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Die Erbin

Geschichte für den Fantasy Schreibwettbewerb von 🌜❤️👍🏻 (𝕷𝖚𝖓𝖆 𝕷𝖔𝖛𝖊𝖌𝖔𝖔𝖉) für August. Thema: Dunkelheit vs. Helligkeit (Licht)

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    Der Tag, als die Erbin zum ersten Mal die Morgenvilla betrat, war windig, von dunklen Gewitterwolken verhangen und unheilvoll. Über dem gotischen Dachfirst brauten sich grässliche Schleier zusammen und verhangen die steinernen Gargoylen wie junge Bräute an ihrem Hochzeitstag. Das Eingangsportal der Nummer 13 öffnete sich stets nur für geladene Gäste und für die Erbin, wann immer sie ein und ausging. Dies kam nicht oft vor, denn die meiste Zeit geisterte sie durch die hohen Säle und grün-oder rot vertäfelten Zimmerchen unter dem Dachfirst, bestaunte die Sammlungen aus aller Herren Länder und aller Uhren Zeit, die goldenen Samurai-Schwerter, die kristallenen, schwarzen Kronenleuchter, die Porträts in der Eingangshalle, die alle Erben und Erbinnen zeigten, die vor ihr gewesen waren und den mit tausenden Motiven verzierten Kamin in dem Raum, in dem sich zu gewisser Zeit alle ihre Cousins und Cousinen, Brüder und Schwestern versammelten, alles Erben, genau wie sie. Sie, Medea, war in keinster Weise von den Gestalten im Kaminzimmer zu unterscheiden.

    Ihre Augen waren grün, wie die ihrer Verwandten und die ihrer Urverwandten auf den Porträts in der Eingangshalle, ihr Haar schwarz und ihre Stirn von feinen Linien durchzogen. Lichtlinien, Lebenslinien, Zukunftslinien. Die Zeichen auf ihrer Haut würden Medea, wie allen anderen die vorher in diesem Haus gewesen waren, den Weg zeigen, den Weg zum Licht oder den Weg zur Dunkelheit. Wer die Morgenvilla einst erbaut hatte, das wusste niemand mehr, auch nicht, welches der geschmückten Gräber auf dem kleinen Friedhof zu welcher Zeit gehörte. Zeit spielte keine Rolle, es gab nur Licht und Dunkelheit. Schatten und Schein, wie das Licht, dass durch die knorrigen Eschen in ein kleines Zimmer unter dem Dachfirst fiel, auf das silberne Bett, in dem Medea schlief. Die Linien in ihrer Stirn glitzerten leicht und ihre Haare wiegten sich in dem frühsommerlichen Lufthauch, der durch das angelehnte gotische Fenster hineinschlich. Um Medea herum waren Bücher aufgestapelt, Lexika, Atlanten, Landkartenbücher, Romane, alte und neue Bücher, denn Medea vergötterte das Wort in jeder geschriebenen Form. Die Worte, und waren sie noch so kurz, verwoben sich vor ihrem inneren Auge zu Bildern, Geschichten und fremden Welten, die nur ihr allein gehörten und die ihr keiner nehmen konnte. Die Bücher retteten sie vor ihrer Angst.

    Denn Medea hatte Angst, jedes Mal, wenn sie ihr Zimmer verließ. Es war keine gewöhnliche Angst, wie die Angst vor der Dunkelheit, oder die Angst vor Spinnen oder vor großen Hunden, sondern eine ureigene, innerliche, reine Angst. Sie war nicht immer unangenehm, mehr wie ein kalter Windhauch, der sie dann und wann umgab. Diese Angst gehörte wohl zu der Morgenvilla wie ihre Gargoylen und ihr gotischer Dachfirst, obgleich Medea nicht wusste, ob ihre Verwandten genauso empfanden. Sie waren alle hier, aus dem Grund, den ihn ihrer aller Tante, Lady Melvina, an ihrem ersten Tag erklärt hatte. Im Unteren Stockwerk, wenn man all die gewundenen Treppen hinabgestiegen war, die von den Wandfackeln verzerrt erleuchtet wurden, dann fand man dort einen Raum. Einen nicht einmal sehr großen Raum mit keinen anderen Möbelstücken als zwei Spiegeln. Einer von ihnen war golden, gleißend und glänzend wie die Sonne, mit Sternen besetzt und mit Bernstein eingefasst, mit Fabelszenen der Helden und Heldinnen verziert und mit einem leuchtenen Schimmer umgeben. Über ihm hing eine Uhr, die vorwärts lief, im Uhrzeigersinn. Dies war der Spiegel des Lichts. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befand sich ein Spiegel, der aus schwarzem Marmor gebaut war. Er war verziert mit jeder Art von schwarzem Edelstein, Obsidiane, Onyxe und Turmaline bildeten gewundene Muster und fremde Zeichen. Von diesem Spiegel, dem Spiegel der Dunkelheit ging ein nach Innen gewandter Schimmer aus, der alles Licht, was in seine Nähe kam, zu verschlucken schien. Die Zeiger der Spiegeluhr liefen mit einem leisen Ticken rückwärts. Lady Melvina hatte ihnen allen erklärt, dass einmal der Tag kommen würde, an dem alle Erben sich einen Spiegel auswählten und in ihm verschwanden, um ihre vollen Kräfte zu entwickeln. Die Spiegel kämpften erbittert um die Erben, aber schlussendlich blieb es doch jedem und jeder selber überlassen, welchen Weg sie wählten, den des Lichts oder den der Dunkelheit.

    Medea als ungewöhnlich zu bezeichnen, wäre falsch. Sie war eine ganz gewöhnliche Erbin, unauffällig, wie ein kleines Mäuschen im Dachgebälk eines alten Hauses, von dessen Existenz man zwar weiß, diese aber selten bewusst wahrnimmt. Medea verschmolz förmlich mit den aufwändigen Tapeten des Hauses, den Dielen des Fußbodens und dem dunklen Holz der Bücherregale, die sich an den Wänden der alten Bibliothek emporwanden. Die Bibliothek war sowieso ihr liebster Platz, ein Platz, an dem ihre Angst auf ein Maß zusammenschrumpfte, dass kaum störend war. Es tangierte sie nicht, dass es alt und muffig war, staubig und voller Spinnenweben, die einst prächtigen Buchrücken ausgeblichen und zernagt von dem Zahn der Zeit. Aber Zeit spielte keine Rolle, es gab nur Licht und Dunkelheit. Die Erben und Erbinnen waren Gestalten jenseits aller Zeit, aber die Bücher waren gewöhnlich und so Zeugen der Jahrhunderte geworden, die ansonsten unbesehen ins Land gezogen waren. Medea liebte die rustikale Gewöhnlichkeit der Holzregale und antiken Bücher, die sich so herrlich von dem Rest der Morgenvilla unterschieden. Ja, diese innewohnende Gewöhnlichkeit rettet sie vor ihrer Angst. Die Spiegel waren der Auslöser, das Haus der Zunder, der die Angst in ihrer Brust zum Brennen brachte. Sie wollte fliehen aus dem Haus, Taschen voller Bücher unter ihre Arme geklemmt, aber wohin sollte sie gehen? Jede Flucht wäre sinnlos. Außerdem schien niemand anderes im Haus über eine mögliche Flucht nachzudenken, ja, die anderen schienen sich wohlzufühlen und keinen Schauer zu verspüren, wenn sie die Spiegel besuchten. Medea war die Einzige und dies hob ihren Status fast auf ein ungewöhnliches Level. Vielleicht war sie doch ungewöhnlich.

    Nach und nach leerte sich das Haus, denn die Erben entschieden sich für ihren Spiegel. Sie sprachen von einer ungewöhnlichen Anziehungskraft, einem Gesang, der sie rief, einer Melodie, einer uralten Kraft, von der Medea nicht das Geringste spürte. Sie legten ihre Hände auf die Spiegel und kaum hatten ihre Hände das blinde, kalte Glas berührt, begann es, zu reflektieren und sie wurden von einem Wirbel erfasst und verschwanden.

    Es war einsam, als Letzte im Haus zu sein, ganz und gar ungewöhnlich. Mit der Zeit jedoch geschah etwas tief im Inneren von Medea. Sie spürte die Angst stärker denn je und einen nervtötenden, billigen Singsang, ein Gemisch aus der betörenden Melodie des Spiegels des Lichts und des überzeugenden Flüsterns des Spiegels der Dunkelheit, sie versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, ihre Hand auf das kalte Glas eines der Beiden zu legen und sich hineinziehen zu lassen, doch sie konnte es nicht. Es fühlte sich falsch an, nicht auf die Angst zu hören. Anstatt sie anzuziehen, stießen beide Spiegel die Erbin gleichermaßen ab, Licht sowie Schatten, wenn sie einsam in der Mitte des Raumes stand und ihre Arme ausstreckte. Ganz und gar ungewöhnlich. Medea wollte fliehen, aber sie konnte nicht. Sie war gefangen zwischen den Spiegeln, die sie riefen und gleichzeitig verabscheuten. Was, wenn es eines Tages zu spät war? Sollte sie nicht auf gut Glück versuchen, in einen der Spiegel einzutauchen? Wenn beide sie nicht wollten, dann wäre es ja egal, welchen sie wählte, nicht wahr?

    Als Medea am nächsten Tag aufstand, bebte das Haus. Die Wände ruckelten und wanden sich wie unter Schmerzen, der Boden tauchte auf und nieder und die Portraits wackelten in ihren Rahmen. Doch Medea spürte keine Angst mehr. Der kalte Lufthauch war verschwunden. Und als sie hinunter in den Keller stieg, alle Treppen hinab, da wusste sie, dass sie ungewöhnlich war, denn in der Mitte des Raumes, zwischen den beiden Spiegeln hing ein neuer Spiegel, anders als die beiden anderen glitzernd, funkelnd, wie aus Bergkristall. Die Uhr darüber lief in beide Richtungen, alle Zeiger durcheinander und Medea hörte ein Lied, sie spürte es in ihrer Brust, die Vibration in ihrem Blut, die Linien auf ihrer Stirn und sie wusste, was sie zu tun hatte. Lächelnd legte sie ihre flache Hand auf das Spiegelglas und lauschte der Melodie ihres Spiegels, der Licht und Schatten verband, denn ohne das eine kann das andere nicht existieren und dies hatte nur Medea erkannt. Die gewöhnliche, ungewöhnliche Medea.

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