemacht hatte. Hoffnung war eine Lüge, die man sich erzählte, um die Wahrheit erträglicher zu machen und die nur dazu führte, dass Leben früher endeten als sie sollten.
    "Was denkst du, soll ich bitte machen? Sie hat gemordet. Aber bevor wir dich verbannen, müssen wir alles erfahren, was du über den BlutClan weißt. Wer sind diese Teufel? Du kannst uns nichts mehr vormachen, der SternenClan hat ihr verraten, dass DU schuld bist, dass sie unsere Schüler töten!" "Es tut mir so leid.", wimmerte ich. "Ich habe das nie gewollt...du musst mir glauben. Ich wäre lieber selbst gestorben, als mit dem Wissen leben zu müssen, dass Carla, Nox und Akazienpfote wegen mir tot sind." Lynx jaulte vor Entsetzen und Verrat. "Mein Sohn...er auch noch? Tötet diese Mörderin, sie muss sterben, Wüstensee!" Es war eine Schande, als Verbrecherin vor dem Clan hingerichtet zu werden, es war noch schlimmer als ein Tod im Kampf, denn du starbst nicht wegen deiner Tapferkeit, sondern als Erinnerung daran, was Egoismus mit Katzen wie mir machte. Aber wenn ich jetzt starb...dann würde Strauchpfote mit mir gehen." Ich flehte Knöpfchen und Wüstensee an: "Bitte, ihr dürft mich noch nicht töten! Falls ich nicht rechtzeitig zum Treffpunkt komme, wird auch Strauchpfote gehen müssen und das kann ich mir nicht verzeihen. Lasst mich leben, wenigstens bis ich Strauchpfote da raus geholt habe!" Wüstensee verzog das Gesicht vor innerlichem Schmerz. "Schüler, stimmt es? Ist Strauchpfote ebenfalls weg?" Blutpfote seufzte. "Ich wünschte, ich könnte Nein sagen." Schlangenpfote schnaubte nur; da hatte sie doch extra so gut belauscht und jetzt würde sie gar keinen Vorteil aus meinem Fehler ziehen können.
    Auch Weinbauch mischte sich ein: "Wüstensee, Lynx, ich verstehe, dass ihr euch um den Clan Sorgen macht, dass wegen Wildherz vielleicht noch mehr ihr Leben verlieren müssen. Aber dann wäre es sinnlos, nicht wenigstens zu versuchen, Strauchpfote aus dem BlutClan zurückzuholen. Wir dürfen nicht noch mehr Katzen wegen ihr leiden lassen." Beschämt schloss ich die Augen, konnte den Anblick der trauernden Lynx und meiner entsetzten Clan-Gefährten nicht länger ertragen. Rauchvogel, warum hast du mein Leben verflucht? Yo, hier ist nicht Rauchvogel...aber...dafür Veilchenmond, du erinnerst dich, die verrückte Abspaltung deiner Seele, weil du kein Blut sehen kannst? Ich hasse dich. Verschwinde aus meinem Kopf. Keine Sorge, wir werden versuchen, das wieder gerade zu biegen. Für dich natürlich. Damit du nicht sterben musst oder so. Wäre nämlich schon ziemlich schade, dann bleibe ich als Geist bei deinem zerstörten Clan zurück. Hätte mir schon etwas Cooleres vorgestellt." Ach, keine Ahnung, bin doch nur eine zum Sterben verurteilte, ...aber VIELLEICHT HÄTTEST DU DARAN DENKEN SOLLEN, BEVOR IHR WELLENPFOTE SAGT, ICH WÜRDE ALLE TÖTEN WOLLEN! Also eigentlich haben wir nur gesagt, dass du den BlutClan auf eurem Territorium leben lässt, damit du mit Geißel zusammen sein kannst. Super. Wenn der SternenClan wirklich nur diesen Grad von notwendiger Intelligenz besaß, dann waren wir sowieso alle verloren. War es nicht Gelbzahn gewesen, die gesagt hatte, eine dumme Katze werde durch den Tod nicht klüger? Wenigstens eine, die die Wahrheit laut aussprach.

    Wüstensee überlegte, dann grunzte sie: "Verdammt, Weinbauch du hast recht. Wildherz. Ehrlich gesagt will ich dein dreckiges Blut gar nicht an meinen Pfoten haben, wer weiß welches schon alles an deinem klebt, und wir können es uns nicht leisten, unsere Schüler alle zu verlieren. Du kommst heute Nacht ins Lager und bringst uns Strauchpfote wieder, ansonsten..." "...werden wir dich solange jagen, bis du dir wünscht, tot zu sein.", schloss Lynx ohne mich irgendwie freundlicher anzusehen. "Endlich habe ich jemanden gefunden, den ich für seinen Tod verantwortlich machen kann, Wildherz. Du wirst verstehen, dass es nicht anders geht."

    15
    Wie ein verloren gegangener Schatten trieb ich durch den Wald, der noch vor wenigen Stunden mein Zuhause gewesen war, das Ziel, zu weit um es zu errei
    Wie ein verloren gegangener Schatten trieb ich durch den Wald, der noch vor wenigen Stunden mein Zuhause gewesen war, das Ziel, zu weit um es zu erreichen, eine Möglichkeit meinem Schicksal zu entgehen, nicht existierend. Bald werde ich den BlutClan treffen, das einzige, das meinen Gefährten glücklich machen konnte. War ich ihm nicht genug gewesen? Wäre Carla noch am Leben, wenn ich ihm mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte? Veilchenmond hatte zwar behauptet, dass sie mich retten würden, aber ich vertraute den Worten einer Katze nicht, die das letzte Mal so etwas gesagt hatte, als ich meine Narben erhielt. Egal, was ich versuchte, egal, wen ich um Hilfe bat, eines hatte mir mein Leben deutlich klar gemacht: Die einzige, die mich retten konnte, war ich selbst und wenn ich nicht stark genug war...tja...dann geschah eben mit mir was schon mit hundert gescheiterten Auserwählten geschehen war.
    "Meerschweinchen.", hauchte ich. "Bist du hier? Du hast mir versprochen, du wirst mich nie mehr alleine lassen. Du bist hier, nicht wahr?" Nur meine Einsamkeit antwortete in einer erdrückenden Stille. Verloren, verbannt, nur von einem Monster geliebt. Es war Zeit, dass ich an seine Seite zurückkehrte, denn sonst wollte mich niemand haben.
    Ich werde seine Waffe sein, den BlutClan stark machen, damit wenigstens er von uns beiden glücklich sein kann, aber ich wusste, dass ich das nicht tun konnte, ohne alles zu vernichten, dass mir außer ihm etwas bedeutete. "Meerschweinchen, sag doch etwas.", flüsterte ich. "Auch wenn du mich alleine lässt - ich will nicht zwischen Gefährten und Clan wählen müssen. DAS WAR SO NICHT ABGEMACHT!" Alles blieb ruhig. Das einzige, das in meinen Ohren widerhallte, mein Keuchen und das Winseln, das ich nicht länger unterdrücken konnte. Der SternenClan hatte mir eine Heimat versprochen und Gesichter, für die es sich lohnte aufzustehen, und er wird es genauso wenig halten wie damals, als Bonny mich fast umgebracht hätte.
    Die Sonne ging bereits unter. Es war Zeit, mich meinen Dämonen zu stellen, in welcher Form auch immer sie kommen werden, sie werden da sein und mich kämpfen sehen wollen. Nur stand außer Frage, wer dieses Duell gewinnen würde.

    Ganz ruhig lag da der klare See, dessen silbrige Oberfläche die Akazien auf seiner anderen Seite, der des LaubClans, widerspiegelte. Er würde der einzige Zuschauer bei meinem Kampf sein, selbst, wenn kein Tropfen Blut ihn verfärbte. Dieser Kampf musste anders sein.
    Bis jetzt war sie mir noch nicht aufgefallen, aber nun stach sie so sehr ins Auge, dass ich gar nicht mehr von der schwarz-langhaarigen Kätzin mit den grauen Pfoten wegblicken konnte. Eine Kette aus Schilf mit Glasscherben in allen Formen, Federn und Metallstückchen trug sie, das Gesicht nachdenklich der Wasseroberfläche zugeneigt, denn sie saß am Ufer. Sollte ich sie ansprechen? Nah, lieber wegrennen und für immer von den Katzen gejagt werden, bis ich sterben wollte. Oder so. Verdammt. "Ich bin hier.", flüsterte ich und wusste nicht wieso, weil ich mich doch gar nicht verstecken konnte.
    "Ich auch.", krächzte die dunkle Kätzin ohne mich wirklich wahrzunehmen. "Ich bin außerdem die einzige, die geglaubt hat, dass du kommen wirst. Nicht einmal Geißel war sich sicher." "Warum bist du alleine hier?", verlangte ich zu wissen und fasste irgendwoher den Mut, mich neben sie zu setzen und mit ins Wasser zu starren.
    Fuchtbare Bilder trübten meine Sinne. Da waren Katzen, Wölfe, Füchse und so viele andere Wesen, aber tot waren sie alle. So viel vergossenes Blut. So unendlich viel Leid, das ich selbst für mein Glück nicht opfern konnte. Ich flüsterte entsetzt: "Wieso sehen wir das?" "Ich habe mir von Dunkelstreif gewünscht, in jedem Wasser der Welt meinen innigsten Wunsch zu sehen." Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen. "Was hast du bezahlt?" "Die Fähigkeit für Liebe." Die Augen der Fremden zeigten keine Regung, während sie leise lächelnd das Blut betrachtete. "Du willst Strauchpfote zurück, ja? Und Geißel will dich. Falls du es noch nicht begriffen hast, Süße: Das ist ein Tauschhandel."
    Ich schluckte schwer. Wenn ich ihnen die Schülerin nicht zurückgab, wäre mein Leben auch als freies nicht lebenswert. "Versprichst du mir, dass ihr Strauchpfote gehen lasst, falls ich mitkomme?" "Kindchen." Die Kätzin schmunzelte und entblößte dabei eine gewaltige Narbe an ihrer Lippe, die sie etwas seltsam sprechen ließ. "Gar nichts verspreche ich, aber du kannst dir sicher sein, dass die Chancen wesentlich höher sein werden, als wenn du sie erneut verrätst. Verrat am Clan ist schlimm, Wildherz, Verrat an dir selbst dagegen wird dich ins Grab bringen." Trostlosigkeit stand meinem Spiegelbild ins Gesicht geschrieben, das da saß und wartete, damit ich es zu Ende brachte.
    Aber mein Spiegelbild war nicht alleine, denn plötzlich erschienen zwei Schatten von Katzen, die gar nicht da waren, wie ich entsetzt bemerkte, als ich mich umdrehte, um zu sehen, wer mir so nahe gekommen war. "Weißt du was? Meine Zeit ist knapp." Die zwei Schatten umschwirrten mein wässriges Ich wie tödlicher Nebel, obwohl sie doch eigentlich nicht existierten, drängten sie mir die Luft ab. Die Kätzin sagte: "Fürchte dich nicht vor den wirklich existierenden Dingen, Wildherz, deine eigenen Dänonen sind deine schlimmsten Feinde, nicht wir." Ich versuchte, einen Schritt zurückzuweichen, um die Schatten nicht mehr sehen zu müssen, doch ich konnte nur gebannt in den See starren. "Das geht nicht. Es ist physikalisch nicht möglich!", erwiderte ich. "Und trotzdem könnte ich ihnen sagen, sie sollen dich erlösen." "Geißel hat gesagt, ihr dürft mich nicht töten. Er hat mir versprochen, dass ich leben werde. " "Na ja..." Ein giftiges Grinsen umspielte ihe vernarbten Mundwinkel und sie genoss jeden Augenblick ihrer Macht über mich. "Wenn ich es jetzt tue, wird er es nie erfahren und dein ganzer Clan wird unter seiner Rache erzittern. Was bietest du mir für dein Leben?" Wie Eis fühlten sich die Schatten an, obwohl sie nur in unseren verrückten Köpfen existierten. "Alles.", flüsterte ich. "Was denn?" Mein eigenes entsetztes Spiegelbild war durch die Dunkelheit fast vollständig verdeckt, während ich spürte, wie mein Herz begann langsamer zu schlagen, mein Körper den Kampf gegen den Geist endgültig verlor.

    Nach dem Gesetz der Krieger war es meine Pflicht, immer loyal zu bleiben, selbst wenn es mein Leben kostete, aber unter diesen Umständen gelang es mir nicht mehr wie eine Kriegerin zu denken, sondern nur noch wie eine verängstigte Kätzin. Was konnte ich ihr anbieten, dass ich den nächsten Tag erleben durfte? Was war reizvoll genug, dass es den Wert meines Lebens überstieg? "Du bist ein Geist, nicht wahr? Deshalb beherrscht du Voodoo." Ich keuchte unter der Anstrenung, Sätze zu bilden, während ihre Schatten alles versuchten, um meine Seele vollständig einzunehmen. Nein, ich durfte ihren Stimmen auf keinen Fall nachgeben. Nein.
    Die dunkle Kätzin blinzelte. "Ich spüre, dass du Gedanken hast, die ich gerne in dir hätte. Sag es doch einfach laut: Was wirst du mir geben?" "Nein.." Einen kurzen Moment war wieder die Anführerin in mir, eine noble Katze, die nicht zulassen durfte, dass ich Verrat beging, um meine eigene Haut zu retten, doch sie hatte keine Chance gegen die Stimme der Panik, die mich niederbrüllte.
    "SAG ES MIR, ODER GEH FÜR IMMER.", zischte sie und peitschte zornig mit dem Schweif. "Muss ich dir erst beweisen, wie mächtig ich bin?" Einer der Schatten kicherte, dann fuhr er mir meinem Spiegelbild mit den Schattenkrallen über die Stirn.
    Stöhnend spürte ich das Blut, das mir aus einem Kratzer über mein Gesicht rann. Das durfte nicht sein. Dieser Kampf war unfair, wenn ich mich nicht bewegen durfte, also würde ich sterben. Es sei denn...ich hatte von Anfang an keine Wahl gehabt.
    "Wenn du mich leben lässt...du darfst meinen Körper nutzen, um auch ohne Voodoo zu töten."

    Augenblicklich verschwanden die Schatten, denn mit diesem Angebot hatte selbst eine Bestie wie sie nicht gerechnet. "Echt jetzt?", krächzte sie heiser. "Wow...ich wäre eine der mächtigsten Katzen der Wälder, weißt du? Das ist...schon ziemlich cool." Wie fühlte man sich, wenn man gerade einer Voodoo-Spinnerin angeboten hatte, mich von ihr besessen zu machen, wann immer sie nur Bock drauf hatte, geschweige denn von der Tatsache, dass ich wusste, dass ich meine Seele an gewissenlose Streuner verkauft hatte? Eigentlich ging's sogar. Oh, sorry, hatte gerade "es gibt da ein gruseliges Haus, in dem du schlafen musst" und "eine blutrünstige Streunerin ist in der Lage, dich jederzeit zu manipulieren" verwechselt. Eigentlich hatte ich gerade große Lust zu sterben.
    Wie ein gekauftes Pferd auf dem Markt begutachtete mich diese Pyschopathin, umkreiste mich, hob meinen Schweif an, nahm einen Stock und haute mir schlichtweg auf den Kopf. "Au!" "Hört sich lebendig an." Zufrieden nickend setzte sie sich wieder. "Deal. Für dich dumm gelaufen, aber dafür kann ich ab jetzt wieder richtig töten. Darf ich dich meinen Freunden vorstellen?" "Nein." "Cool, dann los."

    16
    Das Verlassene Haus war gar nicht so weit weg, wie ich es mir gewünscht hatte, doch gerettet hätte es mich auch nicht. "Ich kann nicht." W
    Das Verlassene Haus war gar nicht so weit weg, wie ich es mir gewünscht hatte, doch gerettet hätte es mich auch nicht. "Ich kann nicht." Wie Wurzeln gruben sich meine Krallen in die Erde, als wollten mich unsichtbare Geister davon abhalten, den letzten Schritt zu wagen. Ganz langsam drehte sich die Fremde zu mir um, das Haus hinter ihr wie ein Monster, das drohte, alles, was mir etwas bedeutete, zu vernichten. Verrückt, wie viele Gemeinsamkeiten ich doch mit einem zerstörten Bauwerk besaß. "Du hast mir deine Seele versprochen.", stieß sie knurrend hervor. "Ich könnte auch deinen Körper einnehmen, dich einmal ertränken und dann ins Haus schicken, wenn dir das angenehmer ist." Traurig senkte ich den Blick, nur um ihren lodernden Augen zu entgehen. "Du hast dich auf einen dummen Pakt eingelassen, Katze des BlutClans, meine Seele ist keine Maus wert." Doch sie gluckste nur. "Warte, bis ich mit dir fertig bin, DANN wirst du die wertvollste Katze der fünf Clans sein. Ich kann dich bedeutender als jeden Diamanten machen, Gestaltwandler, auch wenn du es mir nicht glaubst."
    Zusammen betraten wir das Verlassene Haus, das auf der gewaltigen Lichtung wie ein Falke auf seine zitternde Beute wartete, in diesem Fall ich. Katze lief nicht in den aufgerissenen Schnabel ihres Jägers, irre Gestaltwandlerin mit Depressionen schon.
    Die Tür war nur angelehnt, ließ sich ganz leicht zur Seite drücken, sodass sich ein schwarz gestrichener Flur mit den Familienbildern von lachenden Menschen vor uns erstreckte. Sie alle waren noch schwarz-weiß, daraus schloss ich, dass das Haus wirklich verlassen war und die teils zu Staub zerbröselten Rosen in den ausgeblichenen violetten Vasen, die auf dunklen Holzmöbeln an den Wänden entlangthronten, machten nur allzu deutlich, wie sehr dieser Ort Monstern wie dem BlutClan gefallen musste. Vielleicht war ich doch kein gewissenloses Biest, denn das einzige in mir, dass bei diesem horrorfilmgleichem Anblick schneller schlug waren meine Lider, um sich zu überzeugen, dass ich noch wach und möglichst lebendig war. Am Ende des toten Flurs führte eine schmale, hölzerne, ziemlich zerstörte Treppe nach oben, der ab und zu zwei Stufel fehlten, fast als wolle sie, dass wir in den Tod stürzten. Die zwei anderen Türen die in die Zimmer dieses Geschosses führten waren zu meiner Erleichterung mit gold-verrosteten Schlössern, die älter als jede meiner Krallen waren, versperrt.
    "Lass mich dich in dein Verderben führen.", schlug meine wilde Begleiterin vor und machte einen löwengleichen Satz auf die dritte, leider anwesende und nur halb geschrottete Stufe der Todestreppe, welche mich anlächelte, wie eine gewaltige, böse Zahnlücke mit sehr bösen Absichten. "Danke, passe." "Ich kann dich natürlich auch aus Versehen die Treppe hinunterfallen lassen." Ich konterte: "Also theoretisch ist es mir erlaubt, Selbstmord zu begehen? Cool. Zählt das dann als Entführung meinerselbst?" "Wenn du willst, dass Geißel mich umbringt, dann sorge ich persönlich dafür, dass der BlutClan es so nennt, ja." Ich wollte schon gerade in den Abgrund hinunterspringen, als die Wilde mich am Fell packte und wieder zurückriss. "Dein Pech, dass ich gut auf mein Eigentum achtgebe!", zischte sie erbost. Toll, offiziell gehörte ich jetzt einem Serienmörder und einer alten Voodoo-Hexe, die glaubte, Suizid war mit Entführung seinerselbst gleichzusetzen. War es gut oder schlecht, dass ich nun ernsthaft darüber nachdachte?
    "Geh.", knurrte meine dumme Voodoo-Hexe und weil ich ihr den Gefallen endlich zu sterben nicht tun wollte, kroch ich ängstlich die Treppe hinauf, möglichst ohne in die todbringenden Löcher von ihr hinabzusehen. Oben war selbstverständlich ein weiterer, sehr beängstigender Flur, von dem allerdings nur eine schwarz gestrichene Tür aus Birkenholz ganz am Ende abging. Birke war mein neues Hassholz.
    "Darf ich tot sein?", fragte ich. "Stirb doch, dann gehen deine Schülerinnen mit dir." "Du meintest Schülerin." 'Ich weiß schon, was ich meine, immerhin habe ich ein Gehirn." Jetzt war ich nicht nur Eigentum einer Bande verrückt gewordener Streuner, sondern durfte nicht einmal mehr ein Gehirn haben.
    Zaghaft drückte ich die Tür zurück und erstarrte. "Ich kann das nicht.", hauchte ich, hinter der Tür war alles ruhig, außer einem leisen stetigen Weinen von jemandem, für die ich diese beschissene Tür aufmachen musste.
    Die Wilde war genervt. "Aus dir kann ich noch nicht einmal den Wert von einem Stein machen, wenn du die Tür nicht aufkriegst." "Vielleicht will ich ja gar kein Diamant sein?", schlug ich hoffnungsvoll vor. "Wie wäre es mit einer freien Katze, die jetzt gehen darf, um noch ein wenig länger zu leben?" Meine Voodoo-Herrin sagte nichts, sondern stieß die Tür so kräftig auf, dass ich Mitleid für mein neuestes Hassholz empfand.
    Zig Katzen betrachteten mich aus gierig funkelnden Augen, in der Mitte des Raumes, alle in respektvollem Abstand, lagen zwei tief niedergekauerte Gestalten: Strauchpfote...und eine schwer verletzte Akazienpfote, deren Gesicht ich nicht erkennen konnte, weil sie es verzweifelt schluchzend zwischen ihren blutbefleckten Pfoten verbarg. Ihr fehlten mehrere Krallen, aber die Tatsache, dass sie hier, lebendig und ich verloren war, ließen mein Herz schneller schlagen.
    Ich war so von meinen tödlich verwundeten Schülerinnen abgelenkt gewesen, dass ich den dunklen Kater, welcher mir gegenüber auf dem Fenstersims hockte und sie alle überthronte, fast zu spät bemerkt hatte. Die Wilde war begeistert und stürzte zu den Pfoten ihres Anführers ohne auf das schmerzerfüllte Quiecken zu achten, als sie in ihrer Aufregung Strauchpfote niedertrampelte. "Ich habe SIE!", keuchte Frau Hexe. "Ihr habt mir alle nicht geglaubt, dass ich das schaffe, aber ICH habe sie entführt, nicht Wieselherz oder Riley, ich habe sie endgültig vom MONDCLAN getrennt!"
    Geißel warf nur einen Blick auf mich, dann fuhr er zornig in die Höhe: "SIE GEHÖRT DIR NICHT, MERIDA!" Die Augen von der dummen Merida funkelten. "Wer's zuerst findet, darf's behalten..." Doch Geißel war bereits richtig sauer und sprang vom Sims hinab, sodass er und Merida sich direkt gegenüber standen, während die Katzen um sie herum verzweifelt auf einen dramatischen Tod hofften. "Du weißt, was ich mit Katzen mache, die mir meine Beute wegnehmen.", fauchte er.

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    Unter anderen Umständen in einer anderen Zeit hätte Hexen-Merida so etwas nicht einmal tot gewagt, doch diese Macht, die sie über mich und meinen K
    Unter anderen Umständen in einer anderen Zeit hätte Hexen-Merida so etwas nicht einmal tot gewagt, doch diese Macht, die sie über mich und meinen Körper ausübte, war mehr als nur berauschend, sondern ihre neue Lieblingsdroge. "Tu es.", miaute sie. "Aber dann ertrag die Kosequenzen und kämpf gefälligst gegen deine Gefährtin!" "Ich halte mein Wort.", knurrte Geißel mit gebleckten Zähnen, an denen Blut von daswollteichgar nichterstwissen hing. "Du denkst, ich fürchte mich, weil du jemanden beeinflussen kannst, den ich liebe? Ja, vermutlich stimmt das sogar, sonst hätte ich sie nie hierhergeholt. Hier kann ich sie beschützen, dafür sorgen, dass die einzige Katze, die jemals wieder ihr Fell berührt, ich sein werde. Wenn du mir deine Fähigkeit, ihren Körper zu besetzen, nicht sofort abtrittst, wird es allerdings Folgen haben. ICH bin der einzige, der so etwas tun darf, vergessen, Merida?" Jetzt schien die schwarze Kätzin verängstigt, so sehr sie es auch verzweifelt versuchte, es zu verstecken. "Du kannst mir nichts tun. Der BlutClan braucht mich, nicht wahr? Wer sonst soll sich bitte um die Verwundeten oder die Jüngeren kümmern, wenn ihre Eltern gerade nicht da sind? Du würdest sie doch glatt den Füchsen zum Fraß überlassen!" Einige der beobachtenden Katzen, vermutlich die Älteren mit Jungen oder unerfahrenen Schülern, wechselten verunsichrte Blicke, drückten ihre Kinder fast unmerklich näher an sich. Normalerweise hätten diese gebissen, gekratzt oder getreten, jetzt warteten sie nur ängstlich auf die Reaktion des Katers, den sie Anführer nannten.
    "Gib mir deine Macht, dann lass ich dich deine Ehre behalten." Nun senkte Merida den Kopf, vermutlich sogar dankbar, dass sie keinen Ausweg mehr aus diesem Kampf ohne Krallen fand. Es war kein Geheimnis, wie stark und gefährlich Geißel im Kampf war, so wollten nicht einmal seine Freunde im Weg stehen, wenn es zu seinen Techniken kam.

    Er schlug der dunklen Katze, die mich vor wenigen Minuten fast erstickt hätte, so kräftig auf den Kopf, dass diese mit der Nase grob auf dem Dielenboden auftraf, kleine Blutspritzer seine Pfoten daraufhin befleckten. Aber es machte gar keinen Unterschied: Die waren eh schon so rot wie Rosen.
    Dann wandte er sich mir zu mit einem Ausdruck in den Augen, der jeden Zweifel an wahnsinniger Habgier ausräumte. "Leg dich hin.", befahl er, seine Stimme kälter als Eis. Während er sich langsam auf mich zu bewegte, seine Ohren zuckten bei jeder meiner Bewegungen, wie als ob er auf der Jagd wäre, wichen die Katzen zurück, damit es bloß nicht sie waren, die jemals diese Aufmerksamkeit von ihm bekamen. Niemand würde mich hier beschützen. Sollte ich fliehen oder versuchen, einen Kampf zu beginnen, bei dem ich möglichst nicht verblutet, aus dem Fenster geworfen, aufgeschlitzt oder erdrosselt enden würde?
    Aber es gab ein Problem: Wenn dieser Kater stark genug war, dich mühelos umzubringen, trotzdem dein Herz schneller schlagen lassen konnte, wann immer er nur wollte und er dich betrachtete wie ein Tiger sein Reh, dann machtest du dich gefälligst so klein, wie es nur ging. Zitternd und mit aufgerissenen Augen kauerte ich mich nieder, konnte ihm einfach nicht in die Augen sehen, als er vor mir stehen blieb, sondern betrachtete seine blutdurchtränkten Pfoten.
    "Ich will hier einige Regeln klar stellen." Sofort verstummten auch die Gestalten ganz tief im Schatten, um bloß keine Hundekrallen in ihre Kehlen abzubekommen. "Zuerst einmal die allerwichtigste Regel Numero Eins: Wildherz ist Lava. Wer Wildherz anfasst, es ist mir total egal, ob es ein Versehen, ein Mordanschlag oder ein dummes, verspieltes Junges ist, dem reiße ich jeder seiner Krallen einzeln aus, lasse ihn öffentlich hinrichten, werfe ihn in den See und schau dann mit ihr zusammen zu, wie sein Körper in seine Einzelteile zerfällt. Tut es einfach nicht, dann komme ich nicht in Versuchung." Die Augen der BlutClan-Streuner verengten sich zu verärgerten Schlitzen, doch sie schwiegen, um ihrer Krallen Willen. "Numero Deux: Wenn ich mitbekomme, dass jemand sie auch nur anspricht, fliegt diese Katze in so Weitem Bogen hier raus, das sie den Weg zurück sicher nicht mehr finden wird. " Jetzt war es Riley zu viel, die einen energischen Satz auf uns zu machte und mich grob in die Schulter stieß. "Hör auf damit! So funktioniert das hier nicht! Du hast gesagt, wir teilen uns das Spielzeug, die Beute gehört uns allen; diese Katze ist alleine von ihren Fähigkeiten her unbezahlbar. Ich habe ein Anrecht auf sie!" "NIEMAND HAT HIER EIN ANRECHT AUF AUCH NUR EINE IHRER KRALLEN!" Sogar Riley wich vor Schreck zurück, denn Geißel hatte noch nicht einmal gebrüllt, als ihm aufgefallen war, dass Tigerstern versucht hatte, ihn als Junges umzubringen. Er knurrte dumpf: "Fasst sie nicht an. Tötet sie nicht. Sprecht nicht mit ihr. Ihr werdet alle respektvollen Abstand halten, nur ICH nähere mich ihr... tut etwas anderes und ich verteidige mein Eigentum." "Ich bin nicht dein Eigentum!", fauchte ich, doch Geißel strich mir eine Strähne aus der Stirn, nur um zu zeigen, wie sehr ich mich irrte. Er lächelte süffisant. "Sicher?" Warum senkte ich den Kopf? "Nein." Sein besitzergreifender Blick immer noch auf mir ruhend, genauso wie seine scharfen Hundekrallen, die nebenbei wirklich weh taten und schlimme Erinnerungen weckten, sagte er laut und deutlich: "BlutClan, hiermit erhebe ich Anspruch auf diese schwarze Kätzin zu meinen Pfoten. Ich habe sie besiegt; unser Gesetz besagt, dass ihr Leben nun deshalb mir gehört, so wie Akazienpfotes Seele Riley und Strauchpfotes Schicksal Wieselherz. Wildherz, ab jetzt giltst du nicht mehr als vollwertige Katze, dass das klar ist. Strauchpfote, Akazienpfote ihr seid jetzt übrigens auch Sklaven und wenn du jemanden töten willst, Riley, dann bring Akazienpfote um, nicht meine Beute." Ok. DAS ging zu weit. Die Katzen des BlutClans schnappten empört nach Luft, als ich Geißels Pfote von meiner Stirn wegstieß und aufsprang. "Du bist ein Lügner, wenn du behauptest, mich jemals besiegt zu haben! Mein Leben gehört immer noch MIR, ich habe mir meine Freiheit im Gegensatz zu dir nänlich verdient. Du willst mir erzählen, was für ein loyaler Anführer und großartiger Krieger du bist? Na dann, pass mal auf: Es ist KEINE Kunst wehrlose Jungkatzen zu entführen und mich anschließend damit zu erpressen. Sogar Tigerstern hatte mehr Stil!" Merida keuchte. "Das hat sie nicht gesagt!" Riley schmunzelte nur und entfernte ein Stück Fleisch mit ihrer Kralle von den Zähnen. "Oh, doch."
    Für einen kurzen Moment sah ich tatsächlich Angst in seinen Augen, es war als könnte ich seine Gedanken hören: Ich habe mein Leben, meine Autorität, diesen Clan und meine Streuner riskiert, um dich endlich hierherzubekommen. Einer deiner Schüler musste dafür sterben, wenn ich mich recht erinnere. Was zur Hölle muss ich noch tun, damit du bei mir bleibst?
    "Ich habe dich getötet.", zischte er, doch seine Mimik und seine Gestik erzählten etwas ganz anderes: Ich will nicht gegen dich kämpfen. Nicht schon wieder.

    "Tu es nicht.", röchelte Strauchpfote, deren braune Brust eine wulstige, immer noch blutende Narbe zierte. Akazienpfote neben ihr wimmerte nur leise erneut. Dann hob sie den Kopf und ich dachte wirklich, mein Herz blieb stehen, denn statt Augen waren da nur blutige Striemen, die von mehr Leid erzählten, als jede einzelne meiner erkämpften Narben. So etwas hatte kein Lebewesen auf der Welt verdient und wenn ich dem SternenClan und seinen Werten wenigstens noch einmal treu bleiben wollte, dann war jetzt mein letzter Zeitpunkt gekommen: "Du hast meine Schülerinnen gefoltert und verstümmelt, wie es nicht der grausamste Köter auf der ganzen Welt bewerkstelligen kann. Du willst wissen, was ich von dir denke? Was der BlutClan in meinen Augen ist?" Knurrend kauerte sich Riley nieder, während Merida, Wieselherz, Freddy und noch eine weitere Menge Katzen die Zähne bleckte. "Ehrlich gesagt gibt es gar kein Wort für so etwas, weil die Welt noch nie so etwas sehen musste.", fuhr ich fort. "Aber, Geißel, was denkst du, soll ich nun tun?" Seine Antwort war kaum mehr als ein Lufthauch, doch die Angst in seinen Augen, in all seinen Bewegungen ließ meine Konzentration schwanken wie einen verwundeten Hasen. "Du wirst diesen Clan nie wieder verlassen, wenn du das wissen willst. Ja, ich bin ein Mörder, der seinen Spaß am Blut vergießen hat, ja, wie wir alle. Und eines Tages..." War das jetzt Hoffnung oder nur ein furchtbarer Alptraum? "...wirst du dazugehören." "Nein!", fauchte ich. "Lieber sterbe ich als vor meinen eigenen Schülern zur Sklavin gemacht zu werden, denn - weißt du was?- wenigstens einer von uns wird in den Himmel kommen. Ich habe alles getan, damit du das sein darfst, meine Clan-Gefährten habe ich für diesen Wunsch geopfert, doch das ist dir nicht genug. Soll ich weitermachen? Du warst nämlich nie für mich da. NIE. Kein. Einziges. Mal." Geißel wurde immer nervöser, denn ich drängte ihn zu einer Entscheidung, die ihm noch mehr Angst machte, als mich endgültig zu verlieren. "Das ist nicht der richtige Zeitpunkt.", erwiderte er knurrend ohne es zu wagen, seinen Streunern ins Gesicht zu sehen. "Du willst einen Kampf, aber ich werde ihn dir nicht geben."
    Tränen funkelten in meinen Augen, als ich antwortete: "Das weiß ich. Und deshalb muss ich dich zwingen. Lass Akazienpfote, Strauchpfote und mich gehen oder kämpfe..." Ich konnte es einfach nicht aussprechen, doch irgendwie rang ich mich dennoch dazu durch. "...um dein...SternenClan, hilf mir...Eigentum."
    Es ist deine Schuld, schrien die Tränen in seinen Augen, die er so versuchte vor seinem Clan zu verstecken, dann machte er einen gepardengleichen Satz direkt auf meine Brust zu.
    Ich wollte schnell noch ausweichen, aber der schwarze Kater erwischte mich mit seinen Krallen leicht an der Schulter, sodass ich defintiv zu schnell atmend zur Seite stolperte. Die Katzen des BlutClans feuerten ihren Anführer an wie eine gewaltige dunkle Masse bestehend aus johlenden Schatten wie die aus dem Wasser.
    "Wildherz, vorsicht!", schrie Strauchpfote und Akazienpfote würde wohl vor Schreck blinzeln, wenn sie nicht bereits ihre Augen verloren hätte. Mein Herz raste, als Geißel mich in den Rücken stieß und ich gerade noch so mein Gleichgewicht wiederfinden konnte, bevor ich fiel. Nein, gegen Geißel hatte ich auch diesmal keine Chance, ich musste es beenden, wenn ich überleben wollte, um die beiden Schülerinnen wenigstens ein bisschen zu schützen. Es war traurig und ich fühlte mich machtlos...aber ich musste mich wie eine Sklavin verhalten, damit Geißel diesen Kampf für gewonnen erklären konnte ohne dass es Tote gab.
    Er schubste mich endgültig zu Boden und wollte mich auf den Rücken drehen, um eine bessere Angriffposition zu haben, doch das tat ich bereits frewillig. Erneut begannen die Katzen zu flüstern und ich winselte so unterwürfig wie ich nur konnte: "Ich will nicht mehr kämpfen. Ich ergebe mich." Auch wenn Geißel bewusst nicht zu fest zugeschlagen hatte, trotzdem machten sich die blutigen Schrammen an meinem Rücken nun bemerkbar, sodass ich mich auf die Seite drehte, um nicht noch mehr Schmerzen erleiden zu müssen. Seine Hundekrallen-Pfoten ruhten immer noch auf meinen Schultern, ein sicheres Zeichen für Überlegenheit, was die BlutClan-Katzen zufrieden zur Kenntnis nahmen, meine Schülerinnen dagegen senkten hoffnungslos den Kopf. "Wenn ich dich leben lasse, wirst du deine Position als meine Sklavin akzeptieren?" "Ja.", hauchte ich erschöpft und krümmte mich zusamnen, als sich seine Krallen in mein Fell gruben. Das wäre echt nicht nötig gewesen, aber er tat es, weil er sauer war, immerhin hatte er mich fast töten müssen.
    Langsam fuhr er mir mit den Krallen seiner anderen Pfote über den Nacken wieder zu meiner Stirn, dann stoppte er. "BlutClan, hiermit erhebe ich Anspruch auf diese schwarze Kätzin zu meinen Pfoten." Endlich ließ er von mir ab, sodass ich mich etwas taumelnd wieder aufrütteln konnte und mich sofort an seine Schulter stützen musste, um nicht gleich wieder umzufallen. Sein Schweif wickelte sich behutsam um meinen, damit er mich besser zu dem kleinen Loch in der Wand führen konnte, hinter dem anscheind seine Kanmer lag, vorbei an Akazienpfote und Strauchpfote.
    "Du hast dich gut geschlagen.", flüsterte er mir sehr leise zu und ich brachte ein zaghaftes Lächeln zustande. "Danke. Erinnere mich daran, dass wir uns nie wieder umbringen wollen, Deal?" "Yo. Leg dich erst einmal hin. Dort drinnen wird uns niemand stören."

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    Die Kammer...es war einfach unglaublich. Ein schwarzes Seidenkissen befand sich an der hinteren Wand, Rosen schmückten es und den Boden, der mit weic
    Die Kammer...es war einfach unglaublich. Ein schwarzes Seidenkissen befand sich an der hinteren Wand, Rosen schmückten es und den Boden, der mit weichen Decken und Plüschtieren ausgelegt war, die Geißel von waswasich wohl her hatte. "Gefällt es dir?" Irgendwie fand ich es ganz süß, dass ihn ein Blutbad nicht unsicher machen konnte, meine Meinung dagegen schon. Ich strahlte. "Es ist...es ist einfach so wunderschön! Das habe ich nicht verdient, Geißel." "Kätzchen, auch wenn du meinem Befehl untergeordnet bist, will ich, dass du wie eine Königin lebst. Meine Gefährtin verdient nur das Beste.", sagte er und holte hinter einem Plüschschwan ein zierliches, dunkelblau glitzerndes Halsband mit einem schwarzen Herzanhänger hervor. Bis jetzt war mir der Spiegel mit den schicken Lichtern am Rand noch nicht aufgefallen, der an der Wand links von uns lehnte, doch eins musste ich ihm lassen, als er mich mit dem Halsband zwischen den Zähnen dorthin führte: Er wusste, wie man Kätzinnen glücklich machte.
    Umgeben von Rosen, Plüschtieren und Kissen betrachtete ich unser Spiegelbild, versuchte zu ignorieren, dass ich aussah wie eine Katastrophe. "Darf ich?", fragte er. Ich nickte zaghaft, was auch immer er wollte. Vorsichtig legte er das Halsband ab, um mein Fell zu richten und das Blut zu entfernen, dann sah ich erneut in den Spiegel. Die Narben an meinen Ohren, meinem Bauch würden mich für immer daran erinnern, dass ich Fehler begangen hatte, aber hier in diesem Moment mit ihm an meiner Seite fand ich mich tatsächlich schön. "Schau dich an.", flüsterte er. "Sieh dich an und sag mir, dass das nicht willst, dass das ewig so bleibt." Sprachlos schüttelte ich den Kopf. "Geißel, ich...", versuchte ich meine Gedanken in Worte zu formen. "...ich bin nicht schön oder mutig. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen Kampf gewonnen, weil ich eben nicht kämpfen kann. Siehst du meine Narben nicht? Es hat einen Grund, dass ich sie mit mir tragen muss. Was auch immer du da im Spiegel siehst...das bin ich nicht."
    "Ok." Er atmete tief ein, um seine Nerven zu beruhigen, wobei es ihm nicht gelang, seine Schultern vom Zittern abzuhalten. "Sag mir, was du siehst, wenn du dir im Spiegel begegnest."
    "Hmm..." Traurig lächelnd betrachtete ich die felllosen Stellen, die mich nachts immer daran erinnerten, dass ich noch nie auch nur einen Kampf für mich hatte entscheiden können. Und das sagte ich auch: "Du willst es wirklich wissen, oder? Na gut. Da ist eine verlorene Katze, die schon seit Monden nicht mehr alleine auf ihren Pfoten stehen kann. Sie hat Angst vor ihrer Vergangenheit, Angst vor der Gegenwart und weiß, dass sie die Zukunft sowieso nicht mehr erleben wird. Sie weiß auch, dass sie gar nicht anders kann als zu verlieren, weil man ihr nie das Kämpfen beigebracht hat, also erträgt sie die Schmerzen stumm, um dafür zu sorgen, dass sie die einzige ist, die darunter leidet." Ich schluckte mit einem verunsicherten Blinseln, dann fuhr ich fort: "Sie fühlt sich gefangen und hat keine Ahnung, wohin sie noch fliehen kann außer zu dir. Jedes Mal wenn sie die Narbe sieht, erinnert sie sich an ihren Tod und fragt sich: Was, wenn es wieder geschieht? Ich kann nicht ohne ihn leben."
    Zärtlich berührte er meine Wange mit seiner Nase. "Nur weil du mir gehörst, heißt das nicht, dass du gefangen bist. Willst du jetzt hören, was ich da sehe?" Musternd wanderte sein Blick über meine Augen bis hin zu den Narben an meinem Bauch. Die ganze Zeit über zitterte ich und blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten, die mein eigenes Spiegelbild hervorruf. "Ich sehe die einzige Katze, die es verdient hat, sich mit mir auf einer Stufe gleichzusetzen, weil sie mutig, loyal und furchtlos ist. Dass sie nicht kämpfen kann macht nichts, es ist meine Aufgabe, sie zu beschützen, nicht ihre. Und ich sehe wunderschöne dunkelblaue Augen, die ich jeden Tag neben mir sehen will, wenn ich aufwache, und jeden Tag, wenn ich wieder zurück in die Hölle muss, weil es die Augen sind, in die ich sah, als ich zum ersten Mal gegen meine Dämonen gewonnen habe. Diese Katze war der Grund, dass ich jeden Tag heimlich in den Wald gegangen bin, um zu sehen, ob es ihr noch gut geht."
    "Wenn Laubrache mich wieder angegriffen hätte..." Ich sah ihn an. "Was hättest du gemacht?" "Kätzchen!" Geißel lachte. "Was meinst du, weshalb dieser Kater schon mit so jungen Jahren in der Hölle sitzt? Du willst wissen, was ich gemacht habe, als ich herausgefunden habe, dass ich als Geist die Träume von Lebenden aufsuchen kann? Gleich in der ersten Nacht bin ich zu ihm und habe ihn im Schlaf ertränkt, so einfach ist es. Es hat sich noch nie so toll angefühlt, jemanden zu töten." Statt ihn starrte ich nun wieder mich im Spiegelbild an und fragte: "Wirklich? Das hier wolltest du rächen?" Ohne etwas zu erwidern, nahm er erneut das Halsband empor, bewerstelligte es sogar irgendwie, es mir vorsichtig um den Hals zu binden und es dann hinten mit seinen Hundekrallen festzuhalten. "Du siehst so wunderschön aus damit, Kätzchen. Ich habe es selbst gemacht. Der Anhänger ist aus Obsidian, das Band selbst aus Leder, Kristallsplittern und Tinte.", erklärte er mir stolz. Das Blau passte zu meinen Augen und ich fand es wirklich atemberaubend. "Darf ich es haben?", fragte ich und Geißel machte mit Kralle und Zähnnen den Verschluss aus Stein zu. "Ich zwinge dich sogar, es zu tragen."
    Und im Spiegel saß nicht länger eine verängstigte, gefangene Katze, sondern eine Kriegerin, die dieses Halsband so stolz wie Geißel neben ihr seines trug. #partnersincrime

    19
    Nun waren zehn Tage seit meiner zweiten Entführung vergangen und ich hatte schlimme Träume; Träume, die andere von Nebel des Grauens, Es oder Friedhof der Kuscheltiere erhielten, ich aber von der Wirklichkeit oder zumindest einer mit den Pfoten tastbaren, heranrauschenden Zukunft ohne jede Rücksicht auf die, die dumm im Weg standen.
    Da waren mehrere Katzen und ein Fuchs, zuerst begriff ich schlicht nicht, was los war. Bevor du jetzt denkst: Es ist nicht wirklich sonderbar, wenn eine Person nach so einem Trauma von ihrem alten Leben träumt. Da gingen noch ganz andere Sachen ab, die mir noch mehr Angst einjagten, als das Wissen, dass früher oder später der BlutClan mein Leben für seinen Spaß opfern würde, nämlich ein sehr beunruhigender Clan-Treff zum Beispiel.
    Statt mir stand nun Wüstensee auf dem Felsenkessel, von wo aus sie alle Tiere perfekt in ihrem eisigen Blick hatte. "Wesen und Krieger des MondClans!", wiederholte sie einst meine Worte durch einen kaum durchdringbaren Nebel, den ich meinen Verstand nannte. Sie mussten sich in unserem Lager befinden.
    Auch wenn Wüstensee die freundliche Ausstrahlung eines Hais hatte, der seit fünf Tagen ohne Beute herumschwamm und dem jetzt klar gemacht wurde, wer daran die Schuld trug, spürte ich ihre Verzweiflung und hörte die Angst, in dem, was sie untereinander tuschelten: "Wildherz war eine bessere Anführerin; weiß Wüstensee überhaupt, was sie da tut?" "Wir können nicht unsere echte Anführerin überfallen." "Was sagt das Gesetz der Krieger denn zu so einer derartigen Total-Katastrophe? Nicht einmal der SternenClan kann uns helfen, immerhin hat er sich in ihr geirrt!" "Ich vermisse Nox..." "Jemand hier wird meine Schwester rächen müssen und das werde ICH sein." "Der MondClan muss sie vertreiben, sonst sind wir Beute für die Wölfe!"
    Wüstensee fauchte: "Ich weiß, ich weiß. Es ist unsere Pflicht als Clan, Wildherz und den BlutClan endgültig und für immer zu vertreiben. Aber wir brauchen Hilfe. Niemand gewinnt ohne Unterstützung gegen Geißel und auf unsere Ahnen können wir dieemal nicht zählen. Schmetterling?" Leider konnte ich nicht verstehen, was die junge Füchsin der neuen "Anführerin" da zubellte, da die Traum-Clan-Verbindung gerade recht schlecht wurde. War ein Sturm daran schuld? Schlechtes Wetter? Ein weiterer Krieg? Ich tippte eher auf mangelnde Loyalität meinerseits und vielleicht die Panik, die in meinem Clan herrschte.
    Wüstensee nickte. "Das ist eine gute Idee. Ich denke, so werden wir es schaffen." Dann wandte sie sich direkt mir zu, sodass ihre gewittergrauen Augen mich anblitzten wie das Auto, das kurz davor war, eine verängstigte Katze zu überfahren. "Du bist eine Verräterin, Wildherz. Du wirst dafür büßen."

    Ich wachte auf und dachte noch sehr, sehr lange darüber nach, bis ich überrascht den Kopf hob, weil ich gehört hatte, dass Geißel unsere Kammer betrat. Normalerweise kam er recht spät wieder, es war gerade erst einmal Nachmittag oder so. "Geißel?" Suchend drehte ich mich auf dem Seidenkissen um, das mein neuer Lieblingsplatz geworden war. Geißel brachte mir immer schöne Sachen mit, weil er vermutlich ein schlechtes Gewissen wegen der Kratzer hatte, diesmal ein duftender Strauch Lavendel und eine Taube. Er wusste, dass ich Taube liebte. So etwas merkte er sich natürlich immer; ihm war also aufgefallen, dass ich mich mit dem intensiven Blutgeruch nicht wohl fühlte.
    "Geißel, warum riecht es immer nach Blut?" Sein Blick wanderte zwischen dem Lavendel und mir auf dem Kissen hin und her. "Falls du wissen willst, ob für den Lavendel jemand sterben musste, ja, ein schwangeres Hauskätzchen. Ist das schlimm?" "Äh...ja. Aber darum geht es nicht. Darüber reden wir später." Zaghaft beugte er sich mit zuckenden Ohren vor, um mir die Taube hinzulegen. "Für diese Beute musste allerdings auch jemand sein Leben verlieren. Schlecht?" Er schmunzelte, versuchte es nicht einmal zu verstecken, dass es ihn wenig interessierte, wer alles für meinen Luxus draufging. "Natürlich musste die Taube sterben, sonst könnte ich sie doch gar nicht essen!", entgegnete ich gereizt. "Du denkst, ich verkrafte die Wahrheit nicht, was da draußen passiert. Aber ich kenne den Krieg, den ihr mit dem MondClan führt, MEINEN Clan-Gefährten. Aber du sagst es mir nicht. Du hast ANGST, dass ich verschwinde, weil mir klar wird, dass ihr meine Freunde tötet." Geißel legte den Kopf schief, wie immer, wenn er glaubte, mich in einer Diskussion entscheidend schlagen zu können. "Wenn du das wirklich glauben würdest, wärst du nicht mehr hier." Ich fauchte: "Und? Habe ich recht?" "Eigentlich nicht. Eine Patroullie hat uns heute angegriffen, ich glaube die hießen Weinbauch, Sol, Wellenpfote und Mini. Tut mir echt leid, aber Sol musste sterben." Sol und Wüstensee waren Gefährten gewesen, soweit ich wusste, erwartete sie gerade sogar Junge von ihm - ich verstand endlich, was Wüstensee dazu trieb, mich tot sehen zu wollen. Irgendwie gelang es mir die Tränen zu unterdrücken. "Er war ein Vater.", erklärte ich ihm. "Er wird nie seine Junge aufwachsen sehen, ist das nicht furchtbar? Geißel, ich habe nur eine Bitte: Egal, was ihr tut, lasst Mini, Lichtherz und Wüstensee am Leben, ja? Sie erwarten Junge. Mini geht es gut?" "Mini war die Weiße mit braunen Flecken? Mach dir keine Sorgen, mehr als ein paar Schrammen hat sie auch nicht abbekommen." "KÖNNTEST DU BITTE AUFHÖREN, MEINE FREUNDE UMZUBRINGEN?" Es reichte mir so was von und wenn ich damit gegen die Regeln verstieß! Geißel räusperte sich. "Also, eigentlich hat Storm ihn umgebracht. War nicht meine Schuld." Ich konterte: "Ach ja? Und wer bitte hat den Einsatz geleitet? Riley jedenfalls nicht, DIE IST ZU SEHR BESCHÄFTIGT, MEINE SCHÜLERIN ZU QUÄLEN!" JETZT wirkte er doch gleich so RICHTIG verunsichert und diese Chance musste ich nutzen, weil ich sehr wohl wusste, dass das nie lange anhielt. Er sagte: "Äh, ich?" "SAG MIR NOCHMAL INS GESICHT, DASS DU UNSCHULDIG BIST! Ich bin deine Gefährtin, HAST DU DAS VERGESSEN!", brüllte ich ihn an; obwohl es ihnen unter Todesstrafe verboten war, lugten Storm, ein dunkelgrauer, langhaariger Kater mit Bernsteinaugen, Wieselherz, Freddy und so eine junge Schülerin mit rotem Fell und lauter Narben im Gesicht um die Ecke zu uns in die Kammer. "Es wird spannend.", hörte ich die kleine Göre zischen.
    Ja, das wurde es wirklich, denn Geißel hatte sich wieder gefasst und knurrte zurück: "Ich weiß ja nicht, bin ja nur der großartigste Anführer aller Zeiten, aber DU vergisst, wo dein Platz ist." "Und wo soll der sein? Zu deinen Pfoten? Für immer und ewig in deinem überegosierten Schatten? Tja, nice. Oder doch an der Leine?" Demonstrativ deutete ich auf mein Halsband. Die Katzen johlten, doch Geißel war zu abgelenkt, als dass er daran dachte, sie im See zu ertränken.
    "Ok. Du willst wissen, wieso ich nicht will, dass du herausfindest, was draußen passiert? Dein Clan hatte von Anfang an keine Chance gegen uns, sie kämpfen alle wie überfütterte Hauskätzchen und nehmen ihre Niederlagen genauso hin. Wüstensee ist einfach eine furchtbare Anführerin und die Hälfte eurer Krieger ist schwanger. Noch gibt es keinen Krieg, aber wenn sie wollen, wird es uns ein Vergnügen sein." "DAS hast du NICHT gesagt!" Gelangweilt schnippte er mit seiner Kralle gegen mein Halsband und sagte: "Tut mir leid, dein Platz ist zu meinen Pfoten, NICHT bei denen, die sterben müssen." "Ich bin nicht dein Besitz, sondern deine GEFÄHRTIN." Ohne ein weiteres Wort packte er mich am Halsband, befestigte eine schwarze mit Edelsteinen besetzte Leine daran und band diese an einen sehr stylischen Einlass in der Wand, sodass ich das Kissen nicht mehr verlassen konnte.
    Ich starrte ihn an. Sehr, sehr wütend.

    20
    "Du willst mich provozieren.", stellte ich fassungslos fest. Eine der BlutClan-Katzen grunzte: "Tja, und da geht unser liebestrunkener Anführer dahin. Komm von deiner Wolke runter und töte sie endlich!" Ein schwarzer Kater mit weißen Flecken um die Augen bahnte wich einen Weg in die Kammer, direkt mir gegenüber. "Sieh sie dir doch an!", knurrte er und auch die restlichen Mörder verloren ihre Scheu vor dem Näherkommen. "Die wehrt sich niemals. Du könntest sie aus dem Fenster schubsen, ihr befehlen, ihre eigenen Jungen niederzumetzeln, sie müsste es tun. Theoretisch darfst du sie sogar zu Jungen zwingen. Und du lässt dich von ihr demütigen?" "Es reicht", entgegnete Geißel und stieß den jungen Kater zurück. "Es gibt Gründe, dass ich eine Sklavin fangen konnte und du nicht. Bingo, du stellst dich so ungeschickt an, nicht einmal eine Blinde mit verkrüppelten Pfoten würdest du schaffen. DU bist schwach." "Also genau genommen..." Immer wenn Riley sich einmischte, bedeutete das mehr als Unglück. "...hat Merida sie ausgetrickst, nicht du...rechtmäßig darfst du sie nicht als dein Eigentum bezeichnen. Ihr Leben gehört Merida." "Tja, also, wenn ihr sie mir gebt, gibt es auf jeden Fall Aktion.", prahlte die Kätzin mit der Voodoo-Kette. "Wer will sehen, wie ich sie aus dem Fenster hängen lasse?"
    "Unsinn!", mischte sich Bingo erneut ein. "ICH will sie. Ihr beschwert euch, ich wäre schlecht im Foltern? Dann lasst mich doch endlich richtig üben!" Riley zischte: "Vergiss es, dummer Kater, ich habe sie zuerst gesehen!"
    Mit drohend angelegten Ohren zischte ich: "Ihr fühlt euch alle so toll, dabei habt ihr keine Ahnung, was es bedeutet, Leben zu beenden. Geißel ist bewundernswert, weil er mehr als zehn Katzen umgebracht hat? Neuigkeiten, die euch vielleicht wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen: ICH bin hier die erste Anführerin des MondClans und wenn ich es nicht schaffe, meine Aufgabe zu erledigen, dann lande ich blind am Baum im Finsterwald. Wieso? WEIL ich ebenso vielen Katzen das Leben gekostet habe. Denkt ihr, ich bin stolz darauf? Wollt ihr dieselbe Schuld fühlen, nachts, euch in den Schlaf weinen, da ihr die verlorenen Leben nie wieder gut machen könnt?" Ein kurzes Schweigen entstand, bei dem ich mir noch einmal all ihre Namen ins Gedächtnis rief: Unzählige Streuner und Hauskätzchen zusammen mit Bonny, Knöpfchen, Mini, Knochen, einem Streuner aus dem ersten BlutClan, Bonny selbst, zu viele, als dass ich mich an alle erinnern könnte.
    Meine Flanken zitterten, doch ich ignorierte tapfer dieses Gefühl von absoluter Machtlosigkeit. "Ich kann kämpfen. Nur will ich eben nicht. Lieber ertrage ich die Schnitte und Narben als meine Seele zu zerstückeln." Diesen letzten Satz hatte Veilchenmond, nicht ich gesagt. Trotzdem war sie nach all dem immer noch ein Teil von mir, genauso wie der SternenClan und meine erste richtige Heimat: der LibellenClan. Ich musste kämpfen, um wieder bei ihnen sein zu dürfen, doch wie funktionierte das mit ihren Regeln und meiner Moral?
    Geißel sagte kühl: "Verlasst meine Kammer; wer diesen Boden in drei Sekunden immer noch berührt, stirbt." Jaulend sprangen sie alle auf und nahmen die Pfoten in die Hand, außer Bingo - mit einem triumphierenden Lachen wurde die Leine in zwei Teile getrennt; ich war frei. Entsetzt starrte Geißel erst sie, dann Bingo, dann mich an. "Tu es nicht."
    Trotzdem preschte ich vorbei an ihm nach draußen, auf den Dachboden, die Treppen hinunter (wobei ich mir einige Male beinahe das Genick gebrochen hätte) und in den Wald hinein.
    "Fangt sie!", schrie Freddy irgendwo hinter mir, ich spürte das Donnern von Pfoten auf der Erde, mein rasendes Herz wie den Aufschrei einer Katze, die über eine hervorstehende Wurzel gejagt war. "Der erste, der sie kriegt, dem gehört sie auch!" War das Bingo gewesen?
    Ich musste mich unbedingt in etwas schnelleres und vor allem kleineres verwandeln, aber ich konnte mich bei bestem Willen nicht genügend konzentrieren. Was blieben mir noch für Möglichkeiten? Keuchend sprang ich die Rinde eines Nadelbaums rechts von mir hoch, klammerte mich verzweifelt an den ersten Ast über dem Boden, während mein Atem immer noch viel zu schnell ging. SternenClan, sie durften mich auf keinen Fall finden, nicht einmal Geißel.
    Riley stürzte mit verrückt glänzenden Augen und bebenden Flanken zuerst aus dem Gebüsch und bremste abrupt unter meinem Baum ab. Ganz leicht öffnete sie das Maul, streckte ihren Nacken, um besser Witterung aufnehmen zu können.
    Plötzlich kam mir die Gestalt eines Eichhörnchens passender vor und einen kurzen Augenblick darauf glänzten meine schwarzen Nageraugen vor Angst. Riley hatte mich entdeckt, verzog die Lippen zu einem verächtlichen Grinsen. "Wildherz, Kätzchen, du riechst nicht nach Eichhörnchen. Deine Angst wittern sogar die Toten unter uns, merkst du das nicht? Soll ich raufkommen oder willst du heute Abend etwas zu essen haben? Glaub mir." Die zwei Rubine funkelten vor Vorfreude. "Von mir bekommst du kein Seidenkissen. Da du jetzt weißt, weshalb man dir ein Halsband umgelegt hat, verstehst auch sicher, dass dein Platz wirklich nicht über mir ist." Riley machte einen Satz auf den Baum zu und ich sprang quieckend auf den nächsten Ast, strauchelte und zwickte mich natürlich zwischen zwei Zweigen ein.
    Sofort war eine riesige Riley über mir, die Zähne freudig gebleckt. "Du bist wirklich eine schlechte Gegnerin." Ihre Krallen gruben sich tief in mein Fell, ließen mich aufschreien vor Schmerz, doch dann verwandelte ich mich instinktiv - und zwar in einen nachtschwarzen Puma. "Wie gefällt dir so ein Rollentausch?", fragte ich sie knurrend und genoss diesen Ausdruck von Unsicherheit in ihrem Gesicht. Ich warf einen Blick nach unten, aber die anderen schienen längst unsere Fährte verloren zu haben. "Ich könnte dich töten. Warum sollte ich jetzt nicht machen, was du mit mir vorhattest?", murmelte ich, kniff dabei die Augen zusammen. "Aber ich werde es nicht tun, weil ich kein Monster sein will." Mit weiten Sprüngen jagte ich über die Bäume in die tieferen Schatten davon.

    21
    Mit jedem Sprung schien es, als würden meine alten Dämonen ein kleines bisschen aufholen. "Du hast so viele getötet.", zischte Ekel. "Ein Monster bist du.", fügte Laubrache hinzu. "Nichts weiter." "Wer sollte schon dir hefen?" Natürlich war Bonnys Schatten in meinen Erinnerungen gleich mit von der Partie. Nicht einmal den Toten konnte ich entkommen.
    Ich wusste, ich hätte besser aufpassen müssen, als sich eine gewaltige Schlinge um eine meiner Pranken zuzog und ich selbst in Puma-Gestalt fast vom Baum gesegelt wäre. "Nein. Bitte nicht." Stöhnend zerrte ich an der geschickt gestellten Falle, doch dieses Material konnten nicht einmal Zähne wie Messer durchdringen. Panik kribbelten in meinem ganzen Körper. Wenn ich mich nicht rechtzeitig befreite, würde alles nur wie damals im FuchsClan werden; was wäre, wenn Geißel auf Bingos Vorschläge einging? Ich hatte keine Verbündeten mehr, beziehungsweise hatte ich noch nie welche gehabt. Wer war schon Freund? Wie erkannte man einen Feind? Bonny hätte mich herzlich ausgelacht.
    In meiner Angst tat ich deshalb das einzig Unvernünftige - ich änderte mich wieder in mein wahres Ich: Winzig, konnte nicht kämpfen, hatte generell mehr Angst als Freude am Leben, existierte sowieso nur noch, weil der SternenClan verzweifelt war. Glückwunsch, jetzt waren wir schon zu mehrt.
    Dann erblickte ich den Wolf, der mich vom Boden aus mit leuchtend hellblauen Augen in meiner Falle beobachtete. Bis jetzt hatte ich noch vergeblich versucht, den Strick abzustreifen, der immer noch meine rechte Vorderpfote behinderte, aber es war zu aussichtslos und ich sollte meine Energie für den bevorstehenden Kampf aufsparen. "Warum greifst du nicht einfach an?", fragte ich den Geisterwolf, welcher verwirrt den Kopf zur Seite legte, wobei eine bösartige Narbe erschien, die die Hälfte seines Gesichts entzweite. "Das tut mir leid.", sagte ich, weil ich gut genug wusste, was Narben dir so kosteten. Der Blick des Wolfes fiel auf meinen Bauch, der von da unten hervorragend zu sehen sein musste. "Mir auch.", gestand das Gespenst mit seltsam weiblicher Stimme. "Du denkst, ich gehöre zu Fenneks Rudel?" "Na ja...du glühst und leuchtest stark...lebst du?" "Ne." Die Wölfin setzte sich, hielt die Ohren aber dennoch wachsam gespitzt. "Leben wird überbewertet." Warum war mir dieses tote Raubtier nur gleich so sympathisch, wo ich es früher oder später wahrscheinlich eh umbringen musste?
    "Ich weiß, wer Jagd auf dich macht.", verriet sie mir. "Mein Name ist Juta und ich werde versuchen, sie von dir wegzulocken, ja?" "Oh cool. Danke, lieber Geisterwolf...äh...Juta." "Kein Ding." Die Wöfin verschwand im Schatten, sodass ich wieder alleine war wie so eigentlich immer.
    Ich hätte mich auch in noch etwas Kleineres verwandeln können, aber ich wollte das Risiko nicht eingehen, dass sich die Schlinge noch enger zog, also wurde ich von einem jungen weiblichen Wolf überrascht: "Hi." Ehm...hey. Ich bin Wildherz und ich sitze in einer Falle fest." "Mach dir keine Sorgen, Mama kann dich befreien. Ich bin Rea und mein Bruder Otin kann helfen, falls es nicht klappt." Erstaunlicherweise holte die Wölfin einen Anhänger hervor, den sie wohl an einer dünnen Schnurr um den Hals getragen hatte. Der Anhänger war nebenbei ein Handy. "Hm..." Rea tippte mit der Kralle ein langes Kennwort ein, suchte die Nummer ihrer Mutter und tippte dann auf Lautsprecher. Juta war sofort dran. "Liebling, bin gleich bei euch." "Aber du hast versprochen, dass es zum Abendessen Hähnchen gibt." "Hähnchen kommt gleich, bleib bei der Katze und pass auf sie auf, ja?" Rea verdrehte angenervt die Augen. "Ja, Mama. Lass dich nicht killen, sonst gibt es erst wieder so spät etwas." Ohne Tschüss oder irgendeinen Abschied legte das erste Teenager-Wolfsmädchen, das ich je kennengelernt hatte, wieder auf. "Du heißt also Wildherz.", sagte sie. "Nimm's mir nicht übel, aber das hört sich echt bescheuert an." "Du bist mir gleich sympathisch. Wohnt deine Familie hier?" "Ne, nicht wirklich. Ab und zu jagen wir hier am äußeren Teil eures Waldes, aber wir, Otin und ich, dürfen nur mit Handy alleine los." Ich hätte auch gerne ein Handy. Oder ein glückliches Leben. Eins von beiden halt.

    Juta kam zurück, zusammen mit einem riesigen toten Huhn und mit einem wilden Flackern in den Wolfsaugen. "Ich habe kurzfristig deine Gestalt angenommen und sie außerhalb deines Territoriums gelockt. Ich denke, wir haben einiges zu besprechen. Rea, Jagdzeit für heute ist um, sammle mal schnell deinen Bruder ein und geht schon einmal nach Hause. Du kannst das Hähnchen schon mitnehmen. "Geil!", gierig schnappte die junge Wölfin nach dem Vogel und rannte weg in den Wald.
    Juta spazierte einfach durch die Luft auf einem Nebel aus blauem Glitzer und befreite mich von der Falle mit nur einem gezielten Biss. "Manchmal stellen die BlutClan-Katzen Fallen auf, um Sklaven zu fangen. Aber du gehörst zum MondClan, nicht wahr? Diese Katzen mag ich, ihr seid sehr freundlich und lebt in Frieden." Ja, oder so ähnlich. "An deiner Aura sehe ich, dass du eine Gestaltwandlerin bist und zwar eine mächtige. Warum lässt du dich von diesen Streunern jagen?" Ich seufzte. "Einer von ihnen ist mein Gefährte. Das ist jetzt nicht wichtig. Deine Familie und du, ihr seid auch Geisterwölfe, aber warum gehört ihr nicht zu Fennek?" Jutas Augen verdunkelten sich. "Fennek war einst mein Gefährte, wie deiner Geißel. Wir haben zu unterschiedlichen Rundeln gehört, er zum KnochenRudel, ich zum SeeRudel. Während ich für kurze Zeit meine Gestalt ändern und fliegen kann, ist er in der Lage, jede Person und jedes Tier aufzuspüren, das er schon einmal gesehen hat. Ich bin vor ihm geflohen, als er anfangen wollte, unsere Kinder zu tranieren. Wildherz heißt du? Wildherz, er darf auf gar keinen Fall weiter an Macht gewinnen. Er wird Jagd auf alle Wesen mit magischen Fähigkeiten machen und sich diese aneignen wie Revier oder Fleisch. Unterschätze diesen Gegner nicht so wie ich." Erleichtert schnaufend kletterte ich den Baum hinab und Juta und ich setzten uns in Bewegung. Die Wölfin fuhr fort: "Niemand traut Wölfen, das musst du mir nicht erklären. Kennst du "Wolf in Sheep's Clothing"? Rea hört sich diesen Song wirklich dauernd an, aber im Moment kannst du nicht zu deinen Clan-Gefährten zurück. Vertrauen braucht Zeit, bis es wieder nachgewachsen ist. Komm mit mir, ich werde dir kämpfen, jagen und führen beibringen. Und wie man mit Teenager-Wölfen umgeht." Ok, vor allem Letzteres hörte sich anstrengend an. Konnte ich nicht lieber gegen Fennek kämpfen?

    "Erste Lektion: Jagen. Nutz deine Besonderheiten zu deinem Vorteil, Wildherz!" Wir befanden uns auf einer freien Wiese mit einigen verstreuten Büschen wie so Schafe in der Nähe vom MondClan/BlutClan-Territorium. Weshalb Juta sich auch immer einbildete, ich könnte irgendetwas lernen, wo ich noch nicht einmal richtig gehen konnte, ich musste es wenigstens versuchen, um mein Gesicht zu wahren. Jagen. Eigentlich mochte ich jagen. "Hol mir den Hasen da hinten!", forderte sie mich auf, als solle ich mal eben nachsehen, ob Rea wieder am Handy rumspielte. "Na klar.", erwiderte ich mit einem sehr professionellen Schulterzuckungen, nur um dann über einen Stock zu stolpern.
    Juta war so nett, einfach gar nichts zu sagen.
    Hol den Hasen, hat sie gesagt. Es würde leicht sein, hat sie gesagt.
    Welches Tier war gut im Jagen?
    Doch bevor ich die Gestalt eines Geparden, Tigers oder Wolfes annehmen konnte, unterbrach mich Juta ruhig: "Nicht schummeln. Hol ihn dir als Katze." "Darf ich meine Beine länger machen?" "Nein." "Mich größer?" "Nein." "Wie wäre es mit Flügeln?" "Du bist eine Katze, kein Falke!"
    Grummelnd schlich ich mich an den Hasen heran. Ob ich ihn erwischte? Natürlich nicht, der floh schon, nachdem ich nur auf ein lockeres Stück Moos getreten war.
    "Darf ich vorstellen?", rief Juta mir über die Wiese hinweg zu. "Das ist Runner, der Hase, den noch nie jemand gefangen hat! Merk dir sein schwarz-weißes Fell." "Findest du nicht, dass seine rosa Augen besser zu merken sind?" "Ne, merk dir lieber das Fell.", brüllte Juta zurück. Das würden ein paar sehr, sehr anstrengende Wochen werden.

    22
    Es war schon dunkel und wir saßen zu dritt in der Wolfshöhle am Rand von der Wiese unter einer mächtigen Eiche. "Warum tut ihr das?", fragte ich die Wölfe, denn Schwarzsturm und Laubrache hatten mir beigebrachtet, dass das Warum wichtiger als jedes Also war. Juta senkte den großen Kopf, um mit mir auf einer Augenhöhe zu sein. "Deine Krieger-Ahnen haben mir von deiner Vergangenheit erzählt, Wildherz. Ich war selten so beeindruckt von...nun ja...einer Katze. Aber du hast gewaltiges Potential, das du noch erkunden musst, um deinem Clan helfen zu können. Und ich will dir das geben, was du verdienst." "Was?" "Ein glückliches Leben. Deinen Frieden. Ist es nicht das, das du dir so dringend wünscht?" Eine Sternschnuppe erhellte draußen kurz den Himmel, was ich beinahe als ein Zeichen des SternenClans gedeutet hätte, wenn ich nicht schon längst wüsste, dass sie mir nicht mehr helfen konnten.
    "Lass mich dir beibringen, wie du dir selbst hilfst.", fuhr Juta fort. "Denn du hast recht: Dies hier liegt schon lange nicht mehr in den Pfoten der Toten. Sie brauchen eine starke Anführerin, dein Clan." "Ich bin nicht stark." "Ich werde dich stärker als jeden Wolf meines Rudels machen." Neugierig hob ich den Kopf. "Es gibt noch mehr von euch?" Juta lächelte und betrachtete weiter die Sterne. "Das SeeRudel existiert noch genauso wie sein Gegensatz, das KnochenRudel. Und ich weiß, dass es meine Pflicht sein wird, meinen eigenen Gefährten zu töten. Du musst mir helfen, Wildherz." Wer half jetzt wem? Irgendwie verwirrten mich diese Geisterwölfe, denn jetzt kicherte auch noch Rea im Hintergrund. "Hihi! Schau dir mal diesen Snap an! Goldig. Ich mach 'nen Screenshot." Weshalb Wölfe auch immer Snapchat haben durften und wir Katzen nicht.

    In dieser Nacht träumte ich erneut. Ich befand mich an genau dem Platz, wo Geißel immer angekettet gewesen war, bis ich ihn befreit hatte, aber diesmal schien der Blutmond so intensiv, dass ich schon blinzeln musste, um dem Licht entgegenzuwirken. Er hatte mir erklärt, dass er heller schien, sobald etwas besonders Gutes oder besonders Schlechtes geschehen war, aber das Unwissen machte mich fertig.
    Dann sah ich ihn. Geißel hockte auf dem Ast über mir und beobachtete mich mit aufmerksam zuckender Schweifspitze. "Renn bitte nicht weg.", sagte er und eigentlich wollte ich wirklich fliehen. Trotzdem hob ich den Blick, blieb genau unter ihm stehen. Er flüsterte: "Komm zu mir zurück. Ich werde dich nie wieder anbinden, versprochen." Ich schluckte. "Ich darf nicht. Juta muss mir beibringen, besser zu werden, sonst kann ich nicht gegen Fennek gewinnen. Oder euch." Hastig sprang er den verdorrten Baum hinab und nur noch der rote, über dem Boden schwebende Nebel, der mir bis an die Kehle ging, trennte uns. Seine eisblauen Augen blitzten. "Ich bin nicht dein Gegner." "Warum bekämpfst du mich dann?" 'Was meinst du, weshalb ich dich entführt habe?" "Ich weiß nicht.", fauchte ich. "Nehme an, du hast nichts besseres gefunden, um Riley eifersüchtig zu machen?"
    Er schüttelte den Kopf, sodass kleine Nebelfetzen wild umherflogen. "Als Anführerin des MondClans kann ich dich weder beschützen noch dich gefahrlos sehen." "Also hast du beschlossen, dass Nox und Carla zu töten, zwei weitere Schülerinnen zu entführen und mich dann beinahe ein zweites Mal umzubringen, der logische Ausweg ist?" Er deutete auf mein Halsband. "Da ist übrigens ein Peilsender drinnen." Ich knurrte: "Lass mich dir eins sagen: Wenn du nur einen VERSUCH startest, mich wiederzufinden, dann reiß ich mir dein Bändchen ab und werfe es in den Fluss." Er fauchte: "Das wagst du nicht!" "Ach, was dann?" Ich war gerade so sauer auf ihn, ich hätte ihn noch gleich mit im Fluss versenken können (er musste ja nicht wissen, dass es hier gar keinen gab). "Leinst du mich erneut an?" "Wenn's sein muss, führe ich dich für den Rest deines Lebens an einer Leine!", konterte er mit flach angelegten Ohren. "Vielleicht kannst du davonlaufen, aber, dass du dich versteckst, werde ich verhindern." Ich grunzte unbeeindruckt. "Viel Glück dabei, eine Gestaltwandlerin in Obhut einer Geisterwölfin zu fangen." Mir wurde mal wieder zu spät klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte.
    "Du redest von Juta, nicht wahr?", fragte Geißel mit glänzenden Augen. Erschrocken schnappte ich nach Luft, wollte mich umdrehen und doch weglaufen...der Traum war vorbei.

    Otin, ein stattlicher Jungwolf mit eisengrauem Fell, weckte mich. "Steh auf, Wildherz. Du verpasst sonst deine Therapiestunde." "Ich bekomme Therapie?", hackte ich stirnrunzelnd nach. Garantiert klebte mir gerade mein gesamtes Moos im Fell und ich sah wirklich wie jemand aus, der Hilfe benötigte.
    "Mama sagt, ich soll dir Therapiestunden geben und dafür kann ich mir Netflix runterladen. Komm schon!", bellte er gut gelaunt, was irgendwie ansteckend war deine meine Laune stieg von Verpissdichoderstirb doch glatt auf Verpissdichoderichtudirsehrweh.
    Wir liefen gemeinsam zur anderen Waldgrenze der Wiese, der Punkt, an dem ich vom MondClan und Geißel den weit möglichsten Abstand auf der Wolfslichtung hatte.
    "So." Otin fegte mit der Rute eine sandige Wolke Staub zur Seite, dann setzte er sich auf den nadelbespickten Waldboden, deutete auf den Baumstumpf ihm gegenüber. "Setzen." Ich musste schnurren, weil der Wald mich an den LibellenClan erinnerte. Und an Vogelstern. Ich hörte auf zu schnurren. "Wir spielen ein Spiel.", schlug Otin vor, doch ich war schneller: "Ich will wissen, was mir die Therapie bringen sollen." "Das soll gegen deine Angststörungen und Minderwertigkeitskomplexe sein, abef das darf ich dir nicht sagen.", erklärte der junge Wolf freundlich. "Also, ich sage etwas und du miaust das erste, das dir dazu einfällt."
    Ich seufzte. "Wenn Juta es so will."
    "Angst?" "Bonny?"
    "Schmerz?" "Bonny."
    "Waffe." "Geißel."
    "Leben?" "Traurig." Otin schüttelte sein Fell. "Normalerweise würde ich sagen, dass man dir nicht helfen kann, so erbärmlich wie dein Leben läuft, aber das weißt du schon selbst. Was findest du eigentlich an Geißel?" "Er macht mich glücklich.", entgegnete ich lächelnd. Otin glotzte mich in stiller Verzweiflung an. "Er könnte dich umbringen. Oh. Das hat er ja schon. Bitte sag mir, dass das nicht alles ist."
    "Na gut." Ich schluckte tapfer. "Er ist mutig, loyal und kann kämpfen. Er verteidigt, was er haben will. Wenn es mir schlecht geht, setzt er alles daran, mir zu helfen, wenn nicht, dann macht er alles, damit es so bleibt. Er stützt mich, wenn ich schwanke. Er ist bereit, alles ins Chaos zu stürzen, damit ich bei ihm bleiben kann."
    Immer noch verständnislos legte Otin den Kopf schief. "Außerdem ist er ein Mörder, killt zum Spaß, hängt mit den falschen Leuten ab und wollte dich anleinen." "Ich habe dir gesagt, wieso ich ihn liebe, nicht, dass er zu den Guten gehört." So traurig es klang, aber bis wir auf einer Seite standen, das dauerte noch Welten.
    Vorsichtig berührte er mit seiner Pfote mein Halsband, das Geißel mir geschenkt hatte, um mir Schutz zu bieten. Sein eigenes hatte den Stärken Angst gemacht, sodass er hatte überleben können...er wünschte sich dasselbe für mich. "Magst du dein Halsband?", fragte Otin. Ich spürte das kühle Leder an meiner Haut, wie es mich an Rosenblätter, Seide und sein schwarzes Fell erinnerte. "Ja." Ich sah ihm in die Augen. "Ich weiß noch nicht einmal warum, aber es verbindet uns." Otin stöhnte. "Kann es sein, dass da ein Peilsender drinnen ist?" Zaghaft berührte auch ich das Band mit meiner Pfote, dann seufzte ich. "Er sucht nach mir in meinen Träumen, Otin. Ich kann wegrennen, solange ich will, aber entkommen kann ich ihm nicht."
    Jetzt schien ich sein Interesse erst richtig geweckt zu haben. Otin jaulte: "Und wenn wir dir zeigen, rass du es auch ohne ihn schaffen kannst? Dass du ihn nicht brauchst?" "So funktioniert das nicht.", antwortete ich und musste wieder lächeln, da er sich so bemühte, mir zu helfen. "Ich werde ihn immer brauchen." Otin schien mich dennoch nicht ernst zu nehmen, was ich ihm noch nicht einmal übel nahm. Er sagte: "Wenn du ihn nicht als deinen Beschützer willst, was ist er dann?" "Mein Gefährte." "Und bist du wütend auf ihn?" "Ja." Er sah mich an und fügte dann hinzu: "Auch wenn ich kein Fan vom BlutClan und ihren Methoden bin...Geißel und du gehört zusammen. Greif mich an und lass alles los, was dir weh tut!" Er hatte es gewollt, oder nicht?
    Der Fairnes halber verwandelte ich mich in einen Wolf derselben Größe, kurz darauf rollten wir schon durch das noch taunasse Gras, bis wir uns keuchend und verschwitzt auf den Rücken fallen ließen. In Otin hatte ich einen neuen Freund gefunden, von dem ich geglaubt hatte, ihn nie wieder zu haben.

    23
    Otin und Juta waren zum SeeRudel gegangen, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung war (oder jemand etwas vom BlutClan gesehen oder gehört hatte), deshalb waren spät am Abend nur noch Rea und ich auf der Wiese. Wie immer, wenn ihre Mutter gerade nicht in der Nähe war, hing die Wölfin am Handy. "Wollen wir ein Musically machen?", fragte sie und wedelte dabei wild mit ihrem heiligen Smartphone hin und her, welches anscheinend der Grund war, weshalb Wölfe keinen SternenClan benötigten. Sie hatten ja Google. Als ich noch elf gewesen war, hatte die App gerade einmal ein wenig Berühmtheit erlangt, dass es jetzt dermaßen angesagt war, hätte ich niemals gedacht.
    Die Grillen zirpten und einige Glühwürmchen tanzten durch die kühle Brise, die leicht mein Fell zerzauste. "Welcher Song?", wollte ich wissen. Rea antwortete: "Hengstin von Jennifer. Kennst'e?"
    Ketten aus Silber und Gold...hast du das selber gewählt? Hast du das selber gewollt? Nein, und ich trug meine Kette auch noch als Schmuck. Nachdenklich betrachtete ich mein blaues Halsband.
    "Was hast du?", fragte Rea und blickte zum ersten Mal vom Handy auf. "Dein Halsband ist sehr hübsch. Wer hat es dir gegeben?" "Geißel hat es mir geschenkt." Reas Augen funkelten in der Dunkelheit, sodass sie wie ein richtiges Raubtier wirkte. "Geschenkt, nicht dich damit angebunden?" "Bingo hat die Leine kaputt gerissen, damit ich weglaufen kann. Er wollte Geißel zeigen, dass ich nicht sein Eigentum bin." Verwirrt legte sie den Kopf schief, genau wie es immer ihr Bruder tat. "Das ist sehr mutig von einer BlutClan-Katze, Kleine." "Hm. Er hat es getan, um mich selbst beanspruchen zu dürfen." "Oh." Ohne zu zögern schaltete sie ihr Handy aus und nahm mich in ihre gewaltigen Arme, sodass ich ihren warmen Duft einatmen konnte. Wider Erwarten roch sie gar nicht nach Metall oder Gewitter, sondern Moos und Holz wie beim MondClan. Sie flüsterte mitleidig: "Mama, Otin und ich spüren, wie sehr du immer noch unter deinen Narben leidest. Ich rede nicht von dem Wort, das auf deinem Bauch geschrieben steht. Es tut mir sehr weh, dich wegen so schrecklichen Katzen weinen zu sehen und ich will alles tun, damit es dir besser geht. Deshalb hat Mama dich gerettet. Es tut mir so leid für dich." Dennoch lächelte ich tapfer. "Geißel wird mich suchen und wenn er hier ist, werdet ihr für mich kämpfen müssen. Das geht nicht. Lass mich gehen, bis sie wieder da sind, bin ich längst verschwunden."
    Reas Ohren zuckten. "Wohin willst du? Der BlutClan jagt dich, Wildherz. Sie haben Angst vor Mama und dem Rudel, aber sie warten, bis du von selbst zurück ins MondClan-Territorium gehst. Du kannst nirgendwohin."
    Ich musste die Tränen kontrollieren, doch ich schaffte es nicht. Schniefend sank ich zurück ins Gras. "Wenn ich bleibe, bin ich eine Verräterin." "Warum?" "Weil ich bei ihnen sein muss. Der BlutClan hält zwei Schülerinnen fest und ich kann sie noch nicht einmal stark machen." Rea seufzte leise. "Nimm es mir nicht übel, aber du bist selbst noch nicht stark genug. Allerdings gibt es eine Möglichkeit für Gestaltwandler, kurzfristig an anderen Orten zu erscheinen. Wenn du mir versprichst, es nur zu tun, wenn ich dabei bin, verrate ich es dir." Hoffnung ließ mein Herz schneller schlagen und ich starrte sie durch einen Tränenschleier hinweg an. "Und wenn Wüstensee mich sieht? Oder Lynx?" Rea sagte: "Du musst dich auf jemanden konzentrieren, dem du vertraust. Ich sehe in deinen Träumen, dass du oft an Mini denkst. Erwartet sie nicht Junge? Dann sollte sie in eurer Kinderstube sein."
    "Und dann?" Ich atmete so schnell, dass mein Halsband mich ein wenig husten ließ. "Du musst einfach nur die Augen schließen.", erklärte mir Rea. "Versuch es. Stell dir deinen Körper in der Kinderstube vor."

    Und auf einmal stand ich in der Kinderstube oder zumindest in der Gestalt eines schwarzen Fuchses mit Halsband und dunkelblauen Augen. Lichtherz und Mini starrten mich an, zu Lichtherz' Bauch bereits drei kleine Fellknäuel. "Wildherz.", keuchte Mini. "Bist das du?" Ängstlich zog unsere Heilerin ihre Babys mit der Pfote näher zu sich heran.
    Wir waren zwar nicht in der Kinderstube, doch zumindest in den Heilerbau hatte ich es geschafft, mich zu teleportieren. Auch Taubenschreck beobachtete mich mit einem Bündel Samen und dunkelgrüner Blätter im Mund. Er hatte sie wohl gerade Lichtherz geben wollen.
    "Bitte." Meine Stimme an einem anderen Ort hören zu lassen wurde schon um einiges schwieriger, aber mit genügend Konzentration packte ich es. "Ihr dürft niemandem erzählen, dass ich hier war. Ihr müsst Akazienpfote und Strauchpfote retten, sie leben beide noch und befinden sich im Verlassenen Haus." "Wildherz?", röchelte eine Stimme aus einer der dunkleren Ecken. Strauchpfote blinzelte mir entgegen, ihre Vorderbeine und die Kehle sowie mehrere Stellen am Rücken gut in Spinnweben gehüllt.
    Ich flüsterte: "Strauchpfote." Jemanden zu berühren entpuppte sich sogar als noch anstrengender wie zu sprechen oder meinen Körper im Heilerbau zu behalten, doch als ich die verängstigte Schülerin vorsichtig in die Arme schloss, wusste ich, dass der BlutClan unbedingt aufgehalten werden musste. Und wenn Geißel nicht freiwillig ging, dann würde ich vor einem Kampf nicht zurückschrecken. Oder zumindest nicht allzu sehr.
    Strauchpfote miaute glücklich: "Wildherz, du bist entkommen! Wie schnell du gerannt bist, das war großartig!" "Pass auf, Strauchpfote." Taubenschreck trat zu uns und rückte ihr vorrübergehendes Nest zurecht, während seine Augen mich durchdringend betrachteten. Er wollte wissen, wie ich so etwas hatte schaffen können, aber vor allem wollten sie eine Erklärung.
    "Es tut mir leid, dass ich den BlutClan nicht aufgehalten habe, als ich es hätte tun können.", sagte ich. "Das war ein furchtbarer Fehler. Aber ich bin keine Verräterin und um euch das zu beweisen, bin ich zurückgekommen." Strauchpfotes Augen blitzten, während die Schülerin flüsterte: "Ich habe nie daran geglaubt, dass du eine wärst. Du warst immer unsere Anführerin." Mini fügte hinzu: "Wir werden weder Lynx noch Wüstensee etwas sagen. Wildherz, du bist nicht in echt hier. Es ist aber wichtig, dass du wieder herkommst!" "Ich weiß.", seufzte ich. "Ich werde langsam schwächer, das heißt, ich kann nicht mehr lange bleiben. Im Moment wäre es zu gefährlich, wenn ich zurückkomme. Wüstensee oder der BlutClan würden mich töten. Vergesst nicht, dass ich auf eurer Seite bin, ja?" Lichtherz schluckte. "Wildherz...wir sind für dich da. Vertrau uns." Dankbar lächelte ich sie alle an und es fühlte sich an, als könnte ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder atmen.
    Dann befand ich mich wieder auf der Wiese.

    24
    Erschrocken machte Rea einen gewaltigen Satz zurück, als plötzlich aus dem Nichts erneut eine schwarze Katze erschien. Sogar in einem Stück, dachte sie sich beeindruckt, aber das hätte sie nie zugegeben. Vor Erschöpfung brach ich sofort an Ort und Stelle zusammen. "Es hat...ge...geklappt.", keuchte ich, während der Drang, mich zu übergeben, immer stärker wurde. Rea winselte: "Wildherz, alles gut? Ich hätte dich warnen müssen, wie viel Energie und Kraft so etwas kostet...Soll ich Mama holen?" Hecktisch atmend bewegte ich ein wenig den Kopf hin und her, sodass mein schweißverklebtes Fell nun auch noch Dreck enthielt. Ich musste garantiert furchtbar aussehen, aber trotzdem war meine Mission noch nicht vorbei. Ich hustete: "Schon ok...Rea, es tut mir leid. Bitte sei nicht böse." Fürsorglich beugte sich die Wölfin zu mir hinunter und berührte meine Flanke mit ihrer kühlenden Wange. "Warum sollte ich, du kleine Heldin? Du hast gerade eben Erstaunliches geleistet. Ehrlich, ich bin so beeindruckt, es würde mir nicht einmal etwas ausmachen, wenn du dich jetzt übergibst! Es sei denn, es trifft mein Handy." Wie um ihr heiliges Handy zu beschützen, legte Rea ihre schlanke, ringbesetzte Pfote darauf. Erschrocken bemerkte ich, wie dürr die Wölfin doch insgesamt war. Wir mussten darüber unbedingt reden...nach meiner nächsten Teleportation.
    "Das meine ich nicht.", erklärte ich ihr und litt unter dem Entsetzen, das ihr Gesicht widerspiegelte, als ihr klar wurde, was ich vorhatte. Sie keuchte: "Wildherz, nein!" Doch ich konnte sie nicht mehr hören; stattdessen stand ich nun Geißel gegenüber, der mit gesenktem Kopf und wildem Blick auf unserem Seidenkissen lag.
    Mit einem Feuer in den Augen sprang er auf und es schien ihm Mühe zu kosten, sich nicht auf mich zu stürzen oder mich festzuhalten. Die Energie, die es mir kostete, hier mit Körper und Geist bei ihm zu sein, riss mich zu Boden.
    "Bleib!", befahl er. "Ich werde dich nicht anleinen. Ich werde dich nicht angreifen. Nur reden." Mein Blick fiel auf seine Pfoten, welche das Kissen mit frischem, unschuldigen Blut befleckten, das auch meines hätte sein können. "Rede so viel du willst, ich werde dir nicht zuhören.", keuchte ich und er hätte mich töten können, denn ich schaffte es immer noch nicht, auf die Pfoten zu kommen. Wie als wäre der Boden aus Eis rutschten meine Krallen immer wieder weg, sodass es unmöglich war, ihm auf einer Augenhöhe zu begegnen.
    Ich jaulte, als ich über eine Kralle glitt, die wohl früher einer meiner Schülerinnen gehört hatte.
    Ängstlich starrte Geißel auf mich hinab, das Licht in seinen Augen wirkte durch die Tränen so klar wie noch nie. "Ich kann dich nicht gehen lassen.", krächzte er. "Du bist verletzt. Bitte...renn nicht weg..." "Geißel..." Ich schrie, denn die blutige Wunde an meiner Pfote traf erneut auf die Kralle. Das war keine Katzenkralle, stellte ich fest; ich hatte mich geirrt. Das war ein Taschenmesser, das da zwischen den Dielen steckte.
    Er legte sich hin, damit wir uns auf derselben Augenhöhe befanden, flüsterte: "Lass mich dir bitte helfen..." "Nein!" Er griff nach meiner verletzten Pfote, doch trotz der fürchterlichen Anstrengung jeder kleinsten Bewegung kroch ich mit bebenden Flanken weiter zurück. "Nein!", wimmerte ich. "Fass mich nicht an!" "Ich werde nicht nach dir suchen.", versprach er mir schnell. "Gib mir einfach dein Halsband, dann komme ich nicht in Versuchung. Ich will nur...ich werde alles tun, damit du zurückkommst." Das unkontrollierte Zucken seiner Pfote, die Tatsache, dass er sich nur schwer zurückhalten konnte, mich einfach festzuhalten und mich zu zwingen, wieder herzukommen, sie verrieten mir, dass er nicht log, diesmal nicht. "Ach ja?", knurrte ich. Ich hatte keine Ahnung, ob er alles hörte, was ich sagte, da die Kraft zu sprechen genauso wie die Fähigkeit, meinen Körper hier erscheinen zu lassen, mich verließ. "Warte!" Geißel sprang auf, hetzte aus dem Raum und kam zurück mit rot durchtränktem Moos. Halt. Das war kein Moos.
    Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz, als ich begriff, dass dieses blutdurchtränkte Päckchen eine tödlich verwundete Akazienpfote sein musste.
    "Nimm sie mit.", sagte er. "Sag deinem Clan, egal auf welche Weise, dass sie nicht mehr hierherkommen dürfen. Ich versuche alles, um sie auf Hauskätzchen und Streuner zu hetzen, dann habt ihr wenigstens eine faire Chance." Sämtliche Wut verflog und ich lächelte so unendlich dankbar für das, was er getan hatte. "Du hast sie gerettet, Geißel. So etwas vergesse ich nicht."
    "Komm zurück.", flehte er, doch mein Körper und der einer halb toten Akazienpfote waren bereits wieder bei Rea.

    25
    "Himmel und Hölle!" Schon zum zweiten Mal an einem Tag musste Rea aus dem Nichts auftauchenden, diesmal schwer verletzten Katzen ausweichen. Blut benetzte das Gras schneller als der Tau diesen Morgen. "Wenn er euch angegriffen hat....", knurrte die Wölfin drohend, doch ich schüttelte schwach den Kopf und versuchte beim Reden das Blut zu ignorieren, das aus meinen Ballen strömte: "Nein, nein, ich war einfach nur zu dumm zum Aufstehen."
    "Rea! Was ist passiert?" So flink wie Runner der Hase, raste eine weiße Kätzin über die Wiese auf uns zu, deren Augen funkelten wie lichtbesprenkelte Blätter. "Yuki!" Rea wäre vor Erleichterung fast ohnmächtig geworden, wenn sie nicht ein Geist und somit ans Bewusstsein gefesselt gewesen wäre. Die schöne Streunerin betrachtete Akazienpfote und mich, wie wir eng aneinderliegend immer mehr von wertvollem Blut verloren. "Rea, hol Spinnenweben, Watte, alles, was nötig ist, um die Blutung zu stoppen." Mit zuckendem Schweif näherte sich Yuki mir, aber ich riss den Kopf zurück. "Bitte.", winselte ich. "Fass mich nicht an." "Ich habe heilende Kräfte, die dir wichtige Minuten schenken werden, Clan-Katze. Ja, dein Geruch verrät dich. Ich kann nicht verhindern, dass, solange ich dich heile, deine Gedanken auch zu meinen werden, aber, SternenClan bewahre, sei der jungen Katze ein Vorbild und verschwende nicht dein Leben!" Geschlagen senkte ich den Kopf wieder auf die Erde und verbot mir an irgendetwas zu denken, das mit Geißel, dem BlutClan, dem MondClan oder auch nur irgendwie mit mir zu tun hatte. Es brauchten nicht noch mehr wissen, wie kaputt ich innerlich bereits war, niemand außer den Wölfen durfte es erfahren.
    Mit der Pfote streichelte mir Yuki behutsam über den Kopf und Hoffnung stieg in mir auf, Stolz, dass ich stark genug war, um die mächtigen Gefühle und Ängste zu verdrängen. Natürlich brach ich genau in dem Moment zusammen; Yuki wäre unter dem Ansturm von Psycho-Chaos beinahe selbst umgefallen.
    Bilder tauchten vor meinen Augen auf und es schmerzte so sehr, dass auch eine fremde Streunerin nun das fühlen konnte, was ich gespürt hatte, wie ich Geißel zum ersten Mal in die Augen gesehen hatte. Der besondere Moment, der trotz dem kleinen Untergang der Welt nur uns gehört hatte...
    Yuki und ich fuhren auseinander, als wäre sie es gewesen, die unter seinen Krallen hatte sterben müssen, nicht ich. Leise schluchzend rollte ich mich wieder zu einem Bündel Fell zusammen, das Pochen in meiner Pfote nicht halb so schlimm wie diese Angst, ihn endgültig verloren zu haben. Garantiert wurde er gerade von Riley getröstet, denn sie war selbstbewusst, konnte kämpfen und würde ihre gemeinsamen Jungen stark erziehen.
    Ich kannte meine Kinder nicht einmal, ich war eine verlorene Seele, die nur noch nicht tot war, weil die Engel mich nicht wollten. Wer wollte mich schon? Sogar Riley hatte mehr Charakter als ich.
    Vorsichtig stieß Rea mir in die Seite, aber ich reagierte nicht einmal. "Wildherz.", sagte sie. "Wein bitte nicht. Du wolltest stark sein, erinnerst du dich nicht mehr?"Als ich über mein Fell hinweglugte, konnte ich die Tränen in ihren Augen sehen, genauso wie schon bei so vielen anderen. Ich hasste mich selbst dafür, dass ich sie zum Weinen brachte und das war es doch gewesen, weshalb ich meine Schmerzen nicht mehr zeigen wollte, oder nicht? "Es...es geht schon.", schniefte ich, Rea presste mir große Bündel Spinnweben auf meine blutige Pfote. "Yuki, bitte sag mir, dass ich sterben werde und Akazienpfote es zum MondClan schafft." Yuki und Rea wechselten einen verzweifelten Blick. "Du solltest nicht so denken, Wildherz." Ich senkte den Blick. "Ich habe kein Glück verdient. Lasst mich alleine. Eine Schülerin sollte niemals eine Kriegerin so sehen." Und trotz ihrer furchtbaren Schmerzen hob Akazienpfote den augenlosen Kopf, mit dem sie für meinen Fehler hatte büßen müssen. Ihr Anblick tat weh. Ich hatte sie zu einem Monster gemacht, aber nur äußerlich, weil das wilde Tier unter uns immer noch ich war.
    "Wildherz..." Blut rann ihr aus dem Maul, während sie trotz Yukis protestierendem Fauchen krächzte. Es hörte sich schrecklich an, genau nach dem, was in meinem Herzen abging. "Du hast mir gezeigt, dass Verlieren zum Kämpfen dazugehört. Ohne dich hätte ich Riley nie so lange standhalten können." Ich konnte mich nicht einmal mehr an ihre Augenfarbe erinnern, stellte ich mit Panik fest und gegen meinen Willen atmete ich immer schneller, bis ich nur noch husten musste.
    "Rea, gib mir das Kraut da.", verlangte Yuki. Noch bevor ich mich hatte wegdrehen können, presste mir die weiße Kätzin ein gezacktes, nach Zuhause duftendes Blatt auf den Mund. "Du musst langsamer atmen. Dein Geist und dein Körper haben sich heute sehr angestrengt, wenn du wirklich zweimal raumgesprungen bist."

    Dicke Tränen rollten mir über die Wangen und ich hörte Akazienpfote schluchzen: "Yuki, sie darf nicht sterben." "Keine Angst." Die Entschlossenheit in Yukis Stimme war noch tief gehender verankert als meine Angst vor Gewittern, was ich lieber nicht hätte denken sollen, denn ein spätes Sommergewitter brach ausgerechnet in diesem Moment über uns los. "Sie wird es nicht schaffen, solange ich es verhindern kann.", knurrte sie. "Was schaffen?", fragten Rea und Akazienpfote gleichzeitig. Yuki seufzte. "Wildherz hatte schon einmal Selbstmordgedanken, vor langer Zeit...mehr will ich nicht sagen. Ich habe Respekt vor Kriegern, die wirklich kämpfen und zwar nicht mit Zähnen oder Krallen. Du gehst nirgendwohin, Katze." Rea knurrte: "Otin hat gesagt, sie wäre manchmal traurig, nicht, dass sie Depressionen und Suizidgedanken hat. Yuki, du kennst dich mit solchen Problemen aus, was sollen wir tun?" Yuki blinzelte unglücklich. "Lasst sie bloß nicht alleine, mehr könnt ihr nicht machen. Sie soll lachen. Viel lachen. Andernfalls..." Abwesend starrte die Streunerin hinauf in die Sterne, von denen ich früher immer geglaubt hatte, dass sie mich erlösen werden. "Verzweiflung findet immer einen Weg. Gib nicht auf, Clan-Katze; der BlutClan und Fenneks Geisterrudel sind nicht nur dein Kampf. Du bist nicht alleine..." Langsam hob sie das Blatt zur Seite, sodass ich wieder ruhig sprechen durfte: "Ich habe mir immer so gewünscht, dass da jemand sein wird, der mir endlich hilft, so wie ich es immer für alle anderen versucht habe. Aber das stimmt nicht. Geißel kann Riley haben, warum sollte er dann mich mit den ganzen Depressionen und Angstzuständen und Schwierigkeiten haben wollen?" Yuki betrachtete gedankenverloren mein Halsband. "Ich denke nicht, dass er hinter Riley her ist." Leuchtend rote Buchstaben erschienen auf meinem Halsband, während wir alle entsetzt das blaue Leder anstarrten: Fennek hat mich gefragt, ob ich mit ihm zusammen die Clans beherrschen will; wir müssen nur an seiner Seite kämpfen, möglichst viele von euch töten. Wäre spaßig. Du könntest deine Kinder retten, wenn du dich bis spätestens in zwei Wochen freiwillig fangen lässt. Der gefärhlichste Anführer der Clans hatte mir gerade ein Ultimatum gestellt, und mir blieben nur noch zwei Wochen, um mich zwischen ihm und meinem Clan zu entscheiden.
    Rea winselte: "Wenn BlutClan und das Geisterrudel zusammen arbeiten...Yuki, das wäre das schlimmste Massaker, dem die Clans je ausgeliefert waren!" "Nein!", fauchte Yuki und berührte vorsichtig meine Flanke. "Wildherz, du musst keine Angst haben. Das SeeRudel schuldet mir noch etwas. Du kämpfst diesen Kampf nicht alleine." "Klar doch tue ich das!", entgegnete ich verängstigt. "Ich muss mich selbst ausliefern oder mein Clan ist es - WIE WÜRDEST DU DAS NENNEN?" Mit entschlossenem, wildem Gesichtausdruck packte mich Rea bei den Schultern. "Du lieferst dich nicht freiwillig aus, Wildherz. Lass Riley ihn haben. Du bist mehr als nur eine Sklavin." Yuki miaute leise: "Erinnere dich an Laubrache...du warst so jung und naiv gewesen, weißt du noch? Du hattest keine Chance, als er dich zu Jungen gezwungen hat. Da war so viel Angst bei diesem Gedanken, Angst, Wut und Verzweiflung...ER hat dich kaputt gemacht." Ihre Stimme versagte ihr. Mit eisernem Blick verlangte Rea: "Du wirst rennen, wenn du sie siehst, versprich mir das. Du wirst rennen und alles versuchen, um zu entkommen, damit du frei bist. Du wirst nur an dich denken und nicht stehen bleiben, egal, was sie dir zurufen, wie sehr sie dich unter Druck setzen, doesn't matter, ob sie dich einkesseln oder wenn es viele sind. Du wirst daran denken, dass du verloren bist, sobald sie dich gefangen haben, nicht an den MondClan, nicht an irgendjemanden, nicht an Geißel. Versprich es mir." Doch ich konnte es ihr nicht versprechen.

    26
    Das war Bonny, ganz sicher war das Bonny. Dieses rot-schwarz-weiße Fell, das noch länger schien als das von Sol oder Merida...Bernsteinaugen, aus denen blaue Sterne zu funkeln schienen...da stand sie, mein größter Alptraum in Katzengesalt nur wenige Fuchslängen von mir entfernt. Sie lächelte so kaltblütig wie damals, als ich dem Tod so nah gewesen war, wie niemals zuvor, dasselbe grausame Grinsen, das mich mir so tief eingebrannt hatte, dass die Narben an sich schon fast nicht mehr schlimm waren. Und da stand sie, lächelte und wartete darauf, es wieder tun zu können...
    "Wildherz!" Erschrocken fuhr ich zusammen und es war, als würde die Welt aus ihrer Starre erwachen. Otin trabte mit einem toten Hasen zwischen den Reißzähnen zu mir. Seine grauen Augen funkelten besorgt. "Wildherz, es ist alles gut. Was auch immer du gesehen hast, es war nicht echt." Tatsächlich war Bonny verschwunden und ich schämte mich dafür, dass diese Ängste mich nun selbst tagsüber während des Jagens im SeeRudel-Revier erreichen konnten. "Schau mich an.", verlangte Otin, denn er wusste, wie schlecht es mir immer noch ging. "Wer war es?" Ich schluckte und kämpfte um Kontrolle meines Körpers. "Bonny."
    Mit hoch erhobenem Kopf setzte sich Otin wieder in Bewegung und blieb erst stehen, als er den Fleck, den ich eben noch so angsterfüllt angestarrt hatte, erreichte. Er lag zwischen mehreren Farnen und drei schlanken Fichten. "Sie ist nicht da.", rief er mir zu. "Bonny ist tot, Wildherz." Nein, denn sie lebte in meinen Alpträumen weiter. Katzen konnten immer nur endgültig verschwinden, wenn niemand mehr an sie dachte, nicht eher. Nur wusste das Otin nicht, weil er ein Wolf war (noch dazu nicht einmal lebendig) und er meine Kultur nicht gut genug kannte. Bonny würde wiederkommen. Unser Kampf war noch nicht zu Ende.
    "Du musst dich besser konzentrieren.", riet mir Otin, während er zurückkam. Ihm gefiel der Rest der Panik nicht, die noch immer in meinem Zittern und meinen kleinen, hecktischen Bewegungen zu sehen war. Mir übrigens auch nicht. Otin sagte: "Du musst lernen, dich nicht zu sehr an deine Vergangenheit zu binden, Katze. Wenn wir deine Schizophrenie nicht gut genug in den Griff bekommen, sind deine Chancen von Anfang an schlecht." "Hat dir das Yuki erklärt?", wollte ich wissen und ich blinzelte immer noch gestresst. Der Schreck saß so tief in den Knochen, als wäre Bonny genau neben mir. Otin fuhr sich nervös mit der Pfote über die Stirn. "Du leidest unter Depressionen, Schizophrenie, Angsstörungen und Minderwertigkeitskomplexen. Yuki kennt sich mit so etwas aus, du solltest ihr vertrauen. Oder sollten wir etwas von Paranoia wissen?"
    Tatsächlich gehörte Paranoia nicht zu meiner langen Liste der psychisch bedingten Störungen, die mir mein Leben zu meiner Verwandlung in eine Katze geschenkt hatte.
    Ein Zweig knackte hinter mir, sodass ich fast einen sehr katzenunähnlichen Purzelbaum hingelegt hätte. Ungünstiger Augenblick.
    Waren das Augen da hinten im Gebüsch?
    "Otin, kannst du bitte gehen?" Misstrauisch blinzelte er mich an. "Du musst die Schizophrenie kontrollieren. Yuki hat gesagt, dass wir dich auf keinen Fall alleine lassen sollen." Ich schnaufte tief durch und schloss einen Moment die Augen. Konzentration? Konnte er haben. "Dann lässt du mir keine andere Wahl.", keuchte ich, flog als winzige Schwalbe tiefer hinein in das Revier eines mir fremden Rudels.
    Erschöpft von der Verwandlung landete ich auf dem untersten Ast einer sehr alten Buche, von wo aus ich dachte, die Umgebung gut im Blick zu haben. Nur hatte ich leider eben nicht nach oben geschaut.

    "Verwandle dich zurück, Wildherz. Du musst hier niemandem beweisen, dass du eine Betrügerin bist.", zischte Sol mit gebleckten Zähnen, die einige blutige Vogelfedern entblößten. Der schildpattfarbene Kater saß einen Zweig über mir, den Blick fest auf seine Beute unter ihm fixiert. "Los, mach schon." Erschrocken zwitschernd entfaltete ich meine Schwungfedern, um zu entkommen, aber Sols gewaltige, rot leuchtende Pfote drückte meinen schwachen Vogelkörper mühelos auf die Rinde. "Irgendwie gefällt es mir, dich so zu sehen.", säuselte er und auf einmal war ich mir sicher: das im Wald vorhin war nicht Bonny gewesen - sondern Wüstensees Gefährte.
    "Lass uns eine kleine Reise machen.", schlug er vor, im nächsten Moment umgab uns durchdringender, erstickender Nebel, der mich schlimm husten ließ. Er ließ von mir ab, die Krallen nur wenige Zentimeter über meinem Kopf in der Luft. "Du hast mir meine Kinder gestohlen, Betrügerin. Das bist du und nichts weiter. Niemand braucht dich. Hör also auf mit dem Versteckenspielen, ich will dich in DEINER Gestalt sterben sehen." Röchelnd verwandelte ich mich in die schwache, schwarze Katze zurück, aber das gab mir noch lange keine Superheldenkräfte. Der Nebel des Waldes der Finsternis war reines Gift für mich geworden.
    "Spürst du, wie sich Sterben anfühlt? Dieses Gefühl von Machtlosigkeit, erdrückender Angst, diese Einsamkeit...dank dir werde ich all das nie mehr vergessen. Eine zweite Chance, hast du gesagt. Du hast mir versprochen, dass alles gut wird. Dass ich nicht böse bin, dass NIEMAND böse ist. Du bist eine Betrügerin, Wildherz, eine schwache Seele, die sich hinter ihren Illusionen versteckt."
    Langsam nahm ich meine Umgebung durch den tödlichen Nebel näher war und Sol hatte mich tatsächlich zurück in den Wald der Finsternis gebracht. Eine steile Klippe, die in einem schwarzen, Blasen schlagenden See unter ihr mündete, erstreckte sich vor uns in den wolkenverhangenen Himmel der Katzenhölle.
    "Erinnerst du dich an diesen Ort?", knurrze Sol, sein peitschender Schweif stieß Kiesel in den Abgrund zum schwarzen See.
    "Ich habe dich zum Sterben hergebracht."
    "Nein...ich will meine Kinder wiedersehen...ich will noch einmal bei Geißel sein...ich bin nicht bereit..." Der Nebel machte es mir schwer klar zu denken, geschweige denn zu sprechen und ich spürte meinen Lebensmut schwanken, während sich die Dämonen in mir freikämpften. "Wegen dir werde ich meine Kinder nie aufwachsen sehen. Du bringst Wüstensee in Gefahr. Du bringst alle in Gefahr, die nur in deine Nähe kommen. Tu es. Spring. Erlöse diese Welt von dir. Du bist so und so nichts wert."
    Mit zitternden Pfoten näherte ich mich der Klippe, bis das schwarze Wasser meine Augen widerspiegeln konnte. Schreie ertönten, die nicht von hier, sondern der Vergangenheit kamen, und zwar direkt aus meinem Herzen. Schrie auch ich?
    Vergib mir, SternenClan. Ich kann nicht mehr. Nehmt jemanden, der es wert ist.
    Wie die Sirenen schien der Abgrund mir zuzuflüstern...oder war es Sol?
    Die Schmerzen werden aufhören, das willst du doch so sehr. Es ist zu Ende. Fühlt es sich nicht toll an? Du musst nur noch loslassen, Wildherz, lass los und ich werde dir deine Freiheit zurückgeben...spring, Kätzchen...
    Mein ganzer Körper zitterte nun, sodass es mir schwer fiel, die Vorderpfote anzuheben, sie über dem Blasen werfenden, schwarzen, tödlichen Wasser schweben zu lassen. Darf ich gehen? Bitte, ich will, dass die Schmerzen aufhören. Werden sie? Es gab nur einen Weg, es herauszufinden und das hatte ich schon immer gewusst. Bis jetzt war es nur die Angst gewesen, die mich zurückgehalten hatte, aber hier...in der Hölle...
    "SPRING!", brüllte Sol mich an. Und ich sprang.

    "WILDHERZ!" Ein gewaltiger Körper stieß mich im letzten Moment während des Sprungs zur Seite, sodass ich hustend über den Boden zu Sols roten Pfoten rollte. Otin stand da, die Zähne zu einer wütenden Grimasse verzogen, die sogar Bonny in die Flucht geschlagen hätte. So aber nicht Sol, der sich immer noch nach Rache für sein verlorenes Leben sehnte und auch bereit war, für sie zu kämpfen.
    "Otin, so ist dein Name, nicht wahr?" Otin schnaubte. "Du denkst, es hätte Ehre, eine depressive Kätzin in den Selbstmord zu treiben? Was sind die Clan-Katzen nur erbrämlich geworden."
    "Ich kann sie immer noch töten.", entgegnete Sol. "Sieh sie dir doch an." Kam mir irgendwie bekannt vor. "Sie kann kaum atmen, wie soll sie sich da verteidigen?" Der tödliche Nebel umfing mich wie ein gefährliches Gas und ich wusste, dass Sol so was von recht hatte. Wäre ich nur rechtzeitig gesprungen.
    "Geh.", sagte ich zu Otin. "Lass mich endlich sterben; DAS ist mein einziger Wunsch. Tu mir diesen letzten Gefallen." "Du weißt, nicht von was du sprichst!", entgegnete Otin heftig, doch ich unterbrach ihn mit durchdringendem Blick. "Ach ja?" Furcht und Trauer erschienen auf dem Gesicht des Geisterwolfs, als ihm einfiel, dass ich ja bereits gestorben war. Er jaulte: "DAS IST ALLES DEINE SCHULD, SOL!"
    Mit einem erstaunlichen Satz hatte sich der Wolf auf die rot glühende Katze gestürzt und weil Sol lebendig sein musste, um Rache zu üben, wandt er sich aus Otins tödlichem Klammergriff und floh zurück in die Schatten.
    Otin und ich waren wieder im Wald des SeeRudels.

    27
    Seit drei Tagen schon ließen sie mich nicht mehr aus dem Wolfsbau, der ununterbrochen von Otin bewacht wurde. Eine große Narbe zierte nun die Wange, welche von Sols einzigem und letzten Schlag getroffen worden war, aber er trug sie wie einen Orden, da sie daran erinnerte, wie er mich vor dem Tod gerettet hatte. Obwohl ich nicht sicher war, ob hier irgendjemand außer ihm es Rettung nennen würde. Yuki trabte zu mir heran, eine fantastisch duftende Tafel Vollmilchschokolade im Mund. "Wie geht es dir, Süße?", begrüßte sie mich und legte mir die Süßigkeit vor mein warmes, schützendes Nest. Niemand durfte es betreten außer mir, dafür hatte sich auch Yuki bei Juta eingesetzt.
    Unsicher schnupperte ich an der Schokolade, dich sie rief nichts weiter wach als Erinnerungen aus Tagen, wo ich nicht nur traurig, sondern auch sehr alleine gewesen war. Ich drehte mich weg.
    Immer darauf achtend, mir meine Pufferzone zu lassen, setzte sich Yuki mit einem freundlichen Blinzeln neben mich. "Warum willst du die Schokolade nicht essen, Wildherz?" Eingehend betrachtete ich meine Pfoten, stellte mir vor, wie sie auf der Flucht vor Geißel über den Waldboden donnern werden. Uns lief die Zeit davon. Sie mussten mich gehen lassen. Es ließ mich etwas lächeln, dass es mir trotz Otin in den letzten Tag jedes Mal gelungen war, heimlich zurück in den SeeRudel-Wald zu rennen, der gegenüber des Waldes meines Territoriums lag. Na gut, heimlich traf es nicht ganz.
    Immer, wenn ich die Höhle hinter mir ließ, um über Sol, den BlutClan und mich selbst nachzudenken, spürte ich Otins besorgten Blick in meinem Rücken, aber er tat nie etwas, um mich aufzuhalten, da lag nämlich dieses stille Versprechen zwischen uns: Solange ich zurückkam und zwar lächelnd, solange würde er es nicht wagen, mich an meiner Freiheit zu hindern.
    Abscheinend ahnte das auch Yuki. Sie sagte: "Wenn du noch nicht bereit bist, zu reden, gehe ich sofort. Du musst gar nicht sagen. Aber bitte verrat mir, wieso du dich heimlich hier wegschleichst." Zwar wollte ich Yukis Frage beantworten, aber ihr dabei in die Augen zu sehen, dafür war ich noch zu schwach.
    Ohne die Aufmerksamkeit von der Wand mir gegenüber zu nehmen, miaute ich leise: "Ich weiß, dass ihr euch alle große Sorgen wegen mir macht. Aber du musst keine Angst haben, wenn ich die Höhle verlasse, ich habe nicht wieder vor, Selbstmord zu begehen. Es ist mir wichtig, endlich über die Dinge nachzudenken, die mir bereits geschehen sind. Ich brauche das, um sie zu akzeptieren." "Ich verstehe das.", seufzte die weiße Kätzin bedauernd. "Meine jüngere Schwester hat Selbstmord begangen, weil ihr Gefährte sie mit den Jungen verlassen hat und ich habe ihren Tod sehr lange nicht wahr haben wollen. Es ist trotzdem wichtig, weiter zu kämpfen, denk bitte daran."
    "Yuki, darf ich dir etwas anvertrauen?", fragte ich sie zögerlich. Yuki nickte eifrig. "Nur, weil ich eine Streunerin bin, heißt das nicht, dass Loyalität auch für mich wichtig ist."
    Es war tatsächlich sehr schwer für mich, es endgültig auszusprechen, es nicht mehr nur in meinem Kopf existieren zu lassen. Ab dem Moment, wenn man es erzählte, gehörte es nämlich zur greifbaren Realität, begriff ich.
    "Ich habe so große Angst, weil ich mich mit den Sachen, die mir schon seit meiner Geburt geschehen sind, nie wirklich auseinandergesetzt habe. Irgendwie war ich immer nur damit beschäftigt, gegen die Depressionen anzukämpfen oder nicht zu sterben. Es fühlt sich aber besser an, darüber nachzudenken. Und es auszusprechen, macht es echt, sodass ich mich dagegen wehren kann." "Niemand kann gegen etwas antreten, dass nicht real ist.", pflichtete sie mir bei. "Danke, dass du mir das erzählt hast. Es gibt nicht viele, die mir vertrauen. Man darf nicht vergessen, dass ich eine Streunerin bin." Endlich löste ich den Blick von der Wand, bis ich in die erschütterteten Augen von Yuki sah, die trotz all ihrer eigenen Schmerzen immer noch versuchte, Katzen wie mir zu helfen.
    "Du hast eine gute Seele, Yuki.", sagte ich. "Dass du alleine lebst, macht dich nicht zu einer Katze ohne Loyalität."
    Sie hob den Kopf und blinzelte mich unsicher an. "Meinst du? Ich weiß nicht, wie sollte ein Streuner schon lernen, was Loyalität ist. Schon so viele Krieger haben mir erzählt, ich hätte keinen Wert, irgendwann habe ich es wohl angefangen zu glauben." Ich schüttelte den Kopf. "Ein gutes Herz entsteht nicht durch deinen Umgang, sondern die Entscheidungen, die du triffst. Außerdem bin ich eine Anführerin, die mehr Loyalität und Verrat mitbekommen hat, GEFÜHLT HAT, wie nur wenige. Du solltest nicht auf die Meinung von ahnungslosen Kriegern hören, denn, wenn sie so etwas denken, dann waren sie nie wirklich welche."

    "Aber du musst mir einen Gefallen tun.", flehte ich Yuki an. "Bitte, im Namen des SternenClans und meiner Clan-Gefährten. Sprich mit Rea, auf dich wird sie hören." Ein Schatten senkte sich über ihr Funkeln. "Du denkst, Rea wäre magersüchtig, aber sie isst gut. Seit ihrer frühen Kindheit leidet sie an einer Krankheit, die ihren Körper daran hindert, wichtige Fetteinlagerungen zu bilden, sodass ihr Gewicht viel zu gering ist. Nimm bitte Rücksicht auf sie. Und vor allem auf dich."
    Yuki verließ die Höhle und ließ mich alleine im Dämmerlicht zurück, jedoch nicht GANZ einsam.
    "Ich sollte dich wirklich töten.", knurrte Sol hinter mir. "Du weißt, dass du es verdient hast, hm?" Obwohl ich am ganzen Körper zitterte wie ein in die Enge getriebenes Reh, erhob ich mich und wandte mich mit feurigem Blick meinem Gegner zu, der lässig an der Höhlenwand lehnte, ohne mich aus den Augen zu lassen.
    "Wenn du denkst, ich hätte in den letzten Tagen nur nachgedacht, hast du dich geirrt, Sol. Vielleicht leide ich unter sämtlichen Störungen, die es gibt, aber ich werde alles tun, um meine Freunde vor dem BlutClan und den Wölfen verteidigen zu können." "Du hast trainiert?", fragte er und tat nicht einmal so, als ob er mir glaubte. "Kein Kampfzug wird dich vor mir oder dich selbst schützen, weil du einfach nur winzig bist. Ohne deine Gestaltwandler-Fähigkeiten bist du schutzlos. Komm. Du hast gesagt, du bist in der Lage zu kämpfen? Beweise es mir." Der Stein des Bodens unter mir fühlte sich kalt und hart an, man hörte meine Kralken, die ihn zerkratzten. Trotzdem beherrschte ich mich besser denn je.
    "Der SternenClan hat mir von meiner Gabe erzählt, um meine Größe und körperliche Schwäche auszugleichen, um mich vor Monstern wie dir zu bewahren, sodass ich eine faire Chance gegen euch habe." Wie zwei Tiger vor dem Angriff umkreisten wir uns geduckt und mit flach angelegten Ohren. Mit aufgestelltem Rückenfell wirkte Sol locker dreimal so groß wie ich in meiner "normalen" Katzengestalt.
    "Wenn du denkst, du kannst erst von deiner Rache ablassen, sobald du gekämpft hast...tu dir keinen Zwang an. Aber ich werde meine Möglichkeiten nutzen, so wie du deine. Es spielt keine Tolle, ob sie magisch, natürlich oder genmanipuliert sind.", verteidigte ich mich. Sol schnaubte. "Denkst du, ich rieche deine Angst nicht? SIE ist der einzige Grund, weshalb du einem gleichen Kampf aus dem Weg gehst, denn ohne deine Magie oder deinem mächtigen SternenClan bist du nichts. Hast du das gehört, WILDSTURM? Du bist ein Nichts." "EINE Nichts, bitte sehr.", konterte ich ungerührt. "Du willst Rache? Komm und hol sie dir. Greif an. Ich werde mich nicht wehren."
    Und weil ich wusste, dass dieser Krieg bereits gewonnen war, ließ ich mich zurück auf den Stein sinken, sah von unten zu Sols zitternder Kehle hinauf, konnte die Angst und die Wut sehen, die in ihm gegen einander antraten. "Worauf wartest du noch?", fragte ich leise. "Keiner wird dich hören oder sehen. Wenn ich tot bin, hast du deine Familie gerächt, wird das nicht fantastisch sein?" Doch Sol zögerte, eine Vorderpfote unsicher, was zu tun, in der Luft erhoben. Seine Krallen an ihr zuckten verkrampft.
    Er knurrte: "Warum bist du nicht einfach schnell gesprungen, so wie du es vorhattest? WAS macht dich auf einmal wertvoller als vor drei Tagen? Ich verrate es dir sogar: Gar nichts. Du bist und bleibst auf ewig eine ängstliche Betrügerin. Nicht einmal einem fairen Kampf stellst du dich." "Ich habe trainiert UND nachgedacht, Sol. Dass du nun an deiner Entscheidung zweifelst, zeigt mir, dass du NICHT böse bist. Das ist keine Wut, Sol, das ist etwas, das ich selbst auch jeden Tag in mir trage, aber es lieber MICH fressen lasse, als jemand anderen. Weißt du, wie ich es nenne? Dort, wo ich herkomme, bezeichnet man es als Trauer. Du trauerst um dein verlorenes Leben und das ist gut so."
    Sol jaulte: "Kannst du dir vorstellen, wie es sich anfühlt, alles, was dir wichtig ist, verloren zu haben? Den Grund weshalb vor sich zu sehen und nichts tun können, um ihn zu vernichten, so wie er es bei dir getan hat? Ohne dich wäre ich noch lebendig." Da war so viel Schmerz in seinem Fell, in seinen gelben Augen, der Art, wie seine Beine zuckten, seine Kiefer aufeinander rieben, dass ich wusste, wir litten beide zusammen. "Was ist dein Lieblingstier?", wollte ich wissen. Sol antwortete: "Ich kann nicht mehr lange bleiben, meine Zeit als Geist ist für heute vorbei. Aber ich habe immer Schäferhunde bewundert, weil sie stark und treu sind." "Bring mir einen toten Schäferhund, der NICHT durch dich gestorben ist." "Wieso?", fauchte er. "Was wirst du tun?" "Ich begleiche meine Schuld.", seufzte ich. "Kann sein, dass du mich tot sehen willst, aber Wüstensee und deine Kinder brauchen dich lebend."

    28
    Spät nachts saßen die massige, dunkelbraun getigerte Kätzin mit den ruhigen, blauen Augen und eine etwas kleinere Katze mit schönem, blauem Fell beieinander, betrachteten die schlafende Wildherz, die zum ersten Mal seit Tagen wieder lächelte. "Es ist rührend, dass du dich nach all der Zeit noch immer um sie kümmerst.", sagte die Blaue mit einem zufriedenem Ausdruck auf dem Gesicht zu der anderen. "Vielleicht erzählt man dir das nicht sehr oft, aber du gehörst zu den loyalsten und klügsten Katzen, die ich je kennen gelernt habe." "Ich danke dir, Blaustern.", antwortete Habichtrose, die nun tote Heilerin des LibellenClans. Doch sie wirkte nicht glücklich und der Blick mit dem sie die neue Kraft schöpfende Anführerin des MondClans betrachtete, erzählte von all den Sorgen und Ängsten, wie sehr Habichtrose mit ihrer engsten Freundin litt. "Trotzdem waren wir nicht stark genug, um sie vor diesem schlimmen Schaden zu schützen. Wir hätten sie verteidigen müssen." Blaustern seufzte. "Gegen ihr Schicksal? Habichtrose, ich weiß, dass du alles tun würdest, um ihr diesen letzten Kampf zu ersparen, aber du kannst nicht den Weg einer Kriegerin umlenken, wenn sie diesen schon vor langer Zeit eingeschlagen hat. Außerdem würde Wildherz es nie zulassen, dass du sie von ihrer Aufgabe entbindest. Viele denken, dass ihr Schicksal und diese Aufgaben ihre Seele zerbrochen haben, aber das waren Schmerzen, die nötig sind, um stärker zu werden. Wildherz ist eine sehr starke Katze, selbst, wenn sie es nicht sieht. Das ist eine ihrer gefährlichen Schwächen, findest du nicht auch?"
    "Es ist nicht in Ordnung, wie der SternenClan sie als Schachfigur benutzt, Blaustern. Sie hatte sich ein gutes Leben verdient." Im Schlaf zuckte die schwarze, kleine Kätzin mit den Pfoten wie bei einer Hetzjagd. Bei dem Gedanken, dass dies schon bald alptraumhafte Realität sein könnte, stellte sich der Heilerin das Nackenfell auf, was nicht sehr oft geschah. "Versprich mir, dass du alles tun wirst, um ihr zu helfen, Blaustern." Blaustern stupste das Ohr der schlafenden Kriegerin mit ihrer rosa Nase an, sodass Wildherz' Pfoten sich wieder entspannten. Sie würde so und so nach all ihre Kraft brauchen. Blaustern miaute: "Der SternenClan ist immer bei dir, auch wenn du den Nachthimmel gerade nicht siehst. Allerdings brauchst du uns nun nicht mehr. Du hast Freunde, vergessen? Du bist das Band, das den MondClan zusammenhält, deshalb musst du bald wieder zurück."
    Mit einem letzten Seufzen verschwand zuerst Habichtrose, Sekunden danach auch Blaustern.

    Geißel fand mich im Traum, wie immer eigentlich, weil ich mich weigerte, sein Halsband abzulegen. Es wäre fairer gewesen, die SternenClan-Katzen hätten mit mir im wachen Zustand geredet. Geißel und ich befanden uns in einer weiten Graslandschaft mit nur wenigen, vereinzelten Bäumen, deren verfärbtes Laub im Wind raschelte. "Ich habe dich gefunden.", sagte er. "Wenn du jetzt wegläufst, werde ich dich jagen. Du weißt, dass es gar nicht anders geht, dieser Instinkt ist mir angeboren. Also. Deine Entscheidung?" "Tu mir das nicht an." Das sich im Wind biegende Gras ging ihm bis zur Brust, während ich noch nicht einmal richtig darüber schauen konnte. "Es spielt für mich keine Rolle, ob ich dich als Anführerin und Symbol des MondClans oder meine Gefährtin in die Knie zwinge. Aber ich werde es tun." Ich wich geduckt und mit angespannten Muskeln zurück. Meine Krallen bohrten sich in die Erde unter mir wie kleine Dolche, doch ich hatte längst beschlossen, sie im Kampf nicht mehr einzusetzen, sondern einfach so schnell zu fliehen, wie es meine Kordination hergab. Ich wimmerte: "Geißel, im Namen des MondClans flehe ich dich an: Es ist nicht nötig, dass du beweist, wie mächtig du bist. Niemand bezweifelt, dass du uns töten kannst, auch ich nicht. Du hast mir versprochen, wir dürfen leben, ist dir das gar nichts mehr wert?" "Wenn du nicht wegrennen würdest, wäre ich auch nicht gezwungen, dich zu jagen.", knurrte er und duckte sich ebenfalls laufbereit, als er bemerkte, wie ich mit der rechten Hinterpfote einen Schritt zurück machte. "Hör auf, dich wie Beute zu verhalten, dann behandle ich dich auch nicht so." "Beute!" Fauchend sprang ich auf und für einen kurzen Moment war ich sogar größer als er, weil er immer noch sprungbereit im Gras kauerte. "BEUTE.", knurrte ich. "Mehr bin ich nicht für dich, nicht wahr? Du wirst schon sehen, was passiert, wenn sich der Kojote an der Herde der Leitstute vergreift!" Pfeilschnell schoss Geißel nach vorne, sodass ich mit einem lauten "Uff!" auf dem Rücken landete. Mit kräftigen Hinterbeinen drückte er mich nieder, seine Krallen der rechten Vorderpfote strichen am Leder meines Halsbandes entlang. "Vielleicht hast du vergessen, dass ich die Herde gar nicht brauche, um sie zu vernichten." Sein Mund verzog sich zu einem triumphierenden Grinsen. "Die Leitstute reicht vollkommen." "Nicht, solange sie rennen kann!" Geschickt rollte ich mich zu einer kleinen Kugel zusammen, dann zur Seite und als Geißel auf mich zusprang, duckte ich mich einfach unter seinen Pfoten hinweg. Er landete hinter mir, wirbelte mit dem Feuer eines Jägers in den Augen wieder zu mir herum. "Das war ganz schön arrogant." "Wie bitte?" "Warte nur, bis ich dich erwische. Du wirst für den Rest deines Lebens entweder an der Leine laufen oder eingesperrt sein, das kann ich dir versprechen." Ich lachte freudlos. "Und ICH bin arrogant? Na, was für ein Glück, dass ich dir nicht gehöre!" "Tust du aber." Auf einmal war ich mir sicher, dass ich schnell und geschickt genug sein würde, wenn ich es nur wagte. Ein neuer Überlebenswille, der Wunsch nach Freheit und ihn, den "großen" Geißel endlich scheitern zu sehen, hatte mich mit eisernen Krallen gepackt. "Die Leitstute kann aber nur gezähmt werden, wenn du sie überhaupt jemals erwischt. Und selbst dann: Ich werde schon dafür sorgen, dass mein Herz, meine Seele und mein Körper MIR gehören.", knurrte ich entschlossen. Geißel war davon nur wenig beeindruckt, auch wenn er vielleicht ahnte, was es alles gebraucht hatte, damit ich jemals in der Lage sein würde, wieder zu kämpfen.
    Er kam langsam und mit wachsamen Ohren näher. "Glaub mir, bis jetzt habe ich noch jede Katze gebrochen. Dieses Halsband." Mit blutbefleckten Krallen deutete er auf meine Kehle. "Du redest zwar die ganze Zeit nur davon, dass du unabhängig und wild und ungezähmt bist - der einzige Grund, weshalb von meinen Leuten niemand mehr auch nur daran denkt, dich einzufangen, liegt daran, dass ich dich als mein Eigentum markiert habe." "Wie kannst du es nur wagen..." "Tja, du warst wohl etwas zu langsam." "Meinst du, ich werde jemals wieder DIESEN Fehler machen? Ich habe dich geliebt, nein, schlimmer noch - Ich habe dir vertraut." Die Wahrheit fühlte sich in mir schwer an, wie ein Baby, das mich am Rennen und Verstecken hindern würde. Ich fügte hinzu: "Und weißt du was? So unendlich froh bin ich, dass wir niemals Junge bekommen haben!" Seine Hundekrallen gruben sich ins Gras und er war nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt. "Es gibt keine bessere Waffe, um eine Kätzin zu brechen, da hätte ich auf Bingo hören sollen. Du wirst mir gehören. Entweder du ergibst dich freiwillig oder ich zerre dich an einer Leine zurück. Aber keine Sorge, für dich wird es nur die schönste sein."
    Rea und Otin weckten mich.

    Schon als ich nur verschlafen blinzelte und die Furcht in Reas Winseln erkannte, wusste ich, dass die Schonfrist zu Ende war. Zwei Wochen waren vorbei und die Wucht dieser Realität traf mich so heftig, dass ich am ganzen Körper anfing, zu zittern. "Du musst dich beruhigen.", murmelte Otin mit gehetztem Blick und zittrigen Beinen. "Wir haben dich vorbereitet so gut es geht, du wirst es schon schaffen. Juta will dich noch einmal im Parcous sehen, um sicher zu sein, dass du bereit bist." Ich wollte nicht. Es wäre so viel einfacher gewesen, die Nase ins Moos zu stecken und die Geisterwölfe für mich kämpfen zu lassen, aber das war MEINE Jagd. Nicht ihre. Und ich würde schneller laufen denn je, um meiner Freiheit und die aller, die mir etwas bedeuteten, Willen. Nachdenklich stupste ich meinen Herzanhänger mit der Pfote an. "Ich werde mich nicht verstecken können, Rea. Das ist ein Peilsender." "Lass ihn mich dir abnehmen. Leder kann ich abreißen, du musst nur still halten." Wie gerne hätte ich dieses verräterische Warnsignal einfach in den klaren See geworfen, doch: "So funktioniert das nicht. Wir müssen das Spiel nach Geißels Regeln spielen." Otin knurrte frustriert. Seine Schwester erwiderte: "Iss etwas, Wildherz, dann komm zum SeeRudel-Waldrand. Juta hat den Parcours heute besonders schwer gemacht." Eigentlich verstand ich nicht, was mir das jetzt noch bringen sollte, denn ich fühlte mich wie bei meiner Henkersmahlzeit. Damit Yuki, Juta, Rea und Otin ein besseres Gefühl hatten, würde ich es jedoch noch einmal machen. "Wir sehen uns gleich.", antwortete ich und stolperte erst einmal über die Taube, mein Lieblingsessen, die Rea vor mein Nest gelegt hatte.

    "Wir müssen davon ausgehen, dass BlutClan und Fenneks Wölfe die Hetzjagd beeinflussen werden.", knurrte Juta, schritt nervös und mit bebender Brust vor mir auf und ab. Hier am Waldrand, möglichst weit weg vom MondClan/BlutClan-Revier, war noch kühler Schatten, der mein schwarzes Fell vor dem Überhitzen schützte. Eigentlich sollte das meine geringste Sorge sein, überlegte ich mir.
    Auch Otin, Yuki und Rea saßen bei uns und ich glaubte, ich hatte sie noch nie so erschüttert und ängstlich gesehen. Die Krallen der Teenie-Wölfin hatten bereits tiefe Rillen ins Gras vor ihr gerissen, die ihres Bruders schienen den Keller eines Wohnhauses fertiggestellt zu haben, während Yuki alle dreißig Sekunden ein Stoßgebet zum SternenClan schickte, dass sie ja auf mich aufpassten. Niemand passte je auf mich auf, aber ich wollte der weißen Kätzin mit den schreckgeweiteten, grünen Augen diesen kleinen Funken Hoffnung, dass ich dieses Spiel gewinnen könnte, nicht nehmen. Dafür gab es schon den BlutClan.
    Jutas Augen waren wild. "Fennek will dich in Ketten und zu Geißels Pfoten sehen, Wildherz, nur dann bist du keine Gefahr mehr für ihn und seine Macht, die er auf eure Clans ausübt. Zwar besagen die Regeln des BlutClans, dass ein BlutClan-Kater seine Sklavin selbst und ohne die Krallen von anderen gefangen haben muss, aber sie dürfen dich festhalten, einkesseln oder verlangsamen, bis er kommt. Du musst rennen, Wildherz. Bleib nicht stehen, egal, was dir Wölfe oder Katzen sagen, konzentriere dich darauf, deine Schizophrenie im Griff zu haben und am besten keine vorsätzlichen Selbstmordversuche mehr. Für dich sieht es vielleicht so aus, als wäre dem MondClan damit mehr geholfen, wie wenn Geißel dich in seiner Gewalt hat, aber der SternenClan und deine Freunde brauchen dich LEBEND." Eigentlich sah der heutige Parcours gar nicht so schwer aus wie sonst. Mehrere Äste von Sträuchern und Baumstamme wie Steine lagen verteilt auf meiner ungefähr dreihundert Meter langen Strecke, aber das sollte ich selbst in meiner Katzengestalt schaffen.
    "Sie wollen dein Blut und deine Position, Wildherz." Während Juta mir erklärte, weshalb mein eigener Gefährte mich jagen wollte, huschten ihre Augen immer wieder wachsam über die Wiese und den gegenüber liegen Wald, den ich für diese Übung nicht betreten musste. Wir alle spürten, dass mir die Zeit davon lief. Und sie würden mich nicht beschützen können, wenn die Hetzjagd erst losging, nur versuchen, BlutClan und Fenneks Wölfe daran zu hindern, mir im Weg zu stehen.
    "Du hast Menschen-, Katzen-, SternenClan- und Gestaltwandlerblut. Nur du bist in der Lage, Tote aus der Katzenhölle ins Leben zurückzuführen oder deinen Körper beliebig zu verändern. Es gibt nicht einmal andere Gestaltwandler, die diese Magie und dieses Gen auch an Kater weitergeben können, nur du. Geißel wird diesen Vorteil zu nutzen wissen. Mit dir kann er SternenClan, MondClan und somit alle anderen Clans erpressen. Mal ganz davon abgesehen, dass es viele Katze gibt, die sehr viel dafür geben würden, dir weh zu tun." "Ich weiß, dass du dich nicht verwandeln kannst, wenn du zu sehr von Gefühlen abgelenkt wirst.", schob Yuki in dieser furchtbaren Offenbarung ein. "Aber bitte versuche es trotzdem." "Das werde ich." Ich schluckte. Meine Pfoten zitterten so sehr und heftig, dass ich schwankend nach Halt suchte und diesen nur mühsam fand. Es war wie eine schrecklich verzerrte Wirklichkeit, in der ich nicht einmal richtig stehen konnte, weil meine Nerven so gequält und verängstigt waren.
    "Lauf noch einmal den Parcours ab.", schlug Yuta schließlich vor und schien es für eine gute Idee zu halten.
    Ich rannte los.

    In den letzten Tagen war ich in Sachen Ausdauer, Schnelligkeit, geschicktes Überlegen und Ausweichen um Survivor Dogs-, Harry Potter- und Warrior Cats-Welten besser geworden (vielleicht sogar einige Ready Player One-Universen), aber diese dreihundert Meter stellten alle meine neuen Fähigkeiten und auch meine Konzentration auf eine gefährliche Probe. Alle dreißig Zentimeter lag etwas - Stein, alter, asozialer Stiefel, eine tote Ratte, Blut, Holz, Knochen- oder ich musste aufpassen, dass meine Nase nicht mit weiteren Dornen oder Blättern oder fliegenden Geschossen demoliert wurde. Niemand feuerte mich an. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, sich entweder einzureden, dass ich gerade gut genug war oder überlegten, wann die Jagd beginnen musste. Vielleicht war Otin auch in den Sinn gekommen, dass es nicht unbedingt eine geniale Idee war, mich jetzt noch auszupowern, denn sein Blick ruhte ernst auf jeder meiner Bewegungen. Ich war zu hecktisch. Schon jetzt schüttete ich viel zu viel Adrenalin aus und das eigentliche Spiel hatte noch nicht einmal begonnen.
    "Das war eine schlechte Idee.", sagte Otin schließlich zu Juta, was ich nur verstehen konnte, weil Geräusche aus weiter Entfernung während des Rennens wahrzunehmen, ebenfalls zu meinem Traning gehört hatte. Vielleicht war ich ja doch nicht verloren. Ich wagte sogar zu behaupten, ich wäre schneller und kräftiger als Geißel.
    Die dreihundert Meter neigten sich dem Ende zu, das die gewaltige Eiche symbolisierte, an der Sol mich vor wenigen Tagen in die Katzenhölle verschleppt hatte. Da saß er. Sol. Der große Kater beobachtete mich aufmerksam, aber nicht so wie ein Jäger, sondern wie es ein Zuschauer bei den Gladiatorenkämpfen getan haben musste.
    Nein, sagte ich mir. Das stimmte nicht. Die Schizophrenie projezierte meine Erinnerungen in Form einer Person auf den Ast meines Ziels, das war nicht echt. Sol saß im Wald der Finsternis und ärgerte sich, dass er keinen toten Schäferhund fand, ich durfte nicht zulassen, dass meine Dämonen stärker als ich wurden.
    "Er ist nicht da.", keuchte ich bei den letzten, bemühten Sprüngen über Akazienäste und stinkende Fische. "Du bildest dir das nur ein. Nienand wird dir etwas tun." Bedächtig blinzelte mir Sol zu, was zur Folge hatte, dass ich schreiend und mit unkontrollierter Atmung bei dem Versuch, abzubremsen, durch den Dreck schlitterte. Sol saß immer noch auf dem Ast, spitzte die Ohren, weil er einschätzte, wie groß sein Sprung sein musste.
    Yuki keuchte: "Versammt, sie sieht etwas." "ES IST NICHT ECHT!", rief Otin mir zu und sprang in die Luft, damit ich zu ihnen hersah. "DU MUSST DICH KONZENTRIEREN. ES IST FAST ZU ENDE, IM BAUM IST NICHTS!" Doch die Art, wie Sol aufstand, um langsam die Rinde hinabzuklettern war mehr als real. Beinahe schien es, als könnte ich seinen durchdringenden Geruch von Fels und Moos in der Luft schmecken. Warum sah ihn niemand außer mir?
    Dann veränderte sich seine Gestalt, bis schließlich Bonny vor mir stand, der scharfe Dolch in ihrem Maul triefte vor Blut. "Hallo, Schätzchen.", säuselte sie. "NEIN! NEIN, NEIN!", schrie ich. Entsetzt beobachtete Juta, wie ich vor dem Baum davonsprang, die Augen weit aufgerissen und mit gesträubtem Fell. "Das ist nicht gut.", sagte Rea. "So etwas darf ihr während Geißels Spiel nicht passieren." Otin legte die Ohren an, weil er mit seiner Freundin litt. "Ich gehe sie beruhigen." Jutas Augen blitzten düster. "Tu das. Sie darf sich nicht so aufregen."
    Währenddessen kam Bonny immer näher, dasselbe psychpathische Grinsen im Gesicht, wie im Moment vor dem Beginn des Vs. "Nein.", wimmerte ich, vergrub das Gesicht in den Pfoten, während ich mich auf die Erde niederkauerte und Otin die Strecke auf mich zurannte. Bonny lachte.
    "WILDHERZ!", schrie Otin. Er wusste, dass ihr nicht wirklich etwas passieren konnte, weil das, was sie wahrnahm, nicht echt war, aber sie so unter ihren Angstzuständen zerbrechen zu sehen, war fast genauso schlimm. Bei meinem verlorenem Anblick bekam Yuki Tränen in den Augen, Rea und ihre Mutter wechselten unsichere Blicke. Ich hatte die Kontrolle verloren. Schon wieder.
    Als ich jedoch erneut aufsah, war Bonny oder meine Hallizunation verschwunden, weil ich mich in den paar Sekunden, in denen ich mir die Augen zugehalten hatte, wieder hatte beruhigen können. Meine Flanken bebten immer noch, aber ich konnte wieder so weit klar denken, dass ich zitternd und mit gesenktem Schweif aufstand und mir den Dreck aus dem Fell schüttelte.
    Otin seufzte vor Erleichterung, als er bemerkte, dass mein Zustand sich verbessert hatte, dann blieb er stehen; stutzte. Erschöpft von der Aufregung und dem Adrenalin drehte ich mich in seine Richtung und sagte gerade so laut, dass er es hörte: "Es...es geht schon wieder."
    "Aber das hoffe ich doch." Mein Herzschlag schien auszusetzen, während ich mich ganz langsam und mit verwirrt blinzelnden Augen wieder umdrehte. Ganz gelassen saß Geißel da und spielte gedankenverloren mit seinen Krallen. An ihnen klebte kein Blut, denn dafür würde noch ich heute sorgen.
    Rea jaulte: "WILDHERZ, LAUF! RENN UM DEIN LEBEN!" Doch ich starrte nur total geschockt den schwarzen Kater mit dem roten Stachelhalsband an, der nun ins Jagdkauern verfiel und sich mir vorsichtig näherte. "Ergib dich freiwillig, dann muss ich dir nicht weh tun.", säuselte er. Ich wusste, dass er versuchte mich zu beruhigen, damit ich in der Falle saß. Zwar konnte ich dann noch kämpfen, aber das war ein Kampf, den ich nicht gewinnen würde. "Lass mich gehen.", flüsterte ich. "Bitte." Geduckt wich ich zurück und mir war klar, dass er jeden Augenblick vorschnellen würde. In seinem Mund klimperten mit Eisen umwobene Seile, deren Edelsteine mit seinem entschlossenem Blick um die Wette glänzten. Ich sah mich selbst in ihnen, blutüberströmt und bewegungsunfähig. So weit durfte es nicht kommen.
    Otin war aus seiner Starre erwacht. Jaulend hielt er auf Geißel zu, welcher erschrocken den Kopf in die Höhe riss, dann fauchte: "Bleib stehen, Wolf. Meine Regeln sagen, dass nur Wildherz, der BlutClan, Fenneks Wölfe und ich mitspielen. Du willst doch, dass ich mich an die Regeln halte?" Otin zögerte, als wisse er nicht wirklich, wie er mir noch helfen konnte. "Ich kann sie auch töten.", knurrte Geißel genüsslich. "Es ist nicht schwer, jemadem mit Seilen die Luft abzuschnürren." Angst trat in das Gesicht meines Freundes und es machte mich wütend, dass Geißel so etwas tat. "Von mir aus mach mit mir, was immer du willst. Lein mich an. Bind mich fest. Zwing mich zu Jungen. Schnürr mir mit deinen tollen Seilen die Luft ab. Ich werde mich nicht wehren, sondern nur das tun, was du von mir verlangst." Ich grinste. "Hört sich das nicht verlockend an?" Geißel gluckste. "Warum willst du mich provozieren? Du wirst in Fesseln zu meinen Pfoten liegen, dann kann ich sowieso machen, was ich will. Es sei denn, du willst sterben. Oder deinen Clan sterben sehen. Dann töte ich deine Freunde und zwinge dich später dazu." Diese Sicherheit mit der er sprach, machte mir so große Angst, dass ich schon wieder anfing zu zittern. Natürlich bemerkte er das. "Du wirst freiwillig mit mir kommen oder ich zerre dich an Fesseln zurück." Seine Krallen funkelten, aber ich entgegnete trotzdem: "Dann wähle ich die Fesseln." Mit einem letzten, entschlossenem Fauchen jagte ich los.

    29
    Nicht stehen bleiben. Nur konzentrieren. Wenn ich über etwas stolperte, dann war die Jagd vorbei, alles vorbei, was mich hatte für die letzten Tage leben lassen... "Game over.", hörte ich Bonny hämisch flüstern, aber ich schüttelte heftig den Kopf, ein verzweifelte Kampf zwischen Realität und Angst begann. Was war da in den Schatten? Ich spürte ihr blutdurchtränktes Fell, das Schreien ihrer Opfer, zu denen auch ich zählte...NEIN. Ich durfte die Schizophrenie nicht gewinnen lassen, diesmal nicht.
    Man merkte, dass sich Geißel kaum Mühe gab, denn nicht einmal ich besaß noch Hoffnung, dieses Spiel zu gewinnen. Alles, was ich tun musste, war Laufen, Kämpfen und beten, dass es gereicht hatte, damit man später sagte, ich wäre eine gute Kriegerin gewesen. Dabei stimmte das nämlich gar nicht.
    Ich war immer noch ein Mensch, nicht einmal mein Körper oder Denken änderte etwas daran, was ich in meiner Seele fühlte. Früher hatten sie mich ausgelacht in der Schule, wenn ich von Feuerstern oder Häherfeder geschwärmt hatte, aber, wenn ich sie sehen lassen könnte, wofür ich nun kämpfte, um Personen am Leben zu halten, die Tiere UND meine Freunde waren, vielleicht hätten sie Respekt gehabt. Wem machte ich hier etwas vor? Hätte ich auf sie gehört, Rauchvogel hätte nie ihren schlimmsten Fehler begangen - zu meinen, als Clan-Katze wäre ich glücklicher.
    "Wildherz." "Renn, Kätzchen, oder hast du etwa Angst?" "Sie muss sterben." "Der SternenClan kann sie zur Katze machen, aber das Mädchen in ihr wird immer weinen." "Gnade." "Gnade?" "Rache. Wir wollen Rache für das vergossene Leben unserer Kinder!" "Die Wölfe werden herrschen." "Sie ist nur ein Opfer, das gebracht werden muss, um den Clans die Wahrheit zu zeigen - sogar der SternenClan kann sie nicht retten." "Gnade." "Rache." "Tod." Ich wusste nicht, ob es die Stimmen in meinem Kopf oder die Jäger waren, die das Schicksal gewählt hatte, um mich endgültig auf die Probe zu stellen. Für das Schicksal war es nämlich nichts weiter - nur meine Feuerprobe.
    Es fing an zu regnen, nein, es war ein Gewitter. Wo gerade noch Sonne schien, verdunkelten sich die Schatten und das Wasser, das von meinen Vorfahren zu mir herabfiel, machte die Walderde unter meinen Pfoten glitschig und tückisch. Geißel hetzte nicht, weil er wusste, dass ich verloren war und nur nicht bereit, es einzugestehen, aber er hielt das Tempo mühelos.
    Auf einmal sprang Riley vor mir aus dem triefenden Gebüsch, ihr Fell klitschnass vom gerade erst eingesetzten Regen, der auch mich stark unterkühlte. Sie hustete Blut, vielleicht, weil sie schon wieder jemandem die Kehle aufgeschlitzt hatte. Ich durfte nicht daran denken, wie sie damals die Narbe an meinem Hals berührt hatte, doch ich tat es, da mir die Zeit sowieso davonlief.
    "Warum kämpfst du überhaupt noch?", zischte sie. "Du bist eine arrogante Lügnerin, wenn du behauptest mehr als ein fliehendes, in die Enge getriebenes Hauskätzchen zu sein. Du hättest ein Mädchen bleiben und das falsche Leben ertragen sollen - jetzt wirst du unter deinem echten zusammenbrechen." "Niemals!" Durch den Matsch schlitterte ich beinahe unkontrolliert an der roten Kärzin vorbei. Riley lachte. Warum tat sie das? Die Antwort war der Rosenast, den sie neben sich unter das nasse Laub gelegt hatte, denn sie hatte gewusst, dass ich ihr ausweichen würde. Der stechende Schmerz in meiner blutigen rechten Vorderpfote und mein lauter Aufschrei waren der Preis dafür.
    Geißel kam hinter mir näher, nur taumelnd konnte ich seinen Krallen ausweichen, stürzte jedoch sofort in den Dreck. Meine Brust und meine vom Schweiß und Regen nassen Flanken hoben und senkten sich. Der Matsch verklebte die Seite, auf der ich lag, durch den Schmerz in meiner Pfote unfähig, mich zu rühren.
    Geißel schlenderte zu mir, ich würde ihm garantiert nicht mehr weglaufen. Zur Sicherheit legte er die Pfote auf meinen Bauch, doch ich schnaufte, hatte nicht einmal mehr die Kraft, sie wegzudrücken. Regen klatschte auf uns als wolle sich der SternenClan für die gejagte, am Boden liegende Kätzin retten, auf die sie all ihre Hoffnungen gesetzt hatten.
    Ich schluchzte. "Und da liegt die Leitstute schon am Boden.", meinte er ungerührt und fuhr seine Krallen aus, weshalb die Vögel noch einmal vor meinem Geschrei davonflatterten. Mühsam hob ich den Kopf an, blickte in die zufriedenen Gesichter von Riley und Geißel. "Warum tut ihr das?" Riley lächelte nicht mehr. "Es macht verdammt Spaß. Steh freiwillig auf oder..." "...ich schleppe dich selbst ins Lager." Geißel blinzelte starr auf mich herab. Die Seile in seinem Mund ließen Wasser auf meinen empfindlichen Bauch tropfen und allmählich wurde der Schmerz in meiner Pfote erträglicher. "Ich werde niemals aufhören zu rennen, hörst du das? Hoffnung lässt sich nicht anketten, sie wird immer einen Weg finden, selbst wenn ich tot bin, wird der SternenClan jemand Neuen erwählen." Dieser Gedanke tröstete mich sehr und ich lächelte ein bisschen, weil ich so traurig und glücklich gleichzeitig war. Auch meine letzte Niederlage war nicht umsonst.
    Wie lange war ich gerannt? Zehn, fünfzehn Minuten oder länger? Der SternenClan würde zufrieden sein, dachte ich. Ich hatte es versucht. Als nächstes fiel mir auf, wie sehr ich diesen Satz eigentlich hasste. Nein. Versucht war nicht genug. Das sollte sich mehr nach "geschafft" anhören, wenn der MondClan den ersten Teil ihrer langen Geschichte an die neuen Generationen weitergab.
    Es war nur ein leises Knacken, das Otin verriet, für mich längst genug, für Riley noch lange zu wenig. Aber Otin wusste, dass er in die Jagd nicht eingreifen durfte, also stürzten sich seine Wolfspranken nicht auf Geißel, der irrtiert den Kopf hob und seine Krallen noch tiefer in meine Schulter bohrte, sondern auf Riley, welche fauchend und um sich schlagend sofort zu Boden ging. Dann erschlaffte sie.
    Geißel und ich erstarrten vor Schreck, ich spürte seinen Körper beben beim Anblick seiner toten, besten Freundin, denn das war sie für ihn gewesen. Na gut, sie hatte mich umbringen wollen, aber im Moment gab es wichtigeres, denn, während Geißel leise Otin anknurrte, der über Riley gebeugt stand und sich ihr Blut von den gebleckten Leftzen leckte, stieß ich seine Krallen von mir, dass er taumelnd zur Seite wich.
    Meine Augen funkelten. "Wenn du denkst, ich habe verloren, nur, weil ich verletzt bin, dann hast du einen Fehler gemacht. Auch verletzte Leitstuten können rennen." "Du hast verletzt, nicht zerstört gesagt." Es donnerte so unglaublich ohrenbetäubend, dass Otin, Geißel und ich zeitgleich zusammzuckten, die Köpfe in Richtung Himmel rissen. Das war schon schon eine sehr seltsame Wolkenformation, dachte ich mir.
    Bis ich bemerkte, dass das ein Halbmond aus Wolken war, der von dutzenden Blitzen gleichzeitig durchleuchtet wurde. Mein Nackenfell stellte sich auf, ich lächelte. Es war das Zeichen des SternenClans, denn sie wollten, dass der MondClan lebte, zusammen mit mir eine neue Zukunft beginnen durfte.
    Ich sah wieder zu Geißel, der mich abschätzend betrachtete. "Was wirst du jetzt tun?", wollte er wissen. Die Seile schleiften über den Boden. "Sie werden dir nicht helfen." "Das haben sie schon." Ich danke dir, Blaustern. Habi, ich habe dich nie vergessen. "Und ich werde rennen, für das Schicksal meines Clans. Und du wirst mich jagen. Du willst mich als deine Sklavin sehen, auf einem schwarzen Seidenkissen festgebunden, auf dem ich mich nicht mehr wehren kann? Damn, Tiny, fang mich doch!" Geißel bleckte die Zähne. "Du willst, dass ich Fenneks Wölfe und meine Streuner zurückrufe. Von mir aus. Ich brauche niemanden, um dich gefangen zu nehmen. Ich werde es so sehr genießen, die Angst in deinen Augen zu sehen, wenn du erst einmal eine Leine trägst. Seile stehen dir."
    Verständnislos blinzelte ich ihn an. "Warum tust du das freiwillig? Wenn du nicht total zurückgeblieben bist, sollte dir klar sein, dass du unnötiges Risiko eingehst." Doch Geißel lächelte nur hämisch. "Du bist verletzt, hast Angst vor mir und trägst einen Peilsender um den Hals. Du würdest mich nicht töten, selbst, wenn du die Gelegenheit dazu hast. Du fürchtest dich nämlich zu sehr. Vor mir? Deinen Gefühlen? Einer Leine? Oder, dass du wieder Junge großziehen musst, die du nicht wolltest? Ich kenne dich zu gut. Sogar nachdem ich dich getötet habe, konntest du mich lieben. Das ist schrecklich, da kriegt man fast schon ein schlechtes Gewissen. Egal. Vor sich hin träumen, kann man auch in Ketten. Nach all dem hältst du immer noch an dem Kuss fest, als wir die letzte Nacht im Wald der Finsternis zusammenverbracht haben. Wieso ich sie zurückrufe? Dass, was ich mit dir machen werde, sobald du in Ketten liegst, werden nicht einmal Freddy, Merida oder Bingo sehen wollen. Renn, Kätzchen. Vielleicht wirst du heute nicht sterben, aber Leben kann so viel grausamer sein wie der Tod. Es wird mir ein Vergnügen sein, dir das zu beweisen."

    Wie von Sinnen hetzte ich durch den Wald, denn für Geißel war das Spiel vorbei - für ihn ging es nur noch darum, die Zeitspanne zwischen jetzt und dem Moment, in dem ich so verzweifelt war, dass ich um den Tod bettelte, möglichst zu verkürzen. Die Schmerzen in meiner Pfote ignorierte ich so gut es ging, auch wenn ich leicht humpelte bei meiner Flucht. Er durfte mich nicht fangen. Wenn ich erst einmal gefesselt war, würde ich meinen Clan und diese wundervollen Katzen, Wölfe und Füchse, die ich kennen gelernt hatte, nie wieder sehen. Geißel fauchte: "Renn nur...du kannst dich nicht verstecken." Das Halsband machte es mir schwer, frei zu atmen, doch die Panik, welche mein Herz rasen ließ wie das eines todesängstlichen Kaninchens, hielt mich in Bewegung, machte das Ziehen in meiner Brust erträglicher.
    Den Teil des Waldes, der zum SeeRudel gehört hatte, mussten wir schon lange verlassen haben, denn die Wege wurden lichter. Noch mehr Regen ließ uns schnaufen, aber keiner von uns drosselte das Tempo. Geißel wollte mein Blut sehen, wenn möglich noch ein paar Knochen.

    Wohin sollte ich noch rennen? Mein nasser Pelz zog mich hinunter, die Trostlosigkeit des finsteren Waldes und die Verzweiflung in meinem Herzen sowieso. Dieser Tag war ein Neuanfang, das spürte ich, aber ich war nicht in der Lage zu sagen, was das für mich oder diese Geschichte bedeutete. Ich durfte gerade deshalb nicht aufgeben.
    Es donnerte und ich schrie: "Der MondClan wird leben!" "Nicht, wenn ich es verhindern kann. Du hältst dich für mutig und loyal? Dann zahl den Preis für diese Eigenschaften. NICHTS ist kostenlos...auch deine Seele nicht."
    Wie lange war ich jetzt gerannt, hatte versucht den Kampf zu verhindern, indem ich mich ihm nicht stellte? Schluss.
    Durch den letzten Busch des Waldes sprang ich, sodass meine Pfoten nun auf freiem Gebiet landeten; hier herrschte weder er noch ich. Ein gewaltiger Abgrund erstreckte sich vor uns und der Wind, der mir das Blut und den Schweiß, die Angst aus dem Gesicht wehte, trug ein Lied von Hoffnung mit sich. Er kam von den weiten Graseben, die sich hinter dem Abgrund bis hin zum Horrizont erstreckten, aber da war weder ein traumhafter Sonnenuntergang noch überhaupt irgendein Licht. Das Gewitter ließ auch hier das Leben erzittern, genauso wie mein Herz. Es blitzte so hell, für einen kurzen Moment war der gesamte, endlose Himmel bis hin zum Horizont gleißend weiß wie der erste Schnee. Ich wirbelte zu Geißel herum, nur wenige Pfotenschritte vom Abgrund, der in ein neues Abenteuer führte, getrennt.

    30
    Seltsamerweise hatte ich plötzlich keine Angst mehr, denn die Werte für die ich kämpfte, nannten sich Loyalität und Mut und in meiner Welt leuchteten sie dir den Weg zum SternenClan, den Ort, der uns sagte, was Richtig war, wo ich niemals wieder alleine sein musste. Selbst wenn ich heute in den nächsten zehn Sekunden mein Leben verlieren musste...Geißel würde es viel schlimmer treffen. Das, was er tat, wurde mit dem Wald der Finsternis bestraft, wo die Schatten jedes Licht der Seele erlöschen ließen. Wenn er starb, dann blind an einen Baum gekettet in mitten von rotem, tödlichem Nebel, sein Platz, um den SternenClan vor den Monstern wie ihn zu schützen.
    "Ich werde es nicht zulassen.", knurrte ich, stellte mich breitbeinig und mit einem entschlossenem Funkeln in den Augen ihm gegenüber. Der Donner hinter mir hallte über die unbegrenzten Weites des fremden Landes, erhellte mich selbst so grell, dass ich mich wie ein Stern fühlte, ...aber war ich das nicht? Der SternenClan war ein Teil meiner Seele, in meinen Adern floss das magische Blut, welches mir erlaubte, zwischen Leben und Tod zu entscheiden. Geißel lachte heiser. "Nichts kann dich vor diesen Fesseln schützen, Wildherz. Es ist zu spät. Tu mir den Gefallen, und steh wenigstens jetzt für das, weshalb du hier stehst." "Was ist das?", fragte ich ihn traurig. "Du zwingst mich, die Werte, für die ich stehe, zu verteidigen und das tue ich gerne, weil ich es besser machen will als du. Aber ist es wirklich das, was du willst? Mich zu jagen, zu unterwerfen, mich zu foltern? Gegen wen kämpfst du hier in echt? Du hast recht - ich kann dich nicht töten. Und wenn du wirklich gewinnst, dann werde ich mich auch nicht wehren. Aber meine Schreie werden ihnen Mut machen, den nötigen Mut, den der MondClan braucht, um stark zu sein. Deshalb schreie ich gerne." Es donnerte, blitzte, Geißel schoss nach vorne. "Beweis es mir!"
    Jaulend rollten wir durch den Matsch, doch statt zuzuschlagen schützte ich nur meine verletzte Pfote so gut es ging. Ich gewann durch mein Verlieren, das hatte ich endlich gelernt.
    Und Geißel...er starrte, die blitzenden Seile über meiner Brust baumelnd. "Wo ist dein SternenClan jetzt?" Ich lächelte nur ruhig. "Sie sind hier. Spürst du sie nicht? Dadurch, dass ich ihre Werte verteidige, gebe ich ihnen mehr Kraft als die Hölle je haben wird. Fühlt sich das nicht großartig an?" Blut rann mir von den Kratzern, die ich bereits trug, über das Fell, aber es glühte so hell wie der Himmel selbst. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich, das Monster in ihm war fort....
    Dann riss er meinen Kopf nach hinten und seine geschliffenen Krallen zogen eine rote Linie von meinem Hals zu meiner Brust. Ich spuckte Blut. Er lachte. "Wie fühlt es sich noch einmal an?" Es fiel mir so unendlich schwer, den Blick fokussiert zu halten, doch ich war gerade noch stark genug dafür. Langsam blinzelte ich ihn an, während das Blut meinen Pelz durchnässte, der Schnitt viel zu tief, als dass ich richtig atmen konnte. "Tell me...how are you only thinking of yourself?" Sein Grinsen brannte sich mir fast so tief wie die Wunde ins Gedächtnis. "Darüber denke ich nach, wenn ich mit dir fertig bin." Jaulend versuchte ich aufzuspringen, aber Geißel war schneller...noch, während ich mich auf die Seite drehte, hatte ich mich mit der verletzten Pfote im Seil verfangen. Er zog daran, doch ich tat ihm nicht den Gefallen zu weinen. Zögerlich stand ich auf, betrachtete mein gefangenes Bein, ohne wirklich realiesen zu wollen...er hatte gewonnen. Kühl funkelte er mich an. "Kurz dachte ich, du wärst eine Herausforderung." Zitternd hob ich die Pfote an. Die Seile klirrten dabei. "Du hast gesagt, dass du mich liebst.", flüsterte ich. "Und was willst du jetzt tun? Mich die Klippe runterstoßen?" "Leg dich hin und halt still, sonst überleg ich es mir."

    Das einzige, was mich noch aufrecht hielt, waren die Seile, die über meine Brust, meinen Bauch, die Beine und meinen Schweif verliefen. Nur mein Hals und mein Kopf waren nicht an den Baum gekettet, der in der Nähe der Klippe emporragte. Der Schmerz in meiner Brust, meinem Rücken, überall, wo er zugeschlagen hatte, ließ mich kaum noch atmen, aber noch schaffte ich es zu reden. Er knurrte: "Warum schaust du mich so an? Wärst'e halt schneller gewesen. Selbst schuld." Trotz meines starken Blutverlustes (es rann mir immer noch über die Brust und zwar in einer beunruhigenden Menge) oder gerade deswegen? Auf jeden Fall brachte ich ein schwaches, garantiert sehr erbärmliches Lächeln zustande. "Sind das etwa Schuldgefühle?" Wie Messer glitten seine Krallen durch die zarte Haut meines Ohrs. Ich schrie und schlug hilflos mit dem Schweif und den angebundenen Pfoten um mich, aber ich konnte hier nicht mehr weg. Ich würde die Folter wie eine Kriegerin überstehen, brüllte ich mich innerlich an. Wie eine sternenClanverdammte Kriegerin! Genüsslich betrachtete er das bunt schimmernde Blut an seinen Pfoten. "Hast du wirklich jemals geglaubt, du könntest mir davonlaufen?" Mein Halsband zog nach unten, da eines der Seile am schwarzen Herzanhänger befestigt war. Das einzige Seil, das achtlos in einer Pfütze endete.
    Zahlreiche Wunden schmückten meinen Körper, ja, SCHMÜCKTEN, denn ich trug sie wie die Königin ihre Krone. Sie würden noch in Jahren von dieser Nacht erzählen, doch vor allem von dem Mut, den ich heute bewiesen hatte.
    Inzwischen hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren, der Blutverlust machte es mir schwer, mich zu konzentrieren. Lange würde ich sowieso nicht mehr durchhalten. Geißel betrachtete mich, wie ich zitternd und halb zusammengesackt an der blutverschmierten Rinde lehnte. Wenn er mich nicht zu jemandem brachte, der Ahnung von Kräutern hatte oder zumindest Wundversorgung, dann musste ich innerhalb der nächsten halben Stunde sterben. Tatsächlich fand ich den Gedanken an Erlösung nicht einmal mehr wirklich störend. Ob der SternenClan immer noch zu mir herabsah, über seine größte Niederlage klagte, die alleine meine Schuld war?

    Die Katzen des BlutClans schreckten fassungslos zurück, als ihr Anführer, der Kater, der schon Köter hingerichtet hatte, das blutdurchtränkte, schwarze Fellbündel, dessen Seile schon tiefe, rote Abdrücke im Fell hinterließen, auf den Dachboden zerrte. Nur der keuchende, unregelmäßige Atem verriet, dass die junge Kätzin noch nicht ganz tot war. Bingo beobachtete, wie Geißel die gefangene Anführerin über den Dielenboden zerrte, der sich hinter ihnen rot färbte. Skeptisch kniff er die Augen zusammen. "Wenn sie stirbt, hat sie keinen Wert mehr für uns."
    Langsam blinzelnd drehte sich Geißel zu dem unerfahrenem Kater um. "Die anderen Sklaven werden sie versorgen. Ich will sie nicht in meiner Nähe haben. Bringt sie zum Skäg." "Der Sklavenkäfig ist zu weit weg.", meinte Merida mit einem achtlosen Blick auf Wildherz, die ein bisschen mit der Pfote zuckte, um die Stelle an ihrer Brust zu schützen. Dort war das Blut besonders dunkel und das verschmierte Fell bewies, wie tief er sie getroffen hatte. Vermutlich war sogar die Luftröhre verletzt. "Ist sie bei Bewusstsein?", fragte eine große, gelblich weiße Kätzin mit vernarbtem Bauch. Geißel schaute auf das im Seil verhedderte Bündel zu seinen Tatzen. Hoffentlich hatte sie sich nicht aus Versehen selbst die Luft abgeschnitten. "Ja." Sogar Merida und der roten Schülerin mit den Kratzern im Gesicht stellte sich das Nackenfell auf. Bingo sah zu, wie die Anführerin des MondClans wie in Trance immer noch versuchte, die Seile abzustreifen, doch das Ganze war zu verknotet und fest, als dass sie es mit diesem Minimum an Energie hätte schaffen können. "Das ist grausam." "Du wolltest, dass ich euch zeige, wie stark ich bin und jetzt beschwerst du dich, dass sie verblutet?" Bingo legte den Kopf schief, wie es nur die besonders vorlauten, mutigen Schüler taten. "Es hat nichts mit Stärke zu tun, eine wehrlose Katze aus Spaß zu verletzen und sie danach wie ein gefesseltes Tier hierherzuschleppen." Geißel schnaubte. "Es ist mir egal, was du denkst. Geh und sag dem MondClan, dass wir ihre Anführerin haben. Vielleicht sind wir ja freundlich und stoppen die Blutung. Merida und Freddy, schleppt sie zum Skäg in der Zweibeinersiedlung. Schleppen. Nicht tragen. Sie kommt in meinen Teil."

    Der Skäg war ein velassenes Tierheim mittig von Gründorf, der kleinen Stadt neben dem Ort, wo ich früher als Mädchen gewohnt hatte. Manchmal waren Mama, Rose und ich samstags hier bei New Yorker shoppen gewesen und hatten uns danach noch einen warmen Kakao beim Bäcker geholt, egal, wie heiß es draußen war. Diese Erinnerung war aus einem anderen Leben. Außerdem war der Skäg noch nicht einmal bewacht. Nach dem Empfangsraum, so ein Vierquadratmeterzimmer mit verblassten, minzgrünen Wänden und abgeblätterten Postern, die auf Krankheiten und Kastration hinwiesen, führte ein sehr langer, breiter Flur (ebenfalls in Minzgrün) vorbei an Zimmern, die durch ein zwei Meter hohes Gitter vom Gang abgetrennt wurden. An den unbegitterten Wänden neben den erstaunlich großen Abteilen, dieser Ausdruck traf mehr als Zimmer zu, waren Blätter mit den Namen von BlutClan-Katzen und den Namen der Sklaven darunter, die in diesem Abteil gehalten wurden. Manche trugen einen Maulkorb für Katzen oder ich konnte trotz der brennenden Schmerzen, die in mir aufflammten, während Freddy mich an den Seilen über den weißen Teppich zerrte (nach der Begegnung mit meinem Blut war er nicht mehr ganz so weiß), erkennen, dass man ihnen die Krallen ausgerissen hatte. Viele von ihnen humpelten oder ihnen fehlten Körperteile wie Ohren, Nasen oder ein Schweif.
    Geißels Abteil, das Größte von allen, befand sich ganz hinten am Ende des Ganges, nach anderen zwanzig Abteilen, wenn ich richtig mitgezählt hatte. Merida stieß die Tür auf. Der Käfig war von dem angrenzenden ebenfalls nur durch ein Gitter getrennt. Es gab einen Kratzbaum (auch in Grün), hinten in der linken Ecke, der weiteste Abstand zur Tür. Obwohl. Es gab keine Tür. Keine Ahnung, wie ich überhaupt noch denken konnte, nachdem Freddy und Merida mich durch die halbe Stadt gezerrt hatten und ich nun weniger Blut in meinem Körper als außerhalb besaß, aber ich kämpfte gegen die Schmerzen und den Druck der Seile auf meiner wunden Haut so gut es eben ging.
    Ich schätzte das Abteil auf zehn Quadratmeter, vielleicht sogar größer, aber außer dem grünen Kratzbaum, noch ganz neu, drei giftigen Topfpflanzen (falls jemand unbedingt Selbstmord begehen wollte und gerade keiner Lust hatte, das Blut wegzuwischen, wenn sie einader zwangen, sich umzubringen) und einem Wassernapf aus irgendeinem Metall war da nicht viel. Ein schönes, helles Fenster lag zwei Meter über dem Fußboden zeigte auf einen Rewe dem alten Tierheim gegenüber. Hatte ich schon erwähnt, dass Merida die "Tür aufhielt? "Sie verblutet, wenn wir sie nicht behandeln.", meinte Freddy. Meridas Augen glühten in der Dunkelheit der Nacht grell. "Ich werde meinen Geistern befehlen, sie von der Totengrenze fernzuhalten." Achtlos wurde ich hinter das Gitter gestoßen und brach sofort ohnmächtig zusammen.

    31
    Als ich wieder zu mir kam, unglücklichweise im selben Raum und zwar lebend, war es immer noch Nacht. Sterne funkelten durch das breite obere Fenster und ließen meinen verschorften Pelz im Mondlicht blau leuchten. Es war ein Wunder, dass ich noch lebte, aber ich wäre lieber tot gewesen. Diese Einstellung war so undankbar, erschüttert ließ ich meinen brummenden Schädel auf den nackten Betonboden fallen, sodass ich anfing zu beten: "SternenClan, ich flehe dich an. So etwas ist mir nicht erlaubt zu denken, vergib mir diesen Fehler." Eine raue Stimme innerhalb Geißels Abteils unterbrach mich herrisch: "Entschuldige nicht dich für deine Wünsche. Solche Gedanken sind keine Sünde, sondern das Produkt einer kaputten Psyche." Wer war dieser Kerl, der es wagte, mich beim Jammern zu unterbrechen? "Dann entschuldige ich mich eben für meine Psyche." Der rote Kater mit den blauen Augen, die ich schon so gut kannte, lag auf dem Kratzbaum, von wo aus er mich gut im Blick hatte. Vogelstern lebte. Er lachte sogar, wie um mir seine Existenz unter die Nase zu reiben: "Du dachtest, ich sei tot? Das beruht auf Gegenseitigkeit, Wildsturm. Die anderen Sklaven behaupten, wir befinden uns nun auf demselben Niveau. Erzähl mir doch bitte vom MondClan, hier hört man so selten Geschichten von außerhalb." Eine Spur echte Sehnsucht schwang in seiner Stimme mit, die mich schon oft in Alpträumen heimgesucht hatte. "Nur weil ich ebenso eine Anführerin bin, heißt das nicht, dass wir uns jetzt auf einer Wellenlänge befinden. Du willst dich mit mir unterhalten? Keine Sorge, Vogelstern, ich warte, bis du hoch kommst. Irgendwann musst selbst du mein Niveau erreichen." Vogelstern lachte so schallend, dass ich kurz meine pochenden Schmerzen vergaß und die Sklaven von der toten Riley nebenan sich ängstliche Blicke zuwarten. Dass Katzen hier verrückt oder hysterisch wurden, kam beunruhigend oft vor. Was würde nur mit ihnen passieren, wenn Riley nicht mehr kam, um sie zu pflegen?
    "In einer anderen Zeit mit anderen Umständen, wäre das ein Todesurteil für dich gewesen, Wild...stern? Aber unser Clan hat mich verraten. Im Winter nach den Luchsen hat mich der LibellenClan vertrieben und das Leben als Streuner...Es macht nicht wirklich Spaß. Sie denken übrigens, dass du schon lange tot bist. Wie kommt es dazu, dass sie nicht einmal in dieser Sache Recht behalten dürfen?" Knurrend vor Anstrengung stemmte ich mich etwas wackelig auf die Pfoten. Würde Vogelstern mich attackieren, wenn ich im Kratzbaum lag? Kam ich überhaupt bis in die Ecke hin?
    Ein scharfer Schmerz schoss mir die Brust empor, wo das Blut selbst nach meinem Zusammenbruch immer noch verklebt und sehr feucht war. Trotzdem stackste ich verunsichert durch den Raum auf den gefährlichen Anführer des LibellenClans zu. "Geißel hat mich gefangen genommen, als ich gerade einmal drei Monde hier verbracht habe. Schon traurig, nah? Sei ehrlich." Er schnurrte belustigt. Entweder wurde ihm der Enst seiner Lage wirklich nicht bewusst oder er fühlte sich immer noch mächtig genug, um Geißel entgegenzutreten. "Genau das denkst'e doch." Doch ich antwortete nicht einmal mehr. Stöhnend hiefte ich mich in den unteren Kasten des Kratzbaums, der mit einem sehr angenehm duftenden Stoff belegt war, und schlief auf der Stelle wieder ein.

    Ein durchdringendes Knarzen ließ mich erschrocken hochfahren, sodass selbst der verschlafene Vogelstern blinzelte. Eine goldene Kätzin mit roten Flecken und grünen Augen betrat unseren Raum, im Mund hielt sie ein weiches, weißes Band, das aussah wie aus einem Krankenhaus. Ihr Blick fiel auf die Wunde an meiner Brust, welche alles andere als harmlos oder ungefährlich aussah: Eine dicke lila-blaue Kruste hatte sich über dem Fell gebildet, ein rötlicher Schimmer darunter, vielleicht meine Organe. War das noch Blut oder bereits Luftröhre? "Wenn du nicht diesen Verband anlegst, musst du sterben, Sklavin. Die halbe Stadt wundert sich, was diese bunte Flüssigkeit auf dem Gehweg zu suchen hat und wir brauchen dich lebend. Wie bitte? Niemand kann dir die Freiheit nehmen, zu sterben? Du HAST keine Freiheit." Vogelstern betrachtete mich besorgt, weil er wusste, dass ich noch zu schwach war, um mich viel zu bewegen. Dass ich dermaßen viel Blut verloren hatte...es grenzte an ein Wunder, dass ich noch atmete. Aber am liebsten wäre ich gestorben, denn dann hätte er vielleicht bereut, was er mir angetan hatte...
    Vogelstern landete geschickt vor dem Kratzbaum und stolzierte auf die junge Kätzin zu, deren Schnurrhaare vor unterdrücktem Ärger zuckten. "Sie soll es sich selbst holen, wenn sie leben will.", maulte sie schlecht gelaunt. In Wirklichkeit hoffte sie, dass sich ihre Laune ein wenig hob, sobald sie mich humpeln und leiden sehen durfte. Aber Vogelstern grinste sie nur verführerisch an, die strahlenden Zähne perfekt und im genau richtigem Winkel gebleckt. "Dein Fell ist so schön wie das der letzten Kätzin mit der ich etwas hatte. Gib einfach das weiße Zeugs her und wir haben ein bisschen Spaß, hm?" Niemand konnte seiner Masche widerstehen, ganz offensichtlich nicht einmal bildschöne Kriminelle. Ok, so etwas wollte ich wirklich nicht mitansehen, das tat ich meinem überanstrengten Körper auch nicht mehr an, also verkroch ich mich noch tiefer in der kleinen Höhle, dem einzigen Schutz, den mir mein Käfig gestattete. Und ihr fragt euch noch, wieso ich ich diese ganze Gewalt und die Vergewaltigungen um mich herum aushielt? Musste eine Kriegerin ja, sollte ihre erste richtige Bezugsperson ein Pädophiler sein. Ja, auch an Tod, Mord und Nötigung konnte man sich gewöhnen, was mir sehr weh tat im Herzen, weil ich nicht wollte, dass Wurzelpfote und Natternpfote in so einer Welt aufwuchsen. Wahrscheinlich waren sie inwischen schon vollwertige Krieger und ich kannte noch nicht einmal ihre neuen Namen, die ich ihnen hätte geben sollen, wie es die Tradition von der Anführerin verlangte. Wer leitete den Clan jetzt überhaupt, nachdem Wüstensee schwanger geworden war? Meine Familie einem wandelnden Hormon-Cocktail ausgesetzt zu wissen, war das einzige, das die Situation im Moment noch schlimmer machen konnte.
    Vogelstern war fertig und weil ich ihn brauchte, damit er mir half, den Verband richtig umzulegen, drehte ich mich wieder zum Ausgang meines einzigen Rückzugsortes. Beim Anblick, wie Vogelstern unserer gemeinsamen Gegnerin noch einmal über den zerstrubbelten Kopf leckte und sie in die verschwitzte Flanke kniff, hoffte ich, dass sie schwanger wurde und der SternenClan sie mit fünf kreischenden Gören beschenkte. War ich auch so unausstehlich, dass sie mich zuerst mit Laubrache, später Bonny hatten verfluchen müssen? Vielleicht waren meine Vorfahren auch nur der Meinung gewesen, Vogelstern wäre defintiv das größere Übel.
    Die goldene Kätzin verließ unser Abteil mit aufgeplustertem Fell und einem verträumten Lächeln, das ich ihr gerne aus dem Gesicht gewischt hätte, während Vogelstern den Verband packte und sich irgendwie zu mir in den Kratzbaum quetschte. "Du hast vielleicht Nerven, du perverses Arschloch. RAUS. IM NAMEN DER WÜRDE ALLER KATZEN." "Halt mal die Luft an, kleines, schwarzes Ungeheuer. Ich rette dir gerade das Leben." Ohne sich weiter darum zu kümmern, wie sehr ich versuchte, ihm zu entwischen, packte er mich bei den Schultern, die noch einigermaßen unverletzt waren (oder sich zumindest so anfühlten, wahrscheinlich waren selbst die blutig), und drehte mich auf den Rücken. Nun hörte ich mich auf zu wehren, denn die Genugtuung, die sich in seinem arrogantem Gesicht abspielte, während er mein VERRÄTERIN betrachtete, war einfach ZU demütigend.
    "Du bist rassistisch.", schnauzte ich genervt, einfach, um IRGENDETWAS zu sagen. Ja, ich wollte unbedingt streiten und das konnte ich mit niemandem besser als Vogelstern. "Und du bist schon wieder selbstmitleidig. Gott, wie ich das hasse. Was zur Hölle ist an einem schwarzen Ungeheuer rassistisch, wenn ich dich fragen darf, EURE MAJESTÄT?", knurrte er dumpf, während er wild meine Pfoten zur Seite schlug, um den Verband auch gut zu befestigen. Ich stutzte. "Du glaubst an Gott?" "Auch nicht verrückter als an eine Armee aus gefallenen Engeln, die verzweifelt genug sind, dir zu vertrauen." "Wow, wow, wow. Du hast mich gerade beleidigt und trotzdem muss ich lächeln. Na gut. Ich bin WIRKLICH erbärmlich. Und du übrigens auch. Das macht die Sache erträglicher." "Ich habe gerade eine Kätzin mit Babys verflucht, damit meine Prinzessin auf der Erbse nicht aufzustehen braucht. Ich hab was gut bei dir." Nein, der Ausdruck in seinen Augen, den ich schon so oft bei ihm gesehen hatte, gefiel mir ehrlich nicht, aber...ich fauchte, als er aus Versehen meine Brust streifte und donnerte den verdutzten Kater gegen die Wand, sodass der Kratzbaum ziemlich spektakulär in den Wassernapf kippte. Knurrend sprangen wir beide aus unserem einzigen, jetzt zerstörten Unterschlupf, der, wie wir, nun völlig nass war. Wassertropfen flogen durch die Luft, als ich mir wild das Fell schüttelte, nur damit Vogelstern noch mehr Wasser abbekam. Dieser jedoch lächelte einfach zufrieden. "Vielleicht bist du doch nicht so selbstmitleidig, wie du immer aussiehst. Lust auf ein bisschen Spaß?" Entsetzt starrte ich ihn an. "Rühr mich an und ich geb dir so viel Spaß, dass DU meinen Verband brauchst."
    Natürlich kam in dem Moment die goldene Schönheit zu unserem ziemlich übel zugerichteten Abteil zurück, eine zittrige, kleine cremefarbene Kätzin mif dunkelbraunen Flecken und hecktischen bernsteinfarbenen Augen am blutigen Nackenfell gepackt. Entweder war sie eine Hauskatze, oder...Geißel hatte ihr wie mir ein Halsband geschenkt, nur diesmal in Rosa mit blau schimmernden Strasssteinen und silbernem, großem Rautenanhänger mit Glitzer natürlich. Wie sie uns beide total durchnässt und mit bebender Brust gegenüber stehen sah, erlosch das verträumte Lächeln so rasch auf ihrem niedlichen Gesicht, wie die kleine Kätzin anfing, zu schreien: "Bitte nicht zu den Verrückten! MEIN FELL DARF NICHT FEUCHT WERDEN!" "Vogelstern schnurrte anzüglich: "Oh, hier wird gleich etwas anderes feucht." Fassunglos schlug ich mir die Pfote gegen die Stirn, aber weil der Zorn der knurrenden Schönheit, das Weinen der Katze mit dem rosa Halsband und meine zerstörte Psyche so klasse waren, fing ich an, zu lachen. Ich hatte nie abgestritten, verrückt zu sein, also war das in Ordnung.
    Ich lachte, bis die kleine Kätzin wimmerte: "Lasst mich noch einmal mit meinem Gefährten sprechen! Ich erwarte Junge von ihm!" "Geißel hat heute keine Zeit für seine Sklaven. Außerdem hat er mehrere Gefährtinnen, stell dich hinten an. Noch hat Wildherz das größte Anrecht." Sogar Vogelstern, der über alles lachte, was ihn nur irgendwie amüsierte, verzog das Gesicht etwas betroffen. Fassungslose Stille.

    32
    "Was für eine traurige Ehe. Mein Beileid." Wer denn sonst war in der Lage, eine unerträgliche Situation so eskalieren zu lassen? Zu meiner Verwunderung mischte sich auch die Schlampe ein: "Du solltest eine Comedy-Show drehen, du Hauskätzchen. Da lachen sich ja alle kaputt vor lauter Tränen." Tatsächlich flossen Tränen, aber ob das kleine Hauskätzchen vor Glück weinte, mochte ich irgendwie zu bezweifeln. "Hey, Wildsturm! Bis gerade eben dachte ich, mein Leben wäre erbärmlich geworden, doch deins ist in der Tat noch schlimmer. Willst du einen Preis?" Gierig ließ er seine Krallen über den harten Beton fahren, wo sie kurze, weiße Linien im Stein hinterließen. Wütend reckte ich den Kopf empor und machte einen drohenden Schritt auf ihn zu. Das begeisterte Funkeln in seinen blauen Augen verriet, dass er von meinem neuen Ich ziemlich angetan war, weil ich nun für mich selbst eintreten konnte ohne Hilfe anderer; ich war endlich frei. Irgendwie hatte nie jemand wirklich erwartet, dass dieser Tag kommen würde. "Ich bin nicht erbärmlich und meine Existenz auch nicht traurig." War es moralisch korrekt, mit Kindern anzugeben, deren Namen man nicht mehr kannte? Pf, Moral durfte sich jetzt hinter Selbstschutz anstellen. VERPISS DICH, MORAL! "ICH habe Junge." "Und dein Gefährte ganz offensichtlich mehr als du. He, kleine Katze?" Als Vogelstern sie ansprach, versuchte die Kleine doch tatsächlich durch das Gitter zu rennen, aber das einzige, das riss, war der Gedulsfaden unserer Wächterin. "Vogelstern, beim Wald der Finsternis, sie nützt dir nichts, wenn sie an einem Herzinfarkt stirbt." Die kleine Kätzin jammerte ans Gitter gedrängt, sodass ihr flauschiges Fell in alle Richrungen wirr abstand: "Ich flehe euch an, tut meinen Babys nichts!" "Meinst du da ist noch Platz drin?", fragte er an mich gewandt und duckte sich unter meinem schnappenden Kiefer hinweg. "Tut mir leid. Nein...doch nicht." Vor Wut schnaubend stieß ich den Kater zur Seite, nur um ihm dann noch das restliche Wasser aus dem Napf in den gesträubten Nacken zu schütten. "Das war echt unhöflich."

    Völlig traumatisiert lag die cremefarbene, hübsche Kätzin, eine Pfote schützend über den leicht gewölbten Bauch gelegt, in der Ecke uns gegenüber. Das wusste ich, weil ich schon die gesamte Zeit, die vergangen war, seitdem Girl uns alleine gelassen hatte, dazu verwendet hatte, ihr komplettes Äußerliches zu analysieren. Schmale Schultern, normale Figur, recht kleine Ohren. Ihr linkes Auge war etwas weiter oben wie das rechte und ihre Nase hatte eine Spur von Rot. Kleine Pfötchen, so groß wie die von Jungen, Bauch etwas kugelig, kurzer Hals, runder Kopf, große, helle Augen. Das Halsband, das Geißel ihr geschenkt hatte, passte perfekt zu ihrem Näschen, war mir aufgefallen. Vogelstern hockte die ganze Zeit neben mir und hatte irgendwann vorsichtig angefangen, mein Fell vom Blut zu säubern, wogegen ich mich mit Ausnahme meines aufgeplusterten Fells auch nicht wehrte. "Du bist ja ganz wuschig.", schnurrte er. "Wie stehen meine Chancen, dich flachzulegen jetzt?" "Genauso groß wie die, dass ich die Babys der Affäre meines Gefährten kennen lernen will!", grunzte ich und warf der Gebärmutter von Lilly, so hieß das Hauskätzchen, weiterhin finstere Blicke zu. Auf einmal kam Vogelstern beunruhigend nahe, sodass seine Schnurrhaare meine aufgeplusterte Wange streiften. Indem ich mich dagegen nicht verteidigte, zeigte ich Schwäche, aber Vogelstern würde es nicht wagen, mich zu vergewaltigen, solange er meinte, er könne mich noch überreden.
    Seine Zunge fuhr neben meinem Auge entlang. "Ich könnte ihn für dich eifersüchtig machen, dann hätten wir beide unsere Rache." Dieses Angebot war mehe als verlockend, doch ich wollte mich nicht zu schnell festlegen. Es gab keinen anderen Kater auf der Welt bei dem man mehr aufpassen musste, welche Versprechen man ihm gab, als Vogelstern. "Wie heißt du jetzt eigentlich?", fragte ich ihn statt einer Antwort. Seine beschleunigte Atmung aber demonstrierte, dass er es wusste - So einer Gelegenheit konnte nicht einmal ich widerstehen und ich hatte mich geradezu in seinem Köder verbissen.
    "Wir könnten schon jetzt beginnen..." "Stopp. Ich habe nicht ja gesagt." Vogelstern nickte und ließ mich alleine.

    Es war mein fünfter Tag zusammen mit Vogelstern und Lilly und wir betrachteten gerade gemeinsam das dreckige Wasser in unserem neuen, im Boden verankerten Napf, als die Tür unseres Abteils quietschte. Katzen aus den anderen Käfigen um uns zischten verschreckt und flohen in ihre Kratzbäume oder zerstörten Kartons, aber wir drei konnten sowieso höchstens in die Ecken rennen, wo wir dann in der Falle sitzen würden. Bingo betrat den Käfig. Vogelstern erkannte den schwarzen Kater mit den weißen Flecken wie ein Panda offensichtlich, denn er schnippte zur Begrüßung mit dem Schweif. "Bingo, Alter. Dass du dich auch mal wieder blicken lässt." Doch Bingo ignorierte ihn einfach und marschierte geradewegs auf mich zu, weshalb ich nur mühsam den Instinkt unterdrücken konnte, zurückzuweichen. Ich durfte mir keine Schwäche leisten, da Bingo ein Tier war - wedle vor den Augen eines Tigers niemals mit einer Rehkeule! "Wie geht es deiner Brust? Ist die Wunde gut verheilt?" Vogelstern antwortete an meiner Stelle und ich war froh, dass wir dieses unausgesprochene Abkommen abgeschlossen hatten - er kannte sich in dieser Welt besser aus, es war klüger ihn reden zu lassen: "Wenn du wissen willst, ob du sie zum Training benutzen darfst, dann dürften wir dich enttäuschen. Die Verletzung ist noch blutig, Bingo." Legte Vogelstern mir gerade eine Pfote auf die Schulter? Auch wenn ich wusste, er tat das nur, weil er körperlicher Nähe von weiblichen Katzen einfach nicht widerstehen konnte, es tat mir unheimlich gut. Im Nachhinein waren wir alle nur Geschöpfe mit Sinneswahrnehmung.
    Er beschützte mich. Wann hatte Geißel das zuletzt für mich getan? Bingo lachte auf. "Wehr dich nicht, Kätzchen, du willst, dass es schnell vorbeigeht." Mit einem Ruck riss er mir den Verband ab und ich taumelte vor Schmerz zurück, bis ich an der Wand auf den Beton sank, meine Pfote an das Blut gepresst, das aus der frisch geplatzten Wunde strömte. Lilly machte einen Laut, der sowohl Überraschung als auch Entsetzten ausdrückte, was ich allerdings kaum mitbekam. Geduckt tappte Vogelstern mit neutralem Gesichtsausdruck zwischen Bingo und mich. "Ich habe nicht gelogen, wie du siehst, Kater des BlutClans." Bingos Blick wurde beim Anblick meines Bluts glasig. "Du irrst dich. Das ist perfekt. Bloody wird sich sehr darüber freuen." Das verträumte Lächeln auf seinen Lippen wurde breiter. "Ich mich übrigens auch." "Im Ernst? Die findest du attraktiv? Schau dir nur ihre kurzen Stummelbeine an. Bäh." Nach all dem war Vogelstern immer noch lange nicht bereit, mich aufzugeben. "Außerdem mag ich es nicht, wenn andere mit meinem Spielzeug spielen." Das saß. Die Art, wie mein ehemaliger Anführer das eben gesagt hatte, schloss jede Lüge aus und ich merkte mir für die Zukunft, dass Vogelstern niemals in der Lage sein würde, Held zu sein. Aber wenn er einverstanden damit war, dass ich ihn benutzte...ich wollte Rache, so sehr, dass es mir in den Pfoten kribbelte.
    Bingo brachte mich trotzdem zu einer Hundeklappe, die in den absolut hintersten Teil des verlorenen Tierheims führte: Hier lagerten Dutzende Schachteln mit Medikamenten für die Erstversorgung, Betäubung bei Tollwut oder auch Rattenköder, die die Luft des Raumes fast so sehr wie das bereits getrocknete Blut verpesteten. Dennoch war der Tisch aus Stahl, der sich in der Mitte des fensterlosen Raums, welcher nur durch ein paar schwächliche Glühbirnen erhellt wurde, befand, das Gruseligste, das ich je gesehen hatte. Ob es die uralten Neonröhren, an denen Käfer und Spinnweben hangen, oder die Lederriemen und das alte Blut waren, ich konnte es ehrlich nicht sagen. Auf einmal wurde das Halsband wieder viel zu eng. Warum trug ich diesen Scheiß immer noch? Als Zeichen der nicht vorhandenen Loyalität, oder was?
    "Bloody sollte jeden Moment hier sein, um ihre Lehrstunde über die Anatomie von weiblichen Katzen zu erhalten. Du wirst unser lebendiges Unterrichtsmaterial für heute." Zwar klang Bingos Stimme sehr sachlich, aber ständig spielte er mit seinen spitzen Zähnen an meinem Halsband herum.

    Taumelnd gelangte ich irgendwie zurück in den Käfig, wobei ich schon auf halber Strecke liegen geblieben wäre, wenn Bingos spitze Zähne mich nicht grob am Rücken gepackt hätten. Vogelstern sprang auf; er saß gleich neben der Tür, wohingegen Lilly nur mit dem tränenverschmierten Kiefer gähnte. Dass sie sich so hartnäckig weigerte, zu den anderen Sklaven halten zu wollen, tat mir im Herzen weh. Die einzigen, denen ihre Treue galt, waren die drei Hügelchen in ihrem Bauch, welche im Moment noch nicht einmal sehen konnten, wie sie in den Eingeweiden ihrer Mutter schwammen. Hörte sich das zu grausam an? Die tiefen Schnitte mit dem Skalpell am linken Hinterbein, meinem Schweifende und meinem Nacken ließen mich nur schwer klar denken. Eine mollige, schwarze Kätzin aus dem Käfig neben uns von Riley röchelte: "Sie wird sterben, Bingo. Geißel würde das nicht wollen, genauso wenig wie der SternenClan. Ich bitte dich - denke an die alten Werte! Jede Katze hat Leben und Gerechtigkeit verdient!" Eine üble Narbe spaltete den dicken Pelz direkt unter ihrem Kinn, woraus ich schloss, dass sie schon einmal an der Luftröhre verletzt gewesen sein musste. Ob auch ich solche Spätfolgen haben würde, sollte ich sowieso nicht mehr erfahren. Wenigstens etwas.
    Vogelstern tigerte um mich herum, die zusammengebrochen und mit erstickten Lauten zu Boden gegangen war. Es schien ihn köstlich zu amüsieren, wie schön wehrlos ich jetzt war. "Wenn ich dich einfach vergewaltige, wirst du am Blutverlust sterben, aber ich hätte wenigstens meinen Spaß gehabt und werde dich nicht gesund pflegen müssen. Geißel kann ich auch demütigen, indem ich mich an Lilly vergreife. Was also bietest du mir, dass ich dir das Leben rette?" Traurigerweise konnte ich nicht verhandeln, denn ich besaß außer meinem Körper nichts. Und sogar den musste ich nun endgültig an den Tod verlieren, sollten die Blutungen nicht schnell gestoppt werden.
    Natürlich, die Schmerzen waren nahezu unerträglich, aber der Verrat eines Babys, das du mit deinen eigenen Kinder großgezogen hattest, ließ die Schatten des Physischen verblassen - da Bloody niemand geringeres als Blutstrom war, die große, schlanke Kriegerin, die einst den Namen Blutpfote getragen hatte. Wahrscheinlich wussten meine Clan-Gefährten nicht einmal davon, dass sie sich heimlich in der Dunkelheit zum BlutClan schlich. Angst schnürrte mir die Kehle zu, doch nicht gut genug, um das Blut zu verdrängen, dass aus meinem Mund quoll und den Beton unter mir benetzte wie Spinnweben. Anfangs versuchte ich noch, mich mit den Schultern vom Boden hochzustemmen, um nicht mein eigenes Blut an mein Brustfell zu bekommen, bis ich einsah, dass die Kraft dafür nicht reichte. Zuckend und mit verkrampften Muskeln spuckte ich das Blut, bis nur noch ein schaler, süßlicher Geschmack auf meiner dunkelroten Zunge zurückblieb. "Fuck. Innere Verletzungen." Die dickere, schwarze Kätzin zuckte mit den Schultern, wie um sich für das Ende meines grauenhaften Schicksals zu entschuldigen, dann verließ sie ihren nicht gerade begehrten Platz am Gitter und verkrümmelte sich in einem durchweichten Karton. Wieso der nass war, wollte ich gar nicht erst wissen, da der Wassernapf schon sehr weit entfernt zur Pappe stand.
    Innere Verletzungen? Ich stöhnte, sodass noch mehr Blut seinen Weg zu meinem in der roten Pfütze liegendem Äußerem fand. Ich musste aussehen wie ein Zombie, weshalb Lilly verschreckt die Pfoten vor die Augen schlug und sich noch weiter in die Ecke kauerte. Vogelstern stieß mir vorsichtig in die Seite. "Bist'e tot? Und wenn ja, darf ich deinen Clan anführen? Und was noch wichtiger ist: hat Natternpfote einen Freund?" Bingo hatte uns ohne irgendwelche Binden oder Medikamente zurückgelassen, sodass Vogelstern im Endeffekt der einzige war, mit dem ich mich vor meinem Ende noch unterhalten konnte. Toll. Ich musste weinen, weil ich mir meinen Tod nicht mit einem Perversling, sondern meinen Liebsten vorgestellt hatte. Vogelstern stieß mich zur Seite, bis ich keuchend auf meiner noch unverletzten Seite lag. Der ganze Beton im Umkreis von ungefähr einem Meter war blutbefleckt und zwar in Lila, Blau und Rot, wie als hätte mich so ein dummes, lächelndes Einhorn angekotzt. Das Lächeln eines Einhorns wäre mir übrigens lieber als das von Vogelstern gewesen. Er zuckte leicht mit den Schnurrhaaren. "Du redest öfters im Schlaf. Wenn sie nicht schon von Geißel umgebracht worden ist - sie ist noch single? Hey, das ist wichtig! Zwei unterschiedliche Augefarben, so etwas macht Katzen besonders." Beweglich wie eine Schlange wandt er sich trotz des Blutes, das überall an mir klebte, um meinen Körper. "Du magst Kätzinnen mit Besonderheiten? Nun ja..." "Sag es mir." Seine Stimme klang nicht wirklich nah, als untersuche er gerade wieder meinen Bauch mit den Narben, die Bonny mir eingeritzt hatte. Seine Pfoten fuhren zärtlich über jedes Stück Haut meiner Unterseite, denn er genoss das schwächliche Zucken meines Schweifes, das als einziges zeigte, wie unangenehm ich diese Berührung empfand. Doch ich würde mich nicht wehren. Eigentlich war es mir nämlich egal, was Vogelstern mit meinem Körper anstellte - er gehörte Geißel, nicht mehr mir.
    Was Vogelstern selbstverständlich besonders reizte, immerhin vergriff er sich ganz offiziell und ohne Hemmungen an dem Eigentum des Katers, der ihn selbst gefangen genommen hatte. Und auch wenn dieser Weg nicht leicht war, so würden wir beide endlich unsere Rache bekommen. Obwohl...es war mir so gleichgültig, alles hatte in Anbetracht dessen, dass ich mein Leben verlor, seinen Wert eingebüßt.
    Während er sanft meinen Bauch streichelte (ein seltsamer Kontrast zu dem Kratzen in meinem Rachen, diesem schwindligem Gefühl wegen des Blutverlustes und dem Stechen an meinem Bein, Schweif und Nacken), hauchte ganz leise: "Verrat mir, wer dir deine Narben gegeben hat. Hast du dich wegen ihnen verändert? Du warst so naiv, so ängstlich, unglaublich leicht zu beeinflussen...es ist mir sehr schwer gefallen, bis zu deiner Zeremonie zu warten und dann kam es gar nicht mehr dazu...das ist sehr schade, findest du nicht? Zum Glück können wir das noch nachholen, bevor du stirbst. Entspann dich einfach." "Ich...ich habe Angst..." "Sch...erzähl mir einfach von der Katze, das wird dich ablenken..." Langsam, aber sicher, wanderte seine rechte Pfote tiefer, ich unterdrückte den Reflex, mich wegzudrehen, was sowieso nicht funktioniert hätte, weil er mich so fest umklammert hielt. Eigentlich fühlte es sich auch sehr schön an. Am besten ich genoss es, so gut es ging, denn es würde das letzte Mal sein. Wenn ich sagte, es wäre freiwilkig gewesen, dann durften sie es noch nicht einmal Vergewaltigung nennen.
    Vogelstern hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, mich von der Tür wegzubringen, sodass einige Sklaven aus den anderen Käfigen ständig neugierige Blicke zu uns warfen. Trotzdem fühlte es sich nicht komisch an. Es war mir einfach nur egal und ich war entschlossen, die letzten Augenblicke dieses Lebens zu genießen.

    33
    Dann erstarrte er mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen. Seine Schnurrhaare vibrierten leicht. "Du bist tot." Ich seufzte. "Woran hast du es erkannt?" "Die eine Narbe an der Kehle, nicht die lange, sondern die viel tiefere. Ich habe sie gesehen, als du den Kopf auf den Boden gelegt hast." Doch selbst mein Geisterkörper ließ ihn nicht zurückweichen, denn...er war ja genauso wie ich. Nur, dass in mir das Blut des SternenClans floss, während seines so schwarz wie die ewige Finsternis in der Katzenhölle sein musste. Sogar als Tote wurden Katzen in dieser Welt in zwei Arten unterteilt. Ich wünschte mir mein Leben als Mädchen zurück, denn nicht einmal die Menschen konnten diesen Rassismus und Sexismus überbieten.
    "Geißel war es. Du weißt nichts davon, aber...das alles hier, alles, was du seit deiner Geburt kennst, ist nicht die Art von "echt" für das du es hältst. Ich komme genau wie du aus der Welt dieser Geschichten, allerdings starb ich schon als früh als kleines Junges, bei einem Kampf, der nie hätte sein dürfen. SternenClan schenkte mir eine zweite Chance als Mensch, weil sie dachten, dort wäre ich für immer sicher und sie hätten damit ihre Schuld an meinem Tod beglichen. Aber ich war so unglücklich, verstehst du? Der Körper von Charly, das war nicht meiner." "Interessant." Ich hob meinen Kopf an, um ihn besser einschätzen zu können, doch seine Miene war wie immer (also fast immer) dermaßen ausdruckslos, als hätte er nur mal wieder eines seiner Verbrechen durchgezogen.
    "Bin ich beliebt? Sicher bin ich der beste Schurke des ganzen Romans. Haben die Leser Angst vor mir?" "Sie wissen nichts von dir oder dem LibellenClan." Es war das erste Mal, dass diese Idee in meinen Gedanken zum Leben erwachte, doch weder konnte ich genau sagen, was sie überhaupt war noch ob das eine Rolle in diesem Puzzle spielte. Vielleicht las jemand genau in diesem Moment, was ich hier dachte oder wie ich gegen Laubrache vor versammelter Mannschaft des FuchsClans kämpfte. Lernten sie von mir? Gab ich ihnen Hoffnung? Ich wünschte es mir so sehr, dass es einen Sinn hatte und den gab es nur, sollte jemand aus meinen Wunden beginnen zu verstehen, was wirklich wichtig war.
    "Also haben sie mich zur Katze gemacht.", fuhr ich fort. "Nur kurze Zeit später trafen wir uns zum ersten Mal. Erinnerst du dich noch, wie ich mich in den Pfützen betrachtet habe? Ich habe behauptet, es wäre so ein Streunerding, doch das war der Moment, in dem ich meinen echten Körper zum ersten Mal sehen durfte. Und dann hat mich der FuchsClan entführt. Laubrache hat mich damals zu Jungen gezwungen und Meerschweinchen starb bei ihrer Geburt, sodass ich die Kinder austrug, während ich noch auf weitere drei aufzupassen hatte. Es ging ihnen besser als mir. Und die Reise...wusstest du, dass ich fast ein ganzes Jahr lang zusammen mit Hunden gelebt habe? Sie haben so sehr an mich geglaubt, dass sie mir die Welpen anvertrauten, damit sie Kämpfen und Jagen lernten.
    Doch all unsere Bemühungen waren umsonst, denn als wir zurückkehrten, hatten bereits die Luchse euch vertrieben. Moospfote starb im Territorium des BärenClans an Blutverlust, Pilzkralle nahm sich zwei Monde später das Leben, um wieder bei ihr sein zu können. Er hatte mich alleine gelassen und das blieb auch sehr lange so, weil ich keine Ahnung hatte, wo ich suchen sollte. Nachts hörte ich die Gebete von Sonnenruß, meiner ersten großen Liebe, meiner besten Freundin Habi und sogar von Laubrache, weil er bereute, was er mir angetan hatte. Vielleicht war das auch die Nacht, in der Geißel sich für mich an ihm rächte." Gedankenverloren tauchte Vogelstern seine Pfote in mein Regenbogenblut, das sie augenblicklich in strahlenden Farben aufleuchten ließ. "Was hat Geißel getan?" "Nachdem er erfahren hat, dass es Labrache war, der mir so etwas Schlimmes angetan hatte, ertränkte er ihn als Geist noch im Schlaf." "Aber du bist ihm noch gar nicht begegnet!", entgegnete Vogelstern. Er lächelte ein wenig. "Diese Ironie. Du fliehst vor mir und wehrst dich bis ans Ende, damit dich schlussendlich ein anderer Kater entführt und genau das tut, vor dem du entkommen wolltest." "Es hat mich sehr verändert." "Oh." Seine Schnurrhaare kribbelten an meiner Wange, denn er hatte es sich nun liegend auf meiner Flanke bequem gemacht. "Also mir gefällst du so noch mehr." "Wenn du so nahe an meinem Gesicht bist, kann ich mich nicht konzentrieren." Er schnurrte heiser. "Das ist doch der Sinn, Kätzchen. Ich gewinne immer."
    Zitternd holte ich Luft. "Der SternenClan schickte mich zu den anderen Clans, wo ich mich allerdings nie zu Hause gefühlt habe. Trotz dir blieb auf ewig der LibellenClan meine wahre Heimat. Ich hätte alles getan, um zu euch zurückzukehren, sogar deinen Eintrittspreis bezahlt." "In Ordnung, das ist wirklich traurig." Er lachte leise und drückte meinen Kopf zurück nach hinten auf den Boden. Seine raue Zunge leckte über die tiefere Narbe, weshalb ich stöhnend schlucken musste. "Weißt du was, Wildsturm? Ich halte es nicht mehr aus."
    Trotzdem erzählte ich weiter, weil ich vielleicht nie wieder die Gelegenheit haben würde, zu reden und ich es in meinem Leben eindeutig zu wenig getan hatte: "Ich starb im Kampf mit dem BlutClan unter Geißels Krallen." Seine Augen blitzten überheblich. "Gib es zu, Wildsturm. Du hast eine unglaubliche Schwäche für Kater, die dir nicht gut tun." "Ich seufzte. "Ich würde lügen, wenn ich das Gegenteil behaupte. Sonnenruß war der einzige, den ich wirklich geliebt habe und der mich nicht tot sehen will. Denkst du manchmal noch an ihn? Den Kater, der verhindert hat, was gerade geschieht?" "Hm..." Vogelstern überlegte, während meine Konzentration schon wieder schwand, obwohl ich mich so bemühte. "Ich muss zugeben, dass das schon ein ziemlich übles Schicksal ist." Er lachte. "Erinnerst du dich? ICH war es, der deine Zukunft verflucht hat!" "Wenigstens machst du ihr Ende erträglicher." "Schon echt nett von mir, nicht?" Hoffentlich wurde ich nicht schwanger, denn ich wollte nicht, dass noch ein weiteres Lebewesen mit mir diese Welt verlassen musste; erst recht, wenn es doch gerade erst anfing, zu existieren.

    Es vergingen zwei Wochen, die Vogelstern ausnutzte so gut es nur ging. Wenigstens hatte er Nachsicht mit meinen zahlreichen Verletzungen, deshalb packte er nie zu fest oder gar mit Krallen oder Zähnen zu, anders als bei Girl oder auch Lilly, die von ihm nur drei Tage Eingewöhnungszeit bekommen hatte. Ich hatte überlebt, was ich ziemlich heftig fand. Ab und zu musste ich immer noch Blut spucken und weil hier niemand sauber machte und die bunte Flüssigkeit nicht einfach im Stein verschwand, sah es im hintersten Abteil aus wie in einem schlechten Horrorfilm. Aber das war nicht schlimm - denn ich hatte mein Leben aus irgendeinem Grund behalten dürfen. Wollt ihr ihn wissen? Vogelstern war es, der seine gesamte Tagesration Wasser für einen alten, bereits verbrauchten Verband von den Riley-Katzen tauschte. Von wem der so vollgeblutet war wollte ich gar nicht erst wissen, doch mit diesem Handel hatte er mir das Leben gerettet. Wenn auch nur, weil ihm unser erstes Mal so Spaß gemacht hatte und er meinte, dass es mit Lilly oder Girl nicht so gut sei. Was für ein Kompliment. Ich war gerade Schlampe des Monats im Tierheim geworden.
    Fast vollkommen umhümmelt vom Verband, welcher ein Hinterbein, die Brust, Nacken und Schweifende, wo die Blutungen am schlimmsten gewesen waren, lebte ich vor mich hin. Außerdem gab mir der rote Kater immer ein wenig von seinem Futter ab, damit ich wieder zu Kräften kam. Ich musste zugeben - vielleicht war ich nicht unbedingt stolz darauf, aber wir beide genossen unseren Deal in vollen Zügen, obwohl Geißel das Tierheim bisher noch kein einziges Mal betreten hatte.
    Vogelstern und ich hatten es uns etwas verschwitzt in der hintersten Ecke eingerichtet, die inoffiziell uns gehörte und wo Lilly nur hergelangte, wenn ich gerade keine Zeit für Vogelstern hatte oder eben nicht wollte, weil die Wunden noch schmerzten. Außerdem hatte ich mich mit der dicken, schwarzen Katze von Riley angefreundet und ihren Gefährten, einen hageren, hellbraun getigerten Kater mit strahlenden, grauen Augen. Sie hießen Cindy und Martin, wenn es gut passte, tauschten wir so Zeugs wie Futter, Wasser oder tote Kakerlaken. Man musste nehmen, was man kriegen konnte. Vogelstern rieb seine Stirn meiner Schulter. "Ist es so nicht viel schöner, als wenn du immer gegen mich ankämpfst? Du gehörst mir. Geißel hat jedes Anrecht auf dich verloren." "Ich will trotzdem nur mir selbst gehören." "Tust du ja auch irgendwie: Du gehörst uns BEIDEN." Vogelstern und ich waren keine Gefährten, nicht einmal Freunde, wir würden es auch nie werden, doch mit ihm konnte man Spaß haben, dass die anderen Sklaven neidisch wurden.

    Erschrocken fuhr ich in die Höhe, als mich in derselben Nacht eine cremefarbene Pfote wach stieß. Vogelstern und ich waren in der Ecke an Ort und Stelle eingeschlafen, doch jetzt war mein Freund+ verschwunden. Lilly zischte: "Steh auf, Wildherz, mach schon!" "Wo ist Vogelstern?" "Hier." Er saß direkt am Gitter, anscheinend um das Geschehen auf dem finsteren Gang zu beobachten, der nur durch das strahlende Mondlicht, das durch die Fenster fiel, erhellt wurde. "Es kommt jemand. Cindy meinte, der Anführer selbst wird seine Sklaven heute besuchen, aber bevor ich noch weiteres fragen konnte, ist sie im Karton verschwunden." Mila, eine niedliche, kleine Kätzin mit hellgrauem Pelz und blauen Augen, welche zu Rileys Katzen gehörte, miaute eindringlich: "Was ihr übrigens auch tun solltet." Auch sie saß abwartend am Gitter, die Ohren vor Nervösität ständig in Bewegung. "Aber du bist stark genug, um ihm zu begegnen. Ist klar.", meinte Lilly mürrisch, doch ich hörte als einzige die Angst, die in ihrer rau gewordenen Stimme mitschwang. Bevor man sie hierhergeholt hatte, war sie noch zart und recht hoch gewesen, wie wenn Kaninchen sprechen könnten.
    Aber Mila konterte nur: "Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass ich heute Nacht in sein Beuteschema falle." Ihre Augen funkelten vor unterdrückter, aber deutlich erkennbarer Schadenfreude, als sie sich Lilly und mir zuwandte. "Betet, dass ihr es übersteht. Es ist immer schade, wenn ungeborene Junge nie das Licht der Welt erblicken." Wie auf Kommando ging das Licht des Flures an, welches nur aus vereinzelten, halb zerstörten Glühbirnen bestand. Mein Herz raste mir bis zum Hals und ich musste wieder Blut husten vor Aufregung. Mit gesträubtem Fell wirbelte Vogelstern herum, sodass er in der Ecke, die zu Rileys Käfig grenzte, Zuflucht suchen konnte. Bevor Geißel ihn zu offensichtlich bemerkte. Lilly kreischte kurz auf, dann stolperze sie hilflos dem ehemaligen Anführer eines untergegangenen Clans hinterher. Vom Anfang des Ganges, der zum Empfangstresen mit den Plakaten führte, ertönte ein fröhliches Pfeifen, klar und so durchdringend, dass alle Katzen instinktiv noch mehr in die Schatten rückten.
    Verzweifelt suchte ich in unserem kargen Abteil nach einem Versteck. Da, die giftigen Zimmerpflanzen ganz hinten an der Wand unter dem Fenster! Ohne mich noch einmal umzudrehen, jagte ich über den seltsam kalten Beton und verbarg mein schwarzes Fell hinter den wachsigen Blättern, was nur bedingt half. Meine rechte Hinterpfote, die unversehrte, ragte nämlich ein wenig aus den Schatten der Pflanze heraus.
    "Es tut mir leid, dass ich mich so verspäte. Normalerweise lasse ich meine Haustiere nicht warten, ehrlich." Das Pfeifen hatte natürlich aufgehört, doch jetzt wünschte ich es mir so sehr zurück, wie ein Schulkind die zwei Wochen vor der entscheidenden Prüfung. Die Gitter ratterten ungleichmäßig, während er mit seinen bewaffneten Klauen über das Eisen fuhr, nur um die verängstigten Gefangenen noch mehr zu verängstigen. Einige Kätzinnen wimmerten vor Furcht, die sie in ihren schlechten Verstecken erstarren ließ. "Oh Lilly! Wie geht es den Jungen?" Lilly und Vogelstern waren die einzigen Sklaven, denen die Möglichkeit, sich zu verstecken, nicht zur Verfügung stand. Sie hatten nicht an die Topfpflanzen gedacht, also verbarg Lilly, wie immer, wenn sie sich fürchtete, das Gesicht der Wand gegenüber in den Pfoten. "Hmmm...haben meine Freunde euch nicht beigebracht, dass man höflich sein soll? Ich werde mit Girl, Bingo und Blutstrom über ihre Erziehungsmaßnahmen reden müssen.", sinnierte er laut. Das Quietschen der Tür verriet, dass er nun unseren Käfig betreten hatte, das zweite Aufschreien von Metall, dass es nun keine Fluchtmöglichkeit mehr geben würde.
    Obwohl auch ich zitterte, schaffte ich es, mich noch tiefer in die Dunkelheit zu ziehen, bis nur noch meine normal geweiteten Augen aus der Finsternis herausleuchteten. Geißel bemerkte es nicht. Seine Aufmerksamkeit galt immer noch Lilly, die stöhnend zu Boden sank und ihn teilnahmslos anblinzelte. Ihr gesamter Pelz war vor Schweiß verklebt. "Du bist eine Schande für alle Raubtiere der Nacht. Ich wünsche mir, dass meine Junge nie erfahren, wer ihr Vater ist." So etwas zu sagen, zeugte vom Mut eines Löwen, nicht einer kleinen, schwangeren Katze. Ich war mir sicher, dass ich sie von jetzt an für immer mit anderen Augen sehen würde, denn solches Verhalten verdiente nicht nur Respekt, in einer gnadenlosen Welt wie diesen brauchte es Unterstützung.
    Während Lilly ihr Todesurteil unterschrieben hatte, war es Vogelstern gelungen, unauffällig die Ecke zu verlassen, von wo aus er hastig in die Topfpflanze neben mir kletterte. Mit den Lippen formte er ein stummes Danke, dafür, dass Lilly Geißel ablenkte und weil ich ihn auf die Idee gebracht hatte. Doch jetzt war keine Zeit für das Analysieren von Vogelstern, denn Geißels Krallen fuhren der auf dem Rücken liegenden Kätzin erbramungslos über den Bauch. Lilly jaulte, aber traute sich nicht, sich zu bewegen. Nun lag es auch an mir, zu beweisen, dass ich mich zu Recht Kriegerin nannte. Ich miaute: "Vor ein paar Tagen noch hätte ich alles getan, um diese Jungen zu vernichten; jetzt wünsche ich mir, dass du es bist, der uns endlich verlässt." "Wildherz?" Ein kurzer Schimmer von Unsicherheit huschte über sein Gesicht, doch ich hatte ihn eindeutig gesehen. "So nennen mich meine Clan-Gefährten. Sag, wie viele von ihnen hast du noch nicht niedergemetzelt?" Er knurrte. "Eindeutig zu wenige, wenn du noch lebst." Die kleinen Stängel der Pflanze stachen mir ununterbrochen in die hervorstehenden Rippen oder die sehnigen Beine, weil wir hier nur sehr wenig zum Essen bekamen. Der BlutClan wollte uns schwach halten, um eine Revolution zu verhindern.
    Gelassen näherte er sich meinen Versteck, aber seine Ohren waren aufmerksam gespitzt, sodass ihm nicht die ruckartige Bewegung entging, als ich meine linke Vorderpfote schnell in den Schatten unter den Blättern zog. Nur der Verband machte das Stechen erträglich, da ich so viel davon an meinem Körper hatte.
    "Versteck dich nicht, Kätzchen. Dein Schicksal liegt in meinen Pfoten, selbst wenn ich dich nicht sehe." "Dann hast du es ja vielleicht nicht gesehen, dass Lilly nicht ich war." Bei jeder anderen Katze hätte sich das jetzt aufgebracht oder zumindest gereizt angehört, aber ich sagte das so gleichgültig, als würde mich die ganze Situation nicht betreffen.

    34
    Zu der Verblüffung aller Beteiligten verließ Vogelstern sein Versteck vor mir, stellte sich direkt an die Seite meiner Pflanze. Sein Blick war selbstgefällig und arrogant, als er Geißel abschätzend musterte: "Du bist hier nicht erwünscht, BlutClan-Anführer. Geh zurück zu deinen Mördern, sonst werden wir zu ihnen werden müssen." "Nicht." Langsam und vorsichtig kletterte ich stöhnend aus dem Topf, weil meine Verletzungen noch so sehr schmerzten. "Ich kann nicht zulassen, dass noch mehr Blut fließt. Es muss aufhören." Geißel lachte selbstgefällig auf. "Du könntest mich nicht töten, selbst, wenn du es wolltest. Ich habe noch nie eine schwächere Katze als dich getroffen, Kätzchen." "Und du trägst dafür die Schuld. Aber ja, ich will dich nicht töten.", erklärte ich ihm. Alle Sklaven beobachteten mich, um zu sehen, wie weit Geißel mich gehen ließ. "Ich will nicht wie du sein." Die dicken Verbände verbargen meinen Körper vor seinen anklagenden Blicken fast vollständig, doch er hatte gewollt, dass ich aufhörte, mich zu verstecken. "Schau, was du getan hast." Sanft machte sich Vogelstern an meinen Stoffen zu schaffen, was mir Angst machte, ja, Angst. Wir hatten zwar einen Deal, aber er war nicht der Typ, der vorsichtig mit Kätzinnen umsprang - was ich zu meinen Schuldgefühlen aus eigener Erfahrung behaupten durfte. Das war der Moment, an dem Geißels Blick zum ersten Mal zu Skepsis wechselte. "Fass meine Sklavin nicht an." 'Deine Sklavin, MEINE Katze. Du kannst nicht alles haben.", miaute Vogekstern ungerührt und ich sah Lilly, die sich mit einer langen Bratpfanne bewaffnet von hinten an meinen Gefährten heranschlich. Sie hatte sie erst vor wenigen Tagen bei Martin eingetauscht, obwohl er dafür drei Tagesrationen von ihrem Fleisch gefordert hatte. Deshalb war wenigstens nicht nur ich dermaßen abgemagert und ungelenk.
    Den gewaltigen Knoten in seiner Kehle hinunterwürgend legte Vogelstern beschützend seine Pfote auf meine Schulter. Der Körper einer ihn gewohnten weiblichen Katze schien ihn wie immer bis auf Weiteres sehr zu beruhigen. Er schnurrte sogar leise, doch ich versuchte die ganze Situatuon einfach nur zu ertragen, bis es einen Ausweg gab.
    Geißel knurrte. "Lass sie los, Birdy. Ich werde euch beiden Schlimmeres als den Tod antun, dann kannst du meine Gefährtin weiterhin betatschen." Mit einem letzten Ruck befreite mich der rote Kater von den Verbänden, sodass das getrocknete, bunte Blut, die Umrisse meiner zerstörten Luftröhre, all die Schrammen und Platzwunden sichtbar wurden. Meine Rippen waren mindestens so spitz wie Messer, wenn nicht schon derartig extrem wie bei Lilly, die nur noch wenige Schritte von unserer Erlösung entfernt war.
    Zuerst wollte er unbedingt etwas Gemeines sagen, das sah ich an dem kalten Ausdruck in seinem Gesicht, doch dann... "Es tut mir leid.", schluchzte er. Ich wollte ihm erklären, dass es nicht so schlimm sei, wie es aussah (auch wenn es sogar noch viel schrecklicher und schmerzhafter war, als er es sich überhaupt vorstellen konnte), weil Vogelstern sich so gut um meine Wunden und darum kümmerte, dass sie mich nicht mehr zu den Übungen nahmen. Meistens bot er sich dann selbst an, kam allerdings immer kaum verletzt wieder zurück. Ich wäre gerne eine derartig geniale Kömpferin wie er gewesen, denn auch wenn sich alle seine Gedanken nur um Kätzinnen (oder wie er sie zumindest alleine erwischte) drehten - er war Geißel ebenbürtig.
    Lilly hob die Bratpfanne. Wie geöltes Eisen (haha - eigentlich würde ich jetzt gerne weinen. Mal wieder.) schoss das tödliche Küchengerät hinab.

    Im Nachhinein war ich mir nicht sicher, was es gewesen war, dass Geißel den geplanten Mord doch noch rechtzeitig bemerkte, denn mit dem Schwung, den Lilly einsetzte, war garantiert nicht nur Bewusstlosigkeit drinnen gewesen. Er hechtete zur Seite, fast hätte er Vogelstern umgestoßen, doch dieser stürzte unerwartet nach vorne, um Lilly die Pfanne aus dem Maul zu reißen. Verdutzt von dieser Reaktionen ließ die zweite Geliebte meines Gefährten los. Vogelstern wirbelte wieder zu Geißel herum, lachend, welcher zum Kampf geduckt und mit flach nach hinten angelegten Ohren neben mir stand. Seine Nase zuckte, weil mein Blutgeruch so überwältigend war. "So lange habe ich schon gewartet, dass ich endlich Rache üben kann. Immer denkst du, die Welt dreht sich nur um dich, keine Empathie für andere Lebewesen oder nur irgendeine Katze. Wildherz, die einzige, die dich jemals irgendwie lieben konnte, und ich frage mich noch heute, wie das überhaupt gehen soll, hast du mit einem billigen Hauskätzchen betrogen. Es wird Zeit, dass du ihr nicht mehr weh tun kannst. Es wird Zeit für dich, zu sterben." Manchmal fragte ich mich, ob Geißel denn jemals Angst oder einen Überlebenswillen spürte. "Seit wann hast du schon Gefühle für irgendjemanden außer dir selbst?", blaffte er zurück, wobei sein Schweif leicht meine Flanke berührte. Erschrocken zuckte ich zusammen und ich sah den Schmerz des Verlustes in seinen Augen. Er war unberechenbar. Niemand durfte ihm trauen. Aber wenn wir ihn ermordeten, dann wollte ich nicht ohne ihn leben.
    Vogelstern kniff die Augen zusamnen, fast so, als verstände er selbst nicht, wie sich alles innerhalb weniger Tage nur so hatte verändern können. Er knurrte: "Sie hat mich dazu gebracht, dass ich besser sein will als der Lügner und Radikale, dessen Rolle ich immer gespielt habe. Wenn meine Mutter davon geredet hat, wie sie meinen Vater liebt, obwohl er keinen Respekt gegenüber anderen Kätzinnen hat, habe ich nie verstanden, wie das sein konnte. Gut und Böse dürfen keine Gefährten sein, überhaupt niemand durfte dem Bösen helfen, haben mir meine Clan-Gefährten schon als Junges eingeschärft. Ich wollte danach auch nie der Böse sein, aber als es dann keinen Schritt mehr zurück gab, wollte ich es doch durchziehen. Wenn schon, dann der Böseste von allen. Ich liebte diese Rolle. Wirklich. Es macht so Spaß, grausam zu sein, vor allem, wenn du es mit reinem Gewissen tun darfst. Immerhin war es mein Vater Blutstern, der mich zu dem Monster gemacht hat, das ich bin, nicht ich war schuld. Aber...jetzt BIN ich es, weil Wildherz mir gezeigt hat, dass Veränderung keine Unmöglichkeit ist. Sie ist schwer, sie kostet Kraft, Zeit und Mühe und vielleicht schafft man es trotzdem nicht, dem Teufelskreis zu entkommen, weil man weiß, wie schön es sich anfühlen kann. Aber dass Gut und Böse sich nicht lieben dürfen, das stimmt nicht. Meine Eltern waren immer eins, trotz ihrer verschiedenen Charakter, denn sie akzeptierten sich ohne den anderen ändern zu wollen. Es ist nichts Falsches daran, das Böse zu lieben, hast du selbst gesagt, Wildherz." Er warf mir einen Blick zu, der mich zum ersten Mal die wahre Seite von Vogelstern erkennen ließ: aufrichtig, loyal, wild, ein bisschen verrückt, aber ein Wesen des Waldes genau wie jedes andere. "Ich liebe sie genauso sehr wie mein Vater immer meine Mutter geliebt hat. Weil sie mich nicht verändert, sondern das Böse akzeptiert." Tiefe Verletzheit sprach aus seinem keuchenden Atem und den Augen, die geglaubt hatten, dass ich ihm bis ans Ende der Welt folgen würde. Vogelstern grinste. "Du allerdings hast den Schlimmsten Fehler aller Zeiten gemacht, oh allwissender, mächtiger Kater." Seine Stimme triefte vor Ironie, dass sie alle Umstehenden wie die Blätter dieser Pflanze hinter mir vergiftete. Lilly jammerte leise, aber undeutlich vor sich hin, verließ den schrecklichen Schauplatz für ein Nickerchen im anderen Bereich der Zelle. "Du hast das Böse an IHR ausgelassen. So etwas würde ich niemals tun." "Oh, doch, du HAST es getan!", fauchte ich, weil ich keine Lust mehr hatte, auf einmal das Monstrum zu sein. Verdammt, ich war in diesem verfluchten Dreieck, gerade NICHT diejenige, die mehr Tote auf dem Gewissen hatte wie Krallen an meinen Pfoten. Ich zuckte zusammen. Aber Lebende...die hatte ich alle erbarmungslos verraten. VERRÄTERIN.
    Ein wenig legte Vogelstern den Kopf schief, was echt süß an ihm aussah. "Nein, das warst nicht du. Die Katze, die du damals warst, werde ich nie lieben können und das habe ich auch nicht. Doch das Schicksal, das ich für dich gewählt habe, hat dich verändert, Wildsturm. An DIESE Katze habe ich dann mein Herz verloren. Und glaub mir - so etwas passiert bei mir nicht allzu oft. Willst du wissen, wie viel Spaß wir in den letzten Wochen gemeinsam hatten, Geißel?" Bevor der Anführer des BlutClans schnell genug reagieren konnte, hatte der blutrote Kater einen Satz auf mich zu gemacht, um mir den Verschluss des Halsbandes zu öffnen, welches mir über das Blut, über die Schulter fiel. Drohend hob Vogelstern die Pfanne. "Wenn ich dich erst einmal getötet habe, wird ihr Herz für immer mir gehören, wie meines ihr gehört." "Ich WILL dein wertloses Herz nicht.", fauchte ich ihn an. "Ich habe dir gesagt, mach ihn eifersüchtig, nicht, NIMM MICH IHM WEG UND BRING UNS ALLE IN TODESGEFAHR!" Vogelstern zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. "Hört sich verdammt ähnlich an, nicht?" Die Verletzheit schwand aus dem Gesicht des Katers neben mir; jetzt war da höchstens noch Erleichterung und so etwas wie Überheblichkeit. "Du wolltest mich wirklich eifersüchtig machen?" Antworten wollte ich, doch durch die ganze Aufregung war mein Blutdruck wieder so schnell angestiegen, das erneut bunte Flüssigkeit aus meinen Wunden quoll und ich darum kämpfte, mich auf den Beinen zu halten, während ich keuchend und kaum Luft bekommend Blut hustete. "Wildherz.", sagte Vogelstern und ließ die Pfanne sinken, um mir zu helfen. Geißel dagegen schubste ihn grob zu Seite und flüsterte: "Den krieg ich tot, keine Sorge. Geht es? Soll ich Wasser holen?" Entrüstet rempelte Vogelstern von der Seite meinen Gefährten an, doch dieser schlug ihn nur gewissenlos mit dem Schweif auf die empfindliche Schnauze. Vogelstern taumelte rückwärts. Sorgfältig leckte Geißel mir das Blut vom Kinn und den Rändern meines Mundes, wobei es ihm noch nicht einmal etwas ausmachte, dass ich ihn weiterhin mit noch mehr Blut anspuckte. Stöhnend sank ich zu Boden. "Du musst ruhig atmen.", riet er mir und machte sich wieder an meinen Wangen zu schaffen, bis mein Puls sich endlich normalisierte. Erst, als ich aufgehört hatte, mein komplettes Inneres nach außen zu befördern, küsste er mich. "Du wirst mich nicht für diesen Trottel verlassen, nicht wahr?" "Du hast mich mit Lilly betrogen. Außerdem bist du böse." "Lilly? Ach so, die da." Etwas durcheinander sah er zu der kleinen Kätzin hinüber, die ihn aus zusammengekniffenen Augen anfunkelte. "Bin ich nicht unwiderstehlich?", scherzte er.
    Ich lachte, obwohl es mir so richtig schlecht ging; rappelte mich an ihn gestützt wieder auf. "Und arrogant und überhaupt nicht abgehoben noch dazu." "Ich werde sie gehen lassen. Für dich." "Sag mal, geht's dir noch ganz gut?" Lilly war auf augesprungen, zornig mit dem Schweif peitschend und zurückgezogenen Lippen, die strahlend weiße Zähne hervorblitzen ließen. "Meine Zweibeiner werden die Jungen ERTRÄNKEN!" "Dann werde ich sie großziehen." Verwirrt blinzelten Geißel, Vogelstern und Lilly mich an." "Du...willst die Kinder der Affäre deines Gefährten als deine annehmen?" Vogelstern lachte vor Begeisterung, während Lilly miaute: "Du würdest das tun? Selbst, wenn sie nicht dein eigenes Blut sind?" "Ich lasse nicht zu, dass Junge ertränkt werden, Lilly. Ich bin die Anführerin des MondClans und habe mich genauso wie meine Krieger an das Gesetz der Krieger zu halten."
    "Danke.", seufzte sie tonlos. Vogelstern lächelte hämisch. "Und die Katzen sagen, ICH bin irre. Darf ich dich jetzt endlich ermorden, Geißel?" "Eigentlich wusste ich schon immer, dass nur noch eine einzige Person sterben muss, damit wir für immer glücklich sein können. Aber zuerst dachte ich, es müsse entweder er oder ich sein." Nachdenklich betrachtete ich die verrostete Pfanne, welche aus welchen Gründen auch immer blutbefleckt war. "Dabei muss es gar keiner von uns sein.", fügte Geißel hinzu und schenkte mir ein strahlendes, erlöstes Lächeln. "Erweist du mir die Ehre, dein schickes Halsband erneut anzulegen?" Ich schnurrte. "Immer." Unter Vogelsterns absolut fassungslosem Blick befestigte er wieder das dunkelblaue Band, welches uns auf ewig zusammenhielt, an meinem Hals. "Dafür wirst du sterben.", stieß der rote Kater hinter zusammengekniffenen Kiefern hervor. Erneut erhob sich die tödliche Bratpfanne über Geißels Kopf.

    Dann stürzte Vogelstern zu Boden, seine Kehle rot vom Blut, das ihm aus einer gewaltigen Wunde über der Brust hervorschoss. "Dabei musstest nur noch du sterben.", flüsterte ich an Geißel gelehnt.

    35
    "Wusstest du, dass ich eigentlich bi bin?", erzählte ich gerade Taubenschreck, als Wellenpfote mit einem dicken Packen seltener Kräuter in den zur Zeit ständig besuchten Heilerbau trat. Ihre Schnurrhaare zuckte vor Konzentration. "Die mit den langen Blättern stoppen hoffentlich die inneren Blutungen. Vom Thymian müssen wir ihr nur geben, sollte sie sich wieder zu sehr aufregen, oder?" Taubenschreck hatte in meiner langen Abwesenheit die linke Hinterpfote an einen gerissenen Fuchs aus dem FeuerClan-Territorium verloren, doch die Phnatomschmerzen ließen ihn nie wirklich in Ruhe. Andauernd kämpfte er mit der juckenden Luft, so auch im Moment, während Wellenpfote den gräulich werdenden Kater aufmerksam ansah. "Wenn du so intelligent bist, dann schaff mir meine dumme Pfote endlich wieder her!" "Du hättest Rattenjunges ja nicht retten müssen.", gab die Schülerin, die meiner Ansicht aber nicht mehr lange diesen Rang behalten würde, zurück. Taubenschreck war gealtert und nun auch körperlich behindert, deshalb war die Idee, ihn seinen verdienten Frieden als den ersten Ältesten des MondClans zu lassen, nicht einmal derart abwegig.
    Geißel hatte Lilly und mich tatsächlich gehen lassen, nur der verlorene Geist Vogelsterns würde sein restliches Nachleben in der Besenkammer des toten Tierheims fristen müssen. Dass ich ihn getötet hatte, dass es MEINE Schuld war, dass er nie wieder hatte Sonnenlicht sehen dürfen...das war doch seine Schuld. Noch immer plagten mich Tag und Nacht erstickende Hustenanfälle, weil ein Teil meiner oberen Luftröhre, dort, direkt in der Kehle, bei Geißels Angriff verletzt worden war. So leicht würde es nicht werden, die inneren Blutungen endgültig und auf Dauer zu kurieren, doch die drei tapferen (oder zumindest halbwegs verrückten) Heilerkatzen taten und pflückten und verrenkten, was ihre saftverschmierten Krallen hergaben. Diesen stickigen Geruch nach Thymian, der meine Gedanken dauernd in wabbernden Nebel veränderte, das Schnarchen von Lichtherz, wenn sie sich abends an ihre Jungen gekuschelt hatte, oder Taubenschrecks stündliche Ermahnungen, tödlich aussehendes Gras zu essen, gehörten nicht zu den Sachen, die ich vermissen würde, sobald ich wieder stark genug war, den Clan zu führen.
    In der Zwischenzeit war dies Nesselstreifs Aufgabe, eine Kätzin des WasserClans, die beschlossen hatte, ihre eigene Familie zu verlassen. Sie war lesbisch und deshalb hatte man sie nie vollends respektiere können. Schon traurig, diese Welt. Zeit, dass jemand ein bisschen Licht in ihr austeilte.

    Es hätte mich nicht gewundert, wenn meine Clan-Gefährten mich verachtet hätten, denn mir war sehr wohl bewusst, dass immer noch ich die Schuld an der bedrohlichen Existenz des BlutClans trug. Aber es gab keine Katze, keinen Fuchs in diesem Clan, die nicht mindestens einmal am Tag zu mir in den Heilerbau gesprungen kam, um mich mit Geschichten über die Traingsstunden und die bevorstehenden Krieger- und Schülerernennungen aufzumuntern oder Taubenschreck und Wellenpfote auf den Geist zu gehen. Dass Nesselstreif und Strauchpfote heimlich in einader verliebt waren, war auch schon längst kein großes Geheimnis mehr. Mir tat es nur leid, dass sie nie Junge haben würden, weil sie garantiert großartige Eltern wären. Lichtherz' Junge sollten in den nächsten Tagen übrigens zu Schülern ernannt werden, während Chelsey, Schlangenpfote, Strauchpfote, Wellenpfote, Natternpfote und Wurzelpfote schon jetzt ständig durch das Territorium rasten, um nicht zu spät zu ihren Abschlussprüfungen zu kommen. Natürlich mussten die Mentoren dann doch jedes Mal ewig auf sie warten, aber ich selbst war beeindruckt von den neu errungen Fähigkeiten und Leistungen, die alle anderen Clans in den Schatten stellten.
    Rattenjunges, Dunkeljunges und Glitzerjunges waren alles echt niedliche Kätzinnen, die jeden Tag auf's Neue versuchten, sich mit Kunsstücken zu übertrumpfen. Dass die grau getigerte Kätzin mit den blauen Augen, die schwarze Kätzin mit den bernsteinfarbenen und das kleinste Junge mit dem funkelnden, silbernen Fell und grau-grünen Augen jedoch zu weit mehr in der Lage waren als gewöhnliche Katzen, schien nur Lichtherz und mir aufzufallen. Denn Rattenjunges konnte springen. Und ich meine nicht diese süßen Hüpfer, wenn sich die jungen Kätzchen auf ein eh schon totes Eichhörnchen stürzten, das ihnen die älteren Schüler zur Beschäftigung gegen Wellenpfotes Schädel warfen. Sobald sie die Heilerstube, welche auch gleichzeitig Kinderstube war, zum Spielen verließ, segelte die gedrungene Kätzin problemlos mehrere Fuchslängen durch die Luft. Ich war fest überzeugt, dass sie sogar noch weiter käme, sollte sie erst ihr Training beginnen und Lichtherz, Wellenpfote und ich waren andauernd beschäftigt, darüber zu diskutieren, wer ihr Mentor sein könnte. Dunkeljunges rannte. So schnell, dass sich die erfahrenen Krieger verwirrt umschauten, während die schwarze Katze diese schon seit mehreren Sekunden hinter sich gelassen hatte. Und Glitzerjunges...die Kleine sprach mit Vögeln, mit winzigen Mäusen, mit allen Tieren, die sich ins Innere des Heilerbaus wagten außer mit Katzen. Fast schien es, als würde sie eine andere Sprache reden, denn ihre Laute waren nicht die einer gewöhnlichen Katze, sonder das ständige Auf und Ab von Winseln, Krächzen, Zwitschern, Bellen, Glucksen, Klackern und Piepsen.
    Niemand mochte Wellenpfote. Auch wenn ich wegen Carlas Mord verdächtigt wurde, war es immer noch die graublaue Schülerin gewesen, die ihre eigene verletzte Anführerin verraten und vertrieben hatte. Nicht einmal die gutmütige Lichtherz, die immer zu allen freundlich war, egal, ob sie es verdienten oder nicht (meistens nicht), hielt es lange in ihrer Nähe aus.

    "Es gibt schlechte Neuigkeiten wegen den Schwestern.", murrte Taubenschreck miesgelaunt und warf Wellenpfote, die sich gerade eben in der Hitze für nur eine Sekunde hingelegt hatte, heftige Blicke zu. "Sie sind krank. Alle." Auch Lichtherz trabte jetzt durch den Felsspalt zu uns in den erlösenden Schatten, wo der schwere Geruch nach verschiedensten Gräsern, wahrscheinlich mindestens zehn Arten von Drogen, das Atmen noch mehr erschwerte. Sie meinte hustend: "Dunkeljunges hört nichts mehr, Glitzerjunges nimmt keine Schmerzen mehr wahr und Rattenjunges hat Asthma, und zwar die schlimme Sorte. Sie läuft zehn Schritte, schon bricht sie in dieser stickigen Luft zusammen." Sofort war Wellenpfote wieder auf den Beinen. "Das ist schrecklich." "Nicht so sehr wie die momentane Aussicht auf den Krieg.", widersprach Wüstensee, die gerade ebenfalls in die sonnenfreie Zohne flüchtete. Das kurze, seidige Fell klebte ihr am Körper wie wässrige Spinnenweben, doch der dick angeschwollene Bauch voller Jungen machte ihr eindeutig am meisten zu schaffen. Fast schaffte sie es nicht mehr sich zu ihrem kühlen Platz ganz hinten neben den Medikamenten mit fataleren Auswirkungen hinzuschleppen. Mit einem "Uff!" ließ sie sich in das Bett aus kalten Federn fallen.
    "BlutClan und KnochenRudel werden sich verbünden...", überlegte Wellenpfote laut. Taubenschreck unterbrach sie unhöflich: "Falsch, das Bündnis ist längst geschehen. Geschichte. Vielleicht hält es ja nicht und sie zerfetzen sich gegenseitig, das wäre für alle das Beste." Das Beste...er hört sich sehr vernünftig an. Früher hätte ich jetzt mit Veillchenmond einen Streit vom Zaun gebrochen, doch für so etwas lohnte es sich nicht mehr, wichtige Energie zu verschwenden. "Meint ihr, die kranken Junge sind ein Omen des SternenClan?", sinnierte Lichtherz demütig, während ihre Pfoten mit flinken, antrainierten Bewegungen Blätter, Knospen, Wurzeln und Blüten in verschiedene Haufen abtrennten.
    "Wäre ich optimistisch, ihre Superkräfte sind das Zeichen, dass sie krank geworden sind, einfach nur Pech oder schlechte Gene. MondClan wird die große Schlacht gewinnen, vielleicht machen wir nicht einmal Verluste." Verluste. Ich dachte an Buntpelz und meinen Sohn Finkenteich, die vor wenigen Stunden erst wieder zu ihren Clans aufgebrochen waren. Der Plan war: Sie durften zwar erzählen, dass sie meinen Standort kannten, von mir aus, dass ich einen neuen Clan führte, der dieses Jahr vielleicht sogar überleben würde, aber, wo ich mich befand, war für alle tabu.
    Inzwischen waren Lichtherz und ich uns unheimlich sicher, dass sowohl Buntpelz als auch Finkenteich Gestaltwandler waren, was gleich zwei weitere, unbeantwortete Frage aufrief: Buntpelz war ein Kater. Gab es in echt noch eine andere Kätzin, die das magische Gen auch an Kater weitergeben konnte? Wer war es? Hatte sie sogar mit mir zu tun? Was für Kätzinnen gab es, die jemals mit meinem Blut in Kontakt gekommen waren? Außerdem war Finkenteich nicht einmal mein leibhaftiger Sohn, sondern mein Ziehkind. War es möglich, dass er das Gen über die Muttermlich aufgenommen hatte? Zeigte dies auch Wirkung an Fuchsjunges oder Flussjunges?
    Die Gedanken rissen mich fort wie ein gieriger Fluss mit tödlicher Strömung, sodass ich den Aufruhr im Lager zuerst gar nicht mitbekam. Solange zumindest nicht, wie Mini noch nicht geschrien hatte: "Fremde Katzen! Alarm!" Augenblicklich bahnten sich Taubenschreck, Wüstensee, Wellenpfote und Lichtherz einen Weg nach draußen in die UV-Strahlung, wobei ich im Heilerbau zurückblieb und versprach, auf die Jungen aufzupassen.
    Dunkeljunges, Rattenjunges und Glitzerjunges schliefen hinten in Wüstensee's Nest, das Sol noch für sie gebaut und gewechselt hatte, bis es zum tödlichen Angriff kam, doch nun war das Moos ausgetrocknet, das Laub verdorrt und einzelne Federn zerfranst oder kaputt gerissen. Schnurrend legte ich mich zu den drei Katzenbabys; ihre Wärme durchflutete meine Adern wie Glücksgefühle.
    "Ihr seid hier nicht willkommen.", protestierte Taubenschreck draußen. Wenn ich mich streckte, gelang es mir mühelos, die Schatten einiger Katzen vor dem halben Felsenkessel zu erhaschen, allerdings konnte niemand so richtig sagen, welche Silhuette wem gehörte. Dunkeljunges maunzte im Schlaf und ich wünschte mir dieselbe Kindheit für Wurzelkampfs und Natternzahns Junge, wenn diese irgendwann zur Welt kamen. Wurzelkampf hatte nämlich Schlangensee zur Gefährtin genommen, Natternzahn Weinbauch.

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    Der vertraute Geruch, ein Duft, der mir so viel Leiden erspart hätte, den ich mir so oft in meinen abgrundtiefsten Fantasien herbeigesehnt hatte, war es, den ich noch vor seiner kehligen, ungewöhnlich tiefen Stimme wahrnahm. "Mama?" Trotz des lauten Protests mehrerer MondClan-Schüler und -Krieger, welche vom schon fast verblassten Clan der Freaks zur Seite gedrängt wurden, schob sich ein nahezu winziger, schwarzer Kater mit struppigem, mittellangem Fell und nur einem dunkelblauen Augen zu mir in den Spalt. Bei meinem Anblick wäre er am liebsten in Tränen ausgebrochen, doch dieser junge Kater wies weit mehr Führungsqualitäten als ich auf. "All die Monde waren wir auf der Reise, auf einer Suche, um eine Katze zu finden, die ich genau zwei Wochen meines Lebens kennen lernen durfte. Du siehst aus wie ich." Während er sprach, lernte mein Gehirn wieder Funktionen wie "Denken" oder "Atmen, um nicht zu sterben und deinem tot geglaubten Sohn wieder Tschüss sagen zu müssen", echt komplexe Dateien also. Rattenjunges wimmerte beim Anblick der groben Narbe über dem Auge, welche er vor langer Zeit einer nicht einmal lebendigen, dummen Eule verschuldet hatte. Junge waren wichtig, schoss es mir durch den Kopf. Auch ich musste nun Vorbild sein, da sämtliche Blicke auf uns Beide gerichtet waren. "Geh von unserem Heilerbau weg.", raunte Knöpfchen mit Pfoten, die sich langsam aber merklich zu den Pranken eines angriffslustigen Löwens vergrößerten. "Zeig uns deine Ehre gegenüber den Kranken, Heilern und Müttern mit ihren Babys oder verlasse soforz das Lager wegen fehlender Kompetenz." Sogar ich zuckte überrascht mit meiner witternden Nase, denn Knöpfchen hatte derartige Worte noch nie verwendet. Dies war sein Zeichen, sein eigener, persönlicher Beweis, dass seine Seite - und zwar auf unserer - fest stand. Auch wenn es dem schwarzen Kater nicht gefiel, von fremden Kriegern kommandiert zu werden, er hatte seine Prinzipien und den Anstand einer Clan-Katze. "Er macht das nur, weil er beweisen will, dass wir keine Monster sind." Wie unsichtbare Krallen flog dieser Satz vom Mund einer niedlichen, schildpattfarbenen Kätzin mit rosa-schwarzen Augen zu ihrer Kameradin, schneeweiß ohne Schweif und ohne Ohren. Ein weiterer schwarzer Kater, dem ich sein auszeichnendes Merkmal von Außen nicht anerkennen konnte, seufzte unbemerkt.
    Ihr Anführer trat einen großen Schritt zurück, stest darauf bedacht, Knöpfches brodelndem Gewitterblick standzuhalten. "Ist es nun besser?" Sie erinnerten mich daran, wie sehr ich Unwetter hasste.
    "Thunder.", stieß ich mit bebender, unnatürlicher Atmung hervor, wobei ich spürte, wie Blut begann, aus den Winkeln meines Mundes zu treten. Wortlos schlenderte ich zu meinem einzigen, von mir geborenem Kind, das da stand und meine Existenz, die vorher wie ein unerreichbarer Traum für ihn gewesen war, in sich schlang wie ein Hungernder. "Mama.", flüsterte er jetzt. "Ich bin es. Ich habe nach dir gesucht." "Ich weiß." Vielleicht war das im Clan der Freaks anders, manche Katzen veränderte Hirsch' Tod garantiert nicht, aber der MondClan durfte/musste wissen, dass Thunder hier immer willkommen war. "Du blutest.", stellte er fest, sodass Lichtherz auf der Stelle eifrig aufsprang. Wellenpfote war schneller, jagte in den mit quengelnden Jungen besetzten Bau und kam mit Thymian zurück. "Lass sie in Ruhe. Der Angriff hat sie zu sehr angestrengt, sie muss sich schonen." Verwirrung und deutlich spürbare Angst erstrahlten in seinem Auge, das noch nicht bereit war, seine Mutter erneut alleine zu lassen. "Ich habe ein Recht, mit meiner Mutter zu sprechen wie jedes eurer Junge, das allem Anschein nach, nach ihr schreit. Ihr solltet euch um eure Kleinen kümmern, nicht um Streuner wie uns." Wie aus einer magischen Trance gerissen, die sich bis eben noch über das ganze Lager mit Katzen aller möglichen Fell-, Augen-, Hautfarbe, Körperbau und Merkmale gelegt hatte, sprang Lynx in den Bau. "Und sie hat das Recht auf Schutz vor fremden Blicken, sollte ihre Vergangenheit Streunern wie euch sichtbar werden.", fuhr Taubenschreck erbarmungslos dazwischen. Lichtherz und Wellenpfote währenddessen positionierten sich an meinen Seiten wie unbesiegbare Wächter, um mich zurück in den Umhang der Dunkelheit zu führen. Ich hörte Knöpfchen sagen: "Wenn sie deine Mutter ist, zeige ihr den nötigen Respekt. Jede Katze verdient einen Zufluchtsort." "Wir haben keinen.", beteilgte sich die ungeschickte Schildpattfarbene wieder am Gespräch, doch mehrere Katzen der "Freaks" warfen ihr unsichere, sogar entsetze Blicke zu. "Das macht nichts.", ergriff Nesselstreif das Wort. "Jedes Junge verdient es, seine Mutter zu sprechen. Der MondClan heißt euch willkommen, bis der richtige Zeitpunkt für dein Recht gekommen ist." Blut färbte das Moos meines Nestes rot.

    "Bitte vergib mir, Mama. Aber du musst aufwachen.", weckte mich Thunder in der darauf folgenden Nacht. Sein Fell war wegen der Aufregung ganz aufgeplustert, was mich wunderte, weil er sich garantiert nicht zum ersten Mal heimlich zu anderen Katzen schlich. "Blutest du noch?" Zögerlich schüttelte ich den Kopf. "Bitte weck Lichtherz, Taubenschreck und Wellenpfote nicht. Sie brauchen den Schlaf. Er ist ihre einzige Zuflucht, um den Gedanken an den Krieg zu entkommen." "Hier reden sehr viele über eine bevorstehende Schlacht." Thunder zuckte erschrocken zusammen, als mich die plötzlich auftretende Spannung wieder husten ließ, doch seine warme Pfote, die beruhigend auf meinem Nacken oberhalb der Narbe verweilte, entspannte mich. "Wer hat dir das angetan? War es Vater?" "Es war der Kater, der deinen Vater für immer von uns trennte." Thunder knurrte. "Niemand hat das Recht dazu, meiner Familie so das Herz herauszureißen." "Du verstehst nicht." Wie erwartet war es alles andere als leicht, seinem einzigen Nachwuchs erzählen zu müssen, dass er nie wirklich einen Vater hatte. Seine Pfote verkrampfte sich und er schien es nicht einmal zu bemerken, wie sich seine Klauen in das noch empfindliche Fleisch gruben. Trotzdem biss ich die Zähne zusammen, bis sich ein metallischer Geschmack in meinem Mund ausbreitete. Das war nicht gut. Ich konnte es mir nicht leisten, noch mehr kostbares Blut zu verlieren, sonst schloss ich mich dem Wald der Finsternis schneller an, als meinem Clan und vor allem unseren Heilern lieb war.
    "Wie meinst du das?" Thunders Stimme hörte sich längst nicht mehr autoritär oder willensstark an. Es erinnerte an den Klang eines verängstigten Junges, dem so eben etwas offenbart wurde, das ihm alle fröhliche Unschuld nahm. "Laubrache war keine gute Katze, Thunder. Geißel hat ihn aus Rache getötet." "Nein. Alles, nur das nicht." Scharf sog die schwarze Silhuette die kühle Nachtluft ein. Thunders Beine zitterten unter der Last, mit dem sich sein Kopf so plagte. "Willst du dich zu mir legen?" Inzwischen war es längst nichts Ungewohntes mehr für mich, meinen Schlafplatz mit Katzen jedes Geschlechts und aller Charakterfacetten zu teilen. Habi, Geißel, Wellenpfote, Moospfote, Pilzkralle, Vogelstern, Tigerpfote, die Welpen aus dem Hunderudel....es war eher seltsam, wenn ich alleine schlief. "Das ist es nicht. Geißel ist dein Gefährte? Er ist gefährlich, Mama. Sogar wir machen einen so großen Bogen um den BlutClan wie es nur geht. SternenClan, war ich froh, als wir endlich diese furchtbare Stadt hinter uns gelassen haben. Es ist nicht schön, in jeder einzelnen Gasse um sein Leben fürchten zu müssen. Du verrätst deine Clan-Kameraden."
    Schweigend rollte ich mich auf den Rücken, ertrug die nackte Hecktik in seinem Gesicht, als er mein schlimmsten Narben anstarrte. Ich erklärte ihm: "Vermutlich wäre es besser gewesen, der BlutClan wäre nie hergekommen." "Diese Bestien befinden sich IN DIESEM TERRITORIUM?" "Nicht so laut. Bald macht Wellenpfote ihre Prüfung, Schüler brauchen Ruhe."
    Thunder schluckte, doch seine Sorgen waren zu klebrig, um sie zu schlucken. Wie bedrohlicher Honig haftete die grausige Wahrheit an seiner Seele, die schon vieles erlebt hatte, sich jetzt eingestehen musste, dass seine Mutter noch immer der irrste Freak von allen war. "Ich werde Geißel jagen. Ich werde ihn fesseln wie er dich gefesselt hat und ihn in dieses Lager schleppen, damit er vor deinen Pfoten um Verzeihung wimmert." "Das ist es nicht, wie ich meine Kinder erziehe!", tadelte ich ihn ungehalten. Von dem lautstarken Streit wurde Wellenpfote wach, die uns beide verschlafen, aber aufmerksam musterte.
    Thunder keifte: "Stattdessen setzt du sie der Gefahr des BlutClans aus. Wenn deine Erziehung vorsieht, Streuner-Kater zu lieben, dann war unsere Trennung wohl Schicksal." Er hatte keine Ahnung, wie sehr mich diese Worte trafen. Wie giftdurchtränkte Pfeile schossen sis mir tief ins Herz, bis ich nie wieder in der Lage sein würde, die Reue zu entfernen. "Ich habe einen Fehler gemacht.", flüsterte ich, während ich mit Mühe die Tränen zurückhielt. "Diesen Clan habe ich gegründet, um den Verlorenen Hoffnung zu schenken. Es sind alles so wunderbare Katzen." Mit leichtem Unbehagen dachte ich an den Traum gerade eben zurück, der Sol wohl zum glücklichsten Kater der Hölle gemacht hatte. Nun konnte er seine schlafende Gefährtin in Gestalt des toten Schäferhunds besuchen, die einzige Bedingung sah vor, dass er sich ihr nur im Schlaf nähern durfte. Ob er sie trotzdem auch in ihren Gedanken als vertraute Stimme heimsuchte? Ich stand Wüstensee nicht nahe genug, um einen bösen Krallenhieb zu riskieren.
    "Der Clan der Freaks und der MondClan werden gemeinsam kämpfen. Welche nützlichen Bündnisse habt ihr sonst noch?" Bündnisse. Wieso hatte ich nicht eher daran gedacht! Auch wenn dieser Kampf nur mir galt, alle anderen Clans würden genauso betroffen sein. Womöglich gab es bereits Packte. "Ich werde morgen die anderen drei Clans aufsuchen.", erwiderte ich. "Danke, Thunder. Kann ich darauf zählen, dass ihr meine Gefährten nicht gleich zu Tode verängstigt?" Er lachte. "Glaub schon." Ununterbrochen stierte Wellenpfote zu uns hinüber, denn sie traute Fremden nicht.

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    "Der LaubClan weigert sich, jeglichen Besuch willkommen zu heißen. Verschwindet." Dass uns gleich der erste Krieger des Clans neben uns so begrüßte, war natürlich alles andere als viel versprechend. "Ich möchte nur mit Schlammstern sprechen. Oder...eurem anderen Anführer." Thunder zischte mir wütend ins Ohr: "Sag bitte nicht, dass du nicht einmal weißt, wie ihr Anführer heißt." "Sie haben ZWEI Anführer, ok? Einen Namen habe ich." "Und den anderen fantasieren wir uns zusammen. Alles klar." Ich seufzte, der kleine Fuchs mit der wachsam witternden Schnauze spitzte die Ohren. Irgendwie verstand ich Thunders Anspannung ja, ich spielte hier mit dem Schicksal unserer beiden Clans. Und auch wenn ich keine besonders gute Anführerin abgab, so etwas wie komplette Vernichtung war kein guter Start für die Ära des MondClans. Thunder versuchte es erneut. "Tut mir leid, aber wir können das nicht akzeptieren. Es geht um wichtige Angelegenheiten, die auch den LaubClan betreffen." Allmählich wurde der Krieger genervt und ich von unserem Vorhaben auch. Durften wir uns nicht einfach alle zusammenkuscheln und sterben?
    "Es ist Spitzensterns und Schlammsterns Anordnung, um auch wirklich alle Punkte des Vertrags mit WasserClan und FeuerClan zu befolgen." "Es gibt bereits ein Bündnis?" Obwohl ich noch nie viel mit Politik anfangen konnte, machte es mich wütend, dass sie uns schlicht außen vor ließen.
    Den Fuchs schien mein Ausbruch nicht besonders zu stören, stattdessen betrachtete er meine angespannte Pfoten, die der Grenze nicht fern waren. "Solltest du LaubClan-Territorium betreten, sind wir gezwungen, anzugreifen. Geht weg. Die anderen Clans wollen euch nicht." "Und was ist mit dem Zusammenhalt, über den wir bei der letzten Großen Versammlung geredet haben?", wandte ich verbissen ein. Es durfte doch nicht wahr sein, dass sich alle gegen uns verschworen hatten! Der Fuchs lachte freudlos. "Die Große Versammlung hat vor drei Tagen stattgefunden. Schon seit Monden erscheint der MondClan nicht mehr. Ihr seid auf euch gestellt." Ohne einen Abschied machte der Krieger kehrt und verschwand im nächsten Gebüsch, um mit seiner Gefährtin über diese lästigen Pflichten abzulästern. Diese Tiere mussten sich zwar ebenfalls Sorgen machen, doch bei Weitem nicht in unserem Maß. Sie waren so viele. Weder Geißel noch Fennek durften da leichtes Spiel haben...
    "Ich weiß, wer uns helfen wird." Ein neues Feuer der Hoffnung und Stärke war in meiner Brust entfacht, das förmlich in Funken zu Thunder übersprühte. Der junge Kater stand auf einmal wieder aufrecht. "Mama?" "Ich hoffe, du hast keine Angst vor Wölfen."

    Leider hatte mein Sohn nicht nur Angst, sondern regelrecht Panik vor allem, das höher als Erdbeertraum oder Pestfluch war (vielleicht erinnert ihr euch noch?). Deshalb begleiteten mich Wurzelkampf und Natternzahn vorbei am Verlassenen Haus (ohne Zwischenfälle) bis zur Grenze an der Wiese. Wie tot lag das Gelände da, doch die vertraute Höhle war auch von hier noch sichtbar. Sollte ich auf uns aufmerksam machen? Waren wir für eine Verteidung stark genug, wenn sich BlutClan-Streuner in der Nähe befanden?
    Otin nahm mir die Entscheidung ab. Es war verdammt gut, dass es ihn gab, denn ohne ihn hätte ich schon jede Menge vorwiegend SCHLECHTE Entscheidungen getroffen. Wie zum Beispiel in der Hölle von einem spitzen Felsen in einen mordenden See zu hüpfen.
    "Wildherz!" Obwohl ich es als Katze hätte verachten müssen, löste Otins schlabrige Zunge, die mir über das Gesicht und dann beinahe hecktisch über den Rücken fuhr, nur Glücksgefühle aus. Anders als es das Ziel der Streuner gewesen war, hatte ich durch Geißels Besessenheit keine Freunde verloren. Sie war es gewesen, die mir zu einer klugen Katze und einem ganzen Rudel kampfbereiter, untoter Wölfe verschafft hatte.

    "Du...Wildherz, du lebst. Ich hätte nie gedacht...Himmel und Hölle, ich dachte, wir werden uns nie wieder sehen." Diese überwältigenden Emotionen, die in der Luft wie unübersehbarer Rauch lagen, stellten sogar meinen Kindern das Nackenfell auf. Unsicher blickten sie zu dem silbrig funkelnden Wolf hinauf. "Otin ist mein bester Freund.", verriet ich ihnen ohne jede Scham. Stolz ließ meinen engsten Verbündeten den Kopf noch höher recken. "Er war für mich da, als niemand sonst mich noch retten wollte. Der Clan darf ihm vertrauen und zwar mehr als mir persönlich." Weil Natternzahn gut erzogen worden war (oder da der SternenClan schon genug bösartige Kreaturen auf die Welt geschickt hatte), lächelte sie freundlich. "Otin, stimmt es, dass deine Freunde uns helfen möchten?" Otin grinste zurück, wobei das Biest in ihm scharfe Zähne ohne Gnade und Verzeihung hervorlugen ließ. "Wir wollen nicht nur. Es ist die einzige Bestimmung des SeeRudels, den Krieg zu führen und den MondClan zu verteidigen. Himmel bedeutet nicht nur SternenClan, Katzen. Für jedes Wesen gibt es ein eigenes Leben nach dem Leben, wir nennen es eben SeeRudel." "Kommen zu euch eigentlich nur Wölfe?" Wurzelkampf wurde klar, dass das Thema Tod hier etwas umsichtiger bearbeitet werden musste und senkte zerknirscht den Blick auf seine Pfoten, eine Angewohnheit, die er von mir hatte. "Es tut mir leid, Otin. Das war sehr unhöflich und taktlos noch dazu." "Aber dennoch eine wichtige Frage. Du bist mutig, dass du dich so etwas traust. Noch dazu in Gegenwart deiner Anführerin und Mutter!" Otin lachte, so laut und schallend, dass ich wusste: Etwas zerbrach in ihm gerade. Unauffällig gab ich ihm mit einem zarten Kopfnicken zu verstehen, dass wir später reden würden.
    Otin blinzelte dankbar.
    "Meinen Posten werde ich noch eine Weile nicht antreten können. Die Gefangenschaft hat mich geschwächt, auch wenn meine Krieger dir das nicht erzählen werden. Unser Stolz verbietet es. Sei nicht böse." Leichte Blutperlen sammelten sich in meinen Mundwinkeln, Otin sah sie, doch schnell leckte ich sie wieder weg. Wurzelkampf und Natternzahn brauchten die Illusion von Schutz, nicht die "Lol, eure Mutter hat jetzt etwas mit einem Mörder und einem toten Wolf"-Schiene des ewigen Nachtragens. Pünktlich am Bahnhof für jede Menge Hass, Rachsucht und Entfernung.
    Otin sagte: "Das ist absolut in Ordnung. Und ja, das SeeRudel steht hinter allen Katzen und Wesen des MondClans, sowie des Clans der Freaks. Es freut mich so sehr, dass dein Sohn wieder zu dir gefunden hat." Waren das Freudentränen in den dunklen Augen des wilden Jägers vor mir? Gab es wirklich noch Kreaturen dieser Erde, die mein Glück empfangen wie ihr eigenes, nur herzlicher, weil es ihres zusätzlich noch vermehrte? Ich hatte nie an wahre Freundschaft geglaubt, Verzeihung, Habi. Selbst du warst immer so unerreichbar. Und mal wieder bewies mir der SternenClan, was für dumme Loser wir durch unter ihnen waren. Sorry, dass ich noch nicht tot bin, vielleicht macht mein dann blutloser Körper endlich mehr Platz für's blutlose Gehirn. Würde ich mich nach meinem Tod überhaupt verwandeln können?
    "Ihr solltet jetzt gehen.", schlug Otin vor. "Auch wir müssen uns für eine große Schlacht wappnen. Und das geht erst, wenn wir Rea gefunden haben." "Rea?" Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. "Was ist mit ihr?" Anders, als ich gedacht hatte, schien ihm die Anwesenheit meiner zwei Junge nicht im Geringsten etwas auszumachen. Denn sie waren meine Kinder - mein Fleisch und Blut, das einst in mir gelebt hatte.
    "Sie wurde entführt, wir wissen nicht ob vom BlutClan oder Fenneks Anhängern. Vielleicht wollte sie auch nur nach dir suchen gehen. Wenn Yuki doch nur da wäre..." "Yuki ist AUCH weg?" Otin schluckte, doch ein Wolf schämte sich aus Prinzip nicht für Schwäche - sie waren von Natur aus zu edelmütig für solchen Mist.
    "Einfach verschwunden ist sie. Keiner hat etwas gesehen, niemand will etwas wissen." Ich keuchte: "Das darf nicht sein! Du musst unbedingt mit Juta sprechen." Oh, heiliger SternenClan, heiliger Sternenwolf im Himmel...jetzt kam es. "Ja...schon dumm, dass auch sie weg ist. Bingo hat meine Mutter getötet."

    Jedes gewöhnliche Kind wäre unter dieser Wahrheit, selbst wenn sie aus seinem eigenen Mund kam, zusammengebrochen, nur Otin nicht, einer der Gründe, weshalb es mir so vorkam, als würde mein Freund immer über allem schweben. "Dann wissen wir auch, wo wir zuerst suchen müssen.", stellte ich fest. Diese Sache gefiel mir ganz und gar nicht, aber Yuki und Rea waren mein Leben. Sollte es meines fordern, damit sie vom BlutClan erlöst wurden, dann zögerte ich keine Sekunde. "Das ist keine gute Idee.", meinte Wurzelkampf an mich gewandt. "Du bist noch schwach, Mama. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob Geißel dich danach gehen lässt. Sie sind unberrechenbar. Alle." Und zwar ausnahmlos, musste man hinzufügen, doch Geißel machte mir keine Angst. Nur ein wenig.
    "Trotzdem treffen wir uns wieder hier in einer halben Stunde. Otin, nimm bitte ein paar Krieger mit. Geht das?" Otins Maul zuckte, aber auch er war besessen davon, seine Schwester endlich zu befreien. In so einem Fall war Blutsverwandtschaft immer mehr als nur nützlich.
    "Natürlich.", knurrte er. "Werden wir töten?" Die Tatsache, dass Otin schon nach dem Verschwinden von Rea Lust hatte, Blut zu vergießen, gefiel mir nicht. Was sollte das nur für ein furchtbarer Krieg werden?
    "Nur, wenn es notwendig ist, um beide da rauszuholen."

    Eine halbe Stunde später marschierten wir los, immer im Schutz der Schatten und so leise, dass selbst ein Fuchs ahnungslos an unserer Truppe vorbeispaziert wäre. "Hast du Angst?", fragte mich der kleine, rundliche Wolf mit dem blassblauen Fell hinter mir. Wenn ich mich richtig erinnerte, hatte Otin ihn mir als Olaf vorgestellt, Olaf, der in seinem Nachleben mehr Schafe gerissen hatte als der juckende Pelz an seinem Bauch. Olaf war sehr krank. Bald würde er wohl ein zweites Mal sterben.
    "Lass es!", grunzte Otin.
    Kurze Zeit darauf stand die Gruppe (Blutstrom, Knöpfchen, Nesselstreif, Strauchflucht + Otin, Olaf, Frankie und Tella) auch schon vor einem toten Gebäude, das mir diesmal sogar noch mehr Furcht einjagte als das erste Mal, als ich es betreten hatte, jedoch nicht so durchdringend wie das letzte Mal.
    Strauchflucht, unsere jüngste Kriegerin und nun offiziell Gefährtin von Nesselstreif, miaute: "Du musst das nicht tun, Anführerin." "Nenn mich nicht so!", blaffte ich zurück. Der Stress hier tat mir alles andere als gut, doch als Kriegerin konnte ich nicht einfach Freunde in diesem Irrenhaus zurücklassen. Erst recht nicht Rea und Yuki, die mir sogar über meine Depressionen hinweggeholfen hatte. War das die Prüfung des SternenClans, ob ich Yukis Freundschaft würdig war? Na ja, entweder ich war es wirklich oder ich starb da drinnen auf der Stelle. Motivation.
    "Ich werde vorangehen.", stellte Otin, den Blick fest auf die angelehnte Tür gerichtet, klar. "Los jetzt. Yuki und Rea brauchen uns." Während wir auf das Verlassene Haus zuschlichen, was reichlich dämlich war, weil wir im Nachhinein hätten wissen müssen, dass die beiden vermutlich längst im Tierheim gelandet waren, hörte ich Blutstrom: "Das ist ja Wahnsinn. Wieso helfen wir Wölfen noch einmal?" Strauchflucht zischte zurück: "Sei ruhig, Blutstrom!" Dass Knöpfchen loyal war, glaubte ich so sehr wie nur der ganze Clan, dass Blustrom dagegen als Spion für was-weiß-ich-wen arbeitete, wusste ich mit Sicherheit. Heute würde sie ihre Seite für immer wählen müssen, dafür würde ich mit Garantie sorgen. Hoffentlich tat sie das Richtige.
    Merida empfing uns an der Tür, ihre Augen funkelten wie eiskaltes Feuer. "Wenn ihr euer Leben riskiert, wird es wohl wichtig sein?" "Definitiv wichtiger als das Zeckenshampoo, das du besser benutzen solltest. Bring uns zu Geißel.", forderte Otin, ohne sich richtig um die Kätzin mit der Kette vor ihm zu kümmern. Stattdessen verweilte sein Blick im alten Flur, wo anscheinend eine Spinneninvasion herrschte. War das letztes Mal auch so gewesen?
    Merida kicherte: "Irgendwie bin ich jetzt gespannt. Wenn Geißel euch gefangen nimmt, ich hätte gerne wieder die grau-braune Kätzin da. Sagt ihm dich bitte, dass ich mich für sie zuerst gemeldet habe." Strauchflut stöhnte vor Entsetzen, konnte sich aber auf den Beinen halten. "Lieber sterbe ich." "Lässt sich ebenfalls einrichten."

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    "Seht sie euch an. Jetzt noch um Gnade betteln, schon etwas spät, hm?" Die gelbe Kätzin, die mir schon früher ins Auge gefallen war, saß neben der Tür, die auf den Dachboden führte, wo sich der Rest des BlutClans befand, möglicherweise unter sich eine Wölfin und eine weiße Streunerin. Es machte Otin und mich wütend, dass sie uns nicht ernst nahmen. Ein paar von den Freundinnen der Gelben lachten.
    Mit einem gewaltigen Ruck, der selbst die winzigsten Junge des MörderClans aufschauen ließ, stießen Blutstrom und Knöpfchen die Tür auf.
    Getuschel breitete sich aus wie giftige Wespen und ich versuchte, den gierigen Blicken der Streuner auszuweichen, damit ich nicht Geißel unter ihnen sah. Aber er hatte mich doch gehen lassen, nicht? War ich wirklich frei oder nur ein weiteres, wehrloses Spielzeug?
    "Es ist sehr unhöflich, nicht anzuklopfen." Wie eigentlich immer hockte der schwarze Kater auf dem Fenstersims, neben ihm eine riesige, blaue Wölfin, die uns finster anstarrte, aber eindeutig nicht Rea sein konnte. Otin bemühte sich um Diplomatie: "Das stimmt. Gegner zu entführen, geht deshalb erst recht nicht." Ok, dachte ich zumindest. Wenn diese Katzen hier beschlossen, dass sie uns gleich umlegen sollten, würden wir uns frei kämpfen müssen und ich war mir nicht sicher, wie weit ich mit meinem Blutverlust kam. Bis zur Türschwelle? Vielleicht sogar auf den Rasen vor dem Haus, sollten sie mich versehentlich aus dem Fenster werfen.
    Auch Strauchflucht und Tella, eine hellgraue Wölfin mit hellblauen Augen schienen daran denken zu müssen, warfen Otin warnende Blicke zu. "Wir riskieren keinen Kampf. Einige von uns sind zu schwach.", knurrte Olaf in Geißels Richtung. Langsam wichen die fremden Streuner von uns zurück, denn sie wussten nicht, was sie tun durften. Solange ihr Anführer keinen Befehl gab, hatten sich seine Untertanen gefälligst zurückzuhalten und uns möglichst nicht anzurühren.
    Die Narben unter meinem Fell brannten wie Glut, doch ich bemühte mich das Blut auf meiner Zunge runterzuschlucken. Wenn ich ab heute jedes Mal bei Aufregung aus dem Mund blutete, war es wohl besser, ich starb sofort.
    Geißel schnurrte. "Es ist nicht unbedingt taktisch klug, seinen Feinden Schwäche zu offenbaren. Ist es wegen dir?" Seine Augen ruhten auf der Narbe an meiner Brust, die er selbst gerissen hatte. Von allen meinen Andenken, sie war das am auffälligsten sichtbare. Irgendwann würde ich mich dafür rächen, doch der Kampf war schon längst nicht mehr unserer.
    "Wir sind nicht wegen mir hier.", hielt ich dagegen. Normalerweise passierten furchtbare Blutbäder, sobald Geißel zu uns auf den Boden sprang, sodass wir alle fast unmerklich zusammenrückten, als er sich mir näherte. Otin schien dazwischen gehen zu wollen, doch Tella hielt ihn zurück. "Nicht. Sie wird schon stark genug sein." Otins Blick war finster. "Nicht für seine Launen."
    "Keine Sorge, ich töte meine Gefährtin nicht. Wieso habt ihr feindliches Lager betreten, wenn ihr nicht sprechen wollt?" "Und wie wir das mögen. Zwei Freunde sind nämlich verschwunden." "Tatsächlich?" Geißel blinzelte nachdenklich. "Wir haben sie nicht. Vermutlich werdet ihr uns nicht vertrauen, was ihr vernünftigerweise auch nicht solltet. Immerhin führen wir Krieg. Aber ihr werdet mein Wort wohl oder übel glauben müssen." Angestrengt witterte Olaf in der abgestandenen, nach Blut stinkenden Luft, bemüht, nur einen feinen Hauch von Reas Duft zu erfassen. "Sie war nicht hier." "Natürlich nicht. Ich lüge nie. Wieso auch, wenn ich meine Drohungen jederzeit wahr machen kann?" Obwohl er eigentlich immer noch mit Olaf und Otin redete, sah er mir fest in die Augen, sein Blick schien mich vollkommen zu vereinnahmen. Was auch unübersehbar sein Ziel sein musste. "Lass uns heute Nacht Spaß haben. Am See?" Ich lächelte nicht. "Das ist mir zu nah am Haus." "Dann auf der Wiese. Ist doch in Ordnung, mein wolfiger Freund?" Für Otin schien das keineswegs eine Alternative zu sein, da Geißel Anführer des potentiellen Mörders seiner eigenen Mutter war. Sein Blick suchte meinen. Aber genauso wenig konnte er mich noch einmal traurig sehen. "Nur ihr zwei. Jeder andere muss sterben." "Glaub mir." Geißel grinste diabolisch. "Derjenige, der mein Date stört, den lege ich sehr persönlich um."

    "Wenn es der BlutClan nicht war, müssen es Fenneks Wölfe gewesen sein.", überlegte Blutstrom laut, während wir entlang des klaren Sees zurück zum Feld trotteten. Keiner der Wölfe schien begeiert über das relativ friedliche Zusammentreffen zu sein, dafür hatten sie zu sehr traniert, dort alle zu killen. Nur Otin wirkte noch bedrückter, schlich geduckt und als letzter seinen Kameraden hinterher, welche er doch führen sollte. Also ging ich voran.
    "Wie könnt ihr nur damit leben, dass Wildherz und Geißel ein Paar sind? Wir nennen so etwas Verrat." Die Frage sollte nicht böse gemeint sein, es war ganz normal, so etwas als Wölfin zu hinterfragen. Für die Jäger des SeeRudels gab es im Leben und danach NICHTS wichtigeres als Ehre. "Liebe kann nicht falsch sein.", zitierte Strauchflucht mich und warf Tella einen dominaten Blick zu, der Diskussionen nicht duldete. Knöpfchen fügte hinzu: "Ihre Liebe bekämpft den Hass zwischen unseren Clans. Seitdem sie Frieden geschlossen haben, gibt es keine Übergriffe mehr." "Einen Krieg muss es trotzdem geben.", hielt Olaf dagegen, Otin aber schwieg und war leise. Früher hätte er mich verteidigt wie ein Vater seine jüngste Tochter, doch inzwischen war ihm klar, dass diese Situationen mich nicht störten. Er konnte also beruhigt seinen Gedanken hinterherhängen.
    "Otin, wir reden später.", sagte ich und alle sahen mich aufmerksam an. "Ist alles in Ordnung, Otin?", fragte nun Olaf nach, der sich schämte, dass das Grübeln seines engen Freundes ihm nicht so schnell wie mir aufgefallen war. Otin schüttelte seine lockige, wilde Mähne. "Darüber will ich nur mit meiner besten Freundin reden." Hatte er mich wirklich so genannt? Glück überflutete mein Herz wie eine hinreißende, warme Woge, die ich für immer in meinen Gedanken aufbewahren wollte.

    "Wildherz...können wir jetzt noch kurz sprechen? Alleine?", fragte Otin vorsichtig nach, nachdem unsere Gefährten schon längst gegangen waren. Wir befanden uns genau auf der Grenze des MondClan-Territoriums zum Revier des SeeRudels und...es war uns von ganzem Herzen total egal. "Immer. Du bist mein bester Freund, Otin. Ist es wegen deiner Mutter?" Otin nickte. "Bingo hat sich zuerst als hilfsbedürftiger, verletzter Streuner ausgegeben. Woher nehmen diese Monster eigentlich Kunstblut?" "Der BlutClan hat ein gesamtes Gebäude für sich eingenommen." Na gut, eigentlich waren es zwei, doch das Verlassene Haus konnte wohl gerade noch als schutzbedürftiges, ruinenähnelndes Denkmal durchgehen. "Es täte mich nicht einmal wundern, wenn Merida morgen irgendwo mit Brathähnchen aufkreuzt." Otin lächelte zaghaft. "Was ist das, Wildherz?" "Geröstetes Huhn. Zu irgrndetwas müssen Zweibeiner ja nützlich sein." Nervös scharrte Otin in der Erde, ein Tick, der seine ganze Familie zu verbinden schien und mich rasend machte, sobald ich das Knirschen von Kieselsteinen hörte. "Als sie dann kurz alleine waren, hat er ihr den Bauch augeschlitzt, dieses Ungeheuer. Und Yuki hat auch noch gefehlt...diese eine Katze weiß mehr über Heilung und Kräuter als all unsere Wolfsmediziner zusammen. Sie ist unheimlich klug. Und ich glaube nicht an Zufall, wenn sich so ein gewaltiger Vorteil kurz vor einem noch größeren Krieg spontan in Luft auslöst. Wir müssen Rea und Yuki finden, Wildherz. Juta würde das so wollen." "Falsch." Auch wenn es mir im Herzen schmerzte, im Moment zählte nur Schadensverringerung und das konnten wir nur bewirken, indem wir unsere volle Aufmerksamkeit unserer Familie schenkten. "Es ist jetzt unsere Pflicht, diejenigen zu behüten, die noch nicht verloren sind. Ich jedenfalls werde erst nach ihnen suchen, sobald ich weiß, dass der MondClan außer Gefahr ist." "Wildherz..." Otin winselte wie ein getretener Welpe, aber darauf durfte ich nun keine Rücksicht nehmen. "Yuki hat dich gerettet. Du schuldest ihr es um deiner Ehre Willen." "Verzeih mir, Otin. Uns Katzen geht Loyalität über alles, selbst wenn wir dafür unsere eigene Würde zu untergraben haben. Das Gesetz der Krieger stellt meinen CLAN an erste Stelle. Ich darf meine Fehler nicht wiederholen." "Fehler? Welche Fehler?" Obwohl Otin noch längst nicht fertig oder gar zufrieden schien, wandte ich mich ab, um im Wald, meinem wahren Zuhause, zu verschwinden. "Geh bitte noch nicht.", bellte er so eindringlich, dass ich einfach stehen bleiben musste. Stumme Tränen fielen vor mir auf das taufeuchte Moos, das sich aller Wahrscheinlichkeit nach schon bald mit Blut tränken würde.
    "Yuki ist kein Mitglied meines Clans, Otin. Das ist ihr Nachteil als Streunerin - während sie ohne Pflichten, ohne irgendeine Spur von Verantwortung lebt, hat sie gefäligst auf sich selbst aufzupassen. Sie ist die einzige Person, auf die sie zählen kann. Und das weiß sie. Deshalb wird sie mich verstehen." "Vielleicht.", grummelte er mit vor Enttäuschung gesenkter Rute. "Falls sie diese Zeit überlebt, denn ihre eigene Patientin zog den Schweif ein, als die Freundschaft ihren Tribut forderte." "Hör bitte auf, von mir in der Vergangenheit zu reden." "Tut mir leid. Ich wollte dir nicht weh tun. Na gut, schon irgendwie..." "Wir sehen uns, Otin. Gib gut auf dein Rudel acht." Schon verschluckte mich der schützende Schatten meines Territoriums, das meinen Clan beheimatete. SternenClan, war das wirklich die richtige Entscheidung? Yuki war eine Kämpfernatur. Sie würde nicht sterben. Glaubte ich damals zumindest.

    "Tu etwas.", zischte es aus den Schatten, doch ich war nicht sicher, ob ich mein Schuldbewusstsein oder beliebige tote Katzen hörte. Sucht es euch aus: Von was bekommt ihr mehr Alpträume? "Was?", knurrte ich gereizt zurück. "Dieser Krieg ist nicht meine Schuld, aber ich weiß jetzt, wo meine Prioritäten liegen. Wenn es sein muss, dann lasse ich für sie mein Leben." "Yuki hätte für dich ihr Leben gelassen, jederzeit. Doch irgendetwas sagt mir, dass dein Ego nur über einen gewissen Clan redet. Was ist Freundschaft noch wert, wenn die Außenseiter, die Verbündeten, ohne Zuflucht in den Dreck getreten werden? Dich hätte man an ihrer Stelle ermorden sollen. Dann wäre allen Wesen geholfen." "Was gibt dir das Recht, über mich zu urteilen, Sol?" Energisch riss ich mit meiner Pfote einen Zweig zur Seite, um mich am Holz vorbeizudrängen, aber der Ast schnellte zurück, traf mich auf der Nase, die auch noch anfing, zu bluten. Weil ich ja auch noch nicht genug Blut an meine Umwelt abgegeben hatte.

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    "Und weißt du was?" "Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich habe dir so viel zurückgegeben, wie ich wieder gut machen konnte. Niemand und erst recht nicht du, darfst wissen, wie es sich anfühlt, ich zu sein. Ja, ich bin eine Verräterin. Aber es ist nicht meine Schuld", redete ich mehr mit mir selbst, als dem Schäferhund, der sich durch das Gebüsch drängte, um mich ja nicht aus den toten Augen zu verlieren. "Weil es Juta war, die sie ermordet hat." Diese sündhaft ehrenlose Behauptung über eine legendäre Heldin, MEIN Idol, ging zu weit und das ließ ich ihn auch wissen. Was bildete er sich ein, mir immer noch sagen zu wollen, was er für richtig und falsch hielt?
    "Schäm dich. Wenn es ein Streuner in die Hölle verdient, dann du. Juta war eine heldenhafte Wölfin, die mehr Karma besitzt, als du selbst jemals verloren hast. Hier fällt niemand mehr auf deine Tricks rein."
    Sol lachte gehässig auf, nackte Verzweiflung strahlte mir aus seinen verkniffenen Mundwinkeln entgegen. "Du glaubst mir nicht, du dumme Katze? Es sollte mich nicht wundern, du wirst in deinem Clan nicht gerade für glänzendes Urteilsvermögen geschätzt. Aber lass es mich dir beweisen. Ich habe alles persönlich beobachtet." Noch ehe ich reagieren konnte, lag die faulige Pfote direkt auf meiner Stirn, an der Stelle, die schon Geißel auf dem verlassenen Dachboden berührt hatte. Es fühlte sich schwach an, für alle Beteiligten. Warum tat er dies trotzdem?

    Hatte es in den letzten Tagen geregnet? Selbst wenn ich nicht gerade im Heilerbau oder Tierheim eingepfercht gewesen wäre, mein soziales Umfeld ließ es derzeit nicht zu, dass das Wetter meine Aufmerksamkeit erregte. Aber Wasser fiel vom dunkelgrau bewölkten Himmel, so viel stand fest, fiel direkt in den silbrig glänzenden Fluss mit den blauen Steinen, der sich mitten im SeeRudel-Territorium befand. War das eine Vision? Nein, dafür wabberte der Rand meines Sichtfeldes zu sehr. Eindeutig eine waschechte Erinnerung. Von wem, das war nicht schwer zu erraten.
    Yuki lief am Fluss entlang, das Fell genauso triefend nass wie meines, während Geißels Jagd damals. Womöglich waren wir sogar auch hier vorbeigekommen, ich konnte es nicht wirklich mit Sicherheit sagen.
    Yuki schlich geduckt und tief hängenden Schultern. Weinte sie? Auf einmal sprang Rea aus dem Wasser, winzige Tröpfchen flogen in alle Richtungen, Moos, Ufer, Fluss, den gewaltigen Fisch, den sie stolz zwischen den Fängen trug, Yukis feuchte Brust. "Du hast mich erschrocken.", keuchte die Jungwölfin. "Yuki, was machst du hier?" "Es...Rea...ich ertrage das n...nicht länger...", wimmerte sie trostlos. "Ich f...fühle mich wie eine Verräterin, w...weil ich ihr nicht helfen kann. Ich hätte s...sie verteidigen müssen." "Wildherz ist stark genug. Du musst jetzt auf sie vertrauen.", redete Rea auf die bibbernde Streunerin ein, während ihr durchtränkter Pelz das kühle Wasser verließ. Wer bitte ging schon fischen, wenn es regnete?
    Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Oder war es Sol, wie er gerade diesen Moment erneut durchlebte? "Sol?", hauchte ich leise und sah mich vorsichtig um, konnte aber weit und breit keine gelben Augen erkennen oder das vertraute Aufblitzen von nassem Schildpattfell. Ich war alleine. Wo? In seinem Kopf?
    Yuki jaulte vor Kummer, machte einen panischen Schritt auf Rea zu, den ein Außenstehender durchaus als Angriff missverstehen würde.
    Im nächsten Augenblick schoss Juta aus dem Busch mir gegenüber, sodass ich mit Schrecken mitansah, wie sich die Klingen ihrer tödlichen Zähne tief in das schnell blutbefleckte Fell der Streunerin gruben. "Mama! Nein!" Tränen, nicht nur Regen, ganz sicher nicht, rannen über Reas entsetztes Gesicht, während sie hilflos vor Schreck beobachtete, wie ihre engste Freundin ein letztes, erlöstes Wimmern ausstieß. Mein ganzes Herz schien für diesen Augenblick ausschließlich mit Kummer gefühlt. Jeder Schlag tat weh, zerriss meinen inneren Frieden ein kleines bisschen mehr, bis ich genau wusste, wie sich Yuki kurz davor gefühlt hatte. Diese unendliche Angst um einen geliebte Freundin. Sol hatte recht gehabt: Niemals durfte Loyalität bedeuten, sich zwischen Clan und Liebe entscheiden zu müssen. Natürlich war das Gesetz, das Liebe und Geselligkeit zwischen den Clans verbot, alles andere, nur nicht fair gewesen. Aber das hieß nichts. Denn die Möglichkeit, dass dich die Treue, dieser Zwang, zerriss, vor der mich dieses Gesetz hatte warnen wollen, war noch weit ungerechter.
    "Nein...", krächzte ich. "Yuki, verlass uns nicht!" Obwohl ich eindeutig zu laut war, hob weder Juta noch Rea den Kopf. Yukis erschlaffter Nacken, der leblos und blutdurchtränkt in Jutas Gebiss hing, erst recht nicht.
    "Rea, ist alles in Ordnung? Ich hätte dieser elenden Streunerin nie vertrauen dürfen. Dieser Angriff tut mir leid." "Mama..." Rea schien kaum reden zu können, so sehr brachte sie Yukis ermordeter Körper aus der Fasung. "Sie wollte nicht angreifen." "Aber..." Rea schrie: "Sis hat doch nur um Wildherz getrauert! Und DU hast unsere beste Freundin getötet!" Fassungslos ließ Juta den bereits steifen Leichnam zu Boden gleiten, fast wäre sie vom rasenden Flusswasser weggespült worden. Vielleicht wäre es sogar besser gewesen.
    "Ich hab doch gesehen, wie sie auf dich zugesprungen ist.", krächzte die Alpha. "NEIN!", brüllte Rea. "Geh weg von ihr!" Jutas Stimme war mitfühlend, denn sie wusste nun über ihren fatalen Fehler Bescheid, aber bestimmend: "Rede nicht so mit mir." "Tut mir leid.", keuchte Rea, alle vier Pfoten fest im Uferschlamm verankert, damit die Übelkeit, die aus ihrem versteinerten Gesicht sprach, sie nicht auch noch in den nassen Sand zwang, der ihren Körper über und über wegen des Wassers bedeckte. Auch Blut hatte sich mit dem Sand und dem See vermischt, wie schon einst bei Habichtfrost.
    "Aber ich werde nicht mit der Mörderin zusammenleben, die eine Freundin nicht hat retten können und die andere einfach umgebracht hat." So schnell wie das wertvolle Himmelswasser in den blutverschmierten Fluss drang, so flink und zielsicher jagte die einsame, verzweifelte Jungwölfin aus dem Territorium ihrer Mutter, der Mörderin von Yuki.

    Als ich wieder zu mir kam (und Sols toter Hund seltsamerweise verschwunden war), lag ich in Fesseln. Allmählich gewöhnte ich mich an das Gefühl von straffen Seilen, aber diese Bewegungsunfähigkeit machte mir nach wie vor zu schaffen.
    "Verrätst du mir, wieso ich mich nicht rühren darf?", fragte ich Geißel. Er lachte leise. "Du lagst so erschöpft da. Was soll ich sagen - da kann ich nicht widerstehen. Erst recht nicht, wenn du es bist. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob du wieder wegrennen willst. Das machst du beunruhigend oft." Sein Fell roch nach Rauch und Nadeln, ein so viel angenehmerer Duft als Blut. Ich stöhnte, spürte bei diesem Atemzug das Seil, mit dem er mir den Mund zugebunden hatte. Gerade noch sprechen konnte ich so, zu mehr war ich wirklich nicht in der Lage.
    "Wo sind wir?", wollte ich wissen. "In der Nähe vom Verlassenen Haus. Hast du Angst vor dem Krieg? Das solltest du nämlich." "Natürlich. Hast du mir das nicht schon oft genug bewiesen?"
    "Oh." Seine Augen kamen meinen so richtig nahe, bis ich seinen Geruch nach Freiheit und einem Leben ohne Regeln förmlich schmecken konnte. "Weißt du, wie das ist?", stöhnte ich. "Du kämpfst und verteidigst und trittst gegen diese Fluten an, aber niemand unterstützt dich oder gibt dir Tipps." Mir hätte es nicht gefallen dürfen, die Art, wie er mich verträumt anlächelte oder das sanfte Streicheln seiner Pfote. Er flüsterte: "Jeder will Anerkennung und Liebe. Am besten noch einen ordentlichen Anteil Erfolg oben drauf. Ist doch so, oder nicht? Wir müssen das hier nicht mehr für andere tun. Lass es uns für uns machen." "Aber ich habe das Recht auf Anerkennung!" Obwohl die Seile sogar am Boden befestigt waren, um mich am Aufstehen zu hindern, schaffte ich es gekonnt, mich auf die Seite zu legen. Jetzt, wo wieder ein bisschen Organisation bei meinen Gliedmaßen herrschte und ich ihm in die Augen sehen konnte, wurde es erträglich. Nein, ich genoss JEDE seiner Berührungen.
    "Nicht die ganze Welt muss dich lieben.", fügte er hingerissen hinzu. "Ich könnte dir beweisen, dass ich absolut reiche." "Das hast du doch schon. Aber ich will nicht abhängig sein." "Tja." Gespielt gelassen zupfte er an einem der Stricke. "Bist du aber. Gib zu - es macht dir auch Spaß." "Es ist das, das mich morgen aufstehen lässt, wenn ich weiß, die Welt verachtet mich sowieso."
    Geißels Blick glitt über meinen Bauch, den Vogelstern berührt hatte, aber in seinen Augen war nicht Gier, sondern pure Entschlossenheit. "Wildherz, ich will Junge mit dir. Dann werden sie die Pfoten von dir lassen." "Geißel..." Fuck. Es gab keinen Ausweg, nur die schmerzhafte Flucht nach vorne. "Erstens: Ich muss mich schon um Lillys Kinder kümmern. Zweitens: Ich erwarte Junge von Vogelstern." Stell dich hinten an.
    Doch er blieb überraschenderweise ruhig. "Ich will es trotzdem." "Sag mir, was du willst.", forderte ich ihn auf. Dieses Spiel gefiel mir, es ließ mich meine sonstigen Probleme vergessen. "Das weißt du." Er gluckste. "Außerdem bist du gefesselt, du hast hier keine Forderungen zu stellen." Ich lachte. "Hey, wenn mich die Welt hasst, dann will ich deine GANZE Liebe!" "Na gut. Aber zuerst müssen wir einige Sachen besprechen. Weil ich dir helfen will." Dass er mich jetzt so hängen ließ, war nicht gemein, sondern grausam und passte perfekt zu seinem Stil. Doch ich würde ihm nicht zeigen, wie sehr ich meine Lieblingsdroge zurückbrauchte. Dazu gab es Kätzinnen wie Riley, Blutstrom und Merida.
    "Wir fangen an." Er lächelte schwach. "Wie geht es dir?" "Eigentlich ganz gut. Es macht mich fertig, zu wissen, dass mich niemand richtig unterstützt in meinem Clan. Es ist, als ob mich alle zur gleichen Zeit an verschiedenen Stellen mit unterschiedlichen Eigenschaften benötigen." Wow, das war eine sehr traurige Wahrheit, aber in Wirklichkeit kümmerte es mich wenig. Wenn sie nicht hinter mir standen, dann kämpfte ich diese Schlacht für mich.

    40
    "Ich muss Wildherz sprechen.", verkündete der dunkle Kater am Eingang unseres Lagers so laut, dass sämtliche Krieger zusammenzuckten. Dämmerstern, schoss es mir ruckartig durch den Kopf. Verunsichert von dessen gewaltiger Selbstsicherheit wichen die Mond- und FreakClan-Katzen zur Seite, während sich der fremde Anführer seinen Weg durch die vereinzelten Grasbüschel zum halben Felsenkessel kämpfte. "Wo ist eure Anführerin?" Nesselstreif steckte den Kopf neugierig aus dem Anführerbau heraus, gleich darauf auch Strauchflucht, die an den Schnurrhaaren stark zitterte. Es freute mich, dass die beiden akzeptiert wurden. "Wildherz führt die Clans momentan nicht.", stellte die Kätzin richtig und kletterte flink wie ein Wiesel die Steine nach unten.
    Dämmerstern blieb stehen, sah sich unsicher um. "Wildherz? Es geht um Yuki." Yuki, jagte es mir durch die Gedanken. Was sollte es schon dem großen Dämmerstern ausmachen, wenn irgendwelche neutralen Streuner zur Strecke gebracht wurden?
    Erst jetzt fielen mir die zwei Jungen auf, die er unruhig vor seinen braun-schwarz-weiß gescheckten Pfoten herschob. Garantiert musste den Kleinen richtig übel vor Angst sein. Was dachte sich dieser arrogante, verblödete Fellball dabei nur? Erst einmal abwarten und zwar aus dem zuverlässigen Schutz des großen Baumes am Rand der Lichtung, nur wenige Schritte hinter ihm.
    Dämmerstern miaute nervös: "Wenn du die Anführerin bist, musst du ihr befehlen, sich zu zeigen." "Gar nichts muss ich, hier in meinem eigenen Lager!", zischte Nesselstreif giftig. "Lass meine Krieger in Ruhe!"
    "Aber ich muss gehen. Und diese Jungen brauchen eine Mutter.", stieß er mit verspanntem Kiefer hervor. Er wollte weg. Im Moment gab es für ihn Wichtigeres zu tun, als Babys durch die Wälder zu transportieren. Aber weil Dämmerstern ein Idiot und seine Kinder interessanter waren, schlich ich gebückt näher.
    Beide Junge hatten silbriges Fell und klare, grüne Augen. Nur war der Pelz der Rechten dicker und länger, als der ihrer Schwester.
    Nesselstreif meinte entspannter: "Wir sind hier kein Kinderheim, Dämmerstern. Der WasserClan hat sich selbst um seine Jungen zu sorgen." "Es sind aber nicht nur meine.", knurrte er. "Entweder Wildherz nimmt sie oder ich verlasse sie noch in eurem Territorium." "Schluss jetzt!", donnerte Lynx, die wachsam neben dem Anführer des WasserClans gesessen hatte. Ihre eisblauen Augen funkelten vor tief sitzendem Zorn. "Auf dem Territorium des MondClans werden keine Jungen abgeschlachtet! Lass sie wehrlos zurück und der BlutClan stürzt sich schneller auf sie als ein Schwarm mordlüsterner Raben."
    Dämmerstern lachte gehässig. "Und wer bist du, dass du dich in die Angelegenheiten deiner Führerin einmischt?" Noch bevor Lynx nur hatte zucken können, trafen Dämmersterns Klauen zielgerichtet und schwungvoll die sofort aufplatzende Wange der dunklen Kätzin. Lynx zischte so etwas Ähnliches wie "Das geht zu weit!", nur mit Ausdrücken, die sämtliche Mütter im Lager dazu veranlassten, ihren Schülern die Ohren zuzuhalten.
    "Was fällt dir ein?", keifte ich und schnellte aus dem Sichtschutz der mächtigen Tanne hervor wie ein wild gewordenes Monster. Seine Schuld, wenn er mich unbedingt provozierte.
    Dämmerstern sprang auf, wirbelte zu mir herum. "Ach, lässt du dich auch mal blicken?" "Was willst du von mir?", fuhr ich ihn ungehalten an. "Es gibt keinen Grund für mich, noch zusätzlich auf WasserClan-Babys achtzugeben. Wie heißen sie überhaupt?" Dämmerstern lächte, aber vor Anspannung, nicht Freude oder Güte. "Ikuy. Ikuy und Remmäd." Die zwei kleinen Katzen hoben erstaunt den Kopf, um die Person, die nach ihren Namen gefragt hatte, durchdringend zu betrachten. "Wildherz.", hauchte Natternzahn, stieß erschrocken die angehaltene, verbrauchte Luft aus. Auch andere Krieger bekamen es mit übergreifender Unruhe zu tun, denn das waren mehr als nur merkwürdige Wahlen. Wer nannte schon seine Kinder so, dass selbst Füchse einen Bogen um sie machten, sobald die Mutter vor Entsetzen ihre Namen schrie?
    Zuerst checkte ich es nicht. Dann sprach es Wurzelkampf für uns alle aus: "Das sind Yuki und Dämmer in der falschen Reihenfolge." "Hat sogar seinen Grund, ihr dämlichen Katzen.", erwiderte Dämmerstern, während uns erneut bewusst wurde, dass der Frieden seine längste Zeit durchlebt hatte.
    "Yuki ist ihre Mutter. Und DESHALB kümmerst gefälligst du dich um sie. Meine Lieblingsstreunerin hat verdammt viel über dich geredet, weißt du? Schon so richtig nervig war das. Und ich habe keine Zeit. Mein Clan braucht mich jetzt, um diesen Krieg zu überstehen, der allein deine Schuld ist, Wildherz. Dass du dich nicht schämst." "Ganz schön große Worte für eine Katze, die ihre eigenen Kinder verbannt.", miaute Taubenschreck, der entspannt vor dem Heilerbau saß, kühl.

    Aber Dämmerstern würde die Kleinen nicht mehr mitnehmen, so viel stand fest. Das Wimmern in Ikuys Kehle, der Katze mit dem kürzeren Fell, war fast so unerträglich wie die Angst und das Entsetzen in Remmäds Augen, während ihr eigener Vater ohne ein weiteres Wort das Lager, damit das Leben seiner Töchter verließ. Lynx war entsetzt und so wütend, dass die Schüler um die dunkle Tigerin erschrocken aufsprangen. "Nesselstreif, das können wir doch nicht zulassen! Jemand muss diesen Esel verfolgen!" Nesselstreif schien ebenso aufgebracht. "Geht nicht. Streit und weitere Feinde sind das abolut Letzte, das wir momentan brauchen." Dann wurde ihr Blick weicher. "Wildherz, bist du sicher, dass du dich um die Jungen kümmern kannst? Du hast erzählt, dass du bereits für Hauskätzchen-Jungen und deine eigenen verantwortlich bist." Weinbauch schnappte nach Luft. "Wildherz, du bist schwanger?" "Hauskätzchen?", zischte Akazienpfote vor Schreck. "Wieso das?"
    "Ich habe einer Freundin versprochen, auf ihre Kinder achtzugeben, sobald sie sie zur Welt gebracht hat. Ansonsten würden die Zweibeiner die Babys ertränken, das darf ich nicht zulassen. Schon alleine wegen dem Gesetz der Krieger. Und ja, ich bin schwanger. Es ist aber keine Katze des Clans, der ich meine Jungen verdanke.", versuchte ich ruhig und gelassen die Lage zu veranschaulichen.
    Nesselstreif nickte. "Du wirst keine Zeit für zusätzliche Pflichten haben. Und erst recht macht es keinen Sinn, dich wieder jagen und kämpfen zu lassen. Strauchflucht, kann ich kurz mir reden?"
    Die zwei Gefährtinnen verzogen sich an den Rand der Lichtung, wo sie eine leise Diskussion starteten. Knöpfchen trabte währenddessen zu mir. "Ist Geißel ihr Vater?" "Nein.", antwortete ich schnell. Jemand viel Schlimmeres, so gut sollte er mich kennen. "Wird es dem Clan Probleme machen?", hackte er nach. "Nein. Natürlich nicht." "Gut. Du hast uns bereits mehr als genug Schwierigkeiten eingebracht." Mit diesen letzten, eisernen Wirten verließ er wieder mein Umfeld, um sich im Schatten einer riesigen Tanne auszuruhen. Konnten Geister eigentlich altern?
    Dann erhob Nesselstreif erneut die Stimme, bevor ich entschieden hatte, was zu tun war: "Strauchflucht und ich werden Ikuy und Remmäd großziehen!" "Ein Sieg für die Liebe!", jauchzte Chelsey ganz hinten und alle Clan-Gefährten stimmten in ihren Schlachtruf mit ein.

    Aber ich musste jagen. Auch wenn Nesselstreif es mir verbot, Taubenschreck, dem strengsten Heiler, befahl, mich in eine Sonderhöhle zu bringen und mich dort abwechselnd von ihm und Wellenpfote bewachen ließ, wenn ich nicht anfing, kräftiger zu werden, war ich eine der Ersten, die ihr Leben für den Krieg lassen musste. Doch sie verstand das nicht. Andauernd waren Strauchflucht und unsere vorübergehende Anführerin in der Nähe der zwei neuen Katzen, bespielten sie und meiner Meinung nach, genossen die Geschwister eine großartigere Kindheit als die meisten.
    Also schlich ich mich raus, sobald Wellenpfote nicht gut genug aufpasste. Das war übrigens sehr einfach, weil die ältere Schülerin sich nahezu ständig nach Taubenschreck umdrehte, wenn er nur mit der Schweifspitze zuckte. Nesselstreif hatte ihn in den Rang der Ältesten behoben, deshalb würde es unter Garantie nicht mehr lange dauern, bis Wellenpfote sich Wellenklang oder so ähnlich nennen durfte.
    Doch schon nach den ersten Schritten außerhalb des Lagers, wurde mir klar, dass ich hier draußen nicht alleine war. Der Duft der anderen Katze war rauchig, düster, der Geruch, wenn Nacht ein atmendes Lebewesen wäre. Ich schoss los. Obwohl meine Pfoten das letzte Mal derartige Geschwindigkeit aufgebracht hatten, als Geißel mich durch SeeRudel-Revier gehetzt hatte, fiel es mir leicht, das Tempo zu halten und ich legte mehrere, gute Hacken hin. Meinem Verfolger würde ich die Sache auf jeden Fall nicht leicht machen, dafür war ich zu gereizt, von meinen Einschränkungen und dem Wunsch, Geißel so schnell wie nur möglich wiederzusehen.
    Dumm war nur, dass ich selbstverständlich bei rasender Höchstgeschwindigkeit über einen dunklen Ast stolperte, den ich in meiner Begeisterung nicht rechtzeitig genug bemerkt hatte. Jsulend rutschte ich durch den Dreck, bis ich mich zusätzlich noch in einer Hecke verfing und ungeschickt über meine eigenen Pfoten stolperte. Panik ergriff mich. Wenn ich jetzt schnell genug war...doch ich war es eindeutig nicht. Klauenbesetzte Pfoten packten mich am Rücken, hieften mich zur Seite, was ich mit einem gut gezielten Treffer auf die Schnauze meines Gegner quitierte. Der zufällig Dämmerstern war.
    "Du!", schnauzte ich ihn an. "Was machst du noch hier? Fass mich an und ich zerfetz dir deinen hässlichen Pelz." "Vertrau mir, das beruht auf Gegenseitigkeit. Aber es wäre angebrachter, freundlich zu mir zu sein, immerhin bin ich zurückgekehrt, um eine unschuldige, zumindest fast, verwirrte Kätzin zu warnen." "Vor deinem schlechten Benehmen, oder was?", knurrte ich kurz angebunden. "Sag es mir, dann musst du gehen."
    "Ok." Dämmerstern zuckte mit den dunklen Schultern, während er zurücktrat, um mir genügend Platz zum Aufstehen zu geben. "Er ist ein Vampir. Das ist auch der Grund, weshalb er so besessen von Blut ist. Und von dir. Und wieso du ihn nie in der Sonne gesehen hast." "Warte, was?" Doch bevor ich fragen konnte, ob Dämmerstern sich nicht lieber in den Schatten legen sollte oder ob er mir schon länger auflauerte, raschelten Gräser.
    Chelsey, Weinbauch und Wüstensee hetzten auf uns zu, als wollten sie sich noch einmal ordentlich rächen für zwei weitere zu stopfende Mäuler. Wüstensee war sauer. "Was wird das hier, wenn es fertig ist? Triffst du dich allen Ernstes immer noch mit dem Vater deiner Kinder? Geißel wird dich töten." "Hat er schon.", erwiderte ich mit neutralem Gesichtsausdruck, bloß nicht das ideale Pokerface verlieren. Sie dachten, Dämmerstern wäre mein neuester Gefährte. Das war schlecht.
    Dämmerstern lachte grummelnd. "Nach all dem Chaos, das schon abgegangen ist, fühlt ihr euch immer noch vom WasserClan-Anführer bedroht? Es ist lächerlich. Und du, Wildherz - wenn du mehr wissen willst, du wirst mich finden." Glucksend entfernte er sich in Richtung seines eigenen Gebiets.
    Wüstensee peitschte mit dem Schweif. "Das ist jetzt nicht dein verfluchter Ernst. Du bringst uns ALLE in Gefahr." Aber ich hatte einfach nicht mehr die Kraft, um mich mit einer verbitterten Hexe um mein sehr trauriges Liebeskeben zu streiten. "Tu du deine Pflicht, Wüste. Ich werde meine tun, so gut es nur geht." Genuschelt und so leise, das es sicher nicht für meine vernarbten Ohren bestimmt war, teilte Wüstensee einige ihrer Gehässigkeiten Chelsey mit, die nicht wusste, wie sie sich loyal beweisen sollte. Nach allem verkörperte ich immer noch den leibhaftigen Grund für den Tod ihrer Geschwister. Selbst, wenn ich mich hätte verteidigen wollen - kein Wesen mit Seele durfte behaupten, ich war an den Morden unschuldig. Oder ich musste dieses Wesen für diese Lüge bestrafen. Zum Glück war nun Nesselstreif dafür verantwortlich, sobald sie sich von den beiden Nicht-mehr-Waisen mit komischem Vater löste. Währenddessen behielt Strauchflucht alle zwei im Auge, rund um die Uhr, wenn es sein musste.
    Diese Katzen hatten eindeutigen Respekt verdient. Ich wünschte, meine Kinder hätten auch solche Mütter haben können, denen an ihren Babys mehr lag als am Schicksal des Universums.
    "Wildherz!", rief Wellenpfote nach mir, als ich das Lager mit meinen Freunden betrat. Die Miene der Noch-Schülerin war vor lauter unterdrückten Emotionen kaum zu deuten: Furcht, Hecktik, Bewunderung, Faszination? So sahen Heiler nur aus, wenn der verdammte SternenClan mit seinen unglücksschwangeren Prophezeiungen und tragischen Problemen im Spiel war, die sowieso nur zu ihrem persönlichen Vergnügen dienten. Da im Himmel musste es furchtbar langweilig sein, wenn sie so viele Lebende bei sich oben haben wollten.
    "Wildherz, komm auf der Stelle in den Heilerbau." Lynx, die gerade mit einem dicken Eichhörnchen von der Jagd kam, riss besorgt dir eisblauen, durchdringenden Augen auf, doch Wellenpfote schüttelte begeistert den Kopf. "Nur Wildherz, Lynx."
    "Was ist los? Gibt es Schwierigkeiten? Die Sache mit dem Mobbing und dass dich niemand mag, darüber wollte ich generell mit dir reden. Und schon seit Ewigkeiten.", erzählte ich der blauen Kätzin, während unsere sonnenerhitzten Pelze in den erlösenden Schatten mit Kräuterduft tauchten. Wellenpfote kniff verwirrt die Augen zusammen. "Mir doch egal, ob mich jemand leiden kann. Der SternenClan will, dass du in seinen letzten Momenten dabei bist, also beeile dich gefälligst!" "Letzte Momente? Wellenpfote, was meinst du damit?"
    Zielstrebig steuerte sie auf die finsterste Ecke der Felshöhle an, welche nicht mehr so finster wie gewöhnlich war. Ein schwaches, bläuliches Schimmern schien die feucht-abgestandene Luft wie LED zu erhellen.
    "Wellenpfote, warum leuchtet der Heilerbau?" Jetzt erst schien sie sich zu einer ernsten Erklärung hinreißen lassen zu können, die Schultern vor Aufregung ganz angespannt, die kleine rosa Nase zuckte in freidiger Erwartung auf...was?
    "Der SternenClan will, dass du ihn in den SternenClan begleitest, Wildherz." Mir stockte der Atem. Es war nicht normal, es war so wenig normal, dass man schrecklich sagen durfte. Nur tote SternenClan-Katzen begleiteten Sterbende in den Himmel zum unfairen Gericht, das sowieso keine vernünftigen Entscheidungen traf. Wahrscheinlich zockten die einfach Karten, bewarfen sich mit Mäusen oder losten. Blaustern beim Pockern. Absurd? Nicht unbedingt.
    "Wer ist es?", fragte ich sie.

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    "Sonnenruß." In dem Moment sah ich ihn auch schon. Aus dem blauen Schimmern schnitt sich das Bild heraus, wie ein Schatten, in dem der stolze Anführer des RabenClans in einer Lache seines eigenen Blutes lag. Das kämpferische Funkeln in seinen sturmgrauen Augen war schon längst erloschen. Doch dann erkannte er mich. "Bist du es? Ich...Wildherz? WILDHERZ? Du darfst nicht tot sein...ich habe den SternenClan angefleht, dass...dass er dich verschont...es war umsonst..." Ein Knoten so groß wie Ungarn bildete sich in meinem Hals. "Sonnenruß. Hör auf das zu sagen." "Warum?" Jetzt lächelte er. "Ich liebe dich, Wildherz. Nach all den Jahren, nach all der Zerstörung und den Katastrophen, denke ich immer noch jeden Tag nur an dich." Ich keuchte: "Sonnenruß, du hast eine Gefährtin und Junge! Und wenn du das sagst...ich hasse es, dass du denkst, ich bin eine der Guten. Das bin ich nicht. Ehrlich gesagt, ich kann es gar nicht sein. Siehst du?" Zögerlich reckte ich den Bauch hervor. "Ich bin gezeichnet. Du hast eine Verräterin geliebt." "Außerdem", mischte sich Wellenpfote ein. "hat sie dich mit Laubrache, Vogelstern und Bonny betrogen. Und Geißel."
    Beschämt senkte ich den Kopf. "Ich bin bi." "Und eine Schlampe. Und du bist pan, immerhin war Bonny die einzige transexuelle Katze, die ich kenne.", fügte die Schülerin bereitwillig hinzu. Ich verdrängte die Tränen. "Du hast deine Familie für eine untreue Verräterin geopfert. Wenn der SternenClan dich deshalb nicht zu ihnen lässt...ich werde es mir nicht verzeihen..."
    Sonnenruß' Lächeln verzog sich zu einer Grimasse der Reue. "Hast du jemals an mich gedacht, in all der Zeit?" Sag Ja, schrie meine Vernunft. Zur Hölle, lüg wenigstens diesen einen Sterbenden an, damit er in den Himmel kommt und sich nicht für alle Ewigkeit die Augen ausheult. "Nein."
    Das blaue Licht verschwand gemeinsam mit der letzten Hoffnung, ich hätte mich nicht in ein gewissenloses Monster verwandelt.

    "Wellenpfote.", sagte ich. "Ich muss weg." "Weg?", empörte sie sich mit gesträubtem Nackenfell. "WEG? Habi wird so sauer auf mich sein, aber Hauptsache, du genießt deinen Abendspaziergang." "So spät schon? Moment..." Ich stutzte, eine Vorderpfote schon zum Gehen erhoben. "Du...du hast Kontakt?" "Sie hat mir gesagt, ich soll dafür sorgen, dass du dich nicht in Gefahr bringst.", gab Wellenpfote ohne einen Anflug von Gewissensbissen zu.
    Ich stöhnte. "Und deshalb beschuldigst du mich vor dem ganzen Clan des Mordes?" "Nun ja." Wellenpfotes Blick hellte beim Gedanken an vergangene Zeiten auf.
    "Du bist kein Engel. Ich bin kein Engel. Lass uns darauf einig werden, dass du dich nie wirklich um mich gekümmert hast und ich etwas wütend deswegen war." Allmählich wurde die Zeit knapp, denn nun konnte die Sonne jede Minute untergehen. Ununterbrochen drehten sich meine Gedanken um Dämmerstern, der als einziges die Informationen hatte, welche ich dringend brauchte. Geißel hatte wirklich nie den Schatten verlassen...er hatte ein beunruhigendes Fetisch für Blut und Gewalt...wenn man ihm in die Augen sah, wirkten sie so lähmend wie das Gift einer Schlange.
    "Wellenpfote, ich hab jetzt echt keine Zeit." Ohne auf das zornige Fauchen der Kätzin zu achten, drängte ich mich an ihr vorbei zum Höhlenausgang. "Oh nein!", meinte sie erbost. "Du kannst nicht einfach immer weglaufen!"
    Mit einem Ruck zog sie mich am Fell zurück. Ich wollte schreien, doch Wellenpfote war klüger als ich bisher angenommen hatte, presste mir mit der Pfote mehrere Blätter betäubenden Thymians auf den Mund. Während sich mein Puls verlangsamte, wich auch meine Kraft aus den Beinen, sodass ich verzweifelt gegen die Betäubung ankämpfend auf den Boden sank, den Kopf auf den verspannten Vorderpfoten.
    Ungerührt legte sie die Kräuter wieder bei Seite. "Endlich. Du erkennst mich immer noch nicht?" Sogar die Augen offen zu halten wurde zu anstrengend. "Was..." Ich stöhnte leise. "Was meinst du, Wellenpfote?" Der Schatten einer Katze, die gerade am Heilerbau vorbeiging, fiel in die Höhle und Wellenpfote riss erschrocken den Kopf nach oben. Schnell packte sie mich am Nacken, um mich in die dunkle Ecke zu ziehen, in der schon das Bild von Sonnenruß gestorben war.
    "Ich..." Ihre Stimme versagte ihr für einen kurzen, befriedigenden Moment. "....bin Blauglanz' Tochter." "So ein Blödsinn...", murmelte ich, kaum noch bei Bewusstsein. Wellenpfote schnaubte genervt. "Nur, weil sie Heilerin und ihr Clan eine Gruppe von Tyrannen war? Wurzelstern war in sie verliebt, wie ein Kater es nur jemals hätte tun können. Er wollte den Clan für SIE retten, Wildherz."
    Die Tatsache, dass Blauglanz, die Heilerin, die mich immer heimlich unterstützt hatte, und Wurzelstern Gefährten gewesen waren, war fast so verrückt wie meine Hoffnung, dass es jemals wieder besser werden würde.
    Seht mich an. Ich war ein Zeichen des Unglücks, pan, verliebte mich immer in den Falschen, der mich im Nachhinein hasste, brachte alles in Gefahr, das mir etwas bedeutete, wenn ich nicht gerade um Rea, meine totkranke Freundin, oder meine verlorene Habi trauerte. Aber sie erwarteten trotzdem, dass ich selbstbewusst aussehe. Ich muss für sie bluffen, oder es sterben noch mehr als Meerschweinchen, Nova und Sonnenruß. Sie hassten mich alle. Wer sollte mich schon mögen? Bonny hatte ich verzeihen können, obwohl sie versucht hatte, mich umzubringen. Allerdings....im Nachhinein betrachtet, hatte sie dafür tatsächlich eine Belohnung verdient. Mal ganz davon abgesehen, dass ich pyschisch krank war. Selbstbewusstsein und Coolness vorzutäuschen, während Schizophrenie, Depression und Minderwertigkeitskomplexe meinen Kopf auseinandernahmen, hatte mich beinahe in den Selbstmord getrieben. Aber ich musste jetzt stark sein. Ich war ENTSCHLOSSEN, stark zu sein. Und warum vertraute ich dem schwarzen Kater überhaupt? Er war vermutlich richtig sauer. Und ein Vampir. Das war nicht wirklich eine gute Kombo. Als Mensch hatten sie mich ausgelacht, weil ich Warrior Cats mochte; jetzt lachten sie, weil ich früher ein Mädchen gewesen war = für immer gefangen zwischen den Welten, nirgendwo dazugehörend. Naiv, verängstigt...aber am schlimmsten: alleine.
    "Hast du mir nicht zugehört?" Mit einem aggressiven Fauchen riss Wellenpfote mich zurück in die Wirklichkeit.
    "ICH BIN BLAUGLANZ' TOCHTER, WILDHERZ!"
    "Tut mir leid.", nuschelte ich ängstlich und kam wieder auf die Pfoten, da die Wirkung des Thymians nachgelassen hatte. Diesmal hielt Wellenpfote mich nicht auf, immerhin war sie zu sehr mit der mir nicht unbedingt neuen Wut beschäftigt. "Ich muss los."

    Das Revier des WasserClans war...wässrig. Überall lag Schlamm oder zumindest feuchter Kies, der sich mit jedem deiner hoffnungslosen Fortbewegungsversuche nur noch blutiger in deine Ballen gruben. Einzig allein die Stelle, die mein Vampir damals mit seinen Messern erwischt hatte, zeigte kein Anzeichen von auch nur irgendeinem Gefühl.
    Außerdem gab es hier höchstens selten bis gar keine Bäume, maximal vielleicht giftige Sträucher, denen ich auswich so gut es ging.
    Warum war niemand hier, um moch aufzuhalten? Es konnte diesen Leuten doch nicht gleichgültig sein, wenn verfeindete Missionare über diesem heiligen Boden...äh.. Pfütze oder so ähnlich...wanderten. Warteten sie darauf, dass ich schrie oder hatten sie tatsächlich Angst? Dass dieses Verhalten falsche Höflichkeit vortäuschen sollte, war genauso intelligent wie gleich zum BlutClan zu marschieren. Verfeindete Anführer und ausgestoßene Katzen an der Spitze, das verstand sich ja wohl. Und Wellenpfote behauptete, die Tochter einer legendären Heilerin zu sein. Warum könnte ich nicht wenigstens Eltern haben, die wussten, wo ich mich befand, trotz all der unüberwindbaren Schwierigkeiten immer ein Auge auf mich hatten? Ich fühlte mich alleine. Nicht einmal Geißel hätte mich diesem Schmerz gegenüber ausreichend betäuben können. Er hätte mich gleich töten sollen.

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    "Ich habe nicht erwartet, dich schon wieder so schnell zu sehen.", -miaute es hinter mir, doch bevor ich mich umdrehte, witterte ich in der Luft. Natürlich war es Dämmerstern, wer sonst? Langsam und mit todernstem Gesichtsausdruck wandte ich mich ihm zu. "Woher weißt du das?", flüsterte ich, verlor die Umgebung aus den Augen, um mich besser auf den einen Kater vor mir konzentrieren zu können. Dämmerstern lächelte nicht, sein Schweif schlug unruhig hin und her. "Du hättest nicht hierher kommen sollen, Wildherz. Erst nicht nach all deiner verlorenen Zeit." "Ich war..." Verunsichert suchte ich meinen Kopf nach einem Wort ab, das mich solange in mir selbst gefesselt hatte. Es gab keines dafür. "...anders beschäftigt." Dämmerstern zischte: "Wenn du denkst, das hier wird ein langes, aufklärendes Gespräch, enttäusche ich dich besser gleich, Kätzchen. Du hast keinen Wert, niemand will dich in deinem Clan, was sollen dann schon wir mit dir anfangen? Du weißt bereits alles, was du wissen musst." Zögerlich machte ich einen Schritt nach hinten, trat dabei auf einen aus dem Matsch hervorstehenden Dorn (vermutlich der einzige in Umkreis von fünf Fuchsrevieren) und fluchte barsch. Nun war Dämmerstern amüsiert. "Nicht nur du beobachtest deine Feinde, auch wenn dein Ego diese Blindheit sichtlich nötig hat. Ich habe Geißel schon im Auge behalten, seitdem dieser Bastare mit dir hierhergekommen ist." Seine Augen funkelten wie das wilde Feuer eines Waldbrandes, bereit, alle Hoffnung, allen Neuanfang in dicker Asche zu ersticken. "Ich war damals dabei, als du ihm gesagt hast, es wäre ok, einen neuen BlutClan im MondClan-Territorium zu gründen. Wenn deine Angehörigen das wüssten...Hast du das eigentlich wirklich geglaubt?"
    Vielleicht zeugte mein impulsives Verhalten von meiner inneren Schwäche, dieser Instabilheit, die meinen Kopf und meinen Körper wie vernichtendes Giftgas umwehte, aber ohne Abschied, ohne ihm auch nur in diese wissenden Augen sehen zu können, machte ich kehrt und floh regelrecht zurück auf meinen eigenen Boden. Würde er es ihnen sagen? Der Clan wird Dämmerstern mehr vertrauen als mir, trotz der abgelieferten Junge, so viel musste ich ich mir gar nicht erst vormachen. Vielleicht war es Zeit, mal wieder Klartext zu reden. Vielleicht war aber auch einfach nur die endgültige Zeit für einen endgültigen, alles entscheidenen Krieg gekommen, so unaufhaltsam wie eine tobende Lawine.
    Zu meinem Entsetzen wurde mir klar, dass ich mich kaum noch an das Gespräch mit Otin erinnern konnte, so sehr hatte mich die Wahrheit mal wieder motgenommen. Otin durfte ich vertrauen, wem denn sonst? Er musste es sein, der sich mit mir gemeinsam Geißel, dem mächtigen Anführer des aggressivsten BlutClans, entgegenstellte, um ihm den verherrenden Kampf zu erklären, der sowieso schon in unser aller Köpfen tobte.

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    Und während ich das dachte, hatte ich bereits den total vertrauten Weg zu Otin eingeschlagen, nun wieder vollkommen im Klaren, worüber wir geredet hatten. Vermutlich war ich im Augenblick einfach zu emotional, aber das, was ich nun endlich vorhatte, zeugte nicht von Angst oder Zorn - Es war Liebe, die aus mir schrie, Rache für all das vergossene Blut forderte, das Geißel mir genommen hatte. Wie viele Tode hätte ich selbst verhindern können? Wie ein wahnsinniger Geist stolperte diese alles verändernde Frage durch meinen Kopf. Ich fühlte mich sehr warm an, fand ich, es konnte sein, dass der Grüne Husten mich endgültig zum SternenClan zurückkehren ließ. Was wäre das nur für ein Gnadenakt gewesen!
    Doch Dämmerstern hatte es erst gebraucht, um mich etwas verstehen zu lassen, das alle meine Freunde schon vor mir geahnt hatten. Geißel vertraute mir nicht, das tat er niemandem. Er wollte und brauchte mich, aber trotzdem ließ er lieber mein verfluchtes, magisches Blut durch seine eisernen Klauen fließen als mich zu beschützen. Stimmt schon, vielleicht war ich ihm sogar wirklich so viel wert, wie er behauptete. Oder war es meine Aufmerksamkeit?
    Ich dachte an seine gezielten Schläge, die Zufriedenheit eines Psychopathen in seinen Augen, während er mir mit seinen Krallen die Halsschlagader aufriss. Aber für diesen Mord hatte er sich entschuldigt, immerhin. Lieber tat er mir weh, anstatt mir ein einziges Mal gegenüber ehrlich sein zu müssen. Wir hatten uns gegenseitig betrogen und ausgespielt und wieder zu einander gefunden, nur damit ich es von einem Arsch von Kater erfuhr: Die ganze Zeit über hatte er es getan, mein Leben aufs Spiel gesetzt, nur um meine Aufmerksamkeit und Liebe genießen zu dürfen. Was wäre gewesen, wenn er die Kontrolle verloren hätte?
    Eiskalt lief mir dieser abartige Schauer durch das Fell, während stürmischer Wind mir auf der Wiese entgegenpeitschte.
    "Otin!", schrie ich. "Lass mich jetzt nicht alleine!" Obwohl ich es doch verdient hatte, wehrte ich mich gegen das Dunkel, dass mich passend zur Abenddämmerung umgab. Ich redete gerade nicht wirklich vom unterschiedlichen Sonneneinfall auf den Globus.
    "Otin...", schluchzte ich, doch ich sah keinen Wolf des guten Rudels weit und breit. Ich hatte Otin nicht verdient und trotzdem jaulte ich vor mir selbst um Hilfe.
    Dann hörte ich seine Stimme, tief, sanft, ruhig, direkt hinter meinem Rücken und als ich mich blitzschnell umdrehte, sodass winzige Regentropfen des nun beginnenden Regens umherfolgen, blickte ich direkt in seine wissenden Augen. "Rea ist zurückgekehrt.", flüsterte er und ich verstand ihn trotz des Donners, der den herannahenden Sturm mit Trommeln und Pauken und Spezialeffekten ohne Ende ankündigte.
    "Sie hat gesagt, es wäre Geißel persönlich gewesen." Eine furchtbare Vorahnung stieg mir in den Kopf, doch noch war ich nicht bereit, mich weiteren grausigen Tatsachen zu stellen, bis wir uns wieder im Trockenen befanden. "Es tut mir so leid.", miaute ich traurig. "Das war falsch, alles falsch, total falsch! Bitte bring mich zu Rea!" Otin senkte seufzend den Kopf. "Komm mit, Kätzchen."

    Der Blutgestank, ein seltsam vertrauter Geruch für mich, ließ mich erst einmal kotzen, als Otin mich zu der Höhle führte, in der er mich vor einigen Wochen noch vor dem Suizid bewacht hatte. Ehrlich gesagt war ich nun an den Punkt angekommen, an dem ich meinen gesamten Clan für eine einzige seelige Stunde im SternenClan eingetauscht hätte, aber meine Kriegerahnen ignorierten einfach mal mein inneres Geflehe. Vermutlich planten sie wieder an dem Krieg, der unser aller Schicksal besiegeln musste. Ui, wie dramatisch.
    Rea lag ganz hinten, damit die Vögel nicht vom Himmel fielen, wenn sie zufällig einen kurzen, unschuldigen Blick in den mannsgroßen Bau warfen. Rea wimmerte, weil...nun ja...sie irgendwie eher tot als lebendig aussah. Irgendwie kannte ich mich mit diesem Zustand bereits aus, ich meine, traurigerweise.
    Otin rieb stöhnend seinen breiten Kopf an meiner zierlichen Schulter, sodass ich fast umgekippt wäre, während die halb tote Rea mir verängstigt zuwinselte. Glaubt mir, sie hatte gefälligst das Recht dazu.
    Denn überall auf ihrem zu Tode abgemagerten Körper stand dasselbe Wort in ihre Haut eingeritzt. Liebe
    Jaulend jagte ich zu meiner Freundin, die schwach lächelnd den schlanken Kopf hob. "Weißt du es schon?", krächzte sie und versuchte, ruhig zu atmen. "Mama hat Scheiße gebaut." Ich winselte: "Rea...ich vermisse sie auch so sehr...das alles...es ist so schrecklich..." Vor Trauer verzerrte die Wölfin ihr Gesicht zu einer Maske der Verzweiflung. "Yukis Tod konnten wir nicht verhindern, aber noch liegt es in deiner Pfote, ob noch eine Katze oder ein Wolf solchen Totschlag erleiden muss. Du musst jetzt das Richtige tun, Girl. Dämmerstern hat es dir gesagt, hoffentlich." "Du...du kennst Dämmerstern?", wiederholte ich ungläubig ihre Worte und ihrem Bruder, meinem besten Freund, entwich ein zorniges, energiegeladenes Knurren. Rea nickte bedächtig. "Yuki hat mir einmal davon erzählt, dass sie den Anführer des FeuerClans "datet". Ich wusste nicht wohin, außer zu ihm, nach ihrem Tod. Er hat mir von Geißels Geheimnis erzählt und irgendwie konnte ich ihn überreden, es auch dir zu verraten. Bitte sei ihm nicht böse...wir brauchen nicht noch mehr Wut in diesen Wäldern, davon gibt es bereits genug. Auch wenn Dämmerstern sehr speziell sein kann."
    Ich lachte, doch dann rollte sie sich auf den Rücken, sodass sich mir ein entsetzliches Bild auf ihre haarlose Unterseite bot. Irgendjemand hatte ihr sämtliches Bauchfell ausgerissen, NEIN, NICHT irgendjemand. Der BlutClan.
    Ein Text wie mein Verräter würde sich ihr für immer als Narbe einverleiben:

    Wildherz...ich hoffe, du fühlst dich besser, wenn du dich nicht mehr für deine Verräter-Narbe schämen musst. Jetzt trägt deine Freundin das gleiche Zeichen wie du. Tut mir leid, dass ich mich nicht beherrschen konnte. You only live once.

    Einer von uns würde diesen Tag nicht mehr beenden, das schwor ich mir in diesem Moment. Denn Rea hatte mich stark gemacht, aufgenommen und beschützt, nachdem er meinem Clan dasselbe Leid wie ihr jetzt angetan hatte. Danke, Geißel. Endlich hatte ich die Kraft, die es brauchte, um den Krieg für begonnen zu erklären, mit Otin und Rea an meiner Seite.

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    Ich hatte Wüstensee geschickt, um es dem BlutClan zu sagen...den brutalsten Mördern unter allen Katzen den Krieg zu erklären. Sogar dafür war ich zu feige gewesen; was sah Geißel nur in mir? Aber Wüstensee war tatsächlich zurückgekehrt und zwar genau zu der Wiese, wo sich jetzt MondClan und Jutas Rudel tummelten. Auch zu WasserClan, FeuerClan sowie LaubClan waren Katzen und Wölfe gesandt worden, jedoch ohne Erfolg: Mit Schrecken hatten Rea, Otin und ich registrieren müssen, dass sie wohl schon bei Einbruch der Dämmerung ihre Reviere verlassen hatten. Sie hatten uns verraten, uns ohne Hilfe zurückgelassen, in einem Krieg, den nicht wir (oder zumindest nicht wir ALLEINE) begonnen hatten. Etwas sagte mir, dass die Entscheidung HEUTE fiel und es tat so gut zu wissen, dass ich nicht mehr lange zu denken brauchte. Egal, was mich erwartete - nur noch Stunden...dann war es vorbei, für immer. Otin tigerte umher wie ein Tollwütiger, Rea hob Erde mt ihren Klauen aus, die deutlich aus dieser Gestalt von Gerippe herausstachen.
    Zu einem millionsten Mal schilderte Wüstensee dem Rudel und dem MondClan ihr Zusammentreffen mit dem BlutClan. "Leider konnte ich Geißel persönlich nicht sehen, aber diese FURCHTBARE Merida...die hat doch mehr Flöhe als Haare auf dem Körper!" Wüstensee befand sich am Rand der Wiese, direkt auf der Grenze zwischen Jutas Wolfsrudel und MondClan/BlutClan, umringt von neugierigen Wölfen und Katzen, die ergeben auf ihr Schicksal warteten. Ich bewundete sie alle für diese Loyalität, diesem Vertrauen in ihre Anführer. Ich wünschte, ich hätte auch jemandem aus meinem Clan, meinen eigentlichen Freunden, die die Natur für mich vorherbestimmt hatte, vertrauen können. Otin rieb mir tröstend das Ohr, denn auch er wusste, dass dies das Final Battle sein würde.
    "...und dann hat diese Gelbe da gesagt, dass wir Krieg haben können, wenn wir möchten; dass sie nur darauf gewartet haben..." Beim Gedanken daran, dass ich gleich Geißel, dem Vampir, gegenüber stehen musste, drehte sich mir der Magen um.
    Ich flüsterte zu Schmetterling, die als einzige außer Otin neben mir saß, weil ihr klar war, dass dieser Kampf für mich am schlimmsten werden musste: "Vielleicht wird er mich nicht hassen." Schmetterling schüttelte den Kopf. "Er wird dich töten."
    Dann hörten wir es...das Rascheln, alle außer Wüstensee, die einfach munter weitererzählte: "Ich weiß nicht, aber ich persönlich finde diese Streuner einfach nur eklig. Denkt doch nur an das verfilzte Fell und diesen widerlichen Geruch!" Der Angriff erfolgte zu schnell, als dass die MondClan-Katze hätte parieren können. Mit einem einzigen sauberen Schnitt durch einen gewaltigen Säbel, den Freddy im grinsenden Maul trug, war ihr Kopf abgetrennt, kullerte über das sofort blutbefleckte Gras.
    Es war still, so still, die Stille war nicht mehr still, sondern einfach nur noch nicht anwesend. Freddy war aus den Schatten der Bäume gesprungen, sodass Wüstensee, die nun im SternenClan (hoffentlich) wandelte, nicht einmal hatte sehen können, wer ihr Mörder war. Einen unwürdigeren Tod gab es wohl kaum.
    Langsam versammelte sich auch der Rest des BlutClans am Waldrand, hämisch verzogene Gesichter, ausgefahrene Krallen und das Lächeln von denjenigen, die wussten, wir hatten diesen Krieg bereits verloren...nur ihren Anführer sah ich noch nicht.
    Otin neben mir bleckte drohend die Fangzähne und ich hörte Juta einen barschen Befehl knurren, dass sich ihre Wölfe hinter ihr versammelten. Es gehorchte niemand, dafür standen alle zu sehr unter Schock, also alle, außer unseren Gegnern, was ich ziemlich ungünstig fand. Besorgt warf ich einen Blick auf Rea, die trotz ihrer tiefen Wunden und ihre Abgemagertheit unbedingt hatte mitkämpfen wollen. Wenn ihr heute etwas geschah, würde ich jede BlutClan-Katze ans Ende der Welt jagen.
    Ich schloss die Augen, um nicht wie der Rest von uns in Panik zu verfallen und dachte an die Katzen MEINES Clans: Wellenpfote, die so klug und weise war, obwohl sie eigentlich alle hassten. Oder Nesselstreif, wegen ihrer Sexualität aus dem eigenen Clan verbannt, und endlich mit Strauchflucht zusammen glücklich. Schmetterling, welche immer noch ihren verschwundenen Gefährten zu finden hatte. Vielleicht Knöpfchen, denn er hatte es letztendlich geschafft, über seinen Schatten der Vergangenheit zu springen, etwas, das ich nie gewagt hatte. Sol, der auch wenn er jetzt nicht mehr wirklich bei uns war, Wüstensee niemals alleine ließ. Dämmersterns Junge...Lichtherz...so VIELE, WICHTIGE andere...
    Sie durften nicht sterben, aber trotzdem hatten wir keine Alternative.
    "Schau mir in die Augen, KÄTZCHEN." Die Stimme kam von oben, von den Baumkronen, wo die Finsternis am mächtigsten war. Ängstlich wichen Jutas Wölfe und MondClan zurück, wenn sie es wegen der BlutClan-Mörder am Boden eh noch nicht getan hatten.
    Ängstlich starrte ich in das undurchdringliche Dunkel und versuchte den Mut wiederzufinden, den diese Schlacht, die gleich beginnen musste, brauchte. "Es tut mir leid, Geißel.", flüsterte ich traurig. "Du bist zu weit gegangen. Es MUSS ein Ende haben. HEUTE."
    Zwei eisblaue, gefährliche Augen blinzelten verächtlich auf mich herab. "Ich hätte dich früher töten sollen. Immer bin ICH der Böse, immer bin ich nicht gut genug." Der BlutClan johlte bei diesen Worten, feuerte ihn an, damit er es zu Ende brachte. Geißel fügte also hinzu: "Du wirst heute sterben, Wildherz." Weil Juta wusste, dass die Situation jetzt jede Sekunde eskalieren konnte, ging sie mit mir zusammen an die Spitze unserer Krieger, die Ohren und der Schweif im Gegensatz zu mir selbstbewusst aufgerichtet.
    "Wir bitten dich, nachzudenken. Verlasst das Revier des MondClans ohne Blutvergießen oder wir werden euch zwingen müssen." Wieder lachte der BlutClan, Bingo und Merida sah ich unter ihnen, aber dieses Mal aus Hohn.
    "Nun..." Langsam glitt ihr Anführer aus den Schatten, bis man sein Maul erkennen konnte, dieselben Lippen, die meine geküsst hatten, während er den Baum herunterkletterte.
    Und als ich ihn so da stehen sah, mit der puren Freude in seinen Augen, mir endlich so RICHTIG weh tun zu dürfen und diesem höhnischen Grinsen...ängstlich jaulend sprang ich zurück, direkt in Lichtherz und Olaf, den Wolf, welchen nichts übrig blieb, als mich wieder zu Juta nach vorne zu stoßen. Der BlutClan lachte mal wieder.
    "Hast du Angst, Wildherz?", flüsterte Geißel. "Das solltest du. Wir kommen nicht unbewaffnet." Tatsächlich waren da Eisenspitzen an ihren Klauen und Zähnen, Messer, Säbel und Dolche, nur Geißel hatte sich einen Strick locker um den Hals gelegt. Er lächelte mich gewinnend an. "Siehst du dieses Seil, Wildherz? Damit werde ich dich persönlich erdrosseln."

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    Es war die gelbe Kätzin mit dieser Ausstrahlung von Wahnsinn in seiner reinsten Form, die sich zu Geißel gesellte und mir das blutrote Halsband an ihrer Kehle zeigte. Sie war auch gar nicht mehr hässlich wie bei unserem ersten Treffen, sondern das einst gelbe Fell glänzte perlmuttfarben und beide Augen waren nicht mehr trüb, sondern in einem zarten Rosaton, für den Nachtigallenherz getötet hätte. "Ich habe jetzt einen neuen Namen.", sagte sie. "Herzwild musst du mich ab heute nennen." Und vor allen Katzen, Füchsen und Wölfen küsste die BlutClanerin meinen Geißel stürmisch auf den Hals, was dieser sichtlich zu genießen schien. Er schnurrte laut und biss Herzwild mit denselben Blick, mit dem er MICH immer angesehen hatte, ins Ohr. "Ich habe sie gebissen.", erklärte er uns. "Etwas, das ich bei dir nicht wagen durfte, weil du prüde bist wie sonst etwas." Rea knurrte leise, sodass es nur Juta und ich verstanden: "Wofür hält sich der Kerl?"
    Aber Geißel hatte schon wieder das Wort ergriffen: "Wenn ich es mir recht überlege, habe ich nicht vor, dich heute schon zu Tode zu quälen. Ich werde mit dir noch weit schlimmeres anstellen als Bingo. Aber wir wären keine fairen Katzen, wenn wir unseren Freunden den Spaß nicht ebenfalls gönnen würden. Darf ich euch eure zukünftigen Mörder vorstellen?" Ein bösartiges Jaulen kündigte Fennek an, seine Gefolgschaft postierte sich zu den BlutClan-Katzen. Das Funkeln in den Augen von Jutas ehemaligem Gefährten wollte nur eines: Sie und ihre Kinder tot sehen, genauso wie den Rest ihres Rudels.
    "Du kannst diesen Krieg nicht wollen!", hielt ich dagegen. "Und erst recht kannst du keine DREI Gefährtinnen haben." Doch Geißel lachte mich nur aus. "Wenn ich sterbe, dann mit dir. Jeden Tag in der Hölle wirst du mich mit Herzwild oder Lilly rummachen sehen oder denkst du ernsthaft, der SternenClan will dich noch nach deinem Verrat?" "Warum tust du so etwas? Das hier ist UNSER Kampf...du willst MICH leiden sehen...du musst nicht alle anderen mit in den Tod reißen."
    Fennek an Geißels und Herzwilds Seite lächelte seltsam ruhig. "Stellt euch nicht so an, Juta. Dieser Krieg war schon prophezeit, da gab es deine Ahnen noch nicht einmal, so lange fürchtet sich der Himmel schon vor dieser Schlacht. Gerade deshalb hätte ich auch eine freundliche Bitte an Wildherz." Mir gefiel es nicht, wenn irgendjemand von unseren Gegnern mit mir sprach, aber ich wäre wohl lieber tot gewesen, als mir auch nur eine einzige Fenneks Bitten anzuhören.
    Fennek fuhr ungerührt fort: "Ich kann dich schon verstehen, dass du dich fürchtest. Und darum bleibt uns auch keine andere Wahl, als dich zu zwingen, die Katzen des Finsterwaldes an dieser Schlacht teilnehmen zu lassen." Erschrocken sogen meine Krieger die Luft ein. Nein, diese Katastrophe wurde mit jeder Sekunde aussichtsloser! "W...wie...ich kann das gar nicht!" Wütend peitschte ich mit dem Schweif und machte einen schnellen Schritt auf Fennek und Geißel zu. Vor Unwohlsein bleckte der gigantische Geisterwolf die Zähne. Aber ich war noch nicht fertig: "Selbst wenn, NIEMALS würde ich erneut Verrat begehen! Und wenn es keine andere Möglichkeit gibt, meine Loyalität zu beweisen, dann werde ich den nächsten Tag eben nicht mehr erleben."
    Geißel zuckte mit der Schwanzspitze und die Kätzin mit den Narben im Gesicht, die etwas weiter in den Schatten der Bäume saß, zischte: "Dann lässt du uns keine Alternative!" Der Startschuss für die erbittertste Schlacht in der Geschichte von mir war gefallen und als ich sah, wie Mörder, Streuner und Hass auf uns zujagten, wusste ich, dass es unser Ende war: "SeeRudel, MondClan, Rückzug!" Auch Juta hatte begriffen.
    Nur wenige Katzen von mir wagten eine schwache Verteidigungslinie, die aus Knöpfchen, Weinbauch...und Chelsey bestand. "Nein!", jaulte ich, wurde jedoch von der flüchtenden Menge mit gerissen. Der Gedanke, auch noch das letzte Kind von Lynx an Geißels und meinen Kleinkrieg zu verlieren, war schier unerträglich. Auch Lynx war auf den Einsatz ihrer Tochter aufmerksam geworden. "Lasst sie am Leben!", schrie sie voller Angst und jagte in purer Verzweiflung auf Chelsey zu, die erschrocken den Kopf herumriss, als sie ihre Mutter hörte. Ich winselte, wir beide sahen ihren Tod kommen.
    Denn Lynx war so auf Chelsey fixiert gewesen, dass sie Blutstrom, die ihre Seite wohl nun endgültig gewählt hatte, nicht bemerkt hatte. Ein spitzes Messer hing zwischen den Zähnen meiner Ziehtochter, welches sich ohne Widerstand in Lynx' Brust schob.
    Schock ließ mich erstarren, sowie auch Chelsey, Weinbauch und Knöpfchen, die in ihrer Unaufmerksamkeit grobe Schläge von Wölfen und BlutClan-Streunern einzustecken hatten. Weinbauch ging zuerst zu Boden, Chelsey kurz darauf.
    Rea schrie nach mir, die als einzige ein paar Sprünge entfernt auf mich gewartet hatte: "Lauf weg, Wildherz!" Taumelnd setzte ich mich in Bewegung, bekam die blutige Leiche meiner engen Freundin einfach nicht mehr aus dem Kopf.
    Wir hatten unsere Junge gemeinsam auf die Welt gebracht, waren dem Wald der Finsternis entflohen. Sie war für mich dagewesen, als von meiner Welt nur noch Scherben existiert hatten. Ermordet von ihrer eigenen Clan-Gefährtin.
    Der Großteil von unseren Kriegern war im Wald des See-Rudels bereits auf Erhöhungen und Bäume geflohen, nur eine Truppe todesmutiger Geister hatte sich zu ihrem Schutz am Waldrand postiert. Das sah nicht gut aus und wurde auch nicht besser, während Rea zusammen mit mir ebenfalls in SeeRudel-Territorium flüchtete.
    Juta jaulte voller Verzweiflung: "Das schaffen wir nicht! Wir sind nicht stark genug!" Nur Otin gab sein Bestes, irgendeinen Heimvorteil zu erzielen: "Kata und Benjo, Stein und Saska, hinter die Verteidigungslinie! Olaf, Rudo und Rea, ihr stellt euch vor die Bäume da!" Entschuldigend warf mir Rea noch einen letzten Blick zu, bevor sie in dem hecktischen Gewusel verschwand, um ihre Freunde zu unterstützen. Juta sprang zu mir und nahm mich beschützend zwischen die Vorderpfoten an ihre weiche Brust. "Ich habe gesehen, was Lynx, Weinbauch und Chelsey zugestoßen ist." Sie schnaufte. "Es tut mir so leid." Etwas in mir kämpfte immer noch gegen die Tatsache an, dass es heute für alle ein Ende hatte. "Sind sie wirklich alle tot?" "Nur Knöpfchen konnte sich retten, indem er die Gestalt verändert hat."
    In diesem Moment streifte ein Pelz den meinen und ich wirbelte schon in Panik herum, als ich merkte, dass eine Stimme zu mir sprach: "Wildherz..." Er kam mir so vertraut vor, doch in all der Aufregung war es schwer zu sagen, wer mit mir reden wollte. Vor allem, weil hinter mir niemand war. "Wildherz..." "Wer bist du?", schrie ich verängstigt gegen den Lärm an und Juta fuhr mir hecktisch über den Kopf. Sie machte sich furchtbare Sorgen, um das Rudel und ihre Kinder, das spürte ich fast so sehr wie meine eigene Angst.
    "Ich bin's...Blacky..." "Blacky?...BLACKY!" Erst jetzt bemerkten auch die anderen Wölfe und Katzen das glühend blaue Licht, das sich vor mir bewegte, sich immer weiter ausdehnte, bis die Ersten nervös zurückwichen. Der SternenClan hatte uns nicht verlassen.
    Blacky saß vor mir, war im Gegensatz zu meinen Erinnerungen nur noch halb so groß wie ich. "Mond und See vereinen sich gegen blutigen Knochen, bis Rache gebrochen und Wut verraucht...Liebe war Anfang und wird auch Ende sein...Tod nun weit mehr als Schein...rettet euch und kämpft um euer Leben, denn der Wald der Finsternis wie auch wir ist frei."
    Panische Aufschreie ließen Hasen und Vögel aus dem Wald fliehen, doch leider nicht die Armee unserer Gegner, die sich auf der Wiese in ordentlichen Reihen versammelt hatte.
    Und die rot glühenden Katzen, die zwischen ihnen erschienen. Genauso wenig wie unsere verlorenen Freunde und Ahnen, die zwischen SeeRudel und MondClan veretilt erschienen.
    Ich hörte Schmetterling schreien: "Meine Babys! Lasst mich zu meinen Babys!" Nox und Carla eilten verzweifelt durch die Katzen und mit einem Schrecken wurde mir klar, dass sich weder Chelsey noch Lynx im SternenClan befanden.
    Dann war die Welt für einen unglaublich kurzen Augenblick still.
    Ich hatte Nusspelz entdeckt.
    Jaulend rannte mein Mentor auf mich zu, gar nicht mehr alt und zittrig wie kurz vor seinem Tod. "Wildherz, ich bin hier!" Schnurrend rieben wir unsere Nasen aneinander, ganz genau wie damals bei meiner Schülerernennung. Ich flüsterte: "Ihr habt uns nicht im Stich gelassen." Nusspelz rieb seinen Kopf an meinem Hals. "Wir waren immer bei dir, Wildherz. Und wir werden es auch sein, bis deine Zeit gekommen ist, dich zu uns zu gesellen." Weitere blaue Katzen versammelten sich um mich. "Habichtrose, Rosenwolke, Pferdesturm...Cloud!" Die Hündin aus Luckys Rudel lächelte. "Fuchsangriff." Mein Blick verfinsterte sich. "Sag, dass Ast und Holz wenigstens auch kommen werden."
    "Hey, die gehören mir!" Tröpfel hatte sich zu uns gedrängelt, die Sterne in seinen wachen Augen funkelten wie die kostbarsten Diamanten. Auch Pferdesturm strich mir zärtlich mit dem Schweif über den Rücken. "Der Fluch ist gebrochen, weil du deine Prophezeiung erfüllt hast, Wildherz. Das werde ich dir nie vergessen."
    Überall rannten Verwandte, Freunde und Geschwister umher, während BlutClan, Finsterwald und KnochenRudel nur eisig auf uns herabstarrten. Da war Neid in ihren Seelen, Eifersucht, dass sie niemand mehr wollte, nach dem, was sie in ihrer Vergangenheit getan hatten. Langsam beruhigte sich das Getümmel wieder und obwohl es niemand aussprach, wussten es alle: Wir hatten unendliches Mitleid mit ihnen.
    Ahornschatten fauchte frustriert, als Rosenwolke und Pferdesturm sich in die Arme fielen und der kleine Palmenjunges, der geboren war, nur um böse zu sein, schniefte. Er bereute sein Schicksal, hätte es gerne anders gehabt.
    Mini tuschelte mit einer weißen Katze, die sich als ihre Mutter herausstellte, die bei einem Autounfall verstorben war, während die Geisterwölfe verwirrt umherstreunten.
    Bis Fennek sich wieder Gehör verschaffte. "Vielleicht habt ihr Freunde unter den Toten, aber das bringt euch nichts, weil ihr euch trotzdem nach dieser Schlacht zu ihnen gesellen werdet!" "Lieber tot und unter der Gnade der Liebe als lebendig und für immer alleine!", fauchte Habichtrose und ich drückte mich schnurrend an meine Vertraute. Dieser Krieg würde seinen Tribut fordern, aber egal, wie er ausging - Wir konnten nur noch gewinnen.
    Auch wenn Blutstrom, unentdeckte Gestaltwandlerin und weder tot noch lebendig, die Großmächte frei gelassen hatte.

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    Vielleicht hätte ich da schon ahnen müssen, dass der SternenClan nicht kam, um meine Kämpfe auszufechten. Die Kriegerahnen unterstützten Schlachten, die durch den Wald der Finsternis ausgelöst wurden, nicht von einer dummen, verliebten Kätzin, die eigentlich...was konnte ich überhaupt? Habi stellte sich zu mir, denn sie hatte als einzige das verräterische Zittern meiner Schnurrhaare bemerkt.
    "Hör auf damit.", befahl sie mir und sah mir dabei ungewöhnlich selbstbewusst in die Augen. Schon früher hatte die ein riesiges Selbstvertrauen bewiesen, immerhin hatte sie es mit mir aushalten müssen, aber die alte Vetrautheit war selbst nach Jahren nicht verschwunden. Ich flüsterte: "Das habe ich nicht verdient." Um uns herum war es still geworden, sogar das Heer der Streuner und Monster lauschte auf das Drama, das sie sich immer noch erhofften. Rosenwolke setzte sich neben uns. Sie seufzte. "Ich weiß." Einige Wölfe des KnochenRudels lachten uns aus, aber ich versuchte, nicht hinzuhören. Blaustern sah mich erwartungsvoll an. "Wildherz, du DARFST jetzt nicht aufgeben. Ich bitte dich. Wenn du diese Schlacht in deinem Herzen nicht gewinnst, dann hat der MondClan keine Zukunft mehr. Haben Wurzelsprung und Natternzahn das verdient?" Doch ich wimmerte nur todunglücklich. "Niemand hat mich verdient." Lichtherz sprang zu mir und redete beruhigend auf mich ein, doch ich schrie so laut, dass sogar Geißel und Herzwild, seine neue Gefährtin, mit der er mich einfach so ersetzt hatte, die Augen aufrissen. "ICH HABE SOGAR DIE NAMEN MEINER EIGENEN KINDER VERGESSEN!" Die Situation drohte erneut zu eskalieren, aber diesmal nicht wegen der Mörder, denen wir früher oder später entgegentreten mussten - der Grund des Chaos lag tief in mir, so tief das mich die Liebe zu ihm zeriss.
    "Ich will das nicht mehr.", flüsterte ich und es war immer noch dermaßen still, dass auch Bingo, Fennek und Ahornschatten zuhören konnten. Irgendwie war es mir nicht unangenehm, dass meine "Feinde" alles mitbekamen, denn sie waren mir vertrauter als jede Katze des MondClans. Tiefe Bände, die selbst der Tod nicht mehr durchtrennten dürfte.
    Ich wollte tot sein.
    Und die kleine, cremefarbene Kätzin, die mir bis jetzt nicht aufgefallen war, obwohl sie es sich eigentlich direkt vor meinen Pfoten bequem gemacht hatte, sagte etwas, mit dem nicht einmal ich selbst gerechnet hatte. "Am Ende wird immer alles gut." Ich wusste nicht, was überraschender kam - dass diese unbekannte, winzige Katze redete oder dass das überhaupt jemand aussprach. Ich stöhnte, gequält von einem Schmerz, der tiefer als Knochen saß.
    Verwirrt blinzelte ich, auch der BlutClan reckte die vernarbten Schädel, um zu sehen, wer gesprochen hatte. Noch immer standen sie uns in ordentlichen Reihen gegenüber, wagten aber nicht zu attackieren, bis der Befehl zum Angriff erfolgte. Noch wollten Geißel Fennek...und Tigerstern...uns etwas weiter leiden sehen und zwar ohne, dass irgendeiner ihrer Krieger eine Kralle krümmen musste. Dieses Leid schaffte ich ganz alleine.
    "Wildherz...", erneut wagte sich Lichtherz daran, mich ruhiger zu bekommen, aber die ganzen Qualen, welche ich schon seit Jahren in mir trug, wurden mächtiger als diese gefaketen Glückshormone, mit denen der SternenClan uns aus der Scheiße holen wollte. Ich schluchzte. "Du hast doch keine Ahnung, was sie mir angetan haben!" Inzwischen schämte ich mich dafür, so die Fassung zu verlieren, während mein Clan eine starke Anführerin brauchte. Jaulend sank ich zu Boden, nur gestützt von Rosenwolke und Habichtrose.
    Genau in dem Moment, als ich dachte, es wäre das Ende, im Dreck liegend, umgeben von Freunden und trotzdem einsam, begegnete ich Geißels Blick. Ich hätte erwartet, er würde lächeln oder mich auslachen, weil er endlich gewonnen hatte, aber stattdessen senkte er traurig den Blick. Ich tat ihm leid. Ich erinnerte ihn an ihn selbst und er wollte es beenden, um mich von ihm zu erlösen.
    Zwischen uns lag so viel mehr als Liebe - was uns verband war Hass, Untreue, Schicksal und ewige Bedingungslosigkeit. In diesem Universum gab es wohl keine zwei anderen Lebewesen, die eine engere und seelischere Verbundenheit kannten. Das war schön. Und das Schrecklichste, das der Liebe jemals hätte passieren können. Diese Verbindung hatte dezent mein Leben zerstört, aber Geißel wusste genauso wie ich: Heute Nacht würde das Leiden ein Ende haben.

    Trotzdem war es ein lachender Fennek, der den Untergang einläutete. Lachtränen fielen auf das vom Regen feuchte Gras, das schon bald unser Blut für immer an die Erde übergeben würde. "Wie rührend." Seine Gefolgschaft johlte vor Begeisterung über so viel Drama und Tragödie. Die Krokodile hatten Blut geleckt.
    Ich hörte Taubenschreck knurren und sah seine schlammbedeckten Tatzen neben mir. "Taubenschreck!" Wellenpfote war wütend. "Du solltest NICHT hier sein." Sanft stieß Lichtherz der Schülerin in die Seite, die nicht vorhandenen Augenbrauen zusammengezogen. "Du bist erst in Ausbildung, Wellenpfote. Halte dich zurück." Doch Taubenschreck ging nicht auf seine Heiler-Kollegin ein, sondern legte die Stirn in Falten. "Ich bin hier, weil ich nicht will, dass du kämpfst, bevor du deinen vollständigen Namen erhältst." Empört plusterte Wellenpfote ihr Rückenfell auf. "Seit wann macht mich ein vollständiger Name zu einer besseren Kämpferin? Ich werde den SternenClan heute sowieso zurückbegleiten!" Fennek hielt inne, verärgert, weil er jetzt eigentlich hätte schon töten wollen. Aber Wellenpfote fuhr fort: "Ihr hasst mich doch sowieso alle. Nicht einmal Wildherz will meine Freundin sein und sie hat wirklich niemanden." Lichtherz und Wüstensee (Das überraschte mich ehrlich.) wollten widersprechen, aber die blaue Schülerin übertönte sie: "Haltet die Fresse. Sogar gelogen habe ich, dass ich Blauglanz' Tochter wäre. Und wisst ihr was, hm? Blauglanz selbst hat mir gesagt, ich solle es tun! Sie war die einzige, die jemals komplett hinter mir stand! Jetzt seid IHR die Opfer." Rea hatte vor mich zu verteidigen, doch Fennek war dieses Mal schneller. Da sich die dünne Wölfin direkt neben ihren Kameraden an der Front befand, hatte sie bereits im Vornherein keine Chance. Mit einem unangenehmen Ratsch schlugen die Zähne des Vaters in das Rückenmark seiner Tochter. Entsetzensschreie erfüllten die Luft, Wellenpfotes Lüge war vergessen und noch bevor Reas Körper auf die Erde traf, hatte die letzte Schlacht begonnen.
    Fast hätte ich Otin nicht gehört, so laut rauschte der Puls auf einmal in meinen Ohren. "Rea, bleib, b...bitte!" Der Wolf jammerte und klagte, dass sogar Fennek kurz den Blick von seinem Opfer abwandte. Dann war da ein gefährlicher Funken in Otins Augen. Mein bester Freund krächzte: "Du bist zu weit gegangen, Fennek." Um uns herum prallten Körper, Eisen und Krallen aufeinander, aber in all dem Wahnsinn lachte der Anführer nur. "Nenn mich Vater, Otin." Der junge Wolf wollte sich auf den Riesen stürzen, knurrte wild und ungestüm, doch Fennek rammte ihm den Kopf in den Brustkorb.
    Es war derselbe Moment, in dem die Riley des Waldes der Finsternis mich zu Boden riss. Spitze Zähne schnappten nach meiner Kehle, doch ich hatte keine Angst, sondern nur furchtbares Mitleid. Damit hatte ich noch wenig als dem plötzlichen Angriff gerechnet. Nur ging es der toten Riley leider nicht ebenso. Beim Anblick von Otin, der Fennek seine Reißzähne in die blasse Flanke schlug, verbesserte sich ihre Laune auch nicht merklich. Stattdessen schubste sie mich dummerweise gegen einen Geisterwolf, der nicht zwingend freundlichen Art war. Zumindest nahm ich das an, nachdem er mich am Schweif packte und rücklings über das Gras zerrte, was irgendjemand mit einem sehr angenehmen Gebrüll kommentierte. Es war Lynx, umgeben mit bläulichen Schleiern, die meinem Angreifer spontan das Herz aus der Lunge riss. Bitte sag, dass ich mich verhört habe und das Wort in Wirklichkeit Brustkorb lautet. Ich habe dich so vermisst, Veilchenmond. Wie geht es dir? Stirb einfach nicht. Vielleicht hatte ich den Wolf des KnochenRudels nicht mehr am Hals, denn Lynx drosch ununterbrochen auf seine Flanke ein. Dafür fand ich den Modegeschmack des SternenClans sehr zweifelhaft und außerdem war Riley noch nicht mit mir fertig. Irgendwie rettete ich mich noch zur Seite, beobachtete Knöpfchen und einen SeeRudel-Wolf sich bereits am Ende ihrer Kräfte wehren, bevor sie sich auf mich stürzen konnte. Also, Riley. Das war einer dieser Momente, in denen ich begriff, dass ich mich zu viele Feinde machte. Denn kaum war ich gerade so an der roten Kätzin vorbeigestolpert, hing ein junger BlutClan-Schüler um meinem Hals, der nicht einmal halb so groß wie ich war. Verzweifelt schüttelte ich den Kopf und prustete mir erschöpft eine Strähne aus der Sicht. "Sieh dir deine Clan-Gefährten an.", flüsterte ich, sodass mich nur er hören konnte. "Willst du das sein?" Obwohl der SternenClan ursprünglich nicht kämpfen wollte, ignorierte die sehr stylische Lynx alle Rufe nach ihr, während sie durch die Gegner fegte. Geißel kämpfte gegen Juta, Fennek und Otin lagen beide reglos in einer beunruhigenden Blutlache. Weiter kam ich nicht, da der kleine Kerl mir kräftig gegen die Kehle trat. Das tat sehr weh. Und warum war Veilchenmond zurückgekehrt? Ich brauchte sie nicht.
    Auf einmal war Lynx neben mir. "Du schaust traurig." Mit hängenden Schultern ließ ich das Kampfgeschehen um mich herum einwirken, nahm den Schüler an meinem Kopf nicht mehr wahr. Ich war nicht mehr fähig, eigenen körperlichen Schmerz zu empfinden, wenn ich mich auf all das Blutvergießen konzentrierte, diese verschwendeten Leben. Lynx sagte: "Wir sind nicht hier, um zu kämpfen." "Das weiß ich.", antwortete meine heisere, befremdliche Stimme. Sie schien nicht mehr zu mir zu gehören.
    Beruhigend strich mir Chelsey's Mutter mit dem Schweif über die Seite. "Der SternenClan ist heute hier, um dich zu belohnen." "Belohnen?", flüsterte ich. Fennek rappelte sich wieder auf, während Otin ein gequältes Stöhnen von sich gab. Ich konnte mir nicht ansehen, wie der weiße Wolf es zu Ende brachte, auch nicht, wie Juta versuchte, ihren Sohn noch rechtzeitig zu erreichen. Als der Schüler sah, was Fennek tat (er hatte sich im Gegensatz zu mir nicht schnell genug weggedreht), ließ er von mir ab und rannte schreiend davon. Einige SternenClan-Katzen verblassten vor Schreck.
    Aber Lynx blieb. "Wir wollen dich endlich erlösen." Nun bekam ich es irgendwie mit der Angst zu tun. "Ich fürchte mich, wenn du so etwas sagst. Kannst du dir auch denken wieso?" Kurz versagte mir die Sprache, so sehr kribbelte die schreckliche Vorahnung in mir. Obwohl Lynx und ich uns mitten auf der Wiese befanden, griff niemand an, weil sie zu sehr mit Morden beschäftigt waren. Ich traute mich nicht, das blutrünstige Geschehen um mich herum näher zu beachten, also starrte ich auf meine Pfoten. Blaustern erschien hinter mir. "Es ist Zeit. Wir brauchen dich jetzt an einem anderen Ort, Wildherz."
    Als ich den Blick wieder hob, stürmte Geißel mit tränenverschleiertem Ausdruck auf mich zu. Seine Schritte waren schwerfälliger und sein Schweif schleifte kraftlos über den Boden. Aber nicht, weil er bereits so erschöpft wäre. Wie immer war er so gut wie unversehrt, nur sein Maul und seine eigenen Klauen blutdurchtränkt. Ich schluckte, betete, dass ich diese rote Flüssigkeit an ihm nicht näher kannte. Allmählich wurde mir klar, worauf Blaustern und Lynx hinaus waren. Aber ich war einfach noch nicht bereit, denn ich hatte mir so gewünscht, nach der Zerstörung des BlutClans ein glückliches und friedliches Leben führen zu dürfen. Das hier war nicht länger gerecht, war es noch nie gewesen. Ich schrie:: "NOCH NICHT!" Jaulend machte ich auf der Stelle kehrt, um ins Territorium des MondClans zu fliehen. Und sobald Geißel mein Entsetzen bemerkte...blieb er stehen. Ich sah es ihm an, dass er eigentlich weiter wollte, aber bei dem Bild, wie ich mit weit aufgerissenen Augen panisch vor ihm zurückwich, fiel er beinahe über Juta, die blicklos in den verregneten Himmel starrte. Deshalb hatte ich gedacht, er würde mir nicht mehr weh tun wollen. Ich hatte kurz geglaubt, er würde mich verschonen.
    Doch stattdessen schlug er seine messerscharfen Krallen in Jutas totes Auge. Blut spritzte. Mini schrie, welche sich direkt in der Nähe befand, sodass sich ihr schneeweißes, reines Fell rot färbte. Fennek lachte und die Wolfsmeute brüllte uns enthusiastisch ihren Beifall entgegen.
    Es war das Szenario eines Alptraums, nur dass Geißel zum ersten Mal nicht lachte, während er einem anderen Körper derartigen Schaden zufügte.
    Er grinste noch nicht einmal, aber sein Blick lag kalt und verletzt auf mir. Juta war tot, er wollte mir nur eins auswischen.
    Doch die Situation und die ständige Angst, dass es nun jeden Moment passieren könnte, brachten etwas in mir hervor, das sich verzweifelter Überlebenswille nannte. Alleine begleitet von meinem eigenen stummen Entsetzen, dass ich das jetzt wirklich fertig brachte, und dem meiner Mitkämpfer floh ich.
    Wenn ich mich umgedreht hätte, wäre mir vielleicht noch aufgefallen, wie die SternenClan-Katzen nach meinem offiziellen Aufgeben und dem größten Verrat, den je eine Anführerin vollbracht hatte, wie traurige Glühwürmchen erloschen. Die einzigen Verstorbenen auf dem Schlachtfeld waren jetzt die Finsterwald-Toten und ich hatte meinen Clan mit ihnen alleine zurückgelassen.
    Nur Lichtherz rannte mir quietschend hinterher. "Wildherz, du musst zurückkommen! Ich flehe dich an, bitte!" Noch nie hatte mich eine Freundin jagen müssen, so etwas behielt sich normalerweise nur mein Gefährte vor. Aber die Scham beschleunigte das Tempo, mit dem ich über Moos, Äste und sogar Büsche meines Clans hinwegsetzte. Und die Angst, den Krieg gegen meine Dämonen endgültig zu verlieren, das von Lichtherz. Für eine Heiler-Katze war sie faszinierend schnell, sodass ich keinen anderen Ausweg fand als mich in einen Geparden zu verwandeln. Es klappte sogar. Einzig alleine das rot-schwarz gestreifte Fell und die lila Augen zeugten von meiner Panik, die einfach keine Konzentration mehr zuließ. Wenn ich mich nicht irrte, wechselte die Farbe meiner Pfoten sekündlich.
    Erst, als ich Lichtherz hinter mir nicht mehr hören konnte, erlaubte ich es meinem geschundenen Körper keuchend zu Boden zu sinken. Da es Nacht war, hörte ich kein Vogelgezwitscher, dafür das Zirpen von Grillen wie damals beim LibellenClan. Da hatte das Unglück begonnen wegen Vogelstern und Schwarzsturm. Sicher kämpfte der schwarze Kater in diesem Moment mit Laubrache gegen meine Freunde. Wenigstens hatten sie einander - Ich dagegen war alleine und vollkommen ausgeliefert, sollte ich nicht schnell ein gutes Versteck finden. Zum Zurückverwandeln fehlte mir die Kraft. Eine spannende Kraft, die mir in alle Glieder fuhr, als ich einen Schrei der nackten Angst vernahm. Das war nicht länger kätzlich.
    Mit klopfendem Herzen und einem brennenden Stechen hinter meinem Ohr, wo der Schüler grob zugepackt hatte, machte ich mich vor Schreck unsichtbar. Ich hatte noch nicht einmal gewusst, dass ich das konnte, doch sobald mein Pelz den Wald um mich herum durchscheinen ließ, gelang es mir, wieder zur Katze zu werden.
    Auch wenn diese Fähigkeit praktisch war, fühlte es sich nicht fair an, sie zu nutzen. Zum ersten Mal, seitdem ich die Wiese verlassen hatte, wünschte ich mir, Lichtherz unversehrt und in meiner Nähe zu sehen.
    Wimmernd und mit einer klaffenden Wunde an den schlanken Schultern, die nur Kräuter tragen mussten, stolperte sie knapp an meinem zitternden Schweif vorbei. Geißel folgte ihr betont langsam; er wusste, sie war geschwächt, Lichtherz würde nirgendwo mehr hinrennen. Dummerweise kippte er über mich drüber, weil ich immer noch am Boden kauerte. Erschrocken schnappte er nach Luft. Auch Lichtherz hätte ich verwundert aufleuchten und sich umdrehen.
    Geißel senkte langsam den Kopf. "Ich weiß, dass du hier bist. Warum hörst du nicht einfach auf und erweist dir selbst einen...Gefallen?" Auch wenn er mich nicht sehen konnte, vergrub ich das Gesicht in meinen machtlosen Pfoten. Ich flüsterte: "Bitte tu ihr nicht weh." Bei meinen Worten bewegten sich seine Ohren vorsichtig hin und her, um zu orten, wo ich mich im Moment genau befand. Lichtherz stand einen Meter weiter entfernt und schrie fast: "Lass sie in Ruhe, Geißel. Wenn du Rache willst, nimm sie an mir." Weil es jetzt nicht mehr um mich, sondern die ehemalige DonnerClan-Katze ging, die er schon seit dem Krieg mit den echten Clans kannte, lachte er, machte er einen Fehler. Er drehte sich zu Lichtherz, in genau dem Augenblick, in dem ich beschloss, dass ich sowieso nichts mehr zu verlieren hatte. Wenn ich zum MondClan zurückkehrte, hatten sie keine andere Wahl, als mich zu verbannen. Wagte ich es, ein Leben als einsame Streunerin zu fristen, wäre ich nie in Sicherheit vor dem BlutClan oder Fenneks Anhängern. Wer wusste schon, ob der Wald der Finsternis nach dieser Schlacht überhaupt zurück in den Hauptwald der lebenden Schatten kam? Wenigstens einmal hätte ich noch Würde zu beweisen und es war mir eine Ehre, mein Leben für das von einer guten Freundin zu geben. Also stieß ich Geißel in der Drehung seine Hinterbeine weg, sodass der große Kater mit einem Laut der Verwunderung zu Boden fiel.
    Leider war er wieder sehr schnell auf den Beinen, um seinen Frust an Lichtherz auszulassen. Die schöne Kätzin wollte zur Seite springen, aber Geißel packte sie am bereits verletztem Nackenfelk und kratzte ihr den Hinterkopf blutig. Ein weiterer, animalische Schrei erschütterte mein Blut, allerdings war er nicht von Lichtherz, die die Schmerzen stumm ertrug.
    Ein gruseliger Zombie-Schäferhund mit Wüstensee-Komplex stürzte sich auf den Anführer der Mörder, welcher von Lichtherz abließ. Ich dagegen hatte mich immer noch nicht von der Stelle gerührt, betete, dass es gleich vorbei war.
    Sol grinste Geißel an. "Wusstest du, dass Wüstensee und Lichtherz sehr eng befreundet sind? Jedenfalls werde ich keinen Kater und erst recht nicht Wellenpfote an sie ranlassen, wenn unsere Babys die Grenze überschreiten." Wachsam beobachtete Geißel den Platz, an dem er mich vermutete. Ich schnurrte. Falsche Richtung.

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    Allerdings fand Geißel dies nicht so lustig. Vielleicht rührte er sich nicht, senkte nur etwas mehr den Kopf und verkrampfte seine Schulterblätter, aber er versuchte nicht im Mindesten an Sol vorbeizukommen. Ein gefährliches Zucken wurde an seinen Mundwinkeln sichtbar. "Sie ist tot." Sol lachte krächzig. "Was?" "Ihr alle." Er genoss diesen Moment so richtig, immerhin konnte er seine Rache bereits schmecken. Gierig fuhr er sich über die Lippen, leckte das Blut, das aus seiner Zunge trat, nachdem er sich aus Versehen wohl selbst gebissen hatte. Vermutlich trug ich die Schuld, so wie ich übereilt losgehastet war. Dann fügte er hinzu: "Aber Wüstensee war eine der Ersten." Entsetzen spiegelte sich in den Hundeaugen. "Sag mir, dass er lügt, Lichtherz." Doch die MondClan-Katze starrte einfach nur den komischen, vermodert riechenden Schäferhund an, den sie noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. Vielleicht sagte sie: "Ich glaube, mir ist schlecht." So genau wussten wir das nicht, weil Sol sich im darauffolgenden Augenblick auf Geißel stürzte, der ironischerweise denselben Trick anwandte, der schon Tigerstern ins Grab gebracht hatte. Trotzdem war es eines der unschönsten Ereignisse meines Lebens, diese Verstümmelung persönlich mitbekommen zu müssen. Ich erinnerte mich noch an das kalte Grauen, als der Bauch widerstandslos alle seine Eingeweide preisgab, hoffte noch dummerweise, dass Sol vielleicht überlebte. Dabei war er schon verstorben. Zum ersten Mal an diesem Tag sah ich den Hauch eines verwegenen Lächelns an unserem Peiniger. Geißel witterte konzentriert, um ganz sicher gehen zu können, dass ich mich noch in Reichweite seiner in der Luft nahezu spürbaren Macht befand. Dann erzählte er ruhig: "Ich dachte, der Fehler läge an mir. Ein Psycho bin ich, nichts weiter als der größte Fehler meines und deines Lebens. Ich habe angefangen zu denken, ich bin der Grund für deine Depressionen, dass ich dich nur aus der Schusslinie bringen kann, wenn ich dafür sorge, dass mir nicht nur deine Seele, sondern auch dein Körper gehört." Während er das sagte, näherte er sich der verzweifelt wimmernden Lichtherz, ein verschlagener Ausdruck auf seinem Gesicht. "Ich brauche dieses ständige negative Denken nicht mehr, aber ich habe es trotzdem geschafft. Du musst kein schönes Halsband tragen, um alleine mir zu gehören. Was ist dein Fell noch wert, wenn ich deinen Verstand haben kann?" Lichtherz schrie: "HILFE! LASST MICH NICHT ALLEINE!" Doch wir waren zu weit von der Wiese entfernt als dass uns jemand außer dem nun hilflosen Geist Sols hörte. Er sprach mit mir: "Du hättest es mir sagen sollen. Ich hätte der erste sein müssen, der es erfährt, bevor uns der SternenClan für immer trennt." "Lasst mich in Ruhe!", schluchzte ich hemmungslos, die Pfoten heftig auf beide Ohren gepresst. "Ich ertrage das nicht mehr...ich wollte tot sein und ich will es immer noch! Der SternenClan hat kein Recht, mich schon wieder alleine zu lassen."
    "Da hast du absolut recht.", säuselte er. Der Gedanke an Erlösung war Verführung, die ich mir mehr ersehnte als alles andere Glück unter diesem Mond heute Nacht. "Lass mich derjenige sein, der sein Eigentum anständig entsorgt." Ich werde nie wieder Lichtherz' blutgefrierendes Gurgeln vergessen, als sich seine spitzen Zähne direkt in die Stelle unter ihrer Kehle gruben. Es war neben der Hauptschlagader, sodass meine Freundin vorerst bei Bewusstsein blieb, verängstigt in der Luft strampelte, unfähig wie alle anderen, unseren Krieg zu beenden.
    Es war dieser erschütternde Anblick, der mich endgültig zusammenbrechen ließ. Mein Pelz nahm wieder schwarze Farbe an, schimmerte im Mondlicht wie der heilige Mondstein, den ich zu selten besucht hatte. Geißel sah mich, aber schüttelte sich nur rebellisch eine Strähne aus der Sicht, ohne von Lichtherz abzulassen. Veilchenmond beschwor mich: "Renn." War es Meerschweichen, die sich zusätzlich noch einmischte? "Bitte, Wildherz, wie wünschen dir einen Siegestod, nicht so etwas." Sonnenstern flüsterte: "Lass sie sterben, Schönste." Die Toten wussten von einem Schicksal, das in diesem Augenblick noch nicht meines war und nur noch von einer einzigen Entscheidung abhing. Aber was war ich noch, wenn ich schlussendlich selbst meine Werte verlor? Mit einem gehetzten Schnauben sprang ich auf, bevor er zu mir kam. Stattdessen lächelte er zufrieden, denn ich würde nirgendwo mehr hingehen. In all der Aufregung war mir auch das Seil nicht aufgefallen, dass schlanmmvekrustet zwischen uns in der Mitte lag. Seine Schweifspitze und seine Ohren zuckten erwartungsvoll. Dann biss er fester zu, was ich nur an den qequälten Schreien meiner treuen Freundin merkte.
    Eigentlich wusste ich ja, dass er safe irgendwelche Tricks drauf hatte, mit denen ich binnen Sekunden wehrlos sein müsste. Aber noch wollte er unser Spiel zu Ende spielen, das verstand ich. Das war der Preis, der mir Lichtherz‘ Leben wert war.
    Winselnd rannte ich auf ihn zu und wollte ihn von der Seite rammen, da ich ihre Zuckungen nicht länger aushielt, aber Geißel stieß mir seine Hinterpfote in den Bauch, sodass ich stolperte. Nach meinem Aufprall blieb ich reglos liegen, hörte noch, wie Lichtherz keuchend die Flucht ergriff, nachdem er von ihr abgelassen hatte.
    Mit einem Schaudern dachte ich an das Seil zurück und traute mich immer noch nicht, ihn anzusehen. Theoretisch hätte ich auch wegrennen können, aber er stand direkt über mir und ich konnte die Anwesenheit von bevorstehenden Leiden bereits spüren. Vorsichtig schloss sich sein Gebiss um meinen Nacken. "Es wird langsam sein.", nuschelte er unverständlich. "Ich möchte, dass heute keiner mehr als du leidet." Ich wimmerte, doch zum Kämpfen fehlte mir schon seit langem die Kraft. Als ich nur ein bisschen den Schweif bewegte, presste er seine Krallen unter meine Kehle. Er flüsterte: "Spürst du das? Das war einmal unsere achso unsterbliche Liebe. Ich bin sicher, der SternenClan steht hinter mir, wenn du heute für jeden einzelnen vergossenen Tropfen unschuldigen Blutes zahlen wirst."
    Ich hörte weitere Pfotenschritte, bis Laubrache, Schwarzsturm und zwischen ihnen gefesselt Nesselstreif neben uns standen. Die neue Anführerin des MondClans jaulte vor Entsetzen. "Nehmt mein Leben!", keuchte sie. "Was soll ich ihnen sagen, was geschehen ist, wenn sie stirbt? Sie werden ALLE zerbrechen!" Schwarzsturm lachte hämisch. "Darum geht es, du Lespe. Kein Kater ist gut genug, deshalb reibst du uns Kätzinnen-Romanzen unter die Nase. Und einer muss heute Zeuge sein, damit wir ganz sicher gehen, dass Wildherz nie wieder zurückkommt." Nur Laubraches Schnurrhaare zitterten verräterisch. "Ich will das nicht mehr, Bro. Ich habe sie vergewaltigt und danach konnte ich die nächsten drei Jahre nicht mehr ruhig schlafen. Hast du eine Ahnung, was ich jedes Mal gesehen habe, sobald ich angefangen habe zu träumen? Gar nichts. Nur immer wieder dieses stumme Wimmern. Ich will das nicht mehr. Sie muss gleich sterben. Töte sie, Schwarzsturm." Doch Geißel registrierte seine Einwände nicht einmal. "Gib mir den Strick, Schwarzsturm."

    Drahtgewebe schnitt mir in die Kehle oberhalb Geißels Pfote, sodass ich ein Schnauben nicht unterdrücken konnte. Schwarzsturm schlug mir ins Gesicht, während Laubrache schon fast traumatisiert zurückwich. Beinahe wäre er in Nesselstreif gestolpert, die mir hilflos die Tatze entgegenstreckte. "Mein Leben gegen ihres." Schwarzsturm haute ihr mit dem Schweif auf die Nase, was sie schmerzerfüllt das Gesicht verziehen ließ. "Das macht aber nicht so viel Spaß." Ich röchelte, schlug schlaff nach Geißels Hals, aber er riss den Strick daraufhin nur noch weiter nach oben. Zu meinem größten Pech johlte ein schwarzer Wolf, der heimlich dazugekommen war: "Wenn wir sie an einen Ast binden, kann sie nicht mehr ausweichen!"
    Schwarzsturm nickte und kurz darauf fand ich mich in einer noch elenderen Lage wieder - Die Schlinge fast um meinen Hals am Ast der Tanne über mir befestigt. Bei jedem Schritt zerrte der Strick wie ein Würgehalsband an meiner drangsalieren Luftröhre, doch Schwarzsturm und der Wind waren zu sehr beschäftigt, mich zwischen ihnen hin und herzustoßen. Nur Laubrache wandte sich an Geißel, der teilnahmslos daneben hockte, den Schweif ordentlich um die blutigen Pfoten gelegt.

    Zum ersten Mal ließ Laubrache gegenüber anderen Panik aufblitzen, als er keuchte: "Der SternenClan wird uns dafür bestrafen und dieses Biest uns für den Rest unserer Tage in Träumen heimsuchen! Das ist es nicht wert." Einen Moment lang schien Geißel zu überlegen, dann nickte er bestimmt. Sofort stoppten der Wolf und Schwarzsturm ihr Geschubse, doch ich torkelte weiterhin unbeholfen im Kreis. Der Strick um meinen Hals machte mir Angst, sodass ich nicht mehr rational denken konnte. Eine unsichtbare Pfote legte sich gleichzeitig auf meine Schulter. "Du hast das nicht verdient. Verzeih ihnen, Wildherz. Die Loser wissen es nicht besser." Auch ohne den vertrauten Geruch wusste ich, wer gesprochen hatte, während meine Entführer die Situation (also mich - immer noch stolpernd) entspannt beobachteten. Auch wenn es mir das Herz zerriss. "Geh, Sonnenstern, denn du bist nicht mehr Teil von meinem Leben.", wies ich den Toten zaghaft zurecht. Ich hörte ihn noch flüstern: "Das da ist kein Leben mehr, Gelbzahn. Es ist eine unnötige Quälerei, die der SternenClan schon vor Jahren hätte stoppen müssen."

    Geißel, der die Situation schon zu genießen schien, schritt genüsslich zu mir herüber und packte das Seil mit der Pfote. Trotz meines lautstarken Protestes, kümmerte er sich weder um das Fauchen noch Nesselstreifs warnendes Knurren. Die Kätzin zischte: "Rühr sie nicht an, du Psycho!" Schwarzsturm lachte gellend, gab Nesselstreif einen groben Schubs, der sie neben mich beförderte.

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    "Du wirst leiden...und zwar genauso wie ich, weil du mich verraten hast..." Obwohl es hier um mein Leben und die gesamte Zukunft meines Clans ging, war ich einfach zu kraftlos, um mich in irgendeiner Weise zur Wehr zu setzen. Wüstensee und Lynx hätten so etwas viel besser gekonnt...was machten sie sich überhaupt vor? Ich war nutzlos für den Clan, mit dem Tod konnte er mir keine Angst mehr machen. Es war nämlich das Leben, das mich das Fürchten gelehrt hatte, nicht er oder Vogelstern oder Laubrache, der zaghaft zwei Schritte auf uns zu machte. Nesselstreif ruckte drohend mit dem Kopf, doch Geißel fasste mir trotzdem unters Kinn, die Augenlider halb geschlossen, genauso wie ich. Fast eine Art...Trance. Die alte Vertrautheit, eine Seelenverwandtschaft, welche uns hatte furchtbare Dinge machen lassen, hinderte uns an der endgültigen Trennung unserer Wege. Vielleicht konnte ich ihn dennoch überreden. "Töte mich." Gedankenverloren blinzelte er mich an. "Ich kann dich nicht verlieren, sogar, wenn ich dich hasse." Ich schluckte gequält. "Du musst mich nicht hassen.", quiekte ich. Nesselstreif fauchte aufgeregt, als er eine ruckartige Bewegung in Richtung seines Halses machte und ich...ich schrie auf vor Angst. Geißel hielt inne, auch die Brüder und der fremde Wolf waren gespannt, was nun geschah. Dann lächelte Geißel. "Warum fürchtest du dich?" Dieser innere Schmerz, eine Zerrissenheit, die die Welt der Geschichten zusammenhielt, war so unerträglich, dass ich mich körperlich trotz meines Strickes wandt. "Ich...Ich will dich nicht sterben sehen. Ob du es glaubst oder nicht, DAS ist das schrecklichste, das du mir antun kannst." Grüblerisch neigte der Kater seinen Kopf. "Nicht einmal der Tod könnte uns trennen, weißt du?" "Aber ich." Fassungslos blickten wir uns um, aber weder Gut noch Böse konnte im entscheidenden Augenblick sagen, woher diese rauchige, bekannte Stimme hergekommen war.
    Bis die riesige, rot-schwarz-weiße Katze aus dem Schatten trat.
    Entsetzt rissen unsere Gegner die Augen auf, während Nesselstreif nervös an ihren Pfoten knabberte. Erst jetzt fiel mir ein, dass sie sich SternenClan sei Dank noch nie begegnet waren, sodass es keinen Grund zur Panik für sie gab. Nesselstreif knurrte: "Wer ist das..."
    Die Kätzin lachte und entblößte dabei gewaltige Zähne. "Meine Schätzchen...Bonny ist wieder da."
    Etwas Weiteres brauchte der panische Wolf nicht, um verängstigt jaulend tief in die Wälder zu fliehen. Doch Bonny lächelte nur, den Blick fest auf mich gerichtet. Vielleicht hatte ich da schon gewusst, dass es fast zu Ende war, da, während die vertraute Katze sich selbst Geißel gegenüber stellte. "Gehe jetzt.", forderte sie ihn und seine Freunde unmissverständlich auf. Doch Geißel lachte nur. "Vergiss es, Bonny! Dieses Spielzeug gehört dir nicht mehr." Laubrache flehte sie an: "Erlöse sie, bitte. Dieser Alptraum muss HEUTE enden." Empört plustert sich sein Bruder auf. "Du bist nicht mehr mit mir verwandt, dass das klar ist, du pelziger Feigling."
    Bonny fuhr sich genießerisch über die Pfote, keine Ahnung, wessen Eingeweide da schon wieder dran waren. Dann fuhr sie fort: "Erinnerst du dich an unser erstes Treffen, Bloody?" "Du...Du bist tot." "Falsch. Ich habe Freunde besucht, sodass ich nun noch mehr über uns beide weiß als dein eigener Lover."
    "Sie gehört mir.", fauchte Geißel, ohne auf die eindeutige Provokation zu achten. Mit einem schnellen Ruck riss er sein Halsband hinab und obwohl ich noch zurückwich, schmückte es bereits meinen Hals. Abermals versuchte Nesselstreif mich zu verteidigen: "LASST SIE GEHEN!"
    Bonny kümmerte sich weder um sie noch den Anführer des BlutClans. "Erkennst du mich vielleicht wieder?"
    Auf einmal schrumpfte sie, das Fell wurde seidiger und kürzer, die Ohren runder...bis Rosenjunges vor uns saß. "Aber ich kann auch anderes." Wieder veränderte sich ihre Körperform grotesk. Habichtrose stand vor uns, dann Lynx, kurz darauf Riley.
    "Ich war immer da. Obwohl ich selbst nicht immer genau wusste, wieso oder wer ich in Wirklichkeit war." Das Entsetzen wurde zu Schwindel, während ich mich verzweifelt bemühte mich an irgendetwas Vertrautes zu klammern, das nicht irgendwie mit Bonny zusammenhing. Laubrache krächzte: "Bonny, ...Du wurdest von ihr GETÖTET." Bonny lächelte freundlich und peitschte vor Aufregung mit dem Schweif um sich. "Ich musste sie testen...tut mir leid, gute Freundin. Aber es war nötig, damit du Karmapunkte für die Welt der Geschichten sammelst. Weißt du noch, du wolltest dein Leben für die Nachwelt festhalten, sodass niemals wieder jemand so viel Schmerz wie du empfinden muss." Es gab nur eine einzige Katze, der ich das verraten haben könnte. Plötzlich stand Veilchenmond vor mir, nein, die Katze, die schon immer sowohl Habi, Veilchenmond, Lynx, Riley als auch Rosenjunges gewesen war. Bonny schüttelte den Kopf. "Vielleicht kennst du mich auch noch als Rose? Deine ältere, verblödete Schwester." Das Atmen fiel mir auf einmal grausam schwer und als ich mich umblickte, stellte ich geschockt fest, dass sie alle außer uns verschwunden waren. "Du...", flüsterte ich traumatisiert. "Das warst alles...du." "Los, los, Kätzchen.", feuerte sie mich begeistert an. " Warum sollte ich so etwas tun? Du bist klug, du weißt das sicher. Immerhin bist du...wie Ich." Ich schluckte, denn ich ahnte es tatsächlich. "Wenn ich meine Geschichte mit so viel Emotion und Leid und Liebe aufschreibe...Das könnte die Welt der Literatur vor dem Untergang retten. Die Menschen würden sich bei so viel Tiefe wieder für die Geschichten interessieren, nicht mehr für ihre Handys. Aber Bonny...was meinst du damit: Ich bin wie du?" "Haha fail.", lachte sie. Dabei lehnte sie sich leicht nach vorne, um mir noch tiefer in die weit aufgerissenen Augen sehen zu können. "Manchen Gestaltwandlern passiert es unterbewusst, dass sie auch zu anderen Persönlichkeiten werden..." Ich erstarrte. Bonny sagte ungerührt von meiner Angst, die so deutlich wurde, dass wir sie beide bereits schmecken konnten: "Du kennst Laubrache, Wurzel und Sandsturm, die Katze aus den Original-Büchern." Auch ohne dass Bonny weiterredete, wusste ich es. "Das bin auch ich.", flüsterte meine Stimme entsetzt und ich glotzte blicklos in die leere Luft. Tröstend tätschelte sie mir meine Schulter. "Ich habe deine...Freunde?...zurück zur Wiese gebeamt. Schwarzsturm wird gleich hier sein. Ich denke, Vogelstern und er wollen dich eventuell töten." Kläglich jaulte ich auf. "Alles ist besser als das Leben!" Ich war meine ganze Lebensgeschichte über vier Persönlichkeiten gewesen, so etwas war nicht leicht zu verkraften. Wie hatte ich so etwas Schwerwiegendes nur nicht mitbekommen können? Und noch dazu die ganze Zeit überwacht von Ahornschattens Schwester...Bonny.
    Wenn ich wachsamer gewesen wäre, hätte ich den wild kreischenden Vogelstern vielleicht früher bemerkt. Wahnsinnig nach Rache stürzte sich der rote Kater auf mich, ohne dass ich eine Möglichkeit gehabt hätte, ihm auszuweichen.
    Bonny schnitt mit ihren Krallen das Seil durch.
    Trotzdem wäre es zu spät gewesen, wenn mich nicht genau in dem Moment die Zähne Sonnensterns getötet hätten, der aus dem Himmel gekommen war, um mich vor einem grausameren Tod zu retten.

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    Wenn man mich später fragte, was ich in diesem kurzen Herzschlag gefühlt hatte, war es weder Schmerz noch Angst. Was wirklich in mir vorgegangen war, konnte ich nicht sagen...außer, dass es mit Frieden zu tun hatte. Glück. Angekommen sein. Seltsame Gefühle nach so einer langen Reise voller Selbstmitleid und Einsamkeit, doch es lag nun nicht mehr an mir, das vergangene Leben zu beurteilen. Sollten das doch die Leser tun, denn für niemand anderen war all dieses Entsetzen schließlich gedacht.
    Irgendwie fürchtete ich mich davor. Die Augen zu öffnen, meinte ich, immerhin gäbe es dann keine Möglichkeit mehr der Realität zu entkommen und ich müsste mir eingestehen, dass es vorbei war.
    "Bitte mach die Augen auf, Wildherz. Hier brauchst du dich nicht mehr zu verstecken...es ist vorbei." Leise wimmernd blinzelte ich in das sanfte Leuchten des Frostwaldes - genauso wie in das Funkeln Meerschweinchens. Ich konnte nicht anders als zu zittern bei ihrem Anblick, aber leider nicht wie erwartet aus Freude. Ich krächzte hilflos wie eine Schülerin: "Hast du es gewusst?" Man merkte, dass sie es unterdrücken wollte, aber so viel Emotion konnte kein Toter verleugnen. Die Kätzin seufzte. "Rauchvogel war die erste, die es herausgefunden hat. Bonny hat mit ihr geredet, kurze Zeit, bevor sie dich zurück in den Wald brachte." Ich schluckte. "Damals hätte ich gedacht, es war Schwarzstern. Das war aber niemand vom SchattenClan. Bonny hat nur ihre Gestalt verändern müssen, um mich zu täuschen. Mein Leben war ein Haufen Dreck, damit sich die Leser dieser Geschichte über ein wenig Entertainment freuen können." Vorsichtig schüttelte Meerschweinchen den Kopf und setzte sich in Bewegung. "Damit bist du nicht alleine, Hübsche. Jede Romanfigur hat gefälligst ihr Leben für die Leser zu geben. Aber das ist keine schlechte Aufgabe, auch wenn wir selbst nicht viel von den positiven Auswirkungen mitbekommen." Ich fragte: "Welche? Wo gehst du hin, Meeri? Darf ich dich so nennen?" Seltsamerweise kam mir der Pfad, dem die zu früh verstorbene Kriegerin folgte, sehr bekannt vor. Bis wir vor einem allzu vertrautem Spiegel standen, mit dem alles nur noch schlimmer geworden war.
    Bei meinem verdutzten Gesicht musste Meeri lachen. "Erinnerst du dich, als du den LibellenClan zurückgelassen hast? Hättest du es wirklich anders gemacht?" Zuerst wollte ich so etwas schreien wie: MEIN LEBEN BESSER GELEBT, EIN GLÜCKLICHES ENDE MIT FREUNDEN GEHABT UND ZWAR FREI VON MORD, VERRAT UND UNTERDRÜCKUNG? Hm, eig schon. Aber ich antwortete etwas anderes: "Nein." Ich war verwirrt wegen mir selbst, doch Meeri gab mir nicht die Zeit philosophieren anzufangen. Stattdessen meldete sie sich flink wieder zu Wort: "Folge mir unauffällig!" Mega auffällig sprangen wir durch den verfluchten Spiegel des Frostwaldes...in eine andere Zeit.
    Meeri zeigte mir den Ort, an dem Rauchvogel mich zur Katze gemacht hatte. "Dank dir werden die Leser von Hoffnung erfahren." Abrupt wechselte die Szene (Spooky SternenClan-Magic), bis wir beim ersten Aufeinandertreffen mit Vogelstern und dem LibellenClan ankamen. " Ich denke, dass wenn die Leser hier angekommen sind, sie verstehen werden, dass Veränderung in der Perspektive beginnt." Zuerst wollte ich widersprechen, aber dann fand ich doch, dass es Sinn machte. Aus der Sicht einer kleinen Streunerin war das Leben in der Natur anders als mächtiger Mensch, der alles niedertrampeln konnte, wenn er nur wollte.
    Also führte mich Meeri zu Sonnensterns und meiner Trennung. "Manchmal ist der Preis für schöne Momente zu hoch, um ihn zu bezahlen. Entscheidungen zeigen, wer wir in unserem Herzen WIRKLICH sind." Meeri wollte weiter, doch ich hielt sie vorsichtig mit der Pfote zurück. Das, was ich sagen wollte, konnte und durfte nicht länger warten. "Meeri?", sprach ich sie zögerlich an. Meeri lächelte, also redete ich mit zuckender Nase weiter. "Du brauchst mir keine weiteren Momente zeigen. Ich habe es...verstanden. Ich verspreche dir, die Geschichte über mein Leben aufzuschreiben und sie...keine Ahnung...irgendwo hochzuladen. Klingt www.testedich.de gut? Oder doch ein Buch? Aber ich habe eine einzige Bitte...Wenn Geißel stirbt, möchte ich zu ihm. Und zwar in den Wald der Finsternis." Verwundert schüttelte Meeri den Kopf. "Oh Wildherz, du musst da wirklich nicht hin. Wir wissen, dass du denkst, du verdienst es nicht hier zu sein, aber du hast ein völlig falsches Bild von dir selbst! Du musst nicht in die Hölle." Langsam blickte ich mich in dieser paradiesischen, magischen Welt um. Dann: "Geißel und mich haben immer Sachen wie soziale Schichten oder anderes Umfeld getrennt. Das gibt es nach dem Tod nicht. Und es ist mir egal, wenn ich dafür in der Hölle lebe!" Ich lachte, weil es mir tatsächlich total gleichgültig war, solange ich ihn nur an meiner Seite haben durfte. Meeri lächelte. Und nickte.

    Viele Jahre später öffnete Geißel nach einem besonders zielgerichteten Schlag wieder die Augen. Allerdings war da nicht mehr Nesselstreif, gegen die er bei dem neuesten Grenzkonflikt so erbittert gekämpft hatte, sondern dunkelroter Nebel, der ihn wie ein feuriger Schleier umgab. Überrascht senkte er den Blick auf seine Pfoten, um festzustellen, das Blut aus einer nicht überlebbaren, tiefen Wunde am Hals tropfte. Derselbe innere Schmerz überkam ihn wie damals, als er Wildherz verdreht am Boden hatte liegen sehen. Die blauen Augen noch weit aufgerissen, den Strick um den wunden Hals. Im Sprung, wahrscheinlich war sie noch vor jemandem weggerannt.
    Eigentlich hatte er gedacht, er würde sich befreit fühlen, sobald sie fort war. Immerhin würde sie niemals irgendjemandem von dem Kuss erzählen oder dass er sie entführt hatte, um sie zu beschützen. Doch stattdessen weinte er, als hätte ihm der SternenClan das Herz herausgerissen.
    Sie hatten ihm Wildherz endgültig genommen...er würde sie nie wieder sehen. Bingo war irgendwann gekommen und hatte ihn ausgelacht, aber als er bemerkt hatte, dass er trotzdem nicht aufhörte, war er verstummt und weggegangen. Niemand wagte es seitdem mehr ihren Namen in seiner Anwesenheit auszusprechen. Im Gegensatz zum MondClan. Noch Monde nach ihrem letzten Fall hörten sie die Katzen für sie trauern und er hoffte, dass sie es auch hörte, damit sie wusste, dass sie ihr verziehen hatten.
    Zuerst hatte er noch ZUM STERNENCLAN (!) gebetet, dass er sie in seinen Träumen wiedersehen durfte, dass er es alles bereute, doch...sie war niemals wieder zurückgekehrt.
    Geißel zuckte mit den Ohren, während die leisen Geräusche der Hölle zu ihm drangen.
    "Hallo." Er hob den Kopf und lächelte, weil er geglaubt hatte, diese Stumme niemals wieder hören zu dürfen. Es war nicht alles gut - aber es war besser.

    Wenn ich nicht so beschäftigt gewesen wäre, all das mit einem gewissen Kater nachzuholen, was wir verpasst hatten, hätte ich vielleicht das Seitenrascheln gehört, als das Mädchen mir der hässlichen Brille mein Buch durchblätterte. Oder das aufgeregte Keuchen des beliebtesten Jungen der Klasse, der heimlich Warrior Cats-Fanfiction auf www.testedich.de las, seitdem er durch Zufall auf "Wildherz" gestoßen war.
    Mein ganzes Leben war gewesen, um dich für die Welt der Geschichten zu begeistern. Du rettest sie, indem du das gerade liest.
    Danke. Denn dann hat es sich gelohnt.

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