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Divergent - Wenn Wahrheit Lüge ist

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15 Kapitel - 23.455 Wörter - Erstellt von: Murialana - Aktualisiert am: 2018-06-20 - Entwickelt am: - 2.086 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Eine Ff über die Geschwister Mike und Lena, die in Chicago bei den Candor leben. Jedenfalls jetzt noch...
Ich hoffe, euch gefällt's.

    1
    ((cur))((bold))Mikes Sicht:((ebold)) Ich hocke im Sand. Höre meinem Atem zu und warte. Darauf dass der Sand aufwirbelt und ich keine frische Luft, so
    Mikes Sicht:

    Ich hocke im Sand. Höre meinem Atem zu und warte. Darauf dass der Sand aufwirbelt und ich keine frische Luft, sondern rötlichen Staub einatme. Siebzehn andere Jugendliche hocken genauso wie ich im Sand, aber sie werden keinen Staub schlucken müssen. Vor allem nicht die Ferox, die das Rennen jeden Tag bei ihrem albernen Auf-den-Zug-Gehopse trainieren. Ich schaue auf die Amite neben mich. Daisy heißt sie, glaube ich. Sie hat schöne Haare. Schwarze ungebändigte Locken, die sie in ihrem gelben Turntrikot wie eine Sonnenblume aussehen lassen. Da ertönt die Klappe. Alle rennen los. Der aufgewirbelte Staub umhüllt mich wie immer, während mich die anderen mühelos überholen. Einige unter ihnen, natürlich vor allem Ferox, haben schon mehr als die Hälfte der Strecke bewältigt. Plötzlich schießt zwischen ihnen ein Mädchen hervor. Ihre kurzen blonden Haare flattern im Wind und der Schweiß läuft ihr Gesicht herunter bis auf ihr weißes T-Shirt. Kurz vor dem Ziel wischt sie sich über die Stirn. Sie hat sich ihre Nägel schwarz lackiert, für den morgigen Eignungstest und die Zeremonie der Bestimmung, wie es in unserer Familie Tradition ist. Im Ziel angekommen ringt sie nach Luft und greift sich eine Wasserflasche. Danach kommen jede Menge schwarze Blitze ins Ziel, ein roter, ein blauer, wieder ein schwarzer und so weiter. Wie immer bin ich der Letzte.
    》Gute Arbeit Ferox, wie immer《, ruft der Coach zu uns herüber.》Ich überlasse euch, wie ihr es auslegt, von einer Candor überholt zu werden. Spitze gemacht, Lena!《
    Er hält seinen erhobenen Daumen in Lenas Richtung. Diese hat gerade das eiskalte Wasser in der Flasche in ein paar Zügen geleert. Der Coach erntet für sein Kompliment nicht mehr als einen gelangweilten Blick und ein genuscheltes 》Ich weiß selbst wie schnell ich bin und wie lahmarschig die Ferox sein können.《
    Wenn die Ferox also lahmarschig sind, dann bin ich vermutlich schneckenbabylahmarschig.

    Der Bus ist wie immer schon gesteckt voll, als wir einsteigen. Der Fraktionslose hinter dem Lenkrad brüllt, die Passagiere auf den Stehplätzen sollten nach hinten rücken. Lena hält an der dritten Sitzreihe an und zeigt auf zwei Stiff, die dort sitzen. Sie sind jünger als wir, die eine vielleicht zehn und die andere ein bisschen älter. 》Können wir hier sitzen?《, fragt Lena spitz.
    Die ältere Stiff sieht Lena erst ungläubig an, dann nickt sie und zieht das jüngere Mädchen, wahrscheinlich ihre Schwester, mit sich, sodass Lena und ich Platz nehmen können. Sollte ich ihr sagen, dass ich nichts dagegen hätte, ein paar kleine Altruan hier sitzen zu lassen, zumal wir bestimmt nicht hinfallen, wenn der Fahrer eine scharfe Kurve nimmmt, was ich bei den beiden Mädchen nicht wirklich glaube. Ach was, die Stiff wollen doch, dass es uns besser geht als ihnen. 》Feiern wir die letzte mehr oder weniger gelungene Sportstunde unseres ganzen Lebens!《, schlägt Lena vor und drückt mir ein paar Bonbons in die Hand.
    》Gelungen?《, frage ich, während ich mir eines in den Mund schiebe. 》Für dich vielleicht. Ich bin nur froh, dass es vorbei ist.《
    》Ich doch auch《, pflichtet mir Lena bei. 》Es mag zwar nicht so aussehen, aber ich hasse Sport. Es ist das Ferox-Fach und ich fühle mich immer wie eine Ferox, wenn ich einen Sportwettkampf gewinne.《
    Sie schüttelt sich. 》Ferox sind absolut nicht wie wir. Sie sind so roh und brutal und dämlich. Ich wette sie rülpsen und essen mit den Fingern, wenn sie unter sich sind.《
    Ich muss an den Ken Burton denken, der in der dritten Grundschule zum Rülpsweltmeister erklärt wurde. Mittlerweile macht er es aber nicht mehr.
    》Ich beneide dich, ich habe es dir schon oft gesagt. Du bist kein guter Schüler, vor allem nicht in Sport.《, murmelt Lena und sieht aus dem Fenster.
    Sie käme nie auf die Idee, während Sport nicht alles zu geben, genau wie ich. Wir sind Candor. Wir müssen das nicht.

    2
    Lenas Sicht:

    》Hab das Abschlussrennen gewonnen《, begrüße ich unseren Vater, der gerade am Esstisch sitzt und die Zeitung liest. Gerade als ich meine Schultasche gekonnt an ihm vorbei auf das Sofa schleudern will, wo schon Mikes Rucksack liegt, faltet Dad die Zeitung zusammen, rückt seinen Stuhl zurecht und sagt in seinem seriösen Candor-Vater-Ton:》Setzt euch. Wir haben etwas zu bereden.《
    Ich habe es schon erwartet. Schließlich ist morgen unser Test. Ich hoffe, er verrät uns, welche Tricks die Erfinder auf Lager hatten, dass der Test undurchschaubar, genau und zuverlässig sein kann. Vielleicht können die Altruan ja Gedanken lesen oder so. Ach quatsch! Die wären doch die Letzten, die das lernen würden.
    》Worum geht's?《, fragt Mike.》Na logisch um den Eignungstest und so weiter, aber warum genau hast du uns zusammengerufen?《
    Dad räuspert sich und beginnt: 》Noch ist nicht ganz klar, in welchen Fraktionen sich eure Gehirne, oder was auch immer die Fraktionen ausmacht, am wohlsten fühlen, aber ich habe mir Gedanken gemacht, welchen Fraktionen ihr beitreten sollt, wenn es nach eurem Verhalten geht.《
    Ich dachte, damit würde er erst auspacken, nachdem wir ihm gesagt haben, was bei unserem Test herausgekommen ist. Bei den Candor ist das so was von normal, dass die Eltern dir sagen, wo du hingehen musst. Ist doch logisch: man kennt sich selbst am Schlechtesten und deine Eltern kennen dich am besten.
    》Mike《, fährt Dad mit seiner Rede fort, 》du bist zuverlässig, realistisch und treu, so wie es jeder Candor sein sollte. Aber du bist introvertiert, einer der introvertiertesten Menschen, die ich näher kenne. Das ist nicht gerade eine gute Eigenschaft für einen Candor. Deshalb gehst du übermorgen zu den Altruan.《
    Ich breche in schallendes Gelächter aus. 》Mike, du wirst ein Stiff!《, bringe ich zwischen zwei Glucksern hervor.
    》Und du kommst zu den Ferox.《 Dad schaut mir tief in die Augen.
    》Das - Das - meinst du doch nicht ernst?《, frage ich, doch natürlich meint er es ernst. Candor lügen nicht. Warte, habe nicht ich gerade gelogen? Ich habe etwas Falsches gesagt und ich wusste, dass es falsch war. Vielleicht stimmt es wirklich besser zusammen, wenn ich zu den Ferox gehe.
    》Ferox-Schulfach《, sagt Mike in meine Richtung und Dad stimmt zu: 》Ganz genau.《

    3
    Mikes Sicht:
    Warum soll ich denn zu den Stiff gehen? Sie sind Nicht so wie wir, sie sind ... viel braver als wir, hilfsbereit und höflich. Mir wurde von klein auf eingetrichtert, einen großen Bogen um alles, was höflich ist, zu machen.
    》Philipp hat dich etwas gefragt, Mike!《, reißt mich Lena aus den Gedanken. Ich drehe mich zu Philipp und er wiederholt ungeduldig: 》Glaubst du, dass beim Eignungstest ein falsches Ergebnis herauskommen kann?《
    》Wie kommst du darauf? Hätte man es dann nicht schon längst abgeschafft, wenn es so wäre?《, quatscht Lena dazwischen.
    》Ich finde es gar nicht einmal so abwegig《, antworte ich. 》Jedes Jahr macht sich doch die Hälfte der Wechsler wegen unseres Serums in die Hosen. Warum haben die wohl unsere Fraktion ...《 Ich breche ab. Die Candor sind doch nicht mehr meine Fraktion. Jedenfalls nicht mehr richtig. Morgen gehe ich zu den Stiff und langsam bin ich immer mehr davon überzeugt, dass Dad recht damit hat.
    》Ach ja genau《, wirft Lena ein, bevor ich weiterreden kann. 》Wisst ihr noch wie letztes Jahr diese Wechslerin von den Ken schreiend aus dem Mart gerannt ist, als sie vom Serum erfahren hat?《
    Sie und ein paar andere fangen an zu lachen. Ja, das war wirklich was. Ich habe den Anfang verpasst, weil ich auf dem Klo war, aber dafür ist sie danach beinahe mit mir zusammengestoßen, als ich die Toilette wieder verlassen hatte. Ein paar Mädchen drängen sich zu uns durch. 》Wessen Eltern haben wem vorgeschlagen, die Fraktion zu wechseln?《, will ein groß gewachsenes Mädchen von uns wissen.
    》Lena geht zu den Ferox. Wer hätt's gedacht《, sage ich, 》und ich bin ab morgen ein Stiff.《
    Philipp dreht sein Gesicht scheinbar mit Lichtgeschwindigkeit zu mir herum. 》Das sollst du?《, brüllt er mich an. 》Verdammt, was mach ich denn dann ohne dich?《
    》Geh doch mit. Ich bin neugierig, wie du dich bei denen schlagen würdest《, schlägt Lena vor und bricht anschließend in Gelächter aus. 》Du in grau, das sähe so aus wie ein Kristall im Straßendreck!《
    Lena war eine Zeit lang mit Philipp zusammen, davon kommt wohl der Kristall. So wie er sie ansieht, glaube ich, dass ich nicht der Einzige bin, der sich an diese Zeit zurückerinnert. Soweit ich weiß, hat Philipp Schluss gemacht, aber ich denke in diesem Moment hätte er wohl doch noch Lust auf meine Schwester. Ich war zwar schon oft verliebt, hatte aber noch nie eine Freundin. Nicht, dass ich zu schüchtern gewesen wäre, meine Angebeteten zu fragen, im Gegenteil. Die Mädchen hatten einfach kein Interesse an mir. Die Altruan sind punkto Liebschaften total schüchtern, ob das ein Vorteil oder doch eher ein Nachteil ist, wird sich noch zeigen.
    Gerade als das lange Mädchen ihren Beitrag zum Gespräch leisten will, werden Lena und ich aufgerufen. In Kürze wird sich zeigen, ob für mich laut dem Test die Stiff vorgesehen sind oder ich doch bei den Candor bleiben sollte. Uns kommt ein schweißgebadeter Amite entgegen, der einen Bogen um Lena und mich macht. Auch die anderen, die gerade getestet wurden, sehen mehr oder weniger erschrocken aus. Ich empfinde keine Angst. Noch nicht. Noch ist niemand wegen dieses Tests gestorben und ich werde sicher nicht der Erste sein.

    4
    Lenas Sicht:

    Ich betrete den Prüfungsraum, ausnahmsweise ohne mir überlegt zu haben, wie ich mich dem Prüfer gegenüber verhalten soll. Von oben herab, wie ich es mit meinen Stiff-Mitschülern mache, kommt mir nicht richtig vor. Schließlich bin ich während des Tests wahrscheinlich auf den Prüfer angewiesen. Nachdem ich die Tür hinter mir wieder geschlossen habe, sehe ich den Prüfer, äh, die Prüferin. Sie ist nicht älter als Mitte zwanzig und deutlich kleiner als ich. Ihre langen blonden Haare sind wie bei allen Stiff streng zurückgebunden, sodass mir die strahlend hellgrünen Augen der Frau auffallen. Das merkwürdigste an ihr ist aber ihr beachtlicher Taillenumfang, wenn man das so nennen kann. Ich kenne keinen Stiff, der auch nur ansatzweise übergewichtig ist.
    》Sie sind ja schwanger!《, rufe ich aus.
    Die Prüferin lächelt. 》Ja. Achter Monat. Du bist Lena, oder? Mein Name ist Natalie.《
    Achter Monat? Bei dem Bauch alles andere als schwer zu glauben. Meine Mutter ist laut Dad schon ins Krankenhaus eingezogen, als sie im sechsten Monat war. Aber sie hat ja auch Zwillinge bekommen. Trotzdem, ich würde sicher nicht arbeiten, wenn ich ein fast geborenes Baby immer mit mir herumtragen müsste.
    Natalie führt mich zu einem Stuhl und sagt mir, ich solle mich setzten.
    》Da wäre ich auch allein draufgekommen《, gebe ich zurück und lasse mich auf den Stuhl plumpsen. 》Was passiert jetzt? Eine Simulation, nehme ich an. Da kann man aber keine bleibenden Schäden davontragen, denn so wie die anderen aussehen, liegt das eigentlich ziemlich nahe.《
    》Keine Sorge《, antwortet Natalie seelenruhig. 》Das ist mit gesunden Menschen noch nie passiert. Außerdem überwinden die Candor den Schock von der Simulation ziemlich schnell.《
    Ich mustere Natalie ganz genau. Wahrscheinlich sagt sie das zu jedem Prüfling, auch wenn es bei den Amite ganz sicher nicht der Wahrheit entspricht. Aber ich kann weder in ihrem Gesicht noch in ihrer Aussprache etwas finden, das auf eine Lüge hinweisen könnte.
    》Sitzt du bequem?《, fragt Natalie und bevor ich ein genervtes 》Ja-haa《 hervorbringen kann, verabreicht sie mir das Simulationsserum und ich dämmere weg.

    5
    Mikes Sicht:

    Das erste, das mir im Prüfungsraum auffällt, ist die Prüferin. Sie ist recht groß für eine Frau, wahrscheinlich größer als Lena, und noch sehr jung, bestimmt keine Zwanzig. Ihre Haare sind von einem verdammt strahlenden Rotblond. Ich stelle sie mir auf den Obstwiesen der Amite vor, mit offenen, im Wind flatternden Haaren und einem bauschigen langen Kleid anstatt des grauen Fetzens, den sie trägt.
    》Michael Featherlane, wenn ich mich nicht irre?《, ruft mich ihre sanfte Stimme in die Gegenwart zurück. Die Prüferin nennt mich bei meinem vollen Namen, was ziemlich ungewohnt für mich ist. Seitdem die Schüler von den Lehrern mit hrem Nachnamen angesprochen werden, gibt es niemanden mehr, der mich nicht einfach Mike nennt.
    》Schön, dass du hier bist. Mein Name ist Trudi.《
    Sogar ihr Name klingt nach Amite! Ich wette, sie ist eine Wechslerin.
    》Komm, setz dich auf den Stuhl. Die Simulation ist ganz harmlos, solltest du dir darüber Sorgen machen.《
    Trudi streckt eine Hand aus und bewegt die Finger in ihre Richtung. Gerne. Sehr gerne sogar. Beinahe hypnotisiert setze ich einen Fuß vor den anderen. Als ich nahe genug dran bin, bewegt sich meine Hand zu der von Trudi, die mich immer noch mit den Fingern zu sich zu ziehen scheint. Bald werden sich unsere Hände berühren, bald werde ich ihre samtweiche Haut streicheln dürfen. Nur noch fünf Zentimeter, noch vier, drei, zwei, ....
    Trudi lässt ihre Hand sinken. Sie sieht mich ernsthaft an.
    Nein, so hat sie davor doch auch schon geschaut, wirft die vernünftige Seite meines Denkapparats ein, außerdem schauen viele andere Leute auch so und noch ernsthafter. Also nehme auch ich meine Hand zurück und setze mich auf den Stuhl. Ich stütze meinen Ellbogen an der Armlehne des Stuhles ab und lege meinen Kopf in die Handfläche. Dabei fällt mir ein, dass Körperkontakt bei den Stiff ein absolutes No-Go ist, auch wenn sie es wahrscheinlich nicht so nennen würden. Trudi hält mittlerweile das Simulationsserum in der Hand - der Hand, die ich um ein Haar berührt hätte. Langsam bekomme ich schon ein bisschen Schiss vor dem Test. Weshalb ist dieser Test eigentlich so schockierend? Ist das beabsichtigt? Will uns jemand damit einschüchtern?
    Trudi hat meine Angst bemerkt und sagt etwas von 》ganz normal《 und 》mach dir keine Sorgen《.
    》Mach dir nicht in die Hosen《 wäre passender. Ich bin nämlich seit dem Frühstück nicht mehr auf dem Klo gewesen und jetzt macht sich meine volle Blase wieder bemerkbar. Meine aufsteigende Panik ist dabei auch alles andere als hilfreich. Jetzt weiß ich schon, warum man Feiglinge auch Hosenscheißer nennt und ich bin im Begriff, ein weiterer Beweis für die Richtigkeit dieses Synonyms zu werden.
    Wieder kämpft sich meine Vernunft nach vorne. Als ich noch nicht in diesem Raum war, war ich doch ganz gelassen und hatte keine Angst. Was habe ich da gleich noch gedacht?
    Noch ist niemand wegen dieses Tests gestorben und ich werde sicher nicht der Erste sein.
    Noch ist niemand wegen dieses Tests gestorben und ich werde sicher nicht der Erste sein.
    Noch ist niemand wegen dieses Tests gestorben und .... ich werde .... nicht .... der .... Erste ....

    6
    Ich stehe in der Kantine und außer mir ist kein Schwein da. Selbst nachdem ich mich noch einmal etwas gründlicher umgesehen habe, ist niemand zu sehen und kein Geräusch zu hören - bis auf meinen Atem, der langsam immer schneller wird. Das gefällt mir gar nicht. Habe ich etwas verpasst? Etwas vergessen oder übersehen? Ich will die Stille gerade mit einem lauten 》Ist da jemand?《 durchbrechen, da ertönt aus dem Nirgendwo eine Stimme: 》Wähle.《
    Mein Blick fällt auf den Tisch vor mir, auf dem sich ein Messer und ein Stück Käse befinden. Diese Dinge sind mir schon aufgefallen, nichts Besonderes für eine Kantine.
    》Wähle.《
    Die Stimme kann mich. Sie klingt eiskalt und sehr entschlossen, als würde sie keinen Widerspruch dulden. Ich werde mich für etwas entscheiden müssen, wenn mich dieses 》Wähle《 nicht bis in alle Ewigkeit verflogen soll. Und ich nehme....

    .... das Messer. Was soll ich mit dem Käse? Gegessen habe ich heute schon genug. Hinter mir ertönt ein Knurren. Ich fahre herum und sehe einen Hund auf mich zukommen, von der Sorte, für die der Name Rex beinahe noch zu harmlos ist. Die Angst lähmt mich für einen Moment. Nicht gut, denke ich mir im nächsten. Jetzt kommt der zähnefletschende Nicht-Rex zu mir her und fixiert mich wie ein Stück Beute. Das bin ich aber nicht, du mordsgefährliches Tier!, ruft mein Überlebenswille. Das will ich nicht sein und das werde ich auch nicht sein.
    Ach, nicht? flüstert mir mein Pessimismus ins Ohr. Und wenn doch? Was machst du dann?
    Meine Hände drücken krampfhaft auf die Klinge des Messers, das ich die ganze Zeit festgehalten habe. Nicht-Rex ist nur noch zwei, drei Meter von mir entfernt. Also mache ich das wie mir scheint vernünftigste....

    .... und nehme meine Beine in die Hand. Ich hätte das schon früher tun sollen, da wäre ich sicher an der Tür gewesen, bevor mich der Hund hätte erwischen können. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Der Hund wird meinen Vorsprung sicher jeden Moment wettmachen. Ich muss mich einfach noch mehr ins Zeug legen. Wenn jemand dieses Vieh abhängen kann, dann bin das wohl ohne Zweifel ich. Nur noch wenige Meter bis zur Tür, da stellt sich mir ein kleines Mädchen in den Weg. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass sie ein weißes Kleid trägt. Als ich bei ihr ankomme, stoße ich sie zur Seite und angle mir kurz darauf den Türgriff. Ich drücke ihn im Laufen herunter, schiebe mich durch den Spalt....
    ....und lande in einem Bus. Es gibt keinen freien Sitzplatz mehr und auch die Stehplätze sind schon vielfach besetzt. Ich werde gegen einen Zeitung lesenden Mann gedrückt, der dadurch auf mich aufmerksam wurde und mich deshalb ansieht. Was will dieser Mensch?, frage ich mich genervt. Der soll in seine Zeitung schauen und nicht zu mir.
    》Kennst du diesen Jungen da?《, fragt er mich plötzlich und deutet auf ein Foto in der Zeitung. Das Gesicht kommt mir tatsächlich bekannt vor, obwohl ich es nirgendwo einordnen kann. Also erwidere ich den Blick des Mannes und sage:》Ich habe ihn sicher schon mal irgendwo gesehen. Jedenfalls kommt er mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, woher ich ihn kenne....

    ....Warum wollen Sie das überhaupt wissen und wer ist dieser Typ auf dem Foto?《

    Bevor der Mann mir antworten kann, verschwindet das Bild und ich finde mich im Prüfungsraum wieder. Ich setze mich auf und bevor ich etwas sagen kann, fragt mich Natalie, ob es mir gut geht und erklärt überflüssigerweise, dass die Simulation beendet ist.
    》Ja, das habe ich auch schon kapiert. Jetzt her mit meinem Ergebnis!《

    Ich sehe meiner Prüferin erwartungsvoll in die Augen.
    》Candor《


    7
    Die Tür fällt ins Schloss. Eigenartig, dass ich es höre. Normalerweise hätte Dad schon beim Geräusch des heruntergedrückten Türgriffs lautstark durch die Wohnung gefragt, wer komme, was ich gemacht hätte oder sonst irgendetwas. Aber heute bleibt es aus. Alles, was ich höre, ist Stille. Stille. Wo sind verdammt noch mal die Geräusche hin? Stille. Mein Herzschlag. Stille. Ein Etwas, das an die Fensterwand klatscht, wahrscheinlich ein kurzsichtiger Spatz oder irgendein anderer Vogel, der den Unterschied zwischen Luft und einer Glasscheibe nicht erkennen kann. Mein Herzschlag. Stille. Mein Herzschlag. Das monotone Brummen des Heizkessels im Keller. Herzschlag. Brummen, das nicht imstande ist, die Stille zu übertönen, weil es erst durch die Stille hörbar wird. Herzschlag. Brummen. Viel zu leise, viel zu nichtssagend. Herzschlag. Herzschlag. Herzschlag Herzschlag Herzschlagherzschlagherzschlag.... Mein Atem, der stoßweise aus meinem Mund entweicht. Einauseinauseinaus.... Ich muss mich beruhigen. Mein Atem muss sich verlangsamen, mein Herzschlag muss sich verlangsamen. Ich sauge ganz tief Luft in mich hinein, bis meine Lungen zu platzen scheinen und dann....
    》AAAAAAAAAAAAAAAHHHHHH!《
    Ein Schrei durchbricht die Stille. Ein Rettungsanker, gemacht aus Lärm, mithilfe von Stimmbändern und Luft, der mich aus dem finsteren Reich der Stille zieht. Mein Schrei. Ich atme noch ein paar Mal ein und aus, bis mein Herz wieder den normalen Rhythmus gefunden hat.
    Ich dachte, ich hätte diese kleinen Panikattacken endlich im Griff. Das letzte Mal ist mir das vor fast fünf Monaten passiert, als ich in der Schule zum Naturwissenschaftskurs in den falschen Raum gegangen bin. Dort war niemand und auch auf dem Flur, der zu diesem Raum führt, hatte ich kein einziges Lebenszeichen vernommen. Als ich dann im Raum niemanden sah und - noch schlimmer - niemanden hörte, setzte die Panik ein. Es endete damit, dass ich schreiend aus dem Raum stürzte, auch noch vorbei an einer Gruppe Teenies, die nichts Besseres zu tun hatten, als mich die nächsten zwei Wochen die Brüllbestie zu nennen. Wie hobbylos manche Leute doch sind, selbst wenn sie aus meiner Fraktion kommen! Sie müssten doch Verständnis haben. In unserem Fraktionssystem sind wir immer in einer Gemeinschaft. Und das ist auch gut so, denn ohne andere Leute ist man verloren. Deshalb habe ich soweit ich weiß vor nichts größere Angst als vor Stille. Stille bedeutet Einsamkeit. Einsamkeit bedeutet ausgeschlossen zu sein. Ausgeschlossen zu sein bedeutet, fraktionslos zu sein. Fraktionslos zu sein bedeutet, keinen Grund mehr zum Leben zu haben, weil es niemanden mehr gibt, der mit dir eine Gesellschaft bildet.
    Nachdem ich wieder zur Ruhe gekommen bin und eingesehen habe, dass ich seltsamerweise die Einzige im ganzen Haus bin, mache ich mich auf den Weg in die Küche. An der Wand neben der Tür hängt dort nämlich der "Informationsblock", wie wir ihn nennen. Immer, wenn jemand das Haus verlässt und es die anderen Familienmitglieder wissen sollten, schreiben wir es auf den Block. Heute gleich nach der Schule habe ich beispielsweise geschrieben: 》Unterhalte mich mit ein paar Mädels über den Test. Wir sind voraussichtlich in der Nähe von Justines Wohnung. Bleibe in etwa bis sechs aus. L.《
    Unter meiner Nachricht steht eine weitere Nachricht, und zwar in Dads winzig kleiner und kritzliger Handschrift: 》Männerabend. Kommen erst spät. Koch dir was, mach was, egal was.《
    Deshalb sind Dad und Mike also außer Haus. Die Männerabende, an denen Dad und Mike ohne mich auswärts Essen gehen und nur mal zu zweit sein können, sind alles, was von unseren alten Männertagen und Frauentagen übriggeblieben ist. Früher, als Mom noch bei uns war, hatten wir jeden ersten Sonntag im Monat einen Männertag, an dem sich Dad und Mike von uns Frauen haben verwöhnen lassen können. Umgekehrt war an den dritten Sonntagen des Monats Frauentag. Mom.... Ich kann mich noch sehr gut an sie erinnern. Ist eigentlich zu erwarten, das letzte Mal habe ich sie doch erst vor etwa dreieinhalb Jahren gesehen. Damals bei ihrer Gerichtsverhandlung im Mart. Ihr Beruf war Richterin, für Fälle, in die vor allem junge Menschen verwickelt worden waren. Aber auf dieser ganz speziellen Verhandlung war sie zur Abwechslung die Angeklagte. Und das zu Recht. Sie war damals beobachtet worden, wie sie abends zusammen mit einem Kollegen, zu dem sie ein engeres - zumindest glaubte man das - freundschaftliches Verhältnis hatte, dessen Haus betreten hatte und erst spät wieder herausgekommen war. Eine Injektion Wahrheitsserum später war dann klar, dass die beiden etwas miteinander hatten und so wurden sie wegen Unehrlichkeit, Treulosigkeit und Ehebruch aus der Fraktion geworfen. Auch Mike und mir wurde damals das Serum verabreicht, um sicherzugehen, dass wir Dad oder der Fraktion wohl nichts verheimlichen würden. Ich wurde richtig nervös und hielt mich an der Hand meines Bruders fest, der sich im Gegensatz zu mir schon damals so verhalten konnte, als würde er Mom nicht persönlich kennen. Ich hatte das Serum vorher bestimmt schon fünfmal verabreicht bekommen, aber darum ging es nicht. Ich wollte nicht glauben, dass Mom gelogen hatte, obwohl ich wusste, dass sie es getan hatte. Ich wollte nicht, dass Mom zu den Fraktionslosen ging. Sie sollte hierbleiben. Bei ihrer Familie. Bei mir. Aber sie blieb nicht. Sie durfte nicht.
    An diesem Tag habe ich geweint wie in meinem ganzen Leben nicht. Aber nicht, weil ich keine Mutter mehr hatte. Erst, als wir wieder zuhause waren, wurde mir bewusst, dass sie die Unehrlichkeit in sich, absichtlich oder nicht, vielleicht in mich hineingepflanzt hat, als ich noch nicht geboren war. Ich habe Angst, dass ich wegen der Gene, die meine Mutter mir vererbt hat, imstande bin zu lügen. Erst gestern wollte ich doch nicht wahrhaben, dass ich zu den Ferox gehen soll. Wie lange wird es wohl dauern, bis ich keine Hemmungen mehr haben werde, anderen Leuten bei jeder Gelegenheit ins Gesicht zu lügen?
    Sei doch nicht so pessimistisch!, fährt mich mein inneres Stimmchen an. Na gut, die große Optimistin war ich noch nie, weil es einfach nicht viel Sinn macht, oftmals sogar gelogen ist, sich einzureden, alles werde gut, wenn das Leben den Bach runter geht, aber trotzdem, beim Pessimismus ist es doch auch das Gleiche, nur umgekehrt.
    Laut Dad eigne ich mich für die Ferox am besten, oder wie er heute Morgen gesagt hat: 》Allgemein betrachtet hilft es unserer Gesellschaft wohl am meisten, wenn du unsere Fraktion morgen verlässt.《
    Dann werde ich das mal machen. Wie könnte ich auch nicht, verraten würde ich meine Familie sowieso: Wenn ich die Fraktion verlasse, verrate ich die Fraktion an sich und wenn ich bleibe, stelle ich Dads Vertrauenswürdigkeit in Frage und habe ihm gleichzeitig in einer wichtigen Angelegenheit nicht gehorcht, was mir wahrscheinlich auch noch seinen monatelangen Hass einbringen würde.
    Während ich mich in die Küche begebe, um wohl zum letzten Mal in meinem Leben mit sicheren Bewegungen den Herd anzuschmeißen, mir zum letzten Mal unser gemütliches Mobiliar anzusehen, zum letzten Mal die Stille während des letzten Männerabends zu ertragen, weiß ich, dass ich bereit bin, mich von meinem bisherigen bekannten und geliebten Leben zwischen den perfektionistischen, aber unperfekten Männern, die ich meine Familie nenne und den selbstbewussten Teenagern meiner jetzigen Fraktion, von denen ich so einige zu meinen Freunden zähle, zu verabschieden und zu den Ferox zu gehen. Soll es nun die wohl abgewogene Entscheidung meines Vaters sein, die bewundernden Blicke des Coaches, als ich mit acht Jahren bei meinem ersten Wettrennen die Ziellinie vor allen anderen überquert habe, oder mein eigenes Bedürfnis, meinen Platz in der Welt zu finden. Morgen um diese Zeit werde ich zu den Ferox gehören.

    8
    Vorsichtig gieße ich dunkelbraunen Kaffee in meine schwarz-weiß karierte Lieblingstasse. Zwei Teelöffel Zucker (einer gestrichen, einer gehäuft), etwas Milch (kalt, sonst würde ich mir die Zunge verbrennen) und ein Klecks Sprühsahne werden nacheinander zum Kaffee beigefügt. Der Sahnesprüher ist fast leer, weil sich Lena gestern Abend, als sie alleine im Haus war, beinahe den ganzen Inhalt in den Mund gesprüht hat. Wie kann man nur? Sahne gehört in den Kaffee oder auf das Eis. Sie ist dazu gemacht, etwas zu ergänzen, nicht um ohne Zwischenstationen einfach so verschlungen zu werden. Normalerweise ist Lena eher eine Freundin von Tischmanieren, aber bei Schlagsahne kann sie sich einfach nicht bremsen. Früher habe ich ihr in solchen Situationen immer gerne gesagt, dass ich einen Mord aufzeigen werde: Jugendliche ist Serienkillerin! Sie hat schon Dutzende Portionen Sprühsahne skrupellos aufgefressen.
    Glücklicherweise ist noch ziemlich genau genug Sahne für meinen Kaffee übrig. Ich werfe gerade den leeren Sprühsahnebehälter in den Müll, als Dad wieder mit einer seiner allmorgendlichen Schimpftriaden über die Richtigkeit der Zeitungsberichte loslegt:《Hör dir das mal an, Mike! 'Neueste von der Fraktion der Ken entwickelte Statistiken über den voraussichtlichen Ausgang der Zeremonie der Bestimmung'. Dieses Jahr sollten also mehr Ferox zu den Ken wechseln als Amite, weil die meistenTechniker der Ferox vor 16 Jahren Kinder bekommen haben? Als ob alle Kinder von Technikern automatisch Kandidaten für diese Intelligenzbestien wären! Und jetzt kommt noch das Schärfste: laut dieser Diagramme sollten heute alle gebürtigen Ken bei ihrer Fraktion bleiben. Das stinkt ja nur so nach Eigenwerbung! 》
    《Als ob DIE wüssten, was Treue bedeutet》, pflichte ich ihm bei. Allgemein werden die Altruan als loyalste Fraktion angesehen. Die meisten von ihnen bleiben ihr ganzes Leben lang dort. Anders als bei den Candor. Dort trifft man die Entscheidung über seine Zukunft nicht alleine und deshalb haben wir meistens ziemlich viele Wechsler. Wechsler, die ihrer Geburtsfraktion nicht mehr treu sind. Nicht mehr treu, obwohl die Treue auch ein Ideal der Candor ist. Aber wenn dem so ist, warum verlassen dann jedes Jahr so viele Leute die Fraktion?
    Der Schlüssel in der Badezimmertür wird ruckartig gedreht und die Tür einen kleinen Spalt aufgemacht, durch den Lena ihren Kopf heraussteckt. Wahrscheinlich ist sie gerade nackt, sonst hätte sie die Tür ganz aufgemacht. Meine Schwester ist schon den ganzen Morgen da drin, um sich für die Zeremonie hübsch zu machen. Einige ihrer Freundinnen sitzen soviel ich weiß sogar stundenlang beim Friseur, um mit einer kunstvollen Frisur angeben zu können. Höchstwahrscheinlich wird schon vor der Zeremonie erkennbar sein, wer von den Candor in eine andere Fraktion wechseln könnte. Auch Lena hat vor, nicht zu leugnen, dass sie zu den Ferox gehen wird: Heute Morgen hat sie sich für die Zeremonie ein kurzes, komplett schwarzes Kleid mit einem Rock aus Seide und jede Menge Pailletten zurechtgelegt, von dessen Existenz ich soweit ich mich erinnern kann vorher nichts wusste.
    《Männer, ich hab gestern meinen Bademantel oben in meinem Zimmer vergessen, bringt ihn mir mal!》, fordert Lena.
    《Kannst du denn nicht einen von unseren nehmen?》, fragt Dad halbherzig, bevor er sich wieder der Zeitung zuwendet.
    《Nein》, antwortet Lena ungeduldig.《 Eure sind nicht flauschig! Hoffentlich haben die Ferox auch so einen für mich.》
    《Dann geh hält nackt zur Zeremonie der Bestimmung!》, schlage ich scherzhaft vor, doch dann wird mir bewusst, dass genau das das falscheste Verhalten ist, wenn man noch vor dem nächsten Sonnenaufgang der Fraktion der höflichen und hilfsbereiten Altruan angehören wird und so stehe ich auf, um meiner Schwester ihren heißgeliebten Bademantel zu bringen.
    Solche sarkastischen Antworten muss ich mir schnellstens abgewöhnen, sonst habe ich bei den Stiff keine Zukunft. Oben in Lenas Zimmer angekommen hebe ich ihren flauschigen weißen Bademantel (als ich klein war und er noch Mom gehörte, habe ich ihn immer den Wolkenbademantel genannt) vom Bett auf. an der Schranktür hängt Lenas Kleid, daneben liegen Nylonstrumpfhosen und ein Paar High Heels, selbstverständlich auch schwarze. Ich habe noch immer das rhythmische Tock-Tock-Tock in den Ohren, das im ganzen Haus zu hören war, als Lena vorletzte Woche das Laufen in den Dingern probiert hat. Als sie damit die Treppe heruntergegangen ist, wäre sie beinahe gestürzt, aber abgsehen davon hat sie sich recht gut gehalten.
    Wieder unten gebe ich Lena, die die Tür nun doch etwas weiter öffnet, den Wolkenbademantel, sie wickelt sich blitzschnell darin ein und setzt sich zu Dad an den Frühstückstisch.
    《Aufgeregt auf die Zeremonie, Kinder?》, fragt Dad, während er die Zeitung ordentlich zusammenfaltet.
    《Nein》, antworte ich. 》Ich habe mich an den Gedanken, die Fraktion verlassen zu müssen, gewöhnt und das mit dem Blut ist sowieso kein Problem für uns. 》
    Dad nickt und sein Blick wandert zu Lena, die schon beginnt zu reden:《Ich denke, bei mir fehlt auch nichts. Aber eine Frage noch: Mike und ich, wir sollen beide die Fraktion wechseln. Hat das eventuell etwas damit zu tun, dass unsere Mutter nicht für die Candor geschaffen war?》
    Gegen Ende ist Lenas Stimme immer leiser geworden, etwas das sonst nie passiert. Ich blicke zu ihr hinüber und in ihrem weißen Wolkenbademantel sieht sie wirklich fast genau so aus wie Mom.
    《Wie kommst du darauf?》, fragt Dad entrüstet. 《Wie ich schon gesagt habe, meine Entscheidung berücksichtigt das Allgemeinwohl, also kann sie nicht falsch sein, oder?》
    《Ich wollte nur sichergehen, dass deine Entscheidung durch einige unglückliche Erlebnisse nicht irgendwie .... verfälscht wurde》, antwortet Lena selbstsicher.《Vielleicht dachtest du ja, wir könnten genauso schwach werden wie Mom damals, wenn wir hierbleiben. 》Jetzt sitzt Lena kerzengerade und ihr Blick scheint Dad förmlich zu durchbohren. Ich mag diesen Blick irgendwie. Dieser Blick will die Wahrheit ans Licht bringen, egal wie versteckt oder wie offensichtlich sie ist. Ich werde diesem Blick heute wahrscheinlich zum letzten Mal begegnet sein, denn die Altruan durchbohren niemanden. Eher helfen sie, das gebohrte Loch wieder zuzustopfen. Noch eine Eigenschaft, die ich mir unbedingt angewöhnen muss.
    Schließlich ist die Tasse mit dem Kaffee, den zwei Löffeln Zucker, der Milch und dem letzten Rest Sprühsahne leer, im Gegensatz zu meinem Bauch. Lena huscht gerade mit wehendem Bademantel die Treppe hinauf. Bald wird sie anstattdessen ihr scharfes Kleid tragen und mit den High Heels wie ei Specht auf dem Boden herumklopfen. Bald werden wir uns auf den Weg zur Zentrale machen, bald wird mein Blut in die Schale mit den Steinen tropfen. Bald wird sich mein Leben von Grund auf ändern. 'Zum Wohl der Allgemeinheit.'

    9
    Alle Sechzehnjährigen der Stadt haben sich im Raum eingefunden und stellen sich nun in alphabetischer Reihenfolge an den Wänden auf. Mir wird gerade klar, dass ich wahrscheinlich zum letzten Mal in meinem Leben mit so vielen Gleichaltrigen zusammen bin. Wir alle schauen wie gebannt in die Mitte des Raumes, wo sich die fünf großen Schalen, die für die fünf Fraktionen stehen, befinden. Dort steht auch Johanna Reyes, die uns dieses Jahr durch die Zeremonie führen wird. Letztes Jahr mussten Mike und ich auch schon der Zeremonie beiwohnen und es war grauenvoll: Damals waren die Ferox für die Eroffnungsrede und das ganze Drum und Dran zuständig. Ihr Anführer Max hat die ganze Zeit so laut gebrüllt, dass er gar kein Mikrofon gebraucht hätte (aber natürlich hat er es trotzdem benutzt) und als er die Ferox genannt hat, sind seine Fraktionsmitglieder in derartiges Gejubel ausgebrochen, dass ich beinahe einen Gehörschaden bekommen hätte, und ich bin an Lärm gewöhnt.
    《Ich heiße euch alle herzlichst willkommen, meine Lieben》, ruft Johanna emotional wie alle Amite ins Mikrofon.《Aber ganz besonders will ich unsere wunderbaren Sechzehnjährigen begrüßen, die heute vor der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens stehen. 》
    Meine Lieben? Wunderbare Sechzehnjährige? Dass ich nicht lache! Aber da man während der Zeremonie der Bestimmung leise sein und das Reden einer kopflosen Idealistin überlassen soll, bin ich ausnahmsweise mal still.
    《Die Gesellschaft, die vor der unseren auf der Welt war, hat sich selbst zerstört.》
    Johanna hört sich echt so an, als würde ihr das leidtun. Dabei hatten diese Vollidioten es gar nicht anders verdient. Außerdem würde es uns mit Sicherheit gar nicht geben, wenn die Gesellschaft früher nicht in Gewalt, Manipulation und so weiter erstickt wäre.
    《Deshalb haben unsere Vorfahren das Fraktionssystem geschaffen, denn dadurch sind wir in der Lage, dem Bösen gegenüberzutreten, und zwar jeder auf seine Weise.》
    Komm mal zum Ende, für mich musst du keine Zeit schinden, damit ich mir überlege, über welcher Schale ich mir die Hand aufritzen soll. Das hat glücklicherweise schon jemand anderes für mich erledigt.
    Johanna streckt ihren Arm in Richtung der Ken aus, die in ihrer blauen Kleidung wie eine große Welle aussehen, wie es sie früher gegeben haben muss, als der See neben unserer Stadt noch größer war.
    《Wer der Unwissenheit die Schuld am Scheitern der früheren Gesellschaft gab, gründete die wunderschöne Fraktion der klugen und gelehrten Ken. Ihr seid unsere Lehrer und Wissenschaftler!》
    Die Ken verziehen großteils keine Miene. Nur einige wenige setzen ein stolzes Grinsen auf. Die Ken waren für mich schon immer sowas wie eine außerirdische Spezies, die nicht in der Lage ist, Gefühle zu empfinden und die über den normalen Menschen stehen will.
    Johanna dreht sich elegant in die Richtung der Ferox. 《Die Leute, die die Feigheit beschuldigten, das größte aller Übel zu sein, gründeten die wunderbare Fraktion der starken und mutigen Ferox. Ihr seid unsere Beschützer!》
    Vereinzelt werden die Ferox laut. Einige parodieren Johannas Rede. 《 Die Beschützer!》, höre ich einen hochgewachsenen dunkelhäutigen Ferox in den letzten Reihen brüllen. Im selben Moment hebt er eine kleine, dicke Ferox-Frau auf, die daraufhin in schallendes Gelächter ausbricht. Andere johlen, als wären sie betrunken. Vielleicht sind sie das ja sogar. Bei den Ferox kann man nie wissen. Eigentlich kann man das bei keiner Fraktion, außer bei den Candor, denn wir sind die Einzigen, die geradeheraus sagen, was wir denken, wollen, fühlen, tun. Wir? Nein, ab heute gehöre ich doch selbst zu den Ferox. Vielleicht werde ich sie durchschauen können, wenn ich selbst Teil von ihnen bin.
    《Einige Menschen waren der Meinung, der Egoismus wäre der Ursprung des Bösen. Diese gründeten die netten, bescheidenen und hilfsbereiten Altruan. Ihr seid unsere Anführer!》
    Bei den Stiff gibt es noch weniger Reaktion als bei den Ken. Ich frage mich, warum Ken und Stiff so schlecht miteinander können, wo sie sich doch so ähnlich sind. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und schaue Mike an. Er bemerkt mich gar nicht, sondern schaut in die Mitte des straßendreckfarbenen Stiff-Haufens. Ich folge seinem Blick, kann aber nichts Besonderes darin entdecken.
    Inzwischen hat sich Johanna schon der nächsten Fraktion zugewandt. 《Andere vertraten wiederum die Ansicht, Unehrlichkeit wäre für alles Böse auf der Welt verantwortlich und gründeten die großartige Fraktion der ehrlichen und verantwortungsbewussten Candor. Ihr seid unsere Richter! 》
    Großartig schön und gut, aber meint Johanna das auch wirklich so? Einige meiner früheren? Jetzigen? In wenigen Minuten ehemaligen? Fraktionsmitglieder nehmen mir das Wort aus dem Mund. Als sie sich beruhigt haben, wendet sich Johanna, die ihr nerviges Lächeln keine einzige Millisekunde abgesetzt hat, ihrer eigenen Fraktion zu. Sie habt ihre Hände, um den Amite dirigentengleich einen Einsatz zu geben.
    《Und wir, die wir in der Aggression den Grund allen Übels sehen, sind die fröhlichen und friedfertigen Amite. Landwirte und Berater!》Jeder und jede Amite im Saal hat diese Sätze mit enthusiastischer, aber trotzdem ruhiger Stimme mitgesprochen, und zwar so, dass man trotz der vielen Stimmen jede Silbe deutlich verstanden hat. Ich muss sagen, Respekt. Auch wenn ich noch nie zuvor einen Amite respektiert habe. Die Candor könnten das nicht. Dafür besitzen wir, nein, sie besitzen nicht das nötige Einfühlungsvermögen. Fast schade, aber nur fast. Wer braucht das schon?
    Johanna beginnt nun, die Sechzehnjährigen aufzurufen:《Zeno, Stanley.》
    Einer der blauen Außerirdischen geht mit erhobenem Haupt zu den fünf Schalen hin, nimmt das Messer, das Johanna ihm reicht, mit einem abwertenden Blick, positioniert sich vor der Schale mit dem Wasser drin, zögert kurz und ritzt sich schließlich quer durch die Hand. Ich habe gehört, dass sich die Ken bei ihrer Zeremonie gerne entlang einer ihrer Handlinien ritzen, der Kopflinie. Die Amite hingegen ritzen sich mit Vorliebe entlang ihrer Herzlinie. Ich weiß zwar nicht, welche Linie welche ist, aber das ist mir egal. Bei den Candor gibt es diese Rituale nicht, wozu auch?
    Die erste Wechslerin ist zugleich auch eine gebürtige Candor, genau wie ich. Ihr Name ist Esbeth Yard. Ich zähle sie nicht zu meinen Freundinnen, aber ein paar Mal habe ich mit ihr geredet. Sie hat den Ruf, selbst für eine Candor ungemein asozial und eigensinnig zu sein. Dass sie wechselt, erkenne ich schon an ihrem Aussehen: sie trägt ein kurzes kariertes Kleid über schwarzen Leggins, dazu eine schwarze Jacke. Doch im Gegensatz zur normalerweise ordentlichen, beinahe makellosen Kleidung der Candor ist jedes ihrer Kleidungsstücke zerrissen und durchlöchert. Vor allem das Kleid sieht mitgenommen aus. Ich glaube sogar, ihren Bauchnabel sehen zu können, der hinter einem fast handtellergroßen Loch herausschaut . Der Höhepunkt ihres Aufzugs ist aber ihre Frisur. Sie muss sie sich gerade erst heute oder gestern machen lassen haben. Ihre dunklen Haare sind zu Dreadlocks verfilzt, einer Frisur, wie sie vor allem die Ferox tragen. Ich verspüre geringfügige Erleichterung, dass ich nicht die einzige Wechslerin sein werde. Allerdings war das logisch, denn die Candor sind schon mehr als fünf Jahre die Fraktion, von der die meisten zu den Ferox wechseln. Esbeth nimmt das Messer aus Johannas Hand, schlitzt sich im Gehen die rechte Hand auf, hält sie mit der Handfläche nach unten über die heißen Kohlen, lässt ein paar Tropfen Blut drauf fallen und geht schnurstracks zu ihrer jetzigen Fraktion, wo sie mit einigen High-Fives begrüßt wird.
    Die nächste Candor, die Fraktion wechselt, ein dunkelhäutiges Mädchen namens Glenda, eine meiner Freundinnen, mit denen ich mich gestern unterhalten habe, wählt ebenfalls die Ferox. Das wird ja leicht. Alles Mitinitianten, die ich schon kenne. Die werden mir schon sagen, wo es langgeht.

    《Rome, Geoffrey!》
    Langsam wird es langweilig. Ich habe zwar versucht, zu beobachten, wer meine künftigen Fraktionsgenossen sein werden, bisher außer Esbeth und Glenn nur ein Ken namens Johanna-hat-zu-undeutlich-gesprochen, aber die meisten Leute hier im Raum interessieren mich herzlichst wenig. Als wäre nicht schon schlimm genug, dass mein Name erst zum Schluss hin aufgerufen wird, muss ich auch noch still stehen und darf nichts sagen, bis ich bei meiner Fraktion bin. Das ist unmenschlich.

    《Flick, Sonya!》
    Gleich ist Mike dran. Und danach ich. Endlich! Rückblickend kann ich fast nicht glauben, dass ich so lange überlebt habe, ohne etwas zu sagen. Egal. Das Jetzt zählt. Ich darf es nicht versauen. Ich muss es gut machen. Darf mir keinen Fehler erlauben. Noch zwei Leute, dann bin ich an der Reihe. Ich muss es genauso machen wie sie. Diese Sonya, die in ihrem gelben Amite-Kleid tatsächlich wie die Sonne aussieht, bemüht sich augenscheinlich, nicht zu stolpern, während sie schleppend langsam die Mitte des Raums erreicht. Als sie sich mit dem Messer entlang der Herzlinie die Hand aufritzt, lenkt ihre zitternde Hand das Messer alles andere als zuverlässig. Einmal quietscht sie sogar leise vor Schmerz oder Überraschung, aber im Vergleich zu anderen Mädchen ihrer Fraktion kann sie wenigstens Blut sehen, ohne gleich noch mehr zu zittern. Wie erwartet fallen die roten Tropfen schließlich in die Schüssel mit der weichen Erde. Sonya nimmt sich ein Pflaster, geht mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zu ihrer Fraktion und wird sogleich von einem Jungen in ihrem Alter überschwänglich umarmt. Ihr Freund, würde ich sagen, aber die Amite sehen solches Geknuddle soviel ich mitbekommen habe als normal an, deshalb kann es auch ein ganz normaler Fraktionsgenosse sein.
    《Featherlane, Michael!》
    Mike stand schon in Startposition, als Zitter-Sonya aufgerufen wurde und nun geht er erhobenen Hauptes auf die fünf Schalen zu. Mein Bruder setzt das Messer unterhalb des kleinen Fingers an, bewegt es langsam in die Richtung seines Handgelenks und als der erste Blutstropfen aus dem Schnitt fließt, befindet sich die Hand schon oberhalb der grauen Altruan-Steine. Der Tropfen fällt. Er fällt auf einen abgerundeten Stein in der Mitte, der nicht mehr grau ist, sondern rot vom vielen Blut, das heute schon auf ihn gefallen ist.
    Mike dreht sich zu den Stiff, zu denen er ab jetzt selbst gehört. Entschlossen geht er in ihre Richtung und stellt sich hinter dem straßendreckfarbenen Haufen auf. Ich werde es hinkriegen. So schwer ist das doch nicht. Hundert Leute vor mir haben es auch geschafft, und wenn sie durch eigenartiges Aussehen oder mangelnde Selbstsicherheit negativ aufgefallen sind. Ich kann von mir behaupten, dass ich keines von beidem habe, also werde ich jetzt gehen. Sowohl zu den fünf Schalen, als auch zu den Ferox.

    10
    《Featherlane, Lena!》
    Ich bin hier. Hier zwischen den ruhigen, braven Altruan. Ein Teil von mir rebelliert, will diese Fraktion sofort wieder verlassen und zu den lauten, frechen Candor gehen, meiner Geburtsfraktion. Aber ein anderer Teil meines Geistes sagt, dass genau das meine Bestimmung ist. Ich werde zwischen diesen hilfsbereiten Menschen ein ungestörtes, geregeltes Leben führen können, etwas, das bei den Candor unverwirklichbar wäre, obwohl ich einige Leute kenne, die das sehr gerne hätten. Mein Blick wandert kurz in die Mitte der sitzenden Altruan, wo Trudis feuerfarbenes Haar hervorleuchtet.
    Schau hinauf, wollen meine Gedanken zu ihr sagen, schau zu mir.
    Ich verscheuche diese emotionalen Regungen aus meinem Kopf, ich bin schließlich keines dieser Amite-Sensibelchen, die sich von einer total nebensächlichen Person, die man nur durch Zufall kennengelernt hat, abbringen lassen. Stattdessen konzentriere ich mich wieder auf meine Schwester. Lena geht langsam, fast andächtig auf Johanna zu, sie schlägt die Hacken ihrer High Heels bei jedem Schritt sehr heftig, fast gewalttätig auf den Boden. Mehrmals sieht es fast so aus, als würde sie damit ein Loch in den Stein bohren wollen. Als Lena in der Mitte des Raums angekommen ist, nimmt sie das Messer mit einer schnellen Bewegung aus Johannas Hand, doch sie führt es noch nicht zu ihrer Hand, sondern sieht noch einmal zu den Candor hinauf. Ich erkenne schnell, wen ihr Blick sucht: Dad. Er sitzt inmitten der anderen schwarz-weiß gekleideten Candor. Sie alle schauen ohne Ausnahme zum blonden, langbeinigen Mädchen mit dem glitzernden schwarzen Kleid und den gefährlichen High Heels, das in der Mitte des Raumes steht und erwarten ihren nächsten Schritt. Die meisten von ihnen wissen nicht, dass es streng genommen nicht ihr Schritt ist, den sie machen wird, sondern Dads Schritt, den er für sie ausgewählt hat. Dad mag es ganz und gar nicht, wenn man nicht das tut, was er für richtig hält, er mochte es noch nie. Da sollte man sich eigentlich vorstellen, dass seine Kinder kein recht gutes Verhältnis zu ihm haben, was ihren jugendlichen Freiheitsdrang angeht, der durch die Unterdrückung nur noch größer werden sollte. Aber dem ist nicht so. Ich für meinen Teil hatte gegen Dads Entscheidungen meistens nichts einzuwenden und wenn doch, ließ er immer noch mit sich reden, sofern man aussagekräftige Argumente hervorbrachte. Lena gehorcht Dad aber noch aus einem weiteren Grund: Zwar kann sie sich von unserer Familie im Alltag am schnellsten entscheiden (eigentlich fallen uns allen dreien Entscheidungen nicht schwer, aber bei Lena ist es eben noch einen Tick schneller als bei Dad und mir), aber sie kann keine Entscheidungen treffen, wenn sie darin keine Bestätigung bekommt, ihr niemand dabei hilft oder ihr die Entscheidung komplett abnimmt. Also vertraut sie Dad und anderen Leuten immer bei ihren Entscheidungen, einfach, weil sie das Denken nicht selbst übernehmen will.
    Lena nickt Dad kaum sichtbar zu und wendet den Blick von ihm ab. Jetzt ist er nur noch einer von vielen Leuten, die auf das blonde, langbeinige Mädchen mit dem glitzernden schwarzen Kleid und den gefährlichen High Heels in der Mitte des Raumes schauen. Früher war ich der Meinung, die Stiff, äh, Altruan wären am meisten gegen Individualismus, weil ihre Kleidung, ihre Häuser, ihre Lebensweise, selbst ihre Bewegungen total gleichförmig sind. Aber jetzt, wo ich sehe, dass selbst die Candor mit ihren vielen verschiedenen Meinungen und Einstellungen letztendlich alle schwarz-weiß sind, egal ob sie nun ein Hemd, einen Hoodie oder ein Paillettenkleid tragen, glaube ich, dass im Endeffekt alle Fraktionen ziemlich eintönig sind.
    Lena setzt das Messer an. Der erste Blutstropfen quillt aus ihrer rosigen, gepflegten Haut hervor. Es folgen weitere, die sich alle in ihrer Handfläche sammeln, wie ein See in einer Senke, der schließlich zum Wasserfall wird und in ein Meer aus Kohle tropft, die an manchen Stellen genauso rot aufglüht wie das Blut. Lena ist eine Ferox.

    《Bentley, Philipp!》
    Nachdem Lena tief in das schwarze Meer der Ferox eingetauscht ist, habe ich ihr keinen Blick mehr zugewandt. Warum auch? Wir leben nun in unterschiedlichen Fraktionen und wenn ich bis zum Rest meiner Tage bei ihr hätte sein wollen, dann hätte ich mich den Ferox angeschlossen. In diesem Fall wäre das Ende meiner Tage wohl nicht mehr so weit weg gewesen.
    Philipp geht auf Johanna zu. Genau wie Lena und ich hat er die Angewohnheit, bei jedem Schritt mit seinen Hacken fest und laut aufzutreten. Diese Gangart ist bei den Candor und Ken stark verbreitet, während es in den anderen Fraktionen kaum jemanden gibt, der so geht. Philipp setzt das Messer schon an, bevor er aufgehört hat zu gehen. Er schneidet sich nicht viel, nur einen kleinen Riss unterhalb des Mittelfingers, soweit ich von meinem Platz aus sehen kann. Der Blutstropfen, der seine Hand verlässt, fällt auf die Glasscherben der Candor.
    Schwarz und weiß, Böse und Gut, Dunkelheit und Licht, Lüge und Wahrheit. Wenn man die beiden Farben vermischt, kommt Grau heraus. Altruan-Grau.
    Während Philipp von einem Altruan ein Pflaster entgegennimmt, kreuzen sich unsere Blicke für einen Wimpernschlag. Er war der einzige, den ich, außer meiner Familie natürlich, als richtigen Freund bezeichnet habe. Aber genau wie alles andere, das mit meiner Vergangenheit zu tun hat, wurde das heute annulliert. Ich wollte es selbst nicht anders, aber Philipp hat meinen Blick bestimmt nicht umsonst gestreift. Ich weiß, wie gern er mich immer noch als seinen besten Freund hätte, aber das geht nun einmal nicht. Candor und Altruan gehen sich gegenseitig so gut es geht aus dem Weg. Also werde ich meinen ehemaligen Fraktionsgenossen in Zukunft auch aus dem Weg gehen. Philipp dreht sich von mir weg in die Richtung der Candor, zu der schwarz-weißen Menge, von der wir beide kommen, zu der aber nur einer von uns zurückkehrt.

    Es erfolgt eine Pause, nachdem sich der letzte Initiant, ein Altruan, der wie die meisten bei seiner Geburtsfraktion bleibt, hinter seine Fraktionsgenossen gestellt hat. Die Pause dauert etwa fünf Sekunden, danach haben alle Leute kapiert, dass die Zeremonie der Bestimmung zu Ende ist, außer ich. Ich dachte zuerst, Johanna bräuchte eine Verschnaufpause oder so, aber als Max, der durchtrainierte Anführer der Ferox, seine Fraktion durch ein lautes 《Auf geht's!》und einige Handbewegungen zum Gehen auffordert und gleichzeitig die meisten anderen Leute im Raum aufstehen, verstehe ich auch endlich. Ich will mich auch zum Gehen wenden, als mich jemand sanft am Arm zurückhält. Ich drehe mich um und sehe in ein Paar großer grauer Augen. Sie gehören einem relativ zierlichen Mädchen, deren Haut beinahe die gleiche Farbe hat wie ihre Altruan-Bluse, so blass ist sie. Ihre Augen liegen in tiefen Höhlen, was ihr Gesicht noch grauer aussehen lässt. Ihr Dutt ist für eine Altruan ziemlich unordentlich gemacht, hier und da stehen nämlich einige aschblonde Strähnen heraus. Sie scheint mir das Paradebeispiel einer Altruan zu sein: alles an ihr ist grau und unscheinbar, genau wie die Steine in einer der Schalen, die in der Mitte des Raumes stehen.
    《Wir bleiben hier und räumen auf》, sagt sie mit einer leisen, etwas rauen Stimme, die ebenfalls perfekt zu ihrer Fraktion passt.《Bitte weitersagen.》
    Das Mädchen zeigt an mir vorbei auf einige andere Initianten. Einer davon, ein Wechsler von den Ken, will sich auch schon auf den Weg durch die Tür machen. Also mache ich ein paar Schritte und halte ihn am Arm fest. Wahrscheinlich habe ich ihn nicht so sanft angefasst, wie das Mädchen es vorhin mit mir gemacht hat, denn er dreht sich ruckartig und mit aufgerissenen Augen nach mir um.
    《Wir räumen jetzt noch hier auf》, sage ich, bestimmt nicht so Altruan-mäßig wie das Mädchen. Ich habe noch nie daran gedacht, wer die Stuhlreihen aufstellt oder die fünf Schalen füllt. Jetzt weiß ich es: selbstverständlich die Altruan, die doch immer alle derartigen Aufgaben freiwillig übernehmen.
    Als alle anderen gegangen sind, machen sich die Altruan sofort an die Arbeit: es beginnt eine regelrechte Invasion von grau gekleideten Personen, die sich im ganzen Raum breitmachen, um die Stühle aufzustapeln. Wieder andere verlassen den Raum durch Seitentüren und kehren kurze Zeit später mit Besen und Eimern zurück. Ich mache mich mit einigen anderen auf den Weg zu den fünf Schalen. Im Gehen versuche ich, Trudis flammendes Haar auszumachen, verwerfe den Gedanken aber gleich wieder. Es gibt so viele Altruan und sie alle sind in Bewegung. Trudi könnte vom einen Moment auf den anderen wieder in der Menge verschwinden.
    Bei den Schalen angekommen finde ich mich vor neben dem grauen Mädchen wieder, das gerade einen Eimer Wasser aus der Schale der Ken schöpft. Sie dreht sich vorsichtig um, um bloß kein Wasser zu verschütten und drückt mir den randvoll gefüllten Eimer behutsam in die Hand.
    《Schütt es zu den Kohlen》, sagt sie und zeigt in die Richtung der entsprechenden Schüssel, wo schon ein anderer Altruan einen Eimer Wasser hineinschüttet. 《Und wenn dort keins mehr gebraucht wird》, schlägt sie vor,《schütt es in den Abfluss oder gib es den Blumen. Trinken würd ich's nicht, da ist Ken-Blut drin.》
    Ich mache mich auf den Weg zur Ferox-Schale, mit mindestens genauso vorsichtigen Bewegungen wie das Mädchen, als sie mir den Eimer gegeben hat. Als ich am Ziel bin und den schweren Eimer gerade ganz langsam hebe, taucht neben mir ein dunkelhaariger Altruan auf, der mir sofort mit dem Eimer hilft.
    《Warum ist der Eimer denn so randvoll?》, fragt der Mann. 《Es ginge viel einfacher, wenn man ihn nicht so voll auffüllen würde. Da müsste man sich auch nicht darauf konzentrieren, nichts zu verschütten.》
    Da hat er recht. Wie doof kann man nur sein, dass mir das nicht eingefallen ist! Schließlich gelingt es uns, das Wasser mehr oder weniger gleichmäßig auf die Kohlen zu schütten, die darauf zu zischen und zu rauchen beginnen. Das rote Glühen erstirbt und ich mache mich wieder auf den Weg zum grauen Mädchen. Ich rate ihr, die Eimer nicht mehr so randvoll zu füllen, worauf sie antwortet, es wäre sowieso nicht mehr so viel Wasser in der Schale, und mir einen neuen, nur noch zu etwa drei Vierteln gefüllten Eimer in die Hand drückt. Diesmal gehe ich damit zur Toilette im Flur und schütte das Wasser dort hinein. Langsam, damit nichts auf den Boden tropft. Anschließend befülle ich noch selbst einige Eimer mit der feuchten Kohle, die jetzt mit Zischen und Rauchen aufgehört hat. Auf die Dauer wird es anstrengend, mit Kohle gefüllte Eimer aus der Schale zu hieven, aber wenn mein zukünftiges Leben aus Tätigkeiten wie dieser bestehen soll, habe ich wohl kein Problem damit. Jedenfalls bis jetzt noch nicht.

    11
    Regel Nr.1, wenn du Initiant bei den Ferox sein willst: Ziehe niemals High Heels an; du weißt nicht, wann du das nächste Mal sportlich aktiv sein musst.

    《Auf geht's!》
    Max unterbricht das Schweigen, das für einige Sekunden eingetreten ist. Die Zeremonie der Bestimmung ist vorbei. Meine Zeit bei den Candor ist vorbei. Meine Zeit bei den Ferox beginnt. Die anderen Ferox stürmen zur Tür, um ja als erste aus der Zentrale heraus zu sein. Ich folge ihnen, aber schon als ich die Treppe erreiche, sehe ich ein, dass es ein Fehler war, High Heels anzuziehen. Die letzten Ferox rennen an mir vorbei und das Treppenhaus hinunter, als ich meine Schuhe ausziehe. Meine Strumpfhosen werden nach dem Lauf bestimmt genauso durchlöchert sein wie Esbeths Kleid, von meinen Füßen gar nicht zu reden, aber wenn ich mithalten und nicht fraktionslos werden will, muss ich barfuß laufen.
    Bereits im Treppenhaus überhole ich mindestens die Hälfte der Initianten und halte die High Heels währenddessen fest in meiner Hand. Als ich draußen bin, sind Max und die älteren Ferox schon vorausgelaufen, in Richtung Bahnsteig. Aus der Ferne kommt ein Zug angedonnert. In dem Moment, als ich den Bahnsteig erreiche, bremst der Zug um eine Winzigkeit ab. Nicht viel, aber laut den Ferox wie es aussieht genug, um gefahrlos hineinzuspringen. Mittlerweile kommen auch die restlichen Initianten nach und nach an. Ich schaue kurz zurück und sehe, dass nur noch einzelne auf der Straße sind: eine Ken mit zerzausten dunkelbraunen Haaren, ein weiterer dieser Aliens, der verdächtig nach ihrem festen Freund aussieht und Joachim Marshall, ein Wechsler von den Candor. Sie haben gerade die Straße überquert, die heute von den solarbetriebenen Autos der Ken nur so wimmelt. Viele von ihnen wollen wohl so schnell wie möglich wieder in ihr Quartier. Als die brüllende Masse der Ferox davor die zerbeulte Straße in Beschlag genommen hat, haben sie die Autos alle wie von Zauberhand angehalten. Zwar gab es ein kleines Hupkonzert, aber erst jetzt beginnen sie sich wieder zu bewegen, als seien sie aus einer Starre erwacht. Plötzlich ertönt mehrere Sekunden lang ein lautes Hupen. Gegen Ende wird es mit einem schockierten Schrei vermischt. Eines der schwarzen Ken-Autos versucht offensichtlich zu bremsen, aber bei der Geschwindigkeit, die es gerade noch hatte, braucht es dafür viel zu lange. Der Schrei hat aufgehört. Das Auto fährt langsam auf der holprigen Straße weiter. Der leblose Körper einer Amite kommt unter dem Auto zum Vorschein. Für Amite ist ihr Kleid aber ziemlich komisch geschnitten, überhaupt nicht luftig und locker, sondern eher.... steif. Ich sehe noch einmal genau hin und erkenne, dass das Rot auf ihrem Kleid ausschließlich von ihrem Blut kommt. Die wenigen Stellen, die nicht von Blut bedeckt sind, haben eine ganz andere Farbe: Grau. Eine Stiff. Sie wäre eine meiner Mitinitianten geworden, aber für sie ist hier Endstation und, wer weiß, vielleicht war es sogar ein relativ schmerzloser Tod im Vergleich zu den Gefahren, die die Ferox während der Initiation bewältigen müssen. Außerdem hätte es eine Stiff sowieso nie lebend ins Hauptquartier der Ferox geschafft, also kann sie froh sein, jetzt schon ausgeschieden zu sein. Übrigens ist es sogar besser von einem Auto überfahren zu werden, als für immer fraktionslos zu sein, also hat es die Stiff ziemlich gut getroffen.
    Ich kann schon das Beben der Gleise hören und als ich mich umdrehe, fährt der Zug gerade in den Bahnsteig ein und ich bin wirklich froh, dass ich meine Schuhe schon vorhin ausgezogen habe. Zwar habe ich mir die Zehenballen beider Füße derart aufgeschürft, dass ich unter anderen Bedingungen wahrscheinlich sogar den Arzt gerufen hätte, vor allem, weil ich mir auch noch beinahe den kleinen Zeh gebrochen habe, als ich mit meinem linken Fuß gegen eine abgebrochene Straßenlaterne gestoßen bin. Meine Strumpfhosen sind auch schon völlig durchgescheuert, aber wenn das für ein Leben bei den Ferox notwendig ist, komme ich schweren Herzens damit aus. Die älteren Ferox springen schon in den vordersten Waggon und auch die gebürtigen Initianten rennen schon wie die Wilden neben dem Zug her, als würden sie ein Wettrennen gegen den Zug veranstalten. Bei Wettrennen bin ich ganz groß, also wird es keine große Schwierigkeit für mich darstellen, den Zug zu erwischen. Ein Wechsler von den Ken macht den Anfang und springt in den Zug. Dabei macht er aber keine besonders gute Figur und fällt mit dem Gesicht nach unten auf den Boden des Zuges. Schnell rappelt er sich wieder auf. Gut so, denn jetzt bin ich an der Reihe. Ich nehme Anlauf, bereite mich auf den Absprung vor, spanne meine Muskeln an und... jaule auf. Etwas Hartes, Spitzes steckt in meinem rechten Fuß und drückt bestialisch gegen meine ohnehin schon lädierte Fußsohle. Mein Oberkörper klatscht auf den Boden des Zuges, während meine Beine vom Fahrtwind immer weiter nach hinten gedrückt werden. Ich muss mich irgendwo festhalten, wenn ich nicht aus dem Zug fallen und den Rest meines Lebens als Fraktionslose fristen will. Der Ken, der vorhin als erster auf den Zug gesprungen ist, hat das wohl auch kapiert und streckt mir die Hand hin. Ich ziehe mich hoch und Tränen treten mir in die Augen, als ich mit dem Fuß, in dem das spitze Ding steckt, auftrete. Ich setze mich auf den Boden und ziehe das Ding aus meinem Fuß heraus. Es war nur ein kleiner Stein, aber er hat sich schon so tief in mein Fleisch gegraben, dass eine kleine Quelle aus dunklem Blut aus meiner Fußsohle hervorsprudelt, nachdem ich ihn entfernt habe.
    《Hallo, ich bin George》, sagt der Ken, der sich inzwischen neben mich gesetzt hat, in einer ruhigen Stimme. Ich blicke auf und sehe, dass um mich herum etwa fünf blaue Außerirdische sitzen und kein einziger Candor. Haben sie es denn alle nicht geschafft?
    《He, Lena!》, höre ich einen Ruf hinter mir. Ich drehe mich um und sehe Glenn auf mich zukommen. Ich stehe auf und gehe zu ihr. Auch die anderen Candor gesellen sich zu uns.
    《Nick ist beim Absprung gegen die Wand geklatscht und liegt jetzt bewusstlos auf dem Bahnsteig》, erzählt mir Glenn.《Er ist über deine Schuhe gestolpert und deshalb zu spät gesprungen. Was hat dich eigentlich dazu geritten, mit High Heels zu den Ferox zu gehen?》
    Meine High Heels! Ich muss sie fallen gelassen haben, als ich auf den gefährlichen Stein getreten bin.
    Der Zug nimmt wieder Fahrt auf und wir setzen uns alle hin, bis auf Esbeth, die den ganzen Waggon erkunden will. Bis auf die Außerirdischen wird sie nicht viel Interessantes finden. Nach ihrer einminütigen Erkundungsmission kommt sie wieder zu uns zurück.
    《Und, hast du etwas Spannendes zu berichten, große Entdeckerin?》, fragt Joachim mit einem sarkastischen Unterton.
    《Wie man es nimmt, Joey》, antwortet Esbeth. 《Unsere Mitinitianten scheinen ziemlich interessant zu sein: ein Zwillingspaar, ein Liebespaar und》, Esbeth macht ein Kunstpause, die ich gerade unterbrechen will, als sie ihre Rede beendet:《Burton alias der Rülpsweltmeister!》
    《Na das passt ja zu den Ferox!》, werfe ich ein.
    《Ich glaube, wir sollten uns von ihm beibringen lassen, wie man absichtlich rülpst, wenn wir bei den Ferox dazugehören wollen》, antwortet Glenn scherzhaft und die anderen lachen ausgelassen.
    Die Sonne geht unter und taucht die Skyline der Stadt in goldenes Licht, als der Zug abermals zu bremsen anfängt. Joey ist der Erste, der zur geöffneten Tür hinausschaut. Wir anderen folgen ihm. Der Zug befindet sich mehrere Meter über dem Boden und mit mehrere meine ich, dass man nach einem Sprung aus dieser Höhe hundertprozentig tot wäre. Der erste Waggon fährt gerade beim Dach eines Hauses vorbei und ein Haufen schwarzer Schatten springt aus dem Zug auf das Dach.
    《Wollen die uns umbringen oder was?》, rufe ich aus.
    《Wahrscheinlich》, antwortet Esbeth. Ihre Augen leuchten wild und ein verrücktes Grinsen umspielt ihre Lippen.
    Als unser Waggon am Dach vorbeirast, sind Esbeth und ich die ersten, die springen. Joey und Glenn springen nach uns ab, dass wir uns nicht gegenseitig anrempeln. Mit einem Mal spüre ich wieder den Schmerz in meinen Fußsohlen. Hoffentlich hindert er mich nicht daran, das Dach relativ unbeschadet zu erreichen. Dieses Mal verläuft der Absprung zum Glück ohne größere Schwierigkeiten. Für eine Sekunde fliege ich schwerelos durch die Luft, in der nächsten prallen meine Knie schmerzhaft gegen das mit Schotter ausgelegte Dach. Wieder bohren sich kleine Steine in meine Haut und schürfen meine Hände und Knie auf. Ich stehe auf und blicke an mir herab. Meine Strumpfhosen sind mittlerweile so durchlöchert, dass nicht einmal mehr Esbeth dafür Verwendung hätte und der Saum meines Kleides ist bei der Landung auf dem Dach auch zerfetzt worden. Die Pailletten hängen nur noch lose herab. Aber was soll's, Ich bin hier wohl die Letzte, die sich Gedanken über die richtige Kleidung machen sollte. Am Rand des Daches stehen die Ken-Wechsler und glotzen in den Spalt zwischen dem Haus und den Schienen. Wahrscheinlich ist einer ihrer Freude in den Tod gestürzt, aber was kümmert es mich. Max macht sowieso gerade alle darauf aufmerksam, dass wir auf die andere Seite des Daches gehen sollen. Ich komme wie üblich als Erste an und erhasche auch als Erste einen Blick auf unsere nächste Prüfung: Der Sprung ins Unbekannte, in diesem Fall in ein großes schwarzes Loch. Das muss der Eingang zum Hauptquartier der Ferox sein. Aber wenn das der Eingang ist, wo ist dann der Ausgang?
    《Liebe Initianten, wir überlassen euch den Vortritt. Wer von euch will zuerst springen?》, sagt Max mit einer überschwänglichen Geste.
    《Und warum springst du nicht zuerst?》, frage ich trotzig. Und um noch eins draufzulegen:《Wenn du als Letzter hier übrigbleibst, wer sagt denn, dass du überhaupt runterspringst? Vielleicht öffnest du ja auch einen Geheimgang hier irgendwo und schleichst ganz ängstlich und leise ins Hauptquartier und niemand erfährt je, dass du selbst noch nie gesprungen bist!》
    Wie es aussieht, habe ich Max beleidigt. Das war zu erwarten. Mit einem großen und schnellen Schritt ist er bei mir und sein Blick bohrt sich in meinen. Er hat fast die gleiche Augenfarbe wie Mom, nur etwas dunkler. Vermischt mit ein bisschen Kotzgrün von Dads Augen ergibt es die Augenfarbe von Mike und mir.
    《Ich glaube, da hat sich gerade jemand freiwillig gemeldet, den Anfang zu machen》, sagt Max bedrohlich und mit einem Grinsen im Gesicht. Ich gehe in meinem Kopf die Liste der vielen Schimpfwörter durch, die ich in meinem Leben aufgeschnappt habe und überlege, welches ich Max entgegenschleudern könnte, da treten plötzlich die vier überlebenden Ken hervor. Ein großer, langer Junge mit warmen grünen Augen, die durch seine große eckige Brille betont werden, macht den Anfang. Er nimmt besagte Brille, die wahrscheinlich nur aus Fensterglas gemacht ist, von der Nase und schmeißt sie in einem weiten Bogen die Dachkante hinunter. In dem Moment, als die Brille auf dem Pflaster zerschlägt, springt der Ken in das Loch. Nach einigen Sekunden hören wir einen Ruf von unten, dass der nächste Initiant springen kann. Offensichtlich warten unten im Loch andere Ferox. Ein weiterer Ken-Initiant tritt an die Kante. Er sieht genauso aus wie der Erste Springer. Das Zwillingspaar, von dem Esbeth gesprochen hat. Ich frage mich kurz, wie es wohl wäre, wenn Mike mich zu den Ferox begleitet hätte. Wahrscheinlich wäre es ihm ähnlich gegangen wie Nick, auch ohne meine High Heels. Als nächstes fragt das Liebespäärchen, ob es zusammen springen kann, was Max mit 《Was für überflüssige Fragen stellt ihr Birnen eigentlich?》bejaht. Ich erkenne, dass es sich bei dem Jungen um diesen George handelt, der mir beim Einstieg in den Zug geholfen hat. Er nickt mir kurz zu, was Max seinem auffordernden Blick zu urteilen auch gesehen hat. Nachdem alles bereit zum Sprung ist, schiebt Max mich mit einem höhnischen Grinsen an die Dachkante. Ich sehe mich ein letztes Mal auf dem Dach um: meine drei Mitfraktionswechsler und die gebürtigen Ferox stehen noch hier und sehen mich alle an. Ob letztere schon wissen, was sie dort unten im schwarzen Loch erwartet? Mit Sicherheit führt dieses Loch in ihr Hauptquartier, denn es ist genau so schwarz wie die Ferox-Schatten, die mich wahrscheinlich nie wieder verlassen werden, weil ich bald selbst einer sein werde. Ich wende mich von ihnen ab und schaue die Dachkante hinunter, um mich zu vergewissern, dass ich an der günstigsten Stelle stehe (was ich tue) und springe ins Nichts.

    12
    Der Versammlungsraum der Altruan ist groß. Genauso wie der Tisch, an dem wir alle sitzen. Ja, wirklich alle. An diesem Tisch könnte im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Fraktion Platz nehmen. Und es sind auch alle da, Kinder, Alte und Kranke ausgenommen. Das erscheint mir ziemlich komisch. In der Schule waren meine Altruan-Mitschüler immer allein oder in kleinen Gruppen unterwegs und jetzt sitzen wir alle an ein und dem selben Tisch. Ich bin irgendwo im Nirgendwo zwischen dem Grauen Mädchen und einer früheren Candor namens Vivian gelandet. Letztere macht einen etwas besorgten Eindruck. Wahrscheinlich irritiert es sie, dass wir nicht wissen, was jetzt kommt; mir geht es jedenfalls so. Das Graue Mädchen schiebt ihren Stuhl fast vollkommen lautlos zur Seite, als sie sich hinsetzten will, ein Kunststück, das mir nicht gelingt. Mein Stuhl kratzt regelrecht aggressiv gegen den Boden und als ich endlich sitze, sieht mich in etwa die halbe Fraktion an. Aber nicht wütend oder genervt, sondern eher flehend. Aus purem Zufall sehe ich jetzt endlich auch Trudis sanften, schokoladenbraunen Blick. Doch sie wendet ihn schnell von mir ab und einer Gruppe von Leuten zu, die von meiner Sicht aus links vom Tisch stehen. Den einen oder anderen habe ich schon des Öfteren in der Zeitung gesehen: die Fraktionsführer.
    《Willkommen, liebe Initianten, liebe Freunde und Fraktionsgenossen!》, begrüßt uns ein ziemlich alter Mann, der in der Mitte der Gruppe steht.
    《Heute haben sich einundzwanzig junge Menschen dafür entschieden, den Weg der Selbstlosigkeit einzuschlagen》, fährt eine Frau mit vernarbten Händen fort. 《Und das wollen wir feiern.》
    Die Altruan feiern? Das glaube ich eher nicht. Vermutlich ist es eine Frage der Definition, ob man überhaupt irgendeine Aktivität der Altruan als Feier bezeichnen kann. 《Die Kollegen Prior und Eaton verteilen nun das Manifest der Altruan. Je ein Manifest für zwei Personen.》
    Die Kollegen Prior und Eaton, zwei Männer in den Zwanzigern, die sich mit je einem Stapel Blätter in den Händen vom Rat wegbewegen, sehen in einiger Entfernung völlig gleich aus, aber als sie näherkommen, sehe ich, dass ihre Gesichtsformen völlig unterschiedlich sind. Auch die restlichen Altruan sehen nur von weiter weg alle gleich aus. Die gleichförmige Kleidung macht es sogar leichter, die individuellen Einzelheiten eines jeden zu erkennen, wenn man nur nahe genug dran ist. Einer der Kollegen - woher soll ich wissen, ob es Prior oder Eaton ist? - legt drei zusammengetackerte Blätter zwischen mich und das Graue Mädchen. Das soll das Manifest der Altruan sein? Ich weiß ja nicht viel über die Manifeste, aber das Manifest der Candor habe ich jedes Mal gesehen, als ich für die Hausaufgaben an den Computer gehen musste. Rechts neben dem Computer, auf einem kleinen Lesepult, um es noch besser zur Geltung zu bringen, liegt das Manifest der Candor meines Vaters. Weißer Umschlag, schwarze Schrift und mehr als hundert Seiten lang. Der Text, mit der das Manifest der Altruan bedruckt ist, ist außerdem riesig im Vergleich zu dem im Manifest der Candor. Wären der Text und die Zeilenabstände normal groß, oder eher normal klein, hätte das ganze Manifest auf einer einzigen Seite ziemlich genau Platz. Der Kollege, der mir das Manifest ausgeteilt hat, hat sich wieder hingesetzt, genau wie die Räte, die uns begrüßt haben. Ein stämmiger, mittelalter Mann gibt uns die Anweisung, dass wir alle zusammen das Manifest lesen würden, bis wir Initianten den Sinngehalt verstanden hätten. Der Mann liest mit einer tiefen, ruhigen Stimme vor, wir alle lesen leise mit. Jedenfalls die wenigen, die ein Manifest bekommen haben. Der Großteil der Altruan, darunter auch die beiden Kollegen, haben kein Manifest vor der Nase. Viele formen lautlos die Mundbewegungen des Vorlesers nach. Wie lange dauert es wohl, das Manifest auswendig zu können? Die Altruan werden von den Ken oft als nicht besonders schlau dargestellt und bei der Länge und Beschaffenheit ihres Manifestes kann ich das auch nachvollziehen. Die Sätze sind verdammt unkompliziert, aber trotzdem steckt in jeder Zeile mindestens ein Grund dafür, die Selbstlosigkeit zu leben. Als wir alle das Manifest zu Ende gelesen haben, verstehe ich zum ersten Mal den Sinn dieser grauen Gesellschaft, der ich mich angeschlossen habe: Die anderen Fraktionen schauen alle nur auf sich selbst, auf ihre eigene Fraktion, während die anderen Fraktionen sie nichts angehen. Bei den Candor ist das sogar am besten sichtbar: Wenn ich früher mit Lena, Dad oder meinen Freunden über die anderen Fraktionen gesprochen habe, haben wir nur über das Wenige gesprochen, das wir gesehen haben und sehen wollten. Das Oberflächliche. Die Altruan helfen allen Menschen, egal ob es Candor sind oder Ken oder Fraktionslose. Für sie sind alle Menschen wertvoll.
    《Das kannst du behalten, wenn du willst》, sagt das Graue Mädchen und zeigt auf das Manifest.《Damit kannst du dir immer vor Augen halten, wofür du hier bist.》
    Ich zucke mit den Schultern. Wenn jemand, der schon länger bei den Altruan lebt als ich das sagt, wird es wohl in Ordnung sein. Aber brauche ich das überhaupt? Oder braucht es .... jemand anderes?
    《Brauchst du es denn nicht?》, frage ich das Mädchen und bekomme währenddessen einen kleinen heimlichen Anflug von Stolz, weil ich jetzt schon wie ein Altruan gedacht habe.
    《Nein, ich habe schon eines, aber trotzdem danke》, antwortet sie.
    Natürlich, wenn sie bei den Altruan aufgewachsen ist, werden ihre Eltern ihr das Manifest wahrscheinlich schon seit dem Kindergarten als Gutenachtgeschichte vorgelesen haben. Ich bezweifle, dass sie unterhaltsamere Bettlektüren beitzen. Ich falte das Manifest halbwegs ordentlich zusammen und stecke es in meine Hosentasche. Jetzt werden wir darauf angewiesen, dass in Kürze ein kleines Willkommensessen stattfindet, wobei jeder seinen linken Sitznachbarn bedienen soll. Ich begreife erst nach ungefähr fünf Sekunden, dass auf diese Weise jeder etwas bekommt. Ich dachte immer, die Altruan seien ziemlich unkreativ, aber so etwas würde den meisten Candor nicht einmal im Traum einfallen, vor allem, weil viele Candor nur sehr selten träumen. Den letzten Traum, an den ich mich erinnere, habe ich eine Woche nach Moms Rauswurf geträumt:
    Ich war im Gebiet der Fraktionslosen und fand nicht mehr zurück nach Hause. Als ich endlich den Merciless Mart die kleineren baufälligen Häuser habe überragen sehen, sind plötzlich eine ganze Menge Leute von allen Seiten zu mir gerannt und geradewegs die Straße entlang zum Mart. Ich habe natürlich versucht, mitzurennen, aber unsportlich wie ich bin, war ich bald ganz hinten und bin immer mehr zurückgefallen. Als die ersten Läufer das Viertel der Fraktionslosen verlassen haben, stand auf einmal Mom vor mir und schnitt mir den Weg ab. Ich konnte mich aus irgendeinem Grund gar nicht mehr bewegen. Schließlich bin ich aufgewacht, aber ich weiß noch genau, was Mom in diesem Moment gesagt hat: 《Bleib bei mir.》
    Aber ich bin nicht geblieben und da bin ich auch froh. Ich will gar nicht wissen, wohin mich dieser hirnrissige Traum noch geführt hätte.
    Inzwischen sind einige Altruan aufgestanden und haben den Raum durch eine Seitentür verlassen. Ich bemerke ihre Abwesenheit erst, als ich die leeren Sitzplätze sehe. Wieder sind die Altruan sehr leise und unauffällig verschwunden. Wenn das zu den Dingen gehört, die ein jeder Initiant lernen muss, wird die Initiation für mich womöglich verlängert werden müssen. Die verschwundenen Altruan kommen nach kurzer Zeit wieder in den Versammlungsraum, sie halten Tabletts in den Händen und schieben Speisewägen. Als sie alles auf dem Tisch abgestellt haben, unterdrücke ich mit aller Kraft den Drang, mich auf die Aprikosenmarmelade zu stürzen. Seit dem Mittagessen habe ich nichts zwischen die Zähne bekommen und da habe ich nur die Hälfte von dem gegessen, was ich normalerweise zu mir nehme, weil ich Angst hatte, mich vor Aufregung zu übergeben. Das ist zum Glück nicht passiert.
    《Was soll ich dir bringen, Michael?》
    Vivians Stimme bringt mich wieder in die Gegenwart zurück. Ich drehe mich zu ihr um. Ihre Stimme klingt leise, freundlich und absolut nicht aufdringlich. Ich kannte sie kaum, als sie noch bei den Candor war, aber ich weiß, dass dort jedes Kind früher oder später in einem Ton zu sprechen lernt, der überhaupt nichts mit Vivians Frage gemein hat.
    《Brötchen mit Butter und Aprikosenmarmelade》, antworte ich.
    Das Graue Mädchen zischt auf der anderen Seite von mir etwas in meine Richtung, aber so leise, dass ich es fast nicht wahrgenommen hätte. Ich drehe mich nun zu ihr und frage:《Was?》
    《Du hättest 'bitte' sagen sollen》, flüstert sie zurück. Ihre Finger klopfen lautlos auf die Tischplatte. 《Und danach sagst du 'danke'. Verstanden?》
    Und ob ich verstanden habe. Beinahe hätte ich mir mit der Handfläche gegen die Stirn geschlagen, wäre mir nicht im letzten Moment eingefallen, dass eine schnelle Bewegung ein weiterer Fehler von meiner Seite gewesen wäre. Stattdessen nicke ich. Da sehe ich hinter dem Grauen Mädchen, wie sich eine einzelne Altruan aus dem Menschengewimmel am Kopfende des Tisches löst, von weitem zu erkennen durch ihr rötliches Haar. Trudi kommt in meine Richtung. Ich sehe in ihr anmutiges Gesicht, auf dem sich ein klitzekleines Lächeln breitmacht. Auch mir ist nach Lächeln zumute, vor allem, als ich sehe, was für witzige Muster die Reflexionen der Blechschüsseln auf dem Tisch in ihre Augen zeichnen. Alles um mich herum ist leise, sodass ich das unscheinbare Tappen von Trudis Schritten auf dem kalten Steinboden zu hören glaube. Schritte, die sich mir nähern. Sie sind schon ganz nah und bald ragt Trudis langer Körper hinter dem Stuhl des Grauen Mädchens auf. Doch anstatt sich mir zuzuwenden, greifen ihre dünnen Hände zu einer großen Salatschüssel. Während sie damit beschäftigt ist, einen Teil des Salats in einen nicht besonders hochwertig aussehenden Keramikteller zu schöpfen, öffnet sie ihre schmalen Lippen:《Solltest du nicht auch etwas für Angeline holen, Michael?》
    Ich realisiere erst nach einer Sekunde, dass diese Frage an mich gerichtet ist. Trudi hat mich nämlich nicht einen Augenblick lang direkt angesehen, als sie mit mir gesprochen hat und ihre Stimme klang so weit entfernt, so unerreichbar. Ich nicke unmerklich und wende mich wieder dem Grauen Mädchen - Angeline - zu. In meiner Frage schaffe ich es zwar nicht, ein 'bitte' oder 'danke' einzubauen, aber ansonsten klang ich hoffentlich höflich genug für einen angehenden Altruan.
    Wie es sich herausstellt, steht Angeline mehr auf Erdbeer- anstatt auf Aprikosenmarmelade. Erstere war mir schon immer suspekt, weil die kleinen grünen Kernchen, die auf der unverarbeiteten Frucht zu sehen sind, nach dem Einkochen immer spurlos verschwinden. Jedenfalls habe ich noch nie eine Erdbeermarmelade gesehen, die besagte Kernchen beinhaltet.
    Die Marmelade der Altruan stellt dabei keine Ausnahme dar. Als ich einen Teller auf Angelines Platz stelle, kommt sie gerade aus der anderen Richtung zurück. 《Bitte sehr》, sage ich so sanft wie möglich. Ich wusste schon vorher, dass höfliche Menschen Derartiges sagen, ich selbst habe diese Floskel aber noch nie ausgesprochen. Angeline setzt sich mit einem leise gehauchten 《dankeschön》hin. Ihre kurzen Beine schwingen etwas durch die Luft, während sie das erste Brötchen in die Hand nimmt.
    《Guten Appetit》, flüstert die Frau links von ihr. Noch eine dieser Floskeln, die ich mir unbedingt einprägen muss! Als Vivian rechts von mir den Satz wiederholt, konzentriere ich mich schlagartig auf mein eigenes Essen. Keine zu schnellen Bewegungen, ermahne ich meine Hand, als sie nach einem mit goldgelber Marmelade bestrichenen Brötchen greift. Endlich bekomme ich etwas zu futtern! Ich beiße in die dunkle Brotscheibe - und muss mich zwingen, die nicht sofort wieder auszuspucken. Die Marmelade beinhaltet so gut wie keinen Zucker.

    13
    Regel Nr. 2, wenn du Initiant bei den Ferox sein willst: Deine jetzigen Fraktionsgenossen sind interessant, absolut nicht langweilig und noch weniger vorhersehbar, also stell dich auf nichts ein.

    Ich weiß nicht, ob ich geschrien habe, als ich gefallen bin. Ich weiß nicht, ob ich in der Luft wie wild herumgefuchtelt habe oder ob ich starr war wie ein Brett. Ich weiß nur, dass es jetzt vorbei ist, weil ich unter mir etwas spüre. Es ist ein Netz. Und um das Netz stehen ein Haufen schwarz gekleideter Menschen. Eine junge Frau mit üppigen schwarzen Haaren, die ihr fast bis zu den Hüften reichen, streckt ihre Hand nach mir aus. Ich ergreife sie und die Frau zieht mich aus dem Netz heraus. Als ich auf meinen Füßen aufkomme, fällt mir wieder ein, dass ich den ganzen Weg von der Zentrale bis zum Zug ohne Schuhe gelaufen bin und verziehe das Gesicht, als ein stechender Schmerz meine Füße durchfährt. Ich mache die schwarzhaarige Ferox darauf aufmerksam. Dieser entfährt ein kleines Lachen. 《Wie hast du denn das geschafft?》
    Ich erzähle ihr in wenigen schnellen Sätzen von meinen High Heels und noch heftiger kichernd als zuvor verschwindet die Ferox in den Schatten. Jetzt fällt mir zum ersten Mal auf, wo ich mich befinde. Das Hauptquartier der Ferox scheint offenbar eine Art Höhle zu sein. Ich sehe mich um und erblicke die vier Ken, die ein paar Meter von mir entfernt stehen. Ich gehe zu ihnen, warum ich das tue, weiß ich nicht so genau. Wahrscheinlich, weil sie meine Mitinitianten sind und ich sie früher oder später sowieso kennenlerne. Als ich neben ihnen zu stehen komme, bemerke ich, dass einer der Jungs und eine ziemlich tätowierte Ferox in eine feste Umarmung verschlungen sind. Die Zwillinge, die daneben stehen, schauen abwechselnd zum Netz, zu ihrem Kollegen und zu dessen Freundin, die offensichtlich eifersüchtig auf die Ferox ist. Ich bemerke zum ersten Mal, wie zierlich sie ist.
    《Ich weiß es ja nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, dass du während der Initiation Schwierigkeiten wegen deiner Statur bekommen könntest.》, sage ich zu ihr.
    Das Mädchen reißt ihren Blick von ihrem Freund und wendet sich mir zu:《Fordere mal einen richtig großen, bulligen Typen dazu auf, einen Klimmzug oder einen Handstand zu machen.》
    Ihre Stimme ist lauter, als ich vermutet habe und klingt kühl und arrogant, wie man es von einer Ken erwartet. Aber sie ist ja keine Ken mehr, sondern eine Ferox, auch wenn sie noch nicht danach aussieht. Apropos, die Ferox und der ehemalige Ken haben sich endlich voneinander getrennt, was das Mädchen mit einem Lächeln bemerkt.
    《Na endlich hörst du mit der Gefühlsduselei auf, George》, meint der eine Zwilling - bilde ich es mir nur ein oder ist sein Gesicht etwas schmaler als das seines Bruders? - mit scherzhafter Miene.
    《Ja, stimmt》, pflichtet ihm der andere Zwilling bei. Er klingt viel ruhiger und sein Ton ist ziemlich ernst. Er gestikuliert auch ganz wenig, sondern stützt sich mit den Armen hinter dem Rücken an der Wand ab. 《Silvia hat schon ganz eifersüchtig geschaut》, fügt er hinzu und wieder höre ich in seiner Stimme nicht den Hauch von Belustigung. Er sieht eher angespannt aus. Kann ich ihm aber nicht verübeln, denn auch mir ist dieses riesenhafte Loch, in dem wir uns alle befinden nicht ganz geheuer.《Sie ist jetzt sicher froh, dass sie sich wiederhat.》, fährt er schon etwas lockerer fort.
    George, die Ferox, bei der es sich unverkennbar um seine Schwester handeln muss und der Erste Zwilling lachen bei dieser Bemerkung leise, während Silvia, das zierliche Mädchen mit den zerzausten Haaren, den Zwilling mit der ruhigen Stimme zornig anfunkelt. 《Habe ich euch allen nicht mindestens zehnmal gesagt, dass ich jetzt, wo für uns alle ein neues Leben beginnt, nicht mehr mit meinem grässlich klingenden Taufnamen angesprochen werden will, sondern für alle einfach nur Sylvie heiße?》
    Obwohl Silvia, oder Sylvie, wo auch immer der gravierende Unterschied zwischen den beiden Namen liegt, den drei Jungs nur fast bis zur Schulter geht, wirkt sie, während sie den Zwilling wegen ihres Namens zusammenstaucht, mindestens genauso groß wie er, vor allem, weil er immer noch keine auch noch so kleine Bewegung macht.
    《Wie haben's kapiert, Schatz》, antwortet George, legt Sylvie einen Arm über die Schulter und macht Anstalten, sie hochzuheben, da bemerkt er mich. Auch die beiden grünen Augenpaare der Zwillinge und die dunkelbraunen der beiden anderen Mädchen interessieren sich jetzt für mich.
    《Wer bist denn du eigentlich? 》, fragt die Ferox nicht unfreundlich. Ich will gerade zu einer Antwort ansetzen, da erwidert schon Zwilling Nummer zwei, den ich an der ruhigen Stimme erkenne: 《Ich glaube, ich kenne dich! Du bist Lena Featherlane, die sogar so manch ein Ferox um die schnellen Beine beneidet, stimmt's?》
    《Das 'stimmt's' hättest du dir doch sparen können》, antworte ich. 《Du warst dir ganz sicher, was mich betrifft.》
    Kaum habe ich den Satz zu Ende gesprochen, ertönt hinter mir ein Ruf, die Initianten sollten alle herkommen. Ich bin froh, dass es jetzt endlich weitergeht, auch wenn ich nichts dagegen hätte, Sylvie zu fragen, was sie gegen ihren Taufnamen hat. Alle Initianten sind vom Dach gesprungen und gruppieren sich nun um zwei junge Ferox. Die eine mit dem voluminösen schwarzen Haar kenne ich noch von vorhin, aber den stämmigen, blassen Mann, der neben ihr steht, sehe ich definitiv zum ersten Mal. Ich frage mich, wie er mir nicht auffallen konnte; im Gewimmel der schwarzen Ferox-Ameisen wirkt er wie ein bunter Schmetterling. Seine Haare sind etwas länger als meine, gelockt und in jeder erdenklichen Farbe gefärbt, aber nicht wild durcheinander, sondern quergestreift. Wahrscheinlich hat er sich alle paar Wochen den Ansatz in immer einer anderen Farbe färben lassen, mit dem Resultat, dass seine Mähne wie ein Regenbogen aussieht.
    《Ich glaube, wenn ich diesen Typen da noch länger anschauen muss, verfolgen mich diese Regenbogenhaare bis in meine Träume》, flüstere ich den Zwillingen, die links von mir stehen, zu, worauf sogar der Ruhige zu grinsen beginnt.
    《Nicht wahr?》, flüstert er zurück. 《Wenn man die beiden ansieht, kann man beinahe nicht glauben, dass sie zur selben Fraktion gehören, so unterschiedlich, wie sie aussehen.》
    Ich sehe die zwei Ferox noch einmal an, wobei ich darauf achte, dass mein Blick nicht an den kunterbunten Haaren des Mannes hängenbleibt. Er scheint mit seiner Kollegin wirklich nichts gemein zu haben: ihre Augen lodern in einem tiefen Braun, während seine sehr hellgrauen, fast schon weißen Augen seine Leichenblässe noch mehr zur Geltung bringen. Der Turnanzug, den er trägt, ist ziemlich ausgeleiert und an einigen Stellen schmutzig. Ihr fast bodenlanges Kleid, das nirgends eine zerknitterte Stelle aufweist, bildet einen krassen Gegensatz dazu. Auch in ihrer Haltung unterscheiden sich die beiden sehr voneinander: Er steht ziemlich lässig da, die Daumen in den Hosentaschen und die Beine im Kontrapost. Sie steht hingegen so gerade, als wäre sie mit einem straff gezogenen Faden an der Decke befestigt. Ich denke, die will damit Autorität ausstrahlen, denn im Gegensatz zu ihrem lässigen Kollegen sieht man ihr nicht an, dass sie älter ist als wir. Ich schätze ihr Alter auf siebzehn. Älter als das sieht sie auf keinen Fall aus und jünger kann sie auch nicht sein, sonst wäre sie ja eine meiner Mitinitianten. Ein zufriedenes, aufgeregtes Lächeln liegt auf ihrem herzförmigen Gesicht, bevor sie ihren Mund aufmacht und uns anweist, ihr und dem anderen Mann zu folgen. Die beiden bewegen sich relativ schnell, was ich anfangs gut finde. Doch als der Gang, den wir entlanggehen, dunkler wird, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob sich meine Füße wirklich in die richtige Richtung bewegen. An den Wänden sind zwar Lichter eingebaut, aber nicht nahe genug beieinander, um alles zu beleuchten. Mehrmals trete ich anderen auf die Füße und einmal glaube ich hinter mir etwas gehört zu haben, das so klang, als ob jemand ziemlich Großes in Sylvie reingerannt wäre und damit nicht nur sie, sondern auch sich selbst beinahe zu Fall gebracht hätte. Als wir alle wieder von einer Wandlampe beleuchtet werden, will ich mich umdrehen und nachsehen, ob Sylvie noch aussieht wie davor und wer diese große Person gewesen sein könnte. Weil mich die anderen Initianten aber weiterdrängen, schaue ich wieder nach vorne, wo die beiden älteren Ferox schon auf uns warten. Nachdem wir alle vor ihnen zum Stehen gekommen sind, nickt der bunthaarige Mann der aufgeregt lächelnden Frau zu. 《Die gebürtigen Ferox kommen jetzt mit mir mit》, sagt sie.《Die Wechsler müssen noch unser Hauptquartier kennenlernen!》Sie zwinkert einem der Initianten zu, bevor die schwarzen Ferox-Schatten mit der Dunkelheit, die sie rasch umfängt, verschmelzen. Der einzige Ferox-Schatten, der noch übrig ist, fährt sich mit dem Fingern durch seine gestreiften Haare. Ihn umgibt das schicke Schwarz-Weiß der Candor und das zarte Himmelblau der Ken. Ich merke, dass niemand unter den Wechslern ist, den ich nicht kenne. Die drei Candor kannte ich schon davor und mit den Ken habe ich mich gerade unterhalten. Nur den Ferox kenne ich noch nicht.
    《Die Initiation war schon immer meine liebste Jahreszeit》, beginnt er. Ich unterbreche ihn und will sagen, dass die Initiation ganz bestimmt keine Jahreszeit ist, doch er tut so, als gäbe es mich nicht und spricht in seiner tiefen Stimme weiter:《Ich bin euer Ausbilder für diese Zeit. Wird bestimmt ein Heidenspaß. Also für mich, für euch wird es eher hart. Aber zu den Ferox kommen nur die härtesten, stimmt's?》
    《Und wie heißt du? 》, fragt Joey neugierig.
    《Nennt mich einfach den Trainer》, antwortet unser Ausbilder. 《Das machen alle. Außerdem bin ich nicht imstande, mir jedes Jahr aufs Neue die Namen von ungefähr zehn verschiedenen Kids zu merken, daher geb' ich euch früher oder später einen Spitznamen, mit dem ich euch rufe. So, kommt jetzt, ich zeig euch die Grube.》
    Und er geht weiter den Gang entlang.
    《Was für eine Grube?》, frage ich niemand bestimmten.
    《Vielleicht wieder so etwas wie das Loch, in das wir vorhin gesprungen sind》, vermutet George und er hat nicht einmal so unrecht. Der Trainer stößt eine Metalltür auf und vor uns liegt das Hauptquartier der Ferox. Obwohl es von bläulichen Lampen erhellt wird liegen viele Ecken im Schatten und immer wieder ist ein dunkler Gang in die unebene Höhlenwand geschlagen. Das ganze Bild dieses riesigen unterirdischen Raums stößt mich vom ersten Moment an ab. Es ist viel zu unübersichtlich und zu dunkel, trotz der immer heller werdenden Lampen. Alle sehen sich in der Grube um und alle bleiben an verschiedenen Stellen, die sie interessant finden, länger hängen. In meinem Fall ist das die gläserne Decke. Irgendwie beruhigt es mich, das Element meiner früheren Fraktion in meiner Nähe zu wissen. Ich versuche gerade konzentriert, in das Gebäude oberhalb der Glasdecke zu schauen, als sich die Gruppe wieder in Bewegung setzt. 《Wohin gehen wir?》, frage ich einen der Zwillinge, der links von mir geht.
    《Glaubst du, das weiß ich viel besser als du?》, erwidert er. 《Der Trainer hat irgendetwas von einer Schlucht gesagt.》
    Besagte Schlucht taucht nun vor uns auf. Zuerst sehe ich nur das Geländer, doch als wir uns alle daran entlang aufstellen und hinunterblicken, jagt mir das, was ich sehe, einen kleinen Schrecken ein. Ein Bach am Grund eines dunklen Abhangs. Jetzt fallen mir auch die rauschenden Geräusche auf, die ihren Ursprung am Boden der Schlucht haben. Ich starre immer noch wie gebannt auf das reißende Wasser unter mir und da bin ich nicht die Einzige, während der Trainer etwas von der Grenze zwischen Mut und Dummheit sagt.
    《Als wäre jemand von uns blöd genug, um auch nur daran zu denken, da runterzuspringen.》Ich habe meine Sprache wiedergefunden, aber mein Blick ruht immer noch auf dem dunklen Wasser in der noch dunkleren Schlucht, als müsse ich aufpassen, dass es nicht plötzlich nach oben spritzt und und alle wegspült.
    《Das machen aber viele, ihr werdet sehen》, entgegnet der Trainer,《jedes Jahr gibt es mehrere solcher Fälle.》
    Mit aller Kraft reiße ich meinen Blick von der Schlucht und blicke in die hellgrünen Augen eines Zwillings, in denen etwas wie Ablehnung zu lesen ist.
    《Wie kann man dich und deinen Bruder eigentlich zweifelsfrei unterscheiden?》, frage ich ihn, während sich unser Tross wieder in Bewegung setzt.
    《Hast du das noch nicht bemerkt? Norbert redet und ich beobachte》, antwortet er.
    《Und Äußerlichkeiten gibt es keine?》, hake ich nach. 《Wenn nein, dann lasst euch eure Namen auf die Stirn tätowieren, damit man euch auch unterscheiden kann, wenn keiner von euch redet.》
    Wir prusten beide wie wild los. Nachdem wir uns wieder gefangen haben, antwortet der Zwilling mit gespielter Bestürzung:《Das kannst du nicht von uns verlangen! Wir sind mit unserem Zwillingsnamendilemma auch so schon gestraft genug.》
    Als ich nachfrage, was ein 《Zwillingsnamendilemma》 ist, erfahre ich endlich den Namen meines Gesprächspartners: Philbert. Und die Sache mit dem Zwillingsnamendilemma ist auch klar.
    Es ist richtig entspannend, mit Philbert zu reden. Ich frage und er antwortet. Und das auch mehr oder weniger ehrlich, was ich von einem ehemaligen Ken nicht erwartet hätte. Ich wollte gerade damit auspacken, dass ich auch einen Zwillingsbruder habe, als wir in einem großen Speisesaal angekommen sind. Der Duft von gebratenem Fleisch schwebt mir in die Nase und zieht mich an den erstbesten freien Tisch, auf dem ich mich mit den vier Ken-Wechslern setze. Am Tisch nebenan sitzen die restlichen Wechsler und der Trainer, dessen knallbunte Haare meinen Blick zum Tisch dahinter lenken, wo eine Gruppe gebürtiger Ferox ausgelassen miteinander lachen. Ich nehme mir einen Hamburger von einem großen Tablett in der Mitte des Tisches und alle anderen tun es mir gleich, ausgenommen Sylvie.
    《Ich esse normalerweise kein Fleisch》, erklärt sie auf meinen fragenden Blick hin und macht sich daran, mit einer Gabel das Fleisch zwischen zwei Brötchenhälften herauszuziehen.
    《Kein Wunder, dass du so dünn bist》, antworte ich. Sylvie wirft mir einen giftigen Blick zu und macht bereits den Mund zu einer schnippischen Erwiderung geöffnet, als Norbert ins Gespräch einsteigt: 《Du solltest aber zulegen, wenn du die Zweikämpfe überstehen willst. Außerdem enthält Fleisch viele Proteine und allgemein alles, was die Muskeln stärkt.》
    Jetzt ist Norbert das Ziel von Sylvies giftigen Blick. 《Ich weiß schon, was ich tue, wenn ich mich für ein vegetarisches Leben entscheide, danke!》, presst sie hervor. Sie bebt förmlich vor Wut und zwar auf eine Art, wie man es nur von Ferox kennt. 《Und weil wir jetzt nicht mehr bei den Ken sind, gönne ich mir die Scheißargumentation, im Gegensatz zu dir!》
    Es hätte mich nicht gewundert, wenn Sylvie Norbert ins Gesicht gespuckt hätte. George legt seinen Arm beschwichtigend um Sylvies schmale Schultern. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sylvie in dieser Gruppe öfters in der Rolle des Opfers ist; sie ist das einzige Mädchen und die Kleinste und körperlich Schwächste.
    《Was hast du da von Zweikämpfen gesagt?》, frage ich Norbert interessiert. Wenn er etwas über unsere Initiation weiß, will ich es auch erfahren. Er erzählt, dass Philbert und er in der Woche vor der Zeremonie ein wenig recherchiert haben, um herauszufinden, wie die Initiation bei den Ferox so abläuft. Viel haben sie nicht gefunden, nur, dass es in der ersten Initiationsphase Zweikämpfe gibt und danach eine obskure Abschlussprüfung, über die niemand aus den anderen Fraktionen etwas weiß.
    《Wir mussten uns durch Berge von Online-Zeitungsartikeln graben und dort werden derartige Sachen nur ganz nebenbei mit maximal einem Wort erwähnt》, schildert Philbert. 《Ich wette, die Ferox wollen um jeden Preis verhindern, dass Hinweise zur Initiation an die Öffentlichkeit kommen.》
    Ich frage mich, welchen Sinn das haben soll. Würde jemand Zeitungsartikel über die Initiation bei den Candor suchen, fände er bereits in den ersten paar Artikeln den gesamten Prozess beschrieben, von der Zeremonie der Bestimmung über verschiedene Diskussionen über die jeweiligen Beweggründe, warum man sich der Fraktion angeschlossen hat und die Definition von Wahrheit und Gerechtigkeit bis hin zum Wahrheitsserum.
    In der folgenden Viertelstunde essen wir mehr und reden weniger, aber als die Sprache auf unsere Familien kommt (Sylvie scheint ihre Eltern noch nie besonders gemocht zu haben, im Gegensatz zu den drei Jungs, die ihre Geschwister anscheinend so wichtig wie Sauerstoff finden) und ich den vier ehemaligen Ken eröffne, dass ich ein Zwilling bin, stößt Norbert ein ungläubiges 《Nein, im Ernst?》aus und George verschluckt sich sogar. Auf Philberts Gesicht breitet sich ein klitzekleines Lächeln aus, das ich nicht zuordnen kann, bevor es wieder verschwunden ist. 《Wie haben das eure Mitmenschen denn so aufgenommen?》, fragt er. 《Und eure Eltern? Wie fandest du es, immer mit deinem Bruder verglichen zu werden? 》
    《Verglichen?》, wiederhole ich. 《Mike und ich sind so unvergleichbar wie es nur geht, außerdem ist es kein Grund, zwei Leute ständig miteiander zu vergleichen, nur weil sie gleich alt sind und gleich erzogen wurden.》
    Die Eltern der Zwillinge mit Dilemmanamen scheinen anderer Meinung zu sein, aber bevor ich mehr erfahren kann, weist uns der Trainer darauf hin, dass wir jetzt in unser Schlafzimmer gehen und das Wichtigste über unseren Tagesplan erfahren werden. Wieder gehen wir durch einen unfreundlichen, grob in den Fels gehauenen Gang. Das Zimmer am Ende beinhaltet zehn Betten.
    《Also bei den Candor und einigen anderen Fraktionen ist es so, dass die Leute, die die Zimmer für die Initianten herrichten, die Betten der Anzahl der Initianten anpassen》, sage ich.
    《Bei uns wird das nicht so gemacht》, erwidert der Trainer kurz angebunden,《auch weil sich die Zahl der Initianten fast immer schon am ersten Tag vermindert.》
    Der Trainer wendet seinen Blick radikal von mir ab und erläutert uns unseren Tagesplan. Vormittags Training, mittags Essen, nachmittags Training, abends Freizeit. 《Erinnert mich ein bisschen an Schule》, flüstere ich in Georges Ohr, worauf er ein Lachen unterdrückt. Der Trainer verlässt uns und mir wird schlagartig bewusst, wie müde ich bin. Mein Körper hat heute abnormal viel mitgemacht, selbst für meine Verhältnisse. Meine zerschundenen Füße melden sich wieder und fordern ihre wohlverdiente Ruhe. Auch die anderen Initianten scheinen sich ähnlich zu fühlen und steuern auf die Betten zu. Zum Schluss liege ich in einem Bett in der Mitte des Zimmers zwischen Philbert und Glenn. Ich habe mein Kleid und meine Strumpfhosen kurzerhand neben das Bett geworfen und bin in Unterwäsche unter die Bettdecke geschlüpft. Morgen werde ich genug Zeit haben, um mir neue schwarze Kleider anzuziehen. Ferox-schwarz statt Candor-schwarz. Nachzudenken, was die Unterschiede dazwischen sind, hat auch noch bis morgen Zeit. Morgen geht mein neues Leben als Ferox richtig los. Morgen, nicht heute. Heute schlafe ich nur noch. Meine Fußsohlen danken es mir.

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    Die Tür schließt sich. Beinahe lautlos, wie alles hier. Wir sind zu viert. Unsere Atemzüge sind für kurze Zeit die einzigen hörbaren Geräusche. Ich blicke mich in dem kleinen Zimmer um. Es ist nicht größer als das, in dem ich bis heute vor der Zeremonie gewohnt habe aber im Gegensatz dazu ist es für vier Leute eingerichtet: vier einfache, ordentlich an die Wand gereihte Betten, viermal das gleiche Metallgerüst, viermal der gleiche hellgraue Bezug. Ein hölzerner Schrank (aus nicht verkleideten Spanplatten) mit vier gleichen Türen gegenüber den Betten, daneben noch eine Tür, die wahrscheinlich ins Badezimmer führt. Und an der kurzen Wand gegenüber der Tür, ein kleines Fenster. Es würde mich keineswegs überraschen, wenn es vergittert wäre, im Gegenteil, es würde sich wunderbar in das trostlose Ambiente hier einfügen. Aber es ist nicht vergittert. Es lässt sich sogar öffnen. Trotzdem komme ich mir hier drinnen wie ein Gefangener vor. Der erste, der einen Schritt tiefer in das Zimmer macht, ist Jason, der einzige Wechsler von den Ken. Von den Ferox gibt es keine Wechsler, von Candor und Amite jeweils drei und bei den Altruan geborene Initianten sind doppelt so viele wie Wechsler. Gleich nach dem Essen wurden wir von einem sehr kleinen Mann namens Lawrence in dieses Timmer gebracht. Auf dem Weg hat er uns erklärt, er würde unsere Initiation überschauen und uns währenddessen betreuen. Was das genauer heißt, würden wir morgen nach dem Frühstück erfahren. Jason hat etwas in den Schränken gefunden und winkt uns heran. Ich ahne schon, was es ist: Altruan-Kleidung. Für jeden ein paar Pullover, Hemden, T-Shirts, Hosen, Socken, Schuhe und Unterwäsche. Jeder von uns bekommt genau das Gleiche.
    《Wer geht sich zuerst umziehen?》, frage ich und deute auf die Tür, von der ich vermute, dass sie ins Badezimmer führt. Ein paar Sekunden lang schweigen wir alle, dann ergreift Lucas, einer der Amite, das Wort:《Wenn's niemandem etwas ausmacht, geh'ich. Ich muss sowieso aufs Klo.》
    Lucas klingt irgendwie, als hätte er einen Fehler gemacht, als er das gesagt hat. Mit gesenktem Kopf und einem Kleiderbündel im Arm schlurft er auf die graue Tür zu, die fast nicht von der schmucklosen Betonwand zu unterscheiden ist. Jetzt sind wir nur noch zu dritt. Ein Ken, ein Amite und ein Candor in einem Altruan-Zimmer. So sieht es jedenfalls aus.
    《Wo wollt ihr schlafen?》, fragt Jason und ich sehe ihm an, dass er das vor allem gesagt hat, um das Schweigen zu brechen. Ich bin beruhigt, dass ich nicht der Einzige bin, dem die allgegenwärtige Stille hier missfällt.
    《Mir ist es egal》, sage ich. 《Ich kenne euch ja erst seit heute und habe keine besonderen Vorlieben, wenn es darum geht, ob ich lieber an der Tür oder am Fenster schlafe, sofern die Vorhänge ordentlich zugezogen sind.》
    Jason und ich wenden uns dem zweiten Amite, dessen Namen ich noch nicht mitbekommen habe, zu, der sich auf dem Bett neben dem Fenster niedergelassen hat und die Betten konzentriert beobachtet.
    《Die Kissen befinden sich näher am See als das Fußende》, murmelt er mit gerunzelter Stirn. Mag sein, aber ist das denn eine wichtige Erkenntnis? Ich öffne den Mund, um diese Frage zu stellen, aber bevor der erste Laut aus meinem Mund kommt, besinne ich mich darauf, dass Altruan nicht neugierig sein dürfen. Deshalb ist es sicher nicht gut, so eine Frage zu stellen. Jason hat meinen offenen Mund bemerkt und kann sich wie es aussieht ungefähr ausmalen, welche Frage ich beinahe gestellt hätte, denn er flüstert mir zu:《Ich glaube, ich hab einmal etwas darüber gelesen. Es soll angeblich erholsam für die Psyche sein, mit dem Kopf in Richtung Berg und mit den Füßen in Richtung Fluss zu schlafen. Ist aber nur so ein bäuerlicher Aberglaube.》
    Der Fluss ist der See, aber den Berg gibt es nicht. Das ist für mich Beweis genug, dass es unserer Psyche nicht weniger schadet, wenn wir mit dem Kopf in Richtung See schlafen als andersherum. Ich höre, wie sich hinter mir eine Tür öffnet. Ich drehe mich um, wobei meine Schuhe gefährlich laut am Boden kratzen und sehe Lucas' stämmige Gestalt in der Badezimmertür stehen. Sein weinrotes Hemd hat er gegen ein schlichtes graues T-Shirt eingetauscht und er wirkt nicht mehr wie der fröhliche Amite, den die Sonne auf der Obstwiese gebräunt hat, sondern wie ein fleißiger Altruan, der bei der harten Arbeit außer Haus und auf den Straßen von der Sonne mitgenommen wurde.
    《Kann jemand von euch zufällig gut mit dem Rasierer umgehen?》, fragt er und es klingt nicht wirklich so, als wollte er, dass jemand von uns seine Frage bejaht.
    Wieder ist Jason der Erste, der in Richtung Badezimmer geht und fünf Sekunden später befinden wir uns alle vier dort. Es sieht genauso schmucklos aus wie alle anderen Zimmer hier. Vor vier, fünf Jahren hatte Lena die Idee, ein Bild auf die Badezimmertür zu hängen, damit man sich mit den Augen auf etwas konzentrieren konnte, während man auf dem Klo gesessen ist. Das Bild, das wir daraufhin von den Amite besorgt haben, gehörte zur abstrakten Kunst und schon als ich es zum ersten Mal gesehen habe, fand ich es abstoßend. Ich habe die Künstlerin gefragt, was es darstellen soll, und sie sagte, es zeige einen Ausschnitt aus ihrem Leben aus der Perspektive der Natur. Ich erklärte diese Frau hiermit für verrückt, aber das Bild kam trotzdem in unser Badezimmer, Mom und Lena haben sich sofort in dieses Gewirr aus Linien und Formen verliebt. Obgleich ich das Bild nicht leiden konnte, ist es ungewohnt für mich, dass es nicht an der Tür hängt. Es müsste auch nicht dieses behämmerte abstrakte Naturbild sein, ein anderes würde es auch tun, Hauptsache diese erschreckend einfarbige Tür wird mit etwas Farbigem überdeckt. Die Altruan halten Kunst für Zeit- und Ressoucenverschwendung, schaltet sich der vernünftig denkende Teil meines Gehirns ein. Die starren immer nur auf die eintönige graue Wand, treffen immer nur die gleich eintönigen grauen Leute in ihrer eintönigen grauen Welt. Ich vermute, noch nicht einmal der vernünftige Teil meines Gehirns hat bereits vollständig realisiert, dass auch ich einer der eintönigen grauen Leute bin und nie mehr auf ein Gemälde - abstrakt oder nicht - starren werde, wenn ich auf der Toilette sitze.
    《Was glaubt ihr, fließt aus der Dusche auch warmes Wasser?》, frage ich, während ich mich umsehe. Außer der schmucklosen Tür, der augenscheinlich sauberen Toilette und der Duschkabine mit abgebrochenem Türgriff (keine Ahnung, wo der sich befindet) gibt es noch ein metallenes Waschbecken, auf dem einige Körperpflegeartikel liegen, alles einfach, schmucklos und für vier Leute gedacht.
    《Spätestens, wenn jemand von uns vieren duschen muss, wissen wir es und das ist früh genug.》
    Es überrascht mich, dass Jason, der von den Ken stammt, diese Antwort von sich gegeben hat. Ich habe mir beinahe schon bildlich vorgestellt, wie er die Kabinentür öffnet - in meiner Vorstellung allerdings an dem nicht vorhandenen Griff - und das Wasser vorsichtig einschaltet, um auf direktem Weg herauszufinden, wie es sich mit der Wassertemperatur unserer Dusche verhält. So gesehen hat er die Neugier, die er wahrscheinlich schon mit der Muttermilch aufgesogen hat, schneller überwunden als ich, denn ich habe diese irrelevante Frage gestellt. Warum eigentlich? Wie Jason gesagt hat, wir erfahren es noch früh genug und wenn die Dusche nur Eiswasser von sich geben würde, könnten wir es auch nicht ändern. Aber meine unbedachte Klappe muss ich ändern. Bei den Candor galt ich als still, hier jedoch bin ich zu laut. Deswegen bremse ich mich noch in letzter Sekunde, bevor ich fragen will, weshalb wir alle vier in diesem kleinen Badezimmer stehen, sondern denke an Lucas' Frage zurück.
    《Mit dem Teil sollten wir uns wahrscheinlich die Haare kürzen》, greife ich besagte Frage noch einmal auf und deute auf den elektronischen Rasierer, der neben dem Zahnbürsten auf dem Waschbecken liegt. 《Ich habe keine Erfahrung damit, aber so schwierig kann es ja nicht sein.》
    Eine Sekunde später sind drei Augenpaare auf mein Gesicht gerichtet. Ich verstehe nicht auf Anhieb, was sie sagen wollen, aber als ich meine Antwort noch einmal durchdenke, begreife ich: Durch meine Aussage, dass der Rasierer bestimmt nicht schwer zu bedienen sei, habe ich mich quasi freiwillig dafür gemeldet, ihn zuerst auszuprobieren. Als ich meine Hand nach ihm ausstrecke, reibt der Daumen der anderen Hand nervös an den Fingerkuppen.
    《Wer will zuerst?》, frage ich resigniert, während ich den Stecker des Rasierers in der kleinen Steckdose unterhalb des Waschbeckens platziere. Der Rasierer brummt sofort drauflos. Ich erschrecke über die Kraft der Vibrationen in meiner Hand so sehr, dass mir das Maschinchen beinahe aus der Hand gleitet. Als ich aufstehe, hat Jason schon in der Mitte des Raumes Stellung bezogen. Hätte ich mir eigentlich denken können, dass er wieder der Erste ist. Meine Hand zittert, als ich das Maschinchen nahe Jasons Seitenscheitel ansetze, und das nicht nur wegen der Vibrationen im Inneren des Rasierers. Wiederum erschrecken mich die Kräfte dieses Gerätes. Die silbernen Zähne des Maschinchens stürzen sich ungeniert auf Jasons dunkelblonde Haare und spucken sie gleich darauf wieder klein geraspelt aus. Als ich die erste gezielte Bewegung über Jasons Kopf mache, verschwindet das Zittern in meiner Hand. Ich bemühe mich, das Maschinchen zu beherrschen und wie es aussieht mit Erfolg. Als Jason fertig ist, sieht er absolut nicht mehr aus wie zuvor. Ich bemerke das erst jetzt, weil ich während der Rasur keine Gelegenheit hatte, sein Gesicht anzusehen, zumal es keinen Spiegel gibt, was mich persönlich zwar nicht sonderlich stört, ich aber keinen Grund finde, warum der Spiegel in unserem Badezimmer fehlt. Als nächstes ist der Amite dran, der immer noch ein feuerrotes T-Shirt trägt und der nicht mit dem Kopf in Richtung See schlafen will. Während ich mit Jason beschäftigt war, habe ich die beiden anderen Initianten völlig aus meinem Kopf verdrängt und vergessen, dass sie da sind, denn sie haben in dieser Zeit kein einziges nennenswertes Geräusch gemacht. Der Amite hat längere Haare als Jason, aber davon lasse ich mich nicht beeinflussen. Das Maschinchen macht seine Arbeit auch unter diesen Bedingungen gut. Als ich den Rasierer auf der linken Seite entlanggleiten lasse, stößt der Amite für den Bruchteil einer Sekunde ein hohes Quietschen aus. Ich ziehe das Maschinchen ruckartig zurück und frage, was los ist.
    《Nichts, wirklich》, antwortet der Amite. Als ich nachhake, sagt er, ich hätte nur eine kitzlige Stelle erwischt.
    《Du weißt schon, dass ich Lügen riechen kann?》, frage ich mit einem vorwurfsvollen Unterton in der Stimme. Ich schiebe die Haare des Amite zur Seite und entdecke, dass ich ihm mit dem Rasierer die Rückseite seiner Ohrmuschel aufgerissen habe. Der erste Blutstropfen läuft hinab bis zu seinem Ohrläppchen, wo er für wenige Sekunden einem Amite-roten Ohrring gleich haften bleibt. Ich sage Lucas, er solle schnell ein Pflaster oder etwas in der Art suchen, aber er antwortet, es gäbe hier drinnen sicher keine, denn für so kleine Wunden braucht man eigentlich gar nichts. Das stimmt. Und wieder einmal verfluche ich mich, dass meine Klappe nicht nur schneller ist als der vernünftig denkende Teil meines Gehirns, sondern scheinbar auch ziemlich unabhängig davon zu sein scheint.
    《Ohne Pflaster heilen die Wunden schneller》, höre ich Dads Stimme in meinem Kopf. 《Deshalb muss eine schmerzhafte Wahrheit auch direkt und ohne Abdämpfung ausgesprochen werden, denn so kommt man am besten damit klar.》
    Ich schäme mich nicht nur für meine unvernünftige Klappe, sondern vor allem, dass ein ehemaliger Amite, der von seiner Fraktion von klein auf gelernt hat, schmerzhafte Wahrheiten so gründlich wie möglich abzudämpfen und unter den Tisch zu kehren, einen Candor, der absolut gegen diese Methode ist, daran erinnern muss, dass es keine Pflaster für diese Wunde braucht. Der vernünftige Teil meines Gehirns fragt nicht erst, warum meine Klappe nach einem Pflaster gefragt hat. Er weiß genau, dass es besser wäre, wenn der Amite keinen Schnitt am Ohr hätte und ein Pflaster würde diesen Schnitt bestens überdecken. Aber der Schnitt ist nun mal da und das Beste, was ich tun kann, ist, den Wuschelkopf weiterzurasieren und mich zu bemühen, dass so etwas nicht noch einmal passiert.
    Weder bei Wuschelkopf noch bei Lucas habe ich mit dem Maschinchen irgendeinen weiteren Fehler gemacht, auch wenn die Haare auf der rechten Seite von Lucas' Kopf kürzer aussehen als die auf der linken, obwohl das gar nicht sein kann. Als er sich mit den Fingern durch sein raspelkurzes Haar fährt, um die letzten längeren Haare herauszuwischen, fragt er mich, ob es denn wirklich so leicht sei, das Maschinchen zu bedienen. Nicht eine Spur von Neugier liegt in seiner Stimme, ebensowenig Skepsis. Er will es wissen, weil es für ihn nützlich sein wird. Weil er mich rasieren wird.
    《Das weiß ich ehrlich gesagt nicht einmal》, antworte ich mir einem Schulterzucken. 《Ich habe es.... einfach gemacht.》
    《Dann mach ich es einfach auch mal》, erwidert Lucas und nimmt mir mit einem Lächeln den Rasierer ab. Lächeln Altruan? Ich weiß es nicht. Und wenn sie es tun, dann nicht immer. Ich denke an Trudis ernsten Blick und bald darauf ist das Badezimmer um mich herum für meinen Geist nicht mehr existent. Die hungrigen Bewegungen des Maschinchens, das Lucas auf meine Haare loslässt, sind nicht wichtiger als Trudis rote Haare, die beinahe den exakt gleichen Farbton haben wie Lockenkopfs T-Shirt und die so gut mit ihren dunkelbraunen, wimpernumrahmten Augen harmonieren. Ich stelle mir vor, dass jede der blonden Haarsträhnen, die von meinem Kopf auf den Boden fallen, eine ihrer sonnenuntergangsfarbenen Locken ist. Wenn es nur genug wären, könnte ich unter ihnen begraben werden wie unter einer Daunendecke aus Klatschmohnblättern. Aber bald versiegt der sanfte Niederschlag, die am Boden liegenden Haare werden wieder blond und ich spüre, wie viel kälter sich mein Kopf jetzt anfühlt. Lucas ist fertig und steckt das Maschinchen aus, das gleich darauf abstirbt. Für heute hat es genug Haare gefressen und es wird voraussichtlich erst wieder in ein paar Monaten aktiv werden müssen. Lucas zeigt auf einen Stapel grauer Kleidung auf dem Klodeckel. 《Für dich》, sagt er. 《Die anderen sind schon fertig.》
    Lucas schließt die Tür fast genau so leise wie ein richtiger Altruan und ich bleibe allein mit der Stille und der Eintönigkeit. Ich ziehe meine Kleider aus und inspiziere den grauen Stoff auf dem Klodeckel. Es ist haargenau das Gleiche, wie es jeder andere Altruan auch trägt, mit wenigen Worten beschrieben: unauffällig, grau, eintönig. Immer wieder eintönig. Ich wünschte, es gäbe hier drinnen einen Spiegel, denn ich würde gerne erleben, wie mich daraus ein Altruan anschaut, wenn ich die entsprechende Kleidung trage. Zwar ein bisschen größer als Jason, blasser als Lucas und mit deutlich helleren Haaren als Nicht-mehr-Lockenkopf, aber im Großen und Ganzen nicht anders als sie: unauffällig, grau und vor allem eintönig.

    15
    Regel Nr. 3, wenn du Initiant bei den Ferox sein willst: Die Schule endet nicht mit der Zeremonie der Bestimmung, sie verändert sich lediglich.

    《Aufstehen, raus aus den Federn! In einer Viertelstunde will ich euch alle in der Grube sehen, frisch und fertig für das Training!》
    Mir doch egal. Ich liege gerade so schön und das werde ich mir von diesem Gebrüll nicht - Schockiert schlage ich die Augen auf und erinnere mich: Bei der Zeremonie der Bestimmung habe ich mein Blut in die heiß glühenden Kohlen tropfen lassen. Ich bin auf einen fahrenden Zug und wieder herunter gesprungen. Ich habe das Hauptquartier der Ferox gesehen, die Grube. Ich bin bei den Ferox. Ich bin eine Ferox. Ich bin keine Candor mehr. Erst jetzt realisiere ich wirklich, was das bedeutet. Mein ganzes zukünftiges Leben lang werde ich in einem dunklen Loch wohnen, von zwielichtigen Leuten umgeben sein und mich in den Schatten herumtreiben, wie alle Ferox. Ich weiß zwar, dass es so richtig ist, aber ich kann plötzlich sehr gut verstehen, warum Philbert gestern so unsicher war. Heute hat er besagte Unsicherheit offensichtlich abgestreift, denn er ist der Einzige, der sich schon angezogen hat. Wir anderen liegen noch schlaftrunken im Bett. Ich kratze mir ein paar eingetrocknete Tränen aus den Augen und strecke meine Glieder. Norbert nimmt gerade seine Decke und wirft sie in hohem Bogen auf Georges Bett zu, der noch gar nicht wach zu sein scheint. Unter Sylvies Bettdecke scheint sich auch etwas zu regen. Klein wie sie ist, kann sie unter der großen Decke ohne Probleme verschwinden. Auch ihr Kopf ist bedeckt. Ich komme widerwillig auf die Beine und meine Arme langen automatisch nach meiner Kleidung, während ich beobachte, wie Sylvies Arme unter der Decke hervorkriechen. Meine Hände bekommen das Kleid zu fassen, das ich gestern neben das Bett geworfen habe und im dem Moment, als ich den paillettenbesetzten Stoff berühre, erinnere ich mich, in welche Verfassung die vielen Sprünge und hatten Landungen von gestern mein Kleid gebracht haben, von den Strumpfhosen gar nicht erst zu reden. Letztere sind nur noch zum Verwerfen, aber das Kleid könnte theoretisch noch getragen werden.
    《Esbeth!》, rufe ich in die andere Seite des Raumes hinüber, wo sich Esbeth mit einem Ruck aufsetzt und in meine Richtung dreht. 《Hast du Verwendung für das Teil da?》, frage ich und halte das am Saum ziemlich zerschundene Paillettenkleid hoch.
    《Du ganz sicher nicht, dann schmeiß es mal rüber, mal schauen, was ich....》Esbeths Blick wandert zu einer Stelle hinter meiner linken Schulter. Langsam bewegt sie ihre Hand nach oben, bis ihr ausgestreckter Zeigefinger auf besagte Stelle zeigt. Ich drehe mich gerade um, um herauszufinden, was Esbeth so erstaunt, als sie leicht belustigt ausruft:《Was tut die denn da?》
    Ich sehe, dass mit 《die》 Sylvie gemeint ist, die auf ihrem Bett in einer perfekten Brücke steht, oder besser gestanden ist. Sie hat sich gerade eben mit den Füßen abgestoßen, die sich jetzt in einer eleganten Bewegung zeitlupenartig zur Wand zubewegen. Eine Sekunde später steht Sylvie im Handstand auf ihrem Bett, in der nächsten lässt sie sich steif wie ein Brett auf das Bett plumpsen. Ich erinnere mich an das Kleid, das ich immer noch in der Hand halte und werfe es ohne hinzusehen über die Schulter in Esbeths Richtung. Hinter mir quietscht Glenn auf. Ich drehe mich um und sehe, dass ich sie mit dem Kleid getroffen habe und mir entfährt ein Lachen. Jetzt aber genug herumgealbert, fast alle anderen sind schon beim Anziehen, außer George, der gerade von Sylvie wachgekitzelt wird. Mir fällt wieder ein, was sie mir gestern bezüglich ihrer Körpergröße gesagt hat. Ich bin mir sicher, sie hat noch mehr derartiges drauf. Ich muss sie unbedingt darauf ansprechen, aber erstmal muss ich richtig aufwachen.

    Sylvie turnt schon seit sie acht ist, wiederholt die wichtigsten Übungen dazu täglich und will heute Abend unbedingt zu den Trampolinen. Ich habe zwar keine Ahnung, wo die sind, aber sie muss sie wohl entdeckt haben, als der Trainer uns gestern die Grube gezeigt hat. Der Regenbogenbehaarte schreitet gerade an uns vorbei und sagt etwas von Schießen und sich verteidigen. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. In zehn Jahren Schule habe ich unter Anderem gelernt, dass die Rede, die die Lehrer immer halten, wenn sie mit einem neuen Thema anfangen, unwichtig ist im Vergleich zu den Übungen, die danach folgen. Und weil die für gewöhnlich die ganze Klasse macht, reicht es, wenn man dem Lehrer nur soweit zuhört, dass man weiß, worum es ungefähr geht und nachher das Gleiche macht wie die Mitschüler. Als der Lehrer, äh, Trainer an mir angekommen ist, hat er seine Rede gerade beendet und kippt seinen Kopf um eine Winzigkeit nach rechts, aber ruckartig genug, dass es jedem aufgefallen ist. Wie von Fäden gezogen steuern wir acht Initianten auf die Kiste zu, die in besagter Richtung auf dem Boden liegt. Ich ahne schon, was drin ist.
    《Pistolen》, sage ich, bevor ich sie überhaupt zu Gesicht bekomme. Zur Antwort drückt George Sylvie und mir je eine der Waffen in die Hand. Sie ist schwerer als sie aussieht und reißt meinen Arm förmlich nach unten. Sylvie hält sie sich vor das Gesicht und inspiziert sie. Obwohl sie gestern gesagt hat, dass sie den Gewohnheiten ihrer früheren Fraktion den Rücken kehren will, steckt dennoch ein fest verankerter Funke analytischer Ken-Neugier in ihr. Ich ziehe sie zu den Zielscheiben, die aufgereiht an der Wand stehen.
    《Die Teile sind sicher nicht leicht zu handhaben》, fange ich ein Gespräch mit ihr an.
    Sylvie nickt. 《Bei dem Gewicht ist schon das richtige Halten schwer, vom Rückstoß ganz zu schweigen.》
    Eine Minute später ist die Luft von lautem Knallen erfüllt. Ich habe vorher noch nie einen richtigen Pistolenschuss gehört. Keine Ahnung, was ich mir vorher darunter vorgestellt habe, aber ich wusste weder, dass er so laut und durchdringend ist, noch von der druckwellenartigen Ausbreitung des Schusses, wie es mir vorkommt. Mein erster Schuss ging ins Leere, weil mein Arm vom Rückstoß durch die Luft geschleudert wurde. Ich kann von Glück reden, dass er noch an mir dran ist. Nein, kann ich eigentlich nicht, denn vor mir haben bestimmt viele weitere Mädchen das Gleiche erlebt und ihr Arm hat keine bleibenden Schäden davongetragen. Aber trotzdem fühlte sich mein Arm für kurze Zeit so an, als wäre er im Begriff, abzufallen. Das ist aber so gut wie nichts im Vergleich zu dem, was die Waffe mit Sylvie gemacht hat: obwohl sie sie Pistole mit beiden Händen festgehalten hat, hat ihr der erste Schuss im wahrsten Sinne des Wortes die Beine vom Boden weggezogen. Sie ist sogar ein ziemliches Stück nach hinten gefallen, was Philbert mit einem belustigten 《Aktion ist gleich Reaktion》 kommentiert hat. Wenigstens hat Sylvie die Zielscheibe schon beim ersten Mal getroffen, während ich fünf oder sechs Anläufe gebraucht habe, bis die Kugel auch nur den Rand der gemalten Kreise berührt hat. Norbert hingegen scheint ein richtiges Talent für das Schießen zu haben. Nach ein paar anfänglichen Fehlversuchen trifft er dreimal hintereinander und jedes Mal schlägt die Kugel näher an der Mitte der Zielscheibe ein. Philbert und George halten sich auch ziemlich gut, aber Jungs sind körperlich ja auch stärker als Mädchen und das Gewicht der Waffen behindert sie daher wahrscheinlich nicht so sehr wie Sylvie und mich.
    《Die sollten mal leichtere Waffen erfinden》, sage ich zu Sylvie. 《Extra für Mädchen, damit wir beim Schießen nicht so schwer tragen müssen.》
    Sylvie scheint gar nicht überzeugt von meiner Idee:《Ich finde es gut, dass sie keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern machen. Außerdem ist das Gewicht in unseren Armen nur förderlich.》
    Ich frage mich, ob alle Ferox so denken. Natürlich habe auch ich nichts dagegen, wenn Mädchen und Jungen gleich bewertet werden, aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass das Halten einer schweren Pistole nebenbei auch noch die Armmuskulatur trainiert. Wie kann ein Mensch überhaupt zu so einem Gedanken kommen, frage ich mich und beantworte mir die Frage gleich darauf selbst: Weil man als Ferox die Muskeln fördern muss. Nicht nur die Muskeln, wie mir scheint, sondern auch die Denkweise der Ferox. Ich habe mich noch nie gefragt, wie sie anderen Fraktionen denken. Bei den Altruan kommt es mir teilweise immer noch vor, dass sie keine eigenen Gedanken ausbilden können, weil sie nur den Willen der anderen Leute erfüllen, nie den eigenen. Zu den Ferox hatte ich bis vor Kurzem ähnliche Gedanken: Jemand der sich so lebensmüde verhält, um täglich auf fahrende Züge zu springen und ohne Sicherung auf eine meterhohe Skulptur zu klettern kann doch keine vernünftigen Gedanken produzieren. Diese Theorie von mir hat Sylvie gerade widerlegt.

    Nach dem Mittagessen werden wir vom Trainer in einen weiteren Raum geführt. Keine Zielscheiben dieses Mal, sondern Boxsäcke. Der Trainer will gerade ein paar der grundlegenden Schläge demonstrieren, als die Zwillinge in den Raum stürmen.
    《Entschuldigung》, sagt der eine, der nun eine Schildkappe trägt, atemlos. 《Phil hatte gerade so einen Geistesblitz, wie andere uns auseinanderhalten können.》
    《Na gut, Käppi》, antwortet der Trainer leicht gereizt. 《Jetzt seht ihr aber alle umso besser zu, oder ich zeige die Schläge an einem von euch vor.》
    《Meint er das ernst? 》, überlege ich laut und ernte dafür einen giftigen Blick vom Trainer, bevor er die Luft und einen der Boxsäcke durch verschiedene Schläge und Tritte kampfunfähig macht. Danach sind wir dran. Wie schon vormittags stelle ich mich zwischen Philbert und Sylvie. Ersterer versucht die Bewegungen des Trainers so genau wie möglich nachzumachen, erst in Zeitlupe, dann immer schneller. Keine Ahnung, ob man dadurch schneller lernt, jemanden kampfunfähig zu machen, aber an Präzision scheint es ihm dadurch nicht zu mangeln, weshalb ich es genauso mache. Der Trainer beobachtet uns währenddessen und macht uns auf unsere Fehler aufmerksam. Als er Sylvie auf ihre falsch geballte Faust aufmerksam macht, presst sie zwar nur ein 《Danke》 hervor, das den Trainer vor allem davon abhalten soll, weiterhin bei ihr zu sein, aber ich sehe ihr genau an, dass sie den Trainer lieber mit weitaus offensiveren Worten weggescheucht hätte.
    《Warum hast du es nicht gemacht?》, frage ich sie, als der Trainer weiter zu Joey geht.
    《Was?》, fragt Sylvie zurück, immer noch mit verbissenem Gesichtsausdruck auf den Boxsack schlagend.
    《Dem Trainer gesagt, dass du seine Ratschläge nicht willst. 》
    Jetzt hört Sylvie zwar immer noch nicht auf, den Sandsack zu maltätieren, dafür aber Philbert.
    《Keiner von uns kann die Ratschläge unseres Ausbilders nicht wollen》, erklärt er mir. 《Wir brauchen sie, um eine hohe Punktzahl zu erreichen. Wenn wir das nicht tun, können wir gleich in die Schlucht springen.》
    《Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass man seine Gefühle unbedingt zum Ausdruck bringen soll》, antworte ich eifrig. 《Ansonsten könnte es sich sogar negativ für die Psyche auswirken, seine ganzen Aggressionen und Probleme mit sich herumzuschleppen und man soll es möglichst gleich tun, oder man lässt seine Wut größtenteils an Leuten aus, die gar nichts mit der Sache zu tun haben.》
    《Und weißt du, was noch nichts mit der Sache, die du gerade machen sollst, zu tun hat? Reden!》, höre ich den Trainer hinter mir. 《Und jetzt zeigst du mir, was du kannst.》
    Ich habe mich schon halb zu ihm umgedreht, als ich mich eines Besseren besinne. Bloß nicht umdrehen, sonst starre ich wieder wie behämmert auf seine Haare und kann mich den ganzen Tag bestimmt nicht mehr auf etwas Anderes konzentrieren. Vielleicht hat er sich die Haare extra dafür färben lassen, die Initianten beim Training abzulenken, sodass wir Ablenkung gewohnt sind und im Ernstfall ausblenden können. Fragen kann ich ihn momentan leider nicht, sonst gefährde ich am Ende meinen noch nicht vorhandenen Punktestand. Ich schlage gegen den Boxsack und versuche, die Schläge und Tritte so sauber wie möglich auszuführen.
    《Deine Beine sind ziemlich muskulös für ein Mädchen deines Alters. Vor allem gut zum Rennen, aber auch, um den Gegner in verschiedene Stellen zu treten. Ruf dir immer in Erinnerung, wozu du das machst. Heute ist dein Gegner ein Boxsack, aber morgen ist es ein Mensch.》
    Hat er das 《morgen》 wörtlich gemeint oder hat er damit nur die eventuell nahe Zukunft bezeichnet? Auf Letzteres zu hoffen, wird nicht viel bringen, denn ich erinnere mich an das, was die Zwillinge über die Initiation bei den Ferox herausgefunden haben. Gegen wen ich 《morgen》wohl kämpfen muss?

    Als ich die Frage beim Abendessen in die Runde stellen, haben alle unterschiedliche Meinungen darüber. Sylvie steigt gleich am Anfang aus der Diskussion aus, indem sie sagt, wie könnten es nicht wissen und würden es schon früh genug erfahren. George denkt, es wird per Zufall bestimmt, wer gegen wen kämpfen muss, weil man es sich bei einem richtigen Gegner ja auch nicht aussuchen kann, ob er einem körperlich überlegen ist oder nicht.
    Norbert sagt hingegen, dass beide Kontrahenten ungefähr gleich stark sein sollten, weil es so viel spannender ist, weil niemand weiß, wer gewinnt. Außerdem dauern die Kämpfe so länger und fordern die maximale Leistung beider Gegner.
    《Das heißt, ihr beide könnt euch schon mal darauf einstellen, euch im Ring wiederzusehen》, bemerke ich und zeige auf die Zwillinge.
    《Glaubst du wirklich, der Trainer würde die beiden gegeneinander kämpfen lassen?》, mischt sich Sylvie nun doch ein. 《Die kennen sich doch viel zu gut und im Normalfall kennt man seinen Gegner wohl eher nicht.》
    《Das wäre richtig fies vom Trainer》, stimmt Norbert mit seiner ausdruckslosen Miene zu, die er schon seit heute Morgen auf dem Gesicht trägt.
    《Ich denke, ihr habt recht damit, dass wir unsere Gegner eher nicht kennen sollen》, meldet sich Phil zu Wort. 《Wir sind doch vier Candor und vier Ken, nicht wahr?》
    Ich will Phil gerade recht geben, als Sylvie abfällig etwas grummelt, das in etwa wie 《Nein, wir sind acht Ferox》klingt. Die Jungs beschließen, sie zu ignorieren und Phil fährt mit seiner Vermutung fort: 《Wenn der Trainer je einen Candor gegen je einen Ken kämpfen lässt, haben wir alle Gegner, die wir bis vorgestern nicht oder wenn nur flüchtig kannten. So müssen wir die Stärken und Schwächen unserer Gegner während des Kampfes herausfinden und kennen sie nicht schon vorher.》
    Daraufhin tue ich kichernd so, als würde ich meine morgigen Gegner taxieren, um herauszufinden, wie ich sie am besten angreifen kann. Die anderen stimmen in mein Gelächter ein, bis Sylvie sich mitsamt ihres leeren Tellers erhebt.
    《Was ist denn?》, fragt George pseudo-pseudo-erstaunt und streichelt dabei Sylvies Arm. 《Bist du sauer auf Phil, weil er uns als Ken bezeichnet hat?》
    Und mich als Candor, was, obwohl er es anders gemeint hat, in gewisser Weise stimmt. Jedenfalls mehr, als wenn ich sagen würde, er wäre ein Ken. Zwar fällt es uns allen schwer, unsere alte Fraktion hinter uns zu lassen, aber ich habe das Gefühl, dass ich noch ziemlich viel länger an meoner Geburtsfraktion hängen werde als George oder Sylvie - Sylvie sowieso. Sie sagt uns, sie wolle jetzt endlich die Trampoline abchecken und hofft, bis zum Ende der Initiation den doppelten Backflip zu beherrschen. Sie gibt George noch einen klitzekleinen Schmatz auf die Nasenwurzel, bevor sie sich von uns entfernt. Sogar wenn sie durch eine Kantine geht, mit einem Teller in der Hand, bewegt sie sich mit einer akrobatischen Eleganz, die ich bisher noch nie gesehen habe.
    《Warum wusste eigentlich in der Schule niemand etwas über Sylvies Hobby?》, frage ich die Jungs, wobei ich vor allem George ansehe.
    《Du hast ja bereits gesehen, dass sie nicht viel von ihrenEltern hält》, setzt George an.
    《Nicht viel》ist gut. Sylvie scheint sie richtig zu verabscheuen. George will seine angesetzte Erklärung noch weiter ausführen, aber bevor das erste Wort aus seinem Mund gelangt, habe ich schon angefangen, mitzureden:《Du willst mir damit sagen, dass Sylvies Eltern dagegen waren, die Talente ihrer Tochter zu fördern?》
    Das macht für mich absolut keinen Sinn. Die Ken erschienen mir bisher immer als die, die mit allen Begabungen und Errungenschaften ihrerseits geprahlt haben, auch und vor allem wenn sie niemand anderen interessierte als die Fraktion der blauen Außerirdischen selbst. Warum wollten sie also nicht, dass die Schule Sylvies Talent erkennt?
    《Sylvies Eltern haben sie zum Turnen geschickt, weil sie mit sieben, acht Jahren zu Übergewicht tendiert hat》, beginnt George zu erzählen. Ich versuche mir gerade eine kleine Sylvie in hellblauem Turnanzug und mit Zahnlücke vorzustellen, was ganz gut funktioniert, bis auf ihre Tendenz zu Übergewicht. Eine Sylvie ohne grazilen Körper ist für mich einfach nicht vorstellbar. Deshalb höre ich lieber George zu, der mit seiner Geschichte fortfährt:《In dieser Zeit wurden auch alle in Sylvies Familie Vegetarier, wodurch sie ziemlich schnell abgespeckt hat. Sie ging natürlich auch danach noch zum Turnen. Zuerst vor allem, weil sie ihre gute Figur bewahren wollte, aber nach und nach wurde es zu ihrer Leidenschaft. Irgendwann mussten ihre Eltern das natürlich bemerken und als ihre Mutter sie eines Tages vom Turnkurs abholte und dabei gesehen hat, wie Sylvie Trampolin gesprungen ist, hat sie erkannt, dass ihre Tochter körperliche Bewegung höher schätzen muss als geistige.》
    Ich will gerade fragen, was das bedeuten soll, da ergreift Norbert schon das Wort, um es mir zu erklären:《Ken haben eine gute Menschenkenntnis, entweder angeboren oder antrainiert, meistens beides. Das heißt auch, dass sie oft schon vor dem Eignungstest wissen, welcher Fraktion ihre Kinder mit höchster Wahrscheinlichkeit angehören werden.》
    Das kommt mir bekannt vor: Mein Vater hat auch schon lange erkannt, dass meine sportlichen Fähigkeiten am wertvollsten für die Ferox sind. Aber die Einstellung von Sylvies Eltern ist das ziemliche Gegenteil von der der Candor, wie mir George und die Zwillinge klarmachen: Ihnen hat es ganz und gar nicht gefallen, dass Sylvie Ferox-Eigenschaften gezeigt hat, weil sie wollten, dass sie bei den Ken bleibt. Also haben sie versucht, ihr einzureden, dass ihre Bewegungsfreude nur eine vorübergehende präbubertäre Phase ist, die bestimmt bald wieder aufhört und ihr verboten, weiterhin zum Turnen zu gehen. Aber natürlich hat diese Phase nicht aufgehört und Sylvie hat außerhalb der Turnhalle mit den Übungen weitergemacht, meistens frühmorgens und spätabends, wo ihre Eltern müde und in ihren eigenen Zimmern waren. Davon kommt auch der Bogengang, den sie jeden Morgen gewohnheitsmäßig im Bett macht.
    Meine Eltern waren zwar auch in gewissen Punkten sehr streng, aber im Gegensatz zu Sylvies Eltern hatten sie überhaupt kein Problem mit meinem Talent fürs Laufen, sondern haben mich sogar darin bestärkt, es zu fördern. In meinem Ohren höre ich Dads Stimme, sehe vor mir, wie er vom Schreibtisch und dem Haufen von Dokumenten, die dort liegen, aufsieht und sich ein kleines Lächeln auf sein ernstes Gesicht verirrt. 《Wenn du nicht weißt, was du tun sollst, dann geh doch laufen! Das kannst du jederzeit und unter jeden Bedingungen machen. Und je öfter du es machst, desto mehr wirst du erkennen, dass es dir Spaß macht.》Mit diesen Sätzen hat alles angefangen. Ich habe getan, was Dad mir geraten hat, mit dem Resultat, die sportlichste Person meines Jahrgangs zu sein. Mit dem Resultat, wegen meiner schnellen Beine zu den Ferox zugeteilt zu werden.

    Während Sylvie sich von den Trampolinen in die Höhe schießen lässt, ist sie für gewöhnlich nicht ansprechbar, weshalb die Jungs und ich diesen Abend großteuls damit verbringen, durch die Seitenwände der Grube zu schlendern und zumindest versuchen, uns ein wenig Orientierung zu verschaffen. Als das Tattoo-Studio in Sicht kommt, spricht jemand George auf seine Schwester an, die offensichtlich dort arbeitet. George erwidert darauf, dass er sich sowieso irgendwann ein Tattoo stechen lassen will und dass er auf die Regelung pfeift, bis zum Besuchstag keinen engeren Kontakt mit der Familie zu haben.
    《Na dann gehen wir doch mal rein, nicht?》, schlage ich vor. Ich habe nicht vor, mich tätowieren zu lassen, jedenfalls jetzt noch nicht, wo ich noch nicht weiß, was die Fraktion der Ferox für mich bedeutet. Aber George sieht aus, als wäre er schon ganz heiß auf ein Tattoo und ganz bestimmt auch auf ein Gespräch mit seiner Schwester. Er geht mit eiligen Schritten voraus, wirft beiläufig einen Blick in das Fenster des Tattoo-Studios - und springt in einem riesigen Satz wieder nach hinten. Nicht ganz so schnell wie er begeben wir uns zu ihm und wollen wissen, was los ist.
    《Da drin ist Jojo》, sagt er keuchend. 《Die andere Ausbilderin. Sie hat aus dem Fenster geschaut, gerade als ich hineingehen wollte. Das wird wohl nichts mit dem Tattoo heute.》
    Ich kann irgendwie nicht glauben, dass er sich nur vor Jojo so erschrocken haben kann und wage selbst einen Blick durchs Fenster. Ich suche den dunklen Raum ab und bald erkenne ich Georges Schwester, die sich in einer Ecke mit Jojo und einem Ferox-Jungen, den ich schon oft in der Kantine neben ihr gesehen habe, unterhält. Ihre schwarzen Kleider scheinen mit den dunklen Wänden zu verschmelzen, sodass die drei Ferox nicht mehr als schwarze Schemen vor einem noch schwärzeren Grund sind. Ich war den ganzen Tag unter den Ferox, aber mir scheint, dass ich sie erst jetzt richtig zu sehen bekomme. Nicht als Initianten in der Übergangsphase von einer Fraktion zur anderen, sondern voll entwickelt in ihrer natürlichen Umgebung: Als schwarzer Schatten in der Dunkelheit. Und diese Dunkelheit hat mich bereits verschlungen, als ich vom Dach in das schwarze Loch in Innenhof gesprungen bin.

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1485756469
Divergent - Wenn Wahrheit Lüge ist
Divergent - Wenn Wahrheit Lüge ist
Eine Ff über die Geschwister Mike und Lena, die in Chicago bei den Candor leben. Jedenfalls jetzt noch... Ich hoffe, euch gefällt's.
https://www.testedich.de/quiz46/quiz/1485756469/Divergent-Wenn-Wahrheit-Luege-ist
https://www.testedich.de/quiz46/picture/pic_1485756469_1.png
2017-01-30
406M
Die Bestimmung - Divergent

Kommentare (30)

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Simon ( von: torden!)
vor 27 Tagen
Schön, dass es weitergeht :)
Muria ( von: Murialana)
vor 32 Tagen
Endlich wieder ein neues Kapi.... Ich bemühe mich, die FF bis zum Ende des Sommers fertigzustellen, stelle mich aber schon mal darauf ein, es nicht zu schaffen.
Muria ( von: Murialana)
vor 77 Tagen
Das mit dem Witz stimmt XD. Aber mir selbst wäre das nie eingefallen.

Ja, meine Detailliebe ist mir auch schon aufgefallen. Manchmal nervt sie mich selbst sogar und ich frage mich, warum ich denn das alles so genau beschreiben muss, aber das passt doch gut zu den Erzählern und passiert meistens sowieso intuitiv.
Simon ( von: torden!)
vor 81 Tagen
"Ein Ken, ein Amite und ein Candor in einem Altruan-Zimmer." - könnte fast der Anfang eines Witzes sein xD

Das Kapitel ist mal wieder sehr gut geworden (deine Detailliebe ist bewundernswert) und ich habe mich sehr über die Länge gefreut. Keine Ahnung, ob es tatsächlich das längste ist. Ich bin schon gespannt, wie sich das Verhältnis zwischen ihm und seinem Zimmergenossen weiterentwickelt.
Simon ( von: torden!)
vor 123 Tagen
Schließe mich Lici da an
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 129 Tagen
Schön, dass du weiterschreibst :)
Muria ( von: Murialana)
vor 169 Tagen
Ja, ich habe diese FF nicht vergessen! In den letzten Monaten war ich etwas, naja, abgelenkt, aber ich versuche, die FF bis zum Ende durchzuziehen, auch wenn ich noch einen Haufen anderes Zeug habe, an dem ich schreiben will.
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 278 Tagen
Wie zu erwarten sind dir auch diese Kapitel wieder sehr gut gelungen. Das neunte gefällt mir bisher am besten.
Muria ( von: Murialana)
vor 295 Tagen
Das wären mal ein paar Kapis. Noch kriege ich es hin, jeden Sonntag eins zu veröffentlichen, aber wer weiß für wie lange...
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 363 Tagen
Der Wechsel zwischen kursiv oder unterstrichen ist eine tolle Idee. Das Kapitel ist wieder sehr schön geschrieben.
Muria ( von: Murialana)
vor 363 Tagen
Ich hoffe, dieses Kapitel (v.a. cur, unli) ist euch allen verständlich, was ich aber schon glaube.
Lilian* ( von: Lilian*)
vor 366 Tagen
Auch dieses Kapitel ist super geworden und ich kann mich Torden nur anschließen, in Bezug auf das Beschreiben der Gefühle.
Muria ( von: Murialana)
vor 366 Tagen
Was tut dir bitteschön leid? Ich habe diese Frage nur gestellt, weil mich deine Antwort interessiert hätte (die ich bekommen habe), und nicht etwa, weil mich dein Lob stört (was es nicht tut).
Tut mir leid, dass dir das Leid getan hat, wenn es dir Leid getan hat.
torden ( von: torden!)
vor 366 Tagen
Tut mir leid. Ich wollte damit nur ausdrücken, dass ich es diesmal besonders gut umgesetzt fand.
Muria ( von: Murialana)
vor 367 Tagen
Warum sagst du das? Du kannst das doch auch und extrem schwierig ist es für Leute wie uns nicht. Gut, das war ein sehr emotionales Kapitel (was auch der Grund ist, warum ich so lange dafür gebraucht habe) und man kann es gut beobachten.
torden ( von: torden!)
vor 367 Tagen
Wie immer ein sehr tolles Kapitel. Vor allem das Ende gefällt mir, wie er langsam wegdämmert. Du schaffst es sehr schön die Gefühle der Charaktere zu beschreiben.
Muria ( von: Murialana)
vor 371 Tagen
Das Kapitel kommt später als erwartet, sorry, aber jetzt ist es da.
torden ( von: torden!)
vor 403 Tagen
Tolles neues Kapitel. Was wohl herauskommen wird?
Muria ( von: Murialana)
vor 405 Tagen
Upgrade! Ich hoffe, das nächste folgt in Kürze, ich streng mich an.
Muria ( von: Murialana)
vor 413 Tagen
@Shadowhunterin: Dankeschön, mir kommt dein Kommi sehr enthusiastisch vor.