Springe zu den Kommentaren

Die Liebe stirbt zuletzt (Taehyung FF)

star goldstar goldstar goldstar goldstar goldFemaleMale
100 Kapitel - 234.484 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 12.406 mal aufgerufen - User-Bewertung: 5,0 von 5 - 9 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 14 Personen gefällt es

Hallo, mein Name ist (d/n) und das ist meine Geschichte. Die Geschichte, wie ich Teil eines alten, irreal wirkenden Geheimnisses wurde und die Liebe meines Lebens fand - Kim Taehyung, ein Teil der weltberühmten Band BTS.
Doch dieses wundersame Geheimnis brachte mehr mit sich als nur die Liebe. Auch, brachte es viele Gefahren und Opfer mit sich.
Und so ereignete sich eine kummervolle und gefährliche Geschichte, voller Wundern und Liebe.
Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade 22 Jahre alt und es begann alles damit, dass ich abends von der Arbeit zurückkam...

    1
    Es war schon dunkel und das trübe Licht der Straßenlaternen schien milchig auf die einsame Straße, als ich mich auf den Weg nach Hause machte. Es i
    Es war schon dunkel und das trübe Licht der Straßenlaternen schien milchig auf die einsame Straße, als ich mich auf den Weg nach Hause machte. Es ist ein anstrengender Tag gewesen. Mein Chef verlangte von mir, die neuen Praktikanten in die Arbeit einzuführen und mich um sie zu kümmern. An sich nichts sonderlich Anstrengendes. Doch die beiden jungen Mädels, die ich unterhalten musste, stellten Fragen ohne Ende und wussten nie so recht, was zu tun war, sodass ich ihnen immer hinterherlaufen musste. Müde trottete ich nun also durch die Straßen, stets darum bemüht, nicht vor Erschöpfung umzufallen. Ich war alleine und es dauerte wohl noch eine Weile, bis ich zuhause ankommen würde. Jedoch lief ich strikt weiter. Nur selten kreuzte jemand meinen Weg. Doch dann bog ich um die Ecke, nur noch einige Straßen von meiner Wohnung entfernt, als sich plötzlich zwei finstere Gestalten hinter mir auftaten und mich verfolgten. Erst dachte ich, es sei vielleicht ein Zufall, dass die beiden Fremden über zwei Straßen exakt den selben, verwinkelten Weg gingen wie ich es auch tat. Doch so langsam bekam ich Panik. Ich ging schneller, in der Versuchung, aus dem Sichtfeld der unbekannten Männer zu gelangen. Allerdings verloren sie meine Spur nicht und verfolgten mich wie ein Hund sein Herrchen. Sie schwiegen die ganze Zeit über, während ich hastig meinen Weg ging. Mir war unwohl. Wer sind diese Männer? Was wollen sie von mir? Oder ist es vielleicht tatsächlich nur ein Zufall und sie müssen den selben Weg gehen wie ich? Naja, Zufälle gibt's, aber ich will es nicht drauf ankommen lassen... Geschwind bog ich einfach in eine schmale Seitengasse. Dorthin würden die, unter ihren Kaputzen versteckten, Männer mich wohl nicht verfolgen. Zu meiner Erleichterung sah ich niemanden mehr, nachdem ich etwa 5 Minuten nur lautlos in dieser schmalen, verlassenen Gasse stand. Also trat ich sorglos wieder in das trübe Licht der Laterne, wieder auf meinem Weg. Doch plötzlich traten wieder die zwei Männer neben mich. Erschrocken fuhr ich zusammen und gaffte die beiden mit wohl verängstigten Augen an. Die beiden schon wieder! Sie sind also doch nicht fortgegangen. Sie haben auf mich gewartet... Leise stammelte ich ein unsicheres „Hallo“ vor mich hin, in der Hoffnung, die Männer würden mich einfach gehen lassen und mich nicht ansprechen. Doch zu aller Enttäuschung war es natürlich nicht so. Irgendwie schelmisch grinsten die beiden mich unter ihren Kaputzen hervor an. Der Größere von beiden sprach nun in einer tiefen, irgendwie belustigten Stimme:„Oh, Verzeihung, wir wollten Sie nicht erschrecken.“ Der andere, ein etwas dümmlich wirkender Mann lachte:„Wir sind ganz harmlos. Nicht so nervös!“ Während er das sagte, trat er einen Schritt weiter auf mich zu, woraufhin ich reflexartig zurückwich. Nun brach der Kleine in einem höhnischen Gelächter aus und ich wollte einfach umdrehen und wegrennen, als der Riese mir den Weg versperrte und mich auf einmal ruckartig am Arm packte und den Mund zuhielt. Ich versuchte, zu schreien, mich zu wehren, doch der, mir gegenüber, war zu stark und stieß mir nur gewaltvoll sein Knie in den Rücken. Ächzend zuckte ich zusammen und mir traten Tränen in die Augen. Ob aus Angst oder Schmerz, kann ich nicht genau sagen. Schließlich gab ich den Versuch, mich loszureißen, auf und die beiden Kerle zerrten mich unsanft in eine weitere dunkle Gasse, in der ein weißer Van stand. Schnell eilte der Kleine zum Kofferraum und öffnete ihn, während der Große mich hineinstieß, Kabelbinder um Hand- und Fußgelenke band und zu guter Letzt mir den Mund mit einem Tuch verband. Schneller, als ich die Situation überhaupt realisieren konnte, knallten die Männer auch schon die Tür zu und ich saß alleine in diesem kleinen, dunklen Kofferraum. Zitternd saß ich nun dort, darauf wartend, dass sich diese Situation als Traum herausstellte.




    Hey. Das ist jetzt meine dritte FF, die ich schreibe. Ich hoffe, diese gefällt euch. Wer meine anderen FFs schon gelesen hat, dem fällt auf, dass (d/n) in diesen auch entführt wurde.
    Das liegt einfach daran, dass meine Geschichten immer auf meinen Träumen basieren und, was ich träume, suche ich mir nicht aus.^^' Ich hoffe einfach mal, dass euch diese Eintönigkeit nicht stört. XD Aber keine Sorge, es wird schon wohl anders, als meine anderen beiden FFs. Ich würde mich echt freuen, wenn ihr diese FF bis zum Ende lesen würdet, da ich doch immer sehr viel Arbeit in so etwas investiere.^^ Ihr könnt mir zwischendurch auch immer mal wieder gerne ein kurzes Feedback in den Kommentaren geben. Darüber freue ich mich immer sehr. Wie auch immer, viel Spaß beim Lesen!^^

    2
    Langsam öffnete ich verwirrt meine Augen und erblickte das selbe wie vorher. Nichts. Nur die Dunkelheit. Bin ich blind? Ich wollte einfach aufstehen, doch irgendetwas blockierte meine Bewegung in meinen Gelenken. Schwankend setzte ich mich also mühsam auf und versuchte, mich an irgendetwas zu erinnern. Plötzlich schoss es mir wie ein Pfeil in den Sinn. Ich wurde entführt! Und jetzt sitze ich wohl immer noch in diesem weißen Van fest... Ich spürte ein leichtes, stetiges Rappeln des Vans, was mir bedeuete, dass der Wagen, samt mir im Kofferraum, fuhr. Plötzlich wurde ich panisch. Was wollen diese Leute überhaupt von mir? Ich kann nicht mal aufstehen, meine Gelenke sind steif und mir schmerzt alles. Wollen diese zwei Kerle mich vielleicht vergewaltigen oder so? Ich muss hier raus! Panisch drehte ich mich auf dem kalten Boden herum, in der Hoffnung, dass die Kabelbinder um meinen Gelenken sich lösen würden. Doch vergeblich. Es tat sich nichts. Und auch das Tuch vor meinem Mund lockerte sich kein bisschen. Ich wurde hektisch und kroch wie ein Wurm über den Boden, versuchte irgendetwas zu erfassen. Vielleicht liegen hier irgendwelche Werkzeuge oder sowas rum. Der ganze Kofferraum kann doch nicht leer sein? Ich robbte durch den Kofferraum, doch tatsächlich war da nichts als ich selbst. Hoffnungslos blieb ich schließlich einfach in der Ecke liegen. Mich an die kalte Wand schmiegend, Halt suchend. Vollkommen überfordert fing ich schließlich an, zu weinen und nach einer Weile entglitt ich wieder in die Traumwelt.
    Erst nach einer Weile wurde ich wieder wach, als der Wagen plötzlich ruckartig anhielt und das mittlerweile schon vertraute Motorgeräusch abrupt endete. Nur langsam kam ich wieder zurück in die Realität. Ich hörte das Knallen zweier Türen und Schritte. Auf einmal öffnete sich die Kofferraumtür und grelles Licht blendete mich. Ängstlich rückte ich noch weiter in die Ecke, als ich auf einmal auch meine zwei Entführer in dem Licht stehen sah. Der große Mann kam nun auf mich zu und zog mich aus der Ecke, während ich wimmernd versuchte, mich zu wehren. Doch die Kraft verließ mich sowieso schon und es richtete nichts aus. Geschickt zog der Große mich nun ganz ans Licht und nahm mich über die Schulter. Von da aus sah ich nur noch das hässliche Grinsen des anderen. Wütend sah ich ihn an, woraufhin der Fremde nur noch breiter grinste. Ohne weitere Umschweife oder etwas zu sagen, trugen die beiden mich in ein großes Gebäude. Ich sah nicht viel auf dem Weg dorthin. Nur, dass weit und breit kein anderes Gebäude oder andere Menschen waren. Schon war ich in diesem großen Gebäude. Der Mann trug mich schnell in einen kahlen Raum und setzte mich dort ab. Währenddessen schloss der Kleine die Tür ab. Jetzt kamen sie beide wieder auf mich zu und unerwarteterweise lösten sie die Kabelbinder von meinen Gelenken und ebenso entfernten sie das Tuch vor meinem Mund. Ich war schwach und mir tat alles weh, aber dennoch sah ich die Hoffnung, herauszukommen. Schnell schoss ich hervor, auf den kleineren Mann zu und versuchte, ihm die Schlüssel zu der Tür zu entnehmen. Ich schaffte es sogar und sah noch das überraschte Gesicht des dummen Kerls, doch natürlich stellte sich mir wieder etwas in den Weg. Der Große kam direkt hinter mich her und drückte mich unsanft auf den Boden. Währenddessen nahm der andere Mann mir wieder den Schlüssel ab. Siegessicher grinste der Mann, der mich auf den Boden drückte, an. Plötzlich zog er mich an den Armen hoch und knallte mich mit voller Wucht gegen die graue Wand des Raums. Aufschreiend vor Schmerz blickte ich ihm nun in die vor Belustigung glitzernden Augen und hätte ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt. Auf einmal lehnte sie der Mann zu meinem Ohr und flüsterte:„Du bist eine richtige Kämpferin, hm? Nicht anders hätte ich es erwartet. Aber dennoch wirst du schön hier blieben, verstanden?“ Angsterfüllt wich ich nur etwas zurück, woraufhin der Mann mich lachend wieder losließ und ich benommen zu Boden sackte. Grinsend gafften mich meine Entführer an. Endlich brachte ich nun auch etwas aus mich heraus. Mit kratziger Stimme fragte ich:„Was wollt ihr von mir?“ Grinsend hockte sich der Große nun wieder neben mich und schmunzelte:„WIR wollen eigentlich gar nichts von dir. Wir haben dich im Auftrag von Hisoka entführt! Er hat Großes mit dir vor! Schon in einigen Tagen wird er dich begrüßen. Aber vorher müssen wir noch die anderen hier hinbringen. Erst dann geht's weiter!“ Mit diesen Worten verließen die beiden Männer hässlich lachend den Raum und wieder saß ich alleine auf kaltem Boden. Doch mir schossen augenblicklich tausend Fragen in den Sinn. Wer ist Hisoka? Was hat er mit mir vor? Und auf wen müssen wir noch warten? Was hat das alles nur zu bedeuten? Wieder floss eine Träne über mein Gesicht und ich ließ es geschehen. Nun wartete ich auf die anderen. Denn meine beiden Entführer sprachen ja davon, dass erst die anderen kommen müssen. Also wartete ich...

    3
    Ein Poltern und das Öffnen der Tür schreckten mich aus meinen Träumen heraus. Obwohl ich müde war, schnellte ich direkt hoch und blickte auf die Tür. Darin erschien ein mir vertrautes Gesicht. Der kleinere Mann von denen, die mich entführt hatten, stand dort mit einer Flasche Wasser und einem Apfel, der schon etwas abgeranzt aussah. Die Tür schloss sich wieder und der Kerl trat auf mich zu, stellte den Kram vor mich ab und meinte nur:„Iss! Das wirst du brauchen.“ Gerade wollte er wieder gehen, da fauchte ich gereizt vor mich hin:„Wow. Welch eine königliche Mahlzeit!“ Grinsend drehte sich der Dumme um und lachte:„Ich weiß. So königlich wirst du wohl jetzt längere Zeit essen.“ Daraufhin blickte ich ihn mit finsteren Augen an und murmelte:„Sind diese anderen Leute schon eingetroffen? Ich will endlich hier weg!“ Überlegen schmunzelte mich der Mann an:„Nein, noch nicht. Das wird bestimmt auch noch etwas dauern. Die Kollegen sind heute erst aufgebrochen. Morgen werden sie sicherlich auf dem Rückweg sein. Vorausgesetzt, es gibt keine Komplikationen.“ Mit diesen Worten verließ er die Kammer und ich hörte noch das leise Klicken des Schlosses. Nun senkte ich meinen Blick auf mein heutiges Mahl. Der Apfel war bereits etwas matschig und Fruchtfliegen schwirrten darum. Angewidert wog ich ihn in meinen Händen und seufzte einmal laut. Wenn ich überleben will, dann muss ich das wohl essen... Zögernd biss ich in den Apfel und ich spürte den süßen, aber leicht faulig schmeckenden Saft auf meiner Zunge. Ich verzog ein wenig das Gesicht, aß den Apfel aber dennoch auf. Eine andere Mahlzeit würde ich so schnell nicht wiederbekommen. Nun warf ich einen Blick auf das Wasser. Es sah in Ordnung aus. Ohne zu zögern nahm ich die Flasche an mich, drehte den Deckel auf und nahm einen großen Schluck Wasser. Es schmeckte alt und abgestanden. Keinen Anreiz sehend, noch einen Schluck zu nehmen, stellte ich das Wasser wieder zurück. Seufzend stand ich nun vom Boden auf und lief ein wenig in dem kahlen Raum umher. Dort war nichts außer eine schmuddelige Decke, die man mir als Unterlage zum Schlafen gab. Jedoch gab es ein sehr schmales Fenster, kurz unter der Decke. Es war zu hoch, als dass ich auch nur daran hätte kommen können. Sehnsüchtig blickte ich nur hinauf, durch die Quelle des strahlenden und irgendwie auch Hoffnung gebenden Sonnenlichts. Nun stellte ich mich direkt davor und sprang hoch, während ich versuchte, mit meinen Händen die Kante zu berühren. Doch ich war zu klein und so blieb mir ein Blick in die Sonne erspart. Niedergeschlagen kehrte ich zu meiner ranzigen Decke zurück. Einige Stunden vergingen und ich hörte nicht einen Laut. Doch schließlich hörte ich wieder Schritte und die Tür öffnete sich laut knarrend. Diesmal stand mir der Große gegenüber. Schweigend starrte er mich an. Spottend fragte er jetzt:„Na, hat's gemundet?“ Darauf antwortete ich nicht. Doch das störte den Mann nicht. Stattdessen nahm er die Überreste des Apfels an sich, lehnte sich gegen die kahle Wand und starrte mich schweigend an. Mutlos fragte ich nach einer Weile:„Was soll das hier alles überhaupt? Wer ist dieser Hisoka und was will er von mir? Und warum habt ihr ausgerechnet mich entführt? Da liefen doch noch mehr als nur ich rum.“ Herrisch, aber irgendwie auch etwas mitfühlend lächelte der Mann und erklärte ruhig:„Das wirst du schon noch erfahren. Du wirst es alles verstehen. Aber erst müssen wir auf die anderen warten.“ Wütend, aber auch verzweifelt jammerte ich:„Was denn für andere?“ Jetzt lief der eine meiner Entführer einige Schritte auf mich zu, hockte sich vor mich und schmunzelte:„Das wissen wir selbst noch nicht zu 100%. Es werden Leute sein wie du. Von uns entführt, von Hisoka auserlesen und sie werden deine neuen Kollegen sein. Naja, nennen wir es einfach mal für's erste Kollegen. Hisoka wird euch später alles ganz genau erklären.“ Bevor ich noch etwas sagen konnte, ging der Kerl auch schon wieder. Von Hisoka auserlesen... Heißt das, es werden Leute gezielt entführt? Aber warum sollte man ausgerechnet mich entführen? Was habe ich schon Besonderes an mir?

    4
    Die Stunden vergingen und es kam niemand mehr in den Raum. Alleine hockte ich dort und wartete nur auf eine Regung. Auf irgendetwas, dass diese Stille in dem Raum beendete. Doch es blieb still. Langsam trat die Dämmerung ein, denn das Licht warf rot-orange Flecken an die Wand. Eine Weile saß ich gelangweilt dort und starrte die bunten Lichter auf der normalerweise grauen Wand an. Und während ich so da saß und die Wand angaffte, kamen wieder Fragen auf. Was wird als nächstes passieren? Wie geht es überhaupt meinen Eltern und meinem kleinen Bruder? Fragen sie sich, wo ich bin? Nein, wahrscheinlich nicht. Schließlich wohne ich nun alleine in einer Wohnung, in einer ganz anderen Stadt als meine Familie. Anrufen tue ich zwar jeden dritten Tag, aber wenn ich dann einmal nicht anrufe, wird es wohl niemandem Sorgen bereiten. Wo genau bin ich überhaupt? In einer verlassenen Fabrik? Es ist doch auch egal, wo ich bin. Hauptsache ist, dass ich hier festgehalten werde, kaum etwas Vernünftiges zu Essen bekomme und nicht weiß, was als nächstes passieren wird. Irgendwie, warum auch immer, schaffte ich es nicht, zu weinen oder Angst zu verspüren. Die Langeweile brachte mich zwar zum Nachdenken, aber ich konnte keine Angst oder Trauer in mir spüren. Ich war in dem Moment einfach nur hungrig und gelangweilt. Zwar konnte ich mir die Langweile in dem Moment ganz gut damit vertreiben, eine von Licht besprenkelte Wand anzugaffen, doch als auch das Sonnenlicht versiegte, war es wieder langweilig. Letztendlich legte ich mich einfach wieder auf meine Decke, nahm einen Schluck von meinem abgestandenem Wasser und legte mich schlafen.

    Eine laute, tiefe Stimme ertönte und ließ mich aus meinem Schlaf aufschrecken. Nun wurde auch die Tür aufgestoßen und der große Mann trat ein. Gut gelaunt pfiff er vor sich hin un auch der Kleine kam jetzt hinter ihm her. Eilig schloss er nur noch die Tür ab, während der größere Mann mir jetzt zwei Scheiben trockenes Brot vor mich legte. Vorwurfsvoll blickte ich ihn an und meckerte:„Soll ich sowas jetzt jeden Tag essen? So etwas Armseliges? Werdet ihr von sowas satt? Ich glaube kaum!" Daraufhin erwiderte der Mann:„Du bist ganz schön frech, dafür, dass du von uns entführt wurdest. Ich hätte gesagt, normalerweise ist man eher zurückhaltend seinen Entführern gegenüber. Aber gut. Mich stört es nicht." Wütend schaute ich nur zurück. Plötzlich meinte der Kleine:„Musst du vielleicht mal auf Klo?" Überrascht sah ich auf und sah meine Chance, irgendwie rauszukommen. Also stand ich ohne Weiteres auf und nickt eifrig:„Ja." Knapp nickten die beiden nun und meinten:„Gut, dann bringen wir dich jetzt zur Toilette und danach kommst du wieder hier rein. Es wird sich nicht angstellt und auch keine Fluchtversuche, verstanden?" Lächelnd nickte ich nur und sie führten mich, jeder einen Arm haltend, durch das riesige Gebäude, bis wir vor einer Tür standen. Nun ließ mich einer los und öffnete diese. Es war ein Badezimmer. Der andere stieß mich plötzlich in den Raum, schloss die Tür wieder und raunte:„Vollrichte dein Geschäft! Du hast 10 Minuten Zeit. Wenn du länger brauchst, kommen wir einfach rein!" Ohne zu antworten schaute ich mich sofort um. Dort waren gleich mehrere Toiletten. Es sah etwas aus, wie die Mädchentoiletten auf meiner damaligen Schule. Sofort entdeckte ich auch ein Fenster. Ich ging einfach schnell in die letzte Kabine, ließ schnell Wasser ab, legte dann vorsichtig den Klodeckel wieder auf, stellte mich darauf und gelangte somit an das Fenster. Vorsichtig versuchte ich, es zu öffnen, doch es war bereits etwas verrostet und ließ sich nur schwer aus den Angeln nehmen. Schließlich schaffte ich es jedoch. Auch, wenn es etwas gepoltert hat, kam zu meiner Überraschung noch nicht mal einer von den beiden rein. Nun zog ich mich schnell hinauf und versuchte, mich durch das schmale Fenster zu zwängen. Ich war gerade mal mit dem Kopf durch, da schreckte ich etwas zurück. Wir waren im zweiten Stock, was ich schon wieder ganz vergessen hatte und das Fenster lag dem entsprechend hoch. Jedoch schüttelte ich nur kurz meinen Kopf und streckte ihn einfach wieder durch das Fenster. Endlich war ich schon mit der Hälfte meines Körpers an der frischen Luft und mein Kopf schwirrte schon vor Höhenangst, da hörte ich auf einmal nur, dass die Tür gewaltvoll aufgestoßen wurde. Hektisch versuchte ich noch, mich ganz herauszuziehen, da erwischte mich schon der große Mann an meinen Beinen und zog mich zurück. Ich hingegen strampelte wild, um mich zu befreien, doch der Mann war stärker. Wütend zerrte er mich einfach weg vom Fenster und presste mich dann gegen eine Wand. Kurz, aber schmerzhaft stieß er auf einmal sein Bein in meinen Bauch und brummte:„Das hast du davon! Du wirst die nächsten zwei Tage keine Mahlzeit bekommen zur Strafe!" Mein Körper zog sich vor Schmerz zusammen und die Tränen stiegen mir in die Augen. Plötzlich hatte ich wieder schreckliche Angst. Ohne weiter Anstalten zu machen, wurde ich von den beiden Männern wieder in mein „Zimmer" verfrachtet und die zwei Scheiben Brot, die ich noch nicht gegessen hatte, wurden mir auch wieder genommen. Einsam und mit schmerzendem Bauch lag ich dort wieder auf dem kalten, dreckigen Boden und weinte. Ich wollte nach Hause.

    5
    Es vergingen mehrere Stunden und mein Magen knurrte ganz erbärmlich. Nachdem mein Fluchtversuch gescheitert war, wurde mir meine ohnehin schon klägliche Mahlzeit für mehrere Tage gestrichen. Und da ich eh nichts mehr zu essen bekam, kam auch wirklich niemand mehr in meine dunkle, kalte und einsame Kammer. Ich hätte mich sogar über einen kurzen Besuch meiner Entführer gefreut. So hätte ich wenigstens etwas Abwechslung bekommen. Aber stattdessen blieb ich einsam. Es war schrecklich. Mir war kalt, alles tat mir weh, ich war müde, ich hatte Hunger, ich fühlte mich einsam und vor allem hatte ich schreckliche Angst. Ich weinte leise vor mich hin. Es würde doch eh niemand sehen und erst recht niemanden interessieren. So langsam begannen meine Augen schon zu schmerzen und ebenso bekam ich Kopfschmerzen. Die Müdigkeit zeichnete mich in dem Moment aus. Also schlief ich ein, tauchte langsam in die Welt der Träume ein.

    Ich spürte eine Hand sanft an mir rütteln und öffnete langsam meine Augen. Plötzlich blickte ich in das Gesicht eines hübschen Mannes. Erschrocken wich ich zurück und blickte den Fremden mit großen Augen an. Entschuldigend lächelte er und sagte irgendetwas, doch ich konnte es nicht verstehen, da ich diese Sprache nicht sprechen konnte. Also gaffte ich den hübschen Mann nur verwirrt an. Schließlich fragte er in einem brüchigem Englisch:„Sprichst du Englisch?" Zögernd nickte ich nur. Auf einmal machte sich ein breites Grinsen auf dem Gesicht des Jungen breit und ich lächelte nur zögernd zurück. Dann verbeugte sich der Mann leicht und erklärte:„Mein Name ist Taehyung und wer bist du?" Schnell antwortete ich:„Schön, dich kennenzulernen. Ich heiße (d/n)." Daraufhin fragte Taehyung mich neugierig:„Wurdest du auch von diesen Leuten entführt?" Plötzlich war meine Angst, er würde zu denen gehören, wie weggeblasen und ich erzählte leichthin:„Ja, sie haben mich überrascht, als ich von der Arbeit wiederkam. Ich sitze hier schon mehrere Tage fest." Verständnisvoll lächelte der hübsche Taehyung und murmelte nun:„Wir sind vor einigen Stunden erst angekommen. Aber du hast geschlafen, deswegen hast du es nicht mitbekommen." Verwirrt hob ich eine Augenbraue:„Wir?" Wortlos nickte mein neuer Zimmergenosse nur und deutete hinter mich. Ruhig drehte ich mich um und erblickte zu meiner Überraschung ein noch recht junges Mädchen, zusammengekauert, aber wach, in der Ecke. Langsam drehte ich mich wieder zu Taehyung und blickte ihn fragend an, woraufhin er in seinem schlechten Englisch flüsterte:„Wir wurden zusammen entführt. Aber sie hat die ganze Zeit kein einziges Wort von sich gegeben. Nicht mal, als ich sie angesprochen habe." Ich zuckte nur die Schultern und meinte leichthin:„Vielleicht kann sie kein Englisch..." Zustimmend nickte Taehyung nur. Doch nun fragte ich interessiert:„Sag mal, woher kommst du eigentlich? Irgendwo aus dem asiatischen Raum..." Kurz überlegte der hübsche Mann, bevor er antwortete:„Ja, ich komme aus Südkorea. Du kommst aus Deutschland?" Knapp nickte ich lächelnd und fragte noch:„Und wurdest du auch in Deutschland entführt?" Schwach lächelnd nickte Taehyung:„Ja. Ich... ich habe hier Urlaub gemacht." Lächelnd nickte ich und drehte mich dann wieder zu dem Mädchen hinter mich. Sie blickte nach wie vor mit ausdruckslosen Augen an die kahle Wand, zusammengekauert und nicht einen Laut von sich gebend. Leise seufzte ich:„Was meinst du, wie alt sie ist, Taehyung?" Kurz zuckte er mit den Schultern, meinte dann aber:„Vielleicht 18 Jahre? Du kannst mich übrigens auch einfach Tae nennen. Das ist nicht so lang." Dankbar lächelte ich kurz, drehte mich dann aber besorgt wieder zu dem Mädchen. Sie sieht aus, als könne sie auch aus Deutschland kommen. Aber sie ist doch sicher zur Schule gegangen. Da muss sie doch wenigstens ETWAS Englisch gelernt haben! Kurz überlegte ich, bevor ich das Mädchen freundlich erstmal auf Englisch ansprach:„Hey, ich bin (d/n). Und du bist?" Kurz beäugte sie mich ausdruckslos von der Seite, aber sie antwortete nicht. Leise seufzte ich und fragte dann erneut. Nur diesmal auf Deutsch. Plötzlich murmelte das Mädchen:„Ich hab dich wohl verstanden." Etwas überrascht blinzelte ich ein paar Mal und fragte unsicher:„Warum hast du denn nicht geantwortet?" Unbekümmert erklärte das Mädchen:„Mir ist nicht nach Gesprächen..." Also nickte ich nur kurz, lächelte ein letztes Mal mitfühlend und drehte mich schließlich wieder zu Tae. Erwartungsvoll fragte er, was das Mädchen gesagt habe. Schnell erklärte ich es ihm, woraufhin er nur langsam nickte. Nun schwiegen wir eine Weile. Schließlich fing ich wieder ein kurzes Gespräch mit Tae an:„Und ihr wart die einzigen zwei, die entführt wurden?" Zu meiner Überraschung schüttelte Tae den Kopf und erklärte noch schnell:„Nein, sie haben auch meine Freunde mitgenommen. Aber die sind in irgendwelchen anderen Räumen... Weißt du eigentlich, was diese Leute von uns wollen?" Knapp schüttelte ich meinen Kopf und meinte:„Nein, ich weiß nicht, was die von uns wollen. Meine Entführer schwafelten zwischendurch mal etwas davon, dass ich es noch alles von einem Hisoka erklärt bekommen würde. Aber dafür müssten erst die anderen kommen. Die anderen seid wahrscheinlich ihr." Verwirrt blickte Tae auf den Boden und zuckte nur kurz mit den Schultern, bevor er sich zurücklehnte. Etwas belustigt schaute ich ihn an und schmunzelte:„Machst du dir gar keine Sorgen?" Sorglos sagte der hübsche Tae nur:„Naja, ich werde es ja noch erklärt bekommen und momentan sieht es nicht danach aus, als würden wir hierbei draufgehen. Ich möchte erstmal abwarten. Wenn ich mir um etwas Sorgen mache, dann an erster Stelle um meine Freunde. Weiß der Geier, wo die sind..." Irgendwie erleichtert, dass mein neuer Kumpel es nicht so ernst nahm, lächelte ich nur. Irgendwie war ich in dem Moment glücklich. Ich war endlich nicht mehr alleine und hatte jemanden, mit dem ich mich vernünftig unterhalten konnte. Zwar war sein Englisch nicht gerade die Creme de la Creme, aber es reichte für kleine Unterhaltungen aus. Dieses Mädchen in der Ecke machte mich zwar beinahe etwas nervös, aber was sollte sie schon tun? Sie mochte nichts sagen, aber eine Bedrohung stellte sie momentan nicht für mich dar, also war es mir ziemlich egal. In dem Moment zählte nur, dass ich nicht mehr alleine war.

    6
    Laute Stimmen ertönten in dem Flur vor der gemeinsamen Kammer, in der Taehyung, dieses schweigsame Mädchen und ich uns die Zeit totschlugen. Überrascht starrten wir augenblicklich alle zur Tür, welche sich schon wenige Sekunden später öffnete. Herein kamen zwei Männer. Zum einen der große, der mich entführt hatte und den anderen kannte ich nicht. Mit brummigen Gesichtern kamen sie herein. Das Mädchen in der Ecke richtete ihren Blick sofort wieder gegen die kahle Wand, während Tae, mein neuer Kumpel und ich die Männer erwartungsvoll angafften. Nachdem die Tür abgeschlossen wurde, kamen die Männer auf uns zu. Sie hatten jeweils einen Apfel und eine Scheibe Brot in der Hand. Der Fremde drückte es dem schweigsamen Mädchen in die Hand, während mein großer Entführer den Kram Tae gab. Mich blickte er nur missgünstig an. Nun sprach der Fremde:„Esst auf. Heute Abend brechen wir auf." Gerade wollten die beiden wieder gehen, da sprang Tae auf und fragte auf Englisch:„Wo sind meine Freunde?" Daraufhin schmunzelte der Mann nur boshaft und ging ohne ein weiteres Wort wieder raus. Enttäuscht ließ Tae sich wieder neben mich nieder und seufzte:„Was hat er gesagt?" Schnell erklärte ich es ihm, wobei ich gleich die Frage stellte, wohin wir wohl aufbrechen würden. Ratlos zuckten wir einfach beide mit den Schultern, während das Mädchen nach wie vor keinen Laut von sich gab. Sie gaffte nur weiter mit leerem Blick die Wand an. Hungrig blickte ich auf den Apfel, in den Tae gerade biss, als er innehielt und fragte:„Warum hast du nichts zu Essen bekommen?" Knapp erwiderte ich nur:„Ich habe versucht, zu fliehen. Allerdings wurde ich wieder geschnappt und als Strafe bekomme ich die nächsten Tage nichts zu Essen." Plötzlich meinte mein Zimmergenosse:„In den Apfel hab ich schon reingebissen. Den willst du bestimmt nicht, aber du kannst das Brot haben." Überrascht blickte ich ihn kurz an und lehnte dann dankend ab:„Nein. Du musst selbst essen. Die Mahlzeiten werden in nächster Zeit nicht besser ausfallen. Ich kenn das schon." Doch Tae bestand darauf und gab es mir einfach. Schließlich nahm ich es seufzend, aber wirklich dankbar, an. Langsam kaute ich darauf herum und schon schneller als ich gucken konnte, hatte ich die Scheibe Brot schon verspeist. Doch noch immer knurrte mein Magen, was ich einfach versuchte, zu ignorieren. Doch auf einmal sprach das Mädchen aus ihrer Ecke:„Nimm meinen Apfel. Ich hab eh keinen Hunger und du scheinst hier ja schon mehrere Tage zu hungern. Ich hatte doch vor einigen Tagen sogar noch eine vernünftige Mahlzeit. Also ist dein Hunger größer." Überrascht blickte ich sie an, doch sie starrte schon wieder an die Wand. Der Apfel lag bereits vor mir. Zögernd griff ich danach, ohne das Mädchen aus den Augen zu lassen. „Danke", murmelte ich noch leise vor mich hin, woraufhin ein irgendwie zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht huschte. Tae blickte mich nur etwas verwirrt an, wissen wollend, was das sonst so schweigsame Mädchen gesagt hatte. Doch ich lächelte ihn nur einmal kurz an und biss in den Apfel. Er schien es verstanden zu haben, denn auch er lächelte. Nach unserem Mahl teilte ich mir noch mit Taehyung das restliche Wasser, dass man mir zum Glück nicht genommen hatte. Das Mädchen hingegen schwieg wieder und wollte auch nichts von dem Wasser. Die Stunden vergingen und Tae und ich unterhielten uns einfach noch ein wenig. Doch auf einmal öffnete sich wieder die Tür und 5 Männer kamen rein. Der Große war auch wieder dabei. Er sprach:„Los, steht auf! Wir fahren jetzt!" Verwirrt fragte ich:„Treffen wir jetzt diesen Hisoka?" Ruhig meinte er:„Später. Erstmal bringen wir euch an den selben Ort." Schon ergriff er meinen Arm und zog unsanft daran. Auch Tae wurde von zwei Männern festgehalten. Zu mir kam auch noch ein zweiter. Nur das Mädchen wurde von lediglich einem Mann festgehalten. Gemeinsam verließen wir jetzt die kalte Kammer und wurden durch das Gebäude geführt. Schließlich stieß einer der Männer ein großes Tor auf, das nach nach draußen führte. Glücklich sog ich die frische Luft ein und ließ die warme Sonne auf mein Gesicht scheinen. Doch schon zu schnell war dieser Moment der Freiheit zerstört, denn direkt wurde ich wieder in diesen weißen Van verfrachtet. Ach Tae und das Mädchen wurden dort hineingesteckt. Schnell banden sie uns noch Kabelbinder um die Hand- und Fußgelenke. Dann brummte der eine Kerl:„Wir sind gleich wieder da!" Daraufhin knallten sie die Kofferraumtür wieder zu und wir saßen da alleine. Verwirrt fragte Tae:„(d/n), was machen die mit uns?" Selbst etwas panisch zuckte ich nur mit den Schultern und erklärte ihm noch:„Sie wollen uns irgendwo hinbringen. Zu einem Hisoka. Aber ich weiß nicht, wer das sein soll." Nun warteten wir und auf einmal wurde wieder die Tür aufgerissen. Davor standen wieder die Entführer. Jedoch in Begleitung von zwei gutaussehenden, jungen Männern, die ebenso wie Tae aus dem asiatischen Raum zu kommen schienen. Als Taehyung sie schließlich erblickte, rief er aufgeregt etwas auf koreanisch, was ich natürlich nicht verstand. Die beiden Männer wurden nun ebenfalls zu uns gesperrt und einer der Entführer warnte:„Die zwei werden mit euch fahren, weil wir euch alle auf zwei Vans aufteilen müssen. Wenn ihr aber nicht still seid, gibt's Ärger. Wir werden gleich losfahren. Meinetwegen dürft ihr euch unterhalten, aber nicht so laut. Von draußen würd's eh niemand hören. Egal, wie laut ihr seid." Mit den Worten schloss er die Kofferraumtür und wir saßen dort. Tae unterhielt sich aufgeregt mit den beiden anderen asiatischen Männern. Nach einer Zeit fragte ich Tae unsicher leise auf Englisch:„Tae, wer ist das?" Aufgeregt erklärte er mir nun:„Das sind zwei meiner Freunde. Hoseok und Seokjin!" Erfreut lächelte ich die zwei an, doch ich sah, dass sie ebenfalls verwirrt waren über meine Erscheinung. Also stellte ich mich schnell vor:„Hey, ich bin (d/n). Ich wurde auch entführt und war mit Tae in einer Kammer eingesperrt." Scheinbar ging den beiden plötzlich ein Licht auf und auch sie stellten sich noch einmal schnell vor. Nun blickten sie erwartungsvoll das schweigsame Mädchen an. Doch sie schwieg weiterhin und plötzlich fragte dieser Hoseok laut auf Englisch:„Warum sagst du eigentlich nichts? Als wir entführt wurden, hast du auch schon nichts gesagt." Auf einmal seufzte das Mädchen leise und meinte auf ziemlich flüssigem Englisch:„Mir ist nicht nach Unterhaltungen." Leichthin frage Hoseok nun:„Warum nicht? Es ist viel einfacher, diese Situation zu verarbeiten, wenn man sich mit anderen unterhält." Zu aller Überraschung lächelte das Mädchen auf einmal schwach und murmelte:„Vielleicht wäre es das, ja. Aber vielleicht macht es auch keinen großen Unterschied." Etwas enttäuscht lächelte Hoseok nur und Tae meinte:„Lassen wir sie einfach erstmal nachdenken." In der Zeit unterhielten Seokjin, Hoseok, Tae und ich uns über die Entführung. Währenddessen schlugen Seokjin und Hoseok auch vor, dass ich sie doch einfach Jin und Hobi nennen könne, da dies nicht so lang sei. Also nannte ich sie auch so. Der Van fuhr auch irgendwann los und wir saßen hinten in unserem Kofferraum, an die Wände des Wagens gelehnt, im Gespräch vertieft. Das Mädchen sagte weiterhin nichts. Doch auf einmal stand Hoseok so gut es ging auf, taumelte zu dem Mädchen und setzte sich neben sie. Scheinbar etwas verwirrt schaute sie Hobi an, welcher auf einmal fragte:„Du warst auch auf unserem Konzert, oder? Von dort wurdest du auch entführt, nicht?" Verwirrt blickte ich Tae an:„Was für ein Konzert?" Etwas verlegen kratzte sich Tae am Kopf und meinte schließlich:„Meine Freunde und ich bilden eine Band. Vielleicht hast du schonmal von uns gehört. BTS."

    7
    Überrascht blickte ich Tae an:„Du bist Teil von BTS? Ich kenne die Band nicht wirklich. Ich höre nur andauernd von eurem Erfolg im Radio oder sonst wo." Leichthin meinte das Mitglied von BTS:„Naja, so besonders ist es ja auch nicht. Ich und die Jungs sind zwar berühmt, aber so hervorheben muss man das nicht." Daraufhin fragte Jin verwundert seinen Bandkollegen:„Warum hast du ihr nicht erzählt, dass du zu BTS gehörst?" Etwas verwundert über die Frage nuschelte Tae:„Warum hätte ich es ihr denn erzählen sollen? Was sagt das schon über mich großartig aus?" Irgendwie verständnisvoll lächelte ich nur und schaute nun wieder zu Hobi und dem Mädchen. Endlich antwortete dieses auch:„Ja, ich war mit meiner Schwester auf dem Konzert. Sie ist BTS-Fan." Lächelnd nickte Hobi und interessierte sich nun:„Wie fandest du das Konzert? Waren wir in Ordnung?" Beinahe etwas erleichtert wirkend erwiderte das Mädchen:„Ja, es war sehr gut." Plötzlich fragte Hobi sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht:„Wie heißt du denn überhaupt?" Beinahe etwas belustigt antwortete das Mädchen:„Ich heiße Karolin." Jetzt streckte Hobi ihr seine Hand hin und grinste:„Na dann, schön, dich kennenzulernen, Karolin." Daraufhin schlug Karolin schwach lächelnd ein. Etwas überrascht blickte ich die zwei an. Leise flüsterte ich Tae zu:„Wow. Hobi hat das Eis aber schnell gebrochen..." Zustimmend nickte Tae nur und jetzt sprach auch ich noch mal Karolin an:„Sag mal, wie alt bist du eigentlich?" Knapp antwortete Karolin:„Ich bin 15 Jahre alt." Überrascht gafften wir sie alle an und Jin brachte die Stille auf den Punkt, indem er murmelte:„Oh, ich hätte dich älter eingeschätzt. Eher so auf 18." Belustigt grinste das junge Mädchen und meinte:„Ja, ich weiß. Das höre ich oft... Und wie alt seid ihr alle, wenn ich fragen darf?" Der Reihe nach nannten wir jetzt alle unser Alter. Daraufhin meinte Karolin:„Dann hab ich ja einen ganz schönen Abstand zu euch." Zustimmend nickte Hobi mit einem Grinsen im Gesicht, lachte dann aber:„Macht ja nichts. Man versteht sich doch trotzdem." Knapp nickte das Mädchen jetzt nur. Irgendwie schien sie erleichtert. Vielleicht war sie das auch, weil sie endlich auch mit uns sprach. Ich redete mir jedoch ein, dass sie vorher sicher nicht mit uns redete, weil sie die Situation erst verarbeiten musste und Angst hatte. Schließlich war sie erst 15 und wurde dann von einem Konzert entführt. Laut fragte ich jetzt in die Runde:„Was meint ihr, weshalb wir entführt wurden?" Hobi, der immer noch neben Karolin, in der Ecke, saß, zuckte knapp mit den Schultern und auch seine Sitznachbarin zeigte sich als unwissend. Jin mutmaßte:„Vielleicht sind sie scharf auf unser Geld. Aber das hätte eigentlich nur Sinn ergeben, hätten sie nur uns, von BTS, entführt. Oder seid ihr zufällig reich oder so?" Belustigt schüttelten Karolin und ich die Köpfe, doch nun erzählte ich:„Einer meiner Entführer sagte, dass wir zu einem „Hisoka" gebracht werden würden, der uns auserlesen hat, um uns alles zu erklären. Also heißt es, dass sie uns gezielt entführt haben und nicht einfach irgendwen." Nachdenklich nickte Tae und meinte plötzlich lachend:„Puhh, es ist ganz schön schwer, sich die ganze Zeit auf englisch zu unterhalten." Mitfühlend lächelte ich nur. Plötzlich murmelte Karolin aus ihrer Ecke:„Ich werde mich jetzt aufs Ohr hauen. Ich bin müde. Also bis dann mal." Schon legte sie sich auf die Seite und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand." Auf einmal meinte Hobi:„Ich schlafe auch ne Runde." Daraufhin murmelte ich nur:„Ja, vielleicht sollten wir das alle tun. So sind wir immerhin ausgeschlafen, wenn wir schon hungern müssen." Also legten wir uns alle hin und machten unsere Augen zu. Und schon nach nicht allzu langer Zeit schiefen wir alle im Kofferraum des Vans. Jedoch brauchte ich etwas länger. Ich dachte nach. Was wird wohl als nächstes passieren? Was wird uns dieser Hisoka sagen und wer ist er überhaupt? Wurden wir wirklich alle gezielt aus den Massen gepickt? Was haben wir denn an uns, was dieser Hisoka braucht? Alles, was uns verbindet, ist, das wir alle jung sind... Mehr würde mir dazu auch nicht einfallen... Naja, immerhin verstehen wir uns ganz gut. Die Jungs von BTS, die ich kennengelernt habe, sind echt nett. Karolin scheint auch ganz in Ordnung zu sein. Wobei sie mir noch etwas verunsichert scheint. Aber gut, das sind wir ja eigentlich alle. Einige mehr, andere weniger...

    8
    Ein Ruck durchfuhr mich und schreckte mich aus meinen schönen Träumen. Benommen öffnete ich die Augen und ließ meinen Blick durch den dunklen Kofferraum schweifen. Kurz blieb mein Blick an Karolin hängen, welche hellwach in der Ecke hockte und Hobis Kopf auf dem Schoß liegen hatte, da er dort wohl eingeschlafen war. Als sie mich erblickte, lächelte sie schwach, die Hand auf Hoseoks Schulter gelegt. Belustigt grinste ich zurück. Doch plötzlich bemerkte ich, dass der Wagen gar nicht mehr fuhr und ich flüsterte Karolin schnell in unserer Muttersprache zu:„Seit wann stehen wir schon?" Knapp erwiderte sie:„Du bist aufgewacht, als wir angehalten sind. Vielleicht stehen wir nur vor einer Ampel." Doch plötzlich hörten wir das gedämpfte Knallen zweier Autotüren, woraufhin wir beide gleichzeitig wachsam zur Tür des Kofferraums blickten. Tatsächlich öffnete sich diese auf einmal und das von uns allen verhasste Gesicht eines Entführers erschien. Währenddessen schien milchiges Mondlicht in den Kofferraum. Leise brummte der Mann auf einmal:„Steht auf. Wir sind da." Augenblicklich rüttelte ich Tae und Jin wach, während Karolin Hobi übernahm. Verwirrt starrten uns alle drei an, woraufhin ich schnell für alle auf englisch die Situation erklärte. Murrend standen die Jungs nun also auf und unsere Entführer packten uns alle an den Armen. Als schließlich alle aus dem Kofferraum raus waren, wurde der Van abgeschlossen und plötzlich fuhr ein zweiter dieser Art auf den Hof, auf dem wir uns befanden. Darin saßen drei Männer, die von Jin als deren Entführer erkannt wurden. Kurz nickten die, mir unbekannten Männer, ihren Kollegen zu und trotteten dann auch zum Kofferraum ihres Vans. Nicht mal zu meiner Überraschung wurden vier weitere Jungs herausgezogen, welche sich direkt als Rest von BTS herausstellten, als Tae aufgeregt etwas auf koreanisch rief. Daraufhin begrüßte der größte von ihnen auf englisch mit:„Hey Leute, was geht? Wurdet ihr auch entführt?" Knapp nickten Karolin und ich, doch plötzlich stießen uns die Entführer nach vorne und der eine brummte schlecht gelaunt:„Keine Zeit für lange Gespräche. Kommt in die Pötte!" Also schwiegen wir nun, während die Männer uns in das gigantische Gebäude vor uns scheuchten. Ehrfürchtig blickte ich es an. Währenddessen schaute ich mich etwas in der Gegend um. Die Bäume sahen irgendwie tropisch aus und weit und breit waren keine anderen Häuser zu sehen. Doch weiter konnte ich schon gar nicht schauen, da man mich sofort weiterschubste, bis wir tatsächlich in dem Gebäude waren. Eine Weile eilten wir, geführt von unseren Entführern, durch die langen Gänge, bis es plötzlich eine Treppe runter ging. Dort war ein langer dunkler Gang, mit vielen Türen, die jeweils ein kleines Gitter oben hatten. An den Wänden hingen alte, verstaubte Lampen, die nur sperrliches Licht von sich gaben. Ein wenig erinnerte es an einen Kerker. Plötzlich blieben die Männer mit Jin und Hobi stehen, während der Rest weiterging. Beinahe etwas panisch blieb ich abrupt stehen und fragte stur:„Wohin werden die beiden gebracht? Warum werden sie von uns getrennt?" Kalt antwortete einer der Kerle:„Sie kommen in andere Kammern." Widerspenstig blieb ich stehen und fauchte:„Warum kommen wir nicht alle in eine Kammer?" Wütend erwiderte derselbe:„Ihr werdet alle aufgeteilt. und jetzt geht's weiter." Als ich immer noch nicht mitgehen wollte, schlug er unsanft seinen Ellenbogen auf meine Schulter und ich musste die Lippen zusammenpressen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Herausfordernd sah der Kerl mich nun an und ich ging mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht weiter. Vollkommen überfordert starrten die anderen hinter sich, zu Hobi und Jin, die gerade in eine der Kammern gesperrt wurden. Nach und nach blieben jetzt auch die anderen stehen und eingesperrt, bis noch Karolin, Tae und ich unterwegs waren. Aus den Kammern, an denen wir vorbeikamen, drangen Stimmen, die riefen und teilweise sah man durch die Schlitze in den Türen traurige Gesichter. Etwas ängstlich blickte ich die Leidenden an, bevor plötzlich auch Tae und ich stehen bleiben mussten. Verwirrt blickte ich zu Karolin, die eine Kammer weitergeführt wurde. bevor ich ihr noch etwas sagen konnte, schubsten die Männer Tae und mich in unsere Kammer und nahmen uns noch schnell die Kabelbinder von den Gelenken. Jetzt gingen sie weg und schlossen noch die Tür. Als sie weg waren, blickte ich mich unsicher in der Kammer um. Es war ein staubiger, kleiner Raum ohne Fenster. Eine Matratze lag in der Ecke und daneben eine schmierige Decke. Ein abgerissenes Waschbecken hing noch an der gegenüberliegenden Wand und ein kleiner Schrank stand in der Ecke. Ansonsten war das Zimmer leer. Entsetzt starrten Tae und ich gleichzeitig durch das Zimmer. Plötzlich meinte Tae:„Immerhin haben wir diesmal ne Matratze." Schwach lächelte ich und ging nun zur verschlossenen Tür. Ich lukte durch den vergitterten Schlitz in der Tür und auch mein Zimmergenosse wagte einen Blick hindurch. Alles, was wir sahen, war noch die eine alte Lampe an der Wand des Flurs und ein schlichter Holzstuhl etwas weiter von uns entfernt, auf dem einer der Entführer saß und brummig in die Gegend gaffte. Seufzend trat ich nun von der Tür weg und setzte mich auf die schmuddelige Matratze. Als Tae das bemerkte, setzte er sich schweigend neben mich. Leise, beinahe etwas verstört murmelte ich:„Wir sind hier eingesperrt. Was, wenn wir nie wieder rauskommen? Wir sind nicht die einzigen. Es wurden noch mehr entführt und sie alle sitzen hier ebenfalls fest." Nachdenklich blickte Taehyung an die Wand, lächelte mich plötzlich an und versicherte mir:„Wir werden schon noch rauskommen. Sieh's mal so. Es wurden scheinbar so viele Leute entführt, dass alle nach uns suchen werden. Schon bald wird uns jemand finden." Dankbar lächelte ich meinen neuen Kumpel an und flüsterte:„Ja, wir sind nicht alleine..."

    9
    Gelangweilt saßen Tae und ich auf der dreckigen Matratze in unserer Kammer und fragten uns gegenseitig, wie es wohl weitergehen würde. Nachdenklich starrte ich besorgt an die Tür, die Tränen schon in den Augen stehend, da schaute mich Tae mitfühlend von der Seite an und meinte auf einmal:„Vielleicht können wir etwas spielen, um uns die Langeweile zu vertreiben." Schwach lächelte ich ihn dankbar an und murmelte:„OK und was schlägst du vor?" Kurz überlegte der hübsche Mann, grinste dann auf einmal breit und fragte:„Kannst du singen?" Verwirrt stammelte ich:„Ja, schon. Aber nicht gut." Kurz klatschte der, eher wie ein Kind wirkende, Mann in seine Hände und meinte:„Gut. Dann spielen wir jetzt Lieder-Raten. Einer singt etwas und der andere muss raten, welches Lied es ist." Knapp nickte ich lächelnd. Schon fing Tae an, etwas zu singen. Doch ich vergaß ganz, zu raten, denn seine Stimme war so schön. Die Töne traf er alle, egal, ob sie tief oder hoch waren. Aber das wirklich Beeindruckende war, wie gefühlvoll er sang. Mit offenem Mund starrte ich ihn einfach nur an. Als er schließlich schon fast eine Minute lang sang und ich immer noch nichts sagte, hörte er auf und sah mich gleichzeitig belustigt und vorwurfsvoll an. „Willst du heute noch mal raten?", meckerte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Wieder in der Realität schüttelte ich mich kurz und entschuldigte mich dann:„Oh, das hatte ich ganz vergessen. Deine Stimme ist nur so schön." Ein wenig errötete mein Zimmergenosse und meinte dann:„Danke. Wenn du willst, kann ich dir auch einfach ein bisschen was vorsingen." Begeistert nickte ich, woraufhin Tae wieder anfing, seine wunderschöne Stimme erklingen zu lassen. Genießerisch schloss ich die Augen und lehnte mich an die kalte Wand, während Taehyung immer weitersang. Schließlich sang er mir schon seit etwa 20 Minuten vor, da öffnete sich plötzlich die Tür zu unserer kammer. Abrupt endete Tae und wir gafften beide zur Tür. Darin stand einer der Entführer mit einer Flasche Wasser und einer Ecke eines schon trockenen Baguettes. Wortlos gab er beides Tae, blickte dann mich mit finsterem Blick an und meinte:„Du bekommst nichts, sagte mir mein Kollege. Du scheinst wohl rebelliert zu haben, hm?" Als er das sagte, erschien ein schelmisches Grinsen auf dem Gesicht des Mannes und ich blickte nur wütend zurück. Jetzt in leisem Gelächter ausbrechend verließ der Entführer den Raum wieder und die Tür wurde wieder geschlossen. Wütend murmelte ich ihm noch auf Deutsch hinterher:„Blöder Penner..." Mitleidig blickte mich Tae nun an, natürlich nicht verstehend, was ich da vor mich hin murmelte und fragte leise:„Wollen wir wieder teilen?" Dankend schüttelte ich den Kopf:„Nein, iss du. Es ist doch meine eigene Schuld und außerdem kannst du dich ja nicht jedes Mal für mich aufopfern." Daraufhin brach Tae mir einfach trotzdem ein Stück Baguette ab, legte es vor mich und meinte:„Entweder du isst es, oder die Mäuse holen es sich irgendwann." Dann wandte er sich ab und aß sein eigenes Mahl. Seufzend nahm ich nun auch das trockene Stück Brot und kaute darauf herum. Tae ist wirklich nett. Er scheint ein toller Kerl zu sein. Deswegen möchte ich auch nicht, dass er mir die ganze Zeit sein Essen gibt. Dann bekomme ich Schuldgefühle... Leise murmelte ich nun auf einmal:„Danke, Tae. Wirklich. Aber du brauchst mir echt nichts von deinem Essen abgeben. Ich werde schon nicht verhungern... Dennoch möchte ich danke sagen. Du bist echt toll..." Nun drehte sich Tae zu mir, lächelte breit und meinte:„Kein Problem. Ich mach das gerne, (d/n)." Schwach lächelte ich nur zurück und auf einmal begann Tae wieder, zu singen. Dankend sah ich ihn an und starrte nachdenklich in die Luft. Was ist jetzt wohl mit den anderen? Sie sind in den anderen Kammern. Sind sie auch jeweils zu zweit? Aber Karolin wurde alleine in eine Kammer gesteckt... Ich hoffe nur, dass es ihnen allen gut geht. Und was ist jetzt überhaupt mit diesem Hisoka? Werden wir ihn noch zu Gesicht bekommen? Warum passiert das nur alles? Warum würde dieser Hisoka ausgerechnet mich entführen wollen? Was habe ich denn an mir? Oder all die anderen, die hier feststecken? Die anderen... Sie scheinen teils schon länger hier zu sein... Was haben wir gemeinsam?

    10
    Es war dunkel und ich konnte nicht mal mehr meine eigene Hand vor Augen sehen. Nur den warmen Körper von Taehyung spürte ich neben mir auf der Matratze. Es wurde zur Nachtruhe ausgerufen und alle Lichter ausgeschaltet. Gelangweilt gaffte ich in die Schwärze der Dunkelheit und lauschte den Geräuschen der Nacht. Ich hörte das beruhigende Atmen von Tae und spürte seine wärmende Haut seiner Wange an meiner Hand. Wir hatten beschlossen, uns die Matratze und die Decke zu teilen, da es doch sehr kalt gewesen wäre. Und nun lagen wir beide auf der Matratze. Tae schlafend und ich hellwach. Ich war es nicht gewohnt, so nah an jemand anderem zu liegen. Normalerweise hätte ich nun in meiner Wohnung alleine geschlafen. Die Nähe zu Tae machte mich irgendwie etwas nervös. Wir kannten uns erst seit ein paar Tagen und die einzige Verbindung zwischen uns war, dass wir beide entführt wurden. Wir waren Freunde geworden, ja. Aber normale Freunde lagen normalerweise nicht so nah beieinander. Leise seufzte ich nur und lauschte dann wieder. Abgesehen von Taes Atmen konnte ich nämlich auch immer mal wieder leise Schritte auf dem Flur hören oder leises Wispern aus anderen Kammern, welches dann von der Nachtwache unterbrochen wurde, indem er zischte, die Personen sollen leise sein. Auch leises Wimmern, als würde jemand weinen, konnte ich vernehmen. Es war beinahe gruselig. Diese Stille, die von Lauten des Leidens begleitet wurde. Angsterfüllt lag ich da, Knie und Hände nah an meinen Körper herangezogen, als könnte ich mich so vor der Furcht schützen. Plötzlich hörte ich Schritte auf dem Flur und dann leises Gewisper. Ich wurde neugierig und wollte wissen, wer sich da unterhielt. Vorsichtig stand ich leise auf, um den friedlich schlafenden Tae nicht zu wecken und verließ die Matratze. Lautlos ging ich zur Tür, schaute durch den Schlitz, streckte meine Hand hindurch, winkte einmal kurz und flüsterte in den langen Flur:„Ich muss mal auf Toilette." Schon kam die Nachtwache, die sich gerade unterhielt, auf mich zu, murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und öffnete dann leise die Tür. Unsanft griff er dann meinen Arm und führte mich durch den Gang. Jetzt sah ich auch den Mann, mit dem sich die Nachtwache unterhalten hatte, doch kennen tat ich ihn nicht. Kurz sprach der Wächter seinem Kollegen zu:„Halt mal kurz die Stellung. Das Mädchen muss mal auf Klo." Kurz nickte der Mann daraufhin und der Wächter führte mich weiter. Plötzlich hörte ich an einer Tür, an der wir gerade vorbeiliefen ein leises Klopfen. Verwundert blieb der Mann mit mir stehen und ich sah durch den Schlitz in der Tür das Gesicht eines Mädchens in etwa meinem Alter. Sie flüsterte schnell auf Englisch:„Ich muss auch mal." Seufzend verdrehte der große Wachmann die Augen und murmelte genervt:„Na gut. Ich nehme euch beide gleichzeitig mit. Aber, wer versucht wegzulaufen, bekommt ne Schelle." Zustimmend nickten die andere junge Frau und ich. Schon holte der Mann nun auch sie aus ihrer Zelle und er packte beide von uns. Nun ging er mit uns den Flur entlang, bis ganz hinten eine Tür war. Jetzt sprach der Mann:„Das ist das Bad. Wer in 10 Minuten noch nicht fertig ist, bekommt ne Schelle." Als Zeichen, dass wir verstanden hatten, nickten die andere Gefangene und ich und wir wurden ins Bad gelassen. Das Licht ging an und endlich konnte ich das Gesicht des Mädchens auch vernünftig erkennen. Sie war eine recht kleine, schlanke, junge Frau, die dennoch durchaus kurvig war. Ihre Haut war scheinbar von der Sonne gut gebräunt und sie hatte schwarze Locken, die ihr bis zum Po reichten. Ihre großen Augen waren in einem schönen, dunkelbraunen Ton und leuchteten freudig. freundlich grinste sie mich mit einem hübschen Lächeln an und stellte sich auf Englisch vor:„Hallo, ich bin Federica. Und wer bist du?" Etwas verunsichert erwiderte ich:„Ich heiße (d/n). Ähm, schön, dich kennenzulernen, Federica. Woher kommst du eigentlich?" Gut gelaunt meinte die junge Frau:„Ich komme aus Italien. Du kommst aus Deutschland, oder? Zumindest bist du mit der deutschen Fraktion gekommen." Verwirrt fragte ich:„Deutsche Fraktion? Heißt das, hier sind Leute aus verschiedenen Ländern?" Unbeschwert meinte die hübsche Federica:„Ja klar, was dachtest du denn? Die Leute hier kommen aus der ganzen Welt." Unsicher fragte ich vorsichtig:„Woher weißt du das denn?" Kurz zuckte die Frau mit den Schultern und erwiderte gelassen:„Ich habe mich hier schon mit recht vielen unterhalten. Wenn sie auf die Toilette gehen, sage ich, dass ich auch muss. Nur, um mich mit ihnen unterhalten zu können. Einige Leute konnten fast gar kein Englisch und haben sich demnach auch nicht mit mir unterhalten, aber andere schon. Ich habe schon welche aus Japan, Afrika, Spanien, Russland und Indien getroffen. Das Mädchen aus Indien konnte zwar kein Englisch. Zumindest nur sehr wenig, aber dass sie aus Indien kommt, sah man ihr an. Das russische Mädchen war mir sehr unsympathisch und sie wollte sich auch nicht mit mir unterhalten, aber dass sie aus Russland kommt, hat sie mir noch erzählt. Der Spanier und die Afrikanerin sind aber sehr nett. Die Japanerin auch." Etwas überrumpelt von den ganzen Informationen gaffte ich Federica einfach nur an. Ach du heilige... Diese Federica kann ja ohne Punkt und Komma reden... Freundlich lächelte ich jetzt einfach nur und erzählte leise:„Ich muss eigentlich auch gar nicht auf die Toilette. Ich wollte nur schauen, mit wem sich die Nachtwache unterhalten hat." Freudig grinste Federica jetzt und meinte:„Gut, dann können wir uns ja noch ein bisschen unterhalten." Zögernd nickte ich und wollte gerade fragen, ob sie weiß, was diese Leute von uns wollen, da redete sie schon wieder los:„Wie alt bist du eigentlich, (d/n)? Und was waren das für Leute, die da mit dir gekommen sind? Sie sahen großteils nicht wie Deutsche aus." Leicht überfordert dachte ich erstmal nach und fing dann an:„Also, ich bin 22 Jahre alt und die Leute, die da bei mir waren, kommen aus Südkorea. Sie hatten nur Urlaub in Deutschland gemacht." Nachdenklich nickte die junge Frau nun, während sie sich gelassen an die Wand lehnte. Plötzlich erzähle sie:„Ich bin 20 Jahre alt. Dann ist ja kein großer Abstand zwischen uns." Leicht lächelte ich und meinte:„Ja, das stimmt. Sag mal, weißt du eigentlich, was diese Leute hier von uns wollen?" Kurz schüttelte sie den Kopf und meinte noch:„Nicht wirklich. Ich weiß nur, dass sie uns noch zu jemandem bringen wollten, der uns alles erklärt. Aber mehr weiß ich auch nicht." Nachdenklich nickte ich, als plötzlich der Mann gegen die Tür klopfte und fauchte:,, Beeilt euch!" Etwas enttäuscht schaute Federica zur Tür und meinte plötzlich:„Die Japanerin und ich wollten uns hier morgen auf dem Klo noch einmal treffen. Willst du dazukommen? Wir können so tun, als wenn wir alle drei auf Klo müssen. Du bekommst dann ja mit, wenn wir auf Klo gehen. Die Japanerin wollte zuerst sagen, dass sie mal muss. Dann kommt sie an beiden Kammern von uns vorbei. Etwas überfordert, aber begeistert von der Idee, willigte ich ein. Es ist sicher spannend, die anderen Leute hier mal zu treffen. Doch wieder hörten wir die ungeduldige Stimme des Wächters, sodass wir endlich wieder aus dem Bad herauskamen. Schlecht gelaunt packte er uns wieder unsanft an unseren Armen und brachte uns zurück in unsere Zellen. Als ich wieder in der gemeinsamen Zelle saß, sah ich Tae wach auf der Matratze sitzen. Irgendwie erleichtert blickte er mich an und flüsterte:„Wo warst du? Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Ich dachte, sie hätten dich in eine andere Zelle gesteckt!"

    11
    Überrascht, aber auch belustigt fragte ich Tae leise:„Du hast dir Sorgen gemacht?" Etwas verärgert blickte mich Tae an und erwiderte knapp:„Ja. Ich möchte mit niemand anderem in eine Zelle. Wir verstehen uns gut. Und alleine will ich definitiv auch nicht sein. Also wo warst du?" Irgendwie fühlte ich mich geschmeichelt und ging langsam wieder zur Matratze, auf der Tae hockte und mich nach wie vor erwartungsvoll anblickte. Lautlos setzte ich mich neben ihn und fing an zu erzählen:„Ich bin wach geworden und konnte nicht mehr einschlafen. Dann habe ich gehört, wie sich jemand auf dem Flur unterhielt und, um dahinter zu kommen, wer es war, sagte ich, ich müsse auf Toilette. Dort habe ich übrigens ein Mädchen kennengelernt, die auch von diesen Leuten entführt wurde." Auf einmal neugierig flüsterte Tae:„Echt? Wie war sie so? Was hat sie erzählt?" Bei der Erinnerung lächelte ich etwas:„Naja. Sie war nett, schien aber sehr viel Gesprächsbedarf zu haben. Sie konnte quasseln wie ein Wasserfall, aber das muss ja nicht negativ sein. Sie erzählte auf jeden Fall, dass hier Leute aus aller Welt sind. Sie selbst kommt aus Italien und heißt Federica. Sie scheint schon etwas länger hier zu hocken und hat die Zeit genutzt, jedes Mal auf Toilette zu gehen, wenn jemand anderes auch musste. So konnte sie sich mit den verschiedenen Leuten unterhalten." Interessiert nickte der hübsche Tae nachdenklich und fragte dann:„Weiß sie vielleicht, warum wir entführt wurden?" Missmutig schüttelte ich nur den Kopf, bis mir wieder einfiel:„Wir wollten uns morgen noch mal auf Klo treffen. Wir hatten den Plan, dass ein japanisches Mädchen, welches Federica schon kennengelernt hatte, zuerst sagen wollte, dass sie mal muss. Wenn die Wache dann mit ihr an unseren Zellen vorbeikommen, sagen wir, dass wir auch auf die Toilette müssen." Schwach lächelnd meinte Tae:„Guter Plan. Vielleicht finden wir so noch etwas mehr heraus." Zustimmend nickte ich, gähnte einmal und murmelte daraufhin:„Ich glaube, ich gehe dann mal wieder schlafen." Schon legte ich mich wieder auf die Matratze. Tae tat es mir gleich und wandte sich extra mit dem Gesicht von mir weg, sodass wir Rücken an Rücken lagen. So konnten wir uns nicht zu nahe kommen, was mir persönlich ganz zu Gute kam. Nicht, weil ich Tae nicht mochte, sondern einfach, weil alles andere ungewohnt war. Einige Momente lang gaffte ich noch nachdenklich in die Schwärze, bevor ich schließlich ins Land der Träume eintauchte.
    Die Dunkelheit lichtete sich etwas, was mich aus dem Schlaf riss. Müde zwang ich mich selbst dazu, die Augen zu öffnen. Nun erkannte ich, dass die Lichter nach und nach wieder eingeschaltet wurden und somit wohl der Morgen anbrach. Jetzt fiel mein Blick auf Tae, der noch seelenruhig neben mir schlief. Er sah ein bisschen wie ein Baby aus, wie er da so schlief. Sein Mund war ein wenig geöffnet und Speichel tropfte auf die Matratze. Seine weichen, schwarzen Haare waren verwuschelt und seine Haut schien so zart und rein wie eben die eines Babys. Gedankenverloren strich ich mit meinen Fingern über seine Haut, um zu prüfen, ob sie wirklich so weich war wie sie aussah. Etwas erschrocken zog ich meine Finger jedoch schnell wieder weg, als ich realisierte, was ich da tat. Warum zur Hölle habe ich das Bedürfnis gespürt, seine Haut zu berühren? Naja... Irgendwie verwirrt stand ich einfach auf und trottete zu der Tür und schaute aufmerksam durch den Schlitz. Auf dem Flur sah ich einen neuen Mann auf dem Wachposten. Noch ein anderer lief über den Flur mit mehreren Äpfeln in der Hand. Schon bald erkannte ich ihn als den Größeren meiner Entführer. Er lief die Zellen ab und gab den Gefangenen scheinbar ihr Frühstück. Als ich das saftige Obst erblickte, knurrte laut mein Magen und erst jetzt bemerkte ich, wie viel Hunger ich überhaupt hatte. Sehnsüchtig starrte ich auf die Äpfel, in der Hoffnung, diesmal vielleicht doch einen zu bekommen. Schließlich kam der Entführer auch zu unserer Zelle und lächelte bereits böse, als er mich durch den Spalt sah. Vor der Tür blieb er stehen und murmelte:„Na, schon Hunger?" Erst wollte ich schnippisch antworten, doch dann ließ ich es doch wieder, als ich an mögliche Konsequenzen dachte. Stattdessen schwieg ich nur und endlich öffnete der große Mann auch die Tür. Herrisch guckte er auf mich herunter, drückte mir auf einmal zwei Äpfel in die Hände und sprach:„Teilen nicht vergessen. Deine Strafe ist jetzt auch aufgehoben. Du hast genug gehungert." Schon irgendwie dankbar lächelte ich und nahm das Obst entgegen, während der Entführer wieder die Zelle verließ und abschloss. Aufgeregt eilte ich nun zu Tae, rüttelte ihn kurz wach und meinte:„Wir haben Frühstück bekommen!" Blinzelnd öffnete mein Zimmergenosse daraufhin seine Augen und murrte etwas auf koreanisch. Gespielt vorwurfsvoll erinnerte ich ihn lachend:„Du weißt, dass ich kein koreanisch spreche!" Nun lächelte Taehyung nur belustigt, wenn auch noch müde und nahm den Apfel dankend entgegen. Gemeinsam verspeisten wir nun unser Frühstück und starrten dann schweigend zur Tür. Tae schien irgendwie traurig, woraufhin ich ihn vorsichtig fragte:„Alles in Ordnung, Tae?" Beinahe etwas erschrocken blickte mich Tae kurz an und stammelte dann:„Ja, alles gut. Ich frage mich nur, wie es meiner Familie wohl geht. Sie sind mir extrem wichtig." Verständnisvoll nickte ich und erwiderte selbst etwas traurig:„Das kann ich verstehen. Ich vermisse meine Familie auch." Plötzlich fragte Tae:„Hast du eigentlich Geschwister?" Mit einem Lächeln auf den Lippen erwiderte ich:„Ja, einen kleinen Bruder. Er ist mittlerweile aber schon 17. Ich erinnere mich immer gerne daran, wie wir damals zusammen gespielt haben. Ein wenig vermisse ich die Zeit..." Daraufhin antwortete Tae:„Ich habe auch zwei jüngere Geschwister. Ich habe immer gerne mit ihnen gespielt. Leider habe ich sie ziemlich lange nicht mehr gesehen, da ich ja vorher immer auf Tour war." Mitleidig meinte ich:„Es ist sicher schwierig als Mitglied einer weltweit berühmten Band, oder? Ich könnte das wahrscheinlich nicht..." Schulterzuckend erwiderte Tae:„Natürlich ist es schwierig, aber ich liebe es, Teil dieser Band zu sein. Ich hätte es bereut, hätte ich mich damals nicht für die Stelle beworben. Und außerdem werde ich meine Familie später sicher öfters sehen..." Nachdenklich nickte ich. Werden wir wirklich jemals wieder unsere Familien sehen? Ich bin mir momentan, um ehrlich zu sein, nicht so sicher. Es weiß ja niemand, was diese Leute hier mit uns vorhaben...

    12
    „Ich muss mal auf die Toilette", war der englische Satz den ich aus der Ferne hörte und direkt schreckte ich von der Matratze hoch. Verwirrt schaute mich Tae an, der vorher ganz betrübt gewesen war und fragte:„Was ist los, (d/n)?" Knapp erkläre ich:„Das war das Zeichen zum Treffen." Erwartungsvoll lukte ich durch den Schlitz in der Tür und erblickte schon, wie der Wächter zu einer Tür neben uns ging und eine hübsche, junge Frau mit weichen, asiatischen Zügen aus der Zelle holte. Das muss die Japanerin sein, von der Federica erzählt hat. Reflexartig nuschelte ich dem Mann aus meiner Zelle zu:„Ich muss auch auf die Toilette!" Seufzend kam er nun auch zu unserer Zelle und holte mich heraus. Etwas verwirrt, aber durchaus freundlich lächelte mich die Frau in der anderen Hand des Mannes mich an und ebenso lächelte ich verlegen zurück. Nun wurden wir weitergeführt, bis wir vor Federicas Zelle standen. Wie erwartet quengelte die Italienerin, sie müsse auch. Etwas wütend brummte der Mann:„Kannst du nicht noch 5 Minuten warten, bis ich die zwei weggebracht habe?" Stur schüttelte sie den Kopf und behauptete:„Ich muss ganz dringend. Wenn ich noch länger warte, mach ich mir in die Hose!" Murrend rief der Kerl jetzt nach einem zweiten, der also Federica mitnahm. Stolz lächelte Federica uns jetzt unauffällig an und die Japanerin und ich zurück. Schnell wurden wir in das Bad gesperrt, wieder mit der Drohung, wer länger als 10 Minuten brauche, werde bestraft. Doch sobald die Tür verschlossen war, begrüßte uns Federica augenblicklich und erklärte der dritten im Bunde schnell:„Akiko, das ist (d/n). Wir haben uns gestern Nacht kennengelernt." Wie auf ein Kommando gab ich der Japanerin nur schnell die Hand und nuschelte auf Englisch:„Und du bist Akiko?" Stolz nickte die hübsche Frau schnell und fragte:„Du bist aus Deutschland, nicht? Hast du dich schon eingelebt?" Knapp nickte ich nur lächelnd, woraufhin sie auf einmal erzählte:„Ich komme aus Japan. Das hat Federica dir sicher schon erzählt, oder?" Bevor ich antworten konnte, tat Federica es schon und ich nickte nur zustimmend. Leise fragte ich Akiko nun:„Weißt du vielleicht, was die Leute hier von uns wollen?" Bedauernd murmelte Akiko nur:„Nein, leider nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass Hisoka uns es noch erklären wollte. Naja, soweit er kann. Er ist stumm..." Überrascht schaute ich die Japanerin an und fragte:„Du kennst diesen Kerl?" Verlegen erzählte Akiko uns:„Naja, kennen ist das falsche Wort. Er ist nur auch Japaner, was man schon an seinem Namen hört. Aber er war bei meiner Entführung dabei. Ich war übrigens die erste, die entführt wurde. Sofern ich das mitbekommen habe, hat er Kollegen aus der ganzen Welt, die ihm die Leute dann eben aus den anderen Ländern entführen. Die Entführten lässt er dann hier hinbringen. Wo genau wir hier sind, weiß ich aber auch nicht. Es sieht auf jeden Fall tropisch aus. Und als ich entführt wurde, war Hisoka eben dabei. Ich hörte nur einen seiner Leute fragen:„Ist sie eine Licht?" Keine Ahnung, was das heißen soll, aber Hisoka hat genickt." Komplett verwirrt nickte ich nur langsam und auf einmal meinte Federica gut gelaunt:„Naja, wir werden es sicher bald herausfinden." Zustimmend nickte Akiko nun und meinte:„Wenn wir schonmal hier sind, kann ich auch gleich auf Toilette gehen." Jetzt fiel mir auf, dass ich auch wohl mal gehen könnte und tat es Akiko also gleich. Akiko war sehr nett. Und hübsch war sie auch. Sie war schlank und hatte lange Beine. Ihre schwarzen, glatten Haare fielen sanft auf ihre Schultern und ihre rehbraunen Augen leuchteten freundlich. Ihre Haut war recht hell, aber ihre Wangen minimal gerötet. Ihre schmale, gerade Nase ergänzte ihr Gesicht so, dass es beinahe wie das einer Puppe schien, so hübsch war es. Ihr Charakter gefiel mir auch sehr. Sie kam mir sehr höflich und nett vor, vielleicht etwas schüchtern und immer ein Lächeln auf den Lippen. Kurz dachte ich noch darüber nach, was sie erzählt hatte. Als ich fertig war, wusch ich mir noch schnell die Hände und wir mussten dann auch schon wieder raus. Zeit für kurze Gespräche blieb nicht mehr und wir wurden einfach zurück in unsere Kammern gesteckt. Als ich reinkam, sah Tae mich neugierig an. „Und, wie war es?" Schnell erzählte ich ihm alles und er murmelte leise vor sich hin:„Ist sie eine Licht... Was wird das wohl heißen?" Ratlos zuckte ich mit den Schultern und meinte:„Wir werden es bestimmt bald herausfinden..."

    13
    Tage vergingen und Tae und ich waren nach wie vor in unserer Zelle eingesperrt. Genauso wie die anderen auch. Selten konnten wir uns mal mit anderen unterhalten, da die Wachen Wind davon bekommen hatten, dass sich Gefangene extra auf der Toilette trafen und haben deswegen die Regel aufgestellt, dass immer nur einer gleichzeitig im Bad sein darf. Jetzt saßen Tae und ich in unserer Zelle und versuchten, die Langeweile totzuschlagen. Während Tae leise etwas vor sich hin sang, lauschte ich ihm nur und starrte die Wand an. Mit den Gedanken bei meiner Familie. Wann werde ich sie wohl wiedersehen? Ob sie mich vermissen oder sich Sorgen machen? Haben sie überhaupt mitbekommen, dass ich weg bin? Muss ja eigentlich sein... Ich vermisse meine Familie und meine Freunde. Ich vermisse sogar schon das ständige Gefrage von den Praktikanten. So sehr würde ich einfach gerne hier raus sein... Leise seufzte ich. Plötzlich hörte Taehyung auf, zu singen und murmelte stattdessen:„Hörst du das, (d/n)?" Verwirrt lauschte ich und hörte nun, wie jemand laut auf dem Flur weinte. Es war das Weinen einer jungen Frau und sie sprach irgendetwas. Doch ich konnte es nicht verstehen. Aber es klang so, als würde sie um Hilfe schreien oder so etwas in der Art. Eines war klar: Sie war in Panik. Gleichzeitig standen Tae und ich vom Boden auf und eilten zu der Tür, um durch den Schlitz zu schauen. Direkt sahen wir die Frau. Sie trug ein langes, buntes, jedoch mittlerweile dreckiges Gewand und ein Kopftuch. Auf ihrer Stirn sah man noch einen verwischten, roten Punkt. Ihre Haut wat gebräunt und ihre Augen blitzen panisch. Leise flüsterte ich zu Tae:„Sie scheint Inderin zu sein." Zustimmend nickte er nur und wir beobachteten, wie zwei Männer die panische Frau an den Armen packten und hinter sich her zogen. Besorgt blickten wir der Inderin hinterher und Tae murmelte:„Was haben sie mit ihr vor?" Unwissend zuckte ich kurz mit den Schultern. Auf einmal kamen wieder zwei Männer und gingen zu der Tür neben unserer. Wenige Sekunden später kamen sie wieder heraus. Sofort erkannte ich Karolin. Ganz im Gegensatz zu der Inderin schien sie relativ ruhig. Auch, wenn man ihr die Angst ansah. Geduldig ließ sie sich von den zwei Männern wegbringen. Leise flüsterte Tae neben mir:„Das ist Karolin. Sie bringen sie und das andere Mädchen irgendwo hin. Aber wohin?" Leise erwiderte ich:„Ich weiß es nicht... Ich hoffe nur, sie tun ihnen nichts." Schweigend blickten wir den beiden noch hinterher, bis die beiden jungen Mädchen von den Männern durch eine Tür in einen anderen Raum gebracht wurden. Verwirrt ging ich wieder von der Tür weg und meinte:„Wir können nichts tun, als abwarten, bis die beiden wieder da sind." Beinahe etwas panisch fragte Tae jetzt:„Was ist, wenn sie nicht wiederkommen?" Kurz überlegte ich und versuchte dann einfach, Tae zu beruhigen, indem ich sagte:„Sie werden sicher wiederkommen." Jetzt kamen auf einmal zwei Männer über den Flur gelaufen. Sie schienen zu streiten und unterhielten sich auf Deutsch, sodass nur ich es verstehen konnte. Der eine meinte wütend und beinahe etwas ängstlich:„Und was sollen wir jetzt mit ihnen machen? Wir brauchen doch nur den einen!" Ruhig meinte jetzt der andere:„Wir stecken sie einfach in irgendeine andere Abteilung. Irgendetwas werden sie ja wohl können. Wieso habt ihr sie denn eigentlich alle mitgebracht?" Verunsichert murrte jetzt der erste wieder:„Wir mussten ihn schnell herschaffen. Und ganz im Ernst. Die sahen alle gleich aus für mich. Und weil ich nicht wusste, welcher von denen es war, haben wir einfach alle sieben mitgenommen." Leise seufzte der zweite nun und Tae sah mich verwirrt an:„Was reden die da?" Kurz gab ich ihm ein Zeichen, einen Moment still zu sein und blickte dann wieder durch das Gitter. Ich sah, wie die beiden Männer zu einer der Türen gingen und Hoseok rausholten. Tae quetschte sich schnell neben mich und als er seinen Bandkollegen sah, rief er laut seinen Namen. Augenblicklich drehte sich Hobi um und sah nur Taes Finger, die er durch die Gitter steckte. Leicht lächelte Hobi nun, wurde aber direkt von den beiden Männern weggeführt. In Panik rief Tae nun seinen Name und trat auf einmal mit voller Wucht gegen die Tür. Erschrocken wich ich etwas von dieser zurück, während Tae immer wieder dagegentrat und versuchte, sie einzutreten. Natürlich bekamen die Entführer das sofort mit, kamen zu unserer Kammer geeilt, rissen die Tür auf und Tae versuchte, an ihnen vorbeizustürmen. Allerdings waren die Männer zu schnell und versperrten ihm den Weg. Tae versuchte, sich zu befreien und schlug wild um sich, doch die Männer zwangen ihn auf den Boden. Gerade hob einer seinen Arm, um Tae eine überzuziehen, doch ich eilte schnell vor und hielt meine Arme beschützend über Taes Kopf. Augenblicklich stoppte der Mann und sah mich finster an, während er bedrohlich leise flüsterte:„Nimm deine Arme weg, Mädchen." Widerspenstig schüttelte ich meinen Kopf und bettelte:„Tun Sie ihm nicht weh! Bitte. Er wird auch nicht noch einmal so hysterisch sein. Ich verspreche es!" Daraufhin gab der Mann seinen Kollegen ein kurzes Handzeichen und überrascht ließen sie ihn los. Sofort nahm ich Tae sanft bei den Schultern und zog ihn vorsichtig zu mir, weg von der Tür und den Männern. Jetzt schlossen die Kerle wieder die Tür, der eine lukte wütend durch den Schlitz und flüsterte auf Englisch, sodass Tae es verstehen konnte:„Glück gehabt." Dann ging er. Tae blickte mich verzweifelt an und wir hörten noch, wie die anderen Jungs von BTS auch aus ihrer Zelle geholt und weggebracht wurden. Nur Tae blieb bei mir, in der Zelle. Aufgelöst und panisch hockte Tae nur auf dem Boden, blickte mich mit kummervollen Augen an und fragte leise:„Was machen sie mit denen?" Ich sah, wie die Tränen drohten, ihm zu entgleiten und ich setzte mich lautlos vor ihn und schloss ihn in meine Arme. Fest umarmte er mich plötzlich auch, scheinbar an mir Halt suchend. Behutsam strich ich ihm durch seine weichen Haare und meinte:„Mach dir keine Sorgen, Tae. Es wird alles gut. Ihnen wird nichts passieren. Sie kommen sicher nur in eine andere Kammer." Jetzt erinnerte ich mich wieder an die Worte der Männer. Wir werden sie einfach in eine andere Abteilung stecken. Wir brauchen nur den einen.... Den Einen. Das ist Tae. Sie brauchen nur ihn. Aber warum? Seufzend umarmte ich Tae nur weiterhin, während er sich Sorgen machte. Es wird alles gut. Das habe ich gesagt. Wird es das wirklich?

    14
    Schweigend lag Tae immer noch in meinen Armen und starrte einfach in die Leere. Nochmal versicherte ich ihm leise flüsternd:„Mach dir keine Sorgen, Tae. Ich bin mir ganz sicher, dass sie nur woanders hingebracht werden. Und wie du selbst auch schon gesagt hast. Die ganze Welt sucht nach uns. Es wird uns ganz bestimmt bald jemand finden und dann sind wir wieder frei. OK?" Nur ein stummes Nicken gab Tae von sich, dass ich dadurch mitbekam, dass er sein Kinn beim Nicken immer wieder leicht auf meine Schulter drückte. Leicht lächelte ich nun, löste langsam die Umarmung und schaute Tae nun tief in seine wunderschönen, dunklen Augen. Einen Moment war ich wie verzaubert von seinem schönen Gesicht, dass ich vergaß, zu atmen. Doch schließlich fing ich mich wieder und meinte:„Mach dir einfach keine Sorgen mehr." Kurz schaute ich mich um und mein Blick blieb an der Flasche Wasser hängen, die wir beide uns teilen mussten. Schnell nahm ich sie in die Hände, reichte sie dem traurigen Tae und sprach:„Trink einen Schluck. Dann geht es dir gleich auch besser. In Ordnung?" Wieder nickte Tae nur und nahm einen großen Schluck Wasser, sodass nur noch wenig drin war. Den Rest stellte er wieder weg, doch die Sehnsucht nach noch mehr Wasser stand ihm ins Gesicht geschrieben. Also meinte ich, er solle den Rest doch auch noch trinken. Jedoch schüttelte er nur den Kopf und murmelte:„Der Rest ist für dich." Allerdings lächelte ich und log schnell:„Ich habe gar keinen Durst, du schon. Trink es einfach aus." Leicht lächelte mein Zimmergenosse dankend und trank zögernd das letzte bisschen Wasser aus. Nun hörten wir plötzlich wieder laute Stimmen auf dem Flur. Es war eine der Wachen, die zur Nachtruhe ausrief. Leise seufzte ich, lächelte dann Tae an und schlug vor:„Wir sollten uns jetzt auch schlafen legen. Morgen ist ein neuer Tag und ein bisschen Schlaf tut uns nur gut." Wortlos nickte Taehyung und legte sich dann auf die kanrrende Matratze. Mich blickte er erwartungsvoll an, als wolle er, dass ich auch schlafen gehe. Also kam ich auch zur Matratze und legte mich neben Taehyung. Langsam wurden nun auch alle Lichter ausgeschaltet, sodass ich nur noch schwarz sah. Doch nach einer Zeit hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt und ich bemerkte, dass Tae mich ruhig anblickte. Zögerlich lächelte ich, doch er starrte mir nur weiterhin direkt ins Gesicht. Etwas verwirrt blickte ich also einfach an die Decke, darauf wartend, dass einer von uns beiden einschlief und ich glaube, ich war es, die zuerst einschlief. Ich träumte. Ich träumte von Tae und, wie er in meinen Armen lag und ich seinen wärmenden Körper berührte, während sein frischer Atem meine Haare streiften, sodass sie mir im Nacken kitzelten. Irgendwie genoss ich den Traum, der wie ein Rückfahrticket zu der Umarmung an jenem Tag war. Und ich wusste nicht genau, wieso...

    Langsam öffnete ich meine Augen, noch verschlafen und müde. Erst erschrak ich etwas, als ich Taes hübsches, schlafendes Gesicht vor mir entdeckte. Er sah irgendwie so friedlich und schön aus. Wie ein Engel. Verträumt lächelte ich den Schlafenden an. Gerade wollte ich leise aufstehen, da bemerkte ich erst, dass Tae im Schlaf seine Arme um meine Taille geschlungen hatte und mich somit umarmte. Etwas verlegen versuchte ich, seine Arme von mir zu befreien, jedoch wachte er dabei auf. Müde gaffte er mich an und murmelte:„Muss ich schon aufstehen?" Belustigt lächelte ich ihn an:„Nein, du kannst noch ein bisschen weiterschlafen, aber vielleicht musst du mich loslassen, damit ich aufstehen kann." Murrend schloss Tae wieder seine Augen, keine Anstalten machend, seine Arme von mir wegzuziehen. Stattdessen umarmte er mich noch fester, wie ein kleines Kind sein Kuscheltier und nuschelte schlaftrunken:„Du bist aber so schön warm. Ich will dich nicht loslassen..." Und schon war er wieder tief und fest am Schlafen. Amüsiert grinste ich nun und versuchte nicht weiter, mich aus der Zwangsumarmung zu befreien. Stattdessen blieb ich einfach ruhig liegen und starrte Taehyung in das makellose Gesicht. Irgendwie war ich wie verzaubert und konnte nicht aufhören, diesen schönen Mann anzugaffen. Schließlich öffnete er nach einer Zeit wieder seine Augen, sah mich leicht lächelnd an und murmelte:„Guten Morgen, (d/n)." Belustigt antwortete ich daraufhin:„Guten Morgen, Dornröschen." Beleidigt spielend schob Tae nun seine Unterlippe vor und meinte:„Ach, du bist doch doof." Nun zog er auch endlich seine Arme von meinem Körper weg und ich kicherte nur leise:„Ach, jetzt sei doch nicht beleidigt." Jedoch verschränkte Tae seine Arme und murrte:„Bin ich aber!" Kurz wuschelte ich ihm einmal durch die weichen Haare und stand dann auf. Nun fing auch Tae an, zu kichern und folgte mir. Einmal blickte ich kurz durch den Spalt in der Tür und sah bereits einen der Entführer, der gerade Essen verteilte. Kurz grinste ich Tae an und sagte ihm, dass das Essen verteilt wird, woraufhin er vorfreudig grinste. Als wir gerade unser Frühstück bekamen, hörte ich das laute Knallen einer Tür und auf einmal wurde Karolin zurück in ihre Kammer geführt. Allerdings sah sie sehr müde und beinahe krank aus. Sie taumelte stark beim Gehen und ihre Augen waren ausdruckslos und glasig. Besorgt rief ich ihren Namen, doch sie schaute sich nicht einmal um. Taehyung schien sie auch gesehen zu haben, denn er blickte mich total verwirrt und erschrocken an. Die Tür zu unserer Zelle wurde jetzt auch wieder geschlossen und gleichzeitig schauten Tae und ich uns verwirrt an. Tae brachte als erstes ein Wort hervor. „Was war denn mit ihr los? Sie schien total durch den Wind", stammelte er, während er seinen Apfel an den Mund führte. Ratlos zuckte ich mit den Schultern und meinte:„Ich weiß es auch nicht genau... Sie schien fast schon krank." Ich hatte gerade meinen Apfel im Mund, als auf einmal wieder die Tür aufging. Überrascht schaute ich in die Gesichter der zwei Männer, die mich damals auch entführt hatten. Der Große sprach mit seiner dunklen Stimme:„Mitkommen." Verwirrt blickte ich zu Tae, doch der Mann murrte:„Nicht er. Nur du." Bevor ich noch etwas sagen konnte, packte mich auf einmal der andere Mann und plötzlich schrie Tae laut:„Was wollen Sie mit ihr machen?" Augenblicklich preschte er vor, doch ich murmelte in ruhiger Stimme:„Nein, Tae. Bleib einfach ganz ruhig. Es nützt nichts, jetzt Terror zu machen. Ich komme wieder, versprochen. Mach dir keine Sorgen. Spätestens morgen früh bin ich wieder da, OK? Benimm dich in der Zeit, ja?" Besorgt und panisch blickte mich Tae noch an, blieb aber immerhin ruhig. Jetzt gab man mir auf einmal einen unsaften Stoß in den Rücken und ich wurde aus meiner Zelle gebracht. Ich hörte noch ein leises Rufen von Tae nach meinem Namen, doch ich wusste, dass diese Leute jetzt wohl das selbe mit mir machen würden, wie mit Karolin. Nur, was genau das war, das wusste ich nicht. Alles, was ich wusste, war, dass es mir wohl nicht gefallen würde...

    15
    Rücksichtslos schlörten mich die beiden Männer durch die Flure, bis wir schließlich in einem großen Raum mit mehreren seltsamen Gerätschaften ankamen. Mitten im Raum standen zwei Liegen, wie man sie vom Arzt kannte. Jedoch waren an den Seiten zwei Fesseln befestigt. Für Arme und Beine, wie es aussah. Daneben stand ein Suhl mit Rollen. Etwas weiter in der Ecke stand ein breiter Glasschrank, in dem mehrere Reagenzgläser und bunte Flüssigkeiten aufbewahrt wurden. Auf der gegenüberliegenden Seite war ein langer Schreibtisch, auf dem ein Stapel Papiere und wieder mehrere Reagenzgläser standen. Außerdem lag dort eine Spritze, sowie Desinfektionsmittel und Handschuhe. Doch plötzlich bemerkte ich in der Ecke eine weitere Liege, auf dem tatsächlich jemand lag. Schnell erkannte ich das indische Mädchen. Allerdings trug sie nicht mehr ihr gewöhnliches Gewand, sondern einfach eine weiße Hose und ein weites, weißes T-Shirt. Das trug Karolin auch, als sie wieder in ihre Zelle gebracht wurde. Das Mädchen lag dort einfach reglos, sodass sie aussah, als wäre sie tot. In dem Moment wurde ich etwas panisch und wollte möglichst schnell einfach weg. Jedoch hielt man mich fest, sodass mir kaum eine Möglichkeit blieb, mich auch nur irgendwie zu bewegen. Laut brüllte ich panisch:„Nein, ich will nicht. Lasst mich los! Ich möchte noch nicht sterben! Vorher will ich wenigstens noch einmal meine Familie sehen!" Wütend drückten mich die Männer unsanft auf den Boden und rammten mir ein Knie in den Rücken. Ächzend brach ich nun ganz zusammen und wimmerte nur noch leise auf dem blankpolierten Boden. Plötzlich hörte ich eine unbekannte Stimme, die auf Englisch sprach. Also so, dass ich es verstehen konnte. Ängstlich hob ich meinen Kopf und blickte in das Gesicht eines augenscheinlichen Arztes. Leise murmelte er beinahe angsteinflößend:„Lasst sie mir heile. Ansonsten können wir sie nicht mehr gebrauchen." Einfach nur ängstlich senkte ich wieder meinen Blick und zitterte am ganzen Körper. Doch auf einmal zogen mich die zwei Männer wieder hoch und ich war gezwungen, den Mann anzuschauen. Er war ganz in weiß gekleidet, trug einen Mundschutz und hatte blasse Haut. Sein Haar war dunkelbraun und seine Augen blau. Zudem trug er eine große Brille mit silbernen Rändern. Angsterfüllt sah ich ihn nur an und traute mich nicht, etwas zu sagen. Doch ich sah, wie der Arzt belustigt grinste und mich fragte:„Wie heißt du?" Erst antwortete ich nicht, doch dann gab mir der eine Mann einen stumpfen Schlag auf die Schulter und ich presste gequält hervor:„(d/n)." Zufrieden grinste der Mann und wandte sich nun an die zwei Männer, die mich hielten:„Sie ist Frost?" Knapp nickten die Männer und ich blickte nur verwirrt vom einen zum anderen. Nachdenklich nickte nun der Arzt und befohl:„Bindet sie fest und dann holt die von der Wasser-Fraktion." Gehorchend nickten die Entführer, banden mich auf einer der Liegen fest und verließen dann den Raum. Angsterfüllt blickte ich den Arzt nun an, welcher bedauerte:„Eigentlich eine Schande, dass ich euch nicht das Vorhaben erklären darf. Aber ich soll es noch nicht tun, also mache ich es auch nicht. Hisoka übernimmt das später. Hässlich grinste der Mann nun und rollte auf einmal mit seinem Stuhl zu dem Schreibtisch. Er blätterte schnell seine Zettel durch, pickte sich dann einen heraus und schrieb etwas darauf, während er leise meinen Namen vor sich hin murmelte. Auf einmal öffnete sich jetzt wieder die Tür und ich drehte mich so gut es ging, danach um. Die beiden Männer waren wieder dort, aber diesmal hatten sie eine mir bekannte Peron dabei. Federica. Schwach lächelte ich sie nur an, während sie selbst breit grinste:„Ah, (d/n). Du auch hier? Schön." Irgendwie bewunderte ich Federica. Sie war so ruhig und gut drauf, obwohl wir in einer so misslichen Lage waren. Ich war mir jedoch nicht sicher, ob sie so war, weil sie ein super optimistischer Mensch war oder, ob sie vielleicht einfach ein bisschen dumm war. Jedoch vermutete ich, dass sie einfach sehr optimistisch war. Schnell wurde die hübsche Italienerin auf die zweite Liege gebunden, während der Arzt nun auch sie nach ihrem Namen fragte. Gut gelaunt nannte sie ihn ihm und ich bewunderte mal wieder ihre fröhliche Art. Jetzt kam der Mann wieder auf uns zu. Diesmal hatte er seine Spritze in der Hand. Darin befand sich irgendeine tiefblaue Flüssigkeit. Leise nuschelte er vor sich hin:„Fangen wir einfach mal mit dir an, Federica.“ Kurz krempelte er ihr den Ärmel hoch und setzte die Spritze nun an ihrem Arm an. Zu meiner Verwunderung immer noch seelenruhig schaute Federica einfach nur auf die Spritze, fragte jetzt jedoch vorsichtig:„Was ist das?" Schmunzelnd meinte der Mann:„Nichts Schlimmes. Es wird auch nicht wehtun. Es ist... eine Impfung. Genau. Das ist es." Ruhig führte er die Nadel der Spritze nun in Federicas Arm und spritze die Flüssigkeit nun in ihr Blut. Auf einmal fing die junge Frau an zu krampfen und vor Schmerz zu schreien. Einige Sekunden ging das so und der Arzt grinste nur schadenfroh. Leise murmelte er:„Keine Sorge, es hört gleich auf. Gleich ist es vorbei." Und wie durch ein Machtwort wurde Federica auf einmal ganz ruhig, schloss ihre Augen und ihre Atmung wurde regelmäßiger und langsamer. Verstört blicke ich sie an. Aus dem Augenwinkel sah ich nun, wie der Arzt auch auf mich zukam, wieder mit einer Spritze. Nur diesmal war die Flüssigkeit darin hellblau, fast schon wieder farblos. Panisch blickte ich von der Spritze zu Federica und fing dann laut an zu schreien:„Ist Federica tot? Nein, ich will das nicht. Es ist keine Impfung! Es tötet mich! Ich will das nicht! Nein, bitte nicht!" Ich wand mich wild auf meiner Liege. Versuchte, mich selbst zu befreien. Doch schon eilten wieder die zwei Männer zu mir. Der eine drückte meinen Kopf herunter, der andere meinen Arm. Leise wimmerte ich noch und der Arzt sprach:„Es wird ales gut, keine Sorge." Und schon spürte ich die spitze Nadel in meinem Fleisch und ebenso spürte ich, wie eine Flüssigkeit sich mit meinem Blut vermischte. Plötzlich wurde mir ganz schrecklich kalt und es fühlte sich wirklich so an, als würde das Blut in meinen Adern gefrieren. Es war ein fieses Gefühl und es tat weh. Laut kreischte ich, doch schon bald spürte ich, wie die Welt um mich stiller wurde und auch der Schmerz verflog etwas, während sich meine Sicht immer mehr verabschiedete. Schließlich konnte ich weder noch etwas hören oder sehen. Ich hatte das Gefühl, nicht mal mehr meinen eigenen Körper zu spüren. Bin ich jetzt tot?

    16
    Es war still. Sehr still. Ich konnte weder sehen noch hören. Mein Körper fühlte sich an, als wäre er einfach weg. Ich fühlte mich, als würde ich fliegen und wenn ich versuchte, mich zu bewegen, dann ging es nicht. Alles, was ich noch konnte, war denken. Und das tat ich. Ich dachte, ich sei tot. Ich erinnerte mich noch an die Bilder, die ich vorher gesehen hatte. Wie Karolin totkrank aussehend zurück in ihre Kammer gebracht wurde, wie das indische Mädchen reglos dort lag und, wie Federica schrie, nachdem man ihr die Spritze gegeben hatte. Und ebenso, wie die junge Italienerin schließlich erschlaffte. Ist sie tot? Und das indische Mädchen? Bin ich vielleicht auch tot? Wir alle? Vielleicht wurden wir zugunsten von Menschenversuchen entführt, die Mittel waren zu gefährlich und wir sind kläglich von der Welt gegangen. Vielleicht hat Karolin ein anderes Mittel bekommen, dass sie nicht tötete, sondern nur schwächte. Ist das das Ende meines Lebens? Doch plötzlich hörte ich gedämpfte Stimmen und ein Ruck durchfuhr mich, sodass ich auch wieder meinen Körper spürte. Ich wurde woanders hingebracht. Scheinbar lag ich noch immer auf der Liege, wie es sich anfühlte. Auf einmal wurden die Stimmen lauter und deutlicher. Ich erkannte die Stimme des Arztes und auch die von Federica. Sie unterhielten sich leise. Federica klang jedoch sehr erschöpft und verwirrt. Sie murmelte kaum verständlich:„Wo bin ich und was mache ich hier? Was ist mit mir passiert?" Die Stimme des Arzts ertönte:„Du bist in Sicherheit und du wirst darauf vorbereitet, wieder in deine Kammer zu kommen. Dein Zimmergenosse vermisst dich sicher schon." Wieder hauchte Federica:„Was habt ihr mit mir gemacht?" Scheinbar belustigt antwortete der Mann:„Wir haben dir neue Kraft verliehen." Auf einmal wurde seine Stimme lauter und er rief:„Sie ist fertig. Bringt sie zurück! Aber haltet sie fest. Sie ist noch schwummerig auf den Beinen." Danach hörte ich nur noch das leise Schließen einer Tür und es war wieder alles still. Bemüht versuchte ich, meine Augen wieder zu öffnen. Es war schwer, doch schließlich schaffte ich es und grelles Licht blendete mich. Ich versuchte, mich irgendwie zu bewegen, doch ich schaffte es nicht. Ich war noch immer auf der Liege festgebunden. Angestrengt versuchte ich, meine Augen offen zu halten. Ich versuchte, irgendetwas zu erkennen, doch das Licht blendete mich zu sehr. Doch plötzlich legte sich ein Schatten vor das Licht und ich erkannte das gehässig grinsende Gesicht dieses Arztes. Angespannt starrte ich nur zurück und fauchte:„Machen Sie mich los!" Jedoch grinste der Mann nur noch breiter und meinte:„Gerade erst aufgewacht und schon so aufgeweckt? Das ist selten. Aber geschwächt bist du trotzdem noch. Ich mache dich gerne los." Schon löste er die Fesseln von mir und ich versuchte, aufzustehen. Doch es ging nicht. Ich schaffte es gerade mal, meinen Kopf zu heben, da fiel ich vor Schwindel schon wieder zurück. Belustigt lachte der Arzt nun leise und ich fragte wütend, jedoch am Rande der Verzweiflung:„Was haben Sie mir da gespritzt?" Unbeeindruckt zuckte der Mann mit den Schultern und meinte:„Das ist nicht so wichtig, (d/n). Ruh dich einfach noch ein paar Minuten aus und dann bringen wir dich zurück zu deinem Koreaner." Koreaner? Sie meinen Tae... Still blieb ich einfach nur liegen und versuchte, mich etwas abzuregen, denn ich war panisch. Die ganze Welt um mich herum drehte sich und mir war ganz schrecklich kalt. Ich zitterte am ganzen Leib und meine Glieder fühlten sich an wie eingefroren. Der Mann bemerkte meine Panik und versprach schmunzelnd:„Keine Sorge, (d/n). Es wird bald aufhören. Du wirst dich daran gewöhnen. Dein Körper versucht nur noch, dagegen anzukämpfen. Doch schon bald wird er erkennen, dass er den Kampf nicht gewinnen wird und dann wird er es aufgeben. Dann wirst du auch keine Schmerzen mehr spüren." Geschockt starrte ich den Kerl an, was mir durch meine verschwommene Sicht sichtlich schwer fiel. „Heißt das, ich werde sterben?", hauchte ich leise. Belustigt meinte der Kerl nun:„Nein, das wirst du nicht. Ich meine, früher oder später wirst du es sicherlich tun, aber nicht deswegen. Also keine Sorge." Jetzt öffnete sich auf einmal die Tür und zwei Männer kamen herein. Erwartungsvoll blickten sie vom Arzt zu mir und der Arzt nickte nur. Verwirrt blickte ich um mich und auf einmal kamen die zwei Männer zu mir, griffen mich an den Armen und zogen mich von der Liege hoch. Starke Schwindelanfälle überkamen mich und ich fühlte mich schrecklich. Erst dachte ich schon, ich müsste mich übergeben, doch dies blieb zum Glück aus. Allerdings bemerkte ich jetzt, dass ich gewaschen war und ebenso wie Karolin und die Inderin weiße Kleidung trug. Jetzt fiel mir auch auf, dass die Inderin gar nicht mehr in dem Raum lag. Doch lange nachdenken konnte ich nicht, denn die Männer zogen mich hinter sich her und mir blieb nichts anderes übrig, als hinterherzutaumeln. Ich nahm den Weg, den wir gingen gar nicht richtig wahr, doch auf einmal wurde eine Tür geöffnet und ich erkannte schnell die Kammer, in der Tae und ich eingesperrt waren. Ich weiß nicht genau, was dann passiert ist, weil ich nur gedämpft hören und sehen konnte, aber ich spürte, wie die Männer meine Arme losließen und mich auf einmal jemand stützte, indem die Person mich umarmte. Geschwächt ließ ich mich einfach nur in die Arme fallen und genoss die Wärme, die der Körper abgab. Ich wusste nicht mal, wem ich da in den Armen lag, aber ich fühlte mich dort wohl. Alles, was ich noch spürte, war, dass dieser jemand mich fest umarmte und behutsam über meinen Kopf strich. Ich fühlte mich beschützt. Es war wie damals bei meinen Eltern, wenn ich mich verletzt hatte. Dann nahmen sie mich auch in den Arm.
    Ich merkte, wie ich langsam in den Armen dieser Person einschlief und die Wärme des anderen ausnutzte, um mich selbst zu wärmen.

    „(d/n), wach auf. Es gibt Essen." Eine bekannte Stimme weckte mich. Langsam öffnete ich schwach meine Augen und erkannte Taes hübsches Gesicht. Er saß auf der Matratze, während ich in seinen Armen lag und seinen warmen Bauch fest an mich drückte, so kalt wie mir war. Verwirrt flüsterte ich, nach wie vor Tae umklammernd:„Tae, was ist passiert? Mir ist kalt..." Verständnisvoll lächelte Tae mich an und zog mich noch fester in die wohltuhende Umarmung, während er erwiderte:„Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Wichtig ist, dass du wieder hier bist und es dir gut geht. Ich verstehe, dass dir kalt ist. Du bist selbst auch eiskalt. Aber keine Sorge, du kannst dich an mir aufwärmen." Dankbar schloss ich wieder die Augen und schmiegte mein Gesicht in Taes warmen Bauch, während ich meine Knie so an mich zog, dass sie Tae umschlungen. Belustigt lächelte Taehyung und streichelte sanft über meinen Kopf. In dem Moment war er für mich eher wie ein großer Bruder, der mich beschützte als der fast Fremde, mit dem ich seit mehreren Tagen zusammen eingesperrt war. Ich war auch nicht ganz bei Sinnen und mir war egal, dass ich mich wie ein Baby benahm, dass bei der Mutter Schutz suchte. Meine Sinne waren von der Kälte und Müdigkeit ganz benebelt, sodass mir die ungewohnte Nähe gar nichts ausmachte. Ich genoss sie und ich fühlte mich wohl in Taes schützenden Armen.

    17
    Langsam wachte ich auf. Mir war nach wie vor schrecklich kalt, mir war schwindelig und mein Rücken schmerzte. Völlig fertig versuchte ich, meine Augen zu öffnen und schaffte es auch. Meine Arme hatte ich immer noch um Taes Bauch geschlungen und mein Kopf lag auf seinem Brustkorb, sodass ich seinen beruhigenden Herzschlag vernehmen konnte. Langsam schaute ich auf, in Taes Gesicht. Tae war wach und lächelte mich irgendwie verständnisvoll und belustigt zugleich an. Es war ein schönes Lächeln. Doch vor Schreck, weil ich auf ihn nicht wie ein wehrloses Kind wirken wollte, ließ ich meinen gutaussehenden Zimmergenossen los und rückte etwas von ihm weg. Hastig stand ich auf. Jedoch hatte ich mich überschätzt, denn der Schwindel herrschte immer noch über meine Koordination und ich fiel beinahe hin. Allerdings schoss Taehyung schnell vor und fing mich. Dankbar, aber gleichzeitig verlegen lächelte ich ihn nur an und murmelte:„Ist schon gut. Ich schaff das jetzt alleine, aber danke." Widerwillig schüttelte der hübsche Mann den Kopf und bestand darauf:„Ich setze dich wieder auf die Matratze und dann isst und trinkst du erstmal etwas." Seufzend stimmte ich zu und so setzte Tae mich zurück auf die knarrende Matratze. Nun ging er einige Schritte zu einem Teller, auf dem ein Apfel und zwei Scheiben Brot lagen. Den reichte er mir und meinte währenddessen noch:„Du hast ziemlich lange geschlafen. Zwei Mahlzeiten hast du verpasst, aber ich hab sie dir aufbewahrt." Dankend nahm ich die Mahlzeiten und fragte nun verwirrt:„Wie lange war ich weg?" Knapp antwortete Tae nun:„Naja, du warst für einen Tag weg, in einem anderen Raum. Dann hast du noch circa einen Tag geschlafen. Du warst zwar zwischendurch mal wach und hast dich beschwert, dir sei kalt, aber du bist praktisch sofort wieder eingeschafen." Nachdenklich nickte ich und Tae fragte plötzlich:„Was haben sie da eigentlich mit dir gemacht? Du warst ganz schön durch den Wind. Bist du jetzt ja immer noch etwas. Erinnerst du dich?" Leicht nickte ich und strengte mich an, alle Erinnerungen wieder beisammenzubekommen. Schließlich erinnerte ich mich wieder vage und erzählte:„Sie brachten mich in einen Raum, in dem so Arztzeugs stand und haben mich dort festgebunden. Ein Arzt war dort und Federica, die Italienerin, auch. Sie wurde dort ebenfalls festgehalten. Dieser Arzt gab uns beiden eine Spritze. Es tat fürchterlich weh und dann war ich weg, wie eingeschlafen. Etwas verwirrt nickte Tae nur und hakte noch nach:„Haben sie irgendetwas gesagt?" Ich erinnerte mich:„Ja, aber es war seltsam. Der Arzt fragte, ob ich die Frost sei und Federica brachten sie irgendwie mit Wasser in Verbindung. Aber ich weiß nicht, was das heißen soll... Und der Arzt sagte wieder, dass dieser Hisoka es uns erklären wolle." Nachdenklich nickte Taehyung wieder und empfohl mir dann, einfach etwas zu essen. Dies tat ich auch und es tat mir wirklich gut. Doch die Kälte durchfuhr meinen Körper immer noch und ich zitterte stark. Das bekam mein Kumpel natürlich mit und meinte besorgt:„Du zitterst. Ist dir denn immer noch so kalt?" Wortlos nickte ich einfach nur, woraufhin Tae plötzlich zu mir kam, mich in den Arm nahm und murmelte:„Dann wärme ich dich. Du bist auch immer noch ganz kalt." Erst etwas überrascht blickte ich ihn an, doch schon schnell gewöhnte ich mich daran, dass Tae mir so nah war und ich genoss es einfach. Ich lehnte meinen Kopf an Taes Schulter, während er seine Arme beschützend um mich schlang. Genießerisch schloss ich die Augen und atmete tief den Duft von Tae ein. Er roch gut. Ein bisschen süß. Es erinnerte mich an Erdbeeren. Nun öffnete ich wieder meine Augen und blickte ihm direkt in das makellose Gesicht. Er sah wirklich gut aus. Er lächelte mich mit seinem schönen Lächeln an und seine schwarzen Augen funkelten belustigt. Sie waren so schön und schwarz, dass ich mich darin hätte verlieren können. Seine dunklen, etwas längeren Haare fielen ihm lockig ins Gesicht und ließen ihn noch mehr wie einen Engel wirken. Er sah irgendwie einfach knuffig aus, zum Knuddeln. Und das tat ich praktisch auch. Ich umarmte ihn fest und genoss die Wärme seines Körpers und den Duft, den er verströmte. Und so verfiel ich wieder der Traumwelt und ich träumte von ihm. Von Tae. So langsam hatte ich wirklich das Gefühl, mich vielleicht etwas in das Bandmitglied von BTS verliebt zu haben. Und ich hatte nichts dagegen. Ich hatte mich noch nie zuvor verliebt, aber das, was ich da fühlte, fühlte sich gut an. Und deswegen genoss ich umso mehr, dass Tae mich so schützend in seinen Armen hielt.

    18
    Die Kälte umhüllte mal wieder meinen Körper und ich fühlte mich schlecht. Tae schlief neben mir, seine Arme wärmend um mich geschlungen. Müde lag ich einfach dort, versuchte, nicht den Verstand zu verlieren, so lange, wie ich dort schon eingesperrt war. Es sind wieder mehrere Tage vergangen und es wurden jeden Tag erneut zwei Leute mitgenommen, aber auch zwei andere wiedergebracht. Sie alle trugen danach die weißen Klamotten und ebenso sahen sie alle nicht gerade gesund aus. Scheinbar bekommen sie auch so eine Spritze. Aber was ist das eigentliche genau? Was haben sie mit uns vor? Und warum sprechen sie über Dinge wie Licht, Wasser oder Frost und bringen dies mit uns in Verbindung? Erschöpft lag ich einfach nur da und auf einmal gingen auch die Lichter wieder an. Es schien Morgen zu werden. Die gewohnten Schritte kamen über den Flur, um Essen zu bringen. Jetzt wachte auch Taehyung neben mir auf und murmelte noch schlaftrunken:„Guten Morgen, (d/n). Gut geschlafen?" Knapp nickte ich nur lächelnd, denn nun kam auch schon die Morgen-Patrouillie herein und brachte uns unser klägliches Frühstück. Doch zu unserer Überraschung gab es diesmal sogar eine warme Mahlzeit, eine Suppe. Taumelnd stand ich immer noch vor Kälte zitternd auf und nahm die warme Mahlzeit dankbar entgegen. Plötzlich meinte der Mann, der das Essen brachte:„Schöne Grüße aus der Küche, von Jin." Überrascht blickten wir den Mann an und ich fragte hastig:„Jin? Wurden die Jungs dort hingeschickt?" Erst schaute mich der Kerl verwirrt an, jedoch schien ihm dann ein Licht aufzugehen und er schwafelte:„Ja, also, sie wurden in andere Gebiete aufgeteilt. Der eine ist eben in der Küche am Kochen und von ihm sollte ich euch Grüße ausrichten." Neugierig fragte Tae nun:„Und was machen die anderen jetzt? Geht es ihnen gut?" Etwas ungeduldig antwortete der Mann:„Ja, denen geht es blendent. Aber keine Ahnung, wo sie jetzt alle hocken. Der eine ist wie gesagt in der Küche, noch ein anderer sitzt im IT-Bereich und wo der Rest so ist, weiß ich doch nicht." So ging der Mann gestresst raus und irgendwie beruhigt grinste mich Tae an:„Es geht ihnen gut. Das ist doch schonmal was. Und jetzt essen wir Jins Suppe." Schwach lächelte ich und wir fingen direkt an, die heiße Suppe gierig zu schlürfen. Wenigstens etwas gesättigt setzten wir uns nun auf die Matratze zurück, als ich plötzlich durstig wurde. Schnell griff ich nach der gläsernen Wasserflasche. Auf einmal sah ich, wie sich Eiskristalle im Wasser bildeten und vor Schreck ließ ich die Flasche fallen, sodass sie scheppernd auf dem Boden zersprang. Ärgerlich zuckte Tae kurz zusammen und fauchte dann:„Was sollte das? Jetzt haben wir nichts mehr zu trinken und wir bekommen nur jeden Tag eine Flasche für zwei! Na toll..." Entschuldigend blickte ich ihn an und stammelte verwirrt:„Aber... da war Eis auf einmal und ich... es hat sich einfach Eis in dem Wasser gebildet!" Nach wie vor verärgert schaute Tae mich nur kopfschüttelnd an und brummte:„Was laberst du? Es hat sich kein Eis in dem Wasser gebildet! Das ist bei der Temperatur unmöglich!" Enttäuscht, dass er mir nicht glaubte und zweifelnd, ob ich das wirklich gesehen hatte, senkte ich meinen Blick auf den Boden und murmelte nur:„Es tut mir leid..." Nun kehrte ich mit meinen Händen schnell die Scherben zusammen, doch scharfkantig wie die Scherben waren, schnitt ich mir daran die Finger blutig. Tae bekam das natürlich mit, seufzte leise und meinte:„Lass gut sein, es ist nicht schlimm. Passiert immer mal. Aber deine Finger sind schon blutig. Zeig mal her. Nicht, dass da noch mehr Scherben drin stecken." Ohne weiteres nahm Tae sanft meine Hände und betrachtete sie fürsorglich. Vorsichtig zog er die Scherben aus der blutigen Haut heraus und legte sie auf einen Haufen. Schmerzverzerrt zuckte ich dabei kurz zusammen, doch ich ließ es geschehen. Nun betrachtete Tae weiter meine blutenden Hände. Kurz überlegte er, zog dann auf einmal sein T-Shirt aus und band es um meine Hände, damit sie aufhörten, zu bluten. Sprachlos starrte ich den oberkörperfreien Mann jetzt an. Als er das bemerkte, grinste er nur belustigt und murmelte dann sanft:„Lass die Scherben das nächste mal liegen. Es ist nicht schlimm." Dankbar lächelte ich ihn zögernd an und setzte mich dann wieder auf die Matratze, Tae daneben. Gedankenverloren lehnte er sich plötzlich gegen mich und murmelte:„Du bist immer noch so kalt..." Leise erwiderte ich:„Ja, aber es ist nicht so schlimm. Da ich noch lebe, ist alles in Ordnung." Ein schwaches Lächeln entglitt mir dabei und Tae strich mir behutsam über die Haare. Etwas verlegen lächelte ich nun nur, woraufhin Tae breit grinste und auf einmal anfing, richtig mit meinen Haaren zu spielen. Belustigt murmelte ich wie ein beleidigtes Kleinkind:„Hör auf. Das sind meine Haare." Stumpf antwortete Tae daraufhin:„Ja, aber sie sind so schön!" Belustigt schüttelte ich jetzt nur den Kopf und ließ meinen Kumpel weiter an meinen Haaren spielen. Doch plötzlich öffnete sich die Tür und zwei Männer standen dort. Verwirrt blickten sie uns an und der eine fragte plötzlich mit einem belustigtem Grinsen im Gesicht:„Stören wir irgendwie?" Überrascht blickte ich die beiden an und murrte:„Nein." Schnell gab ich Tae sein T-Shirt wieder und murmelte:„Zieh es wieder an. Meine Finger haben schon aufgehört, zu bluten. Die Leute denken noch sonst was von uns." Belustigt nahm Tae es wieder an sich, zog es schnell an und meinte dann:„Was sollen die Leute denn denken? Dass wir ein Paar sind?" Knapp nickte ich nur sichtlich verlegen, woraufhin mein Kumpel lachte:„Was ist so schimm daran, wenn sie das denken? Würde dich das stören?" Böse schaute ich ihn an und flüsterte bedrohlich:„Kim Taehyung, wir sind kein Paar und das weißt du selbst doch auch. Warum würde ich dann wollen, dass sie das denken? Du würdest das doch auch nicht wollen." Nun lehnte sich Tae minimal vor und murmelte:„Wieso? Wäre es dir peinlich, weil ich nicht gut genug für dich wäre?" Wütend blickte ich ihn nur an, als Mahnung, den Mund zu halten, als sich endlich wieder auch einer der Männer räusperte:„Ist ja alles schön und gut, aber du musst jetzt mitkommen. Also, steh auf!" Dabei zeigten sie auf Taehyung, welcher sie nur plötzlich besorgt ansah. Leise flüsterte er:„Passiert dann das selbe mit mir wie mit (d/n)? Das will ich nicht." Als er das sagte, rutschte er beinahe etwas ängstlich zu mir und suchte hektisch nach meinem Arm, um sich daran festzuhalten. Wütend kam der eine Mann nun zu uns und brummte:„Du kommst jetzt mit!" Bereits warnend die Hand erhebend kam er auf uns zu und ich blickte Tae schnell an und versuchte, ihn zu überzeugen:„Geh besser mit ihm! Sonst werden sie dir nur wehtun. Und mach dir keine Sorge. Du wirst morgen schon wieder hier bei mir sein und dann passe ich wieder auf dich auf, OK?" Nah an panisch grenzend sah er mich flehend an und meinte:„Ich will nicht mit ihnen mitgehen! Sie haben doch nichts Gutes mit mir vor! Bitte lass sie mich nicht mitnehmen! Ich will bei dir bleiben! Ich kann dich doch nicht alleine lassen!" Beinahe etwas geschmeichelt murmelte ich:„Ich kann auf mich selbst aufpassen, Tae. Geh einfach mit ihnen mit, sonst werden sie nur gewalttätig. Und ich warte hier auf dich, hab keine Angst." Seufzend drehte sich Tae nun zu den Männern um, stand widerwillig auf und meinte:„Na gut." Leise flüsterte ich Tae noch hinterher:„Bis morgen. Ich warte auf dich." Schwach lächelte Tae noch und dann wurde er mitgenommen. Etwas traurig blickte ich ihm hinterher. Er hat Angst, das merkt man. Aber das ist OK... Jedoch darf er sich nicht wehren, denn dann bekomme ich Angst um ihn, denn sie würden ihm wehtun und das will ich nicht. Eigentlich ist er wirklich süß. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass er mehr für mich ist als nur mein Zimmergenosse. Ich habe mich wirklich in ihn verliebt. Er ist so nett zu mir und er sieht auch noch so gut aus. Er ist so talentiert und so fürsorglich. Wie könnte ich da widerstehen? Aber ich glaube, er sieht mich nur als eine Art Schwester, die er beschützen muss. Naja, ich hoffe nur, dass er morgen auch wirklich heile wiederkommt...

    19
    Stunden vergingen und ich saß besorgt und vor Kälte zitternd auf der Matratze. Darauf wartend, dass Tae endlich zurückgebracht werden würde. Doch es dauerte und ich hockte einfach nur wie verloren dort. Wie ein Kind, dass im Park seine Mama aus den Augen verloren hat und sich dann an den Wegesrand setzte, darauf wartend, dass die Mama vielleicht wieder vorbeikommt. So langsam wurde ich nervös. Ich war ganz alleine und nur selten hörte ich einmal das fürchterliche Gewimmer von anderen Gefangenen. Zwischendurch wurden die Wachen abgelöst und durch jemand anderen ersetzt. Doch von Tae keine Spur. Er blieb einfach fort und erst jetzt konnte ich diese gewisse Panik verspüren, die Tae wohl gespürt hatte, als sie mich mitnahmen. Aber auch verstand ich jetzt die Panik, die meine Familie vielleicht verspürte, seitdem ich verschwunden war. Ich bekam wieder Angst und mir war nach wie vor kalt, ohne genau zu wissen, warum es so war. Ich zitterte am ganzen Leib und so langsam wurden nun auch die Lichter ausgeschaltet und zur Nachtruhe ausgerufen. Alleine legte ich mich nun also auf die Matratze, Taes warmen Körper missend. Zusammengekauert lag ich mit offenen Augen da, unfähig, einzuschlafen. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht doch eingeschlafen war, aber auf einmal hörte ich nach Stunden ein leises Schreien. Müde stand ich zitternd auf und taumelte zu der Tür, versuchte einen Blick auf den Ursprung zu erhaschen. Aber natürlich war es ganz dunkel und ich sah nichts. Enttäuscht wollte ich wieder zurück zur Matratze gehen, bis mir auffiel, dass ich mal auf die Toilette musste. Also ging ich leise wieder zur Tür, streckte meine Finger durch den Schlitz und flüsterte der Wache zu. Augenblicklich kam der schlecht gelaunte Wachmann auch schon, holte mich aus meiner Zelle und brachte mich zum Bad. Leise raunte er wie immer:„Nur 10 Minuten!" Wortlos rollte ich einfach mit den Augen und ging schnell auf die Toilette. Danach trottete ich erschöpft zum Waschbecken. Darüber hing ein Spiegel. Gedankenverloren betrachtete ich mich darin. Ich hatte leichte Augenringe, meine Haut sah blass und nahezu weiß aus. Meine Haare fielen verwuschelt auf meine Schultern und sahen unordentlich aus. In der weißen Kleidung sah ich ein wenig wie ein Gespenst aus, wie ein Toter. Mein ganzer Körper zitterte und ich sah ein wenig so aus, als hätte ich gerade eine Art Anfall. Seufzend öffnete ich nun den Wasserhahn und hielt meine Hände unter das laufende Wasser. Augenblicklich gefror das Wasser zu Eis und ich zog schnell meine Hände weg. Erschrocken und komplett verwirrt taumelte ich nach hinten und wurde schließlich von der Wand aufgefangen. Verstört blickte ich einfach auf das Eis, das aus dem Wasserhahn hing und bewegte mich nicht von der Stelle. Wie ist das passiert? Wie kam das Eis dahin? Was ist hier los? Das Wasser ist einfach gefroren, als ich es angefasst habe. Bin ich schuld daran? Liegt es an mir? Es ist garantiert nicht unter 10°C in diesem Raum. Also wie sollte das Wasser zu Eis gefrieren? Liegt es an mir? Ungläubig starrte ich auf meine Hände. Sie sahen aus wie immer, abgesehen davon, dass sie stark zitterten und vielleicht auch etwas blasser waren als sonst. Ich war verwirrt, sehr verwirrt. Ist das alles nur ein Traum oder Einbildung? Ja, es muss Einbildung sein! Plötzlich öffnete sich auch die Tür zum Bad und darin stand der brummige Wachmann. Als er ich dort zusammengekauert an der Wand sah, schien er sehr überrascht und verwirrt. Ich hingegen blickte ihn nur verstört an, zeigte auf das gefrorene Wasser und hauchte wie ein Psychopath:„Das Wasser. Es ist einfach auf einmal gefroren, als ich es berührt habe." Erst schaute der Mann auch überrascht zu dem Waschbecken, zog mich dann jedoch hoch und murrte:„Das bildest du dir nur ein. Du isst zu wenig und dann bildet man sich schnell vieles ein. Das ist einfach so." Ohne mich auch nur noch ein Wort sagen zu lassen, zog er mich wieder durch den Flur. Vollkommen verwirrt murmelte ich die ganze Zeit:„Einbildung? Wie kann man sich so etwas einbilden? Was passiert mit mir?" Verzweiflung sprach aus meinem Gesicht und der Mann schubste mich einfach zurück in meine Zelle. Es war immer noch mitten in der Nacht und so langsam glaubte ich, verrückt zu werden. Ich lag einfach da und gaffte verstört in die Schwärze. Schließlich schlief ich einfach ein.
    Ich wachte erst wieder auf, als sich plötzlich die Tür zu meiner Zelle öffnete. Es waren immer noch alle Lichter ausgeschaltet, also schien auch noch Nacht zu sein. Erwartungsvoll blickte ich einfach zur Tür und erkannte auf einmal die Umrisse von drei Personen. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass es Tae war, der von zwei Männern zurückgebracht wurde. Er hing schlaff zwischen den Schultern der zwei Männer und wurde eher von ihnen getragen als geführt. Wie ich, trug er jetzt auch weiße Klamotten und war gewaschen. Schnell stand ich auf und taumelte zu ihm. Die Männer ließen ihn nun los und er fiel in meine Arme. Behutsam zog ich ihn nun zur Matratze und setzte mich dort, mit ihm in den Armen liegend, hin. Er war zwar nicht bewusstlos, aber scheinbar unfassbar müde. Nur schwer bekam er seine Augen auf und er flüsterte leise meinen Namen. Seine Haut war feucht, doch es war kein Schweiß. Verwirrt guckte Taehyung nur zu mir auf und flüsterte immer wieder meinen Namen, scheinbar gar nicht wirklich realisierend, dass ich bei ihm war. Sanft presste ich seinen Kopf nur gegen meinen Brustkorb, um ihm das Gefühl zu geben, dass ich bei ihm war und murmelte leise:„Es ist alles in Ordnung, Tae. Du bist jetzt wieder bei mir."

    20
    Einfach schweigend saß ich auf der Matratze, während Tae in meinen Armen schlief. Er hatte noch immer kaum ein richtiges Wort gesprochen und war verwirrt. Ich hingegen leistete ihm einfach Beistand, indem ich bei ihm saß, ihn in die Arme nahm und ihm somit das Gefühl gab, dass er nicht alleine war. Schließlich brach so langsam schon der Morgen an und die Lichter wurden angestellt. Tae schlief weiterhin seelenruhig in meinen Armen, seinen Kopf gegen meinen Bauch gepresst. Belustigt sah ich ihn an und strich ihm sanft über das schwarze Haar. Es war weich und fiel lockig in sein Gesicht. Er sah nahezu engelsgleich aus und er riss mich damit in seinen Bann. Ich blickte ihm direkt in das seelig schlafende Gesicht und strich sanft durch sein weiches Haar. Plötzlich wurde ich jedoch aufgeschreckt, indem sich die Tür öffnete und ein Mann mit dem Essen hereinkam. Gelangweilt sah er mich an, wie ich Tae in meinem Arm hielt und alles, was er brummte, war:„Essen." Da ich mit Tae auf dem Schoß nicht aufstehen und es entgegen nehmen konnte, fragte ich höflich:„Könnten Sie es vielleicht dort vorne abstellen?" Knapp nickte der Mann, stellte das Essen ab und wollte gerade wieder gehen, da rief ich noch schnell hinterher:„Können sie bitte Jin aus der Küche von uns grüßen? Wir heißen Taehyung und (d/n)." Augenblicklich blieb der Mann stehen und guckte mich an. Leise murmelte er:„Ja, kann ich ausrichten. Soll ich die anderen 5 auch gleich grüßen?" Heftig nickte ich, woraufhin der Mann belustigt lächelte und dann auf einmal murmelte:„Ihr habt Glück gehabt, dass ihr zwei in eine Zelle gekommen seid. Bei den meisten anderen herrscht nicht so eine freundschaftliche Bindung. Sie ignorieren sich oft einfach. Es gibt nur eine andere Zelle, wo die Gefangenen sich richtig unterhalten. Und das ist die, in der die Italienerin ist. Aber es ist auch nur die, die pausenlos brabbelt. Ihr Zimmergenosse ist eher der, der zuhört und zwischendurch mal freundlich nickt. Naja..." Stumm lächelte ich. Er redet von Federica. Sie ist nett, das weiß ich schon. Aber warum erzählt mir dieser Mann das? Naja, vielleicht erzählt er mir ja auch ein bisschen mehr... Freundlich fragte ich:„Können Sie uns vielleicht sagen, warum wir alle hier sind?" Bedauernd schüttelte der junge Mann den Kopf und meinte:„Nein, leider nicht. Ich arbeite hier auch eher zwangsmäßig. Naja, ich bin freiwillig hier hergekommen, aber auch nur, weil ich Geld brauche. Aber ich wurde über nichts eingeweiht. Ich habe nur den Auftrag bekommen, euch das Essen zu bringen. Abwechselnd mit anderen Sachen." Irgendwie traurig nickte der Mann nun und ich fragte schnell:„Wie heißt du?" Knapp antwortete der schmächtige Mann, der eher noch ein Junge war:„Ich heiße Lorenzo. Ich komme aus Brasilien." Interessiert nickte ich kurz lächelnd und meinte dann:„Schön, dich kennenzulernen. Du bist irgendwie noch so menschlich im Gegensatz zu vielen anderen hier." Irgendwie dankbar lächelte der Junge mit den dunklen Haaren, den braunen Augen und der gebräunten Haut:„Ich könnte vielleicht morgen einen eurer Kumpels mitnehmen, wenn ich das Essen verteile. Dann könntet ihr euch etwas unterhalten. Dazu muss ich nur meinen Vorgesetzten überreden, aber das dürfte eigentlich nicht so schwer sein." Überrascht, aber begeistert nickte ich heftig und dankte ihm. Nun lächelte er wieder schwach und murmelte noch:„OK, dann sehen wir uns morgen bestimmt noch einmal. Guten Appetit." Mit den Worten ging er auch schon wieder. Leicht lächelnd blickte ich ihm noch hinterher. Plötzlich bewegte sich Tae und öffnete langsam seine Augen. Belustigt grinste ich ihn an und meinte:„Guten Morgen, Tae. Na, gut geschlafen?" Schwach nickte Tae, umarmte mich etwas fester und murrte dann:„Ich hab Hunger..." Belustigt grinste ich und meinte:„Dann scheint es dir ja noch relativ gut zu gehen. Wir haben auch gerade unser Frühstück bekommen. Wenn du mich eben loslässt, hole ich es dir." Murrend ließ Tae mich daraufhin los und ich holte schnell das Essen. Jetzt gab ich es Tae und er aß es schweigend. Nach einer Weile fragte er jedoch:„Wie lange war ich weg?" Schnell antwortete ich:„Gar nicht mal so lange. Du bist in der Nacht wiedergekommen." Nachdenklich nickte Tae und meinte plötzlich:„Ich habe auch eine Spritze bekommen. Gleichzeitig mit noch so einem anderem, der aber die ganze Zeit über nichts gesagt hat. Die Flüssigkeit in seiner Spritze war schwarz und meine war dunkelblau." Nachdenklich nickte ich und flüsterte:„Meine war hellblau, nahezu farblos..." Gedankenverloren blickte Tae an die Wand und murmelte plötzlich:„Sie haben mich als „Wasser" betitelt und ihn als „Schatten". Ich habe eine Liste gesehen. Da waren viele verschiedene Namen drauf und dahinter stand bei jedem jeweils etwas. Es waren so eine Art Naturgewalten, die dahinter standen. Bei dir stand „Frost" und bei Karolin stand „Wind". Bei Federica und mir stand „Wasser“, den Rest konnte ich von den Namen her nicht erkennen. Aber dahinter stand dann noch sowas wie „Pflanze", „Licht", „Feuer", aber auch sowas wie „Nebel". Was meinst du, hat das zu bedeuten?" Schweigend sah ich ihn an und auf einmal erinnerte ich ich wieder an etwas. Als ich in der Nacht auf die Toilette gegangen bin, ist das Wasser aus dem Wasserhahn zu Eis gefroren, als ich es berührte. Hinter meinem Namen stand „Frost". Sie sagten, sie verleihen uns „neue Kraft". War das vielleicht nur eine Metapher? Was haben sie mit uns angestellt?

    21
    Schweigend blickte Tae mich an, scheinbar auf eine Antwort wartend oder wenigstens auf eine Reaktion. Beinahe etwas verstört blickte ich meinen Zimmergenossen nun an und fing vorsichtig an:„Es klingt total dämlich und das weiß ich, aber ich glaube, dass uns irgendwie so eine Art Kräfte verliehen worden sind. Ich weiß nicht, wie, warum und was, aber ich weiß, dass ich letzte Nacht das Wasser aus dem Wasserhahn zu Eis verwandelt habe. Du glaubst mir wahrscheinlich nicht. Ich würde es auch nicht tun. Aber ich habe einfach nur das Wasser mit meinen Händen berührt und auf einmal ist es gefroren. Diese Leute sagten, ich sei eine Frost. Was, wenn wir jeder eine Kraft bekommen haben? Und du bist Wasser." Komplett verwirrt gaffte Taehyung mich an und stammelte nur:„Aber wie sollte das denn gehen? Es wäre bestimmt eine schöne Geschichte, aber die Realität? Wie sollten Menschen die Naturgewalten beherrschen können?" Verzweifelt murmelte ich:„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, was ich gesehen habe. Und zwar habe ich gesehen, wie das Wasser bei Berührung mit meinen Händen zu Eis geworden ist. Das ist alles, was ich momentan weiß..." Kurz schien Taehyung zu überlegen und meinte dann plötzlich:„Haben wir schon ne neue Flasche Wasser?" Stumm nickte ich und zeigte auf die Flasche, die Lorenzo erst vor wenigen Minuten dort abgestellt hatte. Taumelnd stand Tae nun auf und holte die Flasche. Erst nahm er einen großen Schluck davon und drückte sie mir dann ohne Vorwarnung in die Hand. Kaum hatte ich sie in der Hand, gefror das Wasser in der Wasserflasche plötzlich und ich starrte nur wie gebannt darauf. Tae ebenso. Leise hauchte er:„Es stimmt. Du hast das Wasser gefrieren lassen... Das war schon letztens bei der Wasserflasche so. Doch ehe das Wasser ganz gefroren war, hast du es fallengelassen..." Zögernd nickte ich nur, stellte jetzt die Flasche ab und starrte verstört auf meine Hände. Langsam kam Tae jetzt zu mir, nahm meine Hände in seine und betrachtete sie ebenfalls. Während er so konzentriert versuchte, einen Unterschied zu meinen Händen von vorher und jetzt festzustellen, flüsterte ich nun:„Das ist doch nicht möglich... Ich kann Wasser zu Eis gefrieren lassen..." Plötzlich floss eine Träne meine Wange herunter. „Ich will das nicht können", wimmerte ich leise. Jetzt etwas lauter sagte ich mit zittriger Stimme verzweifelt:„Warum kann ich das? Es ist unmöglich, Wasser durch seine Hände gefrieren zu lassen! Ich will das nicht!" Nun schossen die Tränen schneller meine Wange herunter und plötzlich nahm Tae mich fest in den Arm und murmelte beruhigend:„Es ist alles in Ordnung, (d/n). Weine nicht." Verzweifelt jammerte ich nun:„Wie sollte ich nicht weinen? Ich werde hier festgehalten und meine Hände lassen Wasser gefrieren! Das ist einfach nicht normal!" Beruhigend sprach Tae nun wieder auf mich ein:„(d/n), natürlich ist das nicht normal. Aber ist es denn schlimm? Denk doch mal nach. Du kannst etwas, das sonst niemand kann. Das ist etwas Besonderes." Leise hauchte ich nur noch:„Ich will aber nicht besonders sein..." Sanft strich Taehyung nun über meinen Rücken und ließ mich dann aus der Umarmung heraus. Leise meinte er noch aufmunternd:„Es ist alles in Ordnung. Aber bitte hör jetzt auf, zu weinen. OK?" Als er das sagte, wischte er schnell noch vorsichtig die Tränen aus meinem Gesicht und lächelte milde. Dankbar lächelte ich zurück und nahm ihn wieder in den Arm. Das brauchte ich einfach in dem Moment. Ich brauchte jemanden, an dem ich mich festhalten konnte. Jemand, der mich beruhigte und mir versprach, dass alles gut werden würde. Ich brauchte einfach jemanden, an dem ich Halt suchen konnte und den fand ich bei Tae. Nach einer Weile ließ ich ihn wieder los und murmelte noch etwas verwirrt:„Aber dann musst du doch auch etwas können, oder nicht? Dann musst du etwas mit dem Wasser machen können." Leise murmelte Tae mit seinem schönen Lächeln im Gesicht:„Ja, wahrscheinlich schon..." Wortlos nahm er die Flasche mit dem gefrorenem Wasser an sich, doch nichts passierte. Schulterzuckend murmelte er:„Vielleicht muss das Wasser flüssig sein." Zustimmend nickte ich nur. Dann gab Tae mir wieder die Flasche und fragte sanft:„Kannst du es auch wieder umkehren? Dass es wieder flüssig wird?" Ahnungslos zuckte ich nur mit den Schultern und nahm das Wasser wieder an mich. Doch es blieb nach wie vor gefroren. Enttäuscht murmelte ich:„Nein, scheinbar nicht. Tut mir leid..." Unbeschwert meinte Tae:„Ist egal. Wir warten einfach, bis das Eis schmilzt und gut ist's." Nachdenklich setzte ich mich nun nur wieder auf die Matratze und gaffte in die Leere. Tae setzte sich neben mich und schaute mich nur stumm an. Plötzlich nahm er meine Hand und murmelte:„Mir ist langweilig." Belustigt grinste ich und meinte:„Wir entdecken hier gerade den Sh*t des Lebens und alles, an das du denkst, ist, dass dir langweilig ist?" Stolz nickte Taehyung daraufhin und ich umarmte ihn lachend:„Du bist echt lustig, Tae. Danke." Beinahe etwas verwirrt hob Tae eine Augenbraue und meinte selbst belustigt:„Danke? Wofür?" Schwach lächelte ich nun und murmelte:„Dafür, dass du da bist und mich aufmunterst. Du bist echt mein bester Freund!" Schwach lächelte mein Kumpel jetzt und murmelte:„Danke, dass DU da bist. Ohne dich wäre ich hier wie verloren." Schwach lächelte ich nur und lehnte mich gedankenverloren an Tae. Sanft nahm Tae nun meine Haare in seine Hand und spielte etwas damit. Währenddessen sang er leise. Irgendwie war ich glücklich. Die Situation war trotz der Umstände recht schön. Tae war bei mir und unterstützte mich durch seine fröhliche, unbeschwerte Art und ich konnte einfach seine engelsgleiche Stimme genießen.

    22
    Der Tag war recht schnell vergangen und bestand eigentlich nur daraus, dass Tae und ich in unserer Zelle gesessen hatten, ich zwischendurch mal geweint hatte, weil mich die Situation überfordert hatte und Tae mich dann getröstet hatte. Oft hatte Tae dann für mich gesungen. Nun saßen wir wach auf der Matratze. Der nächste Tag war schon angebrochen, doch es war noch früh am Morgen. Jetzt erinnerte ich mich daran, dass der brasilianische Junge, der dort arbeitete, Lorenzo, uns versprochen hatte, einen der Jungs mitzubringen. Auch, fiel mir ein, dass ich es Tae noch gar nicht erzählt hatte, weshalb ich es dann tat. Er war natürlich begeistert und starrte seitdem ungeduldig auf die Tür, bis uns das Essen gebracht wurde. Schließlich öffnete sich tatsächlich die Tür und Lorenzo kam mit einer Schüssel Suppe herein. Plötzlich sahen wir auch Hobi, der ebenfalls eine Schüssel mit Suppe trug. Breit grinste er uns an und augenblicklich stand Tae auf und eilte zu ihm. Seine Freude war ihm anzumerken und er rief direkt aufgeregt nach seinem Namen. Grinsend begrüßte Hobi uns daraufhin und Tae fragte aufgeregt:„Wie geht es dir? Und den anderen?" Ruhig erwiderte Hoseok:„Uns geht es soweit ganz gut. Wir wurden alle in unterschiedliche Abteilungen gepackt und werden auch immer eingesperrt nachts. Arbeiten tun wir auch nur unter Aufsicht eines anderen, aber immerhin dürfen wir tagsüber arbeiten." Interessiert fragte ich ihn nun:„Und in welche Abteilungen wurdet ihr gesteckt?" Belustigt grinste Hobi nun und erklärte seine gute Laune:„Joonie wurde erst in eine Abteilung geschickt, in der er nähen sollte. Aber wir kennen ihn ja alle. Er hat nur wieder alles kaputt gemacht. Daraufhin wurde er dann als eine Art Dolmetscher eingesetzt. Er soll später sozusagen für die Koreaner hier übersetzen. Hier sind nämlich noch mehr als nur Tae und eben wir. Aber das sind hauptsächlich Arbeiter. Naja, Jin wurde in die Küche verfrachtet und Yoongi soll irgendeinen IT-Kram oder so am PC machen. Jungkook, Jimin und ich sollen den Leuten hier später das Tanzen beibringen." Verwirrt stammelte Tae:„Wofür müssen wir denn tanzen können?" Überrascht blickte Hobi uns an und meinte:„Habt ihr noch gar nichts gesagt bekommen?" Stumm schüttelten wir nur den Kopf. Daraufhin erklärte Hobi:„Uns wurde gesagt, dass ihr morgen alle in andere, hochwertigere Kammern gebracht werdet. Luxus ist das zwar auch nicht, aber naja... Der Chef von dem ganzen Kram hier möchte dann später eine Art Ball veranstalten. Deshalb sollen wir euch klassisches Tanzen beibringen. Wobei das nicht mal so meins ist. Hoho. Naja, wie auch immer... Deswegen sollte Joonie auch erst nähen. Hier sind nämlich noch viele Leute, die dann Ballkleider dafür nähen. Ich bin auch noch voll verwirrt, aber das ist alles, was uns gesagt wurde. Wisst ihr noch etwas?" Verwirrt blickte ich nur auf den Boden, während Tae ihm auf koreanisch, sodass ich es nicht verstand, etwas erzählte. Ich sah nur, wie Hobi komplett entsetzt und verwirrt mich und dann Tae ansah und schnell erklärte mir Tae dann auch, dass er Hobi von unserer Entdeckung mit den Kräften erzählt hatte. Leise fragte Hobi nun wieder auf Englisch:„Was haben sie denn mit euch vor? Wollen sie euch dann so wieder in die Welt schicken oder was?" Ratlos zuckten wir nur mit den Schultern und ich murmelte nur gedankenverloren:„Dieser Hisoka scheint sowieso ein ziemlicher Psychopath zu sein. Wer lässt denn so viele Menschen entführen, verleiht ihnen irgendwelche komischen Kräfte und veranstaltet dann einen Ball? Das ist doch krank!" Zustimmend nickten die beiden Jungs nun und plötzlich räusperte sich Lorenzo:„Wir müssen jetzt weiter. Die anderen brauchen auch noch ihr Frühstück." Schon musste Hobi also wieder gehen und wir riefen ihm nur noch schnell hinterher:„Grüß die anderen von uns!" Schnell zeigte er nur seinen Daumen nach oben und schon war er weg. Wir hörten nur noch, wie er in die Nebenkammer kam und sich mit Karolin unterhielt. Doch die vollständige Unterhaltung bekamen wir nicht mit. Stattdessen raunte ich Tae nun zu:„Es ist wirklich seltsam mit diesem Hisoka... Jetzt will er einen Ball mit uns veranstalten?" Zustimmend nickte Tae mir nur zu und meinte:„Vielleicht sollten wir einfach erstmal essen. Aber es ist wirklich seltsam. Aber immerhin bekommen wir laut Hobi bessere Kammern." Nachdenklich nickte ich nur und meinte noch leise murmelnd:„Hoffentlich kommen wir dann auch wieder zusammen in eine Kammer..." Jetzt meinte Tae:„Ja, das hoffe ich auch. Ich hab keine Lust, mit irgendwelchen ganz fremden Leuten in eine Zelle gesteckt zu werden. Wir kennen uns schon und vor allem verstehen wir uns gut. Ich weiß nicht, ob das bei den anderen Leuten hier auch der Fall wäre." Gedankenverloren nickte ich nur und schlürfte weiter meine Suppe. Es ist wirklich seltsam. Erst entführt, dann über Spritzen Kräfte zugesteckt bekommen und dann einen Ball veranstalten? Ich glaube, dieser Hisoka hat wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank... Aber ich hoffe wirklich einfach, dass Tae und ich wieder in ein Zimmer kommen...

    23
    Ich lag auf der Matratze und schlief. Auf einmal wurde mir ganz entsetzlich kalt und ich wachte auf. Es war dunkel und ich konnte kaum etwas sehen. Wie ein Blinder tastete ich neben mich, nach Tae suchend. Doch er war nicht da. Panisch setzte ich mich nun auf und suchte die Matratze ab, doch er war einfach nicht da. Hektisch stand ich auf und lief aufgeregt durch die dunkle Kammer. Ich rief seinen Namen, doch bekam keine Antwort. Er war einfach weg. Nun ging ich zur Tür, wollte sie aufstoßen. Doch sobald ich die stabile Tür berührte, bildete sich eine Eisschicht darauf. Schnell nahm ich meine Hände weg. Ich stolperte und fiel zu Boden. Meine Hände berührten den staubigen Boden und auch dort bildete sich sofort eine Eisschicht. Panisch stand ich auf und blickte durch den Raum, der nun vollkommen mit einer Eisschicht überzogen war. Verstört blickte ich auf meine Hände. Sie zitterten vor Aufregung und plötzlich wurden sie an den Fingerspitzen leicht bläulich. Auch sie überzogen sich mit einer Eisschicht. Panisch schrie ich. Wo war Tae? Was passierte mit mir? Die Kälte kletterte immer weiter meinen Körper hoch und drohte, mich zu ersticken. Ich schrie vor Panik und die Tränen rannten mir das Gesicht herunter.
    Plötzlich schreckte ich auf. Panisch blickte ich mich um. Ich lag wieder auf der Matratze, neben mir der noch schlafende Taehyung. Auf dem Flur war schon das Licht an und auch die Zelle wurde nun erleuchtet, was mir bedeutete, dass der Morgen anbrach. Es war kein Eis mehr zu sehen und auch meine Hände sahen wieder ganz normal aus. Es war alles nur ein Traum... Erleichtert setzte ich mich nun ganz auf, stand dann auf und ging zur Tür. Durch den Schlitz konnte ich Lorenzo sehen, der alleine das Frühstück brachte. Scheinbar durfte wohl nicht wieder einer der Jungs mitkommen... Schade drum. Plötzlich ertönte Taes verschlafene Stimme:„Guten Morgen, (d/n)." Belustigt lächelte ich ihn an und erwiderte seinen Morgengruß. Müde erhob Tae sich nun und trottete zu mir. Leise murrte er:„Ich hab Hunger." Verständnisvoll lächelte ich und meinte:„Ich weiß. Ich bin auch hungrig. Aber Lorenzo ist gerade eh mit dem Frühstück unterwegs." Schlech gelaunt brummte Tae:„Das kann man nicht Frühstück nennen. Ein Bettler bekommt mehr zu Essen." Er hatte recht. Es war wirklich nur sehr wenig und konnte einen nicht annähernd sättigen, aber immerhin war es etwas. Leise seufzte ich nur und schon kam Lorenzo zu unserer Kammer. Er trug zwei Teller mit einem Brot und einem Spiegelei darauf herein. Schwach lächelte er uns an und meinte:„Euer Kumpel aus der Küche meint es echt gut mit euch. Er hat zwar immer nur eine bestimmte Menge vorgeschrieben, aber daraus macht er dann auch immer etwas Leckeres!" Zustimmend nickte ich milde lächelnd und nahm dankbar das Mahl an mich. Auch Tae bedankte sich leise und direkt ging Lorenzo auch schon wieder. Schweigend aßen Tae und ich nun unser Frühstück. Es waren erst wenige Minuten vergangen, als wir plötzlich auf dem Flur laute Stimmen hörten. Verwirrt drehten wir uns danach um und erblickten eine Truppe von Männern, die die anderen Gefangenen aus ihren Kammern holten. Wir hörten ihre lauten Stimmen:„Raus da! Wir bringen euch jetzt woanders hin!" Daraufhin waren teils verängstigte und teils einfach verwirrte oder neugierige Stimmen zu hören. Wir selbst wussten ja schon so halbwegs bescheid und Tae brachte es auf den Punkt:„Das sind bestimmt die Leute, die uns in diese besseren Zimmer bringen, wie Hobi gestern meinte." Zustimmend nickte ich nur und wartete darauf, dass auch wir herausgeholt wurden. Allzu lange brauchten wir auch gar nicht zu warten und wir wurden jeweils von zwei Männern gepackt. Mit grimmigen Minen führten sie uns nun durch das ganze Gebäude. Es war groß, wie eine Villa und wir wurden weiter nach oben geführt. Dort gab es auch Fenster und seit Wochen sahen wir nun endlich wieder die Sonne. Irgendwie hoffnungsvoll atmete ich erleichtert aus. Jetzt wurden wir jedoch um eine Ecke geführt und standen nun alle vor einem langen Flur. Dort waren mehrere Zimmer zu sehen in einer Reihe. Es sah eigentlich so ähnlich aus wie auch im Keller, nur viel freundlicher, weniger schmuddelig und heller. Erst jetzt sahen wir auch alle Gefangenen auf einem Haufen. Wir standen alle in einer Reihe, von den Männern festgehalten und darauf wartend, dass wir endlich in unsere Zimmer verteilt wurden. Wir waren insgesamt 20 Gefangene, 10 Mädchen und 10 Jungs. Alle etwa in einem Alter von 10-30 Jahren und aus den unterschiedlichsten Ländern. Doch viel länger gucken, als, um das festzustellen, konnte ich gar nicht, denn wir wurden sofort auf unsere Zimmer gebracht. Glücklicherweise kamen Tae und ich wieder auf ein Zimmer. Es war größer als die vorherige, kleine Kammer und deutlich sauberer war sie auch. Darin befanden sich sogar ein richtiges Bett, ein Schreibtisch mit Stuhl und ein kleiner Schrank. Außerdem gab es ein großes Fenster, vor dem jedoch draußen Gitter angebracht wurden. Doch das reichte zumindest mir vollkommen aus, denn so hatte ich immerhin das Gefühl, noch auf einer normalen Welt zu leben. Wie auch immer, standen Tae und ich nun in diesem Raum, der schon wieder abgeschlossen wurde und schauten uns interessiert um. Ich eilte natürlich gleich zum Fenster, während Tae unser eigenes, kleines Badezimmer abcheckte. Als ich nach draußen sah, konnte ich gewaltige Bäume erkennen und einen klaren Himmel. Irgendwie sah die ganze Landschaft etwas tropisch aus, sodass ich mir nicht sicher war, wo wir uns wohl befanden. Aber das war mir in dem Moment ehrlich gesagt auch ganz egal. Ich konnte wieder die Sonne sehen und frische Luft atmen. Nun kam Tae auch wieder aus dem Badezimmer spaziert und schien ebenfalls recht fröhlich. Gut gelaunt meinte er nun:„Es ist eigentlich ganz nett hier. Es ist sauber, wir haben ein eigenes Bad und ein gemütlicheres Bett sowie ne gute Luftzufuhr und Sonnenlicht." Zustimmend nickte ich nur und meinte dann nachdenklich:„Aber was meinst du, warum sie uns auf einmal bessere Zimmer gegeben haben?" Sorglos zuckte Tae nur mit den Schultern, legte sich plötzlich auf das Bett und murmelte:„Mir ist es ganz egal. Immerhin haben wir jetzt das bessere Zimmer." Nachdenklich murrte er jetzt noch:„Es erinnert mich ein bisschen an so ne Art Jugendherberge oder so. Nur, dass es vielleicht doch noch ein bisschen zu groß dafür ist und verlassen ist von zivilisierten Menschen." Irgendwie zustimmend nickte ich und meinte jetzt:„Vielleicht war es ja mal eine Jugendherberge." Auf einmal öffnete sich jetzt wieder die Tür und ein Mann kam mit gefaltenen Klamotten herein. Schlecht gelaunt brummte er:„Ihr sollt jetzt duschen. Das sind eure Klamotten. Ihr müsst gucken, was für wen ist. Steht aber auch irgendwo drin. Ihr habt 10 Minuten Zeit zum Duschen und müsst demnach gleichzeitig duschen. Shampoo und Duschgel stehen in der Dusche. Danach wird das Wasser übrigens wieder abgeschaltet, also sollte ihr auch wirklich in 10 Minuten fertig sein. Die dreckigen Klamotten legt ihr gleich einfach vor die Tür und es holt im Laufe der Zeit jemand ab." Das waren seine Worte. Er drückte uns noch schnell die Klamotten in die Hand, ging wieder und schloss die Tür ab. Verwirrt blickte mich Tae nun an und murmelte:„Gemeinsam duschen? Wie stellt der Kerl sich das vor?"

    24
    Ruhig blickte ich Tae an und murmelte selbst nicht gerade begeistert von der Idee:„Naja, ich denke, wir gehen einfach gleichzeitig in die Dusche und schauen uns dabei nicht an." Nachdenklich nickte Tae nun und meinte:„Na, dann los. Die Zeit läuft uns davon." Schon verschwand Tae im Bad und ich folgte ihm mit den Klamotten in der Hand missmutig. Schnell schloss ich noch die Tür zum Bad und drehte mich gerade zu Tae, um ihm zu sagen, dass er sich schonmal umdrehen solle, da hatte er schon sein T-Shirt ausgezogen. Augenblicklich drehte ich mich geschockt um und murmelte nur verlegen:„Ähm, du drehst dich dann auch einfach zu der Wand, OK?" Zustimmend murrte mein Zimmergenosse kurz und ich begann zögernd auch damit, meine Klamotten abzulegen. Als ich damit fertig war und ganz nackt in dem Badezimmer stand und nicht mal wusste, ob Tae auch wirklich wegschaute, räusperte ich mich verlegen:„Dann müssen wir jetzt in die Dusche gehen. Ich gehe da jetzt einfach rein, ohne hinzuschauen und mache schonmal das Wasser an, OK? Und du folgst dann einfach rückwärtslaufend." Tae wandte ein:„Aber dann stolpere ich! Du gibst mir gleich einfach deine Hand und gehst dann unter die Dusche. Wenn ich den Weg von dir geführt bekomme, stolpere ich auch nicht." Unglücklich stimmte ich einfach zu und hielt schon meine Hand nach hinten. Direkt spürte ich auch Taes warme Finger, die sich dann um meine schlossen. Sichtlich peinlich berührt ging ich nun vorsichtig unter die Dusche, ohne mich genauer umzublicken. Tae folgte mir an meiner Hand ganz brav. In dem Duschraum stellte ich dann schnell das Wasser an. Es prasselte augenblicklich auf meinen Körper, doch ich hatte Sorge, dass ich das Wasser vielleicht zu Eis gefrieren lassen würde. Allerdings passierte dies nicht, zum Glück. Tae, der hinter mir stand und mich hoffentlich nicht ansah, murmelte:„Hier ist das Shampoo. Ich reiche es dir rüber." Mit der einen Hand, hielt ich immer noch Taes, um den Abstand einzuhalten und mit der anderen nahm ich nun das Shampoo an. Jedoch musste ich jetzt natürlich kurz Tae loslassen, um mir das Shampoo auch in meine Haare einzureiben. Die Gelegenheit nutzte Tae auch, um das selbe zu tun. Schnell wusch ich mir das Shampoo dann noch aus und rieb meinen Körper mit dem Duschgel ein. Der andere in der Dusche tat es mir wieder gleich. Schließlich waren wir eigentlich schon fertig mit Duschen, als auch das Wasser auf einmal von selbst ausging. Leise raunte Tae nun:„Scheint so, als wären die 10 Minuten dann auch vorbei. Also sollte wir uns dann einfach wieder anziehen." Zustimmend brummte ich nur kurz und nahm wieder Taes Hand, die er mir schon erwartungsvoll hinstreckte. Diesmal musste Tae die Führung übernehmen und ich stolperte ihm ungeschickt hinterher. Natürlich, ohne ihn anzusehen. Nun gab Tae mir plötzlich die Klamotten und meinte einfach:„Ich zieh mich dann mal wieder an." Daraufhin ließ er meine Hand wieder los und ich zog mich ebenfalls schnell an. Als ich schon fertig war, fragte ich Tae zögerlich und immer noch peinlich berührt, ob er fertig sei. Kurz antwortete er einfach mit einem „Ja“ und ich drehte mich langsam zu ihm. Er blickte mich auch an und lächelte verschmitzt. Jetzt nahm ich noch unsere dreckigen Klamotten und ging wieder aus dem Badezimmer heraus. Die Dreckwäsche legte ich also kurz vor der Tür ab und Taehyung kam auch wieder in das Zimmer. Gut zufrieden murmelte er:„Das war ja gar nicht so schlimm mit dem gemeinsamen Duschen..." Zustimmend nickte ich, fügte aber etwas beschämt hinzu:„Aber es war ein bisschen peinlich." Unerwarteterweise trat Tae nun etwas näher zu mir, grinste mich an und murmelte:„Es ging. Wieso? Bin ich dir etwa peinlich?" Verlegen wich ich etwas zurück und erwiderte verwirrt:„Nein, wieso auch? Es war nur irgendwie peinlich, weil es so ungewohnt war..." Überrascht fragte Tae:„Warum ungewohnt? Duschst du denn nicht manchmal mit deinem Freund zusammen?" Überfordert antwortete ich schnell:„Ich hab gar keinen Freund. Hatte ich noch nie..." Verlegen lächelte ich noch schnell, woraufhin Tae grinste:„Echt nicht? Kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber gut..." Beinahe etwas belustigt fragte ich jetzt:„Wieso kannst du dir das nicht vorstellen?" Knapp erwiderte Tae ernst:„Naja, du bist doch total hübsch und nett. Da müssten die Kerle doch eigentlich auf dich fliegen, oder nicht?" Total überrascht, aber auch verwirrt und geschmeichelt lief ich rot an und murmelte:„Oh, ähm... Danke..." Belustigt lächelte Tae mich nun einfach an und wandte sich dann ab, zu dem Fenster. Nachdenklich schaute er heraus und schwieg einfach vor sich hin. Plötzlich meinte er dann:„Ich hatte eigentlich erwartet, dass das Wasser gefriert oder so..." Zustimmend nickte ich, doch plötzlich meinte Tae:„Ich glaube, ich hab es verhindert." Belustigt grinste ich nun und scherzte:„Wieso? Weil du so heiß bist?" Überrascht von dem, was ich gesagt habe, drehte sich Tae zu mir um und grinste breit. Ich wiederum lief einfach nur rot an, bis ich wie eine Tomate aussah. Belustigt fragte Tae nun:„Ja? Findest du?" Doch zum Glück redete er sogar schon weiter, dass ich nicht wirklich zu antworten brauchte:„Ich glaube, dass ich das Wasser irgendwie stetig wieder zurück zum Wasser gewandelt habe, als du es eigentlich hast gefrieren lassen. Ich hab gespürt, dass ich irgendwie meine Kraft anwandte..." Noch immer beschämt wegen vorhin nickte ich nur leicht. Jetzt öffnete sich die Tür und ein Mann trat herein, um die Wäsche abzuholen. Auf einmal murrte er:„Macht euch schonmal für nachher bereit." Verwirrt fragte ich:„Bereitmachen? Wofür?" Nahezu belustigt meinte der Kerl nun:„Glaubt ihr, ihr durftet duschen, weil's so schön ist? Nein, ihr trefft jetzt gleich Hisoka. Und dafür müsst ihr auch gut riechen. Er wird euch gleich alles erklären. Aber jetzt hopp!" Hisoka. Er scheint der Chef vom Ganzen zu sein. Und gleich wird er uns endlich alles erklären... Endlich...

    25
    Nachdenklich blickte mich Tae an und murmelte:„Jetzt wird uns alles erzählt..." Plötzlich machte sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht breit und er meinte zu dem Mann, der immer noch in unserem Zimmer stand:„Wir kommen sofort." Knapp nickte der Mann nur und brummte noch:„Gut, aber trocknet noch eben eure Haare und bürstet sie. Ihr sollt vor Hisoka gut aussehen." Mit den Worten verließ der Mann kurz den Raum, während ich schon mal seufzend ins Bad ging und mir ein Handtuch holte, um mir somit meine Haare zu trocknen. Allerdings nahm Tae es mir ab und meinte gut gelaunt:„Ich trockne sie dir. Das geht schneller." Und schon rubbelte er mit dem Handtuch sanft über mein Haar, um es zu trocknen. Zwischendurch bürstete er sie mir noch einmal kurz durch und murmelte dann irgendwie stolz:„So, fertig." Belustigt drehte ich mich nun zu ihm um. Sein eigenes Haar fiel lockig wild in sein hübsches Gesicht. Schnell reckte ich mich, um an seinen Kopf zu kommen und richtete seine Haare etwas. Als ich fertig war, schaute ich Tae noch einmal belustigt an, schüttelte dann für mich den Kopf und wuschelte seine Haare in die gewohnte Unordnung. Dabei lachte ich gedankenverloren:„So sieht es doch besser aus." Dann öffnete sich auch schon auf einmal wieder die Tür und der Mann kam erneut ein. Schnell winkte er uns zu sich, woraufhin wir auch etwas zögernd kamen. Schnell legte er uns Fesseln um die Handgelenke, damit wir nicht so schnell abhauen konnten und zog uns dann auf den Flur, auf dem schon die anderen Gefangenen, gehalten von vielen anderen Entführern, standen. Auf einmal bemerkte ich, wie Karolin neben mir stand, mich schwach anlächelte und meinte:„Ach, auch hier?" Beinahe belustigt nickte ich und wollte gerade etwas antworten, da setzte sich die Karawane aus Gefangenen auch schon in Bewegung. Mal wieder wurden wir gefühlt durch das ganze, riesige Gebäude geführt, bis wir schließlich vor zwei großen Türen standen. Schon wurden sie aufgestoßen und ich erkannte einen großen Saal, an dessen Rändern lange Tische standen und eine Art Balkon sich so darüber erstreckte, dass man von da aus wohl einen Blick auf den gesamten Saal hatte. Erstaunt blickte ich mich um, doch schon wurden wir weitergeführt, zu einem der langen Tische. Wir wurden alle einem Platz zugewiesen und die Entführer stellten sich als Wachen an allen Türen auf. Ich saß zwischen Tae und Karolin, mir gegenüber Federica. Plötzlich fragte mich Karolin leise von der Seite:„Habt ihr auch schon etwas herausgefunden?" Knapp nickte ich nur und erwiderte leise die Frage. Knapp nickte Karolin nun und meinte:„Sie scheinen uns eine Art Kräfte der Natur verliehen zu haben." Zustimmend nickte ich und meinte schnell:„Ich hab Frost, du?" „Luft", war Karolins einzige Antwort, denn dann öffnete sich auf einmal die Tür des Balkons und ein Mann mit ernster Mine betrat den imposanten Balkon. Er hatte asiatische Züge, hatte jedoch einen düsteren und geheimnisvollen Blick und schwieg einfach, während er herrisch auf uns hinabblickte. Plötzlich folgte ihm auch ein anderer und stellte sich neben ihn. Es war ein kleiner, schmächtiger Mann, der eine große, runde Brille auf der Nase trug und irgendwie etwas ängstlich schien. Ehrfürchtig blickten wir alle zu den zwei Männern hinauf. Akiko sagte, Hisoka komme auch aus Japan, also scheint er das wohl zu sein. Aber wer ist der mit der Brille? Nun hob Hisoka auf einmal ruhig seine Hand und blickte abermals herablassend zu uns. Plötzlich räusperte sich der kleine Mann neben ihm auf Englisch:„Seid gegrüßt. Dies neben mir ist Hisoka. Er ist stumm, weshalb ich euch ihn übersetzen werde." Nun fing Hisoka an, in Gebärdensprache zu reden und der andere Mann übersetzte ihn gleichzeitig:„Ihr seid alle wegen einem bestimmten Grund hier. Einige von euch haben ihn, oder vielleicht wenigstens die Ansätze, schon herausgefunden.
    Ihr habt alle eine Veranlagung. Die Veranlagung, Naturgewalten zu beherrschen. Dies ist sehr selten, weshalb ihr alle auserlesen wurdet. Jedoch hat jeder von euch nur die Veranlagung dazu, genau eine Kraft auszuüben. Zum Einen gibt es die vier Elemente, Wasser, Feuer, Erde und Luft. Allerdings gibt es auch viele andere Kräfte und zwar Schatten, Licht, Pflanze, Elektrizität, Nebel und Frost. Ihr wurdet auserlesen, damit diese Kräfte in euch aktiviert werden konnten. Es scheint irreal, solche Kräfte zu besitzen, doch es ist die Realität und ein altes Geheimnis, das lange aufbewahrt wurde, um nun genutzt zu werden. Hisoka ist der Hüter dieses Geheimnisses und hat auch als einziger die Kraft zu erkennen, wer eine Veranlagung dazu hat, eine Kraft auszuüben und wer nicht. Ihr habt sie und deswegen seid ihr hier. Ihr werdet eure Kräfte selbst trainieren und zwar in einer ganz besonderen Art und Weise, die Hisoka jedoch erst später verkünden wird. Wie auch immer, haben immer zwei von euch die Veranlagung, die selbe Kraft zu beherrschen. Ihr werdet nachher sehen, wer euer „Gleichgesandter" ist. Doch zur Einweihung dieses besonderen Ereignisses, hat Hisoka sich etwas Besonderes überlegt. Er will einen Ball veranstalten. Ihr werdet die passende Kleidung später zugeteilt bekommen. Jedoch müsst ihr vorher das Tanzen erlernen und euch außerdem einen Tanzpartner suchen. Tanzlehrer haben wir euch arrangiert und euren Partner zum Tanzen könnt ihr euch selbst suchen. Dazu werdet ihr gleich direkt Zeit haben. Die erste Tanzprobe wird gleich morgen sein. Doch vorher habt ihr jetzt eine halbe Stunde Zeit euch auszutauschen und euch einen Tanzpartner zu suchen. Für die Leute, die mich nun nicht verstanden haben, haben wir Dolmetscher eingeladen, welche gleich auch einmal direkt zu euch kommen werden und euch fragen werden, ob ihr alles verstanden habt. Das war's für's erste. Danke für's Zuhören." Das waren die Worte, die Hisoka uns mitteilen wollte und direkt mit diesem Ende seiner Rede verschwanden er und sein Kumpan. Etwas verwirrt blickte ich nun kurz zu Tae, welcher mich verlegen angrinste und auf einmal fragte:„Willst du meine Tanzpartnerin sein?" Belustigt lächelte ich und stimmte natürlich sofort zu. Jetzt kamen plötzlich mehrere Leute in den Saal. Unter anderem Namjoon. Als er uns erblickte, kam er sofort zu uns und meinte:„Hey, schön, euch wiederzusehen." Lächelnd nickte ich knapp, während Namjoon Tae sicherheitshalber noch einmal alles auf koreanisch erklärte, was soeben gesagt worden war. Nun schaute ich mich etwas um. Andere Gefangene unterhielten sich schon aufgeregt und plötzlich sah ich, dass Federica und Akiko auf mich zukamen. Sie grinsten mich freundlich an, während Tae nur etwas verlegen zurücklächelte. Federica brabbelte direkt gut gelaunt los:„Jetzt hat sich ja alles geklärt. Jetzt wissen wir, was sie von uns wollen. Aber ich wusste auch schon, dass ich eine Kraft bekommen habe. Ich hab auf einmal Wasser bewegen können, also scheine ich eins der vier Elemente, nämlich Wasser, bekommen zu haben." Aufgeregt meinte Tae nun:„Ich habe auch Wasser als Kraft." Akiko erzählte nun:„Naja, ich hab Licht. Was hast du, (d/n)?" Knapp erzählte ich:„Frost." Interessiert lächelte Akiko und Federica meinte dann:„Wir gehen dann mal weiter. Bis dann." Knapp nickte ich und meinte zu Tae:„Lass uns doch auch ein bisschen zu den anderen gehen." Einwilligend nickte Tae und wir gingen einfach mal zu Karolin und einem südlich wirkendem Mann, die sich gerade ganz gut unterhielten, allerdings auf einer Sprache, die ich nicht verstand. Verwirrt blickte ich Karolin an, die dann kurz für uns auf Englisch erklärte:„Das ist Juan. Er kommt aus Spanien. Sein Element ist Erde. Ich kann auch Spanisch sprechen, weil ich es in der Schule lerne." Verstehend nickte ich nur knapp und begrüßte Juan kurz. Allerdings schien sein Englisch eher grenzwertig, was mich jedoch auch nicht weiter störte. Nun zog ich Tae am Arm wieder mit mich und erkannte nun einen großen, blassen Mann, mit aschblonden Haaren und eisblauen Augen, der ernst in der Ecke stand und alle beobachtete. Neben ihm stand ein blondes Mädchen, dass irgendwie sehr zickig aussah. Finster blickten sie uns beide an, weshalb ich einfach schnell weiterging. Nun sah ich einen Jungen in der Ecke stehen, der vielleicht ein oder zwei Jahre jünger war als ich. Er stand nervös weit abseits von den anderen. Er hatte dunkle Haare, blasse Haut und starke Augenringe. Er schien irgendwie ebenso finster in der Ecke, wie das Paar von vorhin auch, weshalb wir auch an ihm vorbeigingen. Jetzt sahen wir noch das indische Mädchen wieder, das damals noch bewusstlos auf der ärztlichen Station lag. Sie blickte sich ängstlich um und zitterte am ganzen Leib. Freundlich lächelte ich sie an, doch sie guckte direkt weg. Zu Karolin und Juan ist nun auch noch ein wirklich junges, afrikanisches Mädchen mit Afro gekommen. Sie sah so aus, als wäre sie gerade mal 10 oder 11 jahre alt. Es hatten sich einige Grüppchen gebildet, aber es standen auch viele einfach alleine rum, weshalb wir uns letztendlich einfach dazu entschieden, wieder zu Karolin und ihrer Gruppe zu gehen. Das afrikanische Mädchen stand recht schweigsam neben Karolin und hörte zu, wie Juan gerade etwas erzählte. Auch, wenn sie sein spanisches Gelaber wohl kaum verstand. Als wir dazukamen, lächelte sie uns schüchtern an. Karolin erzählte begeistert:„Das hier ist Malou. Sie kommt aus Afrika. Sie scheint die jüngste hier zu sein." Daraufhin erwiderte das junge Mädchen schnell:„Hallo, schön, euch kennenzulernen. Wie heißt ihr?" Schnell stellten wir uns beide vor. Wir unterhielten uns noch alle ein bisschen, als plötzlich ein Mann laut rief:„Genug geplaudert. Jetzt geht es zurück in eure Zimmer!"

    26
    Enttäuscht blickte ich den Ursprung der lauten Stimme an und murmelte leise vor mich hin:„Schade, ich hätte mich lieber noch etwas unterhalten..." Plötzlich berührte Tae meine Schulter, lächelte mich an und meinte, da er mein Murmeln wohl gehört hatte:„Macht doch nichts. Wir sehen uns morgen doch scheinbar zum Tanzen alle wieder." Schwach nickte ich nur und grinste zurück:„Hast ja recht. Lass uns gehen." Zusammen gingen wir dann wieder zum Eingang in den Saal, vor dem sich nun alle versammelten. Ähnlich wie beim Kommen, wurden wir alle von den Entführer am Arm gepackt, einmal durchs ganze Gebäude geschleppt und dann in unsere Zimmer gebracht. Die Tür wurde wie gewohnt abgeschlossen und Tae und ich standen nun nachdenklich in unserem Zimmer. Gut gelaunt sprach Tae plötzlich:„Ich freue mich schon auf morgen, wenn wir tanzen müssen. Hobi hat ja erzählt, dass er, Jimin und Jungkook als Tanzlehrer arrangiert wurden. Dann sind sie das morgen sicherlich, die wir dort morgen treffen." Lächelnd stimmte ich zu:„Ja, da hast du sicherlich recht. Du kannst bestimmt schon tanzen, oder? Soweit ich weiß, müsst ihr das in euren Musikvideos und auf der Bühne oft machen." Etwas verlegen erzählte Teahyung nun:„Naja, klassische Tänze kann ich zwar wohl ein bisschen tanzen, aber nicht so gut. Von BTS aus tanzen wir ja ganz anders. Das hat nichts mehr mit den klassischen Tänzen zu tun." Verständnisvoll lächelte ich ihn an und plötzlich fragte er:„Kannst du tanzen, (d/n)?" Ebenso verlegen wie er vorhin sprach ich:„Naja, nicht wirklich. Ich hab zwar mal einen Grundkurs mitgemacht, aber das ist jetzt schon 7 Jahre her. Daran erinnere ich mich nicht mehr." Gütig grinste mein Zimmergenosse nun und meinte fröhlich:„Auch gut. Dann können wir beide gleichzeitig das Tanzen üben. Dann ist niemand dem anderem voraus." Knapp nickte ich lächelnd und ging auf das Fenster zu, um einen Blick nach draußen zu werfen. Es war immer noch Vormittag und die Sonne stand knapp über den hohen Bäumen. Man hörte das wilde Gerufe von verschiedenen Vogeln. Sie klangen fremd und exotisch. Interessiert starrte ich einfach nach draußen und versuchte, einen Blick auf die bunten Vögel zu werfen. Plötzlich spürte ich weiche Haare, die mein Gesicht kitzelten und die tiefe Stimme von Tae ertönte plötzlich direkt neben meinem Ohr:„Was gibt es denn da zu gucken?" Erschrocken fuhr ich zurück und hielt mich am Fensterrahmen fest. Nun blickte ich direkt in Taes hübsches Gesicht, das nicht weit von meinem entfernt war. Er lächelte milde und fragte belustigt:„Hast du dich so sehr erschrocken?" Beinahe etwas beleidigt murrte ich:„Ja, hab ich. Mach das nie wieder, OK?" Gerade wollte ich dann den Fensterrahmen loslassen als ich bemerkte, dass es irgendwie nicht ging. Taes Blick wanderte bereits auf meine Hände und er grinste:„OK. Aber das ist doch kein Grund, den Fensterrahmen einzufrieren." Nun wagte ich auch einen Blick auf meine Hände und erkannte jetzt auch, warum ich meine Hände nicht bewegen konnte. Durch den Schrecken, den Tae mir eingejagt hatte, habe ich mich wohl so erschrocken, dass ich irgendwie Eis gezaubert habe. An diesem hingen jetzt meine Hände und die Fensterbank fest. Ruckartig zog ich einfach meine Hände aus den selbstgeschaffenen Eisfesseln. Allerdings hatte ich zu viel Kraft angwandt und ich fiel rückwärts nach hinten. Doch plötzlich spürte ich zwei starke Arme unter meinem Rücken und sah, dass Tae mich festhielt. Dankbar lächelte ich ihn daraufhin einfach an und erwidete nun nach gefühlten Uhrzeiten auch seine eigentliche Frage:„Ich wollte die Vögel angucken." Immer noch belustigt nickte Tae einfach, während mein Blick wieder auf den Fensterrahmen fiel. Er war komplett vereist und es hatten sich gefährlich wirkende Eiszacken gebildet. Nachdenklich ging ich etwas darauf zu und murmelte:„Ich wusste gar nicht, dass ich das Eis auch einfach aus dem Nichts holen kann. Ich dachte, ich könnte nur Wasser direkt in Eis umwandeln." Tae räusperte sich nun:„Vielleicht hast du das Wasser aus der Luftfeuchtigkeit gezogen." Ihm recht gebend nickte ich gedankenverloren und seufzte nun etwas. Schweigend ging ich nun in dem Zimmer herum und setzte mich schließlich auf das Bett, während ich einfach in die Leere starrte. Sanft lächelte Tae mich an, setzte sich zu mir und murmelte:„Schon verrückt, was es nicht doch alles gibt..." Zustimmend nickte ich nach wie vor verträumt und auf einmal hob Tae meine Haare hoch und tat so, als wolle er mir einen Zopf machen. Währenddessen sang er leise eins seiner Lieder vor sich hin. Ich hingegen saß nur belustigt da und ließ meinen Kumpel mit meinen Haaren spielen. Plötzlich hörte Taehyung jedoch auf, zu singen und murmelte:„Ich mag deine Haare. Sie sind schön weich." Belustigt grinste ich und erwiderte einfach, ohne wirklich darüber nachzudenken:„Ich mag DEINE Haare. Sie sind so schön lockig. Du siehst ein bisschen wie ein Engel damit aus." Überrascht, aber belustigt meinte Tae nun:„Danke, aber dann müsste ich ein gefallener Engel sein. Die normalen haben blondes Haar. Meistens habe ich aber auch glatte Haare. BigHit schreibt mir und natürlich auch den anderen Jungs vor, wie wir unsere Haare tragen." Nachdenklich lächelte ich und meinte:„Ich glaube, du siehst mit den Haaren, die du jetzt hast, besser aus als mit glatten. Ich mag deine Frisur." Gedankenverloren strich ich mit meinen Fingern nun durch seine eher kurzen, lockigen Haare und lächelte dabei milde. Belustigt lächelte Taehyung mich nun an und starrte mir direkt ins Gesicht. Leise murmelte er:„Ich komme immer noch nicht darauf klar, dass du keinen Freund hast." Belustigt fragte ich verwirrt:„Wieso?" Schulterzuckend sprach Tae, während er mich weiter anstarrte:„Du bist wirklich hübsch. Und nett auch. Deswegen..." Geschmeichelt lief ich rot an und blickte etwas beschämt zur Seite. Scheinbar erst jetzt realisierend, was für ein Gefühl Tae mit seiner Aussage in mir ausgelöst hatte, lächelte er beinahe belustigt. Nun stand er vom Bett auf und meinte:„Ich freu mich schon darauf, morgen mit dir zu tanzen. Ich hab selten mit so einem hübschen Mädchen getanzt." Jetzt erst recht rot angelaufen, blickte ich fast schon etwas beschämt aus dem Fenster. Tae ist so charmant... Ich frage mich, ob er bei allen Mädchen so ist oder vielleicht nur bei mir... Er freut sich darauf, mit mir zu tanzen... Weil er gerne tanzt oder wegen mir? Ach, warum muss bei mir gerade in so einer unpassenden Situation so ein Gefühl entstehen? Aber gut, ich bin sicher, ich bin nicht die erste, die sich in diesen perfekt erscheinenden Mann verliebt hat - in Kim Taehyung...

    27
    Sonnenstrahlen fielen grell in mein Gesicht und zwangen mich dazu, die Augen zu öffnen. Verwirrt setzte ich mich auf und ließ meinen Blick langsam durch den, in helles Licht eingetauchten, Raum schweifen. Jetzt fiel mir erst wieder ein, dass wir in neue Zimmer gesteckt worden waren. Müde seufzte ich nun einmal leise auf und blickte zum Fenster, durch das das morgendliche Licht fiel. Jedoch legte ich mich nun verschlafen wieder hin und drehte mich zur Seite, während ich die Augen schon wieder geschlossen hatte. Plötzlich spürte ich in meinem Gesicht jedoch ein warmes Lüftchen und öffnete zögerlich wieder meine Augen. Nun erkannte ich, woher dieser warme Hauch kam. Taehyungs Gesicht lag nur wenige Zentimeter von meinem entfernt und er atmete regelmäßig. Wie er so schlief, sah er noch viel mehr wie ein Engel aus. Sein süßer Geruch strömte mir entgegen und brachte mich dazu, etwas tiefer einzuatmen. Lächelnd betrachtete ich nun das makellose Gesicht, das so ruhig schlief. Das lockige, schwarze Haar des jungen, attraktiven Mannes fiel sanft auf seine Stirn und bedeckte beinahe seine geschlossenen Augen. Sein Mund war etwas geöffnet, dass er ein wenig wie ein Püppchen aussah. So bezaubernd. Nachdenklich strich ich dem Mann die Haare von der Stirn, dass man seine Augen auch wieder sehen konnte. In dem Moment sehnte ich mich irgendwie danach, dass er sie öffnete, denn ansonsten blieb mir dieser, in seinen Bann ziehende Anblick verborgen. Denn jedes Mal, wenn ich in Taes wunderschönen Augen sah, verlor ich mich darin. Sie waren so dunkel, dass sie irgendwie endlos tief schienen. Wie ein Loch, in das man reinfallen würde und nie wieder herausfinden würde. Ein Blick genügte für mich und ich wusste, dass ich verliebt war. Seine Augen spiegelten das Gefühl in mir irgendwie wieder. Ich war in die Liebe gefallen und kam nicht wieder heraus. So schienen seine Augen auch.
    Bei dem Gedanken lächelte ich etwas und stand dann leise seufzend auf, während Tae einfach seelenruhig weiterschlief. Lautlos, damit ich meinen Zimmergenossen nicht weckte, lief ich ins Badezimmer. Dort ging ich schnell auf die Toilette und wollte mir dann die Hände waschen. Doch direkt erinnerte ich mich daran, dass ich das Wasser sicherlich wieder gefrieren würde. Zögerlich stand ich einfach davor, das Wasser schon laufend und überlegte, wie ich diese Kraft, die ich nun beherrschte, unterdrücken konnte. Schließlich seufzte ich einfach einmal leise und streckte meine Hände unter das laufende Wasser, die Augen geschlossen. In der Hoffnung, dass das Wasser so vielleicht nicht gefror. Doch direkt, als das Wasser meine Finger berührte, spürte ich schon wie es kalt wurde und meine Hände in seiner Feste umschloss. Enttäuscht öffnete ich meine Augen wieder und blickte auf das Eis, dass meine Hände gefangen nahm. Knapp zog ich einmal kräftig und hatte mich so aus dem Eis befreit. Seufzend überlegte ich nun, wie ich meine Hände dann waschen sollte. Als Tae und ich zusammen geduscht haben, blieb das Wasser in seiner flüssigen Form. Tae sagte, dass er spüren konnte, wie er seine Kraft anwandte und das Eis einfach dauerhaft zurückwandelte. Muss ich mir nun etwa jedes Mal gleichzeitig mit Tae die Hände waschen?
    Plötzlich öffnete sich die Tür und herein trat der schläfrige Tae. Müde blickte mich der gutaussehende Mann an und brummte einen kurzen Morgengruß. Dann wanderte sein Blick jedoch auf den Wasserhahn und das vereiste Wasser, dass noch daraushing. Beinahe belustigt lächelte er und murmelte:„Mensch, (d/n), was machst du denn hier schon wieder?" Kurzerhand ging er auf das Waschbecken zu, berührte einmal das Eis und es wurde sofort wieder zu Wasser. Nun griff er einfach nach meiner Hand und hielt sie gleichzeitig mit seiner eigenen unter das Wasser und es blieb in seinem Zustand. Die Gelegenheit nutzte ich natürlich, um normal meine Hände zu waschen. Als ich fertig war, zog ich meine Hand wieder weg und murmelte leise, schwach lächelnd:„Danke." Knapp nickte Tae einfach, sah mich dann wortlos an und meinte schließlich:„Ich muss jetzt pinkeln. Willst du nicht rausgehen? Meinetwegen kannst du auch hier bleiben. Das ist mir egal." Während er das sagte, grinste er belustigt und ich murmelte nur verlegen:„Ja, ich geh dann mal... Hehe..." Mit den Worten verließ ich dann das Bad und ging zurück in das Zimmer.
    Genau in dem Moment kam auch Lorenzo mit dem Frühstück in den Händen herein. Außerdem hatte er eine Flasche Wasser dabei. Freundlich lächelte er mich an und murmelte schnell:„Guten Morgen. Hier ist euer Essen. Denkt dran, dass ihr nachher zu eurer ersten Tanzstunde müsst. Aber das dauert, glaube ich, eh noch 2 Stunden. Naja, es wird auf jeden Fall jemand kommen und euch holen. Guten Appetit euch beiden. Und wieder Grüße aus der Küche."
    Dankend nickte ich, als auch Tae nun wieder ins Zimmer trat, schnell grüßte und sich ebenso bedankte. Ich nahm in der Zeit schon das Essen sowie das Wasser entgegen und stellte es auf dem Tisch ab, während Lorenzo wieder ging. Jedoch bemerkte ich auch zu meinem Unmut direkt wieder, dass ich das Wasser in der Glasfasche gefroren hatte, als ich es entgegennahm. Tae bemerkte das natürlich auch, nahm das die vereiste Wasserflasche nun an sich und schmolz das Eis somit direkt wieder. Nun nahm er einige Schlucke davon und reichte mir das Wasser nun. Ich jedoch fragte nur hoffnungslos:„Wie soll ich denn trinken? Ich gefriere das Wasser doch nur wieder..." Sanft grinste Tae nun und erklärte knapp:„Ich helfe dir einfach wieder. Du trinkst ganz normal und ich halte die Flasche währenddessen auch fest, sodass das Eis wieder direkt schmilzt." Dankend lächelte ich ihn daraufhin an und wir machten es wie besprochen. Doch nach dem Trinken fragte ich leise und irgendwie traurig:„Aber wie soll das denn auf Dauer gehen? Ich werde ja nie wieder irgendetwas ohne dich machen können..." Beruhigend nahm Tae mich kurz in den Arm und tröstete mich:„Mach dir mal keine Sorgen, (d/n). Du wirst es später sicherlich kontrollieren können. Hisoka meinte, wir werden unsere Kräfte trainieren. Und dann wirst du lernen, es zu kontrollieren, OK?" Dankbar für seine Aufmunterung nickte ich einfach kurz und nahm dann das Essen an mich. Ein Käsebrot mit Gurken darauf. Doch auf einmal fiel mir auf, dass jemand die Gurken so geschnitzt hatte, dass dort „WWH" stand. Verwirrt zeigte ich es kurz Tae, welcher sich daraufhin an seinem Brot verschluckte vor Lachen. Erst hatte ich Angst, er könne ersticken, doch dann fing er sich wieder und ich blickte ihn nur noch fragend an. Nun erzählte er mir:„Jin nennt sich selbst immer „Worldwide Handsome". „WWH" ist die Abkürzung dafür. Damit wollte er uns wohl schöne Grüße ausrichten." Belustigt grinste ich und aß einfach das Brot zuende.
    Nachdem wir fertig mit dem Essen waren, ruhten Tae und ich uns einfach noch ein bisschen aus. Beziehungsweise, Tae machte Quatsch, indem er mit seinen Kräften spielte und einfach kurzerhand ein paar Tropfen Wasser begeistert schweben ließ und ich schaute ihm dabei belustigt vom Tisch aus zu und dachte darüber nach, wie süß Tae doch war. Süß. Das ist er wirklich. Er sieht extrem gut aus und ist dazu auch noch so putzig. Wie geht das überhaupt? Naja, mittlerweile habe ich sowieso das Gefühl, dass Tae alles kann. Er kann singen, tanzen, gut aussehen, süß sein, charmant sein, wie ein Engel aussehen und sich auch so anhören und gute Laune verbreiten. Was ist Tae? Kann so ein wunderbares Wesen überhaupt von dieser Erde sein? Naja, soweit ich weiß, nennen ihn einige seiner Fans ja auch „Alien". Vielleicht haben sie damit ja irgendwie recht...

    Hey Leute!
    Danke für 800 Aufrufe und auch euer Feedback! Das freut mich wirklich sehr und motiviert mich natürlich noch einmal! Über weitere Motivation in Form von Bewertungen, Kommentaren oder auch einem „Gefällt mir“ würde ich mich natürlich noch mehr freuen.
    Aber danke noch einmal an wirklich alle, die sich meine FF durchlesen!^^
    LG Emily W.

    28
    Schnell kämmte Tae mir das Haar, während wir schon Stimmen auf dem Flur hörten. Die Gefangenen sollten sich versammeln, um, von den Entführern geführt, zur ersten Tanzstunde gebracht zu werden. Noch war niemand bei uns gewesen, doch wir wussten, dass sie jeden Moment kommen würden und sie wollten, dass wir gut aussehen und tatsächlich wollte ich auch von mir aus gut aussehen. Schließlich kam ich nach mehreren Tage endlich wieder vernünftig unter Menschen und da wollte ich nicht wie der größte Penner wirken. Hektisch kämmte Tae also noch schnell zu Ende, bevor ich mich zu ihm umdrehte und ihm schnell einen Fussel aus seinen schwarzen Lockchen frimelte. Zufrieden lächelte ich ihn nun an, während er ebenso zurückgrinste.
    Nun kam auch, wie erwartet, jemand rein und brummte:„So, seid ihr bereit?" Knapp nickte ich und wir gingen direkt zu dem Bediensteten. Dieser packte uns schnell Fesseln an die Handgelenke und wir wurden wieder als Karawane aus Gefangenen durch das Gebäude geführt.
    Wieder standen wir vor den großen Toren des gigantischen Saals. Und schon wenige Sekunden später standen wir sogar schon direkt darin. Die Fesseln wurden uns nun dankenswerterweise auch wieder abgenommen und alle Türen verschlossen, als auch jeweils von zwei Wachen besiedelt. Die 20 Gefangenen standen nun teils vorfreudig und teils lustlos da und warteten darauf, dass etwas passierte.
    Die Zeit, in der noch nichts passierte, nutzten Tae und ich natürlich wieder sofort, um uns zu unterhalten. Schnell stellten wir uns erst zu Federica und Akiko, unterhielten uns kurz mit ihnen und gingen dann weiter zu Karolin, Juan und Malou. Die drei unterhielten sich schon ganz gut und wenn ich mich so umsah, bemerkte ich, dass sich noch mehr kleine Gruppen gebildet hatten. Viele standen jedoch auch alleine.
    Ich konnte drei Grüppchen erkennen. Die erste bestand aus Federica und Akiko, die zweite aus Karolin, Juan und Malou und die dritte Gruppe bestand aus Leuten, die ich nicht kannte. Doch ich wusste, dass sie mir nicht sympathisch waren. Es waren die finsteren Gestalten, wie ich sie gerne nannte. Man merkte sofort, dass diese Gruppe bereits eine Art Anführer gefunden hatte. Es war ein großer, dürrer Mann, dessen Haut so blass war, als hätte sie noch nie das Sonnenlicht gesehen. Sein Haar war kurz und aschblond und ließ sein Gesicht irgendwie noch finsterer aussehen. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und waren eisblau. Seine Nase lag spitz und schmal zwischen ihnen. Seine Wangen waren eingefallen und seine Lippen sehr schmal. Die ganze Zeit blieben sie unbewegt, emotionslos. Diese ganze Gestalt wirkte schon schrecklich emotionslos und finster, wie sie da stand und alle aus kalten Augen schweigend beobachtete.
    In seiner Begleitung war ein blondes Mädchen, die sehr hochnäsig wirkte. Ihr Haar war vollkommen glatt und reichte bis knapp unter ihre Brust. Ihre Nase war spitz und verlieh ihren blauen Augen irgendwie einen zickigen Blick. Ihre schmalen Lippen kräuselten sich zu einem gehässigen Lächeln, während sie herrisch auf alle anderen herabblickte.
    Zudem gehörte ein mittelgroßer, muskulöser Mann zu der Truppe. Irgendwie wirkte er dumm, aber gefährlich. Er hatte seine Arme verschränkt und ein dunkler Dreitagebart zierte sein markantes Gesicht. Seine Augen waren dunkel und wirkten wütend.
    Der letzte im Bunde war ein recht großer Mann mit normaler Statur. Sein schwarzes Haar hing strähnig und ungepflegt wirkend in sein finsteres Gesicht. Seine dunklen Augenbrauen waren brummig nach unten verzogen und ließen seine dunklen Augen noch tiefer in ihren Augenhöhlen verschwinden, sodass sich Schatten über sie legten. Darunter hingen tiefe, lila Augenringe, welche ihn sehr krank wirken ließen. Sein schmales Gesicht wurde von einer langen, geraden Nase geziert und seine Lippen waren minimal nach oben verzogen, als würde er lächeln. An seinem markanten Kinn machten sich vereinzelte Bartstoppeln das Leben schön. Die Haut des düsteren Gesellen war hell, bleich. Sein Erscheinungsbild war krank, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Schweigend starrte er einfach in die Runde.
    Beunruhigt wandte ich meinen Blick von der seltsamen Truppe ab.
    Stattdessen blickte ich nun durch den Rest der Gefangenen. Sie standen alleine und verklemmt am Rand.
    Mein Blick blieb an einem dürren Mädchen hängen. Sie war noch recht jung, vielleicht 12 Jahre alt. Sie hatte ein rundes, hübsches Gesicht mit großen, braunen Augen. Ihr Haar war lang und dunkel. Ihre Haut war gebräunt. Das Mädchen schien sehr unsicher und schüchtern, aber eigentlich nicht unbedingt ängstlich. Irgendwo her meinte ich, dieses Gesicht zu kennen, doch ich kam nicht darauf, an wen das Mädchen mich erinnerte.
    Plötzlich öffnete sich eines der großen Tore und drei mir bekannte, gutaussehende Männer betraten den Saal.
    „Hobi, Kookie und Jimin", flüsterte Taehyung plötzlich neben mir und lächelte fröhlich, drei seiner Bandmitglieder wiederzusehen. Leise flüsterte ich ihm lächelnd zu:„Unsere Tanzlehrer sind eingetroffen."

    29
    Grinsend blickte Tae mich freudig an und dann wieder zu den drei Bandmitgliedern.
    Nun erblickten Hobi, Jimin und Jungkook auch uns und nickten uns knapp, grinsend, zu. Selbstsicher schritten die drei gutaussehenden Männer nun in die Mitte, zwischen all die Gefangenen. Hobi erhob nun laut seine Stimme in einem eher brüchigem, wie man es von den meisten BTS-Mitgliedern schon kannte, Englisch:„Hi. Wir drei", dabei zeigte er auf sich und die anderen zwei „sind eure Tanzlehrer. Denn wie ihr wisst, möchte Hisoka mit euch einen Ball veranstalten." Jimin fragte nun:„Habt ihr alle einen Tanzpartner? Wer nicht, soll einfach eben hier hinkommen, der bekommt jemanden zugeteilt." Tatsächlich kam jedoch niemand in die Mitte und Hobi fuhr fort:„Gut, dann stellt euch erstmal mit eurem Tanzpartner auf und dann bringen wir euch die Grundschritte bei."
    Wie gesagt, so getan. Tae zog mich sanft am Ärmel zur Seite, damit man erkennen konnte, dass wir zusammen tanzten.
    Plötzlich sahen wir, wie Jungkook Tae anblickte und bedeutungsvoll mit den Augenbrauen zuckte, dann auf mich zeigte und einen Kussmund machte. Ärgerlich blickte Tae nun zurück und schüttelte strikt seinen Kopf, während sich Jungkook, weit entfernt von uns, neben Jimin, kaputtlachte.
    Leise fragte ich Tae nun etwas verunsichert:„Was meinte Jungkook?" Immer noch grantig guckend, erklärte Tae mir leise:„Er meint, ich wäre in dich verliebt oder so. Nur, weil wir zusammen tanzen..."
    Beinahe etwas enttäuscht nickte ich stumm. So, wie Tae sich anhört, scheint er wohl nichts für mich zu empfinden. Aber das ist OK. Was habe ich denn überhaupt gedacht? Dachte ich wirklich, er hätte sich vielleicht auch in mich verliebt? Ich bin wirklich naiv... Er sieht in mir nur eine Art Zimmergenossin, mit der er sich ganz gut versteht. Er ist einfach nur charmant. Er fühlt nicht mehr für mich...
    Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als Taehyung meine Hand berührte, mich direkt anblickte und etwas verlegen lächelnd meinte:„Wir sollen in die Grundstellung gehen. Kookie und Jimin haben sie gerade gezeigt. Hast du nicht zugehört?" Verlegen guckte ich ihn an und tat einfach so, als hätte ich zugehört. Schnell legte ich meine Hand auf seine Schulter, während er seine an meine Taille legte. Etwas zuckte ich bei dieser Berührung zusammen.
    Nun versuchte ich auch, mich ein wenig mehr auf Jimins Anweisungen zu konzentrieren. Er und Kookie zeigten nun die Grundschritte, während Hobi umherlief und schaute, ob es alle richtig machten.
    Aufrichtig sah ich ihm dabei nach, mal wieder abgelenkt, und sah nun, dass er vor Karolin und Juan stehenblieb. Karolin stand unsicher und augenscheinlich komplett überfordert da. Sie war wohl nicht so die Tänzerin.
    Kurzerhand löste Hobi nun Juan ab und zeigte Karolin so nun schnell, wie sie zu tanzen hatte. Nach dem kurzen Tanz und einer vor Scham knallroten Karolin, ging Hobi grinsend weiter und gab noch schnell einigen anderen eine Hilfestellung.
    Ich konzentrierte mich mittlerweile mehr darauf, dass ich Tae nicht auf die Füße trat. Dabei starrte ich also fast die ganze Zeit auf den Boden.
    Doch auf einmal ließ Tae kurz meine Taille los, um mit seinem Finger mein Kinn etwas anzuheben. Somit war ich gezwungen, ihm direkt ins Gesicht zu schauen. Grinsend blickte er mir nun direkt in die Augen, legte seine Hand wieder auf meine Taille und erklärte sein vorheriges Handeln schmunzelnd:„Du musst beim Tanzen nach oben gucken. Alles andere sieht doof aus." Verlegen lächelte ich und blickte Tae zurück an. Seine Augen funkelten belustigt und seine Lippen verzogen sich zu einem hübschen Lächeln.
    Wie gebannt starrten wir uns beide gegenseitig an, während wir langsamen Walzer tanzten. Plötzlich schrak ich zusammen und hörte abrupt auf zu tanzen, als ich meinen Namen hörte. Kookie stand neben uns und meinte gleichzeitig verärgert und belustigt:„Der Tanz ist zu Ende. Schon seit einer halben Minute oder so. Habt ihr gar nicht mitbekommen, hm? Ihr wart zu sehr damit beschäftigt, euch anzugaffen." Nun kam Jimin dazu und grinste:„Weitere 10 Sekunden und die zwei hätten sich geknutscht!"
    Taehyung, welcher etwas verlegen neben mir stand, boxte Jimin nach seiner Aussage am Arm und blickte ihn finster an. Doch, statt wütend über den Boxer zu werden, brach Jimin nun in Gelächter aus und auch Kookie kicherte neben ihm.
    Plötzlich bemerkte ich auch, wie uns alle anderen Gefangenen angafften und ich lief knallrot an. Nur Karolin lächelte mich verständnisvoll an. Federica hingegen grinste breit und aus Akikos Gesicht war nur ein mildes Lächeln abzulesen.
    Jetzt fuhren wir jedoch mit dem nächsten Tanz fort und Hobi erklärte vorne wieder. Als sich herausstellte, dass noch recht viele Unsicherheiten da waren, ging Hobi seufzend durch die Reihen, auf der Suche nach einer Tanzpartnerin. Nicht mal zu meiner Überraschung, blieb er vor Karolin stehen, zog sie am Arm mit sich in die Mitte und grinste sie breit an. Karolin hingegen sah eher gequält und peinlich berührt aus, lächelte aber auch milde. Hobi zog sie nun in die Grundstellung und fing dann einfach an, zu tanzen. Karolin brachte er somit währenddessen die Schritte bei und er erklärte währenddessen noch laut für alle anderen.
    Auf einmal beugte sich Tae zu mir rüber, grinste mich an und flüsterte amüsiert:„Scheint so, als würde Hobi Karolin echt gerne mögen. Vielleicht hat er sich in sie verliebt." Belustigt schüttelte ich den Kopf und erwiderte skeptisch:„Tae, Karolin ist 15 Jahre alt und er ist schon 26. Meinst du wirklich, er verliebt sich in ein Mädchen, dass 11 Jahre jünger ist als er? Wahrscheinlich hat er sie genommen, weil er sie schon kennt." Stur schüttelte Tae daraufhin den Kopf und bestand darauf:„Ich sag, er hat sich verliebt."
    Wissend, dass Tae dies nur behauptete, um sich sozusagen dafür zu rächen, dass die Jungs meinten, er sei in mich verliebt, schüttelte ich belustigt den Kopf vor mich hin.
    Die Tanzstunde ging noch etwa 2 Stunden lang, bis sie endlich aufhörte.
    Durchaus angestrengt davon, dass wir so viel getanzt hatten, stützte ich mich etwas an Taes Schulter.
    Karolin, Juan, Malou, Federica und Akiko, hingegen, stellten sich wieder zusammen und unterhielten sich kurz.
    Zu uns kamen jetzt Hobi, Jimin und Kookie. Grinsend kamen sie bei uns an und Kookie neckte Tae sofort wieder:„Na, schön getanzt?" Wütend schaute Tae nur zurück und ich meinte schnell:„Ihr drei seid echt gute Tanzlehrer." Dankbar lächelte mich Hobi an und meinte:„Dabei sind klassische Tänze gar nicht so unseres. Wir haben uns einfach auf YouTube schnell zu allem ein Erklärvideo angeguckt und dann konnten wir es schon ganz gut." Tae meinte nun auf einmal:„Ich bin echt froh, euch mal wiederzusehen. Wie geht's euch denn eigentlich so? Alles in Butter?" Knapp nickte Jimin daraufhin und meinte:„Ja, alles ganz gut. Unsere Zimmer sind recht angenehm und wir haben immer mal was zu tun. Gelegentlich treffen wir auch mal den Rest. Die sind auch gut zufrieden.
    Aber wie ist es mit euch? Wir haben gehört, ihr habt Naturkräfte bekommen? Wie ist es damit so?" Tae erzählte begeistert:„Mit meiner Kraft hab ich mich schon gut angefreundet. Es hat sich nicht allzu viel verändert. Abgesehen davon, dass ich das Wasser schweben lassen kann. Aber bei (d/n) ist es echt nervig. Jedes Mal, wenn sie Wasser berührt, gefriert es zu Eis. Jetzt müssen wir uns jedes Mal zusammen die Hände waschen, denn ich kann das Wasser gleichzeitig zurück zum Wasser wandeln." Verwirrt fragte Kookie nun:„Müsst ihr dann nicht auch zusammen duschen?" Knapp nickte Tae einfach, während Jimin, der gerade etwas getrunken hatte, das Wasser wieder ausspuckte und stattdessen anfing, zu lachen. Wütend guckte Tae seine belustigten Freunde an und fauchte:„Hört auf jetzt, zu lachen. Wir haben uns extra nicht angeguckt!" Nun lachten die drei jedoch noch mehr und ich blickte beschämt auf den Boden. Hobi merkte meine Unsicherheit jetzt jedoch und befahl ernst:„OK, jetzt hört auf, zu lachen. So lustig ist es nicht." Dankbar schaute ich Hobi an, während die beiden anderen Jungs sich nun auch wieder fingen.
    Plötzlich öffneten sich jedoch wieder die Tore und die anderen Entführer kamen wieder dazu. Einer rief nun laut:„Kommt zusammen! Die Tanzstunde ist zu Ende!"
    Etwas enttäuscht blickte ich zu dem großen Mann, zu dem wir kommen sollten, während Jimin nun meinte:„Keine Sorge, morgen ist schon die nächste Tanzstunde."
    Leicht lächelte ich nun, nahm Tae an der Hand und meinte:„OK, lass uns jetzt besser gehen. Sonst bekommen wir nur wieder Anschiss..."
    Schnell verabschiedeten wir uns nun noch bei den dreien und gingen dann zu den Männern. Doch im Hintergrund hörte ich noch das Kichern der drei Jungs.
    Sie denken echt, zwischen Tae und mir wäre etwas. Aber das ist es nicht. Leider...

    30
    Das Mondlicht sickerte trübe durch die Fensterritzen und tauchte den sonst so dunklen Raum in ein milchiges Licht. Es war still. Nahezu lautlos.
    Ruhig atmend lag ich noch wach in dem Bett. Mein Blick galt der Person, die so seelenruhig neben mir schlief.
    Taehyung lag schlafend neben mir, während ich einfach nicht schlafen konnte. Mir gingen zu viele Gedanken durch den Kopf. Warum habe gerade ich diese Veranlagung, diese Kraft des Frostes auszuführen? Warum passiert das alles? Und warum möchte Hisoka dann einen Ball mit uns veranstalten? Hisoka. Er scheint sowieso nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. Er entführt 20 Leute aus alles Welt, um ihnen diese Kräfte zu verleihen, hält sie unter nicht gerade guten Bedingungen gefangen und möchte dann mit ihnen einen Ball veranstalten, um damit einzuweihen, dass wir nun unsere Kräfte trainieren? Das ist doch krank...
    Dieser Mann sagte, dass wir unsere Kräfte trainieren würden, aber er sagte uns nicht, in wie fern. Wieso nicht? Hat es vielleicht mehr damit auf sich, als ich vielleicht dachte? Warum sonst sollte er es uns jetzt noch nicht erzählen?

    Leise seufzte ich und schaute dann einmal auf meine Hände. Sie waren zittrig und in ihren Spitzen leicht bläulich. Das waren sie, seitdem ich diese Kraft bekam.
    Traurig seufzte ich einmal leise und flüsterte zu mir selbst:„Ich will diese Kraft nicht beherrschen können..."
    Nun blickte ich wieder Tae an. Er schlief nach wie vor friedvoll und sah dabei mal wieder aus wie ein Engel. So wunderschön und perfekt. Für einen Moment verspürte ich den Drang, mit meinen Lippen seine zu berühren, doch schnell schüttelte ich diesen Gedanken wieder ab und drehte mich von Tae weg, um seinen schönen Anblick nicht weiter standhalten zu müssen.
    Warum muss ich mich gerade in ihn verlieben? Er ist ein Idol. In der ganzen Welt bekannt und von fast allen geliebt. Und dann komme ich. Die kleine, naive (d/n), die sich etwas darauf einbildet, dass sie als hübsch betitelt wurde. Das ist lächerlich. Ich bin lächerlich. Tae ist einfach nur charmant. In mich sieht er nicht mehr als seine Zimmergenossin, die ohne ihn nicht mal die Hände waschen kann.
    Ich will diese Kraft nicht... Sie bringt nichts als Ärger.

    Traurig lag ich einfach da und zu meiner Verwunderung verließ eine Träne plötzlich mein Auge. Ich weinte. Doch nicht etwa, weil ich meine Familie vermisste, sondern, weil ich mich verliebt hatte und zu wissen glaubte, dass er mich nicht liebte.
    Ich weinte weiter, stumm und irgendwann schlief ich ein.
    Der nächste Morgen brach an und ich schlief noch ganz friedlich. Doch plötzlich spürte ich einen Wind in meinem Gesicht. Murrend zuckte ich einmal zusammen und versuchte einfach, weiterzuschlafen. Doch wieder spürte ich diesen Wind und plötzlich auch ein leises Kichern. Müde öffnete ich meine Augen und blickte in das belustigte Gesicht von Tae. Er pustete mir ins Gesicht und hatte mich somit aus dem Schlaf gerissen.
    Beleidigt schaute ich ihn nur kurz an und schloss meine Augen wieder. Über meinen Kopf zog ich das Kissen.
    Belustigt hörte ich Tae neben mir lachen:„(d/n), steh auf! Mir ist langweilig und das Frühstück ist noch nicht da." Schlecht gelaunt murrte ich:„Dann langweile dich ohne mich!" Sich veräppelt fühlend sprach Tae nun wieder:„(d/n), das ist gemein. Bitte steh auf!" Jedoch dachte ich gar nicht erst dran und schlief einfach weiter.
    Plötzlich hörte ich Tae leise lachen und spürte auf einmal ein Gewicht auf meinem Rücken. Tae hatte sich einfach auf meinen Rücken gelegt.
    Murrend murmelte ich jetzt:„Geh runter! Du bist schwer." Doch anstatt, dass er runter ging, lachte er nur triumphierend:„Ich weiß. Ich geh aber erst runter, wenn du mir versprichst, dass du dann aufstehst!" Stur meinte ich einfach:„Nö", und schlief einfach weiter, egal, dass Tae auf mir lag. Nun rollte er jedoch wieder runter, hob das Kissen, unter dem ich meinen Kopf versteckt hatte, hoch und grinste mich an. Böse schaute ich verschlafen zurück, konnte mich dann aber nicht mehr zusammenreißen und lächelte belustigt. Triumphierend rief Tae nun:„Ha! Du bist wach, also kannst du jetzt auch aufstehen!" Müde seufzte ich als Einwand:„Ich bin aber trotzdem noch müde, also lass mich schlafen." Gleichzeitig zog ich mir das Kissen wieder über den Kopf.
    Daraufhin hörte ich Tae jedoch nur kichern und ich spürte über die Federung der Matratze, dass er aufstand. Friedvoll lächelte ich erst, doch plötzlich spürte ich, wie Taehyung seine Hände unter meinen Rücken und meine Beine schob und mich einfach hochhob. Nun trug er mich auf seinen Armen durch das Zimmer, während ich ihn beleidigt anblickte und murrte:„Tae, lass mich jetzt runter!" Doch Tae dachte gar nicht daran und trug mich weiter umher. Mittlerweile breit grinsend schaute ich ihn nun an und jammerte nur wie ein Kind:„Lass mich runter! Du brichst dir noch den Rücken!"
    Daraufhin grinste Tae und zog kurz seine Hände weg, sodass ich dachte, er würde mich fallen lassen. Panisch klammerte ich mich nun also an seinen Hals, während er köstlich amüsiert lachte. Böse schaute ich ihn daraufhin einfach an und fauchte:„Was soll das?" Immer noch belustigt schaute er mich an und meinte auf einmal:„Du bist echt süß, wenn du böse auf mich bist!" Erst etwas verwirrt, aber dann wieder einfach nur beleidigt, kämpfte ich mich aus seinen Armen, sodass ich wieder selbstständig stand und murrte:„Such dir ein anderes Opfer!"
    Beleidigt trottete ich dann ins Bad und bürstete mir erstmal die Haare.
    Plötzlich kam jedoch Tae ins Bad, grinste mich schelmisch an und kam dann auf mich zu. Belustigt umarmte er mich dann und meinte:„Ach (d/n), sei doch nicht so! Ich will dich doch nur ein bisschen ärgern!" Stumpf antwortete ich:„Ja, dann lass das. Ich bin weder deine Schwester, noch deine Freundin, also hast du auch kein Recht darauf, mich so zu behandeln."
    Daraufhin schob Tae gespielt beleidigt und traurig seine Unterlippe vor und murmelte:„Tut mir leid, OK? Aber du bist meine Kumpeline! Und als dein Kumpel, darf ich das! Oder nicht?"
    Belustigt grinste ich den gespielt traurigen Tae an und lachte nun:„Ja, wir sind Kumpels, aber wenn ich müde bin, werde ich ungemütlich! Also solltest du mich dann besser in Frieden lassen!" Nun wieder belustigt grinste Tae, der mich immer noch freundschaftlich umarmte, an und meinte:„Na gut. Aber jetzt bist du ja eh schon wach."
    Grinsend schaute ich ihn nun an. Seine Augen funkelten belustigt und sein Lächeln war wunderschön. Durch die Umarmung war sein Gesicht nicht weit von meinem entfernt. Und für einen Moment lehnte ich mich langsam vor und ich bildete mir ein, dass Tae mir auch von sich aus näher kam, doch plötzlich hörten wir eine laute Stimme in unserem Raum und wir schraken gleichzeitig auf.
    Verlegen lächelte ich ihn kurz schief an und ging dann schnellen Schrittes in den Raum, aus dem Bad heraus. Komplett verwirrt war ich nun, immer noch nicht realisieren könnend, dass Tae und ich uns gerade fast geküsst hätten.
    Und ich war mir nicht mal sicher, ob ich es mir vielleicht nur eingebildet habe, dass er auch näher kam. Aber da es sowieso nicht zu einem Kuss kam, wollte ich mich auch nicht weiter damit beschäftigen, sondern schaute nach, wer dort in das Zimmer kam.

    31
    Immer noch beschämt und komplett verwirrt schaute ich also nach, wer da in unser Zimmer kam. Es war Lorenzo, der uns das Essen brachte. Der schmächtige Junge lächelte mich verlegen an und begrüßte mich knapp:„Hey, (d/n). Ist dein Zimmergenosse im Bad? Ich habe mich gewundert, wo ihr beide seid." Schnell stammelte ich:„Ähm, ja. Taehyung ist noch im Bad. Wir hatten uns dort etwas unterhalten." Knapp nickte der brasilianische Junge kurz und meinte dann:„OK. ich hab euch das Essen schon auf den Tisch gestellt. Irgendwann nachher werdet ihr auch wieder zum Tanzen gebracht."
    Gerade wollte ich antworten, da kam Tae plötzlich auch wieder dazu und grüßte gut gelaunt:„Hi! Wie geht's dir, Lorenzo?" Gut gelaunt erwiderte Lorenzo nun:„Mir geht's soweit ganz gut. Und dir?" Knapp antwortete Tae nun:„Auch ganz gut. Danke für das Essen übrigens." Daraufhin nickte Lorenzo nur knapp und verließ dann wieder unser Zimmer, aber nicht, ohne vorher abzuschließen.
    Tae und ich saßen nun gemeinsam am Tisch und kauten auf unserem, wie immer, magerem Essen. Ich starrte schweigend auf den Tisch und dachte über die Situation im Badezimmer nach. Es war seltsam gewesen, wie wir uns auf einmal so nahe kamen und es brachte mich stark zum Nachdenken. Tae hingegen schien so sorglos und gut drauf zu sein, wie immer, dass ich dachte, ich hätte mir das Ganze nur eingebildet. Wahrscheinlich ist einfach meine Fantasie mit mir durchgegangen und wir sind uns gar nicht so nahe gekommen, wie es mir vorkam. Vielleicht war es nur Einbildung...
    Auf einmal riss Tae mich aus meinen Gedanken, indem er gut gelaunt durch sein Essen nuschelte:„Ich mag Lorenzo. Er ist echt nett. Irgendwie so menschlich im Gegensatz zu all den anderen Leuten, die hier arbeiten und nicht entführt wurden." Stumm nickte ich nur nachdenklich, mit den Gedanken eigentlich noch dabei, was im Bad passiert ist. Und da sollten meine Gedanken wohl auch den restlichen Tag bleiben.
    Einige Stunden nach dem Essen wurden wir auf jeden Fall wieder alle in den großen Saal zum Tanzen gebracht.
    Die Tanzstunde lief tatsächlich nicht viel anders, als die erste. Uns wurden die Tänze von Hobi, Jimin und Kookie gezeigt und zwischendurch wurden wir immer mal korrigiert in unserer Art zu tanzen. Den Blickkontakt mit meinem Tanzpartner, Tae, vermied ich jedoch, denn es machte mich unfassbar nervös, sein schönes Gesicht zu erblicken. Stattdessen schaute ich die meiste Zeit, während des Tanzens, einfach den anderen zu.
    Es war durchaus spannend, die anderen anzuschauen. Man lernte sie so langsam kennen und konnte an ihrer Gestik und Mimik erkennen, was für Leute sie wohl waren. So konnte ich gleich drei oder vier Leute erkennen, die ich als sozial unbegabt und finster beschreiben würde. Allerdings sah ich auch viele fröhliche Gesichter. Malou, Akiko und Federica gehörten dazu. Juan schien einfach nur ruhig und zufrieden, während Karolin, zum Beispiel, meist sehr ernst guckte, aber zwischendurch auch immer mal lächelte. Die Situation des Tanzens und der vielen unbekannten Menschen schien sie etwas zu stressen, doch sie blieb stets gut gelaunt und höflich. Federica war da schon irgendwie anders. Sie war die ganze Zeit gut drauf und quasselte ihren Tanzpartner voll. Sie war etwas hyperaktiv und lachte die ganze Zeit. Sie war mir sehr sympathisch und man konnte gut mit ihr kramen. Auch Akiko mochte ich sehr gerne. Sie lächelte stets und war höflich, auch, wenn sie nicht gerade viel sagte. Sie hielt sich lieber etwas zurück. Malou und Juan waren beide eher so, dass sie zwar die ganze Zeit gut drauf waren, aber dennoch eher ruhig.
    Jedoch blieb mein Blick immer wieder an diesem einen Mädchen hingen, dass ich schon am Vortag gesehen hatte. Das junge Mädchen, das so schweigsam war und mich an jemanden erinnerte und ich einfach nicht wusste, an wen. Und irgendwie ließ mich auch die Frage nicht los, an wen sie mich erinnerte.
    Nach vielen Stunden Tanzen unterhielten wir uns schließlich alle wieder miteinander.
    Juan, Karolin, Malou, Akiko und Federica schienen mittlerweile eine Art feste Gruppe gebildet zu haben. Ebenso wie die finsteren Gestalten, die sich jedoch einfach nur anschwiegen.
    Tae und ich standen mal wieder bei den drei Jungs, Jimin, Hobi und Kookie. Gut gelaunt unterhielten sich die Jungs, während ich abgelenkt zu dem Mädchen spähte, das alleine am Rand stand und sich etwas schüchtern umblickte. Nach wie vor, fiel mir einfach nicht ein, an wen sie mich erinnerte.
    Nach einer geraumen Zeit zog ich Tae einmal kurz am Ärmel und murmelte:„Ich geh mal kurz da vorne rüber. Ich bin sofort wieder da."
    So ging ich sicheren Schrittes auf das Mädchen zu und blieb schließlich lächelnd vor ihr stehen. Etwas verwirrt lächelte sie mich zurück an und ich stellte mich kurzerhand auf Englisch vor:„Hallo, ich bin (d/n). Wer bist du?" Unsicher lächelte das Mädchen und erzählte leise:„Hallo, ich heiße Lívia. Ähm, ich komme aus Brasilien. Woher kommst du?" In dem Moment schoss es mir in den Sinn. Brasilien! Sie erinnert mich an Lorenzo, natürlich! Freudig, dass es mir jetzt eingefallen war, erwiderte ich:„Ich komme aus Deutschland." Vorsichtig fügte ich nun hinzu:„Kennst du vielleicht einen Lorenzo?" Lächelnd erwiderte Lívia:„Du meinst sicher den, der uns immer das Essen bringt, oder?" Heftig nickte ich und fragte nun:„Du siehst ihm recht ähnlich, weißt du das? Seid ihr vielleicht verwandt oder so?" Daraufhin schmunzelte das Mädchen:„Ja, er ist mein Bruder." Irgendwie überrascht und irgendwie auch nicht, nickte ich und fragte neugierig:„Wie kommt es, dass ihr beide hier seid?" Zögernd schaute Lívia mich an und meinte:„Naja, ich hab eben eine Kraft bekommen, Nebel. Und Lorenzo arbeitet hier." Irgendwie verwirrt nickte ich nur und meinte dann:„Ich gehe jetzt wieder zurück zu meinen Kumpeln. Möchtest du mitkommen?" Direkt lehnte das Mädchen ab:„Nein, danke. Ich bleibe lieber hier..." Verständnisvoll nickte ich nur knapp und ging dann wieder wortlos zu Tae und den Jungs.
    Warum arbeitet Lorenzo hier? Ist es wirklich so, dass er Geld braucht? Wenn ja, warum ist seine Schwester dann als Gefangene hier? Oder ist er vielleicht deswegen hier, weil er seine Schwester nicht alleine lassen wollte?
    Plötzlich stubste Tae mich an und holte mich somit zurück in die Realität. Lächelnd fragte er mich:„Was hast du bei dem Mädchen gemacht?" Knapp erwiderte ich noch etwas verwirrt:„Naja, sie hat mich an jemanden erinnert und ich wusste nicht, an wen. Deswegen bin ich zu ihr gegangen, um es in Erfahrung zu bringen. Sie ist die Schwester von Lorenzo."
    Verwundert fragte Tae jetzt:„Lorenzo? Warum sind sie denn beide hier? Ich dachte, Lorenzo arbeitet hier." Nachdenklich nickte ich nur und meinte:„Das habe ich mich nämlich auch schon gefragt..."

    32
    In dem Moment endete die Tanzstunde. Wir verabschiedeten uns nur noch schnell von den Jungs, bevor wir wieder auf unsere Zimmer gesperrt wurden.
    Dort saß ich nun auf dem Stuhl, vor dem Fenster und blickte verträumt heraus. Die großen Bäume standen herrschaftlich dort und die Vögel krächzten laut. Ich dachte über Lívia und Lorenzo nach. Warum sind sie gemeinsam hier? Wer war ursprünglich hier? War erst Lorenzo hier zum Arbeiten, wie er es gesagt hat und hat seine Schwester sozusagen ausgehändigt oder ist er erst hergekommen, als sie seine Schwester mitnahmen?
    Leise seufzte ich, woraufhin Tae aus der anderen Ecke des Zimmers fragte:„Worüber denkst du nach, (d/n)?" Ehrlich antwortete ich ihm und er erwiderte nachdenklich:„Ist doch eigentlich egal, wer eher hier war. Ansonsten können wir Lorenzo auch einfach fragen." Zustimmend nickte ich wortlos und erinnerte mich plötzlich wieder an das Geschehen am Morgen im Bad. Noch immer wusste ich nicht, ob er mir letztendlich auch so nah gekommen war oder, ob vielleicht auch einfach alles Einbildung gewesen war. Unwissend blickte ich einfach aus dem Fenster, in der Hoffnung, dort etwas Spannenderes zu finden, sodass ich mich von dem Gedanken an Tae ablenken konnte.
    Doch plötzlich hörte ich Tae lachen und drehte mich langsam um, um nachzusehen, was er da machte. Er lag im Bett und schaute mich erwartungsvoll an. Verwirrt zog ich eine Augenbraue hoch, doch Tae lachte noch stärker. Nun fiel mir auf, dass er seinen Zeigefinger erhoben hatte und ich konnte mir denken, was er dort tat - er wandte seine Kraft an. Mich veräppelt fühlend, wagte ich einen Blick über mich und sah eine Kugel aus Wasser, die über mir schwebte. Ernst blickte ich Tae nun an und warnte ihn:„Mach das bloß nicht!" Doch schon ließ er seinen Finger sinken und somit fiel augenblicklich das Wasser aus der Luft, drohte auf meinen Kopf zu fallen. Doch ich streckte dem Ganzen schnell meine Hände entgegen und die Kugel aus Wasser wurde zu Schnee. Nun hatte ich einen Schneeball in der Hand.
    Triumphierend grinste ich Tae an, der nun ebenso grinste, sein Urteil schon kennend. Denn kurzerhand schmiss ich den Schneeball nach ihm. Kurz zuckte Tae vor Kälte zusammen, als der Schneeball ihn traf. Doch dann grinste er mich frech an und meinte:„Ich wusste gar nicht, dass du daraus auch Schnee lassen werden kannst." Schulterzuckend antwortete ich einfach:„Scheinbar schon."
    Nun stand ich auf, trottete etwas näher zu Tae und meinte mit einem leichten Lächeln auf den Lippen:„Aber jetzt hörst du auf, ja? Sonst haben wir nachher den ganzen Raum unter Wasser stehen." Gehorchend nickte Tae und grinste mich an.
    Plötzlich murmelte er grinsend:„Mir ist langweilig. Wollen wir zusammen etwas spielen oder irgendetwas zusammen machen?" Belustigt zuckte ich mit den Schultern und meinte:„Meinetwegen können wir etwas zusammen machen. Was willst du denn tun?" Kurz überlegte Tae nun und schlug dann vor:„Wir könnten zusammen tanzen." Verwirrt lächelnd fragte ich:„Tanzen?" Tae nickte nur kurz:„Ja, entweder können wir noch einmal die klassischen Tänze üben oder ich bringe dir ne Choreo von uns bei." Lachend meinte ich:„Na gut. Such du aus, was du lieber machen möchtest." Begeistert sprang Tae daraufhin vom Bett auf und brabbelte direkt drauf los:„Super! Wir können ja beides machen. Wenn ich dir die Choreografie beibringe, kannst du später mit uns tanzen, falls wir hier jemals wieder rauskommen." Kurz dachte ich darüber nach. Falls... Ja, falls wir hier jemals rauskommen sollten... Momentan bin ich mir noch nicht so sicher, ob wir hier noch rauskommen...
    Doch bevor ich weiter nachdenken konnte, zog Tae mich am Arm begeistert etwas weiter in die Mitte des Raums und überlegte, was er mir beibringen wolle. Schließlich entschied er sich dazu, mir den Tanz von „ON" beizubringen.
    Nach einer halben Stunde des Tanzens gab ich es jedoch auf und murmelte verlegen:„Ich glaube, Choreos sind nichts für mich. Das ist zu kompliziert für mich. Ich kann mir die Schritte einfach nicht merken. Weiß der Geier, wie du das machst." Belustigt grinste mich Tae an, zog mich plötzlich am Arm in die Grundstellung für den langsamen Walzer und murmelte, während er mir tief in die Augen schaute:„Macht nichts, (d/n). Dann tanzen wir halt klassisch." Und schon fing er an, zu tanzen und ich folgte belustigt seinen Schritten.
    Er grinste mich an und blickte mir direkt ins Gesicht, was mich wirklich sehr nervös machte. Verlegen lächelte ich schief zurück, woraufhin Tae leise lachte:„Du bist echt süß!" Daraufhin lief ich rot an und blickte verlegen zur Seite. Belustigt murmelte Tae:„Bin ich dir peinlich oder warum wirst du so rot?" Fast schon ein bisschen beleidigt guckte ich ihn an und versuchte, mich aus meiner Verliebtheit rauszureden:„Wer wird denn nicht rot, wenn man ein Kompliment bekommt?" Leicht lächelte Taehyung mich an und meinte:„Aber es ist die Wahrheit." Verlegen schaute ich einfach zurück, wurde dabei aber irgendwie etwas traurig. Er ist nur charmant. Er empfindet nichts für mich. Warum mache ich mir also Hoffnungen? Warum macht er mir die Hoffnungen? Leise seufzte ich nur und Tae fragte nahezu besorgt, während wir immer noch miteinander tanzten:„Alles in Ordnung, (d/n)?" Leise log ich schwach lächelnd:„Ja, alles in Ordnung. Ich bin nur traurig, dass ich nicht bei meiner Familie bin." Gewissermaßen war das sogar noch nicht mal eine Lüge. Ich vermisste meine Familie, aber das war nicht der Grund dafür, dass ich traurig war. Der Grund für meine Trauer war alleine, dass ich in Tae verliebt war und er nicht in mich. Doch damit musste ich wohl leben...

    33
    Der nächste Tag brach an und ich war bereits wach. Ich war im Bad und blickte traurig in den Spiegel. Ich vermisste meine Familie, mein gewohntes Leben und wollte einfach nicht mehr diese Kraft besitzen. Diese Kraft, Wasser gefrieren zu lassen, sobald ich es nur berührte. Ich wollte einfach nicht anders sein, diese Veranlagung nicht haben. Doch ich hatte sie und konnte wohl nichts daran ändern. Also versuchte ich einfach, diese Kraft wenigstens etwas unter Kontrolle zu bekommen. Seufzend stand ich vor dem Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf und streckte nun meinen Finger darunter, in der Hoffnung, dass einfach gar nicht passierte. Doch vergebens. Das Wasser gefror nur direkt wieder. Seufzend zog ich meinen Finger wieder weg und gaffte nur ausdruckslos auf das Eis.
    Eine Weile stand ich dort nun, berührte das Eis immer und immer wieder, doch ich bekam es einfach nicht hin, es wieder zurück zu Wasser zu wandeln. Demotiviert und enttäuscht stand ich nun also einfach nur da und versuchte, nicht zu verzweifeln.
    Nach einer Weile öffnete sich jedoch plötzlich die Tür zum Badezimmer und Tae kam zögernd herein. Als er mich erblickte, lächelte er auf seine süße Art und murmelte:„Guten Morgen. Was machst du da?" Schnell erklärte ich:„Ich versuche, das Eis zurück zu Wasser zu wandeln." Mitfühlend lächelte Tae daraufhin, denn er schien meine Verzweiflung zu spüren. Tröstend legte er seine eine Hand auf meine Schulter und mit der anderen berührte er das Eis, sodass es wieder zum Wasser wurde. Sanft lächelte er mich an und flüsterte:„Ist doch halb so wild, (d/n). Du hast mich. Und solange du es selbst nicht zurückwandeln kannst, tue ich es für dich, OK?" Leise, kaum hörbar murmelte ich:„Ja, vielleicht gehören wir einfach zusammen." Doch dies hatte Tae wohl nicht verstanden, denn er meinte auf einmal nur:„Das Frühstück kommt sicher gleich. Lass uns zurück ins Zimmer gehen, ja?" Und schon trottete Tae gut gelaunt zurück ins Zimmer. Leise seufzend blieb ich erst noch stehen, bevor ich ihm folgte.
    Wir gehören zusammen... Tun wir das wirklich? Ich brauche ihn. Zumindest habe ich das Gefühl, aber ich bin für ihn nicht wirklich wichtig. In mich sieht er nicht mehr, als eine Freundin. Und ich? Ich bin in ihn verliebt...
    Langsam folgte ich ihm nun einfach und wie gerufen kam in dem Moment auch Lorenzo mit dem Essen in das Zimmer.
    Gut gelaunt wie immer lächelte er uns an und stellte das Essen auf dem Tisch ab. In dem Moment erinnerte ich mich jedoch an Lívia und daran, dass sie sagte, Lorenzo sei ihr Bruder. Kurzerhand sprach ich den brasilianischen Jungen darauf an:„Du Lorenzo, ich habe gestern ein Mädchen kennengelernt. Sie heißt Lívia und du siehst ihr sehr ähnlich. Sie hatte uns erzählt, dass du ihr Bruder seist.“ Beinahe etwas verlegen kratzte sich Lorenzo nun am Kopf und murmelte„Ja, das bin ich...“ Interessiert fragte ich lächelnd:„Aber ich dachte, du arbeitest hier? Was macht Lívia dann als Gefangene hier?“ Plötzlich ernst guckend murmelte Lorenzo:„Naja, sie wurde von Hisoka auserwählt...“ Mehr sagte er schon gar nicht dazu und ging aus dem Zimmer heraus.
    Etwas verwirrt blickte ich Tae an, welcher ebenso überrascht schien. Leise murmelte er:„Lorenzo schien es ja recht eilig gehabt zu haben...“ Zustimmend nickte ich und sprach noch meine Gedanken laut aus:„Aber warum? Wir haben ihm doch eine ganz normale Frage gestellt. Meinst du, Lorenzo hat Lívia vielleicht hier hingebracht, weil er dafür Geld bekommen hat?“ Unwissend zuckte Tae daraufhin mit den Schultern und meinte:„Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen.“ Nachdenklich meinte ich:„Ich nämlich auch nicht... Aber es ist ja auffällig, dass er weitergehen wollte. Naja...“ Mich aus meinen Gedanken reißend sprach Tae nun:„Ist ja auch egal. Lass uns erstmal frühstücken.“ Schon ging er zum Tisch, auf dem das Essen schon stand. Schweigend folgte ich ihm und wir aßen zusammen.
    Als wir fertig waren, wollte ich gerade das leere Geschirr schon vor die Tür stellen, damit es später wieder jemand mitnehmen konnte, als sich diese gerade öffnete.
    Herein schaute nun ein grimmiger Mann mit mal wieder frischer Kleidung in der Hand. Die drückte er uns in die Hand und murrte:„Ihr müsst duschen! Geht wieder zusammen, damit du das Wasser nicht gefrierst.“ Dabei schaute er mich an.
    Irgendwie schuldbewusst nahm ich nun einfach die Kleidung entgegen, während der Mann uns wieder einschloss. Leise murmelte ich nun irgendwie traurig und verwirrt vor mich hin:„Meinst du, die schicken uns extra immer zusammen unter die Dusche und generell in ein Zimmer, weil ich sonst alles gefriere?“ Lächelnd meinte Tae:„Ist doch auch vollkommen egal. Dann haben sie sich ja immerhin ein bisschen was dabei gedacht. Und wie gesagt, ist es ja nicht schlimm, dass du es gefrieren lässt. Du bekommst es schon noch unter Kontrolle, keine Sorge.“ Dankbar lächelte ich Tae nun an und schlenderte schonmal ins Badezimmer. Tae folgte mir natürlich.
    Wie gewohnt, drehte ich mich mit meinem Gesicht zur Wand und murmelte verlegen:„Du guckst wieder weg, oder?“ Grinsend scherzte mein Zimmergenosse, in den ich mich verliebt hatte, nun:„Ne, ich gaffe dich die ganze Zeit an.“ Daraufhin schenkte ich ihm nur einen bösen Blick und er drehte sich schon lachend weg.
    Etwas beruhigt legte ich nun meine Kleidung von meinem Körper ab, Tae ebenso, doch wir schauten uns nicht an. Ich schaute ihn zumindest nicht an.
    Wie letztes Mal auch, nahmen wir uns wieder an die Hand, um nicht irgendwo gegenzulaufen und duschten dann.
    Danach zogen wir uns schnell wieder an und gingen zurück ins Zimmer.
    Dort trocknete Tae mir nun die Haare, während ich nachdenklich fragte:„Glaubst du, wir werden Hisoka wieder treffen? Schließlich mussten wir das letzte Mal wegen ihm gut aussehen.“ Tae sprach unbekümmert:„Vielleicht stinken wir auch einfach.“ Beinahe etwas besorgt fragte ich nun:„Habe ich für dich gestunken?“ Amüsiert darüber, dass ich mir Sorgen um meinen Geruch machte, lachte Tae:„Nein, du hast nicht gestunken. Du hast gut gerochen. Ich sage das nur, weil die sicherlich denken, dass wir schon müffeln. Bei mir will ich das nicht ausschließen, aber du duftest eher.“ Dankbar lächelte ich vor mich hin, während Tae weiter an meinen Haaren rumfummelte. Tae stinkt auch nicht. Er riecht so gut. Nach Erdbeeren irgendwie. Aber so frisch. Ach, keine Ahnung, wie Tae riecht. Auf jeden Fall gut.
    Schließlich, als Tae fertig damit war, mir die Haare zu trocknen, schaute ich ihn lächelnd an. Er lächelte nur zurück.
    Nun öffnete sich wieder die Tür und ein Mann kam herein. Er brummte:„Seid ihr fertig? Dann komm du mit!“ Dabei zeigte er auf Tae. Ich schaute daraufhin nur etwas besorgt und hielt Tae bereits etwas schützend am Arm fest. Jedoch bemerkte der Mann meine Sorge und vergewisserte:„In 2 Minuten kommt noch eine Frau, die dich mitnimmt. Ihr sollt nur eure Ballklamotten anprobieren.“
    Zögerlich ließ ich Taes Arm nun also los und er ging mit dem Mann fort.
    Wie versprochen kam danach jedoch auch schon eine Frau und nahm mich mit. Sie führte mich schnell in einen Raum. Dort stand ein Ständer mit einem Kleid daran. Es war ein wunderschönes Kleid. Es war hellblau und hatte einen schönen Ausschnitt, auf den Schneeflocken gestickt waren.
    Begeistert schaute ich erst das Kleid an und dann die Frau:„Und das Kleid soll ich tragen?“ Knapp nickte die Frau daraufhin und ergänzte:„Es ist noch nicht ganz fertig, aber den Feinschliff gibt es später. Du sollst es erstmal nur anprobieren und ein paar Schritte darin tanzen, um zu schauen, ob du das auch hinbekommst.“
    Gehorchend nickte ich und nahm das Kleid schonmal an mich. Schnell zog ich es nun an.
    Gut gelaunt sprach ich:„Passt.“ Knapp nickte die Frau und führte mich dann vor einen Spiegel, um es mir zu zeigen. Lächelnd blickte ich mein Spiegelbild an und meinte:„Sieht gut aus.“
    Stumm nickte die Frau nur und bedeutete mir schnell, mich wieder umzuziehen.
    Als ich damit fertig war, schaute ich die Frau an und fragte:„Wissen Sie, was jetzt als nächstes passiert?“
    Stumpf meinte die Frau auf einmal:„Ja. Die Kleider werden erst noch schnell angepasst und dann werdet ihr heute Abend fertig gemacht.“
    „Fertig gemacht? Wofür?“
    „Für den Ball. Er ist heute Abend. Hat euch das niemand erzählt?“






    Heyyy^^

    Danke für 1000 Aufrufe! Das geht ja echt schnell!^^'
    Danke auch für die vielen lieben Kommentare. Natürlich freue ich mich aber natürlich, wenn ihr mir weiterhin zwischendurch mal ein Feedback gebt. Auch Kritik nehme ich gerne an.
    Ich würde mich natürlich ebenso freuen, wenn ihr mir eine Sternebewertung oder dergleichen gebt, aber natürlich ist das jedem selbst überlassen.^^'

    LG Emily W.

    34
    Wirklich überrascht schaute ich die Frau an und murmelte:„Nein, das wurde uns nicht erzählt... Aber gut zu wissen." Unbekümmert zuckte die Frau nur noch mit den Schultern und sprach dann:„OK, eigentlich sind wir hier jetzt auch schon fertig. Ich bringe dich dann noch schnell wieder in dein Zimmer und dann kommt, soweit ich weiß, gleich noch einmal jemand vorbei, um euch irgendwelche Anweisungen zu geben." Als Zeichen, dass ich verstanden hatte, nickte ich knapp und wurde dann augenblicklich wieder zu meinem Zimmer geführt.
    Tae saß schon wieder dort und lächelte mich freudig an. Neugierig fragte er nun:„Wie sieht dein Kleid so aus?" Beinahe etwas stolz erwiderte ich:„Meiner Meinung nach sehr schön. Wie ist es mit deinem Anzug?" Knapp meinte Tae:„Auch gut." Kurz dachte ich nun nach und meinte dann:„Die Frau hat mir erzählt, dass der Ball schon heute Abend stattfinden wird." Wissend nickte mein gutaussehender Zimmergenosse nun und meinte:„Das hat man mir gerade auch erzählt. Der Kerl will gleich noch mal wiederkommen und irgendwas mit uns klären." Ebenfalls wissend nickte ich nun auch und wir warteten schweigend darauf, dass etwas passierte.
    Schon nach wenigen Minuten öffnete sich die Tür und der Mann kam erneut herein. Wie gewohnt schaute er uns schlecht gelaunt an und brummte:„Ihr wisst ja, dass heute Abend der Ball ist. Hier läuft alles schon auf Hochtouren und, da Hisoka natürlich auch da sein wird, soll alles perfekt werden. Und zwar wirklich alles. Also, könnt ihr vernünftig tanzen?" Selbstsicher nickte Tae für uns beide, woraufhin der Angestellte nachdenklich in die Gegend gaffte und dann meinte:„Ihr müsst natürlich auch in den Saal einmarschieren. Dafür werdet ihr in einer Reihe aufgestellt und müsst dann in den Saal spazieren. Ihr habt die A*schkarte gezogen, ihr seid die ersten. Also müsst ihr sozusagen alle anderen leiten. Euch wird nachher der Weg noch einmal genau erklärt. Er ist auch nicht schwer. Ihr müsst einfach nur in den Saal spazieren und eine große Runde an allen Tischen vorbei drehen. Ihr lauft also einmal im Kreis durch den Saal, müsst dann kreisförmig weiter zur Mitte kommen und bleibt dann stehen, wenn euch das letzte Paar sozusagen gegenübersteht. Schließlich folgen sie alle in einer Schlange. Letztendlich steht ihr dann alle in einem Kreis und sollt dann anfangen zu tanzen. Der Rest erklärt sich fast von selbst. Nach allen Tänzen sollt ihr dann auf euren Platz gehen. Der ist euch zugeschrieben. Und dann erklärt sich wieder alles von selbst, klar?" Zögerlich nickte ich nur, während Tae vollkommen entspannt neben mir stand.
    Jetzt nickte der Mann zufrieden und wollte gerade wieder gehen, als er noch einmal stehenblieb und zu uns sagte:„Ihr könnt ja noch einmal ne Runde tanzen. Aber übertreibt es nicht, damit ihr danach nicht so nach Schweiß stinkt. Ihr werdet dann nachher auch noch ein bisschen gestylt. Das Mädchen wird wahrscheinlich ein bisschen eher abgeholt werden, wie ihr sicherlich verstehen werdet."
    Mit den Worten ging der Mann auch schon und schloss uns wieder ein. Leise seufzte ich noch und schaute dann zur Seite. Tae grinste mich an, streckte mir auf einmal seine Hand entgegen und fragte mit dem charmantesten Lächeln, das ich jemals gesehen habe:„Willst du tanzen? Der Kerl meinte, wir sollen es tun." Belustigt grinste ich nun und stimmte lachend zu.
    Also nahm ich seine Hand entgegen und er zog mich in die Grundstellung für den Wiener Walzer. Ich schaute ihm direkt in das perfekte Gesicht, das mich so fröhlich anlächelte. Allein bei dem Anblick musste ich auch lächeln. Er sah so gut aus und war auch irgendwie richtig süß. Seine Augen funkelten begeistert und sein schwarzes Haar fiel ihm weich auf die Stirn.
    Als ich ihm während des Tanzens so in die Augen blickte, konnte ich meinen Blick kaum noch abwenden. Ich hatte mich verliebt, das wusste ich. Und diese dämliche Veriebtheit brachte mich dazu, ihn die ganze Zeit anzugaffen.
    Doch ich merkte, dass Tae wohl nichts für mich fühlte. Er schien einfach nur belustigt und amüsiert. Und auch sein Blick entsprach nicht meinem. Denn während ich ihn so verzaubert und verträumt mit leuchtenden Augen anschaute, grinste er nur und wandte den Blick immer mal wieder ab, um einen Blick auf die Tür zu werfen, wenn gedämpfte Geräusche zu hören waren. Auch sang er zwischendurch amüsiert und grinste wirklich ununterbrochen. Für mich war das ein klares Zeichen dafür, dass er mich nur als eine Freundin sah, aber nicht als das, was ich in ihm sah. Ich nämlich sah in ihm ein perfektes Wesen und, um ehrlich zu sein, war ich auf mich selbst wütend. Ich wollte nicht verliebt sein. Es brachte doch nur Ärger.
    Dennoch tanzten wir eine Weile, bis Taehyung mal auf die Toilette gehen musste. So wurde der Tanz ganz stumpf unterbrochen und ich setzte mich in der Zeit einfach auf die Bettkante und lauschte den ganzen Geräuschen auf dem Flur. Es war laut und wild durcheinander. Die Stimmen von vielen unbekannten Leuten war zu vernehmen.
    Laut dem Mann läuft alles auf Hochtouren momentan. Also hängt es wohl damit zusammen. Der Ball - die Einweihung für unser Training. Aber was beinhaltet wohl unser Training? Ich hoffe nur, wir werden danach endlich wieder gehen gelassen...

    35
    Die Tür öffnete sich und ich zuckte etwas erschrocken zusammen, während Tae einfach von seinem Gealbere mit seiner Kraft aufsah. Herein kam eine Frau, die mich ausdruckslos anblickte und dann meinte:„Kommst du mit? Du sollst jetzt für heute Abend zurecht gemacht weden." Stumm nickte ich daraufhin und trottete zu ihr. Schnell winkte ich noch dem eher wenig beigeistert aussehendem Tae zu und meinte:„Du wirst sicher auch gleich geholt."
    Und schon packte die Frau mich an meinem Arm und zog mich mit sich. Sie brachte mich in einen großen Raum mit mehreren Spiegeln und Stühlen davor. Es sah ein wenig aus wie in einem Friseuresalon.
    Plötzlich fiel mir auf, dass dort auch schon viele andere Mädchen saßen. Unter anderem Federica, Malou und Lívia. Freundlich lächelte ich sie an und sie zurück.
    Die Frau drückte mich jetzt nicht gerade sanft auf einen der Stühle, sodass ich neben Federica und einem leeren Platz saß. Ich lächelte die nette Italienerin nun an und fragte:„Wie sieht dein Kleid aus?" Freundlich antwortete Federica mal wieder gefühlt in einem halben Roman:„Wirklich schön. Es ist blau und wird ein bisschen grünlich nach unten hin. Der Schnitt ist auch sehr schön. Es ist irgendwie ein bisschen schräg, sodass ein Bein herausguckt, während die andere Seite bis zum Knöchel reicht. Wie ist deins?" Etwas knapper antwortete ich lächelnd:„Auch sehr schön. Beim Ausschnitt wurden ein paar Schneeflocken aufgestickt und ansonsten ist das Kleid recht schlicht und hellblau." Gut gelaunt brabbelte Federica weiter:„Hört sich echt gut an. Ich denke, sie wollen mit den Kleidern unsere Kräfte repräsentieren. Aber die Frau meinte, dass das Kleid noch einen letzten Feinschliff benötigen würde. Ich frag mich, wie es dann aussieht."
    Freundlich lächelte ich nur und blickte dann wieder zur Tür, da sie sich gerade öffnete. Hereingebracht wurden Karolin und das indische Mädchen, das jedoch nie etwas sagte. Die beiden wurden auch auf ihre Plätze gebracht und nun saß ich auch neben dem indischen Mädchen. Ich wusste zwar, dass ihr Englisch sehr schlecht sein musste, doch ich versuchte dennoch eine Unterhaltung aufzubauen:„Hey, ich bin (d/n). Wer bist du?" Doch anstatt eine Antwort zu bekommen, lächelte mich das Mädchen nur einmal ängstlich an und wandte ihren Blick direkt wieder ab.
    Karolin, welche zwei Plätze weitersaß, zuckte kur lächelnd mit den Schultern, als sie den wenig erfolgreichen Versuch einer Unterhaltung mitbekam. Leise seufzte ich nur. Scheint so, als wäre ihr Englisch extrem schlecht oder sie ist einfach nur wenig kontaktfreudig. Naja...
    Unsanft kämmte mir die Frau hinter mir nun die Haare und steckte sie nach oben, sodass die Haare nicht mehr in mein Gesicht fallen konnten. Nun kramte die Frau einen Haufen Schminke hervor und puderte mein Gesicht sanft. Nicht gerade begeistert schaute ich zur Seite, wo Karolin gerade versucht wurde das Gesicht zu pudern, jedoch währte sie sich dagegen, hielt den Arm der Frau von sich und fauchte:„Ich möchte nicht geschminkt werden! Das Zeug raubt meiner Haut die Möglichkeit zu atmen! Also gehen Sie weg damit! Ich fühle mich sonst meiner Freiheit beraubt. Pfoten weg, die Würde des Menschen ist unantastbar!" Belustigt schmunzelte ich etwas, so wie alle anderen in dem Raum auch. Schließlich ließ die Frau dann von Karolin ab und murrte:„Na gut, immerhin ist deine Haut ziemlich rein. Darf ich dir denn auch keine Wimperntusche auftragen?" Strikt erwiderte Karolin nun gereizt:„Mach doch, soll mir egal sein. Aber mehr auch nicht!" Etwas gestresst seufzte die Frau nur und trug daraufhin schnell die Wimperntusche auf.
    Mir wurden währenddessen die Haare wieder geöffnet, da die eine von den vielen Angestellten Damen, die für mich verantwortlich war, mit dem Schminken bereits fertig war. Nun holte sie schnell einen Lockenstab und machte mir damit schöne, große Locken.
    Schließlich sprühte sie noch schnell etwas Haarspray zur Festigung darüber.
    Es waren mittlerweile auch schon mehrere Stunden vergangen und die anderen Mädels waren auch schon fast fertig. Nur bei Malou dauerte es noch etwas, ihren Afro in Form zu bringen. Als wir dann schließlich fertig waren, wurden wir in einen nächsten Raum gebracht. Dort standen all die Kleider. Zu meiner Verwunderung sah mein Kleid noch genauso aus wie vorher und ich fragte unsicher:„Sollte nicht noch etwas vorgenommen werden?" Stumpf erwiderte die Frau, die mir gerade beim Ankleiden half:„Ja, das wird sofort gemacht, zieh es erstmal an." Also zog ich das Kleid schnell an und schaute mich schonmal nach den anderen um. Sie zogen auch gerade ihre Kleider an und ich war erstaunt, wie schön sie alle aussahen.
    Doch plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als die Frau mich am Arm etwas zur Seite zog und dann murrte:„Du wirst nun den letzten Feinschliff einbringen." Verwirrt stammelte ich:„Ich?" Knapp nickte die Frau nur und zeigte dann auf Akiko, die neben mir stand. Sie hatte ein helles Kleid und tippte einmal darauf. In dem Moment erleuchtete das Kleid auf einmal in hellem Licht und es funkelte noch wunderschöner. Erstaunt schaute ich die ohnehin schon hübsche Japanerin an und fragte sie bewundernd:„Wie hast du das gemacht?" Etwas verlegen erwiderte Akiko nun schlechthin:„Naja, ich habe einfach meine Kraft angewandt." Stimmt. Akikos Kraft ist Licht...
    Nachdenklich schaute ich nun auf mein eigenes Kleid herunter und dann auf meine Hände. Kurz schloss ich die Augen, um mich auf meine Kraft konzentrieren zu können und strich dann einmal sanft über den beinahe durchsichtigen Stoff über dem hellblauen Unterrock.
    Zu meiner Überraschung überzog sich der Stoff augenblicklich mit einer leichten Eisschicht, die beinahe malerisch Eiskristalle und Muster auf dem Stoff formte. Wie verzaubert starrte ich auf mein Kleid und als Federica mich sah, staunte sie:„Wow, du siehst wunderschön aus, (d/n)!" Mich geschmeichelt fühlend lächelte ich und bedankte mich leise.
    Als ich mich so umblickte, konnte ich nun auch die anderen Kleider betrachten. Das Kleid von Malou war in einem braunen Ton, da sie das Element Erde bekommen hatte. Jedoch hatte sie mit ihrer Kraft einige bunte Edelsteine hinzugefügt und ließ das Kleid so in einem bunten Glanz erstrahlen.
    Das Kleid der Inderin war mit schönen Ranken und exotischen Blumen überzogen, was mich darauf schließen ließ, dass ihre Kraft die der Pflanzen war.
    Lívias Kleid war von einer Nebelschicht umhüllt, sodass sie fast schon ein wenig wie ein Geist wirkte, wenn sie dort so umherlief.
    Karolins Kleid war weiß und wurde nach unten hin hellblau. Jedoch waren unten am Saum rote Ahornblatter aufgestickt. Plötzlich erzeugte Karolin mit ihren Händen einen kleinen Wirbelsturm und ließ ihn um ihr Kleid und ihre Haare sausen, sodass sie ständig in Bewegung blieben und es tatsächlich einfach so aussah, als würde sie im Wind stehen. Fast schon stolz lächelte Karolin vor sich hin, woraufhin ich etwas belustigt schmunzelte.
    Federica hatte ihr Kleid nun mit einer Wasserschicht überzogen und es sah etwas so aus, als würde ein Wasserfall ihr Kleid hinuntersausen.
    Viel weiter konnte ich schon gar nicht umhhergucken, denn plötzlich rief uns eine Frau zusammen und schien dabei ziemlich gestresst. Mich zog sie als erstes zur Seite und stellte mich ganz nach vorne. Alle anderen reihten sich hinter mir ein. Nun sah die Frau mich plötzlich an und brummte:„Komm mit. Jetzt geht es gleich los. Der Plan wurde dir und deinem Tanzpartner ja soweit schon erklärt. Aber es wird euch gleich noch einmal erklärt."
    Und schon ging die Frau vor und ich folgte ihr schnell eilig, sowie die anderen mir, dass es aussah wie eine Karawane. Schließlich wurden wir vor die zwei großen Tore geführt, die zu dem riesigen Saal führten. Die Männer standen schon alle davor und ganz vorne Tae.
    Schnell führte mich die Frau neben ihn, was er erst gar nicht so wirklich bemerkte. Er unterhielt sich stattdessen mit Juan, Karolins spanischem Tanzpartner.
    Jedoch räusperte sich die Frau nun und Tae drehte sich zu uns um. Als er mich sah, klappte ihm der Mund auf und er blickte mich erstaunt an.
    Die Frau erklärte uns jedoch noch einmal schnell, wie der Plan war und ich hörte angestrengt zu, um auch alles richtig zu machen.
    Als die Frau schließlich mit Erklären fertig war, nickte sie uns kurz zu und ermutigte uns:„Ihr schafft das schon. Macht einfach, was ich euch gesagt habe. Ihr müsst dann losgehen, wenn ich euch das Zeichen gebe, nicht vorher. Verstanden?" Knapp nickte ich nur und die Frau verschwand nach hinten, um da noch einmal etwas zu erklären.
    Auf einmal bemerkte ich, dass Tae mich anstarrte. Verlegen lächelte ich ihn nur an und er meinte plötzlich:„Du siehst wunderschön aus, (d/n)!" Mal wieder rot anlaufend stammelte ich:„Ähm, danke. Du siehst aber auch toll aus." Tae trug übrigens einen dunkelblauen Anzug, der wie ein Unterwassergraben schien, so dunkel. Bei genauerem Hinschauen bemerkte man auch, dass eine dünne Wasserschicht über den Stoff gezogen war und somit aussah, als bestünde der Stoff aus einem Meer.
    Wie verzaubert schaute ich Tae in sein wunderschönes Gesicht und ich bildete mir ein, dass er genauso gedankenversunken in mein Gesicht starrte. Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel das wilde Winken der Frau - das Zeichen. Beinahe etwas überfordert blickte ich sie an, während sich in dem Moment die riesigen Toren langsam öffneten und bereits herrschaftliche Musik aus dem Inneren des Saals drang.
    Belustigt lächelte mein gutaussehender Tanzpartner, in den ich mich verliebt hatte, mich nun an und streckte mir plötzlich seine Hand entgegen. Zögernd nahm ich sie und auch alle hinter uns nahmen nun die Hand ihres Tanzpartners.
    Beinahe etwas gestresst atmete ich einmal tief aus und Tae lächelte mich beruhigend an. Leise murmelte er mir zu:„Keine Sorge, (d/n). Wir kriegen das schon hin. Ich führe auch." Neckend grinste ich ihn an und meinte:„Ja dann wird's erst recht nichts." Beleidigt spielend stubste Tae nun mit seinem Ellenbogen in meine Seite und grinste nur.
    In dem Moment war die Tür ganz geöffnet und die Frau gab uns das endgültige Zeichen.
    Vollkommen entspannt ging Tae nun los, während ich nervös geradeaus schaute. Jetzt geht es los. Jetzt beginnt der Ball.

    36
    Aufgeregt blickte ich nach vorn, in den gigantischen Saal. Taehyung hingegen schien neben mir komplett entspannt. Sanft hielt er meine Hand und ging die ersten Schritte. Nervös folgte ich ihm, bis wir mitten im Saal standen. Wie geplant liefen wir einmal durch den ganzen Saal, während der Rest uns folgte. Wir liefen letztendlich einmal im Kreis durch den Saal und blieben stehen, wie es uns gesagt wurde - wenn das letzte Tanzpaar uns sozusagen gegenüber stand. Und auch die anderen hielten nun an.
    Mit uns stoppte auch die Musik. Kurz war es still im Saal und ich wagte gar nicht, mich umzuschauen. Stattdessen blickte ich lieber aufgeregt Tae ins Gesicht, während wir in die Grundstellung für den ersten Tanz gingen. Dabei zuckte ich etwas zusammen, als Taes warme Hand meine Taille berührte. Doch mein Tanzpartner lächelte mich warm an, was mich dazu brachte, etwas ruhiger zu werden.
    In dem Moment spielte die Musik wieder und Tae fing an, zu tanzen. Versuchend, ruhig zu bleiben, folgte ich seinen Bewegungen und tanzte elegant mit. Ich versuchte, die Welt um mich herum auszublenden, denn sie machte mich nervös. Ich blickte dem gutaussehendem Mann, der mit mir tanzte, einfach die ganze Zeit wie verzaubert ins Gesicht, während er freundlich lächelte. Er wandte seinen Blick ebenfalls kaum von mir ab, doch ich vermutete, dass er auch nur den Rest der Welt ausblenden wollte.
    Leise murmelte Taehyung plötzlich:„Du siehst wirklich hübsch aus, (d/n). Nicht nur jetzt, sondern immer, aber jetzt siehst du noch schöner aus als sonst." Augenblicklich lief ich rot an und murmelte verlegen:„Danke. Aber du siehst auch sehr gut aus. Nicht nur jetzt, sondern immer." Belustigt grinste Tae nun und wir hörten, wie die Musik langsam endete. So gaben wir auch diesem Tanz ein Ende, bevor direkt der nächste anfing. Jetzt murmelte Tae auf einmal verträumt:„Du siehst in dem Kleid aus wie eine Prinzessin." Wieder geschmeichelt lief ich rot an und versuchte, seinem Blick standzuhalten. Doch sein perfektes Gesicht machte mich so furchtbar nervös. Allerdings schaffte ich es, seinem Blick standzuhalten und blickte ihn also auch die restlichen Tänze über an.
    Die Musik endete und ich blieb nervös stehen, ebenso wie Tae. Die Tänze waren zu Ende und wir mussten nun auf unseren Platz. Also liefen wir geordnet mit den anderen Gefangenen im Schlepptau zu unserem langen Tisch. Schnell ließen wir uns nieder, sodass ich zwischen Taehyung und Karolin saß, da diese mit Juan hinter uns lief.
    Als schließlich alle an ihrem Platz saßen, wagte ich endlich einen Blick in das Geschehen.
    Der Saal war hell erleuchtet und nicht nur die Gefangenen waren dort. Auch all die Bediensteten fanden Platz in dem atemberaubend riesigem Saal. Einige standen als Wachen an den Türen, während die anderen an ähnlichen Tischen wie wir saßen.
    Jetzt huschte mein Blick zu dem Balkon, der sich so über den Saal erstreckte, dass die, die darauf standen einen Blick über das gesamte Geschehen im Saal hatten.
    Auf dem Balkon stand, nicht zu meiner Überraschung, ein bekanntes, schweigsames Gesicht - Hisoka. Der Japaner stand stumm dort und blickte mit einem zufriedenem Lächeln auf uns alle herab. Um alle zum Schweigen zu bringen, erhob er nun seine Hand und wieder tauchte der schlanke Mann mit Brille neben ihm auf. Er trug, ebenso wie Hisoka, einen Anzug, jedoch mit dem Unterschied, dass Hisoka dennoch deutlich teurer gekleidet aussah. Der zierliche Mann neben dem Führer der ganzen Organisation erhob nun etwas unsicher seine Stimme:„Herzlich Willkommen ihr alle. Ich spreche für Hisoka. Er freut sich, dass ihr hier seid und freut sich umso mehr auf das Fest und den Anlass für dieses. Gütig, wie Hisoka ist, hat er für euch alle Essen herrichten lassen, welches jetzt gebracht wird."
    In dem Moment öffneten sich die Tore und viele weitere Angestellte traten mit Töpfen, welche sie auf den langen Tischen verteilten, ein. Ich war schon irgendwie überrascht, dass wir etwas zu Essen bekamen, freute mich aber durchaus darüber.
    Als schließlich das gesamte Essen verteilt wurde, verließen diese Angestellten wieder den Saal und der zierliche Mann sprach für Hisoka weiter:„Lasst es euch schmecken. Ein solches Mahl werdet ihr sicher nicht noch mal bekommen." Bei dem letzten Satz sah ich, wie Hisoka bösartig lächelte und ich wurde etwas skeptisch.
    Taehyung stubste mich nun freudig an, zeigte auf einen der Nachbartische und murmelte:„Schau, da sind die Jungs!" Schnell schaute ich dorthin, wo Tae hinzeigte und erblickte sofort die 6 jungen Koreaner. Sie winkten uns freudig von der Ferne zu und wir zurück.
    Jetzt wanderte mein Blick wieder zu unserem eigenen Tisch. Er war gedeckt und das Essen dampfte in den Töpfen. Freudig nahm Tae sich nun einfach etwas und lud sich seinen Teller voll. Karolin hingegen schien deutlich gemäßigter. Sie tat sich nur ein wenig auf den Teller und nahm das Besteck, ganz im Gegenteil zu vielen anderen am Tisch, sehr manierlich in die Hände. Beinahe belustigt von dem großen Unterschied zwischen Tae und Karolin in dieser Beziehung, lächelte ich leicht. Schweigend lud ich mir nun auch ein wenig auf meinen Teller und begann, zu essen. Um mich herum sah ich, wie sich recht viele unterhielten. Akiko und Federica unterhielten sich miteinander und auch Juan erzählte, in seinem brüchigem Englisch etwas. Auch Malou schaltete sich in das Gespräch mit ein. Nur Karolin saß einfach schweigend daneben und hörte zu. Auch Tae und ich unterhielten uns zwischendurch mal mit dem Rest.
    Die Musik spielte währenddessen weiter und ich war auch schon mit dem Essen fertig. Seit Tagen war ich wieder satt. Tae hingegen knabberte immer noch an einem Hähnchenschenkel, woraufhin ich etwas grinsen musste. Da Karolin immer noch nur schwieg, versuchte ich nun, ein Gespräch mit ihr anzufangen:„Du bist so schweigsam, Karolin." Ehrlich erwiderte die 15-jährige knapp:„Ich fühle mich inmitten von so vielen fremden Menschen auf solchen Veranstaltungen nicht wohl." Daraufhin sagte ich dann auch nicht mehr wirklich viel zu ihr. Stattdessen unterhielt ich mich mit vielen anderen.
    Plötzlich wurde es wieder ruhiger im Saal, als Hisoka und sein Redner wieder am Balkon erschienen und der Zierliche sprach:„Hisoka fordert noch mal zum Tanz auf. Alle dürfen tanzen."
    So traten die Männer wieder zurück und die Musik fing erneut an, zu spielen. Plötzlich sah ich, wie die Jungs von BTS leise etwas vor sich hinmurmelten, dann alle aufstanden, sich verstreuten und ich beobachtete, wie die Jungs alle nach einer Tanzpartnerin suchten. Hobi kam in unsere Richtung, um Karolin aufzufordern, indem er sie angrinste:„Ich hab schon mal mit dir getanzt und möchte wissen, ob du dich verbessert hast seitdem. Tanzt du also eine Runde mit mir?" Leicht lächelte Karolin daraufhin und meinte:„Ich hasse tanzen, aber diesen einen Tanz schenke ich dir." Belustigt grinste ich die beiden an, während Hobi uns plötzlich zuwinkte, um uns zu bedeuten, auch auf die Tanzfläche zu kommen. Also nahm Taehyung mich augenblicklich bei der Hand und führte mich ebenfalls zur Tanzfläche. Dort hatten sich mittlerweile auch alle Jungs von BTS mit Tanzpartnerinnen versammelt.
    Natürlich fingen wir augenblicklich an, zu tanzen, jedoch tanzten Tae und ich direkt neben Namjoon und seiner Tanzpartnerin. Er lächelte mich freundlich an und meinte:„Du siehst echt toll aus, (d/n)." Dankbar lächelte ich zurück und merkte plötzlich, wie Taehyung mich anstarrte. Verwirrt warf ich nun einen Blick zu ihm rüber und er murmelte:„Warum wirst du nicht rot? Du hast gesagt, wenn dir jemand ein Kompliment macht, dann wirst du rot. Als ich gesagt habe, dass du hübsch aussiehst, wurdest du knallrot und bei Joonie nicht. Wieso?" Genau in dem Moment lief ich rot an, denn ich kannte den Grund dafür und hatte Angst, er würde dem Grund vielleicht auf die Schliche kommen. Denn ich war in Tae verliebt und in Namjoon nicht. Wenn mich Tae also als hübsch betitelte, erzeugte das in mir deutlich mehr Scham als, wenn Namjoon mich so nannte.
    Schnell log ich nun:„Wenn es einem schon gesagt wurde, gewöhnt man sich schon dran." Etwas ungläubig grinste Taehyung mich nun an, doch sehr zu meinem Glück fragte Namjoon nun ebenfalls belustigt lächelnd:„Kommt ihr eigentlich mit euren Kräften gut klar?" Tae antwortete sofort grinsend:„Ich komme damit ganz prima zurecht, aber (d/n) lässt alles direkt gefrieren, wenn sie es anpackt und ich muss ihr dann immer helfen." Erst etwas ärgerlich, aber dann einfach nur beschämt schaute ich auf den Boden. Jedoch bemerkte mein Tanzpartner dies und lächelte warm:„Ist aber ja nicht schlimm. Ich helfe (d/n) immer gerne dabei, das wieder in Ordnung zu bringen und außerdem wird sie sicher bald lernen, damit umzugehen. Simmt's (d/n)?" Dabei suchte Tae lächelnd meinen Blick und hob dafür mit seinem Finger mein Kinn etwas hoch. Verlegen lächelte ich ihn daraufhin an, bis plötzlich Hobi von der Seite angetanzt kam und rief:„Ihr seid so süß zusammen! Tae ist zu 100% verliebt!" Wütend blickte Taehyung daraufhin seinen Bandkollegen an und fauchte:„Und du bist ganz sicher in Karolin verliebt, so gerne wie du dich mit ihr unterhälst und mit ihr tanzt!" Daraufhin schmunzete Karolin etwas, da sie zugehört hatte und Hobi lachte:„Ja, das wär's noch! Ist ja nicht so, als wären etwa 10 Jahre Unterschied zwischen uns! Wir verstehen uns halt einfach recht gut! Aber du hast nicht widerlegt, dass du in (d/n) verliebt bist!" Triumphierend grinste Hobi nun, während Tae ihn einfach nur wütend anblickte. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie Karolin Hobi einen leichten Klaps auf den Hinterkopf gab und murrte:„Jetzt ärgere den Armen doch nicht! Vielleicht verstehen sich die beiden auch einfach nur gut." Dankbar lächelte Tae sie daraufhin an und meinte:„Ganz genau. Karolin hat recht!“ Daraufhin grinste Karolin und meinte:„Ich weiß, ich habe immer recht.“ Belustigt grinste ich nun, während Tae einfach weiterwetterte:„Ich frag mich sowieso, wie ihr beide euch so gut versteht! Karolin ist so lieb und vernünftig und du bist so frech und albern!" Daraufhin schaute Hobi etwas beleidigt und meinte dann:„Naja, Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an. Yoongi und ich verstehen uns ja auch super." Nun fügte Karolin hinzu:„So unterschiedlich sind wir eigentlich auch nicht. Ich bin nur so ruhig, wenn ich unter vielen fremden Menschen bin. Sonst bin ich auch eher aufgedreht... Meistens zumindest." Schwach lächelte Karolin dabei. Karolin und aufgedreht? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Sie ist sonst eigentlich immer eher ruhig und vernünftig. Naja, sie ist hier ja auch unter vielen fremden Menschen, wie sie selbst schon gesagt hat. Eine Weile unterhielten wir uns noch alle miteinander. Dabei fiel mir auch auf, dass Jimin mit Federica tanzte und die beiden sich wohl auch ziemlich gut verstanden, da die beiden praktisch nur miteinander sprachen.
    Die Musik verklang, wir saßen schon lange wieder auf unseren Plätzen und ich unterhielt mich gerade gut gelaunt mit Federica, als nun plötzlich eine Stimme von dem Balkon ertönte. Augenblicklich schaute ich herauf und sah wieder den stummen Hisoka und seinen mageren Kumpan. Die beiden standen wie vorhin nebeneinander. Irgendwie unterschieden sich die beiden wie Tag und Nacht. Hisoka war recht groß, kräftig, hatte einen finsteren Blick und schien stets emotionslos, aber sehr selbstsicher und erhaben. Seine Augen waren dunkel und schmal. Er war Japaner, weshalb seine Augen generell eher schmal waren, aber sie schienen skeptisch und dadurch noch schmaler. Er war eher schlecht raisiert. Ich schätzte ihn auf etwa 50 Jahre.
    Sein Kumpan hingegen war recht klein und zierlich, beinahe zerbrechlich erscheinend. Sein Haar war etwas länger als das von Hisoka und fiel glatt auf seine Stirn. Seine Augen waren relativ groß für die eines Asiaten und schienen ängstlich. Auf seiner langen Nase trug er eine große, runde Brille. Auch er war rasiert, jedoch deutlich besser. Ihn hätte ich als etwas jünger eingeschätzt. Vielleicht 42 Jahre alt.
    Irgendwie hatten die beiden etwas gemeinsam, doch ich konnte nicht wirklich sagen, was es war. Vielleicht auch einfach nur die asiatischen Züge.
    Hisokas Kumpan hob nun auf jeden Fall zitternd seine Stimme:„Wie ihr wisst, hat Hisoka dies alles organisiert. Er hat euch auch eure Kräfte „verliehen". Wie schon mal erwähnt, ist Hisoka eine Art Wächter eines alten Geheimnisses. Und zwar des Geheimnisses eurer Kräfte. Ihr alle seid Träger dieses Geheimnisses." Dabei schaute er direkt zu unserem Tisch, dem Tisch der Gefangenen. Nun fuhr der Mann fort:„Ihr seid die Auserwählten von Hisoka. Ihr seid hier, um ihm zu zeigen, was ihr könnt. Und zwar, indem ihr eure Kräfte trainieren werdet. Euer Training wird bereits morgen beginnen. Es wird ein sehr besonderes Training sein und vielleicht stellt ihr es euch ganz anders vor, als wie es wirklich ist. Es ist sogar sehr wahrscheinlich." Auf einmal sah ich wie Hisoka ein böses Lächeln aufsetzte und ich bekam irgendwie etwas Angst. Angst vor Hisoka und vor dem, was kommen würde. Ich wusste zu wenig über ihn und seine Pläne.
    Doch nun fuhr Hisokas Kumpan fort:„Ich möchte euch im Namen von Hisoka erklären, wie euer Training aussehen wird. Aber vorher sollte ich euch vielleicht ein wenig über die Kräfte selbst erzählen. Nun... es gibt 10 verschiedene Kräfte - Wasser, Erde, Feuer, Luft, Pflanze, Elektro, Nebel, Schatten, Licht und Frost. Hier sind jeweils zwei, die eine Kraft haben. Immer eine weibliche und eine männliche Person.
    Naja, vielleicht erzähle ich einfach mal die Geschichte von der Geschichte dieser Kräfte. Vor vielen Jahrtausenden gab es Menschen, die diese Kräfte beherrschen konnten. Sie hatten diese Macht dazu in ihrem Blut. Wie auch immer... Es gab, ebenfalls wie bei euch, 20 Leute, denen diese Hilfsmittel vermacht wurden, sodass sie die Kräfte beherrschten. Sie wurden ihnen vermacht, um die Menschheit zu beschützen. Doch wie man sich vielleicht denken kann, wurden diese Kräfte teilweise missbraucht und die Menschen strebten nach Macht. Diese wollten sie mit ihrer Kraft erzielen. Doch die Auserwählten, die nicht nach dieser Macht strebten, versuchten daraufhin, die Machtgierigen zu bekämpfen. Das taten sie auch und schließlich artete dieser Kampf aus. Doch er wurde auch gewonnen. Es überlebte allerdings nur einer. Dieser eine beschloss, die Kräfte nun für immer zu bewahren und sie nie wieder an die Öffentlichkeit zu lassen, da sonst nur zu viel Schaden entstand. Also nahm er von den Toten das Blut und bewahrte es auf. Auch von seinem eigenem Blut entnahm er etwas, damit auch er keine Kraft mehr hatte. Denn in ihrem Blut war die Macht. Durch das Blut floss die Kraft und wenn er das Blut hatte, hatte er auch die Macht. Jedoch wollte er sie nicht missbrauchen, sondern sie bewahren. Also schloss er das Blut, in dem die Macht war, weg und versteckte es. Dieser Überlebende wollte, dass diese Mächte nie wieder an das Tageslicht gelangten. Er beschützte das Blut und, als er schließlich starb, vermachte er das Blut seinem Sohn. Und so wurde das Blut in dieser Familie immer weiter gereicht, damit die Macht nie wieder ausbrechen konnte.
    Der jetzige Wächter ist Hisoka. Er besaß das Blut. Doch, statt es zu verstecken, beschloss er, es ans Licht zu bringen. Er sah in diesem Geheimnis eine Chance. Also ließ er euch alle herbringen und spritzte euch das Blut der Auserwählten in euer Eigenes, sodass ihr selbst zu Auserwählten wurdet."
    Geschockt und auch komplett verwirrt saß ich nur dort und starrte hoch. Meine Gedanken flossen wild durch meinen Kopf. Das Blut wurde doch scheinbar extra versteckt, damit es NICHT wieder ans Tageslicht gelangte und nun ist es das doch - wegen Hisoka. Was für eine Chance sieht er denn? Ich sehe nur die Gefahr, dass wieder dieses Verlangen nach Macht und schließlich auch das Chaos ausbrechen könnte.
    Hisoka lächelte nach wie vor böse vor sich hin, während sein Kumpan weitererzählte:„Hisoka sieht die Chance, die Kräfte zu trainieren und sinnvoll zu nutzen. Deswegen seid ihr letztlich hier. Ihr werdet seine Chance wahrmachen. Naja, eine Person von euch wird ihm diese Chance erfüllen..."
    Plötzlich huschte ein noch breiteres, gefährlich wirkendes Grinsen über das Gesicht des stummen Japaners. Irgendwie breitete sich eine Angst in mir aus. Nur einer wird diese Chance erfüllen... Was heißt das?
    Der zierliche Mann beantwortete mir diese Frage:„Ihr werdet selbst einen auserkoren, der die Chance erfüllt.
    Derjenige, der damals überlebt hat, hätte diese Chance auch schon erfüllen können, doch er entschied sich dagegen. Nun geht es darum, den neuen zu finden. Heißt? Ihr werdet gegeneinander kämpfen und, wer überlebt, ist DER Auserwählte. Ihr werdet morgen in eine Arena geschickt. Naja, man kann es so nennen. Es ist eine riesige Landfläche, die jedoch auf hochmoderne Art beschränkt wird. Es ist wie ein Wald. In diesen werdet ihr geschickt. Und dann geht es darum, dass ihr euch selbst trainieren müsst, um am Ende gegen alle anderen zu gewinnen, indem er sie mit eurer Kraft tötet. So, wie es damals auch geschehen ist. Ihr werdet praktisch so viel Zeit haben, wie ihr wollt, um euch gegenseitig zu töten. Theoretisch werdet ihr aber vielleicht vorher getötet. Der Anreiz bei der ganzen Geschichte? Der Gewinner überlebt und kann später wieder nach Hause. Der Rest ist eben tot und wer sich weigert, den jeweils anderen zu töten, wird eben von jemand anderem getötet. Hauptsache ist, ihr werdet alle sterben. Nur eine Person von euch wird überleben und, wer es ist, entscheidet ihr selbst."



    Tut mir leid, dass ich dieses Kapitel erst so spät vollendet habe, jedoch habe ich momentan ziemlich viel Stress wegen der Schule. Aber jetzt ist es ja fertig. Wer also vielleicht erst den ersten Teil des Kapitels gelesen hat, sollte das Kapitel dann vielleicht noch einmal lesen oder eben von der Stelle, wo es vorher geendet hat. Tut mir leid noch einmal deswegen. ^^'

    37
    Wir sollen uns gegenseitig töten? Fassungslos schaute ich Hisoka an, welcher gehässig grinste. Ich war geschockt und auch verängstigt. Langsam drehte ich mich nun zu Tae, wollte seine Reaktion sehen. Auch er schien geschockt. Er hatte die Augen weit aufgerissen und den Mund offen stehen. Nun blickte ich zu Karolin, welche auf meiner anderen Seite saß. Sie war sichtlich nervös und in ihrem Blick war ein Hauch von Panik zu erkennen. Auch die Gesichter der anderen waren nicht viel anders. Nur das Gesicht von einem schien gar nicht verängstigt, sondern eher vorfreudig. Und zwar das Gesicht von dem dürren Mann, der stets so finster blickte und so bleich und mager war, dass er auch schon als Leiche durchgehen könnte. An seinem von Eis überzogenem Anzug erkannte ich, dass er wohl die selbe Kraft hatte wie ich - Frost.
    Doch nun sprach Hisokas Gehilfe schon weiter und ich wandte meinen Blick wieder zu ihm. Er meinte:„Jetzt kennt ihr euer Training und wisst auch, wann es losgehen wird. Nämlich morgen. Ihr werdet dann vorher noch mit alltagstauglicher Kleidung ausgestattet und dann in die Arena geschickt. Ihr werdet alle an der selben Stelle rausgesetzt, also solltet ihr möglichst schnell fliehen, wenn ihr eure Kraft noch nicht vernünftig beherrscht.
    Naja, der Ball ist hiermit auch schon beendet und ihr werdet jetzt zurück in eure Zimmer gebracht." Mit den Worten verschwanden der bösartig grinsende Hisoka und sein eher verunsicherter Kumpan vom Balkon und die Wachen kamen bereits langsam auf uns zu, um uns dann später in unsere Zimmer zu bringen.
    Die paar Sekunden unter den Leuten nutzten viele, um in Panik zu verfallen. Ich sah, wie Lívia kreidebleich dastand und sich panisch umblickte, scheinbar auf der Suche nach jemandem. Malou stand bei Karolin, die versuchte, Juan schnell die Situation auf Spanisch zu erklären. Alle drei schienen recht aufgewühlt. Juan war einfach nur geschockt, als Karolin ihm noch mal schnell alles erklärte und Malou hielt sich ängstlich an Karolins Arm fest.
    Ich konnte außerdem sehen, dass Federica und Akiko beisammen standen und leise miteinander tuschelten.
    Dann konnte ich noch die „finsteren Gestalten" erkennen. Sie schienen seltsamerweise gar nicht besorgt oder ängstlich. Sie standen nur emotionslos wie immer da. Der Anführer der Gruppe, der große, bleiche mit den aschblonden Haaren und der dürren Statur, lächelte schwach vor sich hin. Das blonde Mädchen, das immer so besserwisserisch auf alle hinabschaute, stand nah bei ihm und lächelte gehässig. Dann gab es noch den großen Mann, der sehr kräftig, aber vielleicht ein bisschen dumm aussah, der einfach ganz normal guckte.
    Zu guter letzt gab es noch den jungen Mann mit den dunklen Haaren, die er nach hinten und zur Seite gekämmt hatte und dessen Haut so blass war, während sich unter seinen dunklen, tiefliegenden Augen starke Augenringe abzeichneten. Er blickte irgendwie ausdruckslos in die Masse, als schien ihn gar nicht zu stören, dass dort so viele Leute waren, die in Panik gerieten.
    Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Arm, die mich sanft zu sich zog. Ich erkannte Tae. Er blickte mich besorgt an und deutete dann plötzlich auf Karolin, um die sich einige Leute versammelt hatten. Federica, Akiko, Malou und Juan standen um sie herum und Karolin selbst schien gerade etwas zu erzählen.
    Interessiert traten Tae und ich nun dazu und hörten zu, was Karolin da sprach. „Wir sollen uns gegenseitig umbringen. Aber was, wenn wir uns einfach als Gruppe weigern?", war, was Karolin da murmelte. Ich schaltete mich nun zögerlich dazu:„Wollt ihr euch einfach gegenseitig töten?" Gleichzeitig schüttelten alle ängstlich den Kopf und ich sagte nun:„Also. Warum tun wir uns nicht als Gruppe zusammen und versuchen, zusammen zu überleben? Wenn wir angegriffen werden, müssen wir uns eben verteidigen." Federica fügte nun nachdenklich hinzu:„Genau. Und, wenn wir dann am Ende noch übrig bleiben, weigern wir uns, uns gegenseitig zu töten." Ich sah, wie alle zustimmend nickten und Karolin murrte noch schnell:„OK, dann werden wir uns ja morgen in der Arena sehen."
    Mit den Worten wurde sie gerade von einem der Wächter weggeführt, zur Tür. Dort sollten sich die Gefangenen versammeln, damit sie in ihre Zimmer gebracht werden konnten.
    Auch Tae und ich wurden nun weggeführt, bis wir schließlich zu zweit in unserem Zimmer standen. Wir schwiegen beide, bis ich schließlich ängstlich die Stimme hob:„Was, wenn wir sterben?" Tae blickte mich an, überlegte kurz und beruhigte mich dann:„Das werden wir nicht. Wir werden uns als Gruppe zusammentun. Überleg doch mal. Karolin, Federica, Akiko, Malou, Juan, du und ich. Wir sind sieben Leute. Sieben von zwanzig. Wenn wir dann zusammenhalten und zusammen kämpfen, können wir die anderen besiegen. Die meisten sind wahrscheinlich eh alleine unterwegs." Leise murmelte ich nun, während mir die Tränen bereits in die Augen schossen:„Ich weiß, aber ich will doch niemanden töten. Und selbst wenn, wie sollte ich das machen? Ich beherrsche meine Kraft doch gar nicht vernünftig." Nun brach ich vollkommen in Tränen aus, denn der Gedanke machte mir schreckliche Angst.
    Tröstend kam Tae daraufhin auf mich zu und umarmte mich sanft. Leise flüsterte er nun, während er seine Arme beschützend um mich geschlungen hatte:„(d/n), mach dir keine Sorgen. Ich verstehe, dass dir das Angst macht. Mir ja auch, aber was sollen wir schon dagegen tun? Wir werden eine Gruppe sein und auf uns aufpassen. Wir werden das schaffen, OK?" Wimmernd nickte ich nur und schmiegte mein verheultes Gesicht etwas in Taes Schulter. Es tat gut, jemanden zu haben, der einen umarmte. Ich fühlte mich geborgen und meine Angst schwand ein wenig.
    Leise murmelte ich nun:„Ich werde mich jetzt umziehen. Ich kann ja nicht die ganze Nacht dieses Kleid tragen." Warm lächelte mich Tae an und ließ mich jetzt auch los, während er meinte:„OK, dann gehst du ins Bad und ich ziehe mich eben hier um." Stumm nickte ich nur und ging ins Bad. Ich wollte gerade den Reißverschluss meines Kleids öffnen, doch ich kam nicht daran. Leise seufzte ich und ging wieder aus dem Bad heraus, um Tae um Hilfe zu bitten. Der stand jedoch gerade oberkörperfrei da und starrte mich etwas verlegen an. Schnell wandte ich meinen Blick ab, damit er nicht dachte, ich würde ihn beobachten und murmelte verlegen:„Kannst du mir vielleicht eben den Reißverschluss von meinem Kleid hinten aufmachen?"
    Belustigt lächelte Tae daraufhin und meinte:„Ja, klar." Dann ging er auf mich zu. Ich drehte mich schon mal um und legte meine Haare nach vorne, damit sie nicht störten. Tae öffnete nun vorsichtig den Reißverschluss und berührte dabei mit seinen warmen Fingern meine Haut. Etwas zuckte ich dabei zusammen, während Tae amüsiert grinste. Schließlich hatte er den Reißverschluss komplett geöffnet, ich bedankte mich schnell bei ihm und eilte dann zurück ins Bad. Dort zog ich mich dann ganz um, schminkte mich schnell ab und kämmte meine Haare.
    Nachdenklich schaute ich mich nun im Spiegel an und seufzte leise. Das bin ich. Aber werde ich noch lange bestehen bleiben? Morgen könnte ich schon tot sein und die Wahrscheinlichkeit, dass ich es sein werde, ist sogar ziemlich hoch. Mit meinen Kräften komme ich eh nicht weit... Bedauernd blickte ich auf meine Hände und dann auf den Wasserhahn. Vorsichtig öffnete ich ihn und das Wasser sprudelte heraus. Zögernd hielt ich nun meinen Finger unter das Wasser und es gefror augenblicklich. Deprimiert seufzte ich leise und ging einfach wieder aus dem Bad heraus.
    Tae hatte sich auch schon fertig umgezogen und hockte nun auf der Bettkante. Als er mich sah, lächelte er mir kurz zu. Schwach lächelte ich zurück und trottete nun zu ihm. Schweigend ließ ich mich neben ihm nieder und starrte einfach in die Luft.
    Nach einer Weile flüsterte ich gedankenverloren:„Vielleicht sollten wir schlafen gehen..." Knapp nickte Tae daraufhin und legte sich schon in das Bett. Langsam legte ich mich auch hin, mit dem Rücken zu ihm und starrte weitherhin Löcher in die Luft.
    Nach einigen Minuten hörte ich plötzlich Taes Stimme leise hinter mir:„Die Nacht ist so unfassbar ruhig. Sie könnte einem fast Angst machen." Irgendwie verwirrt schaute ich Tae an und meinte:„Naja, nachts schlafen nun mal alle..." Belustigt schaute Tae mich nun an und sagte:„Ich weiß. Ich wollte dich auch eigentlich nur von deinen Gedanken ablenken. Ich wusste ja, dass du nicht schläfst." Belustigt grinste ich nun und murmelte:„Das hast du ja geschafft. Aber ich mache mir dennoch Sorgen. Ich meine, wie soll das denn alles ablaufen? Wenn wir morgen alle an der selben Stelle rausgelassen werden und nicht schnell genug wegkommen, werden wir von jemand anderem getötet..." Ruhig blickte der gutaussehende Mann mich an und erwiderte:„Ich weiß. Aber wir werden schnell genug wegkommen, OK? Die anderen sind genauso unerfahren wie wir und werden ihre Kräfte wohl nicht besser beherrschen als wir. Theoretisch sitzen wir alle im gleichen Boot." Leise murrte ich nun:„Ja, aber praktisch wollen uns alle anderen umbringen, um selbst lebend rauszukommen." Leicht lächelte Taehyung daraufhin und meinte:„Vielleicht hast du recht, aber wir sollten nicht so pessimistisch an die ganze Sache rangehen. Denk dran, wir sind eine Gruppe aus 7 Leuten und wir werden zusammenhalten. Dann kann uns niemand etwas anhaben. Wir schaffen das!"

    38
    Laute Stimmen ertönten auf dem Flur und rissen mich und Tae aus dem Schlaf. Verwirrt öffnete ich die Augen und versuchte, die Geräusche zu identifizieren. Ich hörte lautes Rufen von vielen verschiedenen Personen. Ich erkannte die Stimme eines Jungen, der auch zu den Gefangenen zählte, mit dem ich mich aber noch nie unterhalten hatte. Ich wusste nur, dass seine Kraft Nebel war.
    Dieser Junge schrie hysterisch:„Nein, ich will nicht. Ich werde mich nicht umbringen lassen! Lasst mich gehen! Sucht euch jemand anderen für eure komischen Pläne!" Ebenso erkannte ich die Stimme einer Wache:„Geh zurück in dein Zimmer und versuch ja nicht noch einmal, auszubrechen!" Daraufhin hörte man nur das stumpfe Schließen einer Tür und die panischen Schreie des Junge erstarben."
    Erst war ich verwirrt und fragte mich, was wohl passiert war, bis es mir auf einmal wieder einfiel und mein Blick verfinsterte sich sofort, denn an dem Tag noch sollten wir in diese Art Arena geschickt werden.
    Auch Tae war wach und schaute mich noch schlaftrunken aus kleinen Augen an, während ich einfach aus dem Bett sprang und ihn etwas belustigt leicht anlächelte. Doch hauptsächlich sprach aus meinen Augen Angst und Besorgnis.
    Müde erhob er sich nun auch und er erkannte natürlich, dass ich mir wieder viele Gedanken machte. Doch er murmelte nur beruhigend:„Mach dir keine Sorgen, (d/n). Das ist nur die Aufregung. Es wird alles gut." Ungläubig starrte ich nur vor mich hin und flüsterte eher ironisch zu mir selbst:„Ja, es wird alles gut. Sicherlich. Wir werden nur alle in den Tod geschickt..." Doch Tae schien das einfach zu überhören, denn er antwortete darauf nicht. Stattdessen ging er ins Bad und trieb da seinen Unfug.
    Als er wiederkam, saß ich gerade mal wieder vor dem Fenster und gaffte heraus. Leise seufzte mein Zimmergenosse nun, kam dann zu mir, legte eine Hand auf meine Schulter und fragte leise:„Na, was gibt es da zu sehen?" Gedankenverloren zuckte ich nur mit den Schultern und starrte weiter in die Ferne.
    Nach einer Weile jedoch fragte ich leise:„Wie sollen wir das nur überleben?" Tae flüsterte nur leise hinter mir:„Wir werden es überleben. Wir haben doch schon besprochen, wir tun uns als Gruppe zusammen und dann können sie uns nichts anhaben." Nach wie vor blickte ich nur skeptisch nach draußen.
    Natürlich sind wir als Gruppe stärker. Aber sind wir auch stark genug? Es muss nur einer kommen, der stärker ist als wir. Es muss nur einer getötet werden und unsere Existenz steht schon auf der Kippe. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das wirklich überleben werden...
    Plötzlich öffnete sich die Tür und ich fuhr augenblicklich zu dieser herum, Tae ebenso. Lorenzo stand dort. Er hatte nichts zu Essen dabei, doch er sah komplett fertig aus. Sein Gesicht war rot, seine Augen geschwollen, seine Haare zerzaust und er atmete schwer. Aufgelöst blickte er uns an und fing an, zu sprechen:„Ich darf eigentlich nicht hier sein und ich will es irgendwie auch gar nicht. Aber ihr zwei seid meine letzte Hoffnung." Verwirrt blickte ich den brasilianischen Jungen an und fragte verwundert:„Was meinst du damit? Was willst du uns sagen?" Auf einmal fing Lorenzo an, etwas zu wimmern und er schluchzte:„Ihr musst mir unbedingt helfen. Lívia ist meine Schwester, wie ihr wisst und sie ist ebenfalls eine Auserwählte. Bitte, ihr müsst in dieser Arena auf sie aufpassen!" Beide etwas verwirrt schauten wir uns erst gegenseitig und dann Lorenzo an. Taehyung sprach mir nun wie aus der Seele:„Warum seid ihr denn eigentlich beide hier?"
    Nun brach Lorenzo komplett in Tränen aus und meinte:„Es ist nur meine Schuld. Diese Leute haben mich auf der Straße aufgegabelt und meinten, sie könnten uns ein besseres Leben ermöglichen, wenn ich ihnen meine Schwester verkaufen würde. Das wollte ich nicht, aber ich habe ihnen vorgeschlagen, dass wir für sie arbeiten könnten. Sie haben zugestimmt und uns mitgenommen, aber ich wusste nicht, dass sie so etwas Abgefahrenes vorhaben. Ich dachte, wir sollen einfach nur für sie arbeiten und habe Lívia deswegen überzeugt, mitzukommen. Und jetzt soll sie in diese Arena geschickt werden. Aber das würde sie niemals ohne Hilfe überleben. Ihr zwei müsst auf sie aufpassen, bitte!"
    Irgendwie etwas überfordert blickte ich von Tae zu Lorenzo und stammelte:„Wusstest du denn vorher gar nichts von dem Ganzen?" Verzweifelt schüttelte der Junge nur den Kopf und Tae sagte plötzlich:„Wir werden auf sie aufpassen, Lorenzo." Zustimmend nickte ich und fügte hinzu:„Wir werden als Gruppe auf sie aufpassen." Dankbar lächelte Lorenzo uns nun an und murmelte irgendetwas Unverständliches vor sich hin.
    Auf einmal ertönten jetzt jedoch noch mehr Stimmen auf dem Flur und Lorenzo sah uns panisch an:„Das sind sie. Ich muss jetzt gehen..." Und sofort verschwand der Junge schon wieder und wir hörten noch die lauten, gedämpften Stimmen auf dem Flur.
    Noch etwas verwirrt, aber auch schockiert, schaute ich Tae an und murmelte:„Lorenzo tut mir wirklich leid. Wenn er schon so naiv war und damals bei diesen Männern mitgekommen ist, muss er wirklich sehr gelitten haben und jetzt leidet er noch mehr, weil er vielleicht seine Schwester verliert. Alles, was er noch hat..." Traurig nickte Tae nur und meinte:„Jetzt wissen wir auch, warum sie beide hier sind. Aber wir werden ja auf sie aufpassen. Wir passen alle gegenseitig auf uns auf."
    In dem Moment wurde wieder die Tür aufgerissen und zwei Männer traten ein. Sie blickten uns finster an, packten uns unsanft am Am und zogen uns aus dem Zimmer heraus. Auch die anderen wurden gerade aus ihren Zimmern geholt und schließlich wurden wir alle in eine kleine Halle gebracht, wo verschiedene Klamotten lagen. Sie drückten jedem etwas in die Hand und wir mussten es anziehen. Es waren hauptsächlich Klamotten aus Leder oder aus festen, braunen Stoffen. Auch feste Schuhe bekamen wir.
    Als wir schließlich umgezogen waren, standen wir nur alle in dieser kleinen Halle. Die meisten hatten sich weit abseits von den anderen aufgestellt. Nur Juan, Federica, Akiko, Malou und Karolin standen wieder beieinander. Leise erklärte Karolin wohl etwas und Tae und ich stellten uns dazu. Nun konnten wir auch Karolin verstehen, welche mit ernstem Blick sprach:„Wenn wir erstmal in die Arena gesetzt werden, sollten wir möglichst schnell fliehen, bevor die anderen uns vielleicht direkt kaltmachen. Ihr müsst einfach versuchen, so schnell wie möglich wegzukommen und lasst euch am besten nicht von den anderen trennen. Ansonsten kommen wir nie wieder zusammen. Ihr dürft auch nicht alle in unterschiedliche Richtungen laufen. Verstanden?" Zögerlich nickten daraufhin alle, eingeschlossen Tae und ich.
    Doch nun schaute ich mich kurz um, auf der Suche nach Lívia. Sie stand abseits von den anderen, schaute aber schon zu uns rüber. Schnell ging ich zu ihr und Tae folgte. Leise sprach ich ihr nun zu:„Hallo Lívia. Möchtest du dich mit uns verbünden? Wir wollen als Gruppe zusammenbleiben und gegenseitig auf uns aufpassen." Beinahe etwas feindselig fragte Lorenzos kleine Schwester nun:„Lorenzo hat euch gesagt, dass ihr auf mich aufpassen sollt, oder?" Ehrlich antwortete Tae nun:„Ja, er war bei uns. Aber wir fragen dich auch, weil es in unserem eigenen Interesse liegt, dass du überlebst. Nicht nur, weil Lorenzo uns darum gebeten hat." Kurz überlegte das brasilianische Mädchen nun und meinte dann:„Na gut, ich werde mit euch kommen. Aber ihr braucht nicht glauben, dass ich nicht auch auf mich selbst aufpassen kann." Etwas überrascht lächelte ich und erklärte dann knapp:„Der Plan ist, dass wir einfach, sobald wir in der Arena sind, von den anderen wegrennen. Du rennst uns dann einfach hinterher, OK?" Knapp nickte das Mädchen daraufhin und wollte wohl gerade etwas sagen, als plötzlich wieder eine laute Stimme ertönte. Augenblicklich drehten sich alle zu ihr um. Es war ein Mann, der gerade alle zusammentrommelte. Ich sah, wie alle zögernd dastanden und plötzlich meinte der Mann:„Wollt ihr euch heute noch in Bewegung setzen? Folgt mir!" Schon ging der Mann los, auf eine Tür zu. Hinter dieser Tür war ein langer Tunnel.
    Seufzend folgten wir dem Mann nun alle, auch, wenn einige einfach am liebsten weggerannt wären. Jedoch versperrte eine Art Nachhut diese Möglichkeit.
    Wie in einer Karawane wurden wir nun also durch den Tunnel geführt, bis wir nach mehreren Minuten schließlich in einer weiteren unterirdischen Halle standen.
    In der Mitte waren 20 Kreise markiert, die selbst zusammen einen Kreis bildeten.
    Plötzlich befahl der Kerl:„Verteilt euch auf die Markierungen!" Zögerlich schaute ich daraufhin Tae an, welcher mir knapp zunickte, als Zeichen, dass ich dem Befehl des Mannes folgen sollte.
    Also stellte ich mich auf einen der Kreise. Tae stellte sich auf den Kreis neben meinem und auch die anderen verteilten sich, bis schließlich jeder Kreis belegt war. Nervös schauten wir uns nun alle um und warteten ängstlich darauf, dass etwas passierte.
    Schließlich ertönte plötzlich eine vertraute Stimme aus der Ecke der unterirdischen Halle. Es war der Kumpan von Hisoka und Hisoka selbst stand neben ihm. Er sprach mit etwas zittriger Stimme, wie immer:„Seid gegrüßt. Jetzt seid ihr hier alle versammelt. Gleich werdet ihr in die Arena geschickt. Um genau zu sein, werdet ihr jetzt in die Arena geschickt. Es geht los, sobald das Signal ertönt. Viel Glück also euch allen. Mögen die Kämpfe beginnen!"
    Und schon bewegten sich die runden Plattformen, auf denen wir standen auf einmal nach oben und führten uns durch Röhren in der Decke an das Tageslicht.
    Nervös stand ich nur da und bekam beinahe eine Panikattacke.
    Doch, als wir plötzlich alle oben angekommen waren, standen wir auf einmal alle wieder in dem Kreis dort. Nervös schaute ich nun zu Tae hinüber. Dieser schien nun auch sichtlich nervös und lächelte mich etwas verkrampft an. Auch zu dem Rest unserer Gruppe wanderte mein Blick.
    Karolin stand mit ernstem Blick da und sah schon so aus, als würde sie jeden Moment davonsprinten.
    Malou stand eine Markierung weiter und blickte die ganze Zeit nervös zu Karolin, als würde sie bei ihr Hilfe suchen. Federica und Akiko blickten einfach nur nervös umher und blieben mit ihrem Blick schließlich bei Karolin hängen. Sie hatte nämlich sozusagen den Plan entworfen, wie wir davonkommen sollten und sie zeigte nun auch in die Richtung, in die wir rennen sollten.
    Juan stand zu meiner Verwunderung relativ ruhig da und wartete einfach auf das Startsignal.
    Lívia hingegen stand mit entschlossenem Blick da und schaute zu Tae und mir, bereit, um jeden Moment loszusprinten.
    Ich hingegen schaute wieder zu Tae, welcher auch mich anschaute.
    Plötzlich ertönte ein lautes Geräusch und ich wusste, dass es das Startsignal war. Jetzt geht es los. Jetzt heißt es: Renne um dein Leben!

    39
    Das laute Startsignal ertönte und dröhnte noch einen Moment in meinen Ohren, sodass mir erst sehr schwindelig wurde. Nach einigen wenigen Sekunden fing ich mich wieder und sah, wie die Leute überall wegrannten. Ich erkannte, wie Karolin Malou am Arm hielt und sie mit sich zog, in den Wald. Akiko und Federica folgten ihr, ebenso wie Juan.
    In dem Moment war ich irgendwie verwirrt, bis plötzlich Tae meinen Arm griff und mich mitzog, hinter Karolin hinterher. Lívia rannte neben uns her und ich drehte mich während des Rennens noch Mal schnell um. Ich erkannte vier Leute, die unbewegt beisammen auf der Lichtung standen und einfach nur finster hinter uns her starrten. Sie sahen so gelangweilt und finster aus, als würde diese Situation ihnen gar nichts ausmachen.
    Ich bekam irgendwie etwas Angst vor ihnen und rannte Tae nur schnell hinterher. Dieser schien nämlich Karolin und die anderen immer noch im Blick zu haben, während ich sie schon verloren hatte. Eine Weile rannten wir einfach und so langsam ging mir schon die Puste aus, bis wir plötzlich endlich zum Stehen kamen und ich sah nun auch wieder die anderen aus unserer Gruppe.
    Wir standen alle auf einer kleinen Lichtung, mitten im Wald. Abgesehen von uns war niemand anderes in der Nähe zu sehen. Nur wir standen alle prustend dort, während Karolin ihren Blick durch die Runde schweifen ließ und dann kurz zu sich selbst nickte. Nun erhob sie die Stimme:„Es sind alle da, das ist schon mal gut. Aber jetzt brauchen wir einen Plan." Ich sah Akiko nur stumm zustimmend nicken, während Federica nun ihre Stimme hob:„Vielleicht können wir uns einfach verstecken." Malou, welche sich etwas ängstlich an Karolins Arm klammerte, murmelte:„Ja, aber die Frage ist, wo wir uns verstecken..." Karolin schaute sich nun etwas nachdenklich um und meinte schließlich:„Wir sollten vielleicht erstmal weitergehen, bis wir etwas näher am Rand der Arena sind. Wenn man das hier überhaupt Arena nennen kann. Für mich ist es eher eine eingegrenzte Landschaft. Naja, wir sollten auf jeden Fall näher zum Rand vorschreiten. Dort halten sich weniger Leute auf." Ich sah, dass alle zustimmend nickten, woraufhin Karolin zufrieden nickte und ging dann direkt los. Dabei sagte sie in ernstem Tonfall:„Denkt dran, dass wir zusammenbleiben müssen. Wenn jemand gesehen wird, der nicht zu unserer Gruppe gehört, wird das sofort gesagt. Und, wenn ihr mal ne Pause braucht, könnt ihr das auch ruhig sagen."
    So gingen wir unter Karolins Führung los. Tae und ich liefen etwas weiter hinten, Lívia einige Meter schweigend neben uns.
    Leise unterhielten Tae und ich uns. „Es ist schon irgendwie seltsam, auf einmal hier als Gruppe unterwegs zu sein", fing Tae das Gespräch leise an. Ich erwiderte leicht lächelnd:„Schon. Es erinnert mich ein bisschen daran, als ich früher mal ins Zeltlager gefahren bin. Da haben wir im Wald Spiele in Gruppen gespielt und unsere Gruppe hat sich verirrt." Belustigt grinste Tae mich an und schaute nun etwas um sich. Dann meinte er plötzlich grinsend:„Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie die kleine (d/n) verloren im Wald rumrennt." Beleidigt spielend boxte ich meinem Kumel daraufhin leicht gegen den Arm und murrte:„Ich war ja nicht alleine und außerdem war ich da gar nicht mehr so klein. Ich war etwa 12 Jahre alt." Grinsend erwiderte Tae nun stumpf:„Sag ich doch, die kleine (d/n)." Amüsiert lächelte ich nur und schaute nun nach vorne, um zu sehen, wo wir langgehen wollten. Dabei sah ich auch, wie Malou dicht neben Karolin ging, als suche sie bei ihr Schutz. Juan lief ruhig neben ihnen und Federica wiederum lief neben ihm und textete ihn zu. Jedoch schien er gar nicht wirklich zuzuhören. Akiko lief mittlerweile neben Lívia und versuchte wohl, ein Gespräch mit ihr aufzubauen, das jedoch eher holprig endete.
    Belustigt lächelte ich leicht vor mich hin, drehte mich jedoch immer wieder nervös um, aus Angst, dass vielleicht plötzlich jemand hinter uns war. Tae bemerkte meine Nervosität natürlich und versuchte, mich etwas abzulenken, indem er meinte:„Dieser Wald hier ist sehr interessant. Sieht aus, wie ein Urwald. Was meinst du?" Leise gab ich nur von mir:„Ich weiß es nicht, aber ich hoffe eigentlich, dass es kein Urwald ist. Sonst haben wir demnächst irgendwelche Schlangen vor uns sitzen..."
    Wir liefen schon seit mehreren Stunden und der Weg war komplett verwuchert, sodass es uns immer schwerer fiel, ihn zu gehen.
    Schließlich sprach Federica den Wunsch von wohl uns allen aus:„Können wir bitte eine Pause machen? Ich kann nicht mehr..." Zustimmend nickte Karolin an der Spitze und sprach selbst schon keuchend:„Ja, wir legen hier eine Pause ein." Somit blieb sie stehen und auch die anderen gingen nicht mehr weiter. Erschöpft ließ ich mich nun an einem Baum nieder und lehnte mich dagegen. Ich sah, wie Federica zu mir kam, während Tae sich mittlerweile zu Akiko gesellt hatte. Dies machte mich jedoch ehrlich gesagt etwas eifersüchtig, da sie sich wirklich gut unterhielten und Akiko dazu auch noch sehr hübsch war. Jedoch versuchte ich einfach, diese Eifersucht auszublenden und lächelte stattdessen Federica an.
    Diese lächelte erschöpft, aber trotzdem gut gelaunt zurück und meinte:„Hey, wie geht's so?" Schwach lächelnd erwiderte ich nur:„Mir geht's ganz gut. Dir?" Mal wieder voll in ihrem Element brabbelte Federica:„Mir geht's auch gut. Naja, den Umständen entsprechend halt. Aber ich bin wirklich froh, dass wir diese Gruppe gebildet haben. Wir harmonieren alle ganz gut zusammen und so sind wir auch gleich viel sicherer." Zustimmend nickte ich nur lächelnd und schaute mich dann etwas um. Karolin hockte gedankenverloren auf einem Stein und schien nachzudenken, während Malou wie eine Klette neben ihr saß und sich interessiert umschaute. Juan hatte sich entspannt auf den Boden gelegt und sah so aus, als würde er schlafen. Tae und Akiko unterhielten sich immer noch, doch ich schaute schnell weg, weil ich nicht wieder eifersüchtig werden wollte. Stattdessen schaute ich zu Lívia, die am Rand hockte und gerade einen leichten Nebel zwischen ihren Fingern balancierte.
    Plötzlich erhob Karolin ihre Stimme:„Wie gut kommt ihr mit euren Kräften klar? Wenn wir angegriffen werden, müssen wir uns verteidigen können. Wer kann also schon was, beziehungsweise was nicht?" Erwartungsvoll schaute Karolin uns nun alle an und Federica fing direkt an, ihren Roman zu erzählen:„Ich bin noch nicht sooo gut, aber ich kann immerhin Wasser etwas in der Luft bewegen. Wenn also irgendwo Wasser ist, kann ich es sozusagen hochheben und durch die Luft schweben lassen." Weiter kam Federica jedoch nicht, denn sie wurde von Karolin unterbrochen, indem sie recht desinteressiert murrte:„Supidupi. Taehyung, was ist mit dir?" Belustigt lächelte ich bei Karolins Reaktion, da man merkte, dass Federicas ständiges Gerede ihr scheinbar etwas auf den Geist ging. Tae erzählte nun knapp:„Ungefähr das selbe wie Federica, aber ich habe auch nicht viel mehr ausprobiert." Knapp nickte die Anführerin unserer Gruppe daraufhin und fragte Akiko. Diese antwortete mit ihrer leisen Stimme:„Ich kann Licht erzeugen, aber eher so, dass ich es zwischen meinen Händen balancieren kann." Dies führte sie direkt vor, indem sie einen Lichtball in der Große eines Fußballs zwischen den Händen, in der Luft, balancierte. Zufrieden nickte Karolin und fragte auch schnell die anderen. Dabei stellte sich heraus, dass Malou und Juan leichte Erhebungen im Boden hervorrufen lassen konnten und Lívia einen Raum mit Nebel füllen konnte.
    Als letztes wurde ich befragt und es war mir beinahe etwas peinlich, als ich erzählte:„Ich gefriere jedes Wasser, das ich berühre, kann es aber nicht wieder zurückwandeln. Aber Tae kann es..." Diese Aussage nickte Karolin auch nur schnell weg und erklärte nun noch irgendetwas, doch ich hörte gar nicht wirklich zu.
    Stattdessen war ich zu sehr damit beschäftigt, nachzudenken. Wir sind scheinbar alle noch nicht ganz so überragend mit unseren Kräften, aber ich bin immer noch das Schlusslicht. Was, wenn ich die Gruppe damit gefährde, dass ich meine Kraft nicht kontrollieren kann? Was, wenn ich uns alle in Gefahr bringe? Was, wenn wir meinetwegen sterben? Warum bin ich nur so inkompetent?

    40
    Erschöpft trottete ich neben Federica her, die scheinbar unermüdlich redete. Sie erzählte gerade von ihrem Leben in Italien und schwärmte:„Ich lebe dort in Rom, nicht weit vom Petersdom entfernt. Es ist wunderschön dort. Das inspiriert mich sehr, was mir sehr zugute kommt, da ich Künstlerin bin." Ich war zwar müde und konnte kaum mehr einen Schritt weitergehen, aber mein Interesse hatte sie geweckt und ich fragte:„Echt? Hört sich wirklich interessant an. Aber verdient man als Künstlerin denn überhaupt genug Geld, um sich über Wasser zu halten?" Etwas verlegen wirkend meinte Federica nun:„Naja, man verdient wirklich nicht allzu viel. Zumindest nicht, wenn man nicht einfach irgendwelche Werke verkauft, die man mal gemalt hat, ohne dafür irgendwelche Vorlagen bekommen zu haben. Meistens bekomme ich nämlich Aufträge von reichen Leuten, dass ich Portraits oder derartiges malen soll. Besonders von der Kirche bekomme ich recht viele Aufträge. Aber ich halte mich meistens gut bei Laune. Ich arbeite nämlich gleichzeitig als Kellnerin und Händchen für alles in der Pizzeria meines Onkels. Somit komme ich ganz gut um die Runden." Irgendwie bewundernd lächelte ich die freundliche, junge Frau an. Sie war mir sehr sympathisch. Vor allem, weil sie trotz der misslichen Lage stets bei Laune blieb und andere auch etwas damit ansteckte. Ich hatte ein wenig das Gefühl, dass Federica in unserer Gruppe dafür sorgte, dass keine Aggressionen oder so ausbrachen. Denn die hätte ich mir sehr gut vorstellen können in dieser Situation mit so vielen Leuten und unter so einem Druck.
    Stattdessen siegte momentan eher die Müdigkeit, da seit unserer letzten Pause wieder einige Stunden vergangen waren und ich hörte Karolin an der Spitze fauchen:„Wie weit reicht diese blöde Arena denn? Ich krieg die Krise mit diesen blöden Pflanzen im Weg und diese Insekten nerven auch gewaltig, die hier überall schwirren. Ich weiß nicht mal, was das für Viecher sind..." Beinahe etwas belustigt lächelte ich, konnte Karolin aber nur Recht geben. Und da war ich wohl nicht alleine. Wir waren alle erschöpft und so langsam fing es auch schon an, zu dämmern.
    Deshalb rief Karolin nun zur Rast aus, über die sich alle sehr freuten. Sie erläuterte:„Es dämmert bereits und wir sind alle müde. Wir werden hier eine Art Lager aufschlagen und die Nacht verbringen." Ich hörte Tae erleichtert neben Akiko murmeln:„Danke. Meine Grundbedürfnisse sind nämlich schon ganz unten angelangt." Daraufhin erwiderte Federica in ihrer unbeschwerten Art:„Grundbedürfnisse ist ein gutes Stichwort. Ich hab Hunger." Ich sah, wie daraufhin alle nickten und auch ich merkte jetzt, wie hungrig ich war." Knapp meinte Karolin nun:„Gut. Dann sollten wir vielleicht nach etwas zu essen suchen. Fragt sich nur, was wir essen sollen. Wir sind nämlich, so wie es aussieht, in einem Urwald oder dergleichem und da kommt es auch gerne mal vor, dass die ein oder andere Beere giftig ist." Ich schaltete mich nun ein:„Das stimmt wohl. An sich gibt es hier genug Beeren, aber die meisten davon sehen schon giftig aus." Nachdenklich sah ich Karolin nur nicken, bis sie mit ihrem gewohnt ernsten, beinahe verärgertem, Blick fragte:„Kennt sich jemand von euch mit Pflanzen aus?" Stumm schüttelten die meisten den Kopf, doch die sonst eher schweigende Lívia räusperte sich auf einmal wie aus dem Nichts:„Ich kenne viele Pflanzen, da ich in Rio de Janeiro fast schon an einem Dschungel gewohnt habe." Zufrieden nickte Karolin nun und murmelte:„Wunderbar. Dann sollten drei Leute vielleicht, unter Lívias Führung, nach Nahrung suchen und der Rest bleibt hier. Ich werde wohl bei der Nahrungssuche helfen. Wer kommt noch mit?" Juan meldete sich direkt zu Wort, dass er mitkommen wolle und so sprach Karolin:„OK, wunderbar. Dann gehen wir jetzt los. Wir werden uns wohl auch nicht allzu weit entfernen. Wichtig für euch ist nur zu wissen, dass ihr zusammenbleiben müsst. Auch, wenn ihr vielleicht angegriffen werdet, müsst ihr zusammenbleiben. Niemand wird zurückgelassen! Verstanden?" Gehorchsam nickten wir wie im Chor und schon verschwanden die drei im Gebüsch.
    Solange setzten wir uns alle auf den dicht bewachsenen Boden und warteten darauf, dass die kleine Truppe wiederkam.
    Ich saß mal wieder mit Federica zusammen, während Tae sich mit Akiko und Malou unterhielt. Mal wieder etwas eifersüchtig schielte ich zu den dreien rüber, da es mir tatsächlich nicht passte, dass Tae und Akiko sich so gut verstanden. Jedoch versuchte ich einfach, dieses Gefühl abzuschütteln und unterhielt mich weiter mit Federica:„Irgendwie fühle ich mich sehr wohl in dieser Gruppe. Du nicht auch?" Begeistert nickte die lockenköpfige Italienerin nun und fügte hinzu:„Wir verstehen uns alle ziemlich gut und meiner Meinung nach passen wir sehr gut aufeinander auf." Zustimmend nickte ich lächelnd und meinte:„Das stimmt. Vor allem Karolin passt gut auf alle auf. Sie legt sehr viel Wert darauf, dass alle gleich behandelt werden und, dass niemand zurückgelassen wird, wie es mir scheint. Ich glaube, in ihr haben wir eine Art Anführerin gefunden." Lächelnd sprach Federica:„Ja, aber sie macht ihren Job wirklich gut. Ich finde es irgendwie lustig, dass sie unsere Anführerin ist. Schließlich ist sie noch sehr jung und, wenn man mal so überlegt, wir sind 5 Jahre älter als sie." Etwas belustigt grinste ich und stimmte zu.
    Wenige Minuten später kamen Karolin, Juan und Lívia auch schon zurück. Sie trugen alle die Arme voll mit Beeren oder anderen Pflanzen und Früchten. Diese legten sie nun auf einem flachen Stein ab und Karolin ergriff das Wort:„Wir sind wieder da. Also, wir haben hier einfach mal alles Essbare mitgebracht. Lívia hat uns genau gezeigt, was man essen kann und was nicht. Also braucht man eigentlich keine Angst haben, tot umzufallen." Etwas belustigt fragte Tae nun plötzlich:„Und uneigentlich?" Etwas finster schaute Karolin den perfekten Mann nun an, lächelte dann aber leicht und erwiderte schlechthin:„Und uneigentlich könnten wir trotzdem daran sterben, aber das ist dann nicht Lívias Schuld. Haut rein, mit dem besten Gefühl, dass ihr sterben könntet, es aber wohl nicht werdet."
    Belustigt grinste ich. Ich mochte Karolins Sarkasmus und stand auch direkt von meinem Platz auf, nahm mir zwei seltsam geformte, gelb-orange Früchte und ging damit zurück zu Federica. Ich drückte ihr die eine Frucht in die Hand und wir aßen sie.
    Mittlerweile hatten wir alles, was die drei mitgebracht hatten, aufgesgessen und erfreuten uns bester Gesundheit, während es schon stockduster war.
    Lívia lag bereits mucksmäuschenstill an einen Baum gelehnt und schien zu schlafen. Malou hatte sich neben Karolin zusammengerollt und gähnte lang. Federica war mittlerweile wieder zu Akiko gegangen und ich saß nun alleine vor einem breiten Baum und beobachtete alle. Juan und Karolin waren noch wach und unterhielten sich leise auf Spanisch.
    Tae saß nicht weit von mir entfernt und plötzlich bemerkte ich, dass er mich beobachtete. Verlegen lächelte ich ihn an und er grinste etwas frech zurück. Mit diesem Grinsen stand er auch von seiner Stelle auf und hockte sich neben mich. Verlegen versuchte ich, ein Gespräch zu beginnen:„Du hast dich ja echt gut mit Akiko unterhalten." Knapp nickte Tae:„Ja, sie ist sehr nett und höflich. Man kann sich wirklich gut mit ihr unterhalten." Nachdenklich nickte ich nur und ärgerte mich insgeheim darüber, dass die beiden sich gut verstanden, bis Tae murmelte:„Und du hast dich gut mit Federica verstanden?" Knapp nickte ich nur und meinte etwas emotionslos klingend:„Ja, das hab ich schon immer. Sie ist sehr sympathisch. Sie verbreitet gute Laune." Zustimmend nickte Tae daraufhin lächelnd und meinte:„Ich werde so langsam ziemlich müde. Du auch?" Belustigt sprach ich:„Wenn du müde bist, geh doch einfach schlafen. Tu dir keinen Zwang an." Belustigt grinste Tae mich an und murmelte nur:„Na gut, dann leg ich mich jetzt schlafen." Mit den Worten legte er seinen Kopf auf meine Schulter, schloss seine Augen und fiel so langsam in den Schlaf. Belustigt lächelte ich den schlafenden Mann nur an.
    „Jemand muss Wache halten. Ich mache das, aber nach der halben Nacht sollte mich vielleicht jemand ablösen", flüsterte Karolin in die teils schlafende, teils wache Runde. Kurzerhand sprach Federica:„Ich übernehme dann wohl die andere Hälfte der Nacht." Dankbar nickte Karolin nur und murmelte noch:„Dann solltet ihr jetzt schlafen gehen. Morgen wird wieder ein anstrengender Tag. Da solltet ihr wenigstens etwas ausgeschlafen sein."
    Ein anstrengender Tag... Ja, das wird es sicherlich werden... Gedankenverloren schaute ich nun den schlafenden Tae an. Er schlief so friedlich, dass er einem Engel glich. Er ist so schön, aber ich werde ihn niemals mein Eigen nennen können, deswegen ist es auch eigentlich gar nicht wichtig. Meine Gefühle sind eigentlich auch nicht wichtig... Wichtig ist nur, dass wir überleben werden und, dass Tae bei mir ist. Wenn er auch nur als Kumpel an meiner Seite ist. Die Hauptsache ist wirklich einfach, dass wir alle zusammenbleiben. Nur so können wir überleben... Und ich hoffe, das werden wir auch wirklich...

    41
    Die Sonne stand gerade mal knapp über den hohen Bäumen und ließ den Wald in seiner ganzen Schönheit erstrahlen.
    Plötzlich spürte ich ein Pieksen in meiner Wange und ich wandte mich erst einfach wild herum, bis ich dann doch die Augen öffnete und in Taes belustigtes Gesicht blickte. Müde murrte ich:„Was los?" Grinsend erwiderte der gutaussehende Mann nun:„Wir wollen aufstehen und überlegen, was wir als nächstes machen." Seufzend setzte ich mich nun auf und blickte mich um. Es waren fast alle wach.
    Nur noch Karolin schlief tief und fest. Leise fragte ich Tae gähnend:„Karolin schläft noch?" Knapp nickte er belustigt und meinte:„Wir versuchen schon seit 20 Minuten, sie zu wecken. Sie scheint zwar auch noch zu leben, macht aber keine Anstalten aufzustehen." Malou, welche das Gespräch wohl mitgehört hatte, lachte nun:„So ist sie immer. Zumindest kenne ich sie nicht anders. Karolin könnte den ganzen Tag lang schlafen." Belustigt lächelte ich und fragte:„Du warst mit Karolin auf einem Zimmer, oder?" Knapp nickte das Mädchen nur und ich schaute wieder zu Karolin. Diese lag immer noch unbeweglich da und murrte schlecht gelaunt irgendwas vor sich hin. Juan, der an ihr rüttelte, seufzte verzweifelt in seinem schlechten Englisch:„Sie will einfach nicht aufstehen. Bist du sicher, dass sie nicht krank ist, Malou?" Grinsend meinte Malou:„Ja, ziemlich sicher." Ich musste nur leicht grinsen, doch Tae meinte auf einmal:„Ich hab ne Idee." Dann hob er seine Hände etwas an und plötzlich hoben sich viele Wassertropfen aus dem Boden. Diese sammelte er zu einem großen Wasserball an und ließ ihn über Karolins Kopf schweben. Grinsend senkte er nun seine Hände und mit ihnen fiel auch das Wasser herunter, auf Karolins Kopf.
    Augenblicklich schnellte Karolin hoch und fauchte:„Welcher Vollhong war das?" Wütend blickte sie sich nun um und erblickte Tae. Dieser grinste sie nur frech an, sie stand auf, ging ruhig zu ihm und gab ihm dann einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. Dabei fauchte sie:„Mach das nie wieder! Ich hasse die Nässe! Du kannst mich gerne durch die Gegend tragen oder sonst was, aber bei Wasser hört die Liebe dann auf." Gespielt entschuldigend blickte Tae Karolin nun an und jammerte in einer Kinderstimme:„Ja, Karolin. Ich werde es nie wieder tun, versprochen." Jedoch fing Tae daraufhin an, zu lachen und Karolin schenkte ihm einen bösen Blick.
    Das Wasser trief ihr immer noch von der Kleidung und von den Haaren. Immer noch verärgert schaute die 15-jährige an sich herunter und erzeugte dann plötzlich einen kleinen Wirbelsturm, der sie umhüllte und augenblicklich waren ihre Klamotten trocken.
    Mit ihrem ernsten Blick schaute sie uns nun alle an und schien durchzuzählen, ob alle da waren. Als sich ihr das bestätigt hatte, ergriff sie das Wort:„Wir sollten nun weitergehen. Auf dem Weg können wir nach etwas zu essen suchen. Und vielleicht solltet ihr auch versuchen, eure Kräfte zu trainieren. Im Falle eines Falles sollten sie zu gebrauchen sein. Und glaubt mir, dieser Fall wird ganz sicher eintreffen." Beinahe etwas verängstigt sah ich sie an. Dieser Fall wird eintreffen. Ja, da hat sie sicher recht. Irgendwann wird uns ein Feind über den Weg laufen und dann müssen wir gewappnet sein. Aber ich glaube nicht, dass ich das schaffe...
    Tae schien die Sorge in meinem Blick zu erkennen, denn er stupste mich aufmunternd an und meinte:„Du kriegst das noch hin, keine Sorge." Dankbar lächelte ich ihn an und fragte mich insgeheim, ob er Gedanken lesen könne.
    Wir liefen weiter und waren seit einigen Minuten unterwegs. Karolin lief wieder recht weit an der Spitze und unterhielt sich mit Lívia. Das erfreut mich ziemlich, da Lívia vorher doch ziemlich verklemmt gewesen war und nun schien sie durch Karolin etwas aufgetaut. Die Brasilianerin hielt währenddessen Ausschau nach etwas Essbarem und jedes Mal, wenn sie dann etwas sah, holte sie dies und gab es jemandem. Dabei kletterte sie oft flink auf Bäume. Bewundernd schauten wir ihr dann alle dabei zu und Karolin lobte:„Du scheinst dich im Klettern ja wirklich gut auszukennen." Etwas verlegen lächelte uns Lívia nun an und murmelte irgendwie dankbar:„Ja, ich war früher oft im Dschungel, am Rand der Stadt. Dort habe ich auch das Klettern erlernt." Als Zeichen ihrer Bewunderung klopfte unsere Anführerin ihr dann kurz auf die Schulter und meinte dann in ihrer gewohnt ernsten Stimme:„OK, dann lasst uns mal weitergehen."
    So geschah es und wir gingen weiter. Mittlerweile hatte auch jeder etwas zum Essen bekommen und ich lief gedankenverloren neben Taehyung her.
    Auf einmal bemerkte ich, wie er mich ansah und ich fragte etwas verlegen:„Ist etwas? Hab ich was im Gesicht?" Belustigt lächelte Tae nun und meinte:„Ja, du hast da sowas." Dabei kniff er einmal in meine Nase und meinte grinsend:„Seltsam. Geh gar nicht ab." Mich veräppelt fühlend blickte ich ihn an und er lachte:„Nein, Spaß. Du hast, abgesehen von deiner Nase, nichts im Gesicht. Ich schaue dich nur gerne an." Verwirrt hob ich eine Augenbraue und lachte:„Aha? Und warum schaust du mich gerne an? Brauchst du was zum Lachen oder was?" Belustigt lächelte Tae noch und beteuerte:„Nein, dein Gesicht ist nicht zum Lachen. Es ist sehr hübsch. Deswegen schaue ich es gerne an." Daraufhin lief ich natürlich wieder augenblicklich rot an und Tae grinste:„Da ist mein Tomätchen ja wieder."
    Karolin, die vorne zwischen Malou und Lívia lief, rief belustigt:„Na, flirtest du wieder mit (d/n), Tae? Vielleicht hatte Hobi ja doch recht." Beleidigt schaute Tae sie finster an und drohte:„Soll ich dir wieder Wasser über den Kopf gießen?" Schmunzelnd erwiderte Karolin nun:„Nein, danke. Ich verzichte. Lass dich doch nicht von mir ärgern. Ich bin 15 und du 24. Und ich mache doch nur Scherze." Zwar immer noch etwas beleidigt, aber hauptsächlich belustigt lächelte Tae und, da die anderen alle noch kicherten, verteidigte Karolin Tae wieder auf ihren eigenen Spruch hin:„Vielleicht ist er auch einfach nur charmant. Charme ist euch wohl nicht gegeben, also macht euch darüber nicht lustig." Dankbar lächelte Tae nun irgendwie und ich blickte einfach zur Seite. Ist Tae wirklich nur charmant? irgendwie hoffe ich doch tatsächlich, dass er nicht einfach nur charmant ist... Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es so ist, ist sehr gering. Warum mache ich mir also überhaupt Hoffnungen?
    Wir gingen weiter und mittlerweile hatte sich Tae zu Juan gesellt. Ich sprach unterdessen mit Federica. Wir liefen weiter hinten und bildeten die Nachhut. Federica murmelte gerade gut gelaunt vor sich hin:„Wir bilden irgendwie schon ne lustige Truppe. Tae der Charmante, Lívia die Überlebenskünstlerin, Juan der Ruhepol, Akiko die Höfliche, Malou das Nesthäkchen, Karolin die Anführerin, ich, die Stimmungsmachende und du, die, die unter Taes Charme leiden muss." Belustigt grinste ich und irgendwie hatte sie recht. Ich ergänzte:„Wir sind ein bisschen wie eine Familie. Eine ziemlich seltsame Familie. Und Karolin ist dabei ein bisschen wie eine Mutter, die sich um alle kümmert." Federica murmelte:„Ja, das ist wohl so. Ich finde es toll, wie sie Wert darauf legt, dass jeder gleich behandelt wird und, dass niemand zurückgelassen wird." Zustimmend nickte ich nur und fragte mich insgeheim, wie Karolin in dem jungen Alter schon so reif war.
    Gerade erzählte Federica von ihrer Katze, als vorne plötzlich alle stehenblieben und ich noch einen leisen Schrei hörte und, wie Karolin und Juan plötzlich voreilten und Malou an den Armen hielten. Verwundert schauten wir nach vorne und sahen, dass dort eine riesige Schlucht war und Malou beinahe hineingefallen wäre. Nur Juan und Karolin, die sie an den Armen festhielten, verhinderten das noch. Schnell zogen die beiden Malou von der Kante und sie atmete schnell vor lauter Aufregung und hielt sich, nach Schutz suchend, an Karolin fest.
    Diese schaute nun die Schlucht entlang und meinte ernst:„Scheint so, als müssten wir sie umgehen. Oder aber Juan oder Malou versuchen, mit ihren Kräften eine Art Brücke aus Stein zu bauen." Mit diesen Worten schaute sie die beiden an und meinte:„Das wäre doch eigentlich ne schöne Übung. Versucht es doch mal."
    Ich sah nur, wie Juan ruhig nickte und sich auf einmal auf den Boden kniete, während er die Hände auf die Erde legte.
    Plötzlich ragte ein Fels aus der Kante und erstreckte sich wie eine Brücke über die tiefe Schlucht. Bewundernd sah ich Juan an und klatschte begeistert:„Wow, Juan, das ist ziemlich gut!" Zustimmend nickte Karolin daraufhin knapp und murmelte:„Dann muss sie nur noch halten."
    Gerade wollte Karolin noch etwas sagen, da ging Malou plötzlich schon einfach rüber. Doch auf einmal hörte man ein leises Knacken und die Steinbrücke rutschte etwas nach unten. Streng und etwas panisch schrie Karolin:„Malou, komm sofort zurück!"
    Doch in dem Moment sackte der Stein noch weiter runter und Lívia sprintete ebenfalls über die Steinbrücke, schubste Malou rüber, sodass sie auf der anderen Seite stand und sprang selbst von dem gerade herunterfallenden Stein ab, bis sie mit ihren Händen an der Kante zur anderen Seite baumelte. Schockiert schauten wir zu, wie Lívia dort baumelte und ich rief in Panik ihren Namen. Doch in dem Moment zog Lívia sich selbst schon hoch, sodass sie neben Malou hockte. Erleichtert atmeten wir alle aus und Karolin schimpfte rüber:„Was sollte das, Malou? Ich hab doch gesagt, wir müssen erst schauen, ob es hält!" Traurig murmelte Juan:„Nein, es ist meine Schuld... Ich habe sie nicht stabil genug gebaut."
    Karolin schaute ihn jedoch nur streng an und erwiderte gereizt:„Es ist nicht deine Schuld. Malou hätte einfach nur warten sollen."
    Malou schaute auf der anderen Seite betroffen nach unten und Karolin sprach gestresst:„Naja, ist jetzt ja auch egal. Wichtig ist, dass wir wieder zueinanderfinden. Wir gehen jetzt die Schlucht entlang und gut ist. Es ist ja zum Glück gut gegangen..."
    Immer noch schockiert schaute ich zu Malou und Lívia, während Karolin schon losging, die Schlucht entlang.
    Das hätte ganz schön schiefgehen können... Wenn wir nach nicht mal einem Tag schon fast jemandem durch so etwas verloren hätten, wie soll das dann auf Dauer werden?

    42
    Moin Leude. Eigentlich wollte ich heute, naja eigentlich ja gestern, weil es 01:21 Uhr ist, ein neues Kapitel veröffentlichen. Ich habe es auch geschrieben und war fast fertig, bis auf einmal das Internet abgestürzt ist und das Kapitel verloren gegangen ist. Danach war ich erst mal kurz davor, die Mücke in meinem Zimmer aus Wut gegen die Wand zu klatschen, hab es aber nicht hinbekommen, weil ich inkompetent bin und hab mir stattdessen eine Schokolade reingepfiffen und mein Handy fallen gelassen. Das war sehr schön.
    Um auf den Punkt zu kommen... Tut mir leid, dass ich jetzt nicht das ganze Kapitel noch einmal schreibe, aber dazu habe ich momentan keine Nerven.
    Grüße gehen raus an der Stelle an die Mücke, die mir gerade ganz wunderbar Beistand leistet.
    Dafür werde ich morgen (*heute) ein neues Kapitel schreiben.
    Und jetzt erst mal gute Nacht. XD




    Schlecht gelaunt ging Karolin vorne voraus, während Lívia und Malou auf der anderen Seite der Schlucht liefen und schwiegen. Tae lief neben Akiko, während ich und Federica nur knapp hinter Karolin und Juan liefen. Karolin starrte etwas brummig vor sich hin, während auch Juan etwas betrübt schien. Das bemerkte unsere Anführerin natürlich sofort und redete auf Spanisch auf Juan ein. Zwar verstand ich kein Wort, doch Juans Gesichtsausdruck zu urteilen, schien sie ihn irgendwie aufzumuntern. Leise unterhielten sich die beiden dann noch etwas, während Karolin wie immer etwas schlecht gelaunt aussah. Brummig schien Karolin irgendwie immer, zumindest kannte ich sie nicht anders. Zwar war sie immer freundlich und höflich und verstand auch durchaus Spaß, aber schlecht gelaunt, oder wenigstens müde oder gestresst, schien sie trotzdem immer. Aber ich glaube, es lag auch einfach in ihrer Natur, brummig zu gucken. Ich wusste nicht, ob sie vielleicht eigentlich nur so brummig guckte und in Wahrheit ganz gut drauf war, denn sobald man sie ansprach, hörte sie sich vollkommen normal an, wenn auch manchmal mit einem etwas müden Unterton.
    Doch anstatt mir weiter Gedanken über Karolins Stimmung zu machen, unterhielt ich mich nun mit Federica, die mal wieder voll in ihrem Element plapperte:„Zum Glück ist alles gut gegangen. Lívia sei Dank. Aber das war echt mutig von ihr, wie sie einfach über die Schlucht gesprungen ist, um Malou zu retten." Mit einem bewunderndem Blick zu Lívia auf der anderen Seite der Schlucht murmelte ich zustimmend:„Ja, das war es wirklich. Sie hat ihr eigenes Leben für das von Malou aufs Spiel gesetzt..."
    Wir liefen nun seit schon knapp einer Stunde die Schlucht entlang und mittlerweile hatten sich auch die Grüppchen geändert. Tae lief nun wieder neben mir, was ich ganz gut fand, da ich zu eifersüchtig geworden war, wenn er bei Akiko gewesen war. Federica hingegen war nun zu der Japanerin abgezischt und auch Juan hatte sich zu den zwei hübschen Frauen gesellt, sodass Karolin vorne nun alleine langlief, den Blick stets auf die zwei jüngsten Gruppenmitglieder, auf der anderen Seite der gähnenden Sclucht, gerichtet.
    Unterdessen jammerte Tae leise neben mir:„Wie lang will diese blöde Schlucht denn noch gehen? So langsam tun mir echt die Füße weh..." Mitleidig lächelte ich ihn nur an und gab ihm recht. Auch mir ging es so langsam ziemlich auf die Nerven, dass wir hier die ganze Zeit an dieser dummen Schlucht entlangliefen.
    Ich wollte auch gerade meine Stimme erheben, als Karolin vor uns wie gerufen plötzlich gut gelaunt sprach:„Ich sehe das Ende der Schlucht!"
    Tatsächlich war unsere Gruppe wenige Minuten später schon wieder vereint und wir standen alle beisammen. Die Möglichkeit nutzte Karolin erstmal, um Malou noch einmal eine Moralpredigt zu halten. Daraufhin blickte die 10-jährige Afrikanerin nur beschämt und traurig auf den Boden. Leise seufzte Karolin nun und ergriff wieder das Wort:„Ist jetzt ja auch egal. Es ist alles gut gegangen und für's nächste Mal weißt du jetzt bescheid. Wir gehen jetzt erstmal noch etwas weiter, bis wir von dieser Schlucht etwas entfernt sind und lassen uns dann für die Nacht nieder."
    Wie gesagt, so getan. Nachdem wir wieder etwa eine viertelstunde gelaufen waren, errichteten wir eine kleine Art Lager. Dort ließ ich mich erschöpft an einem Baum nieder und seufzte irgendwie etwas glücklich:„Nie wieder werde ich so viel laufen." Doch Karolin erwiderte sofort stumpf:„Das wirst du aber müssen, wenn du nicht umkommen willst. Morgen werden wir schon weiterziehen müssen. Je mehr wir uns von den anderen entfernen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns nicht finden oder wenigstens sehr viel länger dafür brauchen. Die Zeit können wir gut nutzen, denn wie man so schön sagt, Zeit ist Geld!" Leise seufzte ich, denn ich wusste, dass Karolin recht hatte und sie fügte noch hinzu:„Die Zeit sollten wir nutzen, indem wir unsere Kräfte trainieren. Wie ihr heute gesehen habt, ist es von Nutzen und sogar überlebenswichtig, dass wir unsere Kräfte beherrschen. Tut euch einfach zu zweit zusammen oder so und trainiert eure Kräfte."
    Ich sah, wie um mich herum viele seufzten und auch ich konnte mir dies nicht verkneifen. Meine Kräfte trainieren? Na toll, dann bin ich wahrscheinlich die, die nur wieder nichts hinbekommt. Ich werde meine Kraft wohl nie vernünftig beherrschen können...

    Hier ist jetzt das nächste Kapitel. Danke an der Stelle für den Tipp mit den Notizen. So habe ich es diesmal nämlich gemacht. XD

    43
    Schweigend saß ich da und spielte mit einem kleinen Stein. Tae hockte neben mir und schaute mir gedankenverloren dabei zu. Federica und Akiko waren gerade mit Lívia auf der Suche nach etwas Essbarem, während Juan und Malou versuchten, aus kleinen Zweigen eine Art Mini-Tipi zu bauen. Karolin stand an einen Baum gelehnt und starrte verträumt in die Gegend, wie sie es so oft tat, wenn sie nichts zu tun hatte. Ihre Schuhe hatte sie ausgezogen, mit der Begründung, dass sie Schuhe als unbequem empfindet und sie ihren Schuhen die Freiheit rauben. Tae hatte sich daraufhin auch erstmal die Schuhe ausgezogen.
    Plötzlich sah ich, wie das Häuschen von Malou und Juan in sich zusammenbrach und die junge Afrikanerin murmelte:„So ein Dreck..." Belustigt lächelte ich daraufhin etwas vor mich hin, bis Tae plötzlich nach oben, in den Himmel, blickte und vor sich hinnuschelte:„Sieht so aus, als würde es nachher regnen..." Interessiert schaute ich nun auch nach oben und erkannte erst jetzt den grauen Himmel, der praktisch nach Niederschlag schrie. Auch Karolin blickte auf einmal in den Himmel, seufzte dann leise und murrte:„Ich hasse Regen..."
    In dem Moment kamen auch Federica, Akiko und Lívia, vollbepackt mit Früchten und Beeren, wieder. Schnell verteilten sie diese und setzten sich dann auch einfach dazu. Schweigend aßen wir einfach und, als alle fertig waren, erhob Federica plötzlich gut gelaunt ihre Stimme:„Wollen wir nicht eigentlich mal so ne Art Vorstellungsrunde machen? Wir kennen uns ja schon recht lange, aber trotzdem weiß ich hier über die wenigsten etwas." Malou klatschte begeistert in die Hände und fügte hinzu:„Das könnte bestimmt unser Gemeinschaftsgefühl stärken." Zustimmend nickte ich nun, denn ich fand die Idee ebenfalls sehr gut. Erwartungsvoll schaute ich nun auch die anderen an, ihre Reaktion abwartend. Akiko zeigte ihr schönes Lächeln und nickte dabei leicht. Lívia schien eher neutral und Juan zuckte als Zeichen, dass er nichts dagegen hatte, mit seinen Schultern. Tae ließ die anderen auch seine Meinung wissen:„Ich find die Idee auch gut." Karolin nickte nur knapp und meinte:„Scheint ja niemand was dagegen zu haben. Oder doch?" Da sich niemand zu Wort meldete, hüpfte Federica nun aufgeregt herum und meinte:„OK, super. Dann setzt euch am besten alle in einen Kreis, damit wir auch jeden sehen können." So taten wir es auch und Federica fing direkt an, zu erzählen:„Also, wie ihr wisst, heiße ich Federica, komme aus Italien und bin 20 Jahre alt. Ich bin Künstlerin, was leider nicht so viel Geld einbringt, aber ich arbeite auch nebenbei in der Pizzeria meines Onkels. Mein größtes Hobby ist, neben zeichnen, Limbo. Außerdem habe ich Höhenangst und kann nicht klettern, weil ich im Alter von 5 Jahren von einem Kirschbaum gefallen bin. Dabei habe ich auch mein Augenlicht auf dem rechten Auge verloren. Naja, ich kann zwar noch ein bisschen etwas sehen darauf, aber nur, wenn ich dafür mein linkes Auge zukneife und mich ganz doll anstrenge. Ach ja, und ich bin stolze Besitzerin einer gehörlosen Katze."
    Nun schaute die hübsche Italienerin zu ihrer Rechten, wo Akiko saß. Diese überlegte nun kurz und fing dann an, zu erzählen:„Mein Name ist Akiko, was ihr ja wissen dürftet. Ich komme aus Japan und bin erst 18 Jahre alt. Ich bin Einzelkind und meine Mutter ist in jungen Jahren gestorben. Ich mache momentan eigentlich ein Jurastudium und ich lese sehr gerne." Nun reichte sie das Wort weiter zu Tae. Dieser erzählte nun:„Mein Name ist Taehyung, ich komme aus Südkorea, bin 24 Jahre alt und ich bin Teil der Band BTS. Mein Stagename ist „V" und ich bin Vocalist. Ich singe natürlich sehr gerne und spiele meinen Freunden aber auch gerne Streiche. Ich glaube, ansonsten ist nicht viel an mir interessant." Als Zeichen, dass ich als nächste dran war, lächelte mich der gutaussehende Koreaner nun an und ich fing an, zu erzählen:„Ich heiße (d/n), bin 22 Jahre alt und komme aus Deutschland. Ich habe einen kleinen Bruder, wohne aber nicht mehr bei meiner Familie, weil ich schon arbeite. Jedoch ist mir meine Familie sehr wichtig. Hobbies habe ich viele..." Ein bisschen erzählte ich noch von mir, bevor ich das Wort an Lívia weitergab. Diese schien erst stark zu überlegen und erhob dann zögerlich ihre Stimme:„Ich heiße Lívia, komme aus Brasilien, aus Rio de Janeiro, und bin 13 Jahre alt. Ich habe einen großen Bruder und der Rest meiner Familie ist tot. Mein Bruder und ich haben uns meist auf den Straßen rumgetrieben, aber ich habe auch viel Zeit im Dschungel verbracht, denn das war so ziemlich der einzige Ort, wo ich etwas Vernünftiges zu essen fand." Etwas geschockt schauten wir sie erst alle an, bis dann auch Juan anfing, zu erzählen:„Ich heiße Juan, ich komme aus Spanien und bin 19 Jahre alt. Ich habe drei jüngere Schwestern und wir wohnen zusammen mit unserer Mutter, unserem Onkel und unserer Oma auf einer Art Bauernhof. Ich kümmere mich dort immer um die Schafe und bringe sie auf die Weide. Allerdings bin ich eher als Handwerker tätig. Zumindest verdiene ich dadurch mein Geld. Da mache ich auch so ziemlich alles. Egal, ob dachdecken, maurern oder Schuhe flicken, ich kann so ziemlich alles."
    Nun stellte Malou sich vor:„Ich heiße Malou, bin 10 Jahre alt und komme aus Afrika. Anders als viele andere Kinder dort, hatte ich jedoch die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Dafür mussten ich und meine Freunde aus dem Dorf dann zwar immer ein paar Kilometer wandern, aber das war nicht so schlimm. Nachmittags habe ich dann immer im Dorf geholfen und Wasser geholt oder so."
    Erwartungsvoll schaute Malou nun Karolin an, welche zögerlich erzählte:„Ich heiße Karolin und bin 15 Jahre alt. Ich wurde zwar aus Deutschland entführt, bin dort aber nur mit meiner kleinen Schwester wegen des BTS-Konzerts, auf das sie unbedingt wollte und meine Eltern nicht mit ihr gehen wollten, gewesen. Eigentlich komme ich nämlich aus Österreich. Naja, ich habe 6 Geschwister und bin die dritt-älteste. Ich lebe mit meiner Familie zu zehnt in einem Haus auf dem Land und wir haben Pferde und Katzen."
    Aufgeregt unterbrach Federica sie nun:„Pferde? Cool. Reitest du denn auch?"
    Irgendwie mit etwas traurigem Blick erwiderte Karolin nun leise:„Nein. Ich bin zwar geritten, jedoch hat mich das Pferd dann abgeworfen und ich habe mir dabei den Arm gebrochen. Seitdem traue ich mich nicht mehr auf's Pferd...
    Naja, ich habe, abgesehen von lesen, nicht so viele Hobbies und ja..."
    Knapp nickte Federica nun und Akiko fragte plötzlich:„Ist das denn nicht eigentlich ziemlich anstrengend mit so vielen Geschwistern?" Etwas zögernd erwiderte die Österreicherin nun:„Ja, schon. Aber man gewöhnt sich daran. Es kann manchmal durchaus ermüdend und stressig sein. Zwar haben viele Geschwister viele Vorteile, aber auch ebenso viele Nachteile... Aber ich würde trotzdem niemanden meiner Geschwister missen wollen. Familie ist für mich am wichtigsten..."
    Malou erzählte nun gut gelaunt:„Ein Mädchen aus meinem Dorf hat sogar 9 Geschwister! Aber sie sagt immer, dass viele Geschwister doof sind, weil man andauernd vernachlässigt wird. Aber ich denke, das ist bei uns, in Afrika, sowieso nicht zu vermeiden."
    Nun fielen alle in aufgeregte Gespräche und lachten viel. Auch ich mischte mich in dem Gespräch ein. Nur Lívia und Karolin hielten sich etwas zurück. Lívia hörte einfach nur mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen zu und Karolin starrte gedankenverloren vor sich hin. Sie schien irgendwie etwas traurig. Warum sagt Karolin denn so wenig? Naja, bestimmt ist sie einfach müde und vermisst ihre Familie.
    Mittlerweile war die Sonne schon untergegangen und Schatten legten sich über unser kleines Lager und ließ die gigantischen Bäume noch höher erscheinen. Da wir uns kaum noch sehen konnten, hatte Juan ein kleines Lagerfeuer für uns entfacht. Gut gelaunt saßen wir alle darum.
    Die fröhlichen Gespräche gingen weiter und Malou meinte plötzlich gut gelaunt:„Wollen wir vielleicht Limbo spielen?" Sofort sprang Federica begeistert auf und rief:„Ja, super Idee! Ich hab euch ja gesagt, wie gerne ich Limbo mache! Hat jemand einen langen Stock oder so?" Schon verschwand Akiko hinter einem Baum und zog schnell einen langen Ast hervor. Sie hielt das eine Ende und ich stand nun grinsend auf, um das andere Ende zu halten.
    Nach einigen Runden war der Stock schon einige Etagen tiefer gewandert und Federica schlängelte sich gerade geschickt unter dem Ast her. Als Tae dann dran war, verlor er das Gleichgewicht, fiel auf den Rücken und lachte:„Wie machst du das, Federica?" Grinsend zuckte die Italienerin triumphierend mit den Schultern und wir fuhren fort, bis jeder Mal dran war. Selbst Karolin und Lívia konnten wir dazu überreden, mal mitzumachen.
    Jedoch saßen die beiden jetzt eher nachdenklich an dem rot flackerndem Lagerfeuer und starrten in sein helles Licht. Nur zwischedurch schmunzelten die beiden mal zu uns rüber.
    Plötzlich bekam Malou die Idee, dass zwei Leute gleichzeitig versuchen, sich unter dem Ast herzuschlangeln. Als erstes wurden Federica und Akiko darunter hergescheucht und die beiden schafften es sogar. Doch nun sollten Tae und ich gleichzeitig unter unsere „Limbostange" herkriechen. Jedoch musste ich lachen, verlor das Gleichgewicht, hielt mich dann an Tae fest, fiel aber trotzdem hin und riss ihn mit auf den Boden. Lachend lagen wir dort nun beide. Bei dem Sturz war ich jedoch auf Taehyung gelandet und dieser lag nun lachend und gleichzeitig hustend unter mir, während ich mich vor lauter Lachen gar nicht davonbewegen konnte.
    Schließlich hatte Karolin mich grinsend von ihm gezogen und meinte:„Wenn du noch länger auf dem armen Jungen liegst, erstickt er."
    Gackernd lag ich nur weiterhin auf dem Boden, während Tae sich mittlerweile aufgesetzt hatte, aber immer noch stark lachte. Nach einer Zeit kriegte sich Tae dann wieder ein und stand auf.
    Ich hingegen lag immer noch lachend auf dem Boden und konnte mich vor lauter Lachen kaum erheben.
    Also ging Tae zu mir, reichte mir grinsend seine Hand und ich griff nach ihr. Nun wollte Tae mich hochziehen, doch weil ich selbst keine Anstalten machte, aufzustehen, bekam er es nicht hin. Also kam Karolin dazu, nahm meine andere Hand und auf drei zogen mich die beiden dann hoch. Jedoch hatten sie dabei zu viel Schwung angewandt, ich fiel vorne über und zog beide mit auf den Boden.
    Nun brach auch Karolin in lauten Gelächter aus und Tae lachte plötzlich:„Du klingst wie Jin, Karolin. Der lacht genauso!" Unfähig, zu antworten, lachte Karolin einfach weiter und Federica brach in Lachen aus:„Karolins Lachen klingt wie der alte Scheibenwischer von dem Fiat meines Onkels!"
    Nun mussten alle lachen und es dauerte erst mal eine Weile, bis wir uns wieder gefangen hatten.
    Nach mehreren Minuten ging es dann aber doch wieder und wir hatten uns wieder alle um das Feuer versammelt. Gut gelaunt unterhielten wir uns nun noch alle, doch schließlich wurden wir müde und legten uns schlafen. Federica löschte für uns noch schnell das Feuer und wir schliefen ein.
    Nur Juan, welcher die erste Wache übernahm, blieb noch wach.
    Doch ich schmiegte mich unterdessen an Tae, um einzuschlafen und lächelte dabei leicht. Der Abend war irgendwie sehr schön. Wir haben uns alle besser kennengelernt und jetzt weiß ich auch, was Karolin auf dem Ball damit meinte, dass sie auch ziemlich aufgedreht sein konnte. Denn das hat sich durch ihren Lachanfall heute bestätigt. Aber am besten fand ich irgendwie, wie ich auf Tae lag und nicht aufhören konnte, zu lachen. Es war schon irgendwie schön... Aber naja, ich bin nun mal in ihn verliebt...

    44
    „Sie wacht schon wieder nicht auf. Wie kann man so schlafen? Sie ist wie ein Stein oder wie ein Toter", hörte ich Akikos belustigte, aber auch gleichzeitig fast schon genervte Stimme. Verschlafen öffnete ich meine Augen und erkannte, wie Akiko und Tae neben der tief schlafenden Karolin standen. Juan, Malou und Lívia waren weg. Etwas panisch fragte ich:„Wo sind Juan, Malou und Lívia?" Überrascht drehten sich Tae und Akiko nun zu mir um und Federica, welche sich gerade die lockigen Haare auseinanderfrimelte, antwortete gut gelaunt:„Die sind auf Nahrungssuche. Lustig war sowieso, als sie gehen wollten und Karolin sich plötzlich geräuspert hat, sie sollen nicht zu weit weggehen." Akiko murmelte:„Ja, sie schläft wie ein Stein, bekommt aber trotzdem irgendwie alles mit. Ich hab das Gefühl, sie hat einfach keinen Bock, aufzustehen."
    Plötzlich brummte Karolin stumpf, während sie ihre Augen nicht öffnete und vollkommen reglos liegen blieb:„Ja, so ist es auch." Belustigt grinste ich und meinte:„Vielleicht müssen wir ihr wieder Wasser über den Kopf schütten." Schnell widersprach Tae:„Ne, dann bringt die uns um! Sie meinte ja, dass ich sie gerne umhertragen darf. Also mache ich das jetzt auch." Auf einmal brummte Karolin wieder reglos:„Mich kriegst du gar nicht hoch", und machte keine Anstalten, ihre Augen zu öffnen. Tae grinste nur und murmelte:„Doch, das krieg ich hin", und nahm die schlafende Anführerin hoch. Diese öffnete nun verärgert ihre Augen und hielt sich etwas an Taes Schulter fest, bevor er sie fallen ließ und murrte:„Ist ja gut. Ich bin wach. Lass mich runter!" Wie befohlen ließ Tae Karolin nun wieder herunter, während diese schlaftrunken versuchte, stehenzubleiben und nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Schlecht gelaunt kniff sie nun ihre Augen zusammen und brummte:„Ich hasse das Licht..." Grinsend sprach ich nur:„Scheinbar ist Karolin nicht so das Tagtier." Federica lachte nun:„Mir scheint es so, als würde Karolin nachtaktiv sein. Warum hat sie nicht die Kraft des Schlafens bekommen?" Leicht schmunzelnd erwiderte Karolin nun gähnend:„Die Kraft brauche ich nicht mehr. Die hab ich auch so schon." Belustigt grinste ich nur und stellte mich neben Tae. Dieser lächelte nur vor sich hin und schaute auf einmal wieder nach oben. Verwirrt fragte er:„Hat es immer noch nicht geregnet?" Stumpf erwiderte Karolin plötzlich:„Wenn du dir den Regen so sehr wünschst, kannst du ja einen Regentanz aufführen. Du bist doch so ein Tänzer." Spaßend fing Tae auf einmal an, zu tanzen und lachte:„Ich werde jetzt den Regen hinaufbeschwören, pass auf!" Lachend schauten wir ihn an und plötzlich stellte sich Federica neben ihn und fing auch an, zu tanzen. Karolin schmunzelte die beiden nur an und lief, nach wie vor barfuß, durch das Lager.
    Plötzlich spürte ich einen Tropfen Wasser auf meiner Haut und schaute nach oben. Es regnete. Lachend schaute ich nun Tae und Federica an, die immer noch gut gelaunt tanzten und meinte:„Hey, euer Regentanz bringt's richtig!" In dem Moment fing es richtig an, in Strömen zu regnen und ich hörte Karolin verärgert murren:„Ey, was seid ihr für Fürze? Na toll, jetzt regnet es wegen euch. Ihr hättet euch euren Tanz auch sparen können." Allerdings lächelte sie auch leicht, was zeigte, dass sie ihnen nicht wirklich böse war.
    Gedankenverloren schaute ich nun nach oben und ließ des Wasser in mein Gesicht prasseln. Was ist, wenn ich den Regen zum Schnee werden lassen kann? Nachdenklich schaute ich meine Hände an, schaute dann wieder nach oben und streckte meine Hände gen Himmel.
    Plötzlich wurde der Regen tatsächlich zu Schnee und ich zog meine Hände etwas erschrocken wieder zurück.
    Überrascht schauten mich nun alle um mich herum an und Tae fragte neugierig:„Kannst du es auch wieder rückgängig machen?" Kurz versuchte ich es, schüttelte nach dem misslungenen Versuch jedoch meinen Kopf. Karolin meinte plötzlich ernst:„Lass du es aufhören, Tae. Ich mag Schnee zwar lieber als Regen, aber es fällt nur über uns der Schnee. Die anderen könnten schnell herausfinden, dass wir hier sind." Gehorchend nickte Tae, schnipste nur einmal mit den Fingern und schon war es wieder Regen. Nun kam unsere Anführerin zu mir und murmelte, als sie sah, wie frustriert ich schaute:„Mach dir keine Sorgen, dass du es nicht wieder rückgängig machen kannst. Du wirst es lernen und solange haben wir noch Tae und Federica. Die bringen das wieder in Ordnung." Dann kehrte sie mir schon wieder den Rücken zu und stellte sich unter einen Baum, um nicht ganz so nass zu werden.
    In dem Moment kamen auch Juan, Malou und Lívia, vollbepackt mit irgendwelchen Beeren und Früchten, wieder. Lívia fragte etwas verwirrt:„Warst du das mit dem Schnee, (d/n)?" Etwas beschämt nickte ich nur und bevor noch jemand etwas fragen konnte, meinte Federica sehr zu meiner Freude:„Ich hab Hunger. Bekomme ich was?" Knapp nickte das brasilianische Mädchen daraufhin nur und drückte ihr eine gelbe Frucht, die einer Mango ähnelte, in die Hand. Auch der Rest bekam etwas zu essen.
    Nach dem Essen meinte Karolin:„Wir gehen jetzt weiter. Packt alle, das, was ihr hier noch von euch habt zusammen und dann geht's direkt los."
    Wie gesagt, so getan.
    Wir liefen mal wieder seit einigen Stunden und mittlerweile hatte der Regen auch aufgehört. Da wir alle bis aufs letzte durchnässt waren, hatte Karolin uns kurzerhand mit ihrer Kraft getrocknet, indem sie einfach einen kleinen Wirbelwind um uns alle sausen ließ. Karolin beherrscht ihre Kraft schon ziemlich gut, habe ich das Gefühl...
    Wir liefen gerade an einer kleinen Becke vorbei, als wir plötzlich ein gewaltiges Donnern hörten und ein heller Blitz gefährlich über den Himmel zuckte. Karolin schreckte dabei stark zusammen und murmelte verärgert:„Ich hatte gerade einen halben Herzinfarkt." Auch Malou hatte sich erschrocken und hielt sich unterdessen ängstlich an Karolins Arm fest. Leise murmelte die Afrikanerin:„Ich habe Angst vor Gewittern..." Juan war vollkommen ruhig und meinte nachdenklich:„Ungünstig ist nur, dass wir hier mitten in einem Wald stehen und man während eines Gewitters eigentlich nicht unter Bäumen stehen sollte."
    Plötzlich flüsterte Karolin mit einem sorgvollen Blick in den Himmel:„Das ist kein normales Gewitter. Da wendet jemand seine Kraft an..." Vorsichtig fragte ich nun leise:„Ist das für uns jetzt besser als ein normales Gewitter oder schlechter?" Ruhig antwortete Karolin:„Schlechter. Das heißt nur, dass diese Kraft sehr stark ist und das könnte uns gefährden. Wir ziehen augenblicklich weiter."
    Gerade wollte Akiko etwas erwidern, als ein lauter, hoher Ton erklang und plötzlich eine laute, vertraute Stimme wie aus dem nichts auftauchte:„Dies war das Zeichen, dass die erste Person gestorben ist. Jedes Mal, wenn eine Person stirbt, werdet ihr durch diesen Ton benachrichtigt. Nur so wisst ihr, wie viele ihr noch besiegen müsst." Schockiert schauten wir alle nach dem Ursprung des Geräuschs und Akiko murmelte plötzlich mit einem Hauch von Angst in der Stimme:„Das war Hisokas Sprecher. Sicher wurde uns das über Lautsprecher mitgeteilt." Ruhig wirkend, aber mit einem panischen Unterton sprach Karolin mit fester Stimme:„Wir gehen. Trainiert eure Kräfte währenddessen..."
    Ängstlich schaute ich in den Himmel, nach einem weiteren Blitz Ausschau haltend, während die anderen schon eilig weitergingen.
    Plötzlich spürte ich eine warme Hand an meiner eigenen und schaute Tae in die besorgten Augen. Leise sprach er, während ich immer noch ungerührt ängstlich da stand:„Komm mit, (d/n). Sonst hängen wir hinterher." Schon zog er mich an der Hand sanft mit, während ich beinahe verstört zurückblickte, mich dann an Taes Arm klammerte und leise wimmerte:„Ich will noch nicht sterben, Tae.."
    Tröstend antwortete der gutausehende Koreaner nun:„Das wirst du nicht, wir werden alle dafür sorgen, dass wir als Gruppe überleben", und nahm mich dann kurz in den Arm. Ich vergrub währenddessen mein Gesicht in seiner Schulter und genoss die Wärme, die von seinem Körper ausging. Ich will noch nicht sterben! Ich will zurück nach Hause! Ich will einfach nicht sterben!

    45
    Ich war müde und erschöpft und es fiel mir schwer, einen nächsten Schritt zu tun. Wir liefen schon wieder seit einigen Stunden, stets bemüht, möglichst schnell wegzukommen, bevor auch einer von uns sein Leben lassen musste. Doch mittlerweile taten mir meine Füße weh und ich konnte einfach nicht mehr. Die Hitze des Regenwaldes benebelte meine Sinne und brachte mich dazu, die ganze Welt nur noch verschwommen zu sehen. Die Geräusche nahm ich nur noch gedämpft wahr und ich taumelte stark. Mein Kopf pochte und ich hatte Angst, dass ich jeden Moment umkippen würde. Dennoch versuchte ich, mich weiter durch das hohe Gras zu zwingen.
    Tae hielt mich an meinem Arm, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich hinterherkam. Doch natürlich bemerkte er, wie schwach ich war und er blieb extra stehen, schaute mir besorgt in die Augen und murmelte:„Alles in Ordnung, (d/n)?“ Schwach nickte ich nur. Unfähig, auch nur irgendein Wort hervorzupressen.
    Plötzlich blieb auch Karolin vorne stehen, sah mich und erkannte sofort, wie erschöpft ich, aber auch die anderen waren.
    Augenblicklich sprach sie:„Wir legen eine Pause ein“, und drängte sich besorgt zu mir durch. Sie blickte mich kurz an und sorgte sich:„Alles in Ordnung bei dir, (d/n)? Du siehst gar nicht gut aus...“ Bevor ich auch nur etwas antworten konnte, befahl die Anführerin schon:„Federica, komm her.“ Natürlich kam die junge Italienerin sofort und Karolin erklärte knapp:„Flöß ihr etwas Wasser über die Luft ein. Sie muss dringend etwas Flüssigkeit zu sich nehmen.“ Wie ihr befohlen war, ließ die lockenköpfige Frau mir etwas Wasser in den Mund träufeln und ich nahm alles gierig in mich auf. Nun blickte Karolin mich noch mal genauer an und fügte zu Federica hinzu:„Forme eine Art Wasserball und leg ihn (d/n) in die Hände. Sie wird ihn gefrieren lassen. Tae wird ihr den Eisklotz dann in den Nacken halten. Sie muss unbedingt gekühlt werden!“
    So wurde es auch gemacht. Federica formte schnell den Ball aus Wasser, ich ließ ihn, ohne es wirklich zu wollen, gefrieren und Tae hielt mir das kalte Eis in den Nacken, während ich selbst wohl kurz davor war, umzukippen.
    Unterdessen hatte Karolin sich wieder zum Rest gewandt und fragte leise:„Wer von euch traut sich zu, noch eine kleine Runde zu gehen und etwas zum Essen zu sammeln?“ Direkt meldete sich Lívia leise und Karolin nickte zufrieden und murmelte:„Gut, dann werden wir jetzt zu zweit nach etwas zu essen suchen und ihr bleibt hier. Federica hat jetzt die Aufsicht solange. Haltet aber (d/n) schön kalt. Sie hat die Kraft des Frostes. Jeder weiß, dass es nicht friert, wenn es heiß ist. Ich denke, deswegen geht es (d/n) so schlecht. Vielleicht ist sie auch einfach so nicht an Hitze gewöhnt, aber ihre Kraft wird mit etwas damit zu tun haben. Also passt auf sie auf, verstanden?“ Alle nickten knapp, während Tae beschützend hinter mir saß und die ganze Zeit das Eis in meinen Nacken hielt. Währenddessen verschwanden Lívia und Karolin im Gestrüpp.
    Meine Sicht wurde wieder klarer und ich fühlte mich nicht mehr ganz so schlecht. Auch hören konnte ich wieder halbwegs normal. Erschöpft war ich aber dennoch und hockte immer noch müde auf dem Boden. Tae hielt mich unverändert kalt und sang irgendwelche Lieder vor sich hin. Malou und Akiko waren gerade dabei, sich gegenseitig dabei zu helfen, ihre Kräfte zu trainieren, während Juan es alleine tat. Federica saß einfach gut gelaunt auf einem Stein, wippte leicht zu Taes Gesang hin und her und wachte über uns alle.
    Leise murmelte ich nun auf einmal:„Es tut mir leid...“ Verwirrt schaute Tae mich an und fragte:„Was tut dir leid?“ Betrübt erwiderte ich:„Dass ihr wegen mir anhalten musstet. Nur wegen mir machen wir diese Pause. Und, wenn die anderen nun schneller zu uns aufschließen, ist das meine Schuld...“ Gerade wollte Tae etwas erwidern, da sprach Federica nun, welche dem Gespräch wohl gelauscht hatte:„Hör auf, dich zu entschuldigen, (d/n). Wir sind alle froh, dass wir diese Pause machen. Und nur, weil wir mal ne kleine Pause machen, schließen die ja nicht gleich zu uns auf. Wir sind ihnen bestimmt einen ganzen Tagesmarsch voraus.“ Dankbar lächelte ich meine neue Freundin an und sah auch die anderen zustimmend nicken, als ich mich umschaute. Tae fügte nun auch hinzu:„Und außerdem kannst du ja nichts dafür, wenn du mal erschöpft bist.“ Dankbar und etwas beruhigt lächelte ich den Mann, der einem Engel so sehr glich, an und umarmte ihn kurz. Etwas überrascht erwiderte Taehyung die Umarmung nur und lächelte mich dann schüchtern an.
    In dem Moment kamen auch unsere Nahrungssucher wieder, verteilten alles und es wurde erstmal gegessen.
    Währenddessen erkundigte sich unsere Anführerin bei mir:„Geht es dir schon besser?“ Knapp nickte ich lächelnd, woraufhin Karolin auch zufrieden nickte.
    Nach dem Essen murmelte ich, immer noch etwas schuldbewusst:„Theoretisch können wir meinerseits jetzt auch weiterziehen. Mit geht es nämlich wieder gut...“ Doch strikt schüttelte die Österreicherin den Kopf und erläuterte:„Es dämmert schon. Da brauchen wir nicht mehr weiterziehen. Es sei denn natürlich, ihr wollt riskieren, in irgendwelche Höhlen oder so zu fallen, weil ihr nichts sehen könnt.“ Juan lächelte und murmelte in seinem schlechten Englisch:„Ich verzichte.“
    Also errichteten wir dort unser Lager für die Nacht. Karolin schlörte gerade ein paar Sträucher hinter sich her, als sie leise fluchte:„So ein Mist. Blöde Dornen...“ Als ich zu ihr blickte, erkannte ich, dass sie wohl in einen Dorn getreten war und ich schmunzelte nur:„Das kommt davon, wenn man keine Schuhe trägt.“ Schlecht gelaunt brummte die Anführerin nun, während sie sich den Dorn aus dem Fuß zog:„Schuhe sind ungemütlich und nervig. Wofür hast du denn Hornhaut an den Füßen? Nicht, um sie die ganze Zeit mit so bezwängenden Schuhen zu schonen...“ Zustimmend grinste Tae nun:„Sie hat recht. Schuhe sind was Blödes. Ich kann zwar nicht so wie Karolin den ganzen Weg barfuß gehen, aber, wenn ich mich dann mal niederlasse, ziehe ich meine Schuhe auch lieber aus.“ Belustigt drehte ich mich zu ihm um, blickte vorwurfsvoll auf seine nackten Füße und verspottete ihn etwas:„Ja, das hab ich schon mitbekommen. Ihr seid trotzdem selber schuld, wenn ihr in irgendetwas reintretet.“
    Die Sonne war schon verschwunden und wir saßen gemeinsam bei einer kleinen Flamme, die Juan mal wieder für uns entfacht hatte, und unterhielten uns leise. Ich saß bei Federica und Akiko, während Tae sich zu Juan gesellt hatte. Karolin saß desinteressiert am Rand, auf ihrem Sträucherpolster, während Malou sich anhänglich an ihrem Arm festhielt.
    Malou und Karolin kamen einem sowieso manchmal eher sie Schwestern vor. Malou suchte bei Karolin immer nach Schutz, wenn sie mal Angst hatte, wie bei einer großen, fürsorglichen Schwester. Und so benahm Karolin sich auch. Sie passte speziell auf die junge Malou gut auf und achtete darauf, dass jeder gut zufrieden war. Sie setzte auf Gerechtigkeit. Sie behandelte alle gleich und lebte nach dem Motto: Entweder alle oder keiner!
    Für sie galt nur die Option, zumindest schien es mir so. Entweder wir blieben alle zusammen und sorgten dafür, dass alle es schaffen, oder wir werden alle untergehen.
    Lívia hingegen schlief bereits und hatte den Rücken zu uns gewandt. Sie schien die Einsamkeit zu genießen. Auf mich wirkte es so, als würde Lívia nicht gerne im Mittelpunkt stehen. Sie engagierte sich zwar immer und half, wenn mal Hilfe benötigt war, aber ansonsten schien sie eher nicht ganz so menschenbezogen. Dennoch war ich der Überzeugung, dass sie eine herzensgute Person war, die niemals jemanden enttäuschen würde.
    Akiko murmelte leise:„Ich habe die Sorge, dass es doch einige Leute hier gibt, die erpicht darauf sind, alle umzubringen... Ich habe mich mit vielen Leuten unterhalten oder sie zumindest in ihrem Verhalten beobachtet und denke schon, dass es da einige Leute gibt, die uns gefährlich werden könnten...“ In dem Moment schaute plötzlich Karolin auf und meinte:„Was weißt du denn über unsere Mitstreiter? Es könnte durchaus hilfreich sein, etwas mehr über sie zu wissen.“ Nun stand Karolin auch auf und setzte sich zu uns, während Malou schon eingeschlafen war.
    Zögernd murmelte die Japanerin nun leise:„Naja, ich kenne nicht allzu viele von den anderen Leuten, aber... Ich kann vielleicht trotzdem etwas erzählen.
    Also... ich war die ersten paar Tage mit einem Mann in einer Zelle, der Callum heißt. Er ist etwa 25 Jahre alt, groß, dürr, bleich und hat aschblondes Haar. Er sieht ein bisschen aus wie ein Toter, so bleich und dürr wie er ist.“
    Direkt wusste ich, um wen es sich handeln musste - den Anführer der „finsteren Gestalten“. Er schaute stets finster, ich hatte ihn noch nie reden, geschweige denn lächeln gesehen und er wirkte auf mich irgendwie gefährlich.
    Akiko fuhr nun fort:„Er kommt aus New York. Das war alles, was ich wirklich aus ihm herausbekam. Beziehungsweise, wusste ich es von einem der Entführer, denn er hatte es einem seiner Kollegen erzählt. Ebenso hat er ihm erzählt, dass Callum wohl gut verdienender Geschäftsmann dort war. Alles, was ich selbst über Callum in Erfahrung bringen konnte, war, dass er extrem gefühlskalt ist. Er zeigt kein Mitgefühl oder generell irgendeine Emotion. Er sagt kaum etwas und er wirkt auf mich nicht gerade freundlich. Als wir die paar Tage zusammen in einer Zelle waren, war seine liebste Beschäftigung die, Spinnen mit seinen Daumen zu zerdrücken. Aber dann wirklich qualvoll. Erst hielt er sie an einem Bein hoch und riss ihnen ein Bein nach dem anderem heraus. Manchmal ließ er sie dann noch mit drei Beinen herumirren, wenn sie nicht schon gestorben war. Er ließ sie möglichst lange leiden.
    Natürlich kann man sagen, dass es bei Spinnen etwas Anderes ist, aber ich glaube trotzdem, dass er nicht gerade freundlich ist.“
    Nun erinnerte ich mich plötzlich an den Ball und murmelte leise:„Als uns gesagt wurde, dass wir uns gegenseitig umbringen sollten, hat er gelächelt...“ Etwas schockiert schaute mich Federica an und Akiko murmelte nur:„Da zeigt sich ja noch einmal mehr, dass er wohl nichts Gutes im Sinn hat...“ Karolin schaute nur ganz ernst und fragte:„Über wen weißt du noch etwas?“ Kurz überlegte Akiko und erzählte dann:„Da gibt es dann noch Rafael. Er hat die Kraft der Elektrizität. Er hat sich immer recht gut mit Callum verstanden. Naja, sie haben sich gegenseitig ganz wunderbar angeschwiegen. Er ist groß und stämmig, hat dunkles Haar und einen Bart. Er kommt wahrscheinlich auch irgendwo aus dem Süden. Er scheint mir etwas dumm zu sein. Aber, wer Kraft hat, kann nicht auch gleichzeitig ein Hirn haben... Dann gibt es noch zwei andere Leute in dieser Gruppe. Aber die kenne ich nicht wirklich. Ich weiß nur, dass ein blondes Mädchen dabei ist, die immer zickig guckt und ein Mann, der aussieht, als hätte er seit drei Tagen kein Auge mehr zugemacht. Seine Augen liegen tief und dunkel in seinen Augenhöhlen, darunter zeichnen sich tiefe Augenringe ab. Seine Haut an sich ist auch eher blass. Sein Haar ist dunkel und sieht ungepflegt aus. Als wenn es eigentlich ein Kurzhaarschnitt sein sollte, aber sie schon wieder zu lang gewachsen sind. Fettig sind sie auch etwas und nach hinten und zur Seite gekämmt. Er hat außerdem eine lange, gerade und recht schmale Nase. Seine schmalen Lippen sind etwas nach innen gewölbt und lächeln tut er auch nie.“
    Federica meldete sich nun zu Wort:„Das Mädchen kenne ich. Naja, so halb. Sie heißt Irina und kommt aus Russland. Sie scheint ein bisschen so, als würde sie diesen Callum vergöttern. Sie wirkt total zickig und erhaben, als würde sie in sich etwas Besseres sehen. Im Gegensatz zu den anderen dort, scheint sie aber immerhin mal zu reden. Dabei klingt sie jedoch sehr herablassend und sie hat Spaß daran, sich über Schwächere lustigzumachen. Irirna hat die Kraft des Feuers, also eins der vier Elemente. Den Mann kenne ich nicht...“
    Nachdenklich nickte Karolin nun und meinte:„Den kenne ich auch nicht wirklich. Lívia kennt ihn vielleicht. Ich weiß, dass sie mit ihm am Anfang in einem Zimmer war. Aber sie schläft. Wir werden sie morgen danach fragen.
    Apropos schlafen, ihr solltet euch jetzt auch aufs Ohr hauen. Ich werde die erste Wache übernehmen. Die nächste Wache wollte Juan übernehmen.“
    Callum, Rafael, Irina und der Unbekannte. Sie bilden eine Gruppe, die uns gefährlich werden könnte. Wir müssen uns auf sie gefasst machen... Sie scheinen kein Erbarmen zu zeigen. Ich glaube auch, dass sie heute die erste Person ihres Lebens beraubt haben. Es gab ein Gewitter. Wahrscheinlich hat Rafael mit seiner Kraft die Blitze erzeugt und damit auch die erste Person getötet. Ich glaube, dass diese Leute nun genug Zeit hatten, ihre Kräfte zu trainieren und sie nun endlich anwenden wollen. Sie sind ab jetzt unsere Feinde...


    Hiii!
    Danke für 2000 Aufrufe und für die vielen lieben Kommentare!
    Darüber freue ich mich wirklich sehr. Falls ihr es noch nicht gemacht habt, könntet ihr dieser FF ja vielleicht eine Sternebewertung geben oder auf „gefällt mir“ drücken.
    Auch über ein kleines Feedback für zwischendurch freue ich mich, wie gesagt, sehr.
    Es ist aber natürlich jedem selbst überlassen, ob er/sie sich durch diese Arten äußert, wie er/sie meine FF findet.^^'
    Ich wollte einfach noch mal danke an alle sagen!^^
    LG Emily W.

    46
    „(d/n), steh auf! Wir müssen weiterziehen!"
    Verwirrt öffnete ich meine Augen und konnte erst gar nichts sehen, so dunkel war es. Doch an der Stimme, die mich geweckt hatte, erkannte ich, dass Karolin vor mir stand.
    Schlaftrunken rieb ich mir die Augen und murrte:„Was ist denn los? Es ist mitten in der Nacht!" Mit ernster Mine erwiderte Karolin leise:„Ja, aber ich habe ein Feuer gesichtet. Nicht weit von uns. Irgendjemand kommt uns näher und wir können nicht riskieren, dass diese Personen uns vielleicht zu nahe kommen", während sie schon zu Taehyung weiterschlich und ihn aus dem Schlaf riss.
    Augenblicklich stand ich nun auch auf und blickte mich beinahe etwas panisch um. Feuer? Dieses Mädchen, das Irina heißt und bei diesen gefühlskalten Leuten rumeiert, hat das Element Feuer. Was, wenn sie uns näherkommen? Sie würden uns gnadenlos umbringen!
    Mittlerweile standen schon alle müde in der Dunkelheit, während Karolin hellwach durchzählte, ob auch wirklich alle da waren.
    Akiko gähnte nun:„Wo hast du denn das Feuer gesehen?" Knapp erwiderte unsere Anführerin, ohne aufzuschauen:„Ich hab es während meiner Wache vom Baum aus gesehen. Es ist gewaltig und..." Weiter kam Karolin nicht, denn plötzlich wurde sie von einem lauten, uns bereit bekannten Ton unterbrochen.
    Ängstlich flüsterte Malou:„Jemand ist gestorben..."
    Nun noch eiliger packte Karolin ihre letzten Sachen zusammen und sprach mit einem leichten Anflug von Panik in der Stimme:„OK, weiter geht's... In der Dunkelheit können wir schlecht sehen. Akiko, komm du nach vorne und erzeuge für uns bitte eine leichte Lichtquelle. Der Rest hält sich dicht hinter uns und, wenn etwas ist, wird sofort bescheidgegeben!"
    So marschierten wir direkt los, mit Akiko an der Spitze, die anhand eines kleinen Lichtballs in ihrer Hand, den Weg erleuchtete.
    Ich lief dicht neben Taehyung und die Angst war mir wohl deutlich anzumerken, denn Tae nahm schützend meine Hand und murmelte beruhigend:„Mach dir keine Sorgen, (d/n). Wir ziehen einfach sofort weiter und dann finden sie uns schon erstmal nicht."
    Bei der Berührung unserer Hände zuckte ich erst etwas zusammen und lief rot an, was er durch die Dunkelheit aber nicht sehen konnte und ich lächelte ihn schließlich nur dankbar an, während ich seine Hand nach wie vor etwas ängstlich umschloss.
    Die Angst klebte aber nicht nur an mir. Auch Malou war ängstlich und klammerte sich an Karolins Arm fest, wie sie es immer tat, wenn sie Angst hatte. Lívia kennzeichnete sich durch ein schweigendes, aber nervöses Wesen. Akiko schien es vorne auch recht eilig zu haben. Karolin starrte nur ernst vor sich hin, blickte aber immer wieder nervös hinter sich. Das schien aber sowieso eine Art Tick von ihr zu sein, den mir war schon eher aufgefallen, dass sie sich IMMER zwischendurch mal umdrehte, als wenn sie Angst hätte, dass sie jemand verfolgen würde.
    Juan war vollkommen entspannt und ruhig, wofür ich ihn sehr bewunderte. Er schien sowieso immer die Ruhe selbst zu sein.
    Und Federica schien zwar auch etwas nervös, blieb aber dennoch bei ihrer guten Laune und summte irgendein fröhliches Lied vor sich hin, das gut ein Volkslied hätte sein können.
    Es war eine Zeit vergangen und so langsam schien die Panik bei einigen zu steigen. Schließlich hatten sie nun genug Zeit während des stillen Marsches gehabt, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn man uns finden würde. Die Stimmung wurde immer angespannter und Malou schien vorne fast schon zu weinen, bis Federica beschloss, die Stimmung etwas zu lockern, indem sie meinte:„Ich hab diese Nacht geträumt, dass wir bei meinem Onkel zusammen eine Pizza belegt haben. Jeder durfte sich drei Belege aussuchen. Jetzt hab ich mich gefragt, was ihr wohl daraufgetan hättet."
    Tae schwärmte sofort:„Pizza ist echt lecker. Was ich jetzt nicht alles dafür geben würde!" Malou hingegen fragte verwirrt, was eine Pizza sei. Schnell erklärte die Italienerin es ihr und sie überlegte, was sie wohl darauf tun würde. Juan schwärmte in der Zeit:„Pizza mit Meeresfrüchten ist lecker!" Karolin ekelte sich nun:„Meeresfrüchte? Was bist du denn für ein schmantiger Furz? Das letzte, was ich da drauftun würde, wäre das. Mais, Ananas und Schinken. Das ist der wahre Gaumenschmaus!" Belustigt grinste ich nun:„Gaumenschmaus? Wer sagt denn das noch?" Karolins Ausdrucksweise fand ich aber sowieso lustig. Schmantiger Furz, Gaumenschmaus... Sie benutze schon lustige Wörter.
    Nun verfielen wir alle in eine wilde Diskussion darüber, wer denn noch „Gaumenschmaus" sagt und, was man auf einer Pizza gut essen kann und was nicht.
    Wenn ich so darüber nachdachte, war es echt lustig. Wir waren gerade auf der Flucht vor dem Tod und alles, was uns dazu einfiel, war, darüber zu streiten, was man sich auf seine Pizza legen muss. Aber ich war eigentlich ziemlich froh, dass wir in diese sinnfreihe Diskussion verfallen waren, denn so waren wir von unserer Angst abgelenkt. Federica hat es mal wieder geschafft. Sie hat uns dazu gebracht, unsere Angst zu vergessen und uns über Pizza zu streiten. Wer weiß, wer ohne sie hier schon alles um den Verstand gekommen wäre?
    Schließlich lachte Federica nur:„OK, sobald wir hier raus sind, lade ich euch alle auf eine Pizza ein! Dann kann sich jeder seine Pizza selbst so belegen, wie er will!"
    Daraufhin musste ich jedoch wieder etwas traurig lächeln. Falls wir hier überhaupt lebend wieder rauskommen...
    Tae erkannte meine Betrübtheit natürlich wieder sofort und murmelte:„Ich hätte deine Art, wie du deine Pizza belegen würdest, gemocht." Schwach lächelte ich:„Dann können wir uns ja später zusammen eine Pizza belegen." Fröhlich lächelte Tae mich nun an, während er seinen Arm um meine Schulter legte, seinen Kopf an meinen legte und belustigt brummte:„Ich hab jetzt schon keine Lust mehr, zu laufen." Grinsend spaßte ich nun:„Was willst du mir damit sagen? Soll ich dich tragen?" Stumpf grinste Tae nun:„Ja, ich bitte darum", und lehnte sich schon so an mich, dass ich mehr von seinem Gewicht tragen musste als er selbst. Schmunzelnd schob ich nun seinen Kopf von meiner Schulter und murmelte:„Ne, du kannst selber laufen."
    Beleidigt spielend schob der Mann, in den ich mich verliebt hatte, die Unterlippe vor und brummte mit belustigtem Unterton:„Ach menno."
    Mittlerweile fing es an, zu dämmern und die ersten Sonnenstrahlen kreuzten unseren bisher schattigen Weg. So langsam ließ Akiko sich auch etwas zurückfallen, da ihre Kräfte nicht mehr benötigt wurden. Stattdessen unterhielt sie sich jetzt mit Tae, während ich praktisch nur noch Luft für ihn war. Eifersüchtig, wie ich war, gesellte ich mich nun also zu Federica. Sie würde ich so ziemlich als meine beste Freundin betiteln. Wir verstanden uns sehr gut miteinander und mit ihr konnte ich viel lachen. Außerdem konnte ich mich so besser von meiner Eifersucht wegen Akiko und Tae ablenken.
    Stattdessen unterhielten wir uns gerade über unsere Familien und darüber, wie sehr wir sie vermissten, als wir plötzlich hinter uns einen lauten Trubel vernahmen. Akiko sprang erschrocken zurück, während Tae, der neben ihr stand geschockt auf den Boden blickte und irgendetwas rief, das ich nicht verstand. Schnell folgte ich seinem Blick und entdeckte eine Schlange, die sich zischend vor Akiko räkelte. Nun erblickte ich auch eine Bisswunde an Akikos Bein, die sie wohl zum Aufschreien gebracht hatte.
    Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie Lívia vorschoss und auf die Schlange trat. Diese wendete sich natürlich nun wild unter Lívias Fuß und versuchte, auch sie zu beißen. Allerdings hielt Lívia das gefährliche Tier geschickt fest und sprach dann mit ruhiger Stimme, ohne von der Schlange aufzublicken:„Ich brauche einen Stein." Ohne zu zögern erschuf Juan plötzlich einen und reichte ihn der Brasilianerin. Diese schlug nun einmal fest damit auf den Kopf der Schlange, sodass sie erschlaffte.
    Wie gebannt starrten wir Lívia alle an und ich murmelte bewundernd:„Wow, das war echt mutig von dir, Lívia." Dankbar lächelte Lívia mich nun etwas verlegen an und meinte:„War nur ne Schlange. Die bin ich schon gewohnt."
    In der Zeit schaute Karolin zu Akiko und sprach ernst:„Sie hat dich gebissen... Lívia, weißt du, ob die Schlange giftig ist?" Knapp erwiderte das Mädchen nun:„Ja, ist sie. Aber das Gift löst hauptsächlich nur Wahnvorstellungen und Schwindelanfälle aus. Töten wird das Gift sie nicht. Dennoch sollten wir versuchen, es aus ihrem Fleisch heruaszubekommen." Neugierig fragte Karolin nun:„Und wie stellst du dir das vor?" Beinahe etwas belustigt erwiderte Lívia:„Jemand muss die Wunde aussaugen. Wer stellt sich zur Verfügung?"
    Tae wollte gerade die Stimme erheben, da sprach ich schnell:„Ich mache das." Etwas überrascht schauten mich alle an und ich ging schnell an Tae vorbei, zu Akiko. Ich nahm ihr Bein nun in meine Hand und fragte ernst:„Einfach so aussaugen?" Schmunzelnd meinte Lívia nun:„Ja, einfach aussaugen."
    Schnell tat ich, wie mir befohlen und meinte dann etwas schlecht gelaunt:„Supidupi. Bein ist ausgesaugt. Dann können wir ja weiter."
    Direkt ging ich zu Karolin zurück und meinte mit gestresstem Unterton:„Wollen wir dann?" Belustigt grinste unsere Anführerin und murmelte:„Ja, wir können dann."
    Sofort gingen wir weiter und plötzlich hörte ich Karolins belustigte Stimme leise neben mir:„War es so eine schlimme Vorstellung für dich, dass Taehyung es auslutscht, sodass du es selbst gemacht hast?" Beinahe etwas erschrocken sah ich sie an und meinte:„Hat man so doll gemerkt, dass ich nicht wollte, dass Tae es macht?" Schwach lächelnd flüsterte Karolin nun zurück:„Naja, man hat es schon gemerkt. Aber nur, wenn man weiß, dass du auf ihn stehst, kann man es so wie ich in Verbindung bringen. Ich merke ja, dass du eifersüchtig bist, weil Akiko und Tae sich auch verstehen." Beinahe etwas besorgt fragte ich, schon wieder knallrot:„Merkt man wirklich so sehr, dass ich in Tae verliebt bin?"

    47
    „Naja, ich merke es schon. Ob der Rest das auch mitbekommt, kann ich nicht sagen. Aber Lívia hat es auf jeden Fall auch schon mitbekommen", war Karolins flüsternde Antwort. Beinahe etwas verzweifelt erkundigte ich mich nun leise stammelnd:„Weiß Tae selbst es denn auch?" Knapp schüttelte Karolin nun den Kopf und meinte:„Glaub ich nicht. Wenn man selbst betroffen ist, bekommt man davon meist nicht viel mit. Aber er scheint dich auch sehr zu mögen. Ob es bei ihm auch Liebe ist oder vielleicht wirklich nur Charme, kann ich dir nicht so genau sagen..."
    Einerseits erleichtert und andererseits etwas traurig seufzte ich einmal und blickte nun nach hinten, wo Tae gerade Akiko etwas stützte und dabei wohl nichts von der Unterhaltung von Karolin und mir mitbekommen hat, zumal wir auf Deutsch gesprochen hatten.
    Karolin fing das Thema nun wieder auf:„Du brauchst aber auch nicht eifersüchtig werden. Ich glaube, dass Akiko und Tae sich auch einfach nur gut verstehen." Etwas zweifelnd fragte ich nun weiterhin auf Deutsch, sodass der Rest es nicht verstehen konnte:„Aber was, wenn da doch mehr hintersteckt und die beiden sich vielleicht doch lieben? Dann steh ich da." Ruhig antwortete die Anführerin nun schmunzelnd:„Mach dir mal darüber keine Sorgen. Sieh erst mal zu, dass du hier heile wieder rauskommst. Und selbst, wenn es so kommen sollte, was ich gar nicht glaube, wird es dich auch nicht umbringen. Man verliebt sich mal in den, mal in den und am Ende stellt sich sowieso heraus, dass es keine wahre Liebe gibt." Überrascht blickte ich Karolin an und stammelte:„Wieso? Glaubst du nicht, dass es wahre Liebe gibt?" Stumpf erwiderte die 15-jährige, während sie strikt nach vorne blickte:„Nein, das glaube ich nicht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine Person dich genauso liebt, wie du sie auch. Vielleicht gibt es Liebe, ja. Aber ganz sicher keine wahre Liebe, bei der du sagst:„Wir lieben uns für immer und ewig und es gibt niemanden, den ich mehr liebe." Es gibt immer jemanden vor dir. Man kann zwei Personen nie gleichermaßen lieben und ich persönlich habe die Erfahrung für mich gemacht, dass ich nie die Nummer 1 sein kann." Verwirrt murmelte ich:„Wieso? Hast du dich denn mal in jemanden verliebt, der dich nicht geliebt hat?" Mit emotionslosem Gesichtsausdruck guckte die Österreicherin nun direkt an und meinte:„Nein, das nicht. Auf sowas lege ich keinen Wert, weil ich weiß, dass es eh nichts bringt, sich Hoffnungen für die Person zu machen, wenn es nicht mal etwas bei den engsten Leuten etwas bringt."
    Verwirrt dachte ich über das nach, was Karolin gesagt hatte. //Wenn es nicht mal bei den engsten Leuten etwas bringt? Was meint sie damit?// Gerade wollte ich sie das fragen, als Karolin sich zu dem Rest drehte und natürlich wieder auf Englisch meinte:„Jetzt brauchen wir irgendeinen Plan. Wir müssen uns selbst irgendwie schützen. Die Frage ist, wie wir das machen. Jemand Vorschläge?" Malou überlegte:„Wir könnten uns einfach verstecken." Direkt kritisierte Karolin:„Und wo willst du dich verstecken? Auf den Bäumen? Wenn sie mit ihrem Feuer alles plattmachen, haben wir da oben auch Pech gehabt."
    Juan ergänzte:„Vielleicht in einer Höhle? Da ist überall Stein oder Erde und das kann nicht brennen." Akiko erwiderte sofort:„Siehst du hier irgendwo eine Höhle?" Federica schaltete sich nun dazu:„Malou und Juan haben das Element Erde. Vielleicht können sie damit eine Höhle schaffen." Lívia murmelte leise ironischerweise:„Ja, hat letztes Mal ja schon mit der Schlucht so gut geklappt, die Kräfte einzusetzen."
    Karolin erhob nun wieder ihre Stimme:„Da hat Lívia recht. Wir können nicht riskieren, dass noch einmal so etwas passiert wie bei der Schlucht. Dazu sind wir noch zu ungeübt." Ich sah, wie Juan betroffen den Kopf senkte, doch Karolin ergänzte sofort:„Ist ja auch ganz normal, dass wir es alles noch nicht so gut beherrschen. Dazu üben wir hier ja zwischendurch immer mal. Aber solange wir es noch nicht perfekt können, sollten wir so große Schritte nicht wagen. Hat jemand vielleicht noch ne andere Idee?" Angestrengt überlegten wir alle, bis Tae schließlich murmelte:„Wir könnten ja auch einfach erst mal weiter zum Rand vordringen und gucken, ob uns noch etwas einfällt."
    Knapp nickte Karolin und murmelte:„Guter Plan, also geht es jetzt weiter. Wir werden dann auch auf dem Weg nach Nahrung suchen."
    Der Himmel verfärbte sich mal wieder grau und wir merkten schon, dass die Luftfeuchtigkeit zunahm. Es schien also wieder kurz davor zu sein, zu regnen.
    Ich blickte gerade wieder zum Himmel hinauf, während Federica entspannt neben mir lief, als ich leises Genuschel hinter mir hörte. Als ich mich umschaute, sah ich, dass Akiko und Tae sich wieder unterhielten. Sie verstanden sich wirklich gut und Tae hatte einen Arm um Akiko gelegt, um sie somit etwas zu stützen, während sie sich gerade gut gelaunt angrinsten. Das erregte in mir natürlich wieder großen Neid und ich drehte mich einfach wieder zu meiner so ziemlich besten Freundin, Federica. Ich versuchte, mich selbst abzulenken, indem ich ein Gespräch anfing:„Hast du eigentlich einen Freund?" Beinahe etwas belustigt erwiderte Federica:„Nö, die würden mich alle gar nicht wollen. Entweder mag ich sie nicht oder sie mich nicht. Außerdem möchte ich mich momentan eher darauf konzentrieren, genug Geld zu verdienen. Naja, eigentlich laufe, naja spaziere, ich momentan um mein Leben. Aber hey, ist doch mal ne schöne Abwechslung." Belustigt lächelte ich und sprach meine Gedanken laut aus:„Ich mag es, dass du immer so positiv bist und aus solchen Situationen was Lustiges machst. Du kannst dir selbst alles schönreden, oder?" Beinahe etwas stolz erwiderte Federica jetzt:„Naja, es bringt nunmal nichts, sich zu viele Sorgen zu machen. Man muss das Leben genießen und das kann man nicht, wenn man schlecht gelaunt ist. Und, was schlecht zu sein scheint, kann sich immer noch als gut herausstellen. Das gilt in allen Lebenssituationen. Das merke ich auch immer beim Malen. Am Anfang sieht es immer schlecht aus und ich denke, es würde hässlich werden, aber dann wird es am Ende doch gut. Dann bin ich immer froh, die Zeichnung nicht aufgegeben zu haben. Im Leben darf man nichts aufgeben und schlechte Laune verleitet einen nur schnell dazu, aufzugeben." Irgendwie fasziniert von Federicas Optimismus lächelte ich sie an.
    Plötzlich hielten wir an und Karolin sprach:„Wir werden jetzt unser Nachtlager aufschlagen. Dies scheint ein recht geschützter Platz zu sein. Ich möchte auch wieder darum bitten, dass ihr eure Kräfte etwas trainiert, während Lívia, Tae und ich jetzt nach etwas zum Essen suchen."
    Etwas überrascht schaute Tae die selbsternannte Anführerin dieser Gruppe an, wehrte sich aber nicht gegen die Aufforderung, mitzukommen und tat, wie ihm befohlen.
    Ich schaute in der Zeit zu Malou, die gerade mit Juan ihre Kräfte trainierte. Sie liesen kleine Hügel aus der Erde wachsen, die den von Maulwürfen ähnelten. Akiko hockte gerade einfach alleine an einem Baum und betrachtete die Bisswunde der Schlange.
    Plötzlich stupste mich Federica an und fragte heiter:„Wollen wir auch unsere Kräfte trainieren?" Etwas zögernd murmelte ich:„Ich kann sie aber noch nicht gut beherrschen. Ich kann das, was ich umwandle, nicht mal mehr zurückwandeln." In ihrer optimistischen Art grinste die lockenköpfige Italienerin nun:„Ist doch egal. Ich helfe dir dann." Dankend lächelte ich meine Freundin nun an und wir übten etwas zusammen.
    Die Truppe, die nach Nahrung suchte, kam nun wieder und verteilten schnell alles.
    Nach dem Essen entfachte Juan wieder ein kleines Feuer und wir saßen alle darum verteilt. Ich saß neben Taehyung und erzählte ihm gerade davon, dass wir unsere Kräfte trainiert hatten. Karolin hockte bei Lívia und Malou bei Juan. Akiko und Federica saßen ebenfalls beisammen und unterhielten sich etwas. Dabei fiel mir auf, dass Tae immer wieder zu ihnen rüberspähte und ich wurde etwas ungeduldig, da sich wieder die Eifersucht in mir breitmachte.
    Ich versuchte natürlich einfach wieder, sie zu ignorieren und fragte leise und irgendwie demotiviert:„Hast du irgendwas Interessantes zu erzählen?" Beinahe etwas überrascht lächelte Tae mich nun mit seinem wunderschönen Lächeln an:„Langweilst du dich etwa?" Monoton erwiderte ich nur:„Nein, ich möchte mich nur irgendwie unterhalten." Verständnisvoll, aber gleichzeitig auch belustigt lächelte Tae mich nun an und schmunzelte:„Und dafür fragst du mich? Federica kann doch viel besser erzählen." Leise murmelte ich nur als Antwort:„Du brauchst auch nichts erzählen, wenn du nicht willst..." Jedoch lächelte der perfekte Mann mich nur nachdenklich an und meinte:„Ich erzähle dir gerne etwas. Mir fällt nur gerade nichts ein, worüber ich dir erzählen könnte. Soll ich dir vielleicht einfach etwas von meinen Tätigkeiten bei BTS erzählen?" Knapp nickte ich nur, während ich mich etwas müde an Tae lehnte und er fing an, zu erzählen.
    Nun erzählte er:„Unser Fandom nennt sich A.R.M.Y.
    Akiko hatte mir heute erzählt, dass sie auch dazu gehört. Das war irgendwie überraschend. Ich hätte nicht gedacht, dass sie ein A.R.M.Y ist."
    Leise seufzte ich etwas. Und jetzt redet er schon wieder von Akiko... Es geht nur um sie...
    Tae meinte nun plötzlich:„Karolin war ja damals auch auf unserem Konzert, als wir entführt wurden. Aber, soweit ich es mitbekommen habe, ist sie mit ihrer Schwester dort gewesen. Ich frag mich, ob sie selbst auch ein Fan von uns ist oder nur ihre Schwester." Ratlos zuckte ich nur mit den Schultern, gut zufrieden, weil Tae nicht mehr über Akiko redete und meinte stumpf:„Frag sie doch einfach." Jetzt meinte Tae:„Naja, morgen vielleicht. Ich wollte mich auch noch ein bisschen mit Akiko unterhalten, wenn das für dich in Ordnung ist."
    Traurig nickte ich nur. Ja, geh du nur zu deiner Akiko. Sie scheint dir wichtiger zu sein als ich. Geh und hab Spaß. Lass mich ruhig alleine hier hocken...
    Gut gelaunt stand Tae, welcher von meiner Trauer und Eifersucht gar nichts mitbekommen hatte, nun einfach auf und verschwand bei Akiko.
    Ich hingegen blieb seufzend an meiner Stelle hocken und starrte gedankenverloren in die flackernde Flamme.
    Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel, wie Karolin aufstand und zu mir kam. Lívia hatte sich unterdessen zu Malou und Juan gesetzt, ebenso wie Federica mittlerweile auch.
    Karolin lächelte mich nun freundlich an und murmelte auf Deutsch:„Na, hat er dich sitzengelassen?" Niedergschlagen antwortete ich einfach nicht und Karolin tröstete mich direkt:„Mach dir mal keine Sorgen. Ich glaube, dass die beiden sich einfach gut verstehen. Akiko ist doch scheinbar ein Fan von BTS. Wahrscheinlich braucht Tae einfach jemanden, der sich vielleicht ein wenig mit dem ganzen Zeug auskennt. Er sieht in Akiko wahrscheinlich so etwas wie eine Verbündete. Vermutlich kennt sie auch die ganzen Insider und alle Songs und das freut Tae wahrscheinlich einfach. Es ist für ihn sicher wie Alltag. Sonst ist er doch auch immer auf Konzerten und Fantreffen und weiß der Geier, was. Da muss er sich auch die ganzen Fans antun. Möglicherweise gibt sie ihm einfach ein bisschen das Gefühl, dass alles ganz normal sei. Bestimmt lenkt sie ihn mit ihrem fanatischen Fanverhalten einfach von der ganzen Situation ab. Ohne, dass ich weiß, ob sie tatsächlich fanatisch ist. Eigentlich kann ich es mir bald nicht vorstellen." Kurz überlegte ich und meinte dann etwas aufgemuntert:„Ja, vielleicht hast du recht." In ihrer etwas stumpfen Art grinste Karolin nun:„Ich habe immer recht." Belustigt grinste ich nun und Karolin sprach noch:„Du brauchst dir auf jeden Fall keinen Kopf deswegen machen."
    Kurz dachte ich jetzt jedoch nach und stellte in Frage:„Was ist mit dir? Du hast gesagt, du glaubst nicht an wahre Liebe. Wie kommt es dann, dass du dir keinen Kopf darüber machst?" Beinahe etwas traurig wirkend murmelte das Mädchen nun:„Wenn ich nicht glaube, dass es existiert, dann mache ich mir auch keinen Kopf darüber. Das habe ich schon genug gemacht. Irgendwann findet man sich damit ab."
    Vorsichtig fragte ich nun:„Wer hat dir denn den Glauben gegeben, dass es keine wahre Liebe gibt?"
    Knapp erwiderte das Mädchen nun mit leerem Blick in das helle Feuer:„Verschiedene Leute, praktisch jeder." Neugierig hakte ich wieder nach:„Und in wie fern?" Seufzend sprach Karolin nun:„Weißt du, man ist nie gut genug für diese Welt. Das haben mir alle meine Mitmenschen damals beigebracht. Sie haben wir gezeigt, dass ich niemals gut genug für auch nur irgendwen sein könnte. Daraus resultiert, dass man niemals die erste Wahl sein wird. Die erste Wahl ist man nur, wenn man mehr geliebt wird, als alle anderen. Und die erste Wahl war ich nie. Werde ich auch niemals sein. Es wird immer mindestens eine Person über mir geben." Leise fragte ich wieder:„Für wen warst du denn nie die erste Wahl und in wie fern nicht?" Beinahe etwas gestresst erwiderte Karolin jetzt:„Für praktisch jeden. Für meine Familie war ich auch nie gut genug. Ich konnte sie alle so sehr lieben wie ich wollte, ich hatte nie das Gefühl, genauso sehr auch von ihnen geliebt zu werden. Natürlich habe ich 6 Geschwister und da ist es sowieso noch einmal was Anderes. Ich gehöre zu den Mittelkindern und die werden bekanntlich ans Ende der Schlange verfrachtet. Die Mutter hat immer ein liebstes Kind und das ist in unserem Fall der Älteste. Aber das Problem ist, dass ich gefühlt ganz am Ende der Schlange stehe. Meine Geschwister hatten alle immer etwas, worauf meine Familie stolz sein konnte. Die eine war so süß und lustig und sportlich, die andere war so hübsch und schlank, noch ein anderer war einfach immer die Ruhe selbst, war immer gut zufrieden und auch nie anstrengend. Dann hab ich noch einen jüngeren Bruder, der total anstrengend ist und oft wütend wird und, wenn er mal etwas macht, dass einem nicht gefällt und man ihn kritisieren will, dann heißt es, dass der Junge sich doch mache und so lieb sei und so toll und ich solle doch aufhören, ihn anzumotzen. Immer wird er bevorzugt. Der Älteste war ja sowieso immer perfekt. So schlau und gutaussehend und schlank und witzig und einfach perfekt. Was hatte ich? Ich war immer nur zu dick, zu dumm und untalentiert. Und das wurde mir auch immer vorbehalten. Und da war ich die einzige, die sich das immer wieder anhören musste. Und es hat niemanden gekümmert, dass mich ihre Worte traurig machten. Es hat auch niemanden gekümmert, wenn ich sagte, es ginge mir schlecht. Dann hieß es nur, ich wolle Schule schwänzen. Immer wieder musste ich mir nur all sowas anhören, bis ich der Überzeugung war, wirklich zu dumm, zu dick, zu schlecht zu sein. Vielleicht war ich nie das Vorzeigekind, aber ich sah mich trotzdem nie als so schlecht, wie ich dargestellt wurde. Aber ich wollte auch etwas haben, worauf meine Familie stolz sein konnte. Also lernte ich viel, bis ich praktisch zur Vorzeigeschülerin wurde. Eigentlich hatte ich nämlich da einen Vorteil. Ich konnte fleißig sein. Dabei war MIR immer egal, ob ich nun gute oder schlechte Noten hatte. Ich wollte einfach nur etwas haben, auf das meine Familie stolz sein konnte. Sie lobten mich dann auch, aber das war auch das einzige, für das sie mich lobten. Naja, vielleicht habe ich auch immer nur das Gute überhört. Vielleicht dramatisiere ich alles über. Naja, das war, was meine Familie zumindest immer sagte. Ich stand auf jeden Fall immer noch am Ende der Schlange und irgendwann war es mir egal. Irgendwann konnte ich mich damit abfinden, dass ich nicht gut genug war. Ich will auch nicht sagen, dass meine Familie mich nicht liebt, denn das wäre sicher nicht die Wahrheit. Aber trotzdem kann ich von der Überzeugung ausgehen, dass ich trotzdem am Ende der Schlange stehe. Wenn ich Pech habe, vermisst meine Familie mich nicht mal wirklich... Deswegen bin ich der Überzeugung, dass echte Liebe nicht existiert. Zumindest nicht gleichermaßen. Aber wen interessiert das schon? Jetzt bin ich sowieso hier und dann ist mir auch egal, dass ich nicht gut genug bin. Vielleicht gehe ich hier sowieso ein, dann kann mir auch niemand mehr sagen, nicht gut genug zu sein. Aber mittlerweile ist es mir sowieso egal. Mittlerweile kann ich mich damit abfinden, nicht gut genug zu sein.
    Aber weißt du, ich will, dass niemand sonst so ein Gefühl hat wie ich. Deswegen versuche ich, jeden gleich zu behandeln. Deswegen setze ich so sehr auf Gerechtigkeit. Ich möchte, dass es nicht so wie bei meinen Geschwistern und mir läuft. Einige werden bevorzugt, andere sind nicht so wichtig. Ich möchte das niemandem antun, denn ich weiß, was das für Selbstzweifel hervorrufen kann. Ich werde immer von allen als sehr selbstbewusst eingestuft. Ich glaube aber, dass ich in Wahrheit einfach nicht meine Verletzlichkeit zeigen will."
    Irgendwie traurig schaute ich ins Feuer.
    Plötzlich stupste mich Karolin aufmunternd an und meinte:„Aber ich glaube, dass Tae dich wohl etwas mag. Als wir heute zusammen nach etwas zu Essen gesucht haben, hat er auf jeden Fall in den höchsten Tönen von dir geschwärmt." Überrascht schaute ich Karolin an und fragte:„Echt?" Schmunzelnd nickte Karolin nur und meinte:„Deine Chancen stehen nicht auf Null!"

    48
    „Meinst du wirklich?", fragte ich hoffnungsvoll. Lächelnd nickte Karolin nun und meinte:„Ja, ich glaube schon, dass Tae dich durchaus mag. Ich hab mich etwas mit ihm über dich unterhalten und er schwärmte nur die ganze Zeit davon, dass du so freundlich und lustig seist und, dass du irgendwie knuffig seist." Belustigt fragte ich, während mein Herz gerade einen freudigen Satz machte:„Knuffig?" Stolz lächelte Karolin nickend und ergänzte:„Er meinte, du seist so knuffig in deiner Art, wie du immer rot anläufst, wenn er dir ein Kompliment macht. Er hat dich Tomätchen genannt. Und ich glaube nicht, dass er das tun würde, wenn er wirklich gar kein Interesse an dir hätte." Etwas aufgeregt grinste ich und gab ein leises Quieken von mir. Karolin lachte nun:„Uiuiui, du scheint ja wirklich richtig verliebt zu sein. Aber ich glaube auch, dass du nicht die erste bist, die sich in Tae verliebt hat, von sofern..." Etwas dankbar lächelte ich Karolin nun an und meinte:„Danke, dass du mich so aufmunterst und dir auch die Mühe gemacht hast, dich mit ihm über mich zu unterhalten." Etwas belustigt lächelte Karolin nun und murmelte:„Kein Problem. Ich war schon immer ganz gut im Vermitteln. Es macht mir irgendwie Spaß. Und ich freue mich, wenn ich so helfen kann." Glücklich lächelte ich die junge Anführerin nun an und fragte plötzlich:„Bist du eigentlich auch ein A.R.M.Y oder warum warst du damals auf dem Konzert?" Leise erwiderte das Mädchen nun:„Naja, als Fan würde ich mich nie bezeichnen, weil ich damit immer so aufdringliche Mädchen assoziiere, die die Bandmitglieder heiraten wollen oder so. Ich höre die Musik ganz gerne und mag die Persönlichkeiten der Jungs, aber das ist eigentlich schon alles. Ich war wegen meiner Schwester auf dem Konzert. Meine Eltern hatten keine Lust, mitzukommen, also sollte ich das Konzert mit ihr besuchen."
    Plötzlich neugierig fragte ich:„Wie lief das denn eigentlich ab mit der Entführung und so? War das während des Konzerts oder danach?" Kurz überlegte Karolin und erzählte dann:„Während. Es liefen auf einmal Männer mit Waffen herum und wollten die Jungs entführen. Eigentlich sollte ja auch nur Tae entführt werden, aber scheinbar wussten sie nicht, welcher von ihnen es war, weshalb sie einfach alle mitgenommen haben. Naja, es wurde auf jeden Fall eine Warnung ausgerufen und alle Fans wollten gleichzeitig herausstürmen. In dem Trubel hab ich meine Schwester verloren und bin als einzige wieder ins Geschehen gerannt. Dort habe ich sie dann gesehen, wie sie von einem Mann festgehalten wurde. Als ich zu ihnen rannte, wollte er mich erst erschießen. Aber ich habe ihn überzeugt, statt meiner Schwester mich mitzunehmen. Sie haben dann meine Schwester gehen lassen. Aber, was dann mit ihr passiert ist, weiß ich nicht. Ich wurde dann einfach mit den Jungs in einen Transporter gesteckt und ich hab die ganze Fahrt lang geschwiegen." Etwas verwirrt fragte ich:„Du hast also deine Schwester davor bewahrt, hier hingebracht zu werden? Aber die Veranlagung für eine Kraft hat doch nicht jeder. Wie kommt es dann, dass sie eingewilligt haben, dich statt ihr zu nehmen?" Knapp zuckte Karolin mit den Schultern, während sie ausdruckslos ins Feuer gaffte und murmelte:„Ich weiß es nicht. Vielleicht hatten wir sie beide. Schließlich ist sowas sicherlich vererbbar. Aber mir ist es auch egal. Ich hoffe nur, dass meine Schwester jetzt in Sicherheit ist." Leise fügte Karolin nun kaum hörbar hinzu:„Ihre Sicherheit ist meiner Familie wahrscheinlich sogar eh wichtiger als meine..."
    Nun wieder etwas lauter meinte Karolin:„Naja, ist jetzt ja auch egal. Ich frag mich sowieso, wieso uns noch niemand gefunden hat oder so. Schließlich müsste die Entführung auch auf Kamera und so aufgenommen sein, aber es wurde wahrscheinlich auch alles von vorne bis hinten geplant... Deine Frage hab ich beantwortet. Ich glaube, ich werde mich dann auch schlafen legen. Gute Nacht, (d/n)." Lächelnd erwiderte ich ihren Nachtgruß und Karolin schmunzelte noch:„Träum süß von Tae!" Belustigt grinste ich noch und sah dabei zu, wie Karolin sich im Schatten eines Baums verkrümelte.
    Auch die anderen legten sich so langsam schlafen. Nur die Nachtwache, Lívia, blieb noch wach. Sie löschte auch schnell das Feuer und ich legte mich auf meinen Platz, während Taehyung sich auch zu mir begab. Freundlich lächelnd legte er sich neben mich, in das grüne Gras, schaute nach oben und murmelte:„Ich hab gesehen, dass du dich mit Karolin unterhalten hast. Aber auf Deutsch. Worüber habt ihr euch so unterhalten?" Halberlei ehrlich erwiderte ich:„Über alles Mögliche. Über die Entführung zum Beispiel. Sie scheint übrigens kein A.R.M.Y zu sein. Zumindest meinte sie, würde sie sich nie als Fan bezeichnen, obwohl sie euch und eure Musik durchaus mag. Sie meint aber, dass sie damals hauptsächlich wegen ihrer Schwester auf dem Konzert war." Interessiert nickte Tae schweigend und legte seinen Kopf nun auf meinen Bauch und sah mich grinsend an. Belustigt grinste ich zurück und erzählte dann einfach weiter:„Wusstest du, dass sie eigentlich Karolins Schwester mitnehmen wollten, aber Karolin sich praktisch für sie geopfert hat?" Stumpf schüttelte Tae nun den Kopf über meinen Bauch und meinte:„Aber das überrascht mich nicht wirklich. Ihre Familie ist Karolin doch am wichtigsten." Ja und das, obwohl sie sich von ihrer Familie scheinbar nicht genug geliebt fühlt. Aber vielleicht ist das ja auch einfach ganz normal. Vielleicht ist es ja auch einfach das Alter oder so...
    Plötzlich lachte Tae leise:„Dein Bauch ist übrigens echt gemütlich, (d/n)." Verliebt lächelte ich ihn an und kicherte:„Freut mich. Kannst mich ja als Kissen benutzen." Nun grinste Tae frech:„Jap, mache ich auch. So ein schönes Kissen kann ich mir nicht entgehen lassen!" Belustigt lächelte ich und irgendwie war ich in dem Moment glücklich. Vielleicht hat Karolin recht. Vielleicht mag Tae mich doch mehr... Naja, ich hoffe es. Aber Karolin sagt ja, sie habe immer recht. Vielleicht hat sie dabei auch recht...
    Müde schlug ich meine Augen auf und spürte direkt Taes warmen Kopf auf meinem Bauch. Belustigt grinste ich den tief schlafenden Mann an. Sein Kopf lag nach wie vor auf meinem Bauch, seine Arme hatte er auch darum geschlungen, während er seine Beine nah an sich gezogen hatte, dass er ein wenig so aussah wie ein kleines Baby. Belustigt lächelte ich ihn einfach an und blickte mich dann weiter um. Es war schon hell und die meisten schliefen noch. Nur Malou, die zweite Nachtwache, war noch wach, obwohl sie recht müde schien. Freundlich lächelte die 10-jährige Afrikanerin mich an und flüsterte belustigt auf Tae deutend:„Er sieht aus, wie ein kleines Kind, dass sein Kuscheltier im Arm hält. Und das bist du! Ich glaube, ihr wärt ein süßes Paar." Fast schon etwas glücklich über Malous Bemerkung grinste ich sie an und flüsterte zurück:„Du hast recht damit, dass er aussieht wie ein kleines Kind."
    In dem Moment wachte Tae auch auf, rieb sich verschlafen die Augen und fragte gähnend:„Wer sieht aus wie ein kleines Kind?" Kichernd erwiderte Malou nun:„Du! So, wie du (d/n) umarmst. Sieht aus wie ein Kleinkind mit dem Kuscheltier!" Leise murrte Tae:„Was denn? (d/n) ist schön kalt. Sie hat schließlich die Kraft des Frostes. Und hier im Regenwald ist es mir zu warm!" Belustigt grinste ich, während Tae mich langsam losließ und sich aufsetzte. Leise brummte er jetzt auch:„Ich hab Hunger!" Daraufhin schlug ich vor:„Wir könnten zusammen nach etwas zu Essen suchen für alle." Tae stimmte zu und stand bereits auf, während er Malou leise zunuschelte:„Du sagst bescheid, wo wir sind, wenn jemand fragt, ja?" Gerade wollte das jüngste Gruppenmitglied antworten, da ertönte auf einmal Karolins brummige Stimme:„Aber geht nicht zu weit weg und denkt daran, alles noch mal Lívia zu zeigen, ob es auch wirklich essbar ist." Überrascht drehten wir uns alle zu Karolin, die mit geschlossenen Auge und reglos dalag, sodass man denken konnte, sie sei tot, hätte sie nicht gerade etwas gesagt. Belustigt grinste Tae nun:„Aufstehen tut sie nie, aber hören tut sie alles." Nun murrte Karolin wieder wie im Schlaf:„Ich höre alles und jeden. Selbst, wenn ich schlafe. Ich hab nur keinen Bock, mich deswegen aufzurichten oder so. Und jetzt geht endlich, bevor ihr alle weckt. Aber seid vorsichtig!"
    So gingen Tae und ich zusammen auf die Suche nach etwas Essbarem und Tae lachte wieder:„Karolin ist echt lustig in der Beziehung! Sie steht nicht auf, bewegt sich noch nicht mal und jeder denkt, sie sei tot, doch in Wahrheit schläft sie nur. Dann kann man natürlich denken, dass sie im Schlaf nichts mitbekommt, aber nein. Sie hört alles und ist sogar scheinbar irgendwie wach, aber regen tut sie sich trotzdem nicht! Schon lustig." Lachend ergänze ich:„Wenn man so darüber nachdenkt, scheint Karolin also eigentlich ne ziemlich faule Sau zu sein." Daraufhin grinste Tae dann und meinte:„Ich mag unsere ganze Gruppe. Sie sind alle sehr freundlich und lustig." Zustimmend nickte ich und meinte:„Wir haben alle irgendwie so unser Image. Karolin ist einfach die Anführerin, die sich um alles und jeden kümmert, während Malou das Nesthäkchen der Gruppe ist. Juan ist ein bisschen wie ein Vater, der immer ruhig und ausgeglichen ist. Federica ist ne richtige Stimmungsbombe und Akiko ist eher die Schüchterne, die aber immer gute Vorschläge macht. Lívia ist sie ruhige Überlebenskünsterlin und du bist der immer gut gelaunte Sohn, der die ganze Zeit etwas singt." Tae lachte nun:„Ja und du bist unser Tomätchen!" Wieder lief ich rot an und Tae grinste, während er mir durch die Haare wuschelte:„Siehst du? Da ist unser Tomätchen schon wieder!" Etwas beleidigt wollte ich ihm gegen den Arm boxen, doch er hielt mich grinsend zurück und murmelte bespaßt:„Und gewalttätig ist das Tomätchen auch noch!" Wie ein beleidgtes Kleinkind murrte ich nun immer noch knallrot:„Nenn mich nicht Tomätchen! Sonst nenne ich dich..." Kurz musste ich überlegen und Tae lachte:„Na, findest du keinen schönen Spitznamen für mich?" Etwas verlegen lachend schaute ich ihn beleidigt an und meinte:„Na gut, mir fällt nichts ein. Aber hör trotzdem auf, mich so zu nennen!" Triumphierend lächelte Tae nun und meinte überlegen:„Und was willst du dagegen machen?"
    Etwas verlegen erwiderte ich leise:„Keine Ahnung, dann hau ich dir einfach eine." Belustigt lachte Tae nun:„OK, dann sollte ich wohl wirklich damit aufhören, Tomätchen!"

    49
    Grinsend kam ich Tae näher und wollte ihm gerade einen leichten Klaps auf den Hinterkopf geben, als plötzlich das laute Kreischen von Vögeln und ein recht lautes Knarren ertönte. Etwas erschrocken blickte ich zu den Bäumen, auf der Suche, nach einer Ursache für die Aufruhe der Tiere, da spürte ich auf einmal einen Ruck über den Boden und ich hörte ein tiefes Beben.
    Tae griff reflexartig nach meiner Hand und zog mich näher zu ihm, sodass ich etwas gegen ihn taumelte. Beinahe etwas ängstlich fragte ich nun:„Was war das, Tae?“ Unwissend zuckte er mit ernstem Blick mit den Schultern und murmelte nachdenklich:„Keine Ahnung. Aber wir sollten zurückgehen. Nicht, dass bei ihnen noch etwas passiert ist. Denn ich vermute unsere Erd-Kraft-Leute...“
    Schnell liefen wir mit dem bisschen zu Essen, das wir schon gesammelt hatten, zurück zu dem Nachtlager, wo die anderen sein mussten.
    Direkt erkannten wir dort auch Malou, die erschrocken um sich blickte und Juan, der sich etwas beschützend vor sie stellte, dabei aber so seelenruhig wie immer wirkte. Ebenso, sahen wir Akiko und Federica, welche aufrecht dastanden und etwas ängstlich abwechselnd Malou und den Boden anblickten. Lívia stand abseits von den anderen, mit großen Augen, aber einer recht ruhigen Aura. Karolin hingegen schien nicht ganz so entspannt. Sie stand verklemmt da und starrte ernst und etwas gestresst wirkend auf den Boden, als würde sie auf etwas warten.
    Tae sprach meine verwirrten Gedanken aus:„Was zum Henker ist passiert und warum schaut ihr alle so... verstört?“ Karolin schien nun etwas aus ihrer Starre herausgefunden zu haben und murrte mit schlecht gelauntem Blick:„Malou hat wohl ihre Kraft angewandt und dabei wohl ein winziges Erdbeben ausgelöst. Das hat uns alle geweckt und auch etwas erschrocken...“ Beinahe etwas erleichtert, dass es nichts Schlimmeres war, atmete ich einmal kurz auf und bemerkte dann erst, dass Tae noch meine Hand hielt, weil er mich vorhin zurück zum Lager gezogen hatte. Auch Tae schien es nun zu bemerken, denn er ließ schnell los und ich lief natürlich sofort rot an.
    Auch Lívia bekam das natürlich mit, grinste und räusperte sich nun in der recht unangenehmen Stille:„Wie ich sehe, wart ihr zwei auf Nahrungssuche. Lasst mich mal nachschauen, ob das auch alles wirklich essbar ist.“
    So kam sie zu uns, überprüfte kurz alles und sprach:„Jap, passt alles.“ Karolin nickte in ihrer Ecke nur zufrieden und murmelte:„Supidupi. Dann verteilt mal bitte alles.“ Währenddessen schlenderte sie nun zu Malou und erkundigte sich fürsorglich, ob bei Malou selbst auch alles OK war, nachdem sie dieses kleine Erdbeben erzeugt hatte.
    Nachdem sich die Anführerin dann vergewissert hatte, dass es allen Beteiligten gut ging, sprach sie schonmal:„Wir werden nach dem Frühstück direkt weiterziehen. Aber eigentlich brauchen wir irgendwie einen Plan. Wir können schließlich nicht ewig wegrennen. Irgendwann werden wir sie bekämpfen müssen. Selbst, wenn nur noch einer übrig ist.“ Akiko humpelte mit ihrem Schlangenbiss am Bein etwas vor und überlegte:„Naja, wenn wir die ganze Zeit wegrennen, könnten wir höchstens noch darauf warten, dass der letzte verhungert oder wegen etwas ganz Simplen stirbt. Aber vielleicht wäre es ja auch ganz gut, wenn wir einfach an einer Stelle bleiben und uns einfach auf eine Art Verteidigungskampf vorbereiten. Dann würden wir auch nicht so viel Energie mit dem Wandern verbrauchen.“ Direkt konterte die Österreicherin:„An sich eine wirklich ganz nette Idee, aber bedenke, dass wir bei weitem noch nicht so weit sind, dass wir uns irgendwie richtig verteidigen können. Tut mir leid, das jetzt so sagen zu müssen, aber alles, was wir momentan können, ist Mini-Erdbeben erzeugen, ein Licht in der Größe einer Schreibtischlampe erstrahlen lassen, Regen in Schnee wandeln auf einer Fläche von vielleicht 30 m² gerechnet, instabile Steinbrücken bauen und Wasserbälle durch die Luft schweben lassen. Und damit werden wir wohl kaum jemanden wie beispielsweise unseren Elektro-Freund bezwingen können. Dafür braucht es weitaus mehr...“ Lívia schien Karolin recht zu geben, was sich nur dadurch kennzeichnete, dass sie nickte und Juan schlug nun vor:„Wenn ihr mich fragt, sollten wir weiterziehen. Auf der Wanderung trainieren wir unsere Kräfte eben noch stärker. Theoretisch können wir die anderen unser Arbeit verrichten lassen. Sie töten sich alle gegenseitig, am Ende bleibt wahrscheinlich nur noch einer übrig und den nieten wir dann zusammen schnell um.“ Karolin stimmte zu:„Hört sich für mich nach einem vielversprechendem Plan an.“
    Nun dachte ich ein wenig nach. Wir warten, bis sich alle gegenseitig umgebracht haben und den letzten töten wir gemeinsam. Ist es nicht irgendwie grausam? Was, wenn da draußen noch mehr Leute sind, die nicht töten wollen und auch nicht sterben wollen? Was, wenn wir ihnen helfen könnten? Stattdessen denken wir nur daran, unseren eigenen Hintern zu retten... Leise warf ich meine Gedanken in den Raum und direkt bekam ich die klare Ansage von Karolin:„Das mag barbarisch und egoistisch klingen, aber wir dürfen jetzt nicht erst mal an die anderen denken. Wir müssen jetzt nur auf uns selbst achten. Für alle anderen tut es mir leid, aber wir können jetzt nicht jeden abklappern und erstmal fragen:„Hey! Na, willst du uns töten oder dich uns anschließen?“ So geht das nicht! Bevor wir es dann wissen, sind wir möglicherweise tot. Wir werden einfach abwarten müssen, bis das alles endlich vorbei ist...“
    Wahrscheinlich hat Karolin recht... Aber irgendwie ist diese Aussage so untypisch für sie. Sonst lebt sie nach dem Motto, dass wir alle in einem Boot sitzen und uns gegenseitig helfen müssen. Niemand wird zurückgelassen! Aber jetzt gerade scheint es fast schon so, als wäre Karolin das Boot zu voll und sie wolle Ballast loswerden, bevor das Boot deswegen untergeht.
    Aber sie hat wirklich recht. Wir können sowieso nicht allen helfen und außerdem wissen wir ja auch gar nicht, wer unsere Hilfe will und wer nicht. Wir werden einfach abwarten und hoffen müssen...


    Hey Leute, tut mir leid, dass das Kapitel erst so spät kommt, aber wir hatten gestern einige WLAN- Probleme.

    Ich zeichne übrigens auch sehr, gerne, was vielleicht schon einige mitbekommen haben. Wegen eines Malwettbewerbs, den meine Schwester und ich in letzter Zeit machen, habe ich mehrere neue Zeichnungen von BTS veröffentlicht. Wenn ihr wollt, dürft ihr gerne mal vorbeischauen und mir vielleicht sagen, welchen Member ihr am besten gelungen findet und, ob die alte oder neue Version besser ist (ich habe sie vorher schon mal gemalt und diese Zeichnungen sind dort auch zu finden.)
    Um meine Zeichnungen zu finden, müsst ihr einfach nur bei meinen Quizzen und so schauen. Da hab ich sie unter „Meine Zeichnungen“ hochgeladen.^^
    LG Emily W.

    50
    Der Himmel war grau und die Hitze drang trotz der hohen Feuchtigkeit in der Luft bis durch meine Klamotten. Das Atmen fiel einem bei der Schwüle fast schon schwer und ich wartete nur darauf, dass der Regen endlich fallen würde. Und das tat er nun auch endlich. Der Regen prasselte hart auf die grünen Pflanzen, aber auch auf uns und durchnässte uns bis auf die Knochen. Meine Sicht verschlechterte sich durch das ganze Regenwasser in meinem Gesicht und meine Haare klebten auf meiner Stirn und meinen Schultern. Auch die anderen schienen nicht allzu glücklich über das Wetter zu sein und stapften teils schlecht gelaunt, teils einfach nur schweigend, vor mir her.
    Tae hingegen lief neben mir und schien den Regen aber fast schon zu genießen. Er murmelte gut gelaunt:„Wie schön der Regen doch ist. So erfrischend!" Leise murrte ich nur:„Kein Wunder, dass du Wasser bekommen hast. Regen ist ne schreckliche Angelegenheit und du findest ihn toll..." Belustigt grinste Tae mich nun an und scherzte:„Mein Tomätchen scheint ja echt kein Wasser-Freund zu sein." Spottend erwiderte ich beinahe etwas beleidigt:„Ja, wenn dein Tomätchen nämlich zu viel Wasser bekommt, ertrinkt es noch." Tae grinste nun:„Hat mein Tomatchen sich endlich mit seinem Namen angefreundet?" Etwas beleidigt murrte ich:„Nein, das hab ich nicht. Und ich bin auch nicht DEIN Tomätchen, wenn überhaupt." Schmunzelnd fragte Tae nun, während er sich seine nassen Haare aus den Augen strich:„Warum denn nicht? Ich hab dir deinen Spitznamen gegeben und ich bin der einzige, der dich so nennt. Also bist du MEIN Tomätchen!" Federica, welche die Unterhaltung wohl verfolgt hatte, lachte nun vor uns:„Tae, du kannst sie nur DEIN Tomatchen nennen, wenn ihr ein Paar seid und das seid ihr offensichtlich nicht!" Karolin lachte an der Spitze nun leise:„Noch nicht..." Tae bekam das natürlich mit und schenkte ihr einen bösen Blick. Ich lief wieder etwas rot an, drehte meinen Kopf aber schnell zur Seite, bevor Tae oder sonst wer es sehen konnten. Malou erhob nun plötzlich gut gelaunt ihre Stimme:„Aber ihr wärt ein supersüßes Paar!" Akiko schaltete sich plötzlich auch dazu:„Oh ja, das wärt ihr! Wenn ihr mich fragt, dauert es bestimmt auch nicht mehr lange, bis sie es sind. Schaut euch doch nur mal an, wie er (d/n) immer Tomätchen nennt und sie immer damit ärgert! Wie heißt es so schön? Was sich neckt, das liebt sich!" Karolin kicherte vorne nun, während Tae etwas wütend wurde, zu ihr stapfte und sie leicht schubste. Jedoch verlor die Anführerin ihr Gleichgewicht, fiel kichernd zu Boden und murrte dann nur noch schmunzelnd:„Warum schubst du mich denn jetzt, Tae? Ich hab doch gar nichts gesagt!" Tae brummte nur kurz und ging daraufhin also zu Akiko und wollte sie schubsen, jedoch lief Akiko schnell vor ihm weg.
    In der Zeit stand ich einfach nur verlegen am Rand und beobachtete schüchtern das Geschehen. Ein süßes Paar? Wären wir das wirklich? Und ob Akiko wohl recht hat? Liebt Tae mich wirklich? Naja, ich kann mich nicht auf die Theorien eines A.R.M.Ys verlassen...
    In dem Moment kam Lívia überraschenderweise zu mir und murmelte so leise, das nur ich es hören konnte:„Du magst ihn. Das weiß ich. Du hättest sicher nichts gegen eine Beziehung mit ihm, oder?" Etwas überrascht, aber gleichzeitig ebenso verlegen lächelte ich das brasilianische Mädchen an und murmelte zurück:„Du kennst die Antwort doch... Aber er ist doch eh nur charmant und das ist auch OK. Außerdem muss ich mich so oder so erstmal darauf konzentrieren, dass ich hier lebend rauskomme..." Irgendwie Verständnisvoll lächelte mich Lorenzos Schwester an und meinte:„Naja, vielleicht mag er charmant sein. Aber dann nur bei dir. Also kannst du davon ausgehen, dass er dich mag."
    Plötzlich machte mein Herz einen Satz. Meint sie wirklich, dass er mich mag? So richtig und nicht nur als Kumpeline? Bevor ich sie das fragen konnte, war sie schon wieder verschwunden und lief erneut abseits von den anderen.
    Tae hingegen lief noch wild hinter Akiko her, die gerade Juan als Schutz nutzte, gab es dann jedoch auf und lief einfach wieder neben mich. „Richtige Hühner", murmelte er brummig vor sich hin, als er zu Akiko und Federica guckte, die unterdessen amüsiert kicherten. Leise murmelte ich Tae nun aufmunternd zu:„Lass dich nicht ärgern. Du weißt es doch besser als sie..." Dankbar, aber irgendwie mit einem Blick, den ich nicht so ganz identifizieren konnte, lächelte er mich sanft an und flüsterte:„Danke, Tomätchen." Doch in diesen zwei Worten, die er sprach, lag ein seltsamer Unterton. War das so etwas wie Trauer oder Sehnsucht? Oder vielleicht doch eine Art von Enttäuschung?
    Ich überspielte meine Verwirrung einfach, indem ich ihn etwas beleidigt anlächelte und meinen Blick dann wieder nach vorne wandte.
    Dort liefen die anderen wieder in ihren Grüppchen. Malou quasselte gerade Karolin voll, welche aber gar nicht richtig zuzuhören schien, Juan lief wortlos daneben, Federica und Akiko kicherten leise vor sich hin und Lívia lief schweigend, ein paar Meter von dem Rest entfernt, neben uns her.
    Irgendwie fühlte ich mich fast schon wie in einer Familie mit diesen Leuten. Und Tae war für mich wie ein guter Freund, der einfach irgendwie da war und in den ich mich einfach unendlich verliebt hatte. Und ich konnte nichts dagegen tun, dass mein Herz in Wahrheit jedes Mal einen kleinen Freudensprung machte, wenn mich dieser perfekte Mann „Tomätchen" nannte und, dass es sich jedes Mal vor Eifersucht zusammenzog, wenn er mal wieder bei der hübschen Akiko war.

    51
    „Wir sind für heute genug gelaufen. Wir werden jetzt unser Lager aufschlagen", drang Karolins feste Stimme in meine Ohren. Danke! Ich bin fertig. Ich hätte nicht einen Schritt weitergehen können.Auch die anderen freuten sich sichtlich und Maou ließ sich augenblicklich auf den feuchten Boden fallen und murmelte:„Endlich!"
    Ich setzte mich einfach auf den Boden und beobachtete, was der Rest so tat. Karolin zog natürlich sofort wieder ihre Schuhe aus, die sie auch vorher nur widerwillig angezogen hatte, um sich nicht die Füße wundzutreten. Tae tat es der Anführerin gleich, während er sich neben mich setzte. Federica legte sich nun neben Malou auf den Boden und murmelte gut gelaunt:„Ich mag es, im feuchten Gras zu liegen." Beinahe etwas angewidert brummte Karolin nun:„Bist du verrückt? Wer macht sich denn schon freiwillig nass?" Ich grinste nur vor mich hin, denn ich gab Karolin recht. Juan hingegen ließ gerade einen Stein aus dem Boden hervortreten und setzte sich darauf. Akiko setzte sich einfach stumpf dazu, während Lívia wie immer schweigend am Rand hockte und gedankenverloren mit ihrer Kraft spielte.
    Plötzlich raunte Tae mir leise zu:„Ich hab Hunger. Wollen wir zu zweit etwas suchen, Tomätchen?" Mich etwas veräppelt fühlend schaute ich ihn leicht lächelnd an und wollte gerade mit einem „Ja" erwidern, da rief Malou, die wohl mitgehört hatte:„Ich komme auch mit!" Tae protestierte:„Aber sind wir dann nicht vielleicht zu wenig Leute hier im Lager? Es reicht doch bestimmt, wenn wir nur zu zweit gehen, oder nicht?" Karolin amüsierte sich nun:„Tae, hier sind noch 5 Leute, wenn ihr zu dritt unterwegs seid. Wir sind hier nicht zu wenig. Und außerdem bringen viele Hände ein schnelles Ende. Nehmt Malou doch mit. Dann geht sie mir nicht auf die Nerven." Daraufhin schaute Malou Karolin beleidigt an, woraufhin Karolin anfing, zu lachen:„Wie schnell Malou doch eine beleidigte Leberwurst wird!" Nun grinste auch Malou, während ich Tae leise neben mir seufzen hörte. Verwirrt schaute ich ihn an und flüsterte:„Magst du Malou nicht? Warum willst du nicht, dass sie mitkommt?" Leise erwiderte Tae nun missmutig:„Doch, natürlich mag ich sie." Erwartungsvoll hakte ich nach:„Aber?" Nun seufzte Tae wieder, schien kurz zu überlegen und meinte dann:„Es gibt kein Aber. Ich möchte nur nicht, dass Malou sich vielleicht wehtut oder so..." Leicht lächelte ich ihn an und sprach:„Mach dir da mal keine Sorgen. Malou ist taffer, als du glaubst. Sie kann durchaus auf sich aufpassen." Mit den Worten stand ich auch auf und meinte nur:„Wir nehmen dich mit, Malou." Tae stand nun auch auf und murmelte:„Na dann los..." Karolin rief uns noch hinterher:„Aber geht nicht zu weit weg und passt aufeinander auf, ja?"
    „Kann man das essen", fragte Malou gut gelaunt. Tae, welcher schweigend neben mir lief, zuckte nur lustlos mit den Schultern und ich murmelte, etwas verwirrt, wegen Taes Verhalten:„Ich weiß nicht genau. Aber ich glaube, dass Lívia schonmal so eine Frucht mitgebracht hat. Wir nehmen sie einfach mit und Lívia sagt uns dann, ob sie wirklich essbar ist oder nicht." Zufrieden nickte die junge Afrikanerin nun und kletterte direkt geschickt zu dem Baum hoch.
    Die Zeit, ohne Malou direkt neben uns, nutzte ich, um Tae zu fragen:„Was ist los? Du wirkst so demotiviert, Tae." Schwach lächelte mich Tae nun an und erwiderte:„Nein, das ist Einbildung. Ich bin höchstens hungrig." Nachdenklich nickend nahm ich seine Aussage an, hielt sie aber dennoch für eine Lüge. Doch ich ließ mir nicht anmerken, dass ich skeptisch war. Stattdessen schaute ich einfach zu Malou und lobte sie, als sie wieder am Fuße des Baums stand:„Du kannst ja echt gut klettern, Malou!" Die 10-jährige erwiderte nun stolz:„Danke. Ich bin damals oft auf Bäume geklettert, als ich noch in Afrika war und nicht hier. Obwohl es nicht so große Bäume waren wie hier." Leicht lächelte ich das Mädchen nun an, während Tae weiterhin nachdenklich schwieg.
    Nach etwa einer halben Stunde schon hatten wir recht viel gesammelt und gingen zurück zum Lager, wo die anderen auf uns warteten. Schnell zeigten wir Lívia das Gesammelte und sie sortierte schnell ein zwei Früchte aus, die nicht essbar waren.
    Während des Essens hatte ich mich zu Karolin und Lívia gesetzt. Tae hingegen saß mal wieder bei Akiko, was mich sofort eifersüchtig machte.
    Nachdenklich kaute ich gerade auf meiner Frucht herum und dachte über Taes seltsames Verhalten nach, als Karolin auf einmal fragte:„Worüber denkst du nach, (d/n)?" Ehrlich antwortete ich ihr leise:„Naja, Tae hat sich vorhin so seltsam benommen und ich weiß nicht, wieso. Er war so schweigsam und demotiviert. Das fing an, als Malou mitkommen wollte. Aber ich weiß nicht, ob es damit etwas zu tun hat." Lívia nuschelte auf einmal durch ihre Mango hervor:„Vielleicht wollte Tae einfach Zeit mit dir alleine verbringen. Naja, ich vermute es." Karolin fügte nun überzeugt hinzu:„Er hat ja besonders betont, dass man doch auch zu zweit gehen könne. Ich denke, es liegt nicht an Malou, sondern einfach daran, dass er Zeit mit dir alleine verbringen wollte." skeptisch murmelte ich nun:„Und warum sollte er ausgerechnet mit mir Zeit verbringen wollen?" Karolin erwiderte nun schlechthin:„Sieh doch einfach mal dem Fakt ins Auge, dass Tae dich vielleicht einfach sehr gerne hat." Lívia nickte:„Ja. Wenn du mich fragst, sieht er mehr in dir als nur eine Freundin." Leise stellte ich nun in Frage:„Wie kommt ihr darauf? Was ist mit Akiko? Mit der versteht er sich doch auch so toll. Was, wenn er in sie verliebt ist?" Überzeugt schüttelte Lívia nun den Kopf und Karolin sprach ihre Gedanken aus:„Er ist ganz sicher nicht in Akiko verliebt. Wenn, dann in dich. Ist dir noch nie aufgefallen, wie er dich immer anlächelt? So lächelt er hier sonst niemanden an." Lívia bestätigte:„Nicht mal Akiko!"
    Nachdenklich und gleichzeitig hoffnungsvoll schaute ich nun zu Tae, der gerade bei Akiko hockte und ihr gerade gut gelaunt etwas erzählte. Sie hingegen saß lächelnd vor ihm und hörte ihm einfach zu.
    Nun drehte ich mich wieder zu der Brasilianerin und der Österreicherin und murmelte:„Aber Akiko ist doch viel hübscher als ich. Und netter wahrscheinlich auch. Außerdem beherrscht sie, im Gegensatz zu mir, ihre Kraft." Karolin zuckte nun mit den Schultern:„Das ist Geschmackssache. Und vielleicht beherrscht Akiko ihre Kraft besser als du, aber das heißt doch nicht, dass du deswegen schlechter bist als sie. Und außerdem kommt es doch auf den Charakter an und nicht auf das Können." Lívia fügte nun hinzu:„Und du hast echt Charakterstärke. Ich meine, nichts gegen Akiko, wir mögen sie alle sehr, aber ihr Charakter ist nicht so ausgeprägt wie deiner. Du bist viel offener als sie." Mich selbst nach wie vor schlechtreden wollend, murrte ich:„Aber viele Kerle stehen doch auf so schüchterne Mädchen." Karolin seufzte nun:„Aber du weißt doch nicht, ob Tae das auch tut." Lívia versprach nun:„Du brauchst dir keine Sorgen machen. Ich glaube nicht, dass Tae in Akiko verliebt ist."
    Kurz dachte ich nach. Naja, vielleicht haben die beiden ja wirklich recht. Ich hoffe es... Warum lasse ich mich eigentlich von einer 13-jährigen und einer 15-jährigen beraten? Ich bin 22 und gebe mich mit so jungem Volk ab. Naja, sie scheinen ja trotz ihren jungen Alters recht weise zu sein. Hoffen wir mal, dass sie so weise sind, dass sie auch recht haben damit...

    52
    „Ich glaube nicht, dass er wirklich in mich verliebt ist", murmelte ich traurig vor mich hin.
    Ich saß nach wie vor mit Karolin und Lívia auf dem Waldboden, etwas abseits von den anderen.
    Irgendwie traurig schaute ich nun zu Tae rüber, welcher immer noch bei Akiko saß. Er sah glücklich aus, er lachte und die hübsche Akiko strahlte ihn mit ihrem hübschen Lächeln und ihren glitzernden Augen an. Ihr schwarzes Haar fiel sanft auf ihre Schultern und sah so seidig aus wie eh und je.
    Tae selbst schaute sie lachend an und seine dunklen Augen verzogen sich dabei zu engen Schlitzen, während er sein bezauberndes Box Smile einsetzte.
    Ich seufzte bei dem Anblick leicht, denn es machte mich traurig, dass Akiko ihn gerade so glücklich machte und nicht ich.
    Doch Karolin brummte auf einmal ernst:„Jetzt sei doch nicht so pessimistisch, (d/n)!" Leise fauchte ich auf Deutsch, damit nur sie es verstehen konnte:„Sagt gerade die Richtige. Du bist doch die, die meint nicht gut genug zu sein und, dass deine Familie und niemand dich lieben würde!" Dies schien die Anführerin sehr getroffen zu haben, denn auf einmal entgleitete ihrem Gesicht das freundliche Lächeln und stattdessen schaute sie schweigend auf den Boden, während sich in ihrem Blick so etwas wie Trauer, aber auch Wut und Verletztheit widerspiegelten. Irgendwie kamen nun Schuldgefühle in mir hoch, aber ich war zu stolz, um mich deswegen jetzt zu entschuldigen.
    Lívia murmelte nun:„Du brauchst nicht glauben, dass Akiko oder sonst wer dir deinen Stellenwert nimmt. Bist es du oder sie, die von ihm Tomätchen genannt wird? Und er schläft auch jede Nacht neben dir. Würde er das tun, wenn er in Akiko verliebt wäre?" Kurz musste ich überlegen und musste ihr dann irgendwie recht geben. Jedoch versuchte ich gleich wieder, ein Gegenargument zu finden:„Was, wenn er einfach nur schüchtern ist? Vielleicht sieht er in mir nur eine Freundin und traut sich nicht, Akiko seine Gefühle zu gestehen. Sowieso, wenn er in mich verliebt wäre, würde er doch wahrscheinlich auch nicht bei mir schlafen. Dazu wäre er doch bestimmt viel zu schüchtern." Etwas unmutig schüttelte Lívia nur etwas schmunzelnd den Kopf und meinte dann:„Gut, dass ich nicht so Probleme hab wie du. Wobei eigentlich wäre es fast schon schön. Denn ich persönlich sehe da kein Problem."
    Anstatt zu antworten, spähte ich nur wieder zu Tae und Akiko rüber. Sie unterhielten sich gerade auf irgendeiner Sprache, die ich nicht verstehen konnte. Wahrscheinlich auf Japanisch.
    Plötzlich hörte ich Federicas gut gelaunte Stimme:„Moin Leude. Na, was macht ihr hier so?" Nun drehte ich mich wieder zu den anderen und sah nun auch, dass Federica sich neben uns gesetzt hatte und uns in ihrer gewohnten Weise angrinste. Selbst nun auch lächelnd erwiderte ich:„Ach, nicht so viel. Wir hocken hier nur rum. Und du so?" Federica brach nun natürlich wieder in ihrem Element aus und fing an, zu brabbeln:„Gerade noch hab ich ein bisschen mit Malou und Juan geplaudert. Wir haben Schiffe versenken gespielt. Juan hat eine kleine Mauer aus Erde zwischen Malou und mir geschaffen und hat uns dann ein paar kleine Steine als Schiffe gebaut. Mit einem Stock haben wir uns dann das Feld einfach in dem Sand aufgemalt. Ich hab übrigens gewonnen, wobei es ziemlich schwierig war, zu erkennen, ob ich das Feld im Sand gerade schon durchgestrichen habe oder nicht. Hehe..." Belustigt lächelte ich sie an und bemerkte, dass Karolin immer noch vollkommen geistesabwesend auf den Boden schaute und auch gar nicht wirklich zuzuhören schien. Lívia hingegen lächelte Federica nur leicht an.
    Ich meinte jetzt einfach, selbst auch etwas besser gelaunt:„Hört sich doch gut an." Federica grinste nun nur noch:„Ja, war auch gut. Aber jetzt wollten die beiden Schnarchnasen schon schlafen gehen. Ich aber noch nicht. Also bin ich zu euch gekommen."
    Karolin brummte nun leise wie aus dem Nichts:„Ich glaube, ich gehe dann auch mal schlafen. Ich sag nur vorher Akiko bescheid, dass sie die erste Nachtschicht übernimmt. Die nächste hast du, (d/n), weißt du ja."
    Und schon stand die 15-jährige Österreicherin auf, trottete gedankenverloren zu Akiko, gab ihr schnell bescheid und legte sich dann an einen Baum, nicht weit von Juan und Malou entfernt. Ihr Gesicht hatte sie dabei dem Baum zugewandt.
    Ich sah ihr nachdenklich hinterher. Da haben wir die alte Karolin wieder. So, wie sie die ersten paar Tage nach unserer Begegnung war - schweigsam, gedankenverloren, nicht gerade menschenbezogen und mit leerem Blick. Ist das jetzt meine Schuld, weil ich ihr vorgeworfen habe, sie sei immer pessimistisch. Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen, denn es hat sich angehört, als würde ich ihr vorwerfen, sie würde übertreiben. Naja, vielleicht tut sie es auch. Sie hat ja selbst gesagt, dass sie wahrscheinlich übertreibt...
    Nun wurde ich jedoch von Federica aus meinen Gedanken gerissen, als sie meinte:„OK, dann sollte ich vielleicht auch schlafen gehen."
    So legte auch sie sich schlafen und bald legte sich auch der Rest schlafen, so auch ich.
    Tae lag, wie gewohnt, neben mir und wünschte mir noch schnell eine gute Nacht, während er sich gerade etwas umherwälzte. Ich gab auch nur ein leises „gute Nacht" von mir und legte mich so hin, dass es recht gemütlich war. Jedoch konnte ich noch nicht schlafen, denn ich dachte irgendwie über alles Mögliche nach. Darüber, dass ich meine Kraft immer noch nicht beherrschte, aber gleichzeitig auch irgendwie gar keine Lust dazu hatte, sie zu trainieren. Ich wollte mich selbst nicht dadurch enttäuschen, dass ich es nicht wirklich hinbekam, also ließ ich es lieber. Dazu kam die Sorge, dass wir es vielleicht alle gar nicht überleben würden und auf einmal hatte ich wieder schreckliche Angst. Ich wollte noch nicht sterben und vor allem nicht wegen so etwas. Nicht, weil ich scheinbar auserwählt wurde, so eine doofe Kraft zu beherrschen, mit der ich doch noch nicht mal klarkam. In dem Moment regte ich mich irgendwie etwas auf. Über mich selbst, über Hisoka, weil er sich das Ganze ausgedacht hatte und über die ganze Situation. Sowieso fragte ich mich, ob Hisoka wirklich die ganze Wahrheit erzählt hatte. Naja, ob sein Kumpan die ganze Wahrheit in seinem Namen erzählt hatte. Es konnte doch nicht wirklich das Wahre sein, dass der Überlebende eine Chance ermöglichte. Eine Chance wozu überhaupt? Die Welt zu beherrschen oder steckte mehr dahinter oder vielleicht auch weniger?
    Ich war verzweifelt und dann musste ich mich auch noch an das ganze Gefühlschaos mit Tae erinnern. Das gab mir dann den Rest und ich fing an, leise zu weinen. Ich hatte Angst, dass Akiko, welche die Nachtwache darstellte, es vielleicht hören könnte und so versuchte ich einfach, aufzuhören, an nichts mehr zu denken und einzuschlafen.
    Und das passierte zu meinem Glück auch. Langsam fiel ich in einen tiefen schwarzen Schlaf, ohne Träume.

    „Wacht auf! Los, macht schon! Steht auf!"
    Eine panische Stimme drang in meine Ohren und ich erkannte, dass es Akiko war. Müde schlug ich die Augen auf und schaute mich um. Akiko stand panisch da und versuchte, uns alle zu wecken. Um uns herum war es dunkel, doch in nicht allzu weiter Ferne erkannte ich ein helles Leuchten.
    Verwirrt blickte ich in die Richtung, während Akiko weiterhin wie eine Wildgewordene brüllte:„Steht jetzt auf! Sie kommen!"
    Verwirrt stand ich nun auf und wollte gerade fragen, wovon die Japanerin sprach, doch schon sah ich plötzlich 4 Gestalten wie aus dem Nichts aus der Richtung auftauchen, aus der auch das helle Leuchten kam.
    Sofort erkannte ich diese Personen und auch, dass das helle Leuchten ein Feuer war. Es waren die „finsteren Gestalten" wie ich sie nannte. Der Unbekannte, Irina, Rafael und Callum.
    Sie standen dort erst ungerührt und starrten uns an. Ich erkannte dabei, dass der Anführer dieser Gruppe, Callum, boshaft grinste.
    Augenblicklich bekam ich Panik und auch die anderen waren nun hellwach und standen ebenso aufgelöst wie ich dort und starrten unsere 4 Feinde an.
    Plötzlich sah ich, wie Callum seine Hand gebieterisch hob und dann zu uns zeigte.
    In dem Moment hauchte Karolin:„Rennt!"
    Das brauchte ich mir nicht zweimal sagen lassen. Sofort rannte ich los und versuchte, in einer Gruppe mit den anderen zu bleiben. Doch schneller, als ich gucken konnte, zuckten auf einmal gewaltige Blitze über den Himmel und zwischen uns und wir wurden geteilt.
    Ich rannte nun einfach, so schnell ich konnte, los und versuchte, davonzukommen. Ich bekam Panik. Ich sah die anderen nicht mehr und nicht mal meine eigene Hand vor Augen, weil es so dunkel war. Doch ich rannte einfach weiter. Zwischendurch stolperte ich immer mal wieder und fiel dabei fast hin. Aber ich rannte einfach unbeirrt weiter. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich rannte, wo die anderen waren, wie weit ich schon von unseren Feinden entfernt war und auch nicht, ob ich schon in Sicherheit war.
    Schließlich blieb ich einfach hinter einem breiten Baum stehen, blickte mich einmal um und sah auch nicht mal mehr das helle Leuchten des Feuers oder die zuckenden Blitze am Himmel.
    Irgendwie erleichtert, aber gleichzeitig noch voller Angst und Sorge verschnaufte ich nun erstmal. Daraufhin schaute ich mich dann einfach um und hielt Ausschau nach einem meiner Gruppenmitglieder. Doch ich sah nichts und niemanden. Alles, was ich in der Dunkelheit noch so vage erkennen konnte, war der gigantische Baum vor mir.
    Kurz überlegte ich und kletterte den Baum dann einfach hinauf. Als ich schließlich einen breiten Ast, recht weit oben, erfasste, zog ich mich kurz herauf und setzte mich dort hin.
    Von da oben hatte ich die Dunkelheit gut im Blick und ich war wenigstens etwas geschützter.
    Nun hatte ich auch etwas Zeit zum Nachdenken. Wo sind die anderen? Haben sie es überlebt? Muss ja eigentlich. Zumindest habe ich nicht diesen Ton gehört, der uns benachrichtigen soll, wenn jemand gestorben ist. Oder habe ich ihn vielleicht überhört? Ich bin so schnell gerannt, dass es auch gut sein kann, dass ich nichts mitbekommen habe.
    Was mache ich denn jetzt? Ohne die anderen? Meine Kraft nicht wirklich beherrschend? Alleine auf diesem Baum?
    Bitte, lass es nur einen Traum sein! Bitte ist das nicht wahr! Tae hat mir gesagt, wir würden das überleben, weil wir in einer Gruppe sind. Aber jetzt sind wir getrennt und zumindest ich bin auf mich alleine gestellt. Jetzt werde ich nicht mehr überleben können.
    Oh bitte lass es nur einen Traum sein!

    53
    Ich vernahm das leise Gezwitscher von Vögeln und Licht schien in mein Gesicht. Verwirrt öffnete ich meine Augen und erschrak mich erst sehr. Ich hockte auf einem Baum, weit oben und niemand von den anderen war da. Erst war ich verwirrt, doch dann fiel es mir wieder ein.
    Letzte Nacht wurden wir praktisch überfallen und ich bin hierhin geflohen. Wo der Rest ist, weiß ich nicht... Also war es doch kein Traum...
    Ich richtete mich etwas mehr auf und schaute mich leise um. Es war keine einzige Person oder Anfälligkeit zu vernehmen. Alles, was ich sehen konnte, waren hohe Bäume, bunte Pflanzen und den blauen Himmel. Also sah es so aus, wie sonst auch überall.
    Ruhig überlegte ich nun, was ich als nächstes machen sollte. Hier bleiben? Meinen Weg alleine gehen? Die anderen suchen?
    Ich entschied mich dafür, vorsichtig zurück zu unserem letzten Lager zu gehen. Ich dachte, dass sie vielleicht auch dorthin zurückgehen würden.
    Jedoch gab es dabei ein Problem. Und zwar wusste ich nicht mehr, aus welcher Richtung ich am vorherigen Tag kam.
    Ratlos blieb ich erstmal einfach auf meinem Ast hocken und bekam wieder etwas Panik. Was soll ich jetzt machen? Was, wenn die anderen vielleicht schon gestorben sind? Oder was, wenn ich auch sterbe? Was, wenn mich unsere Feinde wiederfinden? Ich kann mich selbst nicht verteidigen. auch gestern sind wir ja einfach nur weggerannt. Was soll ich jetzt nur machen?
    Ich verzweifelte wieder und mir war wirklich zum Heulen zumute, aber dann habe ich mich doch noch aufraffen können und bin einfach vorsichtig den Baum hinuntergeklettert.
    Unten angekommen schaute ich mich erst noch einmal um. Vielleicht konnte ich sehen, wo ich langgelaufen war, anhand plattgetretener Pflanzen oder dergleichen. Doch es sah alles gleich aus und ich konnte keinen Unterschied an den Pflanzen feststellen. Ich überlegte. Ich überlegte, was ich nun machen sollte, in welche Richtung ich gehen sollte.
    Letztendlich entschied ich mich einfach dazu, in irgendeine Richtung zu gehen und zu hoffen, dass ich vielleicht jemanden traf.
    Und so lief ich los. Doch schon nach etwa 20 Minuten war mir klar, dass dies sicher nicht der richtige Weg sein würde. Ich ließ mich einfach an einem Baum nieder, legte meinen Kopf auf die Knie und fing an, zu weinen. Ich war in Panik, ich fühlte mich verloren und hatte Angst. Nicht nur um mich selbst, sondern auch besonders um Tae. Was, wenn ihm etwas passiert ist? Was, wenn er schon längst gestorben ist und ich das Signal nur nicht gehört habe? Was soll ich nur machen? Ich werde sterben! Ohne die anderen erst recht!
    Als ich etwa 5 Minuten einfach nur schluchzend da saß, hob ich meinen Kopf wieder etwas und schaute mich um.
    Plötzlich fiel mir auf, dass es um mich herum schneite. Verwirrt stand ich augenblicklich auf und schaute mich um. Scheint so, als würden meine Kräfte emotionsbedingt funktionieren... Als ich mich damals erschrocken habe, habe ich Eis erzeugt und jetzt, wo ich weine, lasse ich es schneien... Kann ich meine Kraft durch meine Emotionen beherrschen? Ist das vielleicht der Schlüssel? Darf ich, damit es aufhört, auch einfach nichts fühlen?
    Mit noch glasigen Augen starrte ich auf meine zittrigen Finger und dann wieder in den Himmel, aus dem es schneite, als würde es Watte regnen.
    Etwas unsicher, in der Angst, dass jemand in der Nähe vielleicht den Schnee sehen würde, schaute ich mich rasch um.
    Nun schloss ich meine Augen und murmelte leise zu mir selbst:„Du darfst nichts fühlen! Denke einfach an nichts, (d/n)! Du kannst das! Du darfst einfach nicht daran denken..." Einen Moment verharrte ich nun mit geschlossenen Augen dort und breitete meine Hände etwas nach vorne aus, während ich einfach an nichts dachte. Naja, an nichts, kann man nicht sagen. Ich verdrängte einfach die negativen Emotionen, indem ich an meine Familie dachte. Und an Tae. An alle Menschen, die ich liebte und es beruhigte mich. Ich fühlte mich, alleine dadurch, dass ich an sie dachte, irgendwie beschützt und meine Angst verflog. Alles, woran ich nun noch dachte, war, wie sehr ich sie alle liebte.
    Langsam öffnete ich nun wieder meine Augen und erkannte zu meiner eigenen Überraschung, dass es auf einmal aufgehört hatte, zu schneien. Und auch der Schnee, der eigentlich auf dem Boden hätte liegen müssen, war wie weggefegt.
    Irgendwie begeistert schaute ich mich um. Ich hatte es tatsächlich geschafft, meine Kraft wenigstens etwas unter Kontrolle zu bekommen. Ich war stolz auf mich selbst und plötzlich schöpfte ich neuen Mut. Meine Angst war wie verschollen und stattdessen hatte sich eine Art Selbstsicherheit in mir ausgebreitet.
    Überzeugt lächelte ich nun etwas, schaute mich erneut um und kletterte kurzerhand auf den Baum, vor dem ich gerade eben noch geweint hatte und kletterte ganz in die Spitzen und schaute von dort aus umher.
    Ich hatte nun den Überblick über einen recht großen Teil des Waldes. Jedoch sah ich natürlich nur die anderen Baumspitzen. Doch an einer Stelle waren die Baumspitzen verkohlt und schwarz und ich nickte zufrieden vor mich hin. Das muss der Ort sein, an dem gestern unsere Feinde am Werk waren. Irina, die Russin in der Truppe, hat die Kraft des Feuers. Sie hat gestern sicher auch die Bäume in Brand gesteckt. Ich muss einfach nur in die Richtung gehen und dann dürfte ich auch unser Lager finden!
    Irgendwie selbstsicher kletterte ich den Baum wieder hinab und schlug schnell den Weg ein, auch wenn ich ihn stets mit Vorsicht ging, da ich doch noch etwas Angst hatte, von unseren Feinden überrascht zu werden.

    54
    Vorsichtig schlich ich leise durch den dichten Urwald, stets darauf gefasst, wegzurennen, falls ich überrascht werden sollte. Ich war auf dem Weg zu unserem letzten Lager, in der Hoffnung, dort die anderen zu finden.
    Ich blickte mich etwas nervös um, doch hinter mir war nichts als bunte Pflanzen. Langsam schlängelte ich mich nun weiter zwischen den dicht beieinander stehenden Bäumen durch, während mein Blick nach vorne gerichtet war.
    Ich lief nun schon seit einiger Zeit, als ich endlich die verkohlten Bäume sah und mittendrin das verbrannte Lager. Nur der Stein, den Juan aus dem Boden emportreten hat lassen, stand noch genauso stattlich und unverändert dort wie vorher. Doch von den anderen war keine Spur. Von unseren Feinden aber zum Glück auch nicht.
    Ich lief nun ein wenig herum und betrachtete alles genau. Die Pflanzen auf dem Boden waren verbrannt und stattdessen lag dort graue Asche. Die Bäume hatten schwarze Brandnarben an ihren Stämmen und die Blätter in den Kronen waren verkohlt. Die Überreste von Karolins Schuhen lagen dort noch, denn sie hatte sie während des Schlafens nicht getragen. Ich sah die Steinchen in dem Sand, mit denen Malou, Juan und Federica Schiffeversenken gespielt hatten.
    In dem Moment lief mir irgendwie ein Schauer über den Rücken. Es war wie eine Geisterstadt, nur, dass es lediglich ein kleines Lager war. Aber die Erinnerungen lagen noch in der Luft. Ich bekam wieder etwas Angst. Was, wenn es wirklich nur noch Erinnerungen sind? Wenn sie alle Erinnerungen sind? Wenn sie gestorben sind und ich es gar nicht mitbekommen habe? Was, wenn sie jetzt gerade vielleicht in Not sind oder auch tot im Graben liegen? Und ich stehe hier... Ich bin einfach weggerannt. Habe ich sie im Stich gelassen? Nein. Ich habe mir nur meinen Hintern gerettet. Wäre ich ihnen weiter hinterhergerannt, hätte ich es nicht geschafft. Dann wäre ich jetzt tot und das würde auch niemandem etwas bringen.
    Ich versuchte, mich wieder etwas zu beruhigen und steckte meine Hand etwas heraus. In dem Moment entstand ein langer, spitzer Eiszapfen in meiner Hand und ich nickte zufrieden vor mich hin.
    Ich beherrschte meine Kraft nun einigermaßen und hatte jetzt sogar selbst eine Art Waffe geschaffen. Ich wog den Eiszapfen kurz in meiner Hand und schaute mich dann weiter um.
    Es war nicht ein Lebewesen zu sehen. Alles, was ich sehen konnte, waren verkohlte Bäume und Asche. Erst in einigen Metern Entfernung war wieder grün zu sehen.
    Ich seufzte leise und schlug kurzerhand einen neuen Weg ein. Ich ging den Weg, den wir ursprünglich weitergehen wollten, weiter zum Rand vordringend. Das war der letzte Plan, den wir hatten. Sie werden diesem Plan sicher weiter nachgehen. Sie können sich wahrscheinlich denken, dass ich darauf komme, den selben Weg zu gehen. Unter Karolins Führung werden sie bestimmt weiter zum Rand vordringen. Also werde ich das jetzt auch tun. Dann werde ich sie wohl bald treffen...
    So ging ich weiter, mein Ziel stets im Auge, wobei ich aus Nervosität immer wieder nach hinten blickte.
    Nach einer Zeit bekam ich jedoch Hunger und ich blickte mich suchend um. Schon bald erblickte ich einen Baum, der gelbe Früchte trug. Sie kamen mir bekannt vor. Ich wollte sie gerade pflücken, da zögerte ich. Was, wenn sie doch nicht essbar sind? Das letzte Mal, als ich Nahrung gesammelt habe, hat Lívia im Nachhinein auch etwas aussortiert, von dem ich sicher war, dass man es essen kann. Ich möchte mich nicht umbringen, indem ich aus Versehen etwas Giftiges esse. Vorher möchte ich lieber verhungern...
    Also ging ich hungrig, aber auch entschlossen weiter, meinen Eiszapfen stets in der einen Hand, als Waffe einsetzbar. Es vergingen Stunden und so langsam gab ich fast schon wieder die Hoffnung auf. Ich hatte den ganzen Weg über nicht ein Lebenszeichen gesehen. Nur einige kleine Affen, kreischende Paradiesvögel und schwirrende Insekten hatten meinen Weg gekreuzt.
    Seufzend ließ ich mich auf dem Boden nieder und starrte die graue Wolkendecke an, die sperrlich durch die Baumkronen zu sehen war. Irgendwie schien dieser Moment trostlos zu sein. Ich war allein, der Himmel war grau, ich wusste nicht, wo die anderen waren und ob es ihnen gut ging. Wie sehr ich mir in dem Moment doch einfach nur jemanden gewünscht habe, der bei mir war. Egal, ob Juan, Malou, Akiko oder Tae oder sonst wer. Doch am meisten wünschte ich mir Tae an meiner Seite. Er hätte gewusst, wie man mich hätte aufmuntern können. Er hätte mir die Angst genommen... Doch er war nicht da. Ich war vollkommen alleine.
    So langsam fing es an, zu dämmern und ich beschloss, eine Nachtruhe einzulegen. Ich kletterte auf einen hohen Baum und setzte mich dort wieder auf einen Ast.
    Von dort aus beobachtete ich das bunte Treiben in dem Wald, während mein Magen knurrte. Doch ich wusste, dass ich jetzt nichts essen durfte. Nicht, wenn ich nicht zu 100% sagen konnte, dass es auch wirklich essbar war.
    So langsam fing es nun auch an, zu regnen. Die dicken Regentropfen prasselten auf die großen Blätter der Pflanzen und erzeugten somit einen irgendwie beruhigenden Ton. Unter dem Blätterdach des Baums war ich etwas vor der Nässe geschützt. Es war schon recht dunkel und mir war langweilig auf meinem Ast. Also beschloss ich, meine Kräfte etwas zu trainieren, indem ich es für einen winzigen Moment schneien ließ, es dann jedoch wieder rückgängig machte. Das wiederholte ich noch zweimal. Ich war irgendwie stolz auf mich selbst. Ich konnte nun wenigstens meine Kraft auch mal unterdrücken. Alles, was ich dafür tun musste, war, auch die Emotionen zu unterdrücken - die negativen Emotionen. Vielleicht hat es also doch etwas gebracht, dass uns unsere Feinde getrennt hatten. So war ich auf mich alleine gestellt und musste lernen, selbst mit meiner Kraft umzugehen. Ich hatte weder Federica, noch Tae, um mir zu helfen. Ich hatte nur noch mich. Ich musste mir selbst helfen. Aber das konnte ich jetzt ja endlich.
    Dennoch wollte ich zurück zu den anderen. Ich wollte wieder die Führung von Karolin genießen, die Kenntnisse von Lívia über Pflanzen zu meinem Nutzen machen, Juans Ruhe auf mich selbst überleiten, Federicas gute Laune zu meiner eigenen machen, selbst auf Akiko wollte ich wieder eifersüchtig sein, weil sie sich gut mit Tae verstand. Und Tae vermisste ich erst recht. Ich vermisste, dass er mich Tomätchen nannte. Ich vermisste, dass er mir durch die Haare wuschelte. Ich vermisste, dass sein warmer Körper nachts neben meinem lag. Ich vermisste seine Stimme. All das vermisste ich an Tae. Und das, obwohl ich gerade mal einen Tag von ihm getrennt war. Ich wollte einfach, dass er wieder bei mir war und ich hatte Angst, dass ich ihn vielleicht nie wieder bei mir haben würde. Ich hatte Angst, dass er vielleicht eher sterben würde und ich ihn nie mehr wiedersehen würde.
    Ich hatte Angst um sein Leben.


    Hey Leute, hier ist ein neues Kapitel. Ich hoffe wirklich, dass es euch gefällt. Ihr dürft mir natürlich gerne auch ein kleines Feedback geben.
    Und vielen Dank für 3000 Aufrufe!^^
    In nächster Zeit werde ich eventuell nicht ganz so oft Kapitel hochladen können, denn ich muss mittlerweile wieder zur Schule und habe dementsprechend weniger Zeit. Aber ich werde trotzdem mein Bestes geben, jeden Tag ein Kapitel hochzuladen. Und wenn das dann doch nicht klappt, hoffe ich, dass ihr mir das verzeihen könnt.^^'
    Naja, das war's dann auch wieder von mir: D
    LG Emily W.

    55
    Es war ruhig und die Natur schrie nach Idylle. Alles, was man hörte, war das leise Zirpen der Insekten und das vertraute Rascheln der Blätter im sanften Wind, der durch die Baumkronen zischte. Die Luft roch noch nach Regen und es war dunkel. Nur der Mond warf trübes Licht auf die Lichtung und ließ es wirken, als hätte sich eine Nebelschwade aus Licht über die Umgebung ergossen.
    Ich schlief noch auf dem breiten Ast des hohen Baumes, als ich plötzlich durch eine laute, vertraute Stimme geweckt wurde. Sie klang panisch und plötzlich wurde sie noch von weiteren Stimmen begleitet.
    Augenblicklich öffnete ich meine Augen und sah mich um. In der Ferne glühte ein kleines Licht, aus dessen Richtung auch die Schreie kamen. Angestrengt versuchte ich, dieses Licht oder die Stimmen zu identifizieren.
    Auf einmal entflammte das Licht jedoch zu einem gewaltigen Feuer und ich sah 7 Gestalten, die daraus hervortraten und in meine Richtung liefen. Sie schrien verzweifelt meinen Namen und plötzlich erkannte ich, wer die Gestalten waren. Meine Verbündeten - Malou, Karolin, Lívia, Juan, Akiko, Federica und Tae.
    Sie rannten verzweifelt vor dem Feuer weg und ich rief aufgeregt nach ihnen, als plötzlich noch vier weitere Gestalten aus dem Feuer traten. Sie blickten finster und machten sich gar keine Mühe, hinter meinen Kumpanen herzurennen. Es ware unsere Feinde - Rafael, Irina, der Unbekannte und Callum.
    Ich erschrak und schrie verzweifelt meine Freunde an, sie sollen schneller rennen.
    Doch in dem Moment erhob Irina, die Russin mit der Kraft des Feuers, ihre Hände und das Feuer preschte nach vorne, überrollte meine Verbündeten und sie verschwanden darin. Ich hörte nur noch ihre qualvollen Schreie und plötzlich erkannte ich Taehyungs Gesicht in den Flammen, das mich traurig anblickte und dann plötzlich wieder in dem heißen Rot verschwand.
    Ein letztes Mal vernahm ich die qualvollen Schreie, bevor sie plötzlich erloschen und stattdessen sieben mal der selbe, laute, angsteinflößende Ton erklang, der den Tod verkündete.
    Geschockt starrte ich in die Flammen, bis der letzte Ton verklang und mir beinahe den Verstand raubte.
    Plötzlich traten die vier Gestalten erneut aus dem Feuer und ich blickte direkt in die Gesichter von Irina, Rafael, dem Unbekannten und Callum. Auf einmal hob Callum kurz seine Hand, woraufhin Irina wieder ihre Arme hob und das gewaltige Feuer nun auch mich überrollte.
    Plötzlich schrak ich erneut auf und ich hockte auf meinem Ast. Alles war vollkommen normal. Es brannte nicht, ich hörte keine Stimmen und es war vollkommen dunkel.
    Nur ich saß schweißgebadet und weinend dort in der Finsternis.
    Leise flüsterte ich mir selbst zu:„Es war nur ein Traum. Es ist alles in Ordnung. Es geht ihnen sicher allen gut. Nur ein Traum..." Doch ich konnte mir meine Lüge selbst nicht abkaufen. Es war zwar nur ein Traum, aber ich konnte nicht davon ausgehen, dass es ihnen wirklich allen gut ging. Vielleicht ging es ihnen tatsächlich gut, doch ich konnte das in dem Moment einfach nicht glauben.
    Stattdessen hockte ich aufgelöst und weinend auf dem Ast, in der Dunkelheit, denn ich hatte unglaubliche Angst. Angst, dass dieser Albtraum vielleicht in Erfüllung gehen würde. Ich hatte Angst um Tae und all die anderen. Doch am meisten Angst hatte ich tatsächlich um Tae. Ich liebte ihn und es machte mich verrückt, nicht zu wissen, ob es ihm gut ging.
    Also weinte ich leise weiter und plötzlich spürte ich etwas Kaltes auf meiner Haut. Verwirrt schaute ich auf und merkte, dass ich es wieder schneien ließ, jedoch nur über meinem Kopf. Ich versuchte, mich zu beruhigen und schluchzte nur noch zwischendurch, während die Schneeflocken immer vereinzelter fielen, bis sie schließlich ganz versiegten. Ich hingegen saß nur noch mit verheultem Gesicht da und starrte ausdruckslos in die endlose Schwärze. Währenddessen spielte ich etwas mit meinen Kräften. Ich erschuf eine große Schneeflocke und ließ sie leichtfüßig durch die Luft tanzen.
    Irgendwann wurde mein Kopf jedoch wieder schwer und ich nickte erneut ein. Diesmal träumte ich jedoch nicht. Meine Gedanken blieben schwarz, doch die Sorgen blieben dennoch.
    Nach einigen Stunden wachte ich erneut auf, als die warme Sonne meine Nase kitzelte. Schläfrig hob ich meinen Kopf und öffnete meine, noch vom Weinen verklebten, Augen. Müde blinzelte ich der strahlend hellen Sonne entgegen und streckte mich dann einmal genüsslich. Danach blickte ich mich nachdenklich um. Es schien alles wie immer. Ich sah keine Anzeichen von menschlichen Wesen, sondern lediglich die exotischen Pflanzen und Tiere.
    Einen Moment blieb ich noch demotiviert auf meinem Ast hocken, bevor ich mich hinunterschwing und geschickt nach unten kletterte. Mein Magen knurrte dabei mal wieder, doch ich wusste, dass ich nicht wagen durfte, etwas zu essen, von dem ich nicht zu 100% sagen konnte, dass es auch wirklich essbar war.
    Also ging ich schweren Herzens an den bunten Beeren vorbei, die direkt vor mir wuchsen. Stattdessen schlug ich direkt den Weg zum Rand der Arena ein.
    Ich schlängelte mich durch riesige Bäume hindurch, überquerte einen reißenden Fluss und stieg eine leichte Steigung hinauf. Dabei war ich jedoch stets darauf bedacht, dass niemand hinter mir her lief und mich verfolgte. Ich stieg gerade über einen umgefallenen Baum, als plötzlich ein lauter, mir bereits bekannter und verhasster Ton erklang - der Ton des Todes. Dabei zuckte ich stark zusammen, ein Eisstrahl verließ meine Hand und ich drehte mich erschrocken um. Auf der Suche nach einem Täter, als wäre es direkt hinter mir passiert, dass gerade eine Person gestorben ist. Aber natürlich sah ich nichts und niemanden. Doch plötzlich schoss es mir wie ein Pfeil in den Sinn. Was, wenn es einer meiner Gruppenmitglieder war? Vielleicht sogar Tae? Sofort bekam ich Panik und blickte mich hektisch um. Ich wollte Taes Namen brüllen, doch ich wusste, dass das nicht gerade schlau gewesen wäre.
    Also brach ich wieder in Tränen der Sorge aus. Ich wollte zu ihm - zu Tae. Doch er war nicht dort und ich wusste noch nicht mal, ob er überhaupt noch lebte.
    Letztendlich versuchte ich einfach, mich selbst davon zu überzeugen, dass es ihm gut ging und ich lief einfach weiter. Meine Gedanken blieben aber dennoch betrübt. Was sollte ich schon machen, wenn Tae vielleicht stirbt? Es würde mir das Herz brechen. Ich glaube, ich würde gar nicht ohne ihn weiterleben wollen. Ich möchte nicht hier herauskommen, wenn Tae es nicht schafft.
    Naja, Karolin würde jetzt wahrscheinlich sagen:„Schwärmereien für eine Person kommen und gehen. Wahre Liebe kann daraus sowieso nicht werden! Denn die gibt es gar nicht. Nur der Schein, der trügt." Sie würde das nie im Bezug zu mir sagen... Sie möchte mich aufheitern und mir Hoffnungen machen, aber ich weiß ja, was ihre wahre Meinung zum Thema Liebe ist... Sie selbst glaubt nicht wirklich daran. Naja, vielleicht ist es ja auch einfach das Alter...
    Was soll ich jetzt nur machen? Ich möchte zurück zu den anderen. Und vor allem zu Tae.

    Leise seufzte ich und kämpfte mich mühevoll weiter durch die dicht beieinander wachsenden Pflanzen und Gräser, die mir den Gang deutlich erschwerten.
    Irgendwann legte ich eine Pause ein und legte mich in das hohe Gras, während ich überlegte und in die Baumkronen der Urwaldriesen blickte. Wie es den anderen wohl geht? Sind sie beisammen und nur ich von der Gruppe getrennt? Ich hoffe es... So wären ihre Chancen immerhin besser...
    Ich hoffe wirklich, es geht ihnen gut. Vielleicht hat Federica ja immer noch ihre gute Laune beibehalten und Juan ist immer noch die Ruhe selbst. Ich hab das Gefühl, den kann nichts erschüttern. Karolin ist wahrscheinlich brummig wie immer, aber solange sie sie weiterhin gut anführt, ist das ja egal. Lívia sorgt sicher dafür, dass sie nicht verhungern und Malou läuft wahrscheinlich wieder gut gelaunt zwischen Juan und Karolin her. So wie immer. Und Akiko? Sie ist sicher bei Tae und die zwei verstehen sich super...
    In dem Moment überkam mich wieder ein leichter Anflug von Eifersucht, doch die Sorge ließ sie verblassen.
    Naja, solange sie auch wirklich alle noch beisammen sind, ist es mir egal. Aber was, wenn einer von ihnen bereits gestorben ist? Eine weitere Person ist immerhin gestorben und ich weiß nicht, wer.
    Oh bitte lass es niemanden von ihnen sein! Aber was, wenn doch?

    56
    Ich hatte eine weitere Nacht alleine verbracht und meine Sorge wuchs immer weiter. Jedoch versuchte ich immer, mich abzulenken, indem ich ein wenig mit meiner Kraft trainierte. Allerdings machte ich immer nur Kleinigkeiten, um nicht das Aufsehen von Mitstreitern in der Nähe zu erregen. Kurzzeitig hatte ich sogar darüber nachgedacht, vielleicht doch etwas Großes zu machen, sodass meine Verbündeten es sahen und zu mir kamen, aber das war mir dann doch zu gefährlich. Schließlich waren wir ja nicht alleine in dieser Arena. Doch mir war klar, dass ich sie finden musste. Also lief ich weiter, in Richtung des Randes.
    Ich lief schon seit einigen Stunden und mein Magen knurrte ganz erbärmlich. Aber ich durfte nichts essen. Nicht, wenn ich nicht zu 100% sagen konnte, dass man es auch wirklich essen konnte, ohne dabei tot umzufallen. Und das konnte ich leider nirgendwo sagen. Für mich sahen die Früchte und Pflanzen alle ziemlich ähnlich aus.
    Ich kämpfte mich gerade durch einige Gräser, als plötzlich ein lautes Grollen ertönte. Verwirrt und gleichzeitig ängstlich blickte ich mich um und sah am Himmel plötzlich einen Blitz zucken. Sieht so aus, als würde dieser Rafael wieder seine Kraft einsetzen...
    Schnell kletterte ich den nächstbesten Baum herauf, um von dort aus einen besseren Blick auf den Blitz zu haben. Er war einige Kilometer entfernt, wie es aussah. Gleichzeitig beruhigt, dass sie relativ weit von mir entfernt zu sein schienen, und besorgt, dass vielleicht auch Tae oder sonst wer bei ihnen in der Nähe war, kletterte ich den Baum wieder hinunter und überlegte, was ich nun tun sollte. Doch ich war ratlos. Sollte ich einfach weitergehen? Oder vielleicht doch gezielt nach den anderen suchen? Vielleicht könnte ich auch in Richtung meiner Feinde gehen und versuchen, sie zu besiegen. Nein, das wäre lebensmüde. Sie sind stärker als ich. Viel stärker. Alles, was ich bisher kann, ist, es schneien zu lassen, kleine Wassermengen zu Eis wandeln und Eiszapfen erschaffen. Sie können ganze Waldflächen abfackeln, Blitze über den ganzen Himmel zucken lassen und weiß der Geier, was noch. Nur von Callum und diesem Unbekannten habe ich noch nicht viel mitbekommen. Callums Kraft ist die des Eises und, soweit ich weiß, ist die des Unbekannten die Kraft des Schattens. Zumindest lag damals um seinen Anzug beim Ball so eine dunkle Schwade, die wie ein Schatten schien... Naja, auf jeden Fall sind sie zu stark für mich.
    Ich sollte wahrscheinlich einfach weitergehen.

    Also ging ich weiter. Schließlich legte ich eine Pause ein und setzte mich auf einen umgefallenen Baum. Dort saß ich einfach ein wenig und starrte nachdenklich auf meine eigenen Füße. Ich sang leise ein Lied vor mich hin, dass Tae öfters gesungen hatte. Irgendwie beruhigte es mich. Den Text, den ich da sang, verstand ich selbst nicht mal. Nur zwischendurch mal waren englische Wörter zwischen den koreanischen. Wahrscheinlich war es ein Lied von BTS.
    Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als ein kleiner Vogel neben mich, auf den Baumstamm, flog. Er blickte mich neugierig an und putzte kurz sein gelbes Gefieder. Belustigt lächelte ich den Vogel an. Neben ihm landeten plötzlich zwei etwas größere Vögel, die aber scheinbar von der selben Rasse waren.
    Alle drei hockten die bunten Vögel nun dort und gafften mich an. Sie sahen wie eine Familie aus und plötzlich wurde ich etwas traurig, denn ich vermisste meine eigene Familie.
    Zum einen vermisste ich die Familie, die aus meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder bestand, aber zum anderen vermisste ich auch die Familie, mit der ich in dieser Arena gefangen war. Ja, diese Menschen, die mit mir in der Arena waren und nicht gerade meine Feinde, bezeichnete ich mittlerweile als meine zweite Familie. Sie waren mir mittlerweile wohl genauso wichtig geworden wie meine echte Familie und ich machte mir riesige Sorgen um sie. Ich hatte Angst, dass sie vielleicht gerade in Gefahr waren und vielleicht sogar schon tot. Ich hatte Angst um jeden einzelnen von ihnen. Ich hatte Angst um Karolin, Malou, Juan, Lívia, Federica, Akiko und auch um Tae. Besonders um Tae. Ich liebte ihn. Auch, wenn ich nicht wusste, ob er mich auch liebte. Doch es war mir in dem Moment auch egal, ob er mich auch liebte. Mir war nur wichtig, dass es ihm gut ging. Doch auch davon konnte ich mich nicht überzeugen. Ich konnte mich von niemanden meiner neuen Familie überzeugen, dass es ihm gut ging. Nicht von Federica, die für mich wie eine Zwillingsschwester war. Nicht von Juan, der wie ein großer Bruder war, der auf mich aufpasste und stets die Ruhe bewahrte. Nicht von Karolin, die wie eine große, strenge Schwester war, die sich aber immer um alle kümmerte und vielleicht auch nur deswegen so streng war. Nicht von Malou, die wie eine kleine, verspielte Schwester war. Auch nicht von Lívia, die wie eine Schwester war, die zwar nicht viel sagte, der man aber alles anvertrauen konnte. Nicht von Akiko, die wie die Schwester war, auf die man manchmal etwas eifersüchtig sein konnte. Und auch nicht von Tae, der aber für mich vielmehr wie einfach ein Freund war, in den ich mich unsterblich verliebt hatte. Ich wusste von niemanden von ihnen, wie es ihnen ging und das machte mich nahezu verrückt.
    Ich MUSSTE einfach wissen, wie es ihnen ging. Also stand ich auf und ging weiter. Ich wollte sie endlich finden!

    57
    Mir war heiß, weshalb ich mir eine kleine Wolke geschaffen hatte, die die ganze Zeit über mir schneite, während ich weiter auf dem Weg war, die anderen zu finden.
    Obwohl es mir so vorkam, als wäre es schon lange Abend, war es noch mitten am Tag und die Sonne warf helle Lichtflecken auf den sonst schattigen Waldboden. Eigentlich war es eine sehr schöne Umgebung, in der ich mich da gerade befand. Ein schöner Wald, dessen riesige Bäume sich weit über mich erstreckten, voller bunt blühender Blumen und untermalt von dem wilden Gerufe der Tiere, während der Lichteinfall hübsche Muster auf den grünen Boden malte.
    Das Licht erinnerte mich irgendwie an Akiko. Es war genauso hübsch wie sie, aber vielleicht erinnerte es mich auch nur deshalb an die schöne Japanerin, weil ihre Kraft die des Lichtes war.
    Leise seufzte ich. Was würde ich nur dafür geben, jetzt bei Akiko zu sein... Oder bei irgendjemand anderem. Egal. Ich möchte nur wieder mit einem von ihnen vereint sein. Egal ob mit Federica, mit der ich sehr viel zu tun habe, oder mit Juan, mit dem ich eher weniger viel zu tun habe. Ich mag sie alle sehr gerne und mir ist auch nur wichtig, einen von ihnen zu sehen. Egal, wen.
    Irgendwie etwas traurig, weil ich sie vermisste, ging ich weiter. Ich dachte viel über meine „zweite Familie“ nach und ich fragte mich, ob es ihnen wohl allen gut ging. Ich hoffte es. Bitte sind sie alle noch am Leben. Alles andere würde ich mir nie verzeihen! Schließlich hätte ich ihnen vielleicht auch einfach weiter folgen können, anstatt mich über einen anderen Weg direkt aus dem Staub zu machen. Vielleicht bin ich eine schlechte Freundin, weil ich sie allein gelassen habe... Ich habe ihnen versprochen, alles dafür zu tun, dass wir hier zusammen rauskommen! Was, wenn wir es dann doch nicht tun? Was, wenn vielleicht ein Teil von uns stirbt? So wie schon zwei andere... Von der dritten Person weiß ich ja nicht mal, ob es eine Person war, die zu unserer Gruppe gehörte oder eine ganz andere Person... Vielleicht ist schon einer von ihnen tot...
    Beinahe etwas verzweifelnd schüttelte ich den Kopf und blickte zu Boden, während ich weiter meinen Weg ging.
    Nach einer Weile hob ich meinen Kopf wieder und plötzlich sah ich in der Ferne, dass der Wald sich zu lichten schien. Ist der Wald dort vorne zu Ende? Habe ich vielleicht ein Ende erreicht? Und wenn ja, sind dort vielleicht auch die anderen?
    Aufgeregt rannte ich los, um zu sehen, ob ich vielleicht tatsächlich ein Ende gefunden hatte. Kaum zu halten preschte ich zwischen den Bäumen her und achtete irgendwie gar nicht mehr so wirklich auf den Rest meiner Umgebung.
    Ich war nur noch wenige Meter von dem scheinbaren Ende des Waldes entfernt, als plötzlich ein Blitz unmittelbar vor mir einschlug.
    Abrupt blieb ich erschrocken stehen und schaute mich verwirrt um. Ich konnte aber niemanden sehen. Dennoch bekam ich Angst und wollte umdrehen. Doch auf einmal stand dort Irina, die Russin, die zu unseren Feinden gehörte. Sie lächelte mich gehässig an und in ihrem Blick lag so etwas wie Triumph. Verhasst schaute ich zurück und drehte mich kurz um, auf der Suche nach einem Fluchtweg. Doch dort stand auf einmal Rafael. Der, der wohl auch den Blitz vor mir hat einschlagen lassen.
    Verzweifelt schaute ich nun von der einen Person zur anderen. Während Rafael nur vollkommen ernst blickte, lächelte Irina weiterhin. Ängstlich schaute ich die beiden an, versuchte aber, stark und furchtlos zu wirken, indem ich verhasst murmelte:„Was wollt ihr von mir? Lasst mich gehen!" Nun erschien auch in Rafaels Gesicht ein Grinsen und Irina lachte verachtend:„Hey, endlich mal eine, die sich nicht komplett in die Hosen pisst! Willst du sie erledigen, Rafa? Oder soll ich das machen? Na, was meinst du?" Amüsiert erwiderte der kräftige Mann mit dem dunklen Bart nun:„Mach du das. Feuer ist effektiver gegen Frost als Elektro." Nun erhob Irina schon langsam ihre eine Hand, ich spürte schon eine leichte Hitzewelle auf mich zukommen und ich kniff instinktiv ängstlich die Augen zusammen, bis ich plötzlich von jemanden am Arm gezogen wurde und ich nur einen kleinen Aufschrei hörte. Verwirrt öffnete ich also wieder die Augen und erblickte, wie Irina und Rafael klitschnass auf dem Boden lagen, während mich jemand am Arm mit sich zog. Zwar erkannte ich in dem Moment nicht direkt, wer mich da gerettet hatte, aber ich rannte ihm einfach hinterher, während er mich immer noch am Arm festhielt und somit sicherging, dass ich ihm folgte. Er rannte sehr schnell und zwar wieder in den Wald hinein. Ich hörte hinter mir nur noch die aufgebrachten Rufe von Irina und Rafael.
    Plötzlich sprang mein Retter einen kleine Abhang hinunter und zog mich näher zu sich, sodass ich mit meinem Rücken gegen die Felswand knallte. Kurz schaute er hinter sich, sichergehend, dass sie uns nicht gefolgt waren und auf einmal zog er mich durch einen kleinen Schacht, der so unauffällig war, dass ich ihn erst gar nicht gesehen hatte.
    Völlig außer Atem stand ich nun mit meinem Retter in der kleinen Höhle und blickte hoch, um mich zu bedanken.
    In dem Moment drehte sich die Person um und ich erkannte ein vertrautes Gesicht. Überrascht murmelte ich:„Tae?" Stumm lächelte mich der gutaussehende Mann nur an und ich fiel ihm augenblicklich um den Hals.
    Er war sichtlich überrascht und ich schluchzte:„Ich hab mir solche Sorgen um dich und alle anderen gemacht! Ich dachte, ihr wärt vielleicht getötet worden!" Leise antwortete Tae nun leise, während ich ihm immer noch im Arm lag:„Naja, das selbe habe ich auch gedacht..."
    Nun löste ich mich von diesem perfekten Mann und fragte verwirrt:„Wo sind eigentlich die anderen?" Leise murmelte er:„Das weiß ich nicht. Ich wurde ebenso von ihnen getrennt, wie du auch..." Bedauernd senkte ich etwas meinen Blick, doch auf einmal wurde ich irgendwie wütend und verwirrt zugleich:„Warum hast du mich dann gerettet? Ich dachte, die anderen würden dir vielleicht Deckung geben? Du kannst doch nicht einfach so dazwischenspringen, nur, um mich und mein erbärmliches Leben zu retten und zu riskieren, selbst dabei draufzugehen! Was sollte das? Du hättest sterben können! Was hättest du gemacht, hättest du es nicht geschafft, hm? Warum hast du dein eigenes Leben für meines riskiert?"
    Verlegen kratzte Tae sich nun am Hinterkopf, während er irgendwie etwas ängstlich und gleichzeitig peinlich berührt lächelte. „Naja..."

    58
    Erwartungsvoll und gleichzeitig auch etwas vorwurfsvoll blickte ich Tae an und hob eine Augenbraue:„Also? Was sollte das? Du hättest mich doch besser sterben lassen können. Wärst du nämlich dabei draufgegangen, wäre ich es doch auch. Warum hast du mich trotzdem gerettet?"
    Nun setzte Tae wieder an:„Naja, also... Ich dachte, wir müssen alle zusammenhalten. Niemand wird zurückgelassen. Das ist es, was Karolin uns beigebracht hat..." Leise erwiderte ich etwas wütend:„Ja, aber es bringt doch auch nichts, wenn wir beide sterben. So viel Verstand musst du doch wohl haben!" Leise seufzte der perfekte Mann nun und blickte betroffen zu Boden. „Ich konnte dich nicht sterben lassen. Nicht nur, weil Karolin mir beigebracht hat, niemanden zurückzulassen", murmelte Tae. Verwirrt blickte ich ihn an und fragte mit herausforderndem Blick:„Warum denn noch nicht?"
    Plötzlich wurde Tae wieder etwas nervös und plötzlich stammelte er leise:„Ich... ich liebe dich, (d/n)... Ich habe mich in dich verliebt. Deswegen konnte ich dich nicht sterben lassen..."
    Komplett überfordert und unfähig, auch nur irgendetwas zu sagen, starrte ich ihn einfach nur mit offenem Mund an. Träume ich oder hat er das gerade wirklich gesagt? Nun hob Tae etwas seinen Blick und schaute mir beinahe etwas ängstlich in die Augen, während er murmelte:„Aber es ist in Ordnung, wenn du mich nicht liebst. Das... das verstehe ich."
    Ungläubig den Kopf schüttelnd schaute ich diesen perfekten Mann an und flüsterte:„Soll das ein Scherz sein? Sehe ich so aus, als würde ich dich nicht lieben? Ich bin schon lange in dich verliebt. Ich dachte ehrlich gesagt, du wüsstest das..."
    Überrascht schaute Tae mich nun an und hauchte hoffnungsvoll:„Wirklich?" Nun musste ich etwas lächeln und fragte leise und beinahe etwas beschämt:„Glaubst du, ich mache Scherze darüber?"
    Plötzlich machte sich nun ein fröhliches Grinsen auf Taes Gesicht breit und er murmelte glücklich:„Ich liebe dich, Tomätchen." Leise erwiderte ich überglücklich lächelnd:„Ich dich auch, Tae", und langsam kamen wir uns näher, bis ich plötzlich Taes heiße Lippen auf meinen spürte.
    In dem Moment fühlte ich mich plötzlich, als würde ich schweben und ich genoss ihn. Tae hatte seine Arme um meine Taille geschlungen und ich stellte mich etwas auf Zehenspitzen, um besser an Tae heranzukommen, während ich meine Hände an seinen Schultern platziert hatte.
    Als wir uns wieder lösten, lächelte er mich glücklich an und ohne, dass ich es kontrollieren konnte, fing ich plötzlich an, vor Freude zu weinen. Beinahe etwas verwirrt nahm Tae mich nun in die Arme und beruhigte mich:„Ach (d/n), bitte hör auf, zu weinen. Dafür gibt es doch gar keinen Grund!" Doch es wurde nur schlimmer und plötzlich überkamen mich die ganzen Gedanken aus den letzten Tagen. „Ich dachte, du wärst tot! Ich dachte, ich hätte dich vielleicht verloren! Ich hatte solche Angst um dich! Und außerdem dachte ich, hättest du dich in Akiko verliebt", schluchzte ich leise in Taes Schulter.
    Beruhigend strich Tae mir nun zärtlich über den Rücken und meinte beinahe etwas belustigt:„Ach (d/n), hör jetzt bitte auf, zu weinen! Du siehst ja, dass es mir gut geht. Und wie kommst du darauf, dass ich mich in Akiko verliebt hätte?" Leise schluchzte ich noch, während ich Tae nun direkt in die Augen blickte:„Naja, du hast dich immer so gut mit ihr verstanden und warst manchmal mehr bei ihr als bei mir und außerdem ist sie viel hübscher als ich..." Verliebt lächelte Tae mich nun an:„Also erstens stimmt es nicht, dass Akiko hübscher ist als du. Sie ist zwar auch hübsch, aber du bist noch 1000000 mal hübscher und du bis viel süßer als sie. Sie ist eine gute Freundin, aber niemand, in den ich mich verlieben würde. Und außerdem war ich so oft bei ihr, weil ich mir bei ihr Rat geholt habe wegen dir. Sie wollte mir dabei helfen, dir zu gestehen, dass ich dich liebe. Ich dachte nämlich die ganze Zeit, dass du mich nur als Kumpel sehen würdest." Leise murrte ich in einer Stimme, die einem beleidigten Kleinkind ähnelte:„Nein."
    Nun grinste Tae und lachte:„Du bist so süß, Tomätchen!" Natürlich lief ich wieder rot an und kicherte leise, bevor ich ihn zärtlich küsste. Tae erwiderte den Kuss natürlich und murmelte dann leise:„Ich liebe dich so sehr. Ich bin wirklich froh, es endlich los zu sein. Ich wollte es dir eigentlich sogar schon vorher sagen. Erinnerst du dich daran, als ich mit dir alleine was zu Essen für alle suchen wollte und ich danach so schlecht drauf war, weil Malou mitwollte?" Lachend antwortete ich:„Na klar, ich bin ja nicht dement! Ich hab mich danach die ganze Zeit mit Lívia und Karolin beraten, was mit dir los war. Die beiden wussten nämlich, dass ich in dich verliebt bin." Ein Lächeln huschte über das Gesicht des gutaussehenden Koreaners und er murmelte:„Naja, da wollte ich dir eigentlich auch schon meine Liebe gestehen. Aber ich wollte es nur dir sagen und nicht auch Malou oder sonst wem." Verträumt lächelte ich Tae an, umarmte ihn erneut überglücklich un murmelte:„Dann hat sich diese Gelegenheit ja richtig angeboten!" Tae kicherte nun:„Ja, deswegen habe ich sie jetzt ja auch dafür genutzt." Belustigt grinste ich nun und strahlte Tae an. Wieder gab er mir einen Kuss, den ich natürlich erwiderte und danach murmelte er nachdenklich:„Ich liebe dich, Tomätchen. Ich bin so froh, dass du endlich wieder bei mir bist! Ich hätte es ohne dich nicht weiter ausgehalten!"


    Hey Leute, hier ist das neue Kapitel. Ich weiß, dass ihr lange darauf gewartet habt. XD
    Ich hoffe, es gefällt euch. Und ebenso hoffe ich natürlich, dass ihr jetzt noch weiterlest und an den folgenden Kapiteln Spaß haben werdet.
    Ich schreibe bewusst noch einmal, dass diese Ff noch NICHT zu Ende ist. Eigentlich ist das ja auch klar, aber bei meiner letzten Ff gab es dem bezüglich einige Missverständnisse. ^^'
    Deswegen schreib ich es lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. ^^'
    Lasst mir gerne auch ein Feedback da.
    Und danke in dem Zuge auch an all die, die mich mit ihren Kommentaren und so weiter unterstützen und auch danke für die vielen Aufrufe! ^^ <3
    LG Emily W.

    59
    Liebevoll lächelte ich diesen perfekten Mann an und erwiderte leise:„Ich hätte es auch nicht ohne dich ausgehalten. Ich habe mir die ganze Zeit solche Sorgen gemacht. Aber jetzt sind wir wieder vereint und wir müssen uns keine Sorgen mehr um den jeweils anderen machen." Tae erwiderte, nachdem er mir einen zärtlichen Kuss gab:„Ja und ich werde dich garantiert nicht noch einmal alleine lassen!" Nun umarmte Tae mich und vergrub sein Gesicht in meinen Haaren. Ich wiederum legte meinen Kopf auf seiner Schulter ab und lächelte glücklich, während ich seinen angenehmen Geruch, der mich etwas an Erdbeeren erinnerte, in mich aufnahm. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich Tae wiedergefunden habe und er mir dann auch noch seine Liebe gestanden hat! Ich dachte, ich wäre die einzige, die etwas von uns beiden fühlt. Ich bin so unfassbar glücklich!
    Nach einer Weile lösten wir uns wieder voneinander und Tae lächelte mich nur noch gedankenverloren an.
    Doch ich fragte nun leise:„Und wie soll es jetzt weitergehen? Wir können schließlich nicht die ganze Zeit über hier drin hockenbleiben." Kurz überlegte Tae nun und meinte dann:„Naja, wir müssen immer noch die anderen wiederfinden. Wir sind eine Gemeinschaft und müssen zusammenhalten. Niemand wird zurückgelassen!" Lächelnd murmelte ich:„Karolins Wille scheint sich ja ganz schön tief in dir verankert zu haben!" Tae erwiderte nun schulterzuckend:„Naja, sie hat damit ja auch recht. Wir müssen zusammenhalten, wenn wir überleben wollen und dann dürfen wir niemanden zurücklassen. Siehst du das etwa nicht so?" Direkt antwortete ich:„Doch, auf jeden Fall. Ich weiß nur nicht, wie wir sie so schnell wiederfinden sollen. Zumal es sehr gefährlich sein wird..." Tae umarmte mich nun wieder und sprach:„Ja, das wird es sein. Aber ich werde dich mit meinem Leben beschützen, versprochen!" Dankbar umklammerte ich Tae und murmelte:„OK, aber versuch nicht noch einmal, dein Leben auf so dämliche Art und Weise auf's Spiel zu setzen!" Nun lachte Tae:„Na gut, Tomätchen. Ich werde einfach gar nicht erst zulassen, dass sie dich noch einmal in die Finger bekommen!" Belustigt lächelte ich nur und gab Tae einen schnellen Kuss auf die Wange, bevor ich fragte:„Weißt du eigentlich noch etwas über diese Leute? Hast du sie noch einmal eher getroffen?" Knapp schüttelte Tae den Kopf und erklärte:„Alles, was ich über sie weiß, dürftest du auch wissen. Irina, die Russin, beherrscht das Feuer. Rafael ist Portugiese und hat die Kraft der Elektrizität. Dazu scheint wohl Gewitter und so zu gehören. Callum ist so ziemlich der Chef der Gruppe, kommt aus New York und war da Geschäftsmann, während er, ebenso wie du, die Kraft des Frostes hat. Von dem mit den dunklen Haaren, der aussieht, als hätte er mehrere Tage nicht geschlafen, ist eigentlich nichts bekannt." Nachdeklich murmelte ich:„Naja, das Meiste davon wusste ich tatsächlich. Aber von dem, von dem nicht viel bekannt ist, weiß ich, dass er die Kraft des Schattens hat. Das hab ich während des Balls anhand seines Anzugs feststellen können. Aber was soll Schatten schon können? Will er uns mit seiner Dunkelheit verwirren?" Tae zuckte nur mit den Schultern und murmelte:„Naja, unterschätzen würde ich ihn nicht. Er könnte noch gefährlich werden... Naja, jetzt brauchen wir erstmal einen Plan. Was machen wir als nächstes?"
    „Vielleicht sollten wir einfach weiter in Richtung des Randes gehen. Das war auch mein letzter Plan. Denn, wenn der Rest noch zusammen ist, werden sie sicher auch weiter in die Richtung gehen." Nun nickte Tae zustimmend und grinste mich an:„Guter Plan, Tomätchen. Also, würde ich sagen, gehen wir einfach direkt los, oder?" Schmunzelnd nickte ich knapp und Tae gab mir einen schnellen Kuss auf die Stirn, bevor er langsam wieder zum Eingang der kleinen Höhle ging.
    In der Zeit fragte ich leise:„Woher kanntest du diese Höhle überhaupt?" Leise erwiderte mein Liebster, während er vorsichtig nach draußen spähte:„Naja, ich bin vor einem Jaguar weggerannt und bin dabei in diese Höhle gefallen. Ich hab mich nämlich an diese kleine Felswand gestellt und auf einmal bin ich durch den Eingang gefallen. Der war nämlich so sehr unter Pflanzen bedeckt, dass ich ihn wirklich gar nicht sehen konnte."
    Amüsiert musste ich grinsen, bis Tae leise murmelte:„Die Luft scheint rein zu sein", und aus der Höhle trat. Ich folgte ihm schnell und schaute mich draußen um.
    Währenddessen fragte Tae interessiert:„Wie bist du die Tage allein eigentlich so um die Runden gekommen, Tomätchen?" Schmunzelnd wegen dem Spitznamen, den Tae mir gegeben hatte, erwiderte ich:„Naja, ich habe die Nächte auf Bäumen verbracht und gegessen habe ich nichts, weil ich mir nicht sicher sein konnte, dass es auch wirklich essbar war."
    Tae meinte:„Tja, so hab ich es auch gemacht. Also wird es höchste Zeit, endlich Lívia und die anderen wiederzufinden. Dann können wir auch endlich wieder etwas essen!" Zustimmend nickte ich nur, nahm Taes Hand und zusammen gingen wir weiter, in Richtung des Randes, stets in Bereitschaft wegzurennen, falls uns jemand über den Weg laufen sollte, den wir nun nicht gerade erwünschten.

    60
    „Was machen wir eigentlich, wenn wir sie nicht finden? Oder, wenn sie vielleicht tot sind, bevor wir sie finden?"
    Ich hielt Taes Hand und schaute betroffen auf den Boden. Wir waren den ganzen Tag gelaufen und mittlerweile war es schon dunkel. Wir saßen zusammen auf dem Boden, dicht beieinander.
    Ich hatte nach wie vor Sorgen um die anderen und unsere Zukunft. Werden wir hier jemals lebendig wieder herauskommen? Und wenn ja, werden wir auch ALLE lebend hier herauskommen? Was, wenn beispielsweise Federica sterben würde? Wie würde ich sie dann jemals vergessen können? Wenn ich hier lebend herauskomme, ist die Wahrscheinlichkeit nicht hoch, dass ich vielleicht trotzdem nicht glücklich sein werde? Ich habe hier so viele Menschen kennengelernt und viele sind mir so sehr ans Herz gewachsen, als wären sie meine eigene Familie. Was, wenn ich hier rauskomme, aber meine „Familie" auf einmal nicht mehr da ist? Oder noch schlimmer... Was, wenn ich Tae verliere?
    Liebevoll blickte Tae mich nun an, drückte meine Hand etwas fester, um mir zu symbolisieren, dass er bei mir war und tröstete mich:„So wird es nicht kommen, (d/n). Wir werden sie finden. Und wir werden diese Arena alle lebend wieder verlassen. Mach dir keine Sorgen." Mit Tränen in den Augen fragte ich:„Aber was gibt dir diese Sicherheit, dass es auch wirklich so kommen wird, wie du es sagst?" Lächelnd nahm Tae mich nun in die Arme, streichelte zärtlich über meinen Kopf und murmelte mir beruhigend ins Ohr:„Ich verlasse mich einfach darauf. Ich weiß nicht genau, wie ich es mache. Ich weiß einfach, dass wir zusammen eine starke Truppe sind und wir werden sie finden. Es ist nicht so, als könnten sie sich gar nicht zur Wehr setzen. Sie haben mehr drauf, als sie bisher gezeigt haben. Da bin ich sicher." Schweigend umarmte ich Tae etwas fester, während er sein Kinn auf meinen Kopf legte und mir nur behutsam über den Rücken strich.
    Leise murmelte Tae:„Aber jetzt haben wir uns ja immerhin schon mal gegenseitig und das ist für mich ein riesiges Glück, denn ich liebe dich mehr als alles und jeden auf dieser ganzen Welt. Solange ich dich habe, ist es mir so ziemlich egal, dass wir hier rumhocken. Ich bin froh, dass ich hier bin und nicht wie gewohnt in Südkorea im Dorm. Denn sonst hätte ich dich nie kennengelernt, Tomätchen."
    Verliebt lächelte ich meinen Freund an, lief natürlich etwas rot an und meinte:„Du bist süß, Tae! Ich liebe dich so sehr!" Lächelnd kam Tae mir nun näher und drückte mir einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. Glücklich erwiderte ich diesen, grinste Tae danach an und konnte meinen Blick gar nicht von seinen Augen abwenden. Nachdenklich murmelte ich:„Deine Augen sind so schön. Sie sind so dunkel, dass ich mich darin verlieren könnte. Ich könnte den ganzen Tag einfach nur in deine Augen starren." Belustigt grinste Tae und fragte ungläubig:„Meine Augen? Wenn meine Augen schon schön sind, was sind deine dann? Zu schön für diese Welt? Ja, so muss es sein. Du bist zu schön für diese Welt, Tomätchen!"
    Sofort lief ich rot an und murrte in einer Stimme eines beleidigten Kleinkindes:„Hör auf! Das stimmt nicht!" Grinsend kam Tae mir nun näher und flüsterte:„Oh doch. Und wie das stimmt! Und deswegen höre ich auch nicht auf, Tomätchen!"
    In dem Moment lehnte der perfekte Mann sich plötzlich schnell vor und presste seine Lippen auf meine, während ich etwas kichern musste.
    Als wir uns lösten, grinste Tae nach wie vor und ich flüsterte nur lächelnd:„Ich hab dich lieb, Tae." Tae küsste mich nun erneut und grinste dann:„Nicht so sehr, wie ich dich liebe!" Lachend antwortete ich:„Das glaub ich dir nicht!" Nun meinte Tae:„Ich aber. Und ich glaube nur an die Wahrheit!"
    Gerade wollte ich noch etwas erwidern, da umarmte Tae mich urplötzlich und meinte:„Ich gehe jetzt schlafen, Tomätchen. Du auch?"
    Belustigt grinste ich:„Versuchst du etwa, vom Thema abzulenken, damit du das letzte Wort behältst und dann sagen kannst, dass du mich mehr liebst als ich dich?" Grinsend meinte Tae nun:„Ja, ganz genau. Also protestiere nicht weiter! Jetzt geht's ab in die Heiapopeia!"
    Ich konnte mir ein Grinsen wegen Taes Wortwahl nicht verkneifen, kommentierte dies aber nicht weiter und legte mich einfach hin.
    Tae hatte es sich inzwischen neben mir gemütlich gemacht und umarmte mich nun, als wenn ich sein Kuscheltier gewesen wäre.
    Glücklich lächelnd umarmte ich ihn auch und murmelte nur noch leise:„Gute Nacht, Tae. Hab dich lieb." Leise erwiderte er meinen Nachtgruß und fiel auch schon bald in einen Schlaf, ebenso wie ich.
    Ich war so unfassbar glücklich, obwohl ich mir dennoch Sorgen um die anderen machte. Ich war nun immerhin mit Tae zusammen und konnte diesen Moment mit ihm genießen.
    Nie hatte ich zu träumen gewagt, dass ich wirklich einmal mit diesem wunderbaren Mann zusammen sein könnte. Nie hatte ich zu träumen gewagt, so wunderbare Liebe zu erfahren. Und obwohl die Gesamtsituation eher beunruhigend war, wünschte ich mich an keinen anderen Ort.
    Und dennoch wusste ich nicht, was der nächste Tag bringen würde. Vielleicht sogar den Tod? Ich wusste es nicht. Aber es war mir egal. Mir war in dem Moment nur wichtig, dass ich bei Tae war und seine weichen Lippen auf meinen spürte. Nichts war mir in dem Moment wichtiger, als bei Tae zu sein.

    61
    Die morgendlichen Sonnenstrahlen fielen seicht durch das dichte Blätterdach und sprenkelten helle Flecken auf den bemoosten Waldboden. Die Paradiesvögel riefen aufgeregt und im Unterholz quakten bunte Frösche.
    Ich schlief seelenruhig auf dem Boden. Plötzlich kitzelte es mich an der Nase. Murrend drehte ich einfach einmal herum und schlief einfach weiter. Doch es kitzelte wieder. Kurz rieb ich mir an der Nase und machte weiterhin keine Anstalten, die Augen zu öffnen. Doch es hörte einfach nicht auf und auf einmal ertönte dazu ein leises, tiefes Kichern.
    Verwirrt öffnete ich die Augen und blickte in Taes hübsches Gesicht. Erst jetzt erinnerte ich mich wieder, wo ich war und mit wem ich dort war.
    Ein Lächeln erschien auf meinen Lippen und ich murmelte schlaftrunken, während ich mich streckte:„Guten Morgen, Tae. Hast du gut geschlafen?"
    Statt einer vernünftigen Antwort bekam ich jedoch vorerst nur einen zärtlichen Kuss. Überrascht erwiderte ich ihn lächelnd. Als Tae und ich uns wieder voneinander lösten, antwortete er auch endlich:„Guten Morgen, Tomätchen. Ich hab super geschlafen. Schließlich lag ich neben dem schönsten Tomätchen dieser ganzen Welt! Und du?" Belustigt setzte ich mich nun auf und fragte:„Wie viele Tomätchen kennst du denn? Aber ich hab gut geschlafen, danke der Nachfrage." Tae grinste nun auch, überlegte kurz und meinte dann:„Naja, ich würde sagen, ich kenne genug, um sagen zu können, dass die das allerschönste Tomätchen bist." Belustigt schüttelte ich nur den Kopf, gab Tae einen schnellen Kuss und stand dann auf.
    Tae erhob sich daraufhin auch und murmelte verträumt:„Es ist ein sehr schöner Morgen, meinst du nicht?" Lächelnd schaute ich ihn an und erwiderte:„Ja, es ist wirklich ein traumhaft schöner Morgen." Tae ergänzte nun:„Besonders, weil du hier bist, Tomätchen."
    Ich wurde augenblicklich rot, umarmte Tae sanft und flüsterte:„Du bist wirklich süß, Tae! Ich hab dich lieb..."
    Tae erwiderte dies nur und jetzt überlegten wir, was wir als nächstes machen sollten.
    Wir waren beide sehr hungrig, entschlossen uns aber dennoch dazu, nicht einfach irgendetwas zu essen, von dem wir glaubten, es könne essbar sein. Stattdessen wanderten wir sofort weiter.
    Dabei hielten wir die ganze Zeit Händchen und zwischendurch gab Tae mir immer mal wieder einen sanften Kuss.
    Nach einigen Stunden sahen wir plötzlich, dass sich der Wald lichtete. Und dieses Mal lichtete er sich tatsächlich und es war keine Falle, so wie das letzte Mal, als ich dachte, der Wald würde endlich enden. Da hatte Irina nämlich nur einen Teil des Waldes abgefackelt.
    Diesmal war der Urwald jedoch tatsächlich zu einem Ende gekommen. Erstaunt blickten Tae und ich uns die Landschaft an.
    Es war eine weite, begraste Fläche, die zu einem Berg anstieg. Tae schlug direkt vor:„Wir sollten auf den Berg klettern. Vielleicht haben wir von dort aus einen besseren Überblick. Vielleicht sehen wir von dort aus auch einen der anderen."
    Sofort stimmte ich zu und so stiegen wir den Berg hinauf. Teilweise war es ein wirklich steiler Anstieg, jedoch kämpften wir uns einfach weiter hoch.
    Aufgeregt sprach ich, während Tae mir eine steile Kante hochhalf:„Hoffentlich sind die anderen hier auch in der Nähe." Zustimmend nickte Tae und meinte:„Ich glaube, wir sind auf dem besten Weg, sie wiederzu..."
    In dem Moment zischte auf einmal ein Lichtstrahl an uns vorbei, blendete mich aber so sehr, dass ich den Halt verlor und beinahe den Berg hinunterfiel. Jedoch hielt Tae mich an meinem Arm fest, sodass ich nicht fallen konnte und zog mich wieder vernünftig auf die Beine.
    In dem Moment sah ich auf einmal undeutlich eine Person hinter einem Stein herrennen und augenblicklich schoss ich durch meine Kraft einen Pfeil aus Eis durch die Luft in Richtung der Person, woraufhin Tae mich überrascht angaffte.
    Doch auf einmal wirbelte starker Wind um uns herum und ich erkannte fast nichts mehr, weil mir meine Haare in mein Gesicht wehten und mir somit die Sicht nahmen.
    Tae griff nun beschützerisch nach meinem Arm, zog mich zu ihm und versuchte so, mich irgendwie zu beschützen.
    Doch auf einmal legte sich der Wind ruckartig und eine vertraute Stimme ertönte.
    „(d/n), Tae?" Verwirrt blickte ich mich um und sah auf einmal Karolin hinter einem Felsvorsprung des Bergs hervortreten. Plötzlich trat auch Akiko neben sie und aufgeregt rief ich ihre Namen.
    Aufgeregt liefen die beiden nun zu uns und Akiko umarmte Tae und mich kurz überglücklich, während Karolin einfach neben uns stand und erleichtert und gleichzeitig irgendwie stolz lächelte. Akiko freute sich in der Zeit:„Wir haben euch und die anderen erst überall gesucht, aber nicht gefunden. Dann haben wir einfach überlegt, unser altes Ziel, also weiter zum Rand vorzudringen, wieder aufzunehmen. Die Idee hattet ihr ja scheinbar auch!" Verwirrt fragte ich nun:„Die anderen gesucht? Ich dachte, die wären vielleicht auch bei euch?" Bedauernd schüttelte die Anführerin nun den Kopf und erklärte:„Nein. Sie wurden ebenso von uns getrennt wie ihr von uns. Wir haben keine Ahnung, wo sie nun abgeblieben sind. Nur Akiko und ich sind noch zusammengeblieben." Die hübsche Japanerin fügte nun hinzu:„Naja, wir hoffen nur, dass sie auch wenigstens zu zweit unterwegs sind wie Karolin und ich oder ihr beide."
    Tae verbesserte sie nun:„Naja, wir haben uns erst später wiedergefunden. Wir waren ursprünglich beide alleine unterwegs." Ich nickte knapp und erzählte:„Ja. Ich wurde von Irina und Rafael aufgegabelt. Tae hat mich gerade noch rechtzeitig gerettet. Wobei er dabei sein eigenes Leben auf's Spiel gesetzt hat." Beim letzten Satz blickte ich Tae etwas vorwurfsvoll an, während er mich nur anschmunzelte und mir plötzlich einen schnellen Kuss gab.
    Nun schauten Akiko und Karolin uns komplett überrascht und vielleicht sogar etwas verstört an und ich erzählte schnell verlegen:„Ach ja. Tae hat mir danach seine Liebe gestanden und wir sind jetzt ein Paar."
    Karolin grinste nun triumphierend und meinte:„Na dann, herzlichen Glückwunsch. Hab ich dir nicht sogar gesagt, dass er hundert pro auf dich steht?" Verlegen murrte ich:„Ja, hast du." Akiko lächelte unterdessen:„Und ich habe Tae gesagt, dass du ganz sicher auch etwas für ihn empfindest."
    Daraufhin grinste Tae:„Dann hatten wir ja beide irgendwie einen Ansprechspartner."
    Akiko nickte nun nur mit ihrem hübschen Lächeln, während Karolin sprach:„So schön das auch alles ist... Wir müssen immer noch die anderen finden. Wir können nicht mal sagen, ob sie noch alle leben. Eine Person ist seit unserer Trennung gestorben, aber wer das war, wissen wir nicht." Leise murmelte ich traurig:„Wir können nur hoffen, dass diese Person nicht zu uns gehörte." Nachdenklich nickte Karolin nun auch, während Akiko nur betroffen zum Boden starrte und Tae beschützend meine Hand hielt.
    Schließlich erzählte Karolin:„Naja, auf diesem Berg haben Akiko und ich uns ein kleines Lager eingerichtet. Von hier aus kann man sich gut verteidigen. Ihr habt ja selbst gemerkt, dass man sich von weiter unten nicht allzu gut verteidigen kann. Von oben ist es ganz anders."
    Plötzlich redete Tae dazwischen:„Was war das eigentlich gerade eben, Tomätchen? Seit wann kannst du dich anhand deiner Kraft so gut verteidigen? Auch, wenn du nicht getroffen hast..."
    Verlegen erzählte ich nun knapp zusammengefasst:„Naja, als ich noch alleine war, ist mir aufgefallen, dass sich meine Kräfte durch Emotionen beherrschen lassen. Ich glaube, ich musste einfach mal auf mich allein gestellt sein, um mich selbst kontrollieren zu können." Karolin murrte nun in einem etwas gefühlskalten Ton:„Wunderbar, dass du diese Erkenntnis hattest. Naja, um meinem Geschwafel ein schnelles Ende zu setzen... Ich würde vorschlagen, eine Zeit auf dem Berg zu verbringen. Von hier aus sehen wir, wenn uns jemand näherkommt und wir können entsprechend reagieren."

    62
    Schweigend führte Karolin uns weiter den Berg hinauf, während Akiko direkt neben Tae und mir lief und sichtlich glücklich, wieder andere Menschen zu treffen, etwas erzählte.
    „Wir sind da. Hier verbringen Akiko und ich, und jetzt auch ihr, die Nächte", murrte Karolin.
    Wir standen recht hoch oben auf dem Berg, auf einer Art kleinen Podest. Eine kleine Kuhle deutete eine Höhle im Berg an. In dieser kleinen Höhle wurden Blätter als Polster ausgelegt und das Licht schien noch fade hinein. Akiko ergänzte nun lächelnd:„Von hier aus können wir näherruckende Feinde sofort erkennen, sie uns aber nicht. Deswegen haben wir unser Lager hier aufgeschlagen." Leiser fügte sie noch hinzu:„Und Karolin scheint auf Berge zu stehen. Ich glaube, es liegt an der guten Luft hier oben. Aber manchmal ist es hier wirklich windig..."
    Karolin, die Akiko trotz ihrer gedämmten Stimme gehört hatte, rechtfertigte sich nun mit gelangweiltem Blick:„Ich habe das Element Luft bekommen. Da wird es mir doch zustehen, mich auch nach guter Luft und Wind in meinen Haaren zu sehnen. Wenn es dir nicht gefällt, Akiko, kannst du ja auch am Fuße des Bergs auf unserer Feinde warten."
    Belustigt schüttelte Akiko den Kopf und flüsterte:„Karolin ist schon die ganze Zeit so schlecht drauf. Liegt wohl in ihrer Natur." Leicht grinste ich und schaute zu Karolin, welche uns einfach zu ignorieren schien.
    Ich setzte mich nun auf den Boden und fragte vorsichtig:„Und was machen wir jetzt?" Stumpf antwortete die Anführerin:„Nichts. Wir warten und schauen, ob irgendetwas passiert." Tae hockte sich nun neben mich und murmelte grinsend:„Langweilst du dich, Tomätchen? Wir könnten ein bisschen kuscheln, um diese Langeweile zu vertreiben." Fröhlich grinste ich ihn an und murmelte, während ich ihm langsam näher kam und zu einem Kuss ansetzte:„OK, hört sich gut an."
    Doch bevor es zu dem Kuss kommen konnte, räusperte sich Karolin:„Ich werde eben ein paar Polster für euch für die Nacht holen." Akiko hob gerade die Stimme, um zu fragen, ob sie mitkommen solle, da lehnte Karolin sofort indirekt ab:„Ich werde einfach kurz alleine gehen. In den paar Metern werde ich schon nicht umkommen. Bis gleich also."
    Und schon war Karolin verschwunden, während ich ihr etwas verwirrt hinterhersah. Tae gab mir jedoch schnell meinen Kuss, woraufhin Akiko uns angrinste:„Ihr seid echt ein süßes Paar. Ich freue mich wirklich für euch, dass ihr euch endlich eure Gefühle gestanden habt." Lächelnd erwiderte ich:„Da bist du aber sicher auch nicht ganz unschuldig. Durch dich hat Tae ja seine Bestätigung bekommen, dass er mir überhaupt gestehen sollte." Tae fügte gut gelaunt hinzu:„Genau. Ohne deine Hilfe hätte ich mich das sicherlich nicht getraut. Also danke, Akiko." Lächelnd nickte ich noch zustimmend, während Akiko etwas verlegen grinste und murmelte:„Kein Problem. Das hab ich gerne gemacht."
    Nun fragte Tae leise:„Wie war es eigentlich so ohne uns alle? Habt ihr noch irgendwas herausgefunden oder so?" Nachdenklich erwiderte die Japanerin:„Naja, es ist recht viel geschehen, seit wir getrennt wurden. Wir sind vorerst einfach nur weggerannt und haben uns dann erst überlegt, ob wir euch suchen sollten oder so. Das haben wir auch kurz gemacht, sahen es dann aber als aussichtslos. Also wollten wir weiterziehen, in der Hoffnung, dass wir euch dann währenddessen finden.
    Auf dem Weg sind wir zwischendurch auf Callum und Co. getroffen. Wir haben sie etwas beobachten können, aber zum Glück haben sie uns nicht bemerkt.
    Dabei hat sich dann auch etwas die Gruppenaufteilung geklärt, zumindest für mich. Callum ist der Anführer. Er ist kaltherzig. Auch seinen Kollegen gegenüber. Er spricht auch bei ihnen eher wenig, aber man merkt, dass, wenn er etwas sagt, ist es in einem sehr herrischen Ton. Ich glaube, er lässt die anderen gerne seine Arbeit vollrichten. Außerdem ist er sehr intelligent.
    Ganz im Gegensatz zu Rafael. Der wirkt auf mich sehr dumm. Das ist seine Schwäche. Aber dafür ist er sehr stark. Er ist ein richtiger Schrank, folgt Callum aber wie ein Schaf. Er tut, was man ihm sagt und er denkt gar nicht erst darüber nach, ob es nun sinnvoll ist oder nicht. Würde Callum ihm sagen, er solle sich in einen reißenden Fluss werfen, weil man dort gut fische kann, er würde es tun.
    Irina gehorcht ihrem Anführer auch ohne mit der Wimper zu zucken, aber sie ist immerhin nicht dumm. Sie nutzt ihre Intelligenz, um Schwächere fertigzumachen. Sie ist zickig, rechthaberisch und weiß, wie man den Schwächeren noch mehr schwächen kann. Übrigens scheint sie eine Schwäche für Callum zu haben. Sie folgt ihm auf Schritt und Tritt und hängt immer an seinem Hals. Naja, soweit er das zulässt.
    Der letzte im Bunde heißt Michal, wie sich herausgestellt hat. Er ist Pole und seine Kraft ist die des Schattens. Über ihn weiß ich aber nicht gerade viel. Er ist schweigsam und scheint im Gegensatz zu Rafael und Irina auch einen eigenen Kopf zu haben. Er gehorcht Callum zwar, aber man merkt ihm an, dass er nicht von allem angetan ist. Dumm ist er ganz sicher nicht. Alles, was sich über ihn noch feststellen lässt, ist, dass er etwas verstört wirkt. Manchmal wirkt er vielleicht auch etwas verletzlich, aber das sind nur minimale Momente. Hauptsächlich wirkt er stark, als wenn ihn nichts erschüttern könnte. Und das, obwohl er kaum etwas sagt."
    Leise murmelte ich:„Muss auch eine Gabe sein... Naja, dann habt ihr aber ja schon viel herausgefunden." Zustimmend nickte Akiko nur und meinte noch:„Sonst ist auf unserer Reise aber nicht mehr allzu viel passiert. Zwar hat sich mein Schlangenbiss zwischendurch leicht entzündet, was auch dazu beigetragen hat, dass wir hier auf dem Berg nun bleiben." In der Erinnerung schwankend, lächelte ich:„Ich erinnere mich, als das Gift aus deinem Bein heraus musste, hatte Tae sich freiwillig gemeldet. Aber ich habe es dann gemacht. Ich wollte nicht, dass Tae dir zu nahe kommt, denn ehrlich gesagt, war ich ziemlich eifersüchtig." Belustigt grinste Akiko nun:„Ja, das hat man in dem Moment sogar etwas gemerkt. Sonst war es eher unauffällig. Aber das hättest du nicht sein müssen. Du siehst ja, wie sehr Tae dich liebt."
    Nun lächelte mich mein Freund an und murmelte:„Das stimmt. Ich liebe dich mehr als alles andere auf dieser Welt, Tomätchen." Langsam kam er mir nun näher, drückte mir einen langen, sanften Kuss auf die Lippen und hielt mich danach nur fest umschlungen.
    In dem Moment kam auch Karolin mit den Bettpolstern wieder und schmunzelte direkt, als sie uns sah. Leise lachte sie:„Ich sehe schon, hier wird wieder Liebe kundgetan. Naja, hier sind auf jeden Fall eure Polster." Dabei legte sie sie kurz ab und beendete dann ihre Auskunft:„Ihr könnt sie euch selbst zurechtlegen. Wir werden dann auch gleich wahrscheinlich schon direkt zur Nachtruhe kommen."
    Erst jetzt fiel mir auf, dass es mittlerweile schon dämmerte. Schnell bedankten Tae und ich uns noch bei Karolin, bevor wir dann unser „Bett" aufbauten.

    63
    „Und wie seid ihr sonst so zurechtgekommen?"
    Die Mücken schwirrten durch die Luft, es war schwül und alles deutete darauf hin, dass es bald regnen würde. Leise hörte man das laute Treiben des naheliegenden Regenwaldes, während auf dem Berg selbst Ruhe herrschte. Nur ein leichter Wind zischte zwischendurch mal durch unsere Ohren.
    Wir hockten gemeinsam um ein kleines Lagerfeuer, vor der kleinen Höhle des Bergs, sodass das trübe Mondlicht noch in unsere Gesichter fiel.
    Ich saß nah an Tae gekuschelt, während er seinen Arm liebevoll um mich geschlungen hatte. Sein Kinn hatte er auf meiner Schulter abgelegt, sodass ich stets seinen warmen Atem an meiner Wange spürte. Karolin hockte im Schneidersitz vor uns und schaute uns erwartungsvoll an. Akiko hingegen hatte sich schon auf ihre Polster gelegt und hörte uns gespannt zu.
    Endlich antwortete ich nun auch auf Karolins Frage, wie es uns ergangen ist:„Naja, ich würde sagen, ganz OK. Ich meine, immerhin leben wir noch, wir haben uns gegenseitig gefunden und wissen nun, dass wir uns lieben." Taehyung fügte lächelnd hinzu:„Genau. Und (d/n) beherrscht ihre Kraft nun auch besser. Also eigentlich hat es fast schon Vorteile mit sich gebracht." Nachdenklich nickend meinte ich:„Nachteile gibt es aber natürlich auch jede Menge, das darf man nicht vergessen. Wir haben seit Tagen nichts gegessen, sind von dem Rest getrennt und wissen nicht mal, ob sie überhaupt alle noch leben." Karolin murmelte nun:„Naja, Lívia hat das Problem sicher nicht, dass sie seit Tagen nicht gegessen hat." Akiko stellte nun in Frage:„Naja, falls sie überhaupt noch lebt." Karolin seufzte nur:„Ja, das ist natürlich die Voraussetzung."
    In dem Moment zuckte ich irgendwie ein bisschen zusammen, was Tae dazu brachte, mich noch fester zu umarmen und er sprach:„Wir müssen einfach hoffen, dass es ihnen allen gut geht." Akiko fügte hinzu:„Ja. Vielleicht sollten wir auch davon ausgehen. Somit bleibt uns der Optimismus. Wir dürfen uns nicht unnötig Sorgen machen. Das führt zu nichts." Die Anführerin der Truppe schaltete sich nun auch wieder ein:„Du sprichst mir aus der Seele, Akiko. Und naja, wie sagt man so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Also sollten wir uns vielleicht tatsächlich nicht so viele Sorgen machen. Vielleicht haben wir ja Glück und wir finden den Rest gleich morgen." Leiser fügte sie eher zu sich selbst hinzu:„Auch, wenn ich das nicht glaube..."
    In dem Moment fielen plötzlich auch die ersten Regentropfen und ich blickte nachdenklich nach oben. Aus dem Hintergrund hörte ich nur Karolin noch leise fluchen:„Ich hasse Regen" und sie stand gerade auf, um vor der Nässe zu flüchten. Doch ich schloss langsam meine Augen, ließ die Tropfen auf mein Gesicht fallen und als ich meine Augen wieder öffnete, war es plötzlich kein Regen mehr, sondern Schnee. Doch dieser andere Niederschlag erstreckte sich nur über unser Lager.
    Lobend blickte Karolin mich an und meinte:„Du scheinst deine Kraft ja doch schon ganz gut im Griff zu haben. Sehr gut! Weißt du, so lässt es sich auch gleich viel besser unter freiem Himmel aushalten. Gegen Kälte hab ich nichts." So setzte sich die Österreicherin dann auch wieder auf ihren vorherigen Platz und genoss den Schnee, wie er ihr sanft ins Gesicht rieselte. Auch Akiko schien das weiße Wunder zu gefallen, denn sie blickte mit leuchtenden Augen in den Himmel.
    Tae lächelte mich hingegen glücklich an, drückte mir einen zärtlichen Kuss auf die Lippen und fragte flüsternd:„Kannst du es eigentlich auch überall scheinen lassen? Also in dem ganzen Regenwald?" Unwissend zuckte ich erst nur mit den Schultern, lächelte dann aber, schloss meine Augen und, als ich sie dann wieder öffnete, schneite es auf einmal überall, wo mein Blick hinreichte. Stolz lächelte Tae nun:„Du bist echt gut, Tomätchen." Dankbar lächelte ich nun und murmelte:„Aber ich darf es nicht zu lange schneien lassen. Sonst sterben die Tiere hier. Sie sind nicht für die Kälte gemacht." Zustimmend nickte Tae, während er mir tief in die Augen schaute und plötzlich wandelte sich der Schnee zurück in Wasser und wir hörten augenblicklich Karolins Gefluche:„Ich hasse Regen! Wer von euch Pappnasen war das?" Und so verkrümelte sie sich in der Höhle, während Akiko nur leise kicherte. Währenddessen saßen Tae und ich nach wie vor in dem Regen, schauten uns gegenseitig tief in die Augen und amüsierten uns über Karolins Laune. Auf einmal presste Tae wieder seine weichen Lippen auf meine und er legte seine Arme sanft um meine Taille. Glücklich erwiderte ich den Kuss und als wir uns wieder trennten, raunte ich Tae zu:„Du weißt aber, dass ich es auch alleine hätte zurückwandeln können, oder?" Grisnend erwiderte Tae nun:„Ja, das weiß ich natürlich, Tomätchen." Und schon kam Tae mir wieder näher, um mich zu küssen und ich lehnte mich ebenfalls schon lächelnd vor. Schließlich waren wir nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt, als Karolins genervte Stimme aus der kleinen Höhle ertönte:„Kommt ihr dann auch mal oder wollt ihr weiter im Regen hocken und euch knutschen?" Belustigt musste ich grinsen und auch Tae konnte sich, trotz seiner Enttäuschung, dass es nicht zu einem Kuss gekommen war, ein Grinsen nicht verkneifen.
    Langsam stand ich nun also auf, griff dann nach der Hand des gutaussehenen Mannes und gemeinsam gingen wir in die Höhle.
    Dort hatten es sich Karolin und Akiko schon auf ihren Polstern gemütlich gemacht und auch wir wollten uns dort niederlassen. Karolin murrte jedoch unterdessen:„Einer von euch beiden muss noch die erste Nachtwache übernehmen. Die zweite werde ich übernehmen." Direkt opferte sich Tae:„Ich werde die erste Nachtwache übernehmen." An mich gerichtet fügte er dann hinzu:„Dann kannst du dich noch ein bisschen ausruhen. Aber keine Sorge, ich werde die Nacht trotzdem die ganze Zeit an deiner Seite verbringen." Liebevoll lächelte ich nun und sprach:„Ich liebe dich, Tae." Er selbst erwiderte nun grinsend:„Ich dich doch auch, Tomätchen."
    Gerade kamen wir uns wieder näher, da brummte Karolin aus ihrer Ecke:„Und ich liebe meinen Schlaf! Also haltet den Rand und gute Nacht!"

    64
    Belustigt schüttelte ich den Kopf auf Karolins Bemerkung hin, lächelte Tae noch einmal an und legte mich dann auf mein Bett aus Blättern, um zu schlafen. Ich spürte noch, wie Tae sich im Schneidersitz neben mich setzte und nach meiner Hand griff. Von Karolin und Akiko war nichts mehr zu hören. Nur noch das leise Treiben der Nacht und das laute Prasseln des Regen waren noch zu vernehmen, bevor ich einschlief.

    Ich wachte wieder auf, als helles Licht direkt in mein Gesicht schien. Müde schlug ich die Augen auf und erblickte direkt, dass noch fast alle schliefen. Nur Akiko, welche die zweite Nachtwache übernommen hatte, war noch wach und kämpfte scheinbar mit der Müdigkeit. Lächelnd flüsterte ich:„Leg dich ruhig noch ein bisschen schlafen, Akiko. Ich bin jetzt wach und passe auf alles auf." Dankbar lächelte sie mich dann kurz an und schlief direkt ein, sobald sie sich hingelegt hatte. Belustigt lächelte ich nun vor mich hin und ließ meinen Blick durch das restliche Lager schweifen. Karolin schlief tief und fest in der Ecke der kleinen Höhle und zuckte einmal kurz leicht mit dem kleinen Finger. Die Sonne schien nicht ganz bis zu ihr. Nun fiel mein Blick auf Tae. Er schlief direkt neben mir und hatte meinen Körper im Schlaf umschlungen. Sein Gesicht hatte er in meinem Bauch vergraben. Er sah wie ein kleiner Engel aus. So schön, so unschuldig und friedlich. Einfach nur perfekt.
    Liebevoll strich ich mit meiner Hand sanft über seine Wange und gab ihm einen leichten Kuss auf diese. Danach stand ich langsam auf, um ihn nicht zu wecken und lief aus der Höhle heraus, bis ich an der freien Luft stand. Der Wind zischte warm durch mein Haar und brachte gleichzeitig den tropischen Geruch des Waldes mit. Die Sonne hingegen erhellte die Landschaft und ich hatte einen sehr guten Blick auf die gesamte Umgebung. Allerdings war dort nichts Auffälliges zu entdecken.
    Schweigend ließ ich mich nun auf dem kleinen Felsvorsprung nieder und schaute einfach in die Gegend. Irgendwie wartete ich nur darauf, dass etwas passierte. Vielleicht erhoffte ich mir, dass die anderen, sprich Federica, Lívia, Malou und Juan, auftauchten. Ich weiß nicht so genau, was ich damals erwartete. Jedenfalls hockte ich dort einige Momente, vielleicht eine Stunde lang und gaffte in die nicht vorhandene Abwechslung.
    Doch plötzlich spürte ich zwei Hände, die mich wie aus dem Nichts umschlungen und ich erschrak so sehr, dass ich dabei wie aus Reflex den ganzen Boden um mich vereiste. Blitzartig drehte ich mich auch um und erblickte plötzlich Taes grinsendes und gleichzeitig überraschtes Gesicht. Leise fragte er:„Habe ich dich wirklich so sehr erschreckt?", während er sich neben mich setzte. Noch immer mit rasendem Herzen wegen des Schrecks, murrte ich leise, um die Schlafenden nicht zu wecken:„Ja. Du hast dich richtig herangeschlichen, da kamen deine Hände wie aus dem Nichts!" Beinahe etwas schuldig lächelte Tae, nahm vorsichtig meine Hand und fragte:„Bist du böse auf mich?" Liebevoll lächelnd meinte ich nun:„Nein, natürlich nicht. Dir könnte ich nicht böse sein. Und erst recht nicht wegen sowas." Beruhigt lächelte Tae daraufhin und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn. Glücklich lehnte ich mich etwas an ihn und starrte weiter auf die weite Landschaft.
    Leise murmelte ich nun:„Eigentlich ist es schön hier. Wären wir nicht unter diesen Umständen hier, würde es mir hier gefallen. Aber leider müssen wir uns weiter um die anderen sorgen... Was meinst du, was sie gerade machen? Oder sind sie vielleicht schon tot?"
    Einfühlsam schloss der perfekte Mann nun seine Arme um mich und flüsterte:„Mach dir keine Sorgen, Tomätchen. Ich bin sicher, es geht ihnen gut. Ich wette, Federica sorgt bei ihnen gerade für gute Laune, während Malou neben Juan herspringt und er selbst ruhig vor sich hin summt. Und Lívia besorgt ihnen bestimmt gerade ihr Frühstück oder rettet sie wieder alle. Sicherlich werden wir sie bald wiederfinden." Dankbar lächelte ich ihn an. „Du schaffst es auch immer wieder, mir Mut zu machen", murmelte ich. Zärtlich strich mein Freund mir daraufhin über die Haare und erwiderte schmunzelnd:„Dafür bin ich doch da. Was hab ich sonst schon für einen Nutzen?" Beleidigt grinste ich nun:„Hör auf, das zu sagen! Du hast noch einen viel größeren Nutzen! Du bist mein ein und alles! Da kannst du nicht nur so einen kleinen Nutzen haben!" Belustigt lächelte Tae nun und beteuerte dann:„Aber ich liebe dich noch viel mehr!" Verliebt lächelte ich ihn nun an, gab ihm einen sanften Kuss und umarmte ihn, während wir noch einige Zeit einfach so dasaßen.
    „Guten Morgen, gut geschlafen?", ertönte Karolins verschlafene Stimme. Verwirrt blickten Tae und ich hinter uns und er hob überrascht eine Augenbraue:„Schon wach? Hey, ein Wunder ist geschehen! Karolin ist aufgestanden, ohne, dass wir sie erst durch die halbe Weltgeschichte tragen mussten!" Daraufhin schickte Karolin dem Mann einen tödlichen Blick und brummte:„Akiko pennt noch. Wird sie wahrscheinlich auch noch ein bisschen.
    Hier in der Nähe ist ein Fluss, in dem viele Fische sind. Ich wollte versuchen, ob man vielleicht ein paar fangen und braten kann. Da wohnen nämlich auch Lachse drin und von denen weiß ich, dass sie essbar sind.
    Tae, kommst du mit? Du hast die Kraft des Wassers, das könnte hilfreich werden." Knapp nickte Tae, stand auf und meinte:„Jap, ich werde mitkommen." Erwartungsvoll schaute ich unterdessen die Anführerin an, auf eine Anweisung wartend. Endlich wandte sie sich auch zu mir und meinte:„Du bleibst hier, bei Akiko und passt auf alles auf. Sollte irgendetwas sein, versteckt ihr euch am besten einfach. Aber von hier oben habt ihr sowieso die besseren Voraussetzungen. Jedoch werden wir eh nicht allzu lange und weit weg sein, also wird wohl nichts passieren." Als Zeichen, dass ich verstanden hatte, nickte ich noch knapp, bevor ich mich an Tae wandte, ihm einen schnellen Kuss auf die Wange gab und meinte, er solle auf sich aufpassen. Als Antwort lächelte Tae nur und meinte:„Mach dir keine Sorgen, Tomätchen. Ich bin ja nachher schon wieder da."
    Mit den Worten verschwanden Karolin und er dann auch und ich stand alleine dort, während Akiko in der kleinen Höhle noch schlief. Gelangweilt hockte ich einfach nur dort und wartete weiterhin auf eine Abwechslung.
    Nach einiger Zeit waren dann auch Tae und Karolin wieder da und trugen zwei große Fische. Als sie bei uns angekommen waren, hatte Tae sich gefreut:„Das hat richtig gut geklappt mit dem Fischen! Ich hab den Fluss einfach sozusagen stillgelegt und so konnten wir die Fische besser sehen. Dann haben wir mit spitzen Stöckern einfach auf die Fische eingestochen." Stolz hatte ich ihn dann angegrinst und umarmt.
    Mittlerweile war ich gerade dabei, ein Feuer zu entfachen, über dem wir die Fische braten wollten, während Karolin die Fische ausnahm. Tae stand neben mir und summte leise etwas vor sich hin, während es mit meinen Haaren spielte.
    Schließlich, als die Fische gebraten waren und ich Akiko geweckt hatte, aßen wir dann auch. Generell war Fisch eigentlich nicht so meins, aber dieses Mal schmeckte er mir richtig gut, was vielleicht auch einfach nur daran lag, dass ich seit Tagen nicht gegessen hatte.
    Endlich wieder etwas essen! Ich dachte schon, wir würden verhungern... Aber es sieht ja doch stark danach aus, als würden wir wohl nicht mehr verhungern. Vielleicht wird jetzt alles wieder besser. Vielleicht finden wir die anderen vier heute wieder und dann bleiben wir auf diesem Berg und warten, bis die anderen sich gegenseitig umgebracht haben und dann haben wir gewonnen! Ja, vielleicht geht es nun endlich wieder bergauf!


    Hey, hier ist endlich ein neues Kapitel. Ich hoffe, es gefällt euch.^^
    Bei der Gelegenheit möchte ich euch noch ein RPG empfehlen. Es heißt „Dream or Reality?“ und handelt natürlich um BTS. Aber ebenfalls wie in meiner Ff, spielt dort auch Fantasy eine große Rolle.
    Wenn ihr Interesse habt, mitzumachen, schaut dort gerne mal vorbei!^^ Wir freuen uns über jeden, der mitmachen will.^^
    Der Link zu diesem RPG folgt:

    https://www.testedich.de/quiz65/quiz/1590574121/BTS-Dream-or-Reality

    Ich kann euch dieses RPG, wie gesagt, wirklich nur empfehlen!^^

    LG Emily W.

    65
    „Und jetzt werden wir hier einfach hocken und darauf warten, dass die anderen uns finden?", fragte Tae, während wir alle beisammen saßen und gerade unseren Fisch aufgegessen hatten. Knapp nickte Karolin auf diese Frage und meinte:„Uns wird wohl nichts Anderes übrigbleiben. Wenn wir nämlich gezielt nach den anderen suchen, könnte es sein, dass wir auch an ihnen vorbeilaufen, dafür aber direkt in die Arme von Callum und Co." Leicht nickten wir nur alle und nach einer Weile murmelte ich plötzlich leise:„Aber was, wenn SIE Callum in die Arme laufen und von ihm getötet werden? Dann sitzen wir hier und wissen, dass wir ihnen vielleicht hätten helfen können, uns aber dafür entschieden haben, unseren eigenen Hintern in Sicherheit zu wiegen..." Leise seufzte Karolin:„Da hast du möglicherweise recht, (d/n). Aber wir dürfen nicht zu viel riskieren. Es nützt ihnen auch nichts, wenn wir draufgehen." Akiko warf nun in den Raum:„Vielleicht denken sie sich ja das selbe wie wir. Möglicherweise sind sie auch in Sicherheit und warten darauf, dass wir zu ihnen kommen." Ruhig antwortete die Anführerin daraufhin:„Dann ist es noch besser. So riskieren wir alle nichts. Und wenn die anderen sich gegenseitig umgebracht haben, sind auch nur noch wir hier."
    Während Tae mich in seinen Armen hielt, dachte ich über diese Worte nach und auf einmal kam es mir in den Sinn:„Aber was, wenn am Ende wirklich nur noch WIR hier sind und Hisoka nicht zulässt, dass wir alle überleben? Schließlich hat er uns in diese „Arena" geschickt, damit wir den Stärksten ans Licht bringen. Aber, wenn wir alle überleben, hat er keinen „Gewinner". Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das dann so hinnehmen würde..." Darauf wusste Karolin erst so recht keine Antwort, sprach dann aber:„Dann werden wir uns eben dagegen sträuben, gegeneinander zu kämpfen. Wenn wir sterben, dann zusammen!"
    Zusammen sterben. Ja, das werden wir sicherlich... Nur hoffe ich, dass das nicht passieren wird. Vielleicht tötet Hisoka uns dann auch alle und schaut, wen von uns er als letztes töten kann...

    Gelangweilt hockte ich mit Tae dort, während er belustigt mit meinen Haaren spielte und ich mit meinen Kräften. Karolin versuchte gerade, eine Halterung zu bauen, auf der man später den Fisch aufhängen konnte, während Akiko lustige Muster mit dem Licht auf ein Stück Holz brannte.
    Irgendwann seufzte ich:„Mir ist langweilig. Wir können doch nicht ernsthaft den ganzen Tag hier auf diesem Berg hängen und darauf warten, dass jemand vorbeikommt!" Stumpf erwiderte Karolin, während sie weiter konzentriert an ihrer Konstruktion tüftelte:„Ich kann alles und du wirst zumindest das auch können. Du könntest dich ja auch nützlich machen und mir helfen." Beleidigt schaute ich sie an und wollte gerade etwas erwidern, da meldete sich die Japanerin Akiko:„Meine Entzündung hat sich verschlimmert. Kann (d/n) nicht vielleicht feuchtes Moos oder so holen, damit ich es etwas abkühlen kann?" Skeptisch erwiderte die Österreicherin jedoch sofort:„Sicher, dass es so gut ist, dreckiges Moos auf eine Wunde zu legen? (d/n), zaubere uns bitte mal einen Eisklotz. Den kannst du dir auf die Entzündung legen, Akiko." Leise seufzte ich, da ich schon Hoffnungen hatte, vielleicht etwas anderes machen zu können und erschuf stattdessen einen Eisklotz und reichte ihn Akiko. Diese bedankte sich schwach lächelnd, doch ich protestierte weiter:„Darf ich trotzdem ein bisschen herumlaufen? Ich könnte neues Material für deine Halterung suchen." Genervt murrte Karolin endlich:„Mach doch, was du willst, aber wenn du dann nicht mehr zurückkommst, hab ich keine Schuld daran." Zufrieden stand ich also auf und grinste:„Ich werde schon nicht sterben", und wollte gerade gehen, als Karolin einwarf:„Nimm Tae mit. Der wird wahrscheinlich eh mitkommen wollen." Direkt nickte Tae auch und stellte sich neben mich:„Ich werde dich nicht alleine gehen lassen, Tomätchen!" Verliebt lächelte ich ihn an und gab ihm einen Kuss, als die 15-jährige weitersprach:„Bringt mir bitte ein bisschen Moos mit und lange, gerade und stabile Stocker. Sie sollten aber nicht zu dick sein. Damit kann ich diese Halterung verstärken." Gehorsam nickte ich direkt, griff nach Taehyungs Hand und wir gingen direkt den Berg hinab.
    Wir liefen Hand in Hand einen Fluss entlang und mein Partner erzählte:„Hier haben Karolin und ich auch die Fische gefangen." Interessiert lächelte ich und fragte:„Wie war es eigentlich so mit Karolin? Verstehst du dich gut mit ihr? Auf mich wirkt sie manchmal etwas zu verklemmt." Überrascht schaute Tae mich an:„Verklemmt? Nein, so würde ich sie nicht bezeichnen. Sie wirkt manchmal etwas barsch und gefühlskalt, aber sie ist eigentlich wirklich nett." Ich erwiderte schnell:„Nett ist sie, ja. Sie ist auch mitfühlend und verständnisvoll. Das wollte ich damit auch gar nicht widerlegen. Es ist nur so, dass sie irgendwie so ernst ist." Tae schüttelte daraufhin den Kopf:„Ich glaube, dass sie einfach nur versucht, uns eine gute Anführerin zu sein. Wir haben uns sehr gut unterhalten und sie kann auch echt lustig sein. Vielleicht fühlt sie sich in großen Gruppen nur nicht so wohl. Wenn man mit ihr alleine ist, ist sie ein bisschen wie Hobi. Gut drauf, aufgedreht, lacht andauernd." Leise murrte ich:„Vielleicht mag sie mich auch nicht." Jedoch widersprach der perfekte Mann direkt:„Nein, mit dir hat es nichts zu tun. Sie mag es einfach nicht, so im Mittelpunkt zu stehen." Leise erwiderte ich:„Sie ist ganz anders als Federica. Federica ist ein Mensch, der brabbeln kann ohne Ende und auch wirklich immer gut drauf ist. Sie ist sehr menschenbezogen. Bei Karolin hat man manchmal das Gefühl, dass sie alle Menschen hasst. Eigentlich ist Karolin auch wohl lustig, aber die meiste Zeit scheint sie mir schlecht drauf zu sein." Lächelnd meinte Tae:„Mach dir da doch nicht so einen Kopf drum. Es gibt eben Menschen, die nach Aufmerksamkeit suchen und welche, die sie nicht auf sich gelenkt haben wollen. Vielleicht ist Karolin auch einfach lieber ernst. Außerdem, wie soll es sein, dass sie eine Art Anführerin ist und gleichzeitig immer gut drauf. Könntest du sie dann immer ernst nehmen?" Unwissend zuckte ich mit den Schultern und blieb stehen, um etwas Moos zu sammeln. Tae hockte sich ebenfalls neben mich und pflückte das Moos.
    Plötzlich bemerkte ich, wie er mich die ganze Zeit anstarrte und ich lächelte ihn verlegen an:„Was ist? Warum schaust du mich so an?" Nun grinste der Koreaner:„Nichts. Du bist nur so süß." Sofort lief ich rot an und meinte:„Ich und süß? Der einzige, der hier süß ist, bist du." Zärtlich lächelte Tae mich nun an, streichelte mir sanft über die Wange, murmelte:„Nein, Tomätchen. Du bist noch viel süßer!", und gab mir plötzlich einen leidenschaftlichen Kuss.
    Glücklich erwiderte ich ihn, als plötzlich ein leises Knacken hinter uns, aus einem kleinen Waldstück, das an dem Fluss grenzte, ertönte. Reflexartig drehte ich mich um und starrte ängstlich in den Wald. Langsam drehte ich mich dann wieder zu Tae und wollte ihm gerade zuflüstern, ob wir weitergehen wollen, als plötzlich eine Gestalt aus dem Wald trat.

    66
    Überrascht und vollkommen überfordert starrte ich, ebenso ungerührt wie Tae, auf die Person, die gerade aus dem Wald trat und traute meinen Augen kaum. Auch die Person uns gegenüber schien ebenso überrascht zu sein und gaffte uns ungläubig an, bis sich auf einmal ein Grinsen auf dem Gesicht breit machte und die vertraute Stimme ertönte:„(d/n), Tae!" Aufgeregt lief die Person auf uns zu, umarmte uns und ich stammelte freudig:„Federica! Du... bist hier! Ich bin so froh, dich wiederzusehen!" Grinsend löste die Italienerin die Umarmung wieder und strahlte uns an:„Wir haben schon überall nach euch gesucht und dann treffe ich euch, wenn ich eigentlich nur nach etwas zu Essen suchen wollte! Was sucht ihr hier überhaupt?" Etwas überfordert von den ganzen Informationen fragte ich erstmal:„Warte, warte. Wir? Heißt das, die anderen sind auch bei dir?" Aufgeregt meinte die lockenköpfige Frau:„Naja, liegt dran, wen du mit „die anderen" meinst. Juan und Malou sind noch bei mir. Sie sind gerade weiter hinten. Aber, wo der Rest ist, weiß ich nicht." Knapp erklärte ich:„Karolin und Akiko sind bei uns." nachdenklich erwiderte Federica nun:„Dann fehlt ja sozusagen nur noch Lívia."
    In dem Moment kamen auch Juan und Malou hinter Federica aus dem Wald getreten und schauten uns ungläubig an. Doch ich beachtete sie kaum, denn ich war in Gedanken versunken. Nur von Lívia fehlt jede Spur. Eine Person ist seit unserer Trennung umgekommen. Was, wenn Lívia diese Person ist? Lívia ist vielleicht tot...
    Plötzlich riss mich jedoch Taehyung aus meinen Gedanken, indem er mich besorgt anschaute, nach meiner Hand griff und leise raunte:„Alles in Ordnung, Tomätchen?" Gedankenverloren nickte ich mit leerem Blick und zwang mich dann selbst dazu, glücklich zu sein und lächelte Malou und Juan an:„Es ist schön, euch wiederzusehen. Wir haben uns alle riesige Sorgen gemacht." Malou fragte daraufhin grinsend:„Karolin und Akiko scheinen hier ja auch zu sein. Wollen wir nicht zu ihnen gehen und ihnen alles erzählen?" Taehyung nickte knapp neben mir und meinte:„Jap, das machen wir. Sie sind dort oben auf dem Berg. Dort haben wir eine Art Lager aufgebaut."
    Und so gingen wir direkt gut gelaunt den Berg hinauf, doch Tae schaute mich weiterhin besorgt an und fragte noch einmals nach meinem Wohlbefinden. Diesmal antwortete ich ehrlich:„Ich habe Angst. Lívia ist immer noch verschollen. Seitdem wir getrennt wurden, ist eine Person gestorben und wir wissen nicht, wer. Was, wenn es Lívia war? Ich habe Angst, dass Lívia tot ist." Mitfühlend nahm Tae mich daraufhin in den Arm, was von den anderen niemand mitbekam, und beruhigte mich:„Lívia ist eine richtige Überlebenskünstlerin. Wenn eine Person von uns auf sich selbst aufpassen kann, dann ist es Lívia." Allerdings ließ ich mich nicht beruhigen und bekam stattdessen glasige Augen:„Aber wir haben Lorenzo versprochen, auf sie aufzupassen. Und wenn sie jetzt doch tot ist, könnte ich mir das nie verzeihen!" Liebevoll strich mein Liebster mir daraufhin über die Haare und raunte in seiner beruhigenden Stimme:„Ach Tomätchen... Hör doch einmal auf, dir immer Sorgen um die anderen zu machen! Das bringt doch nichts. Wir haben immerhin schon alle anderen wiedergefunden. Dann werden wir auch Lívia wiederfinden. Und jetzt gehen wir erstmal zurück nach oben. OK?" Leicht nickte ich nur und wir folgten Malou, Juan und Federica, während Tae mir liebevoll einen Arm um die Schultern gelegt hatte.
    Oben angekommen ertönten direkt die überraschten Stimmen von Karolin und Akiko und wir sahen, wie sich alle aufgeregt und glücklich gegenseitig etwas erzählten. Als Tae und ich, die erst einige Momente später oben ankamen, von Karolin entdeckt wurden, drehte sie sich grinsend zu uns und freute sich:„Wo habt ihr die denn aufgegabelt? Und wo ist Lívia? Ist sie hinter euch?" Direkt verdunkelte sich mein Blick bei dem Namen „Lívia" und auch Karolins Lächeln schwand sofort. Leise antwortete Tae nun:„Sie war nicht dabei. Wir wissen alle nicht, wo sie ist."
    Nachdenklich nickte die Anführerin, seufzte dann und sprach in lauter Stimme, um die Aufmerksamkeit von allen zu erlangen:„Wir versammeln uns und werden geordnet alles erzählen." Gehorsam versammelten sich auch gleich alle in einem Kreis und Malou hing sofort wieder an Karolins Arm. Wieder ergriff die 15-jährige dann das Wort:„Federica, sei doch so nett und erzähl uns alles, ja?" Eifrig nickte die junge Frau und fing an:„Also, als wir voneinander getrennt wurden, waren Malou und ich erstmal alleine. Juan kam einen Tag später dazu. Von allen anderen haben wir in der Zeit nichts mitbekommen. Wie auch immer... Erst wollten wir euch suchen, aber dabei sind uns dieser Rafael und der Schattenjunge entgegengekommen. Erst haben sie uns nicht gesehen. Da konnten wir ihnen die ganze Zeit zuhören. Viel geredet haben sie nicht gerade, aber wir wissen jetzt auf jeden Fall, dass sie zwei Personen getötet haben. Aber das war, bevor eine dritte Person gestorben ist. Des Weiteren meinte der Schattenjunge, dass sie weiter ins Landesinnere ziehen wollten, weil sich dort wahrscheinlich mehr von den anderen aufhalten. Aber scheinbar wollten Callum und Irina auch dort hin.
    Auf jeden Fall haben sie uns dann entdeckt und wollten uns töten. Aber Juan hat einen Felsspalt geschaffen und sie sind dort hineingerutscht. So konnten sie uns erstmal nicht mehr verfolgen und wir konnten fliehen.
    Dann haben wir uns aber vorgenommen, weiter zum Rand vorzudringen, weil sie ja weiter ins Landesinnere wollten. Und dann haben wir euch gefunden. Naja, erstmal nur (d/n) und Tae. Was ist bei euch so passiert?" Karolin erzählte knapp alles und endete mit:„Ach ja, Tae und (d/n) sind jetzt übrigens ein Paar." Dies erntete natürlich sofort überraschte Blicke und ich lief etwas rot an. Tae hingegen lächelte nur stolz und nahm mich in den Arm. Wie auf ein Kommando gratulierten uns dann erstmal alle und Malou klatschte aufgeregt in ihre Hände:„Ihr seid so süß zusammen!"
    Auf einmal räusperte sich Karolin von weiter hinten:„Federica, ich hab die Wette gewonnen!" Verwirrt schaute ich nun von Federica zu Karolin und Federica murrte:„Na gut, du bekommst deine 5€. Aber erst, wenn wir hier raus sind." Als Karolin meine Verwirrung bemerkte, erklärte sie lachend:,, Federica und ich hatten ne Wette am Laufen. Ich hab gesagt, ihr werdet noch in unter fünf Tagen ein Paar. Sie hat das Gegenteil behauptet. Das war an dem Abend, bevor wir voneinander getrennt wurden. Und jetzt schuldet sie mir 5€."
    Belustigt lächelte ich und auch Tae konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
    Doch auf einmal meinte Malou:,, Lívia hat auch gesagt, dass sie noch ein Paar werden." Als ich den Namen der 13-jährigen Brasilianerin hörte, verdunkelte sich mein Blick direkt wieder und ich schmiegte mich etwas mehr an Tae. Karolin meinte in der Zeit ernst:„Wir wissen nach wie vor nicht, was mit Lívia ist. Jetzt brauchen wir einen Plan. Entweder bleiben wir hier auf diesem Berg oder wir ziehen weiter. Mein Vorschlag wäre tatsächlich, hier zu bleiben. Hier sind wir sicher. Wenn wir jetzt weiterziehen, werden wir wohlmöglich umkommen." Malou protestierte jedoch:„Aber wir können Lívia doch nicht alleine lassen!" Zustimmend nickten wir alle und Karolin seufzte:„Wir lassen sie auch nicht alleine. Das war um Himmels Willen nicht mein Plan. Aber ich halte es dennoch nicht für sinnvoll, wenn wir sie jetzt gezielt suchen. Was wir machen könnten, wäre, dass wir jeden Morgen und Abend eine Patrouille zusammenstellen, die in nicht weiter Ferne nach ihr sucht." Ich sah wie mein Liebster neben mir zustimmend nickte und meinte:„Wahrscheinlich kann sie auch selbst auf sich aufpassen, aber ich finde die Idee gut. So bringen wir uns selbst nicht zu sehr in Gefahr und wir haben trotzdem eine höhere Wahrscheinlichkeit, Lívia zu finden."
    Den Rest des Gesprächs bekam ich nicht mehr wirklich mit. Ich war ganz in meinen eigenen Gedanken. Wenn Lívia nun wirklich tot ist? Sie wäre zu jung dafür. Das wären wir alle. Aber sie ist erst 13. Und dennoch kann sie auf sich selbst aufpassen. Bitte lebt sie noch! Dann könnten wir später vielleicht wirklich noch alle zusammen hier rauskommen...

    67
    Nachdenklich hockte ich auf meinem Polster aus Blättern und starrte in die Dunkelheit. Das Mondlicht sickerte trüb in die kleine Höhle und ich hörte das leise Zirpen der Grillen.
    Eine Hand berührte meine und riss mich somit aus meinen Gedanken. Lächelnd blickte ich in das makellose Gesicht meines Partners, Tae. Er grinste zurück, zog mich plötzlich näher zu sich und drückte mir einen liebevollen Kuss auf die Lippen. Glücklich erwiderte ich diesen und flüsterte danach:„Danke, dass du mit mir wach bleibst, aber das musst du nicht tun. ICH habe die Nachtwache. Du solltest schlafen. Sonst bist du morgen noch ganz müde." Lächelnd erwiderte Tae daraufhin:„Ich kann aber nicht schlafen, wenn du nicht bei mir bist. Und ich genieße die Zeit doch mit dir. So sind wir mal alleine und wissen trotzdem, dass wir auch sicher sind. Wie oft wird uns das hier wohl noch passieren, hm?" Beinahe etwas betrübt lehnte ich mich an ihn und murmelte:„Naja, wahrscheinlich wird das nicht mehr allzu oft vorkommen..." Auf einmal nahm Tae mich in den Arm und meinte mit überzeugter Stimme:„Aber danach haben wir sicher jede Menge Zeit, die wir alleine miteinander verbringen können." Selbst nicht gerade überzeugt fragte ich:„Meinst du wirklich, dass wir hier noch lebend herauskommen? Ich meine, Callum und seine Leute sind stark. Wir sind zwar mehr, aber sie haben uns schonmal getrennt. Und jetzt haben wir Lívia verloren und wissen nicht mal, ob sie überhaupt noch lebt. Wenn sie das selbe Spiel noch drei mal machen, sind wir am Ende nur noch zu fünft und wir haben fast Gleichstand. Dann bringen sie uns um und wir sind am Ende..." Beruhigend küsste der Koreaner nun meine Wange und meinte:„Ach, Tomätchen... Seh doch nicht alles so negativ. Vielleicht lebt Lívia auch noch. Und WIR haben ja immerhin schonmal wieder zusammengefunden. Und stärker geworden sind wir auch. Das nächste Mal können wir uns wehren und dann haben sie das Pech." Dankbar lächelte ich Tae daraufhin an und meinte:„Du baust mich jedes Mal wieder auf. Danke, Tae. Was würde ich nur ohne dich machen?" Belustigt meinte Tae:„Naja, wahrscheinlich wärst du jetzt in den Fittichen von Irina und Rafael." Schwach lächelte ich und murmelte, während ich meinen Blick wieder gen Himmel richtete:„Da hast du wahrscheinlich recht. Ich liebe dich so sehr, Tae. Mehr als alles und jeden anderen in dieser Welt. Gewisserweise bin ich also sogar froh, hier zu sein. Denn sonst hätte ich dich nie kennengelernt." Glücklich lächelte ich Tae nun an und auch er lächelte liebevoll, bevor er mich mal wieder leidenschaftlich küsste und sprach:„Ich liebe dich noch viel mehr, Tomätchen! Und widersprechen kannst du nicht!" Belustigt lächelte ich nur, legte meinen Kopf gegen seinen Brustkorb, sodass ich seinen Herzschlag vernehmen konnte und starrte weiter in den Himmel, während Tae meine Hand hielt und zärtlich sein Kinn auf meinen Kopf legte.
    Nach einer Zeit war Tae doch eingeschlafen und ich war nun alleine wach. Doch bald sollte meine Schicht enden und die nächste übernahm Karolin. Also stand ich auf, trottete leise zu ihr hin, rüttelte einmal an ihr und murmelte:„Karolin, du bist dran mit der Nachtwache. Steh auf!" Leise murrte die Anführerin erst, rappelte sich dann aber doch auf und murmelte:„OK, bin wach. Du kannst dich dann auch schlafenlegen." Doch irgendwie war ich noch gar nicht müde und sprach:„Ich glaube, ich bleibe aber wahrscheinlich eh noch etwas wach. Ich hatte dich nur jetzt schon geweckt, weil ich dachte, es würde länger dauern, bis du richtig wach bist." Wortlos schüttelte die 15-jährige daraufhin den Kopf und setzte sich vor die Höhle auf den steinigen Boden des Bergs und schaute auf die weite Landschaft. Schweigend setzte ich mich neben sie. Sie ist so schweigsam. Sollte ich vielleicht einfach schlafen gehen? Störe ich sie? Nein, das wirkt doch irgendwie auch doof. Ich werde hier jetzt einfach eine Weile sitzenbleiben. Egal, wie unangenehm die Stille ist. Was habe ich denn auch Anderes von Karolin erwartet? Meistens ist sie doch in ihrer eigenen, ernsten Welt...
    Doch plötzlich räusperte sich Karolin unerwarteterweise:„Ich mag die Nacht. Sie ist schön. Und die Sterne erinnern mich an zuhause. Sie sind überall gleich." Überrascht schaute ich Karolin an, die weiterhin ungerührt in den Himmel lächelte. Leise erwiderte ich nun etwas schüchtern:„Ja, da hast du recht. Der Himmel ist tatsächlich sehr schön. Er strahlt irgendwie so eine Idylle aus..." Ruhig murmelte die Österreicherin nun:„Ja, nicht? Wenn ich nachts den Himmel anschaue, fühle ich mich, als wäre ich wieder zuhause. Als wenn alles ganz normal wäre. Es ist, als würde ich dort wieder nachts in unserem Garten hocken und einfach nur in den Himmel hinaufstarren." Zögerlich fragte ich:„Vermisst du es sehr, zuhause zu sein? Vermisst du deine Familie?" Plötzlich schaute mich Karolin von der Seite mild lächelnd an und antwortete:„Naja, ich vermisse es schon. Ebenso meine Familie. Nur bin ich mir nicht sicher, ob sie auch mich vermissen. Vielleicht sind sie ja sogar froh, dass ich endlich weg bin. Aber mir ist das eigentlich auch egal. Mir ist wichtig, dass es meiner Familie gut geht. Wenn ich ihnen nicht so wichtig bin, ist das in Ordnung." Verunsichert hakte ich daraufhin nach:„Meinst du denn wirklich, dass deine Familie dich nicht liebt?" Gleichgültig zuckte das junge Mädchen mit den Schultern und sprach:„Dass sie mich nicht lieben, hab ich nie behauptet. Ich glaube schon, dass sie mich irgendwie lieben. Aber dennoch bin ich davon überzeugt, dass ich nicht gut genug für sie bin und sie froh sind, dass nur ich es bin, die verschwunden ist und nicht einer meiner Geschwister. Irgendwie war ich schon immer das Ende der Kette, aber daran hab ich mich mittlerweile gewöhnt und wenn du mich fragst, hat meine Familie mich mittlerweile schon vergessen. Vielleicht haben sie am Anfang geweint, weil sie das Gefühl haben, etwas verloren zu haben, aber mittlerweile sind sie sicher darüber hinweg. Laut meiner Familie hab ich eh nur immer Unruhe gestiftet. Von sofern ist ihnen sowieso egal, ob ich nun bei ihnen bin oder irgendwo anders.
    Aber ich will auch nicht so tun, als wäre mein Leben schrecklich. Ich bin zufrieden. Ich lege nur die Fakten dar.
    Aber wie ist es bei dir? Vermisst du deine Familie sehr?" Etwas traurig erwiderte ich:„Ja, ich vermisse sie sehr. Ich denke jeden Tag an sie. Aber da es ihnen sicher gut geht, ist das alles halb so wild." Nachdenklich nickte Karolin daraufhin und meinte:„Du hast jetzt ja auch Tae. Der steht dir bei, richtig?" Bei dem Gedanken an Tae musste ich lächeln:„Ja, er ist toll. Ich kann mir mittlerweile ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen." Irgendwie zufrieden nickte Karolin, lächelte mich dann an und meinte ehrlich:„Das freut mich sehr für dich. Tae fühlt sicher genauso wie du." Scheinbar in der schönen Erinnerung versunken grinste sie nun:„Ich erinnere mich noch, als Federica und ich die Wette abgeschlossen haben. Schon da hat man gemerkt, wie sehr ihr euch mochtet. Auch, wenn du irgendwie nicht so richtig wahrhaben wolltest, dass er auch dich mag. Lívia hat auch immer gesagt, dass ihr zwei euch noch kriegen werdet. Eigentlich haben wir das auch alle gesagt. Es war offensichtlich, dass ihr euch mögt. Und zwar mehr als nur so ein bisschen." Irgendwie glücklich lächelte ich, als ich mich selbst daran erinnerte, wie Lívia und Karolin mir an dem einen Abend zugesprochen hatten, dass Tae ganz sicher auch mich liebte. Doch der Gedanke an die Brasilianerin schmerzte auch irgendwie. Leise fragte ich plötzlich:„Meinst du, es geht Lívia gut? Ich mache mir Sorgen um sie. Sie ist die einzige, die noch verschollen ist und seit wir getrennt worden waren, ist eine Person gestorben. Vielleicht war es Lívia..." Selbst scheinbar auch etwas traurig meinte Karolin:„Naja, wenn ich ehrlich bin, kann ich es dir wohl nicht sagen. Ich weiß nicht, ob es ihr gut geht. Ich will dich ja nicht anlügen. Aber dennoch denke ich, dass Lívia sehr gut auf sich selbst aufpassen kann. Vielleicht hatte sie Pech und wurde doch getötet, das ist durchaus möglich. Aber irgendetwas in mir sagt mir, dass sie noch lebt. Sie ist nicht der Typ, einfach so zu sterben. Aber so ein Gefühl kann einen natürlich auch täuschen. Wir müssen einfach hoffen, dass es ihr gut geht. Aber wir werden sie finden, keine Sorge. Dafür haben wir Patrouillen erstellt und im Schlimmstfall finden wir eben erst gegen Ende heraus, was mit ihr passiert ist." Nachdenklich nickte ich und plötzlich lief eine Träne meine Wange herunter. Leise schluchzte ich:„Ich habe Angst, Karolin. Angst, dass wir alle sterben. Oder vielleicht sogar noch mehr Angst, dass ihr sterbt und ich überlebe. Ich will nicht, dass auch nur ein einziger von uns stirbt." Leise weinte ich in meine Hände, bis ich plötzlich spürte, wie mich jemand umarmte. Verwirrt schaute ich auf und schaute in das verständnisvolle Gesicht unserer Anführerin. Lächelnd meinte sie:„Davor haben wir alle Angst, (d/n). Aber die Frage ist, warum haben wir Angst davor? Kommt das Ende nicht sowieso irgendwann? Doch sowieso ist das Ende noch nicht jetzt. Vielleicht ist es auch gerade erst der Anfang. Es ist auch egal, was es ist. Es ist das Leben im hier und jetzt. Und es wird weitergehen. Weinen darfst du erst dann, wenn du WEIßT, dass es vorbei ist. Und das ist es noch nicht." Irgendwie beruhigt hörte ich auf zu weinen und flüsterte ein leises „Danke". Doch Karolin meinte:„Bedanke dich nicht. Es ist selbstverständlich. Und jetzt sollten wir vielleicht auf ein anderes Thema kommen. Oder du gehst schlafen. Vielleicht ist es sowieso ganz gut so. Dann bist du morgen auch ausgeschlafen." Verlegen lächelnd nickte ich und murmelte:„OK, dann werde ich mich jetzt mal hinlegen. Und trotzdem danke. Es ist nämlich nicht selbstverständlich. Gute Nacht, Karolin." Belustigt lächelte das Mädchen nun und meinte:„OK, dann gute Nacht. Und für mich ist es trotzdem selbstverständlich. Für viele andere nur nicht. Und wenn du willst, kannst du mich auch einfach Karo nennen. Das ist kürzer." Glücklich lächelte ich und sprach nur noch:„OK, Karo. Dann gute Nacht, wie gesagt."
    Und so ging ich mit frohem Sinn ins Bett, nah an Tae gekuschelt, während ich nachdachte. Vielleicht hatte Tae ja auch recht und Karo ist wirklich ganz in Ordnung. Sie mag manchmal brummig und ernst wirken, aber wenn man mit ihr allein ist, merkt man doch wirklich, dass sie sehr nett ist. Eigentlich wusste ich das auch schon vorher. Sie war schon immer sehr fürsorglich. Naja, jetzt ist es mir eben noch einmal bestätigt...

    68
    „Wach auf, Tomätchen!" Müde öffnete ich meine Augen und schaute in Taes schönes Gesicht. Es war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt und ein breites Grinsen war darauf erkennbar. Mürrisch brummte ich einmal kurz und schloss dann einfach wieder die Augen. Ich war müde und wollte noch nicht aufstehen. Schließlich war ich die halbe Nacht wach gewesen. Stur schlief ich also weiter, doch ich hörte nur wenige Sekunden später wieder Taes tiefe Stimme, die diesmal große Belustigung in sich hatte:„Tomätchen, steh auf! Es gibt Frühstück. Wenn du jetzt nicht aufstehst, esse ich deinen Fisch mit. Dann hast du Pech gehabt." Langsam öffnete ich nun doch die Augen und blinzelte Tae verschlafen an:„Darf ich danach weiterschlafen?" Liebevoll grinste Tae mich daraufhin an und kicherte:„Wenn du unbedingt willst, meinetwegen. Aber dafür musst du erstmal aufstehen." Leicht lächelte ich, setzte mich auf und gab Tae einen schnellen Kuss:„Schon passiert." Glücklich grinste Tae mich nun an, stand ebenfalls auf, griff nach meiner Hand und gemeinsam gingen wir aus der Höhle heraus. Dort hockten schon alle vor einem Lagerfeuer, über das Karolins Konstruktion für's Halten der Fische aufgestellt wurde. Davon herab baumelten zwei große Fische. Juan saß davor und passte auf, das nichts anbrannte. Als er mich sah, lächelte e mich kurz an und sprach in seinem wirklich sehr brüchigem Englisch:„Guten Morgen, (d/n). Gut geschlafen?" Knapp nickte ich nur und schaute mich dann weiter in dem kleinen Lager um. Karolin und Malou hatten sich weiter an den Rand gesetzt, zwischen ihnen ein flacher Stein, der eine Art Tisch darstellte und wohl von Malou geschaffen worden war. Auf diesem lagen zwei weitere gigantische Lachse, die die Afrikanerin und die Österreicherin gerade ausnahmen und sich dabei gut gelaunt unterhielten. Federica war bei Akiko, welche scheinbar mehr unter ihrer Entzündung des Schlangenbisses litt und unterhielt sich grinsend mit ihr. Langsam schritt ich nun auf die beiden zu, während Tae sich zu Juan gesellt hatte. Lächelnd kam ich bei den beiden an und fragte:„Wie geht es deinem Bein, Akiko?" Schwach lächelnd erwiderte die Japanerin:„Naja, geht so. Karolin hat sich heute schon ein bisschen darum gekümmert. Aber es wird leider trotz ihrer Bemühungen nicht viel besser. Lívia wüsste jetzt sicher, was man dagegen machen muss..." Bei dem Gedanken, dass ich nicht wusste, ob die Brasilianerin noch lebte, musste ich schlucken. Jedoch versuchte ich, mich selbst und auch Akiko etwas davon abzulenken, indem ich vorschlug:„Ich könnte dir wieder ein Stück Eis zum Kühlen geben." Dankbar nahm die hübsche Asiatin das Angebot an, als auch schon zum Frühstück für die erste Hälfte ausgerufen wurde. Zwei Fische waren schon fertig gebraten, während die anderen zwei gerade erst über der Flamme aufgehangen wurden. Die Anführerin sprach:„Die erste Hälfte kann jetzt schon anfangen mit dem Essen. Ich würde sagen, dann fangen einfach Federica, Akiko, Juan und Tae an. Der Rest isst danach." Die genannten Personen versammelten sich und aßen zusammen ihre zwei Fische, während ich mich nun zu Karolin und Malou gesellte, die darauf aufpassten, dass die anderen zwei Fische rechtzeitig über dem Feuer weggenommen werden. Bei meiner Ankunft lächelten mich beide freundlich an und Malou sprach, bevor Karolin es tun konnte:„Hey, (d/n). Wie geht's dir?" Leichthin antwortete ich:„Mir geht es gut. Wie sieht es bei euch aus?" Mal wieder war Malou schneller:„Mir geht es auch gut. Vor allem, seit wir wieder zusammen sind. Fehlt nur noch Lívia. Aber die finden wir bestimmt auch in den nächsten Tagen." Erstaunt über ihren Optimismus lächelte ich sie an und auch Karo erwiderte endlich:„Naja, könnte besser, könnte aber auch schlechter. Der Situation entsprechend. Aber immerhin haben wir was zu Essen, richtig?" Knapp nickte ich und meinte:„Wir haben wirklich Glück, auch so einen geeigneten Ort gefunden zu haben. Ich meine, wir haben was zu Essen, einen Unterschlupf und eine gute Sicht." Zustimmend nickte Karolin nur, als auch der Fisch fertig war. Diesen verspeisten wir dann gemeinsam, während die anderen schon lange fertig waren.
    Als wir dann auch fertig waren, erhob Karolin sich:„Wir stellen jetzt am besten eine Patrouille zusammen. Ich würde sagen, die erste übernehmen Federica, Juan und Tae. Um noch einmal die Regeln klarzustellen... Ihr geht nicht zu weit weg und trennt euch auch nicht. Nicht irgendwelche Früchte essen, wenn ihr nicht zu 100% wisst, was es ist und aufpasssen, wo ihr hintretet. Wenn ihr auf Feinde trefft, lauft ihr besser weg, als dass ihr gegen sie kämpft, in der Hoffnung, stärker als sie zu sein. Solltet ihr Lívia treffen, bringt ihr sie mit. Kapiert?" Gehorsam nicken die drei und standen schon bereit zum Aufbruch. Doch bevor sie das taten, eilte ich noch einmal zu Tae, gab ihm einen schnellen Kuss und flüsterte ihm besorgt zu:„Pass auf dich auf, ja? Und komm unversehrt zurück!" Liebevoll drückte Tae mir daraufhin abermals einen Kuss auf die Lippen und murmelte:„Mach dir keine Sorgen, Tomätchen. Ich komme wieder, versprochen! Ich liebe dich!" Leise erwiderte ich den letzten Satz noch, bevor Tae aufbrach. Etwas ängstlich schaute ich der Patrouille hinterher, bis ich plötzlich eine Hand auf meine Schulter spürte. Es war Karo. Sie lächelte mich verständnisvoll an und meinte:„Mach dir mal keine Sorgen, (d/n). Geh bitte zu Akiko und bespaße sie ein bisschen. Die langweilt sich schon den ganzen Tag. Und so viel machen kann sie mit ihrem Bein nun auch nicht. Malou wird von hier oben ein Auge auf die Patrouille haben. Ich werde in der Zeit eine zweite Halterung bauen, OK?" Zögerlich nickte ich nur und trottete zu Akiko.
    Mit dieser unterhielt ich mich nun die ganze Zeit und wir erzählten uns ein bisschen was über unsere früheren Leben. Dabei erfuhr ich, dass Akiko einen Bruder hatte und, dass sie bei ihrer Oma lebte. Ihr Vater schien oft auf Reisen gewesen zu sein, während ihr älterer Bruder studieren war. Ihre Mutter war gestorben, als sie noch ein Kind war. Jedoch sagte sie, sei sie dennoch recht glücklich gewesen.
    Ich war gerade voll im Gespräch mit Akiko und mittlerweile auch Karolin, die nichts mehr zu tun hatte, als plötzlich Malous Stimme ertönte:„Hey, wie war es? Habt ihr was Besonderes gesehen oder so?" Verwirrt drehte ich mich um und sah, dass die Patrouille wieder da war. Blitzschnell sprang ich auf und lief zu Tae, um ihn zu umarmen. Überrascht lächelte er mich dann an, schloss mich aber auch fest in seine Arme. Federica erzählte unterdessen:„Ne, wir haben nicht wirklich etwas Besonderes herausgefunden. Wir haben nur ein altes, verlassenes Lager gefunden. Jedoch war keine Spur mehr von irgendwelchen Leuten. Wahrscheinlich ist die Person vor einigen Tagen weitergezogen." Aufgeregt meinte die 10-jährige Afrikanerin nun:„Vielleicht ist es Lívias Lager gewesen. Vielleicht war sie dort und ist jetzt noch in der Nähe!" Karolin trat nun auch dazu, mit Akiko neben sich gestützt und meinte ruhig:„Ist ja durchaus möglich. Habt ihr vielleicht persönliche Gegenstände oder sowas gefunden?" Stumm schüttelte die Italienerin nun den Kopf und Akiko fragte:„Habt ihr denn danach gesucht?" Juan sprach nun:„Nein, nicht wirklich. Wir wollten dort nicht zu lange bleiben, bevor es das Lager eines Feindes war und dieser noch in der Nähe." Verständnisvoll nickte Karo nun und meinte:„Dann geht die Patrouille für heute Abend noch einmal dort hin. Dann muss eben einer von euch noch einmal mitkommen." Sofort meldete sich nun Federica:„Ich komme noch einmal mit. Ich kenne den Weg auch noch genau." Zufrieden nickte die 15-jährige Österreicherin und sprach:„Gut. Dann werden Federica, (d/n) und ich heute Abend noch einmal dort hingehen. Vielleicht finden wir dann mehr heraus."

    69
    Der Tag verging recht schnell. Wir plauderten, spielten zusammen Spiele und trainierten etwas unsere Kräfte. Ehe ich mich versah, war es Abend geworden und Karolin sprach nun:„Also, wir gehen dann jetzt auf Patrouille. Federica, (d/n), seid ihr soweit?" Knapp nickten wir beide und kamen schon zu der Anführerin. Nun richtete sich diese wieder an die anderen:„Juan übernimmt in der Zeit die Führung. Niemand verlässt das Lager!" Gehorsam nickten daraufhin wieder alle und wir gingen los. Jedoch nicht, ohne, dass ich mich vorher von Tae mit einem Kuss und einer langen Umarmung verabschiedet hatte.
    „Federica, du kennst den Weg. Führe uns einfach zu diesem Lager", ertönte Karos ruhige Stimme. Wir waren auf dem Weg zu dem Lager, welches die morgendliche Patrouille gefunden hatte, um zu schauen, ob es eventuell von Lívia kam. Wir liefen dafür wieder durch den Wald und waren stets angespannt. Die Sicht war dank der vielen Bäume schlechter, man konnte besser überrascht werden, die Fluchtmöglichkeiten waren nicht gerade herausragend und wir befanden uns in einer Arena, in der wir getötet werden sollten. Wir hatten also jeden Grund, beunruhigt zu sein.
    „Wir sind da. Hier ist das Lager von heute Morgen", berichtete Federica nach einer Weile und blieb vor einer kleinen Lichtung stehen. Es war noch eine erloschene Feuerstelle zu erkennen und eine Polsterung aus Blättern daneben, die wohl das Bett darstellte.
    Karolin befahl:„Schaut euch um. Vielleicht finden wir irgendetwas, das auf eine Person hinweist." So strömten wir in dem kleinen Lager aus und schauten uns um. Ich fand einige Kerne von irgendwelchen Früchten, an denen noch ein Rest Fruchtfleisch war. Vielleicht hat Lívia dies hier gegessen. Gerade wollte ich über meinen Fund berichten, da rief Federica uns schon:„Hey Leute, ich hab hier was gefunden. Sieht aus wie ein abgerissenes Stück Stoff." Schnell eilten Karo und ich neben die Italienerin, um zu schauen, was sie da gefunden hatte. Es war tatsächlich ein braun-grünes Stück Stoff mit aber einer dunkeln Verfärbung an einer Ecke.
    Karolin nahm das Teil vorsichtig in die Hand, raunte leise:„Ist das da Blut?", und deutete dabei auf die Verfärbung. Unwissend zuckte ich mit den Schultern doch Federica sprach plötzlich:„Ich kann es herausfinden." Ohne ein weiteres Wort nahm sie Karolin das Stück Stoff aus der Hand und plötzlich erhob sich die Flüssigkeit aus dem Stoff. Tatsächlich war sie rot. Federica murmelte:„Schon praktisch, wenn man die Kraft des Wassers hat und, da das Blutplasma auch aus Wasser besteht, kann ich es mithilfe meiner Kraft ebenso aus Stoff wringen wie normales Wasser."
    Karolin nickte daraufhin nur lobend und meinte dann:„Aber, dass es Blut ist, hilft uns auch nicht bei der Frage, ob Lívia hier war. Und an dem Stück Stoff können wir es auch nicht wirklich festmachen. Lívia ist sicher nicht die einzige, die etwas in braun-grün trägt. Also sucht weiter!" So suchten wir weiter, fanden aber leider nichts mehr. Alles, was Karolin noch ausfindig machte, war ein dunkles Haar auf den Bettpolstern. Lívia hatte dunkles Haar, ja. Aber auch dort war sie nicht die einzige. Theoretisch hätte das Haar auch von Karolin selbst kommen können oder von sonst wem, also sahen wir das nicht als Beweis.
    Irgendwann gaben wir die Suche in dem Lager nach Hinweisen auf und die Österreicherin meinte:„Es ist sinnlos, hier weiterzusuchen. Wir ziehen noch ein wenig weiter und suchen woanders." Wie gesagt, so getan. Wir suchten weiter nach Lívia. Jedoch weiter im Wald.
    Dennoch schien unsere Suche sinnlos, bis wir irgendwann plötzlich leise Geräusche hörten. Es hörte sich an, wie ein Stampfen oder so. Verwirrt blickten wir uns um und plötzlich sahen wir einen Schatten durch den Wald huschen. Aufgeregt flüsterte Federica:„Vielleicht ist es Lívia!" Und bevor wir sie halten konnten, lief sie in Richtung des Schattens. Karolin zischte noch leise:„Federica, bleib hier!" Doch dann war es schon zu spät. Die Person, die dort lief, hatte uns gesehen und trat nun aus der Dunkelheit. Augenblicklich taumelten wir alle einen Schritt nach hinten. Die Person, die uns gegenüber stand, lächelte nun triumphierend und murmelte:„Na sieh mal einer an. Wen haben wir denn da? Gleich drei auf einem Streich? Irina, Jungs, wir haben ein paar Freunde gefunden!" Nun traten auch vier weitere Gestalten hinter den Bäumen hervor und sahen uns überrascht an. Es waren bekannte Gesichter, nur das eine kannte ich noch nicht. Es waren Irina, Rafael, Michal und ein kleiner Junge, den ich noch nicht kannte. Ich kannte ihn nur vom Sehen. Ein kleiner Junge im Alter von etwa 12 Jahren mit dunkelblondem Haar und strahlend grünen Augen. Ein Lächeln zierte sein Gesicht und er schien aufgeregt. Plötzlich fragte er gut gelaunt:„Werden sie nun zu uns gehören, Callum?" Mit kalter Stimme erwiderte der Geschäftsmann aus New York nun:„Nein, Finlay. Sie sind unsere Feinde. Wir werden sie töten." Etwas verunsichert meinte Finlay nun:„Warum sind sie denn unsere Feinde und gehören nicht zu uns?" Irina, die Russin mit der Kraft des Feuers sprach nun genervt:„Das haben wir doch schon geklärt. Sie sind eben gegen uns und deswegen müssen wir sie töten. Wenn du ein Problem damit hast, geh doch zu ihnen und lass dich auch töten. Aber ich gehe mal davon aus, dass du nicht so hohl bist. Und denk dran, so kommen wir hier lebend raus und sind gleichzeitig die stärksten." Verwirrt und ängstlich schaute ich zu Karolin, welche ruhig, aber mit hasserfülltem Blick dastand. Nun erhob Callum plötzlich wieder seine tiefe, kalte Stimme:„Also Finlay, willst du uns dabei helfen, sie zu töten? Du würdest zu den Gewinnern gehören." Selbstssicher nickte der Junge plötzlich und meinte:„Ja, ich werde mithelfen." Doch plötzlich sprach Karolin wie aus dem Nichts mit spöttischer Stimme:„Meinst du wirklich, dass sie dir zum „Gewinn" verhelfen werden? Glaubst du wirklich, du wärst ihnen wichtig und deswegen haben sie dich in ihrer Gruppe, Finlay? Nein, sie benutzen dich, um selbst näher an ihr Ziel zu kommen. Sobald du nicht mehr von ihrem Nutzen bist, werden sie dich abservieren." Plötzlich fauchte Irina von der Seite:„Hör nicht auf sie! Sie will dich nur manipulieren, damit sie uns alle töten kann!" Eine Art von Entschlossenheit legte sich in das Gesicht des 12-jährigen und er sprach mit fester Stimme zu Karolin:„Ich werde nicht auf dich hören! Du willst nur dich selbst und deine Freunde retten, um uns nachher zu töten!" Leise seufzte Karolin nur und murrte:„Du bist schön blöd. Aber gut. Mach, was du nicht lassen kannst." Auf einmal sprach nun auch Callum wieder:„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Unseren kleinen Iren, Finlay, kennt ihr ja schon. Mein Name ist Callum und das sind Michal, Irina und Rafael." Dabei zeigte er auf alle. „Und ihr seid?" Karolin murrte nun:„Das kann dir doch egal sein, wer wir sind." Ich fügte nun hinzu:„Was würde es euch denn überhaupt bringen, unsere Namen zu kennen?" Irina meinte plötzlich:„Hey, du bist mir schon zweimal durch die Latten gegangen. Dich werde ich töten! Aber meinst du denn nicht, dass es schön wäre, wenn ich vorher wenigstens deinen Namen kenne?" Hasserfüllt, aber gleichzeitig ängstlich schaute ich die blonde Frau an und wollte nichts mehr sagen. Auch Karolin und Federica sagten nichts und Callum seufzte:„Naja, scheinbar wollt ihr nichts mehr sagen, hm? Aber theoretisch könntet ihr euch auch mir anschließen. Vielleicht hat Finlay recht. Vielleicht solltet ihr euch uns anschließen. Ihr scheint Charakter zu haben. Und schaut euch doch nur an. Ihr werdet eingehen. Aber wenn ihr euch mir anschließt, könntet ihr überleben. Wir sitzen doch alle in einem Boot, nicht?" Irina schien beinahe empört über Callums Angebot zu sein und wollte gerade protestieren, als Callum ihr ein Zeichen gab, zu schweigen und stattdessen Karolin erwartungsvoll anblickte:„Was sagst du dazu? Du scheinst die Führerin zu sein. Schau mal, wir haben doch beide die selben Interessen - Uns und unsere Anhänger lebend hier herausbringen. Wir sind gar nicht so unterschiedlich. Wir sind beide Anführer eines jämmerlichen Haufens. Und dieser Haufen folgt uns. Du musst nur ein Wort sagen und wir würden gemeinsam ein Haufen sein. Sie würden dir alle folgen. Was sagst du?" Einen Moment lang hatte ich Angst. Wird Karolin „ja" sagen? Sie würde sich mit dem Feind verbünden und wir müssten ihr alle folgen... Doch Karolin antwortete mit starker Stimme:„Nein, ich werde mich dir nicht anschließen. Mein Haufen ist auch nicht jämmerlich. Und eher lasse ich mich jetzt von euch töten, als dass ich später von euch getötet werde, wenn ich nicht mehr gebraucht werde. So viel Stolz besitze ich noch!" Gehässig grinste Callum daraufhin und meinte:„Tja, du scheinst wirklich dumm zu sein. Aber naja, deine Entscheidung ist deine Entscheidung." Spöttisch murrte unsere Anführerin nun:„Sehr schlau kombiniert, Sherlock. Es stimmt. Meine Entscheidung ist meine Entscheidung." Das Lächeln aus Callums Gesicht schwand bei dieser Aussage und er flüsterte kalt:„Bringt sie um!"
    In dem Moment legte sich auf einmal der ganze Wald in Sekundenschnelle in einen dichten Nebel und man konnte kaum mehr etwas sehen. Ich hörte die verärgerten und verwirrten Rufe von Callum und seinen Anhängern und plötzlich griff mich jemand am Arm und zog mich davon. Verwirrt ließ ich mich einfach mitziehen, ohne überhaupt zu wissen, wer mich da aus dem Geschehen holte.

    70
    In der Ferne hörte ich das verärgerte Rufen unserer Feinde und direkt vor mir das Laufen von Personen. Sehen konnte ich kaum etwas. Der Nebel, der sich wie von Geisterhand auf einmal in dem Wald gelegt hatte, versperrte die Sicht so sehr, dass ich gerade noch die Hand sehen konnte, die mich an meinem Handgelenk hielt und somit mit sich zog. Ich wusste nicht, wer mich da festhielt und in dem Moment war ich irgendwie auch gar nicht dazu fähig darüber nachzudenken, wer es sein könnte. Ich lief einfach mit. Es war mir auch irgendwie egal, wer es war, solange ich nicht mehr in der Zange von Callum und seiner Bande war.
    Die Rufe hinter uns wurden leiser, je weiter wir liefen und plötzlich kamen die Personen vor mir zum Stehen. Auf einmal lichtete sich auch der Nebel und ich konnte wieder meine Umwelt erkennen. Ich sah, dass Federica und Karolin dort waren, aber auch eine kleine Person, die mit dem Rücken zu mir stand. Verwirrt stand ich noch keuchend vom Rennen dort und schaute die Person an, die uns dort aus dem Geschehen holte. Plötzlich drehte sie sich zu mir um und ich taumelte überrascht einen Schritt zurück, als ich das vertraute Gesicht erblickte. Ungläubig stammelte ich:„Lívia?" „Jap, ich bin's. Live und in Szene", erwiderte die Brasilianerin grinsend. Überwältigt, dass das letzte Mitglied unserer Gruppe dort lebendig stand, lächelte ich und ich stand sogar den Tränen nahe. Etwas verwirrt stotterte ich:„Ich dachte, du wärst tot. Ich hab mir solche Sorgen gemacht! Ich bin so froh, dass du doch noch lebst!" Mit den Worten fiel ich der 13-jährigen um den Hals und sie schien selbst komplett überrascht. Nun löste ich mich wieder von dem Mädchen und stattdessen kam Karolin nun näher, klopfte Lívia stolz auf die Schulter und meinte:„Schön, zu wissen, dass es dir gut geht." Dankbar lächelte Lívia nun irgendwie etwas verlegen und Federica schaltete sich gut gelaunt ein:„Das war echt super, wie du uns gerettet hast, Lívia! Ich dachte echt, sie würden uns gleich kaltmachen! Wie hast du uns überhaupt gefunden?" Verlegen erzählte unsere Retterin nun:„Naja, ich bin eigentlich einfach nur hier vorbeigekommen und hab gehört, wie jemand gesprochen hat. Ich bin auf einen Baum geklettert und hab von da aus geschaut, wer es war. Als ich euch dann erkannt habe, war mir klar, dass ich etwas tun musste. Also hab ich einfach den Wald mit Nebel geflutet. So konnten sie euch nicht sehen, ebenso wenig wie mich, ich bin zu euch gerannt und hab euch dann davongezogen." Nun grinste sie Karolin an:„Und du scheinst ihnen noch mit deinem Wind um die Ohren gehauen zu haben." Belustigt grinste die Österreicherin und nickte dabei. „Mir war klar, dass du es sein musstest, die uns da rettet. Und ich hab gedacht, bevor die uns doch noch irgendwie angreifen, fange ich sie noch in einem kleinen Tornado ein. Und der Plan scheint ja ganz gut geklappt zu haben." Knapp nickte Lívia daraufhin lächelnd und fragte plötzlich:„Ist der Rest der Truppe eigentlich auch noch bei euch?" Ich erzählte nun:„Ja, sie sind im Lager. Wir waren jedoch vorher auch fast alle voneinander getrennt. Ich war erst ganz alleine, bis Tae mich gerettet hat vor Irina und Rafael. Später trafen wir auf Akiko und Karo und am Ende kam auch der Rest dazu. Nur du hast noch gefehlt und wir haben alle gedacht, du wärst vielleicht tot, weil eine Person seit unserer Trennung gestorben ist." Nachdenklich nickte Lívia jetzt und meinte plötzlich etwas traurig:„Naja, ich war dabei, als die dritte Person gestorben ist. Es war ein Junge mit der Kraft der Pflanzen. Er wurde von Callum getötet. Ich konnte ihm jedoch leider nicht mehr helfen. Ich fand ihn, als er im Sterben lag..."
    Plötzlich meinte Federica:„Wollen wir vielleicht zurück zu den anderen gehen? Sie werden sich sicherlich freuen, dich wiederzusehen." Knapp stimmte sie zu und so gingen wir vorsichtig zurück zu den anderen. Auf dem Weg lief ich neben Lívia und plötzlich fiel mir auf, dass sie einen Stoff um ihren Arm gewickelt hatte und dieses schon leicht durchgeblutet war. Leise fragte ich sie:„Was hast du da denn gemacht?" Knapp erklärte die 13-jährige etwas verlegen:„Da hab ich mir den Arm aus Versehen an einer scharfkantigen Rinde beim Klettern aufgeschlitzt. Aber das ist nicht so wild. Ich habe einfach schnell ein Stück von meiner Kleidung darumgewickelt und es vorher auch gereinigt. Entzünden wird es sich also wohl nicht." Nachdenklich nickte ich und auf einmal erinnerte ich mich an das Stück Stoff, das wir in diesem Lager gefunden hatten und sprach die Brasilianerin darauf an. Daraufhin meinte sie:„Ja, das Lager hab ich aufgeschlagen und da hab ich mir meinen Arm auch verbunden. Ich bin jedoch immer hier in der Nähe geblieben in letzter Zeit. Es ist ganz nett so gewesen. Scheint auch ganz gut gewesen zu sein. Sonst hätte ich euch heute nicht gefunden." Lächelnd erwiderte ich:„Naja, wir haben nach dir gesucht. Wir haben immer Ausschau nach dir gehalten und jetzt eben sogar Patrouillen geschickt." Etwas geschmeichelt lächelte Lívia nur und meinte:„Das hättet ihr nicht tun müssen..."
    Wir kamen gerade beim Lager an, da liefen direkt alle aufgeregt auf uns und besonders auf Lívia zu und umarmten sie der Reihe nach. Dies schien die Totgeglaube etwas zu verwirren, doch sie schien sich ebenfalls sehr zu freuen. Akiko sprach schon aufgeregt, als sie uns alle in Empfang nahmen:„Wir habe euch von hier oben gesehen. Wir dachten erst, ihr wärt vielleicht in die Arme von Feinden gelaufen, weil ihr einfach nicht wiedergekommen seid. Aber dann haben wir gesehen, dass auch Lívia bei euch war. Wir konnten erst unseren Augen kaum trauen!" Die Anführerin lächelte nun etwas und reagierte auf Akikos Erzählung:„Wir sind auch in die Arme von Feinden gelaufen. Callum und seine Leute haben uns in die Zange genommen und wollten uns gerade umbringen, aber Lívia hat uns gerettet." Etwas überrascht stammelte Akiko:„Oh, dann hattet ihr ja wohl echt Glück." Gerade wollte Karo etwas erwidern, da sauste auf einmal Tae an ihr vorbei und rannte auf mich zu, um mich in die Arme zu schließen. Leise murmelte er, während er mich fest umschloss:„Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht. Ihr seid einfach nicht wiedergekommen! Da dachte ich, wäre dir vielleicht etwas passiert..." Liebevoll lächelnd beruhigte ich ihn:„Du siehst ja, dass es mir gut geht", und gab ihm einen sanften Kuss.
    Lívia sah dies von der Seite und schaute uns komplett verwirrt an. Karolin bemerkte das auch und lachte:„Ach ja, (d/n) und Tae sind jetzt ein Paar. Sie haben sich ihre Gefühle gestanden, nachdem Tae sie gerettet hatte." Auf einmal mit einem Lächeln auf dem Gesicht beglückwünschte uns Lívia und sprach dann:„Hey, Karo, dann hast du die Wette ja gewonnen. Federica schuldet dir jetzt 5€." Stolz nickte die Anführerin nun und erwiderte:„Jap. Das haben wir auch schon geklärt." Belustigt schüttelte ich wieder den Kopf und auch der Rest war sichtlich amüsiert über die Geschäfte, die Karolin zu machen schien.
    Letztendlich unterhielten wir uns alle noch vor einem Lagerfeuer und aßen zu Abend. Diesmal jedoch wieder Früchte und Beeren. Schließlich hatten wir nun Lívia wieder bei uns und diese konnte uns sagen, was essbar war und, was nicht.

    71
    Das Feuer knisterte, die Sterne lukten vereinzelt zwischen den dunklen Wolken hervor und das Licht des Mondes war von ihnen vollkommen verdeckt. Wir saßen alle zusammen am Feuer, vor der Höhle, versammelt und die Stimmung war gut. Federica erzählte gut gelaunt von ihrem Onkel und wie er einmal in seinem kleinen Fiat eine Pizza zu seiner Herzensdame ausliefern wollte, dabei jedoch vor lauter Aufregung vergessen hatte, die Pizza überhaupt in sein Auto zu packen. Stattdessen lag sie noch in seiner Pizzaria und Federica hatte sie heimlich gegessen. Amüsiert lauschten wir alle Federicas Erzählungen, während Lívia zwischendurch Akikos Schlangenbiss am Bein etwas behandelte. Malou hockte neben Karolin, welche schweigend schmunzelnd zuhörte. Juan hatte einen Platz neben Federica gefunden und ließ kleine Sandhügel aus dem Boden wachsen. Ich hingegen hatte mich nah an Tae gekuschelt und genoss seine Nähe. Er hatte seine Arme um mich geschlungen und sein Kinn auf meine Schulter gelegt.
    Irgendwann erhob Malou die Stimme:„Es ist echt schön, dass wir wieder alle beisammen sind und uns keine Sorgen mehr umeinander machen müssen. Da wir niemanden mehr vermissen, können wir vollkommen sorglos auf diesem Berg bleiben. Hier oben sind wir sicher und die anderen erledigen sich gegenseitig. Und wenn dann doch mal jemand hochkommt, sind wir stärker. Wir haben die bessere Position. Stimmt's?" Plötzlich erhob Lívia leise ihre Stimme:„Da bin ich mir nicht so sicher... Die anderen sind sehr stark und sie haben einen Plan. Wir können uns jetzt nicht hinsetzen und denken, wir könnten uns ausruhen und nichts tun. Das würde früher oder später unseren sicheren Tod bedeuten." Ruhig fragte Karolin nun mit hochgezogener Augenbraue:„Was genau meinst du damit, Lívia? Hast du noch etwas herausgefunden oder uns zu erzählen?" Kurz schien das brasilianische Mädchen zu überlegen und fing dann an:„Ich habe in der Zeit ohne euch viel herausgefunden. Ihr erinnert euch, dass ich euch von dem Dritten erzählte, der starb? Ich fand ihn leider erst, als er im Sterben lag, doch er vertraute mir noch sein letztes Wissen an..." Plötzlich alle hellwach und teils verängstigt lauschten wir Lívia. Ich klammerte mich etwas fester an Tae, denn ich gehörte zu denen, die Angst bekamen. Ich denke, eigentlich hatten wir auch in dem Moment alle Angst, doch nicht alle ließen es sich anmerken. Malou, Akiko, Federica und mir sah man es sofort an und auch Tae schien sichtlich besorgt. Juan war jedoch ruhig wie immer und Karolin schien eher neugierig als ängstlich. Lívia erzählte nun weiter:„Sein Tod wurde von Callum verursacht, erzählte er mir. Er und seine Anhänger hatten ihn aufgegabelt und wollten ihn töten, um dem Sieg selbst etwas näherzukommen. Doch er erzählte mir, dass sie ihm noch ihren Plan preisgeben wollten. Warum, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wollten sie ihm vor seinem Tod noch einmal so richtig unter die Nase reiben, dass er sterben würde, während sie selbst am Leben bleiben würden. Der Dritte erzählte mir, dass Callum und seine Leute einfach alle umbringen wollten. Jedoch wollten sie jedem, der ihnen über den Weg läuft und ein gewisses Grad an Können zu haben scheint, anbieten, Teil ihrer Gruppe zu werden. Letztendlich wollten sie jedoch wahrscheinlich alle umbringen, die sich in ihrer Gruppe doch als nutzlos erweisen. Irina, Rafael und Michal scheinen wohl seiner Meinung nach nicht dazuzugehören. Dieser Finlay ist übrigens erst später dazugekommen. Er ist naiv und denkt, sie wollen ihm wirklich helfen und ihn in ihrer Gruppe haben, weil er ein wertvolles Mitglied ist. Doch da täuscht er sich wohl. Ihn wird der Tod am Ende sicher auch ereilen. Naja, wie auch immer... Der Dritte meinte, Callum würde einen ganz bestimmten Plan dabei verfolgen - alle so schmerzhaft umbringen, wie möglich. Keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich einfach, weil er ein Monster ist.
    Naja, was aber noch viel schlimmer ist, wo ich selbst gar nicht drauf gekommen wäre... Wenn Callum gewinnt, wird er der „Herrscher“ über alle Kräfte sein. Glaubt nicht, er würde Irina, Rafael und Michal am Ende nicht auch töten. Sie sind nur sein Werkzeug. Wenn er alles fertig hat, braucht er auch sein Werkzeug nicht mehr. Worauf ich hinaus will... Callum darf nicht alle Kräfte in seiner Hand haben! Es gibt Leute, die würden damit nichts Schlimmes anfangen. Aber es gibt auch Menschen, die damit die Welt beherrschen wollen würden. Sicher, Hisoka wird weiterhin vor Callum stehen. Aber wenn es eine Kombination aus Hisoka und Callum wird... Ich will nicht wissen, was daraus wird. Theoretisch ist Hisoka genauso ein Monster wie Callum. Er hat uns mit ihm in die Arena geschickt und ihm den Befehl gegeben, zu töten, so hat auch er uns alle auf dem Gewissen.
    Wir dürfen nicht zulassen, dass diese zwei Monster sich vielleicht vereinen! Das würde sicher nicht nur unser Ende bedeuten. Also können wir nicht einfach hier bleiben und Däumchen drehen. Wir müssen etwas unternehmen! Wenn wir hier warten und davon ausgehen, dass sie sich am Ende alle gegenseitig umgebracht haben, sind wir naiv!“
    Sie hat recht. Sie hat wirklich recht. Darüber habe ich nie wirklich nachgedacht... Aber was sollten wir schon tun? Und wie sehr setzen wir uns dabei selbst auf's Spiel? Erwartungsvoll schaute ich Karolin an. Sie war unsere Anführerin. Sie hatte sicher einen Plan. Doch auch sie schien in dem Moment irgendwie ratlos. Sie dachte über Lívias Worte nach. Lívias Worte... Sie waren so wahr und ich wunderte mich, wie eine 13-jährige schon so weit denken konnte. Sie schien irgendwie so viel weiser als die meisten anderen Menschen. Oder war das alles nur Einbildung?
    Irgendwann antwortete Karolin endlich:„Da hast du möglicherweise recht, Lívia. Wir können nicht nichts tun. Aber wenn nicht nichts, was sollen wir dann tun? Egal, was wir machen, wir setzen unser Leben auf's Spiel. Wie oft sind wir ihnen nun schon entkommen? Und wie oft war es davon Zufall oder einfach Glück? Jedes Mal. Nie hat es wirklich mit unserem Können zu tun gehabt. Aber, wenn wir gegen sie ankommen wollen, müssen wir mit unserem Können punkten können. Wir können es trainieren, ja. Aber was wäre dann? Was sollten wir dann schon tun? Ausströmen, sie suchen und töten? Es würde viele Leben retten, ja. Wir wären nicht so feige, uns auf einem Berg zu verstecken, bis all die Arbeit von anderen vollrichtet wurde. Aber wie viele eigene Leben setzen wir bei der Rettung von anderen auf's Spiel? Ist es das wert? Woher wollen wir wissen, dass die geretteten Leben auch dafür stehen werden, uns zu beschützen? Wie viele würden sich für Callums Weg entscheiden? Einfach töten. Was, wenn sie uns trotzdem auch töten? Ich bin mir nicht sicher, ob es das wert ist. Ich weiß auch nicht, was wir tun sollen, da bin ich ganz ehrlich. Was sollten wir schon tun? Es gibt zwei Möglichkeiten - erstens, wir bleiben hier und warten darauf, dass sie sich gegenseitig vernichtet haben und opfern all die Leben unserer Mitstreiter oder zweitens, wir machen uns auf den Weg und werden Callums Plan ein Ende setzen. Was danach kommt, wissen wir nicht. Die Frage ist nun also, welche Möglichkeit die richtige ist.“

    72
    „Wir werden eine Lösung finden müssen. Wir brauchen einen Plan", murmelte Lívia leise. Karolin stimmte zu und meinte:„Ich würde sagen, es werden alle Pläne, die ihr habt, vorgestellt, wir überlegen, was für Vor- und Nachteile das Ganze hat und schauen dann, was am sinnvollsten ist. Können wir uns nicht entscheiden, machen wir das Ganze demokratisch und stimmen ab." Daraufhin nickten alle zustimmend und wir grübelten darüber, was wir tun sollten. Mir jedoch bereitete das alles etwas Angst. Wenn wir am Ende die falsche Entscheidung treffen? Wir würden sterben. Aber ist das denn überhaupt vermeidbar?. Tae riss mich aus meinen Gedanken, als er mich fürsorglich umarmte, scheinbar meine Sorge gesehen hatte, und liebevoll lächelnd flüsterte:„Mach dir keine Sorgen, Tomätchen. Es wird alles gut, OK?" Dankbar nickte ich schwach lächelnd und gab ihm noch einen liebevollen Kuss.
    Der Rest diskutierte gerade über einen Plan. Ich hörte nur Akikos selbstbewusste Stimme:„Warum trainieren wir nicht wirklich einfach weiter hier oben unsere Kräfte und, wenn später weniger Leute übriggeblieben sind und wir stark genug, verlassen wir unser Lager und erledigen Callum und seine Leute?" Lívia entgegnete gelassen:„Na, weil Callum uns allen das Leben nehmen will und, wenn er überlebt und somit sozusagen der Mächtigste ist, wird er noch gefährlicher. Der Kerl ist Geschäftsmann und dazu auch noch kalt und brutal. Wer sagt, dass er seine Kraft am Ende nicht auch gegen die restliche Menschheit wendet? Er würde doch alles tun, um der beste zu sein. Wenn er und Hisoka sich später verbünden, könnte das doch rein theoretisch zu einem riesigem Chaos führen. Sie sind beide auf ihre Weise Psychopathen. Die kann man nicht einfach so auf die Leute loslassen. Deswegen müssen wir ihn jetzt bekämpfen." „Warum denn JETZT? Wenn der Rest weg ist und er da, können wir ihn doch immer noch besiegen. Und wenn wir Glück haben, hat es auch schon vor uns jemand getan", warf die Japanerin wieder ein. Doch auch Karolin schaltete sich nun dazu:„Es ist so, Akiko, dass, wenn wir uns selbst noch mehr Zeit zum Vorbereiten geben, geben wir IHM die auch. Nicht nur wir werden mit der Zeit stärker, sondern auch er. Und wenn sein Plan, andere Leute dazu anzuheuern, Teil seiner Gruppe zu werden, Wirklichkeit wird, wird er nur noch stärker. Wir entgegen bleiben so wie wir sind." Nachdenklich nickte Akiko und meinte:„Naja, das ergibt sicher Sinn. Aber wer bestätigt uns dann, dass wir nun schon so stark sind, dass wir ihn, ohne Opfer zu bringen, besiegen können?" Stumpf antwortete die Anführerin unserer Gruppe auf diese Frage:„Das bestätigt niemand. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir dabei jemanden verlieren, ist existent und auch recht hoch." Die Japanerin meinte nun:„Eben. Und das könnte ich dann nicht auf meinem Gewissen haben. Ich würde niemals vergessen können, dass wegen meiner Entscheidung meine Freunde gestorben sind und ich dazu auch noch wusste, dass die Möglichkeit besteht, dass sie sterben." Herausfordernd erwiderte Karo nun:„Und du könntest es besser auf dem Gewissen haben, dass all die anderen deswegen sterben und vielleicht auch Leute außerhalb der Arena?" Darauf wusste Akiko nichts mehr zu sagen und plötzlich räusperte sich Malou leise:„Wir könnten doch auch versuchen, mit Callum zu sprechen. Wir könnten ihn davon überzeugen, Teil von uns zu sein. Wir könnten ihm erklären, dass wir alle lebend hier rausbringen wollen. Wenn er sich mit uns verbündet, tun es auch seine Anhänger und wir sind noch einmals stärker." Ironischerweise fragte Karo nun beinahe etwas genervt:„Warum werfen wir uns nicht gleich die nächstbeste Klippe herunter?" Etwas verlegen schaute Malou auf den Boden und murmelte noch:„Wir könnten es doch versuchen..." Sofort widersprach die Österreicherin:„Das meinst du doch wohl nicht ernst! Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass Callum und seine Leute ernsthaft mit sich reden lassen würden. Sie würden uns kaltherzig umbringen. Nicht jeder Mensch ist gut, Malou. Einige sind einfach böse. Ich weiß, du versuchst, in jedem Menschen das Gute zu sehen, aber in manchen gibt es da einfach nichts. Callum ist einer davon. Sei nicht immer so naiv!" Etwas traurig zuckte die 10-jährige Afrikanerin auf Karolins Worte zusammen und sie tat mir irgendwie etwas leid. Karolin war für sie sowas wie eine große Schwester, wie ein Vorbild und dennoch schien diese sehr barsch zu ihr zu sein. Um die angespannte Stimmung etwas zu lockern, erhob ich nun vorsichtig die Stimme:„Und wenn wir stattdessen die anderen suchen und sie fragen, ob sie sich uns anschließen? Sie sind großteils auch sicher alleine und würden nicht gegen uns ankommen. Da würde dann keine Gefahr bestehen. Denn, wenn sie uns dann angreifen wollen, können wir uns besser wehren. Vielleicht sind wir am Ende sogar so viele, dass wir es locker mit unseren Feinden aufnehmen können." Nachdenklich saß die 15-jährige nur da und schien zu überlegen. Nach einer Zeit murmelte sie nur leise:„Ich weiß nicht. Auch sie könnten sich noch gegen uns auflehnen." Federica, welche eigentlich die ganze Zeit ziemlich zurückhaltend gewesen war, erhob plötzlich ihre Stimme:„Ich denke, es wäre eine gute Idee, die anderen zu suchen. Zumindest sollten wir vielleicht eine dieser Personen suchen. Ich glaube, ich kenne unsere Mitstreiter am besten. Ich habe mich mit allen von ihnen unterhalten oder zumindest versucht, ein Gespräch mit ihnen anzufangen. Ich bin nicht viel später als Akiko gekommen. Sie war ja die erste, die damals entführt wurde. Wie auch immer, ich war ganz am Anfang mit einem anderen Jungen auf einem Zimmer. Nur die ersten zwei Tage meines Daseins. Danach wurde er in ein anderes Zimmer gebracht. Er kommt aus Thailand und heißt Preecha. Er ist sehr intelligent und ich glaube, er wird uns helfen können. Er sagt, er kenne Hisoka etwas." Überrascht fragte ich:„Hast du mit ihm über Hisoka gesprochen?" Auch die anderen schauten die lockenköpfige Italienerin nun erwartungsvoll an und etwas verlegen stammelte diese nun:„Naja, nicht viel. Nur ein bisschen. Er hatte es eigentlich eher in so einem Nebensatz erwähnt. Er meinte, er hätte seine Jugend in einem Kloster verbracht und Hisoka sei dort auch eine Zeit lang gewesen. Jedoch nur als eine Art Gast. Er suchte bei ihnen Zuflucht, nach einem Sturm oder so. Preecha spricht auch Gebärdensprache, weshalb sie sich wohl des Öfteren mal untehalten haben. Aber da wusste ich noch nicht wirklich, dass Hisoka der Führer dieser ganzen Sache ist und habe deshalb nicht weiter nachgefragt. Ich dachte, Hisoka wäre so eine Art Angestellter... Aber ich bin der festen Überzeugung, dass Preecha noch mehr weiß und uns auf jeden Fall helfen kann." Nachdenklich nickte Karolin nun und murmelte:„Wenn das so ist, sollten wir ihn vielleicht suchen, ja." In dem Moment protestierte Akiko:„Warum sollten wir ihn suchen? Was, wenn er schon tot ist? Abgesehen von dem Dritten, den Lívia sterben gesehes hat, sind noch zwei weitere gestorben und die kennen wir nicht. Wenn einer davon dieser Preecha ist und wir ihn jetzt unnötig lange suchen, sind wir auch kein Stück weiter. Und wer sagt, dass er uns auch wirklich helfen kann oder wird? Und was nützt uns Wissen über Hisoka? Callum und seine Leute sind doch der Feind!" Etwas überrascht über Akikos plötzlichen Einwand schaute ich erst die Japanerin und dann Karo an. Diese eröffnete mit ihrer Gegenaussage nun die nächste Diskussion:„Sollen wir hierbleiben und hoffen, dass eine andere Lösung vom Himmel fällt? Wenn wir mehr über Hisoka wissen, wissen wir mehr über seine Pläne und wir könnten uns dementsprechend überlegen, was wir als nächstes machen. Was spricht denn schon dagegen, diesen Preecha zu suchen? Was Anderes machen wir sonst doch eh nicht." Somit fing die Diskussion an. Akiko und Karolin waren wieder in einem richtigen Wortkampf und sie wurden so langsam etwas lauter. Beide zügelten zwar ihr Temperament, aber laut waren sie dennoch.
    Seufzend drehte ich mich zu Tae und murmelte etwas traurig:„Das ist doch alles Mist. Jetzt streiten die beiden sich auch noch. Wie sollen wir zu einer Lösung kommen, wenn dabei nur Chaos herauskommt?" Fürsorglich strich Tae kurz beruhigend über meinen Kopf und erwiderte dann:„Ja, ein bisschen nervig ist das. Aber ich denke, das wird sich noch regeln und ein richtiger Streit ist es auch nicht. Eher eine kleine Diskussion, um zu zeigen, wer recht hat. Mach dir keine Sorgen, Tomätchen. Und außerdem bin ich doch bei dir und ich lasse dich auch nicht im Stich! Dann ist es doch egal, was die da hinten für sinnlose Diskussionen führen." Dankbar lächelte ich ihm zu, umarmte ihn und meinte:„Ja, da hast du recht. Solange wir zusammen sind, ist alles nur halb so wild. Ich liebe dich, Tae." Fest umarmte Tae mich auch und flüsterte mild lächelnd:„Ich liebe dich auch, Tomätchen."
    Karolin und Akiko waren unterdessen übrigens immer noch am Diskutieren und endlich trat Juan mit seiner ständigen Ruhe dazwischen:„Hört doch jetzt auf, euch zu streiten. Da drin ist doch kein Sinn. Wir setzen uns jetzt einfach wieder alle ganz in Ruhe hin und besprechen, was zu tun ist. Verstanden?" Etwas grantig schauend ließen sich die beiden Diskutierenden auch wieder auf den Boden plumbsen und Karo murrte ein leises:„Ich hätte die Diskussion auch gar nicht weiterführen müssen, hätte sie meine Argumente einfach mal akzeptiert", während sie ihre Arme verschränkte. Akiko hingegen schaute nur etwas beleidigt weg und Juan ergriff wieder die Oberhand:„Also, wir setzen uns alle wieder hin und jetzt besprechen wir, was der Plan für die nächste Zeit sein wird. Ich würde sagen, wir fragen erstmal, ob wir nun hierbleiben oder weiterziehen." Karolin brummte nun mit fester Stimme:„Ich würde sagen, wir ziehen vielleicht weiter. Wir können hier tatsächlich nicht einfach nur bleiben. Da hat Lívia recht. Wer ist meiner Meinung?" Fast alle nickten bedächtig. Nur Malou und Akiko schienen nicht ganz so begeistert. Karolin fragte nun weiter:„Gut. Da wir die Mehrheit haben, ziehen wir auf jeden Fall weiter. Zweite Frage: Sollten wir Callum und seinen Trupp suchen und versuchen, ihn direkt zu töten oder wollen wir nach Preecha suchen und ein bisschen was über Hisoka in Erfahrung bringen?" Auch hier wurde, mit Ausnahme von Akiko, für Karolins Standpunkt entschieden - Preecha suchen. Zufrieden nickte die Anführerin nun:„Sehr gut. Dann werden wir morgen direkt nach dem Frühstück aufbrechen. Und Akiko, solltest du Sorge wegen deinem Bein haben... Wir werden dir jederzeit helfen und auch eine Pause einlegen, wann immer du willst." Nun wandte sie sich auch besonders an Malou:„Und macht euch alle keine Sorgen. Wir werden zusammenbleiben und es wird nichts passieren!"
    Der Plan stand also - Preecha suchen. Ich versuchte, mich an ihn zu erinnern. Ich wusste nur von einem Thailänder. Von ihm wusste ich aber nicht viel. Nur, dass er das Element des Feuers beherrschte und scheinbar Preecha hieß.
    Doch was ich mich fragte, war, ob unser Plan wohl aufgehen würde. Was ist, wenn Akiko recht hat und dieser Preecha tatsächlich bereits tot ist? Oder was machen wir, wenn wir jemanden auf der Reise verlieren? Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken und gesellte mich stattdessen zu Tae. Leise fragte ich:„Wollen wir schlafen gehen? Ich bin müde." Schnell stimmte Tae zu und auch der Rest ging schlafen. Nur Juan, welcher Nachtwache hatte, blieb vorerst wach.
    Ich machte es mir nur noch gemütlich und kuschelte mich an Tae. Dieser gab mir noch einen sanften Kuss und ich schlief schließlich in seinen Armen ein.

    73
    Die Sonne stand knapp über dem Horizont, als ich von Tae durch einen sanften Kuss auf die Lippen geweckt wurde. Viele waren noch am Schlafen. Nur Tae, welcher die zweite Nachtwache übernommen hatte, Malou, Federica und ich waren schon wach. Wir saßen zusammen vor der kleinen Höhle, in der der Rest noch schlief und unterhielten uns. Unser Gespräch beruhte auf unserem Plan, diesen Preecha zu finden und ihn dazu zu bringen, uns alles über Hisoka zu erzählen. Federica meinte überzeugt:„Ich denke, wenn wir ihn finden, könnten wir ein Stück weiterkommen. Er hat Hisoka damals wie gesagt nur in einem Nebensatz erwähnt, aber es hörte sich so an, als würde er ihn doch wirklich recht gut kennen. Preecha schien sich auch gut mit ihm verstanden zu haben, denn er wirkte etwas enttäuscht, dass Hisoka hier dazugehört. Das war bevor wir wussten, dass er sogar der Führer dieser Organisation ist." Tae nickte nun und sprach aufgeregt:„Vielleicht kennt er sogar seine Pläne oder so und kann uns helfen, hier herauszukommen." Ehe Federica darauf antworten konnte, zweifelte Malou auf einmal:„Ich bin mir nicht so sicher, ob wir ihn wirklich suchen sollten. Können wir nicht genauso gut einfach hier bleiben? Es wäre doch viel sicherer." Überrascht wegen Malous plötzlichen Pessimismus erwiderte ich:„Aber doch auch nicht auf Dauer. Irgendwann würde Callum mit seiner Truppe auch zu uns kommen und, wenn er dann stärker ist als wir, haben wir schon direkt verloren. Wenn wir wissen würden, wie wir ihn aufhalten können, könnten wir auch den anderen helfen. Und Preecha kann uns wohlmöglich auch in irgendeiner Art und Weise dabei helfen." Zweifelnd zuckte Malou nur mit den Schultern und murmelte:„Und wenn wir dabei sterben? Auf dem Weg zu Preecha? Wir wissen doch noch nicht mal, ob er überhaupt noch lebt. Er könnte genauso gut schon tot sein. Und bevor wir das herausfinden, sind wir wahrscheinlich selbst schon tot." Nun schauten wir Malou alle beinahe etwas erschrocken an und Tae sprach im Gedanken von uns allen:„Warum bis du denn auf einmal so pessimistisch? So bist du doch sonst nicht." In dem Moment traten Malou auf einmal Tränen in die Augen und sie wimmerte:„Ich habe einfach Angst, dass wir sterben und ich weiß nicht, was die richtigen Entscheidungen sind. Wahrscheinlich sterben wir sowieso früher oder später, aber dann möchte ich, dass es wenigstens später ist. Entweder gehen wir heute los und sterben morgen, weil Callum uns in die Quere kommt oder wir sterben in 2 Wochen, nachdem Callum alle getötet hat und wir seine letzten Opfer sind. Ich habe immer noch versucht, das Beste hier raus zu machen, aber so langsam merke ich, wie aussichtslos das hier eigentlich alles ist. Wir haben doch keine andere Möglichkeit als zu sterben!" Etwas geschockt sahen Federica, Tae und ich die junge Afrikanerin an. Wir wussten irgendwie alle nicht so recht, was wir sagen oder machen sollten. Doch in dem Moment tauchte plötzlich Karolin hinter uns auf und schaute uns ruhig an. Dann ging sie langsam auf Malou zu, hockte sich neben sie und legte vorsichtig einen Arm um sie. So, wie es aussah, hatte sie alles mitgehört. Leise sprach sie:„Ich weiß, es scheint alles so, als würde das Leben jeden Moment zu Ende gehen und vielleicht wird es das auch, aber dennoch haben wir eine andere Möglichkeit als Sterben. Wir haben jetzt einen Plan und natürlich wissen wir nicht, ob es so die richtige Entscheidung ist, aber das werden wir noch herausfinden. Und wenn du sagst, dass wir entweder morgen oder in 2 Wochen sterben, dann ist es nicht vielleicht sogar besser, morgen zu sterben? Dann haben wir es doch immerhin hinter uns und müssen uns darüber keine Sorgen machen. Aber wer sagt denn, dass wir wirklich morgen sterben werden? Es ist nicht so, als könnten wir uns gar nicht wehren. Und außerdem... Sind wir Callum nicht schon oft genug entkommen? Ihre Kräfte sind vielleicht stärker als unsere, aber wir halten im Gegensatz zu ihnen wirklich zusammen. Ist es nicht das, was letztendlich zählt?" Leise schluchzte Malou noch und vergrub ihr Gesicht in Karolins Schulter, schien sich so langsam aber wieder zu beruhigen. Nun sprach die Anführerin auch richtig zu uns:„Die Hoffnung ist noch da. Also werden wir sie als unsere Chance nutzen. Drei Leute sollten eben runter zum Fluss gehen und Fisch fangen. Fisch macht satter als Früchte. Federica, nimmst du bitte Lívia mit? Und (d/n), du kannst auch mitgehen. Wir werden in der Zwischenzeit hier oben das Feuer und so vorbereiten." Gehorsam nickte Federica und wir standen beide schonmal auf. Schnell weckte die Italienerin Lívia und wir gingen zusammen zum Fluss runter, um Fisch zu fangen. Dort hatten wir es so geregelt, dass Federica und ich uns darum kümmerten, den Fisch zu fangen und Lívia Wache stand, damit uns niemand überraschen konnte. Hierfür legte Federica den Fluss mit ihrer Kraft still, sodass wir die Lachse besser sehen konnten und ich schoss einfach jedes Mal, wenn ein Fisch in Sicht war, einen Eisstrahl auf ihn und so konnten wir ihn ohne weitere Umschweife herausnehmen.
    Schließlich haben wir 4 recht große Fische gefangen und brachten sie wieder den Berg hinauf. Lívia hatte zwischendurch auch ein paar Früchte gesammelt.
    Im Lager erneut angekommen war schon das Feuer vorbereitet und direkt gaben wir Karolin und Akiko den Fisch. Diese nahmen ihn kurz aus und hingen ihn dann über dem Feuer auf. Malou und Juan passten unterdessen auf das Feuer auf.
    Schließlich aßen wir zusammen und unterhielten uns erneut über den Plan. Akiko schien nahezu etwas angepisst, da sie ihren Willen nicht bekommen hatte und Malou starrte nur gedankenverloren in die Gegend. Sie waren eigentlich die einzigen beiden, die wirklich an diesem Plan zweifelten. Der Rest hatte sich entweder damit abgefunden oder sagte einfach nichts dazu.
    Nach dem Essen rüsteten wir uns für den Aufbruch. Wir suchten alles zusammen, was wir noch mitnehmen konnten. Alles andere ließen wir in der Höhle stehen.
    Und schon brachen wir auf. Unsere Gefühle waren gemischt. Wir waren neugierig, aufgeregt, ängstlich, besorgt, zuversichtlich oder zweifelten auch. Mir war nur eines klar: Dieser Plan veränderte uns irgendwie. Malou zeigte sich das erste mal pessimistisch und Akiko war mal nicht mit Karolins Entscheidung einverstanden.
    Solange es die Gruppe nicht auseinander bringt...

    74
    Die Luft war feucht, es war heiß und erneut liefen wir durch den dicht bewachsenen Wald. Wir liefen geradezu den langen Weg zurück, den wir all die Tage hinter uns gelegt hatten. Der ganze Weg war umsonst gewesen. Juan hatte Preecha, den Thailänder, den wir suchten, damals gesehen, wie er in unsere entgegengesetzte Richtung geflohen war. Also gingen wir den ganzen beschwerlichen Weg zurück. Ich hörte Akiko neben mir murren:„Das kann doch nicht die Lösung sein, den ganzen Weg zurückzugehen, den wir uns tagelang erkämpft haben. Dann hätten wir doch auch genauso gut einfach dort bleiben können..." Irgendwie hatte Akiko recht und dennoch wusste ich, dass wir das Richtige taten. Tae, welcher Hand in Hand mit mir ging, drehte sich zu Akiko und meinte:„Aber so finden wir vielleicht mehr heraus und finden eine Möglichkeit, hier herauszukommen." Seufzend zuckte die Japanerin daraufhin nur mit den Schultern und humpelte weiter neben uns her. Der Schlangenbiss machte ihr sehr zu schaffen. Er hatte sich entzündet und war angeschwollen. Das Gehen fiel ihr demnach schwerer. Also hatte Karolin eine Regelung erstellt, dass jeder eine Stunde lang Akiko stützen sollte.
    Wir liefen nun seit mehreren Stunden schon und nun war ich dran, Akiko zu helfen. Es war echt anstrengend, zu meiner Überraschung. Der ganze Druck lag auf meiner Schulter, an der sie sich festhielt und ich hatte Schwierigkeiten damit, den leichten Anstieg hochzukommen, wenn Akiko meine linke Seite so sehr belastete. Also kam Karolin noch dazu, welche eigentlich schon die Stunde vor mir geholfen hatte und stützte Akiko auf der anderen Seite. Karolin war ziemlich stark und schien sich gar nicht vor der Belastung zu scheuen, was ich sehr bewunderte.
    Die anderen liefen vor uns, Federica und Tae an der Spitze. Lívia und Malou liefen vor uns unterhielten sich leise. Hierbei brabbelte eigentlich nur Malou und Lívia hörte zu. Ich konnte nicht viel von dem Gespräch vernehmen, doch, was ich auf jeden Fall hören konnte, war, dass Malou sich Sorgen machte. Sie hatte nach wie vor Angst, dass sie das vielleicht nicht überstehen würden. Auch ich machte mir in dem Moment Gedanken. Vielleicht hat Malou recht. Vielleicht werden wir sterben. Es muss nur ein Feind vorbeikommen und wir wären schon aufgeschmissen. Wir wären einfach komplett mit der Situation überfordert. Es ist nicht so, als würden wir uns nicht zur Wehr setzen können, sondern einfach so, dass wir nicht wissen würden, was wir tun sollten. Ich meine, vielleicht ja auch doch. Zumindest Lívia und Karolin könnten einen Plan haben. Aber der Rest wüsste wahrscheinlich auch nicht so recht, was zu tun ist. Was, wenn wir wirklich sterben werden? Das Leben kann so schnell zu Ende gehen. Was, wenn es sogar schon heute zu Ende geht? Vielleicht hätten wir wirklich nie losziehen sollen. Vielleicht hätten wir einfach dort bleiben sollen. Aber wäre es wirklich das Richtige gewesen? Ich weiß es nicht, aber ich werde es wohl noch herausfinden. Früher oder später werde ich es wissen. Und wenn ich dann vielleicht auch schon tot bin...
    Wieder waren einige Stunden vergangen und mittlerweile wurde ich von Juan davon abgelöst, Akiko zu stützen. Ich hatte mich wieder zu Tae gesellt. Ich lief dich bei ihm und er hatte seinen Arm um mich gelegt und seinen Kopf etwas gegen meinen gelehnt.
    Es war schon etwas später und es dämmerte bereits. Die Beine taten uns allen weh und wir sehnten uns nach einer Pause. Diese rief Karolin schließlich auch aus und sofort blieb Tae stehen und ließ sich auf den Boden fallen. Dabei murmelte er zufrieden lächelnd:„Ich glaube, ich hau mich direkt auf's Ohr. Kommst du vorher noch kuscheln, Tomätchen?" Belustigt grinste ich ihn liebevoll an und legte mich neben ihn. Leise lachte ich:„Mit dir kuschel ich doch immer gerne!" Frech grinsend fragte Tae nun:„Und küssen?" Daraufhin lachte ich:„Ja, auch das", und direkt, als ich das sagte, zog mich Tae zu sich und drückte mir einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen. Sofort erwiderte ich diesen und plötzlich ertönte Malous gespielt angeekelte Stimme mit lustigem Akzent:„Das ist ja ekelhaft!" Somit wurde unser Küssen dann dadurch unterbrochen, dass Tae und ich beide loslachten und man hörte noch Karolins belustigte Stimme aus dem Hintergrund:„Halt dir die Augen zu, das mache ich auch immer." Das brachte uns noch mehr zum Lachen und Federica, welche ebenso grinste, meinte nun:„Karo, du bist 15 Jahre alt und hältst dir ernsthaft jedes Mal die Augen zu, wenn sich jemand küsst?" Belustigt, aber ehrlich erwiderte die Anführerin nun:„Ja, das tue ich. Ist da etwas Verwerfliches dran? Ich bin eben ein Kind der Unschuld." Daraufhin lachten auf einmal alle los und auch Karo selbst grinste breit. Tae wälzte sich über den Boden und meinte:„Du und ein Kind der Unschuld? Ich muss doch wahrscheinlich nur einmal deine Geschwister fragen und wir haben direkt etwas, das wir gegen dich verwenden können. Du hast doch sicher mal wenigstens ein Spielzeug von deinen großen Brüdern geklaut oder nicht?" Karolin grinste nun:„Ja, OK. Ich hab früher mal ne Packung Kaugummis aus dem Supermarkt geklaut, als ich 5 war." Daraufhin musste nun Federica lachen:„Oh, dann warst du ja ein richtiges Verbrecherkind!" Die Österreicherin rechtfertigte sich:„Ey, das hättet ihr alle auch gemacht! Es war pink und Hello Kitty war da drauf! Das hätte jeder von euch mitgehen lassen!" Juan grinste nun:„Ich hab nur mal eine Packung Gummibärchen von meiner Schwester geklaut. Hello Kitty war aber nicht drauf. Stattdessen hatten sie die Form von Einhörnern." Grinsend fragte Akiko nun:„Wie alt warst du da?" Grinsend meinte der Spanier nun:„18." Bei der Aussage konnte dann niemand mehr das Lachen halten und Malou, die gerade in dem Moment etwas trank, lief das Wasser aus der Nase wieder raus. Als Karolin das sah, war dann alles vorbei und sie lachte laut in diesem Lachen, das dem von Jin so sehr ähnelte. Das wiederum brachte Tae total zum Lachen und irgendwie löste das so eine Kettenreaktion aus, dass irgendwann wirklich alle am Lachen waren. Erst nach einigen Minuten legte sich das laute Lachen wieder und nur noch Karolin und Tae lachten leise. Sie mussten sich beide das Lachen so zurückhalten, dass sie sich anhörten, als würden sie jeden Moment krepieren. Sie hatten sich gerade fast beruhigt, da schauten sie sich auch nur kurz an und lachten sofort wieder los. Belustigt schüttelte ich den Kopf und Lívia meinte:„Wenn die noch länger so laut lachen, haben wir hier nachher alle anderen Leute sitzen." Daraufhin versuchten Tae und Karolin dann wirklich, das Lachen zurückzuhalten und irgendwann hatten sie es auch tatsächlich geschafft. Allerdings mussten wir dafür sorgen, dass sich die beiden nicht anschauten, denn sobald sie das taten, lachten sie wieder. Also hatten wir Karolin in die eine Ecke gesetzt und ihr gesagt, sie solle bis 1000 zählen, damit sie beschäftigt war und Tae musste in die andere Ecke des kleinen Lagers gehen und mir Gesellschaft leisten. So konnten wir die beiden voneinander fernhalten und sie mussten nicht die ganze Zeit lachen.
    Irgendwann wurde es dann so spät, dass wir zu Bett gingen. Ich schlief natürlich wieder bei Tae und kuschelte etwas mit ihm. Leise unterhielten wir uns dann auch noch über den Tag und ich schmunzelte:„Dich und Karolin sollte man nicht allein lassen, sonst lacht ihr nur die ganze Zeit." Daraufhin erwiderte Tae ebenso grinsend:„Das kann wohl sein. Karolin erinnert mich so ein bisschen an die anderen Member. Sie ist meist so schlecht drauf wie Yoongi, führt uns an wie Namjoon und kann ein echter Crackhead sein wie Jin." Belustigt fügte ich hinzu:„Ja und ihr Lachen klingt genauso wie das von Jin." Ein Grinsen legte sich wieder auf Taehyungs Gesicht und er meinte:„Das stimmt. Vielleicht sollten wir jetzt auch schlafen. Meinst du nicht, Tomätchen?" Liebevoll lächelte ich, gab Tae einen Kuss und murmelte:„Doch. Gute Nacht, Tae. Ich liebe dich!" Leise erwiderte Tae noch:„Ich liebe dich auch, Tomätchen", und wir schliefen Arm in Arm ein.


    Hey, danke für 5000 Aufrufe! (Mittlerweile sind es sogar schon 5200... *-*) Und danke auch für die 100 Kommentare! Ich meine, wahrscheinlich hab die Hälfte der Kommentare ich selbst geschrieben und die Aufrufe kommen bestimmt auch von mir selbst, aber egal. XD
    Danke auch, dass ihr mir immer so liebes Feedback gebt. Das motiviert mich wirklich immer sehr und ich freue mich echt über jeden neuen Kommentar.^^
    Und tut mir leid, dass ich in letzter Zeit nur etwa jeden zweiten Tag dazu komme, ein neues Kapitel zu schreiben, aber ich hab leider echt nicht so viel Zeit momentan... T-T
    Ich hoffe mal, ihr versteht das.^^'
    Naja, wie auch immer... Danke an euch alle und ich hoffe, die folgenden Kapitel werden euch auch gefallen!^^

    75
    Der nächste Tag brach an und sofort lief alles auf Hochtouren. Lívia, Juan und Federica waren auf der Suche nach etwas zu Essen, Karolin und Malou kümmerten sich um Akiko und ihren Schlangenbiss am Bein, während Tae und ich Wasser für alle bereitsstellten. Dies taten wir, indem ich anhand meiner Fähigkeit des Frostes kleine Schlüsseln aus Eis formte und Tae einfach Wasser durch seine Kraft hineinfüllte.
    Der Tag war noch heißer als die vorherigen und die feuchte, schwüle Luft drückte uns allen sehr auf die Atmung. Besonders Akiko schien die Hitze zu schaffen zu machen. Sie lag schwer atmend und mit knallrotem Kopf schwitzend an einem Baum gelehnt und sah fast schon so aus als würde sie jeden Moment sterben. Sie starrte erschöpft in die Luft und wirkte einfach nur krank.
    Diese Tatsache, dass es der Japanerin nicht gut ging, brachte Karolin dazu, sich Sorgen zu machen. Sie hockte sich neben die hübsche 18-jährige und fragte leise:„Wie geht es dir, Akiko?" Die schwache Antwort war nur:„Könnte besser." Leise seufzend hakte die Anführerin nach:„In wie fern denn? Ist dir einfach nur heiß oder ist dir auch schwindelig oder sonst was?" Leise hauchte Akiko nun:„Mir ist heiß, schwindelig, ich habe das Gefühl, ich hätte Standhaftigkeit verloren und mein Bein schmerzt, sodass es in meinem Kopf pocht, als wäre dort mein Herz." Besorgt legte Karolin nun auch ihre Hand an Akikos Wange und Stirn und sprach dann laut:„Fieber hast du auch. (d/n), komm mal bitte her und bring uns ein Stück Eis." Wie mir befohlen, ging ich schnell zu der Kranken und der Anführerin, erschuf schnell einen Klotz Eis und reichte ihn Karolin, welche diesen dann in Akikos Nacken hielt. Nach einer Weile murmelte ich dann:„Wäre es nicht vielleicht besser, würde ich es einfach ein wenig über ihr schneien lasse?" Fragend schaute Karo mich daraufhin an und meinte:„Wenn du das auch wirklich kannst, wäre das wahrscheinlich wirklich die bessere Möglichkeit. Probier es bitte, aber lass es wirklich nur über ihr schneien und nicht im ganzen Wald, OK?" Als Zeichen, dass ich verstanden hatte, nickte ich und konzentrierte mich nun auf den Schnee. Vorsichtig hob ich meine Hände etwas und eine leichte Wolke, aus der es sanft schneite, entstand in der Luft, direkt über Akiko.
    Staunend lächelte mich nun die 15-jährige Österreicherin an und lobte mich:„Sehr gut, (d/n). Jetzt würde ich noch darum bitten, dass ihr Akiko ein wenig etwas zu trinken gebt. Und mit wenig meine ich für's erste sowas wie einen Liter. Ich werde mich in der Zeit weiter um ihr Bein kümmern." Wie gesagt, so getan. Ich brachte ihr Wasser, während Karolin sich weiter um den Schlangenbiss und die Entzündung, die sich dort gebildet hatte, kümmerte.
    Einige Momente später kamen auch die Nahrungssammler wieder und gaben jedem etwas zum Essen.
    Als wir schließlich zu Ende gegessen hatten, mussten wir überlegen, wie es weiterging. Karolin fing die Versammlung an:„Wie ihr seht, scheint Akiko krank zu sein. Die Frage ist hierbei natürlich, ob wir trotzdem weiterreisen werden oder, ob wir sie ruhen lassen. Wenn wir weiterreisen, wird es wohl so sein müssen, dass sie entweder stark gestützt wird oder aber sie wird getragen. Habt ihr da eine Meinung zu?" Federica meldete sich als erste:„Naja, ich denke, wenn wir Preecha finden wollen, sollten wir weiterziehen. Andererseits ist es natürlich nicht gerade förderlich für Akikos Gesundheit, wenn sie weiter den Weg zurücklegen muss." Malou sprach nun:„Naja, deswegen heißt es ja, soll sie getragen werden. Wenn sie getragen wird, strengt sie sich selbst nicht wirklich an." Juan, welcher wohl länger seine Worte zusammengesammelt hatte, räusperte sich nun und sprach in seinem brüchigem Englisch:„Wenn ihr mich fragt, sollten wir auf jeden Fall weiterziehen. Ich werde mich auch dazu bereiterklären, Akiko zu tragen. Bei dem Rest wird das wahrscheinlich recht schwierig. Malou und Lívia sind viel jünger als sie und wohl auch zu klein dafür, Federica und Karolin sind beide klein gewachsen und (d/n) ist auch nicht gerade ein Riese. Sonst käme nur noch Tae in Frage." Gerade, als Juan zu Ende gesprochen hatte, protestierten Karolin und Federica:„Ey, so klein sind wir nun auch nicht! Und nur, weil wir klein sind, heißt es nicht, dass wir schwach sind." Karo ragte sich nun auf:„Ich bin wirklich nicht so klein! Ich bin 1,68m groß, ja? Das ist nicht so klein! Ich bin immer noch größer als die meisten anderen Mädchen!" Daraufhin grinste Juan breit und meinte:„Ach ist das schön, dir zu sagen, dass du klein bist. Du regst dich so wunderbar darüber auf." Beleidigt brummte die Anführerin nur noch:„Ich rege mich nicht auf. Außerdem bist du auch nicht gerade groß. Vor allem nicht für einen Mann!" Das brachte Juan nur noch breiter zum Grinsen, doch Karolin fing das eigentliche Gespräch wieder auf:„Also werden wir weiterziehen und Akiko wird getragen. Mal ganz kurz, wer von uns wird sie nun alles mal tragen? Juan, Tae, vielleicht Federica und (d/n) und ich. Wer hat etwas dagegen einzuwenden? Wir müssen ja eh mal schauen, ob wir sie alle tragen können. Aber da Akiko auch nicht viel größer ist als ich und auch wirklich dünn, dürfte sie wohl nicht so schwer sein." Zustimmend nickten wir alle und ich meinte noch:„Wenn es dann doch mal zu schwer wird, tauschen wir einfach den Träger." Knapp nickte Karo noch, stand dann auf und ging zu Akiko, welche immer noch total geschwächt an dem Baum lag und aussah, als würde sie sterben. Von dem Gespräch mitbekommen hatte sie nicht viel, weshalb Karo ihr schnell den Plan erklärte. Allerdings schien sie auch dies nicht wirklich wahrzunehmen, sondern stöhnte nur leise vor scheinbarem Schmerz. Juan hiefte die Japanerin nur noch auf seinen Rücken und so gingen wir direkt weiter.
    Nach etwa einer Stunde legten wir eine kurze Pause an, wechselten den Träger, sodass es Tae war und gingen dann weiter. Ich lief unterdessen neben Federica her. Mit ihr verstand ich mich wirklich gut. Sie war immer gut drauf un redete praktisch ohne Punkt und Komma. Sie grinste andauernd und machte viele Witze oder dergleichen. Schüchtern war sie keineswegs. In der Beziehung war sie wirklich anders als beispielsweise Karolin und Lívia. Die beiden redeten nicht allzu viel und schienen meist eher schlecht gelaunt. Zumindest war es bei Karo so. Sie schien im Normalfall brummig, recht wortkarg und manchmal sogar etwas menschenscheu. Jedoch gab es auch mal Phasen, in denen sie wirklich gut drauf war, viel lachte und auch viel redete. Allerdings war dies eher seltener. Was sich jedoch in jeder Gelegenheit zeigte war ihr Sinn für Gerechtigkeit und, dass sie immer jedem zuhörte und sich in gewisser Weise um sie kümmerte. Sie hatte für jeden ein offenes Ohr und half gerne. Jedoch zeigte sie sich auch als streng und durchgängig müde, während sie stets selbstbewusst wirkte und so, als wüsste sie, was sie tat.
    Bei Lívia war es einfach nur so, dass sie nicht viel sprach, sich aus jeglichen Diskussionen enthielt und generell eher der Zuhörer war. Im Gegensatz zu der Anführerin unserer Truppe zeigte sie aber fast keine Emotionen. Sie schien weder schlecht noch gut gelaunt zu sein. Vielleicht schien sie eher etwas gelangweilt oder gedankenverloren. Doch auch sie war immer freundlich und durchaus interessiert an ihrem Umfeld. Es schien so als würde sie auf jedes Detail achten und sich immer an alles zu erinnern. Sie war aufrichtig und aufmerksam. Und doch hielt sie sich meist im Hintergrund und wirkte recht schüchtern.
    Irgendwie dachte ich in diesem Moment über all die Leute nach, die sich in diesem Wald und sozusagen in diesem Kampf befanden. Ich fing an, sie einzusortieren in eine Art Rangliste und sie für mich zu beschreiben. So kam es, dass ich anfing, in Federica meine beste Freundin zu sehen, in Karolin die fürsorgliche, aber brummige Anführerin, die mir manchmal sympathisch und manchmal auch unsympathisch war und in Lívia das Mädchen, das wie eine Art zweite Anführerin war. Sie war wie eine Art Beraterin oder zweite Kraft, die dabei jedoch eher im Verborgenem blieb. Malou war wie das kleine Mädchen, das von vielen bemuttert wurde und dennoch sehr viel Persönlichkeit hatte. Sie war eigentlich immer gut drauf, spielte gerne und hatte manchmal etwas Angst. Sie war ein richtiges Nesthäkchen. Akiko war eher so etwas wie eine freundliche Mitläuferin in der Gruppe. Sie fiel meistens nicht so sehr auf, aber wenn sie ihre Meinung sagte, stand sie dafür und meistens war sie sehr durchdacht. Außerdem war sie freundlich und man konnte gut mit ihr sprechen. Für mich wirkte sie manchmal wie die „Perfekte". Irgendwie mochte jeder sie und sie kam mit jedem gut zurecht. Juan sah ich als einen großen Bruder. Er bewahrte stets die Ruhe, war stark und freundlich. Er sagte nicht so viel, was vielleicht damit zusammenhing, dass er selbst nicht so gut Englisch sprechen konnte und war immer gut zufrieden, auch, wenn er das nicht so offen zeigte. Naja, Tae war einfach die Welt für mich. Ich liebte ihn über alles und konnte mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Er war liebevoll, süß, hilfsbereit, lustig, fürsorglich, optimistisch und baute mich stets wieder auf. Er war gut darin, mich zu beruhigen und war etwas ganz Besonderes. Vielleicht benahm er sich manchmal etwas seltsam, aber das war, was ich so sehr an ihm liebte. Manchmal fing er aus dem Nichts an zu tanzen oder singen, zog lustige Grimassen oder umarmte mich ganz plötzlich.
    Bei diesem Gedanken musste ich etwas lächeln und plötzlich wurde mir bewusst, dass das Leben momentan noch viel schlimmer hätte sein können. Wenn ich so recht überlegte, war ich sogar fast schon glücklich, dort zu sein. Ich hatte Tae kennengelernt und auch so viele andere tolle Leute. Wir waren fast wie eine Familie. Natürlich waren wir nicht alleine dort und mussten jeden Tag Angst haben, zu sterben, aber dennoch war ich glücklich. Und doch bekam ich in dem Moment Angst. Ich bin jetzt glücklich, aber was ist, wenn es sich auf einmal ändert? Wenn jemand von uns stirbt und vielleicht sogar Tae? Wie schnell das Leben doch zu Ende gehen könnte... Wir könnten jeden Moment sterben... und wir können nichts dagegen tun... Jeden Moment könnte auf einmal das Leben und die Liebe aufhören. Und ich kann nichts dagegen tun... Gar nichts...


    Hi!^^ Hier ist das neue Kapitel. Tut mir leid, dass es erst so spät kommt. Ich hab momentan nur echt viel um die Ohren und komme so selten dazu, weiterzuschreiben. Ich hoffe, ihr nehmt mir das nicht übel und das Kapitel gefällt euch.^^' Wenn ja, lasst es mich auch gerne wissen.^^'
    LG Emily W.

    76
    Viele Stunden des anstrengenden Wanderns vergingen und so langsam wandelte sich die relativ gute Stimmung in eine sehr gedrückte, müde und erschöpfte. Die Luftfeuchtigkeit stieg weiter an, die Hitze nahm nicht ab und wir schwitzten aus allen Poren. Karolin, welche in dem Moment Akiko auf ihrem Rücken schleppte, hatte sehr mit ihrer Last zu kämpfen und man sah, wie jeder Schritt qualvoller wurde. Auch bei dem Rest war es nicht besser, wobei sie nur ihre eigene Last tragen mussten. Malou schliff mit ihren Füßen quasi nur noch über den bewachsenen Boden, Federica taumelte sehr und Juan atmete schwer, während Lívia immer wieder in den Himmel blickte, als hoffte sie auf einen Schauer oder irgendeine Erfrischung. Sie sah erschöpft aus und ihre Augen beinahe leer. Tae hielt meine Hand und wir beide schleppten uns keuchend zwischen den Bäumen her. Akiko hingegen schlief unruhig auf Karolins Rücken und ihre Atmung schien fade, nicht mehr als ein kleiner Hauch.
    Schließlich sprach Karolin mit zittriger, aber lauter Stimme:„Wir legen eine Pause ein!" Direkt, als sie das sagte, ließen sich alle auf der Stelle auf den Boden fallen. Nur Karolin selbst ließ Akiko noch vorsichtig von ihrem Rücken gleiten und hockte sich dann mit müdem Blick neben sie. Sanft rüttelte sie an der Japanerin und fragte leicht hustend:„Akiko, wie geht es dir?" Schwach zwang die 18-jährige sich dazu, ihre Augen zu öffnen und blinzelte die Anführerin mit glasigem Blick an. Sofort erkannte man, dass sie Schmerzen hatte und sie krank war. Nahezu flüsternd antwortete sie:„Eher nicht so...", und brach dann ab, um schwer Luft zu holen. Wirklich besorgt schaute die Österreicherin ihre Kameradin an und rief nun mehr oder weniger laut:„Tae, (d/n), eure Dienste werden gebraucht! Tae, gib Akiko bitte etwas Wasser und du, (d/n), sorgst wieder für eine Abkühlung!" Sofort rappelten wir uns auf und taten wie uns befohlen war.
    Leise raunte ich nun Karolin zu:„Sie sieht ganz und gar nicht gut aus. Meinst du..." Einen Moment zögerte ich.,, Meinst du, sie könnte sterben?", presste ich das Ende des Satzes noch aus mir heraus. Mit gesenktem Blick flüsterte sie nun:„Ich will dich nicht anlügen... Ja, es könnte sein, dass sie daran stirbt. Ich hab so recht keine Ahnung, was das für eine Krankheit ist. Möglicherweise nur eine Grippe. Doch auch die kann gefährlich sein. Ich weiß nicht mal, ob es explizit etwas mit dem Schlangenbiss zu tun hat. Vielleicht sind es Nebenwirkungen der Entzündung, vielleicht ist es aber auch einfach das Klima. Was immer es ist, es ist gefährlich und eine tödliche Endung ist nicht auszuschließen." Verzweifelt fragte ich:„Aber können wir denn nichts tun?" Leise erwiderte die 15-jährige:„Glaub mir, (d/n), alles, was wir tun könnten, tun wir schon. Ich hab auch schon mit Lívia gesprochen. Sie weiß ebenfalls nicht, was wir noch tun könnten. Wir können wohl nichts weiter tun, außer hoffen." Mit diesen Worten wandte sich Karo wieder zu Akiko und ich taumelte etwas zurück, direkt in Taes Arme. Er sah mich besorgt an und murmelte:„Akiko hat nicht sehr hohe Chancen, oder?" Irgendwie verwirrt und aussichtslos schüttelte ich nur stumm den Kopf. Ich hatte Angst um Akiko, doch irgendwie konnte ich nicht weinen. Ich konnte es einfach nicht. Egal, wie sehr ich es wollte. Tae nahm mich einfach nur fest in die Arme und ließ mich meine Sorgen an seiner Schulter vergessen.
    Ich hatte längere Zeit einfach nur in seinen schützenden Armen gelegen und bekam nicht gerade viel von dem Rest mit. Ich hatte nichts Anderes als Akiko im Kopf. Was, wenn sie deswegen stirbt? Was, wenn wir auf einmal mitten in der Nacht wach werden, weil dieser schreckliche Klang ertönt? Dieser Klang des Todes, der uns mitteilt, dass ein Herz aufgehört hat zu schlagen... Was werden wir dann machen? Würden wir Akiko einfach so hier liegen lassen? Einfach ohne sie weiterziehen? Bitte lass sie einfach nicht sterben! Egal, zu wem ich da in Gedanken spreche, lass sie und uns alle nicht sterben! Bitte...
    Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Tae langsam seine Arme um mich lockerte, mich bei den Schultern nahm, mir direkt in die Augen schaute und leise sprach:„Tomätchen, du hast heute die erste Nachtwache. Aber vorher gibt es noch Essen." Verwirrt schaute ich auf und hauchte:„Essen? Karolin hat doch noch niemanden losgeschickt!" Mitfühlend lächelte mich Tae an und und murmelte:„Du bist wohl ein wenig eingenickt, Tomätchen. Karo hat schon vor Ewigkeiten Juan, Malou und Federica losgeschickt. Es wurde auch die Nachtwache eingeteilt. Du hast die erste Hälfte und Karo die andere." Überfordert nickte ich nur und schaute mich nun um. Die anderen aßen schon. Nur Akiko hing eher wie eine Tote neben ihrem Baum, während Karo sich neben sie gesetzt hatte und ihr gerade eine Frucht etwas kleiner hackte. Erst bekam ich etwas Panik, weil ich dachte, Akiko wäre schon gestorben und ich hatte es nur nicht mitbekommen, doch dann sah ich, dass sie noch leicht atmete.
    Nun kam Federica zu mir, drückte mir eine gelb-orange Frucht in die Hand und lächelte leicht:„Hey, (d/n). Du solltest etwas essen. Wollen wir danach Schiffeversenken spielen? Malou wollte uns Steine als Schiffe geben und das Feld können wir uns in den Sand malen." Etwas lustlos nahm ich die Frucht entgegen und murrte:„Ich weiß nicht..." Doch Tae sprach mir gut zu:„Mach das doch ruhig, Tomätchen. Dann kommst du vielleicht ein bisschen auf andere Gedanken." Seufzend gab ich dann nach. „Na gut. Tae hat recht. Es könnte mir ganz guttun, nicht nur nachzudenken", meinte ich. Über Federicas Gesicht huschte ein schnelles Lächeln und sie zog mich direkt zu Malou, die schon ein paar kleine Steine geschaffen hatte und nun die letzten paar machte und sie als Schiffe bereitlegte. Federica setzte sich nun lächelnd und ritzte mit einem Stock das Spielfeld in den Sand. Ich ebenso, nur auf der gegenüberliegenden Seite, während Malou einen Erdhügel als Barriere zwischen uns hervortreten ließ.
    So spielten wir während des Essens ein paar Runden Schiffeversenken, doch gewinnen tat ich nicht oft. Ich war wegen Akiko zu abgelenkt. Ständig musste ich an sie denken und daran, dass ihr Leben vielleicht bald ein Ende fand. Gewissermaßen konnte unser aller Leben jeden Moment ein Ende finden, doch bei Akiko war es nahezu sicher. Wir anderen konnten uns immer noch selbst gegen den Tod auflehnen, während sie diese Krankheit nicht bekämpfen konnte. Wie würde es wohl sein, wenn sie einfach stirbt? Wie wäre es ohne sie? Das Schlimme an der ganzen Sache ist ja nicht unbedingt, dass sie stirbt, sondern, dass wir nichts dagegen tun können. Würde sie nun von beispielsweise Callum angegriffen werden, könnten wir immer noch versuchen, ihn umzubringen. Aber gegen diese Krankheit können wir rein gar nichts tun... Und sie liegt praktisch schon im Sterben. Jeden Moment könnte sie ihren letzten Atemzug aushauchen und wir bekämen es nicht einmal mit...

    77
    Die letzten Sonnenstrahlen waren bereits hinter den gigantischen Urwaldbäumen verschwunden und eine gähnende Schwärze erstreckte sich durch den Wald. Es war still. Alle schliefen. Nur das leise, aber stetige Zirpen der Insekten und ferne Rufe von den wilden Tieren untermalte diese einsame Stille noch.
    Um mich herum lagen die anderen verteilt und schliefen. Federica schlief bei Malou und Karolin einen Meter weiter. Juan und Tae lagen nebeneinander und der Spanier schnarchte leicht. Lívia lag mehrere Meter von den anderen entfernt. Akiko hingegen schlief mit schwachen Atem weiterhin an ihrem Baum gelehnt und rührte sich kaum. Karolin lag praktisch genau vor ihr und ich selbst hockte auf der anderen Seite des Lagers, sodass ich die Erkrankte genau im Blick hatte. Der Anblick der kranken Japanerin machte mir nach wie vor zu schaffen und von Minute zu Minute wuchs meine Sorge um sie. Ich spürte wie mir langsam kalte Tränen über die Wange liefen und dort nach wenigen Sekunden zu Eis gefroren. Leise schluchzte ich und blickte verzweifelt in den Himmel. Das konnte es doch nicht sein! Ich konnte einfach nicht so recht realisieren, dass wir wohlmöglich alle sterben und Akiko voran. Ich glaube mittlerweile, dass ich erst in dem Moment so richtig realisierte, wie nah der Tod war. Erst jetzt weinte ich diese ganzen Tränen aus Angst, Trauer und irgendwie auch Wut. Ich hatte Angst um mein und das der anderen Leben, war traurig, weil ich mein altes Leben zurückhaben wollte und wütend, weil das alles geschah. Ich war wütend auf Hisoka. Er hatte uns das alles eingebrockt und nur wegen ihm würden wir alle sterben. Er war der, der das alles organisiert hatte und irgendwie machte mich in dem Moment noch wütender, dass er uns nicht den vollen Grund dafür sagte. Alles, was er damals sagte, war, dass der, der als letztes noch lebte, etwas Besonders sei, eine Chance ermöglichen könne. Doch was sollte das für eine Chance sein?
    Ich war verzweifelt. Ich wusste, dass wir es nicht alle überleben würden. Doch ich wusste nicht, wieso. Und das löste in mir ein Gefühl aus, dass ich nicht ganz erklären konnte. Es war etwas, dass mit irgendwie allen, mir bekannten, Emotionen zu tun hatte und es überwältigte mich. Ich brach noch mehr in Tränen aus. Ich wollte schreien, aber konnte es nicht. Ich wollte fort. Fort von dieser Welt. Fort aus all den Gedanken. Ich zog meine Knie an meine Brust und legte mein Gesicht darauf.
    Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und fuhr erschrocken herum. Ich blickte in das schwach lächelnde, mitfühlende Gesicht von Karolin. Verwirrt blickte ich sie an und versuchte schnell, die Tränen wegzuwischen. Aber Karolin setzte sich stumm neben mich, blickte starr nach vorn und sagte nach einer kurzen Zeit mit ruhiger Stimme:„Ich bin aufgewacht, weil ich dich weinen hörte. Möchtest du darüber reden?" Irgendwie total überrumpelt starrte ich mit leerem Blick nach vorne und murmelte:„Ich weiß nicht. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe." Ruhig erwiderte die Anführerin nun:„Ist schon in Ordnung. Ich hab doch gleich eh die zweite Nachtwache. Weißt du, (d/n), es ist vollkommen in Ordnung, zu weinen oder anderweitig seine Emotionen zu zeigen. Es ist sogar gut. Es hilft einem, alles zu verarbeiten. Manchmal ist es auch ganz gut, darüber zu sprechen. Wenn du also reden möchtest, bin ich für dich da und ich denke, das sind wir alle." Bedauernd meinte ich:„Vielleicht hast du recht. Karolin... ich habe Angst. Aber gleichzeitig bin ich irgendwie auch traurig und wütend. Ich bin einfach verzweifelt und weiß nicht, was ich tun soll. Die Tatsache, dass Akiko wahrscheinlich stirbt und wir wirklich rein GAR NICHTS dagegen tun können, macht es nicht besser." Verständnisvoll erwiderte die 15-jährige nun:„Das kann ich gut verstehen. Wir alle haben Angst. Einige etwas mehr, andere weniger." Leise fragte ich:„Wie kommt es, dass du so wenig Angst hast?" Ruhig antwortete Karo daraufhin:„Ich habe Angst. Nicht nur ein wenig. Aber weißt du, ich hab irgendwie das Gefühl, dass ich nicht viel verlieren kann. Ich persönlich glaube, dass, wenn ich sterben würde, es niemanden wirklich interessieren würde. Das mag sehr pessimistisch klingen und wenn ich ehrlich bin, bin ich auch ein Pessimist. Aber dennoch denke ich, dass es die Wahrheit ist. Würde ich sterben, würde vielleicht für einen Tag geweint werden, aber es dauert nicht lange und ich wäre vergessen. Mein Leben ist nicht von Bedeutung. Ich bin nur ein Leben von etwa 7,6 Milliarden. Wen kümmert es schon, wenn es plötzlich ein Leben weniger ist? Ich möchte nicht pessimistisch oder so klingen, auch, wenn ich weiß, dass ich es bin, aber für mich ist es einfach die Realität. Wir können jetzt auch in die Philosophie gehen und uns fragen, wofür das Leben dann überhaupt gut ist. Lebt man wirklich nur, um zu sterben? Ich kann dir das nicht beantworten. Viele würden sagen, man lebt, um zu lieben und geliebt zu werden. Möglicherweise stimmt das. Aber an der Stelle frag ich mich dann wieder, gibt es diese Liebe überhaupt? Irgendwie schon. Menschen wachsen einem ans Herz und man denkt, man wolle lieber selbst sterben als sie sterben zu sehen. Aber wenn man doch sowieso nach meist schon einigen Tagen über den Tod einer Geliebten Person hinweg ist, warum sollte man dann sein eigenes Leben dafür aufs Spiel setzen? Vielleicht sollten wir leben, um glücklich zu sein. Vielleicht leben wir, um zu leben. Ich kann dir nicht sagen, warum wir leben, was der Sinn des Lebens ist. Aber eins kann ich dir sagen: Eines Tages wird das Leben zu Ende sein und dagegen können wir nichts tun. Ich mache mir keine Sorgen um den Tod. Er wird sowieso einmal eintreffen." Plötzlich lächelte sie leicht:„Ich weiß, das klingt nicht gerade aufmunternd. Aber weißt du, was ich glaube? Ich glaube, wir leben, um glücklich zu sein und andere glücklich zu machen. Vielleicht auch, um auf sich selbst stolz zu sein und andere stolz zu machen. Und, wenn jemand stirbt, können wir uns freuen, wenn die Person in ihrem Leben glücklich war. Vielleicht sollten wir die Personen glücklich machen, indem wir uns selbst glücklich machen. Ich denke, wir sollten nicht etwas betrauern, dass in Zukunft eventuell passieren wird, sondern das genießen, was gerade passiert. Mach dir keine Sorgen darum, dass Personen sterben werden, sondern genieße jetzt die Zeit, die du mit der Person hast." Überrascht lächelte ich Karolin an und sprach:„Es wundert mich, sowas aus deinem Mund zu hören. Schließlich bist du doch eigentlich so pessimistisch." Nun lächelte die Anführerin:„Naja, mich wundert es auch. Vielleicht bin ich nur für andere optimistisch und erzähle ihnen etwas aus einer idealen Welt, um mir selbst und auch ihnen weißzumachen, dass es auch der realen Welt entspricht. Aber eigentlich bin und bleibe ich pessimistisch. Ich weiß selbst nicht, ob ich eher optimistisch oder pessimistisch bin." Leicht lächelte ich und sprach:„Vielleicht auch ein Talent, von Pessimismus in Optimismus überzuspringen." Nun lächelte Karo:„Ja, vielleicht hast du da recht. Aber vielleicht habe auch ich recht und wir sollten uns einfach nicht so viele Sorgen machen." Grinsend zitierte ich nun einen Spruch, den die 15-jährige nur zu oft sagte:„Du hast immer recht, Karolin." Zufrieden grinste diese nun und meinte:„Jap, so muss es sein. Schön, dass du das mittlerweile auch weißt. Aber vielleicht solltest du jetzt auch schlafen gehen. Ich hab jetzt eh Nachtwache und du solltest morgen ausgeschlafen sein. Schließlich werden wir morgen weiterziehen. Wenn wir Glück haben, finden wir Preecha und finden etwas mehr heraus." Zustimmend nickte ich nun und murmelte noch leise:„Danke für deinen seltenen Optimismus, Karolin. Schlaf gut."
    So legte ich mich neben Tae und schlief schon nach ein paar Minuten recht friedlich ein. Karos Worte hatten mich beruhigt. Zwar wusste ich irgendwo, dass Karolin wohl nicht wirklich ganz so dachte wie sie sagte und mich nur aufmuntern wollte, aber dennoch nahm ich mir ihre Worte zu Herzen und nahm sie für einen Augenblick als ideale Welt an.
    Im Nachhinein kann ich sagen, dass Karolin gut darin war, einem eine ideale Welt in den Kopf zu setzen und Sorgen für wenigstens einen Augenblick verschwinden zu lassen. Man könnte sie als ein Betrügerin bezeichnen, die vor allem sich selbst betrügte, aber manchmal ist Betrug ganz gut...

    78
    „Tae, deine Kraft ist von Nöten", hallte eine laute, aber ruhige Stimme durch unser kleines Lager und riss mich aus dem Schlaf. Müde zwang ich mich selbst dazu, die Augen zu öffnen und blickte schlaftrunken durch das Lager. Mein Blick blieb an Tae hängen, welcher schnellen Schrittes auf Karolin zukam. Diese wiederum hockte neben der nicht wirklich ansprechbaren Akiko, welche nach wie vor krank war. Eilig zog Tae anhand seiner Fähigkeit Wasser aus der Luft und flößte es der Japanerin ein. Diese schien davon jedoch nicht viel mitzubekommen. Sie hing schlaff und mit fadem Atem vor dem Baum, regte sich nicht und gab generell kein richtiges Lebenszeichen von sich. Nur das schwache Heben und Senken ihrer Brust deutete noch auf einen Herzschlag hin.
    „Es wird nicht besser. Ich weiß nicht so recht, was wir noch tun sollen", murmelte die Anführerin leise Tae zu. Bedrückt nickend erwiderte der Koreaner nun:„Ich kann dir auch nichts vorschlagen. Die Person, die hier von sowas noch am ehesten Ahnung hat, ist Lívia. Und die weiß auch nichts mehr..." Beinahe flüsternd, sodass es mir schwerfiel, sie noch zu verstehen, meinte Karolin:„Es wird von Stunde zu Stunde schlimmer... Wahrscheinlich werden wir uns heute von ihr verabschieden müssen, so leid es mir tut... wir können nichts mehr für sie tun." Bedauernd senkte Tae nun den Kopf und murmelte:„Wir können nur noch hoffen..."
    Plötzlich blickten mich die beiden nun an, scheinbar erst jetzt bemerkend, dass ich wach war. Augenblicklich kam Tae auf mich zu, umarmte mich, gab mir einen zärtlichen Kuss und flüsterte sanft:„Guten Morgen, Tomätchen. Gut geschlafen?" Gedankenverloren und mit dem Blick auf Akiko nickte ich nur schwach, woraufhin mich mein Liebster etwas besorgt anschaute. Doch ich bemerkte seinen Blick gar nicht wirklich. Ich war mit meinen Gedanken wieder weit weg - bei Akiko. Sie wird sterben. Das steht doch mittlerweile schon fest... Naja, aber vielleicht ist das der Lauf des Lebens. Was einen Anfang hat, hat auch immer ein Ende. Vielleicht sollte ich das akzeptieren, so wie Karolin gesagt hat...
    Nun wurde ich aus meinen Gedanken geholt, als Federica, Malou und Lívia plötzlich ins Lager spaziert kamen. Bei sich hatten sie jede Menge Früchte, welche sie schnell verteilten.
    Noch immer nicht ganz in der Realität angekommen, setzte ich mich neben Tae, auf den Boden und wir aßen schweigend.
    Nach dem Essen räusperte sich auf einmal Malou wie aus dem Nichts:„Was werden wir heute machen? Werden wir weiterziehen oder Akiko eine Pause gönnen, damit sie schnell genesen kann?" Bei diesen Worten verschluckte sich Karolin fast an ihrer Mango und schaute die kleine Afrikanerin bedrückt an:„Malou... Ich glaube, du verstehst die Situation nicht so ganz... Es könnte sein, dass... Akiko stirbt. Es ist sogar ziemlich wahrscheinlich. Tut mir leid..." Ein Schatten legte sich auf das Gesicht der 10-jährigen uns sie sprach leise:„Naja, es gibt doch immer noch Hoffnung, oder nicht?" Leise erklärte Juan nun, während sich die Blicke von allen anderen senkten:„Naja, natürlich. Es gibt immer Hoffnung... Aber ich glaube nicht, dass es hier noch Hoffnung gibt." Gerade wollte Malou wieder Einspruch erheben, da sprach Karolin in recht kaltem Ton:„Malou, hör auf, zu diskutieren. Das macht es nicht besser. Weißt du, es ist so als wolltest du im Toten Meer fischen. Der Angler wird nichts fischen und, wenn er denkt, es gäbe doch immer noch Hoffnung, dann verhungert er vorher." Etwas erschrocken zuckte das junge Mädchen zusammen, woraufhin die Anführerin nun aufstand, sich neben sie setzte, ihr zärtlich einen Arm um die Schulter legte und in santerem Ton sprach:„Ich bewundere deinen Optimismus, Malou und vielleicht hast du ja auch recht. Vielleicht gibt es tatsächlich noch Hoffnung. Aber ich würde mir nicht zu große Hoffnungen machen. Wenn es dann doch anders kommt, ist es nur noch schlimmer für dich. Du bist jung, Malou und möglicherweise verstehst du nicht immer alles, aber manchmal musst du etwas auch einfach hinnehmen. Selbst, wenn du es nicht wahrhaben möchtest oder es nicht ganz verstehst. Enttäusche dich selbst nicht zu sehr, indem du dir eine ideale Welt einredest!" Mit den Worten stand die Anführerin dann wieder auf und erhob ihre Stimme:„Wir werden heute weiterziehen! Wir müssen weiterkommen. Dann dürfen wir keine Zeit verschwenden." Diese Aussage stieß bei einigen Leuten auf Proteste. Federica rief empört:„Zeit verschwenden? Denkst du etwa, es wäre Zeitverschwendung, Akiko vielleicht einen würdigen Abschied zu ermöglichen?"
    Ich hörte nicht weiter bei der Diskussion zu. Stattdessen dachte ich über Karolins Worte nach. „Enttäusche dich selbst nicht zu sehr, indem du dir eine ideale Welt einredest!" War es nicht genau das, was Karolin gestern gemacht hat? Hat sie mir nicht in irgendeiner Art auch eine ideale Welt eingeredet? Widerspricht sie sich nicht selbst? Sie erzählte mir von einer idealen Welt. Vielleicht, um sich selbst und anderen einzureden, dass sie existiert und sie somit zu beruhigen. Warum lässt sie Malou sich nicht selbst auch beruhigen und von dieser idealen Welt benebeln? Warum darf Malou nicht diese Chance ergreifen, in einer eigenen, idealen, aber nicht reellen Welt zu leben? Möglicherweise möchte sie sie schützen. Ja, das ist es, was sie wohl beabsichtigt. Vielleicht ist Malou einfach zu optimistisch und Karolin möchte sie in die Realität zurückholen. Möglicherweise ist Karo eigentlich eine Realistin und möchte ihren Mitmenschen das selbe Denken verleihen...
    „Tomätchen, kommst du mit?" Taes Stimme ertönte und riss mich wie so oft aus meinen Gedanken. Verwirrt stammelte ich:„Was war?" Liebevoll lächelte Tae mich nun an, strich mir schnell eine Hahrstrahne aus dem Gesicht und erklärte:„Wir wollen jetzt weiterziehen. Kommst du mit?" Noch verwirrter blickte ich mich um und bemerkte nun, wie die anderen sich alle bereitmachten. Karolin hiefte die kranke Akiko auf Juans Rücken, Malou hatte sich an Federicas Arm geklammert, während beide strikt wegschauten und dabei sehr beleidigt wirkten und Lívia sammelte noch schnell ihren Kram zusammen.
    Leise murmelte ich noch:„Ja, ich komme mit", fragte dann jedoch sofort, als wir losgingen:„Was wurde noch alles besprochen? Ich war vorhin irgendwie ein bisschen weg." Leise murmelnd, damit der Rest nicht so viel mitbekam, erzählte er:„Naja, Federica und Karo haben sich ziemlich in die Haare bekommen. Karo wollte weiterziehen, trotz Akikos naheliegendem Tod und Federica hat protestiert, dass es nicht respektvoll Akiko gegenüber sei und beinahe menschenverachtend. Sie wollte lieber, dass Akiko in Ruhe sterben kann und einen ihr würdigen Abschied bekommt, anstatt in den letzten paar Stunden ihres Lebens nur umhergeschlört zu werden und dann einfach zu sterben, während wir zu beschäftigt mit Wandern sind und es gar nicht wirklich mitbekommen. Ich glaube, Federica befürchtet, dass wir dann auch einfach weiterziehen würden. Sie hat eine Art Gewissenskonflikt... Deshalb hat sie sich ziemlich aufgeregt. Karolin wurde auch wütend, bis Federica ihr dann vorwarf, sich nicht einer Anführerin würdig zu verhalten. Daraufhin wiederum hat Karolin sich abgewandt und meinte nur, sie ziehe weiter. Sie ignorieren sich seitdem und irgendwie ziehen wir eben trotzdem weiter. Malou hat sich dabei übrigens Federica angeschlossen und angefangen, zu weinen. Sie hat sich beschwert, wir sollten aufhören, über Akiko zu reden als wäre sie schon tot. Sie hat Karolin eigentlich den Rücken zugedreht. Sonst sucht sie ja immer bei ihr Schutz. Jetzt aber weigert sie sich, Karolin auch nur anzuschauen. Lívia und Juan haben sich ziemlich enthalten. Ich hab nur versucht, Karo und Rica zu beruhigen. Hat eher so mittelprächtig funktioniert. Sie ignorieren sich irgendwie immer noch alle gegenseitig..." Leise seufzte ich:„Ich hoffe nur, dass uns das nicht irgendwie auseinanderbringt..."

    79
    Es war ruhig. Niemand sagte ein Wort es gab eine starke Gruppenbildung. Einer ignorierte den anderen und die Stimmung war angespannt. Noch immer lag die Unstimmigkeit in der Luft, die sich gebildet hatte, als Karolin weiterziehen wollte. Es gab einen Streit zwischen der Anführerin und Federica. Ich selbst hatte davon nichts mitbekommen, da ich in Gedanken versunken war, doch Tae schilderte die Auseinandersetzung der beiden als sehr heftig. Federica soll wohl sehr wütend geworden sein. Sie habe sich beschwert, es wäre nicht würdigend Akiko gegenüber, weiterzuziehen. Denn Akiko war schwer krank und wir alle rechneten damit, dass sie jeden Moment sterben würde. Doch anstatt Akiko Ruhe zu gönnen und ihr die Chance zu geben, einen würdigen Abschied zu bekommen, entschied sich die 15-jährige Österreicherin dazu, weiterzuziehen, weiter auf der Suche nach Preecha. Dies stieß bei Federica und Malou auf großen Unwillen. Sowieso hatte Karo es sich vorher praktisch schon mit der 10-jährigen Malou verscherzt, als sie sie dazu anstiftete, keine Hoffnung mehr zu haben, dass Akiko es noch schaffen könnte. Die Anführerin riet der Afrikanerin in einem sehr kalten Ton, sich endlich in der realen Welt aufzuhalten und nicht in ihrer eigenen, schwachsinnigen, nahezu idealen Welt. Dies schien Malou jedoch sehr verletzt zu haben und seitdem sprach sie kein Wort mehr mit ihr. Federica hatte der Anführerin zusätzlich vorgeworfen, egoistisch und nicht respektvoll zu sein. Sie meinte, sie würde sich nicht so verhalten, wie eine Anführerin es tun sollte. Das war dann der Punkt, an dem sich Karo praktisch von allen abwandte und so ziemlich jeden ignorierte. Seitdem hatte sie mit niemanden mehr geredet und lief mehrere Meter von allen anderen entfernt, mit Akiko auf dem Rücken.
    Denn, obwohl es so einen Konflikt gegeben hatte, zogen wir weiter. Wenn ich so recht darüber nachdachte, zogen wir vielleicht auch nur weiter, um nicht Karolin zu verlieren. Denn diese hatte schon angekündigt, sie könne sonst auch einfach ohne uns weiterziehen.
    Dieser ganze Trubel hatte uns alle sehr in Verwirrung und Nachdenklichkeit geschickt. Ich lief schweigend neben Tae, seine Hand haltend und auf den Boden starrend. Und wenn wir uns nun als Gruppe trennen? Federica ignoriert Karolin, Malou hat sich von dieser abgewandt und klammert sich stattdessen an Federica. Karolin ignoriert eigentlich jeden, indem sie sich von uns allen fernhält und nicht ein Wort spricht. Sie scheint verletzt zu sein oder auch einfach nur beleidigt, das weiß ich nicht. Aber ich kann sie verstehen. Ein Teil der Gruppe hat sich von ihr abgewandt, hält sie für eine schlechte Anführerin und egoistische, als auch respektlose Person und Malou, welche für sie wie eine kleine Schwester ist und ihr immer vertraut hat, hat sich jetzt gegen sie gestellt. Sie vertraut ihr nicht mehr und sieht in ihr eine Art Verräterin. Die selbe Meinung teilen oder sie trösten tut hier auch niemand wirklich. Es ist so als wäre Karolin in der Gruppe nicht mehr anerkannt. Beinahe alle haben sich irgendwie gegen sie gestellt und beschuldigen sie. Der Rest enthält sich einfach nur... Ich kann sie wirklich verstehen, dass sie so reagiert...
    „Tomätchen, ich muss jetzt auch mal wieder Akiko tragen. Sonst schuftet Karolin sich noch den ganzen Weg ab", dröhnte plötzlich Taes Stimme in meine Ohren. Etwas verwirrt schaute ich ihn an, da ich mal wieder vollkommen in Gedanken war und stammelte:,„Ähm, ja. Tue das. Ich werde in der Zeit vielleicht zu Karolin gehen, wenn du nichts dagegen hast?" Knapp nickte Tae nun lächelnd und meinte:„Natürlich hab ich da nichts gegen. Nur zu." Leiser fügte er noch hinzu:„Vielleicht kannst du sie ja ein wenig aufheitern", und gab mir einen schnellen Kuss, bevor er zu Karolin verschwand, ihr schnell Akiko abnahm und sich dann wieder ins Geschehen brachte. Ich hingegen ging nun endgültig zu der Anführerin, welche sehr weit abseits vom Rest lief. Schwach lächelte ich sie an und murmelte nur:„Hey, Karolin..." Ein demotiviertes, leises „Hey" ertönte nur als Antwort, woraufhin ich wieder anfing:„Wie geht es dir?" Murrend erwiderte die 15-jährige:„Wie immer." Leise seufzte ich und hakte nach:„Und wie fühlst du dich immer?" Daraufhin sprach das Mädchen leise und mit dem Blick auf den Boden gerichtet:„So wie immer eben. Ich warte auf das Ende. Ich warte darauf, einen Nutzen im Leben zu finden. Aber da ich diesen nicht finde, warte ich eben auf das Ende. Und wie geht es dir?" Verwirrt murmelte ich:„Naja, ich würde sagen, der Situation entsprechend... Die ganze Stimmung ist sehr angespannt und es wirkt nicht so glücklich. Ich meine, du hast dich mit Malou und Federica gestritten... Da leidet nicht nur ihr drei drunter..." Mit beinahe etwas zornigem Unterton murrte Karo nun:„Ich habe mich nicht mit ihnen gestritten. Ich höre mir nur an, dass ich egoistisch und nicht respektvoll bin, also so wie immer und blocke den restlichen Streit ab. So ist es eben. Die Leute sagen dir ihre Meinung, kritisieren dich und stellen dich in dem schlechtesten Licht dar, das es gibt. Du musst es einfach hinnehmen und all deine Bemühungen, das Richtige zu tun, müssen eben als Egoismus hinhalten. Aber ich bin daran gewöhnt. Man kann es niemandem rechtmachen und wird nicht akzeptiert. Ist auch in Ordnung. Ich komme auch gut alleine zurecht." Etwas geschockt von dieser, mal wieder sehr pessimistischen, Sichtweise murmelte ich verlegen:„Was meinst du damit, dass du auch gut alleine zurechtkommst? Möchtest du uns verlassen?" Ruhig erwiderte das Mädchen, plötzlich auf Deutsch, sodass nur wir beide es verstanden:„Nein. Wobei ich dann immerhin meinem Ruf nachkommen würde. Aber ich bin keine Memme und auch keine beleidigte Leberwurst. Ich werde euch nicht alleine lassen, weil ihr mich nicht wertschätzt. Meine Familie und Freunde habe ich schließlich auch nie verlassen. Weißt du, es ist mir auch egal. Ich bin das alles nicht anders gewohnt. Wenn ihr wollt, kann ich euch natürlich auch alleine lassen. Falls es das ist, worauf du hinaus willst. Aber ich werde nicht einfach gehen, nur weil ihr anderer Meinung seid. So viel Stolz hab ich noch." Immer noch etwas erschrocken meinte ich schnell:„Nein, du sollst nicht gehen, Karo. Und du wirst doch auch wertgeschätzt! Ich meine, ich kann dich und dein Denken verstehen, aber Konflikte hat man eben mal. Ein Konflikt entscheidet doch nicht die ganze Lebenseinstellung." Ruhig und gelangweilt wirkend zuckte Karo nur mit den Schultern und erwiderte:„Ist doch auch alles vollkommen egal. Mir ist alles ganz egal. Es wird wahrscheinlich eh nicht mehr lange dauern bis das endet. Dann ist wieder alles in bester Ordnung und wir haben keine Probleme mehr." Etwas beruhigt nickte ich nur leicht und wollte gerade etwas erwidern, als Karolin auf einmal abrupt stehenblieb, sich umschaute und laut, wieder auf Englisch, zischte:„Bleibt stehen und seid still!" Wie sie es befohlen hatte, blieben wir augenblicklich alle stehen und schauten uns etwas verängstigt um.
    Plötzlich ertönte ein leises Knacken vor uns, hinter einem Baum und auf einmal sahen wir eine Person dahinter hervorpreschte, um zu fliehen. Doch Karolin war schneller und hielt die flüchtende Person auf, indem sie sie in einen, von ihr geschaffenen, Wirbelsturm einsperrte.
    Verwirrt starrten wir alle nur auf den Wirbelsturm, in dem die Person gefangen war und wartete darauf, dass Karolin sie wieder freiließ. Das tat sie auch, nachdem sie näher herangetreten war und hielt dann die Person am Arm fest, als sie fliehen wollte.
    Aufgeregt schaute ich die Person an, hatte ihr Gesicht noch nicht gesehen. Ist das Preecha? Haben wir ihn gefunden?
    Endlich hielt die Person still, als die Anführerin unserer Gruppe sie unsanft mit dem Arm nach unten drückte. Nun erkannte ich auch langsam das Gesicht und sofort machte sich Enttäuschung auf meinem Gesicht breit. Es war ein recht junges Mädchen, wahrscheinlich etwa 17 Jahre alt. Sofort erkannte ich auch, dass es das indische Mädchen war, das ganz zu Anfang ihre Kraft bekommen hatte und noch bewusstlos war, als ich meine bekommen hatte. Total verängstigt starrte sie uns an und wollte fliehen, konnte es jedoch nicht, weil Karolin sie gekonnt nach unten drückte. Ich sah, wie so langsam Tränen in ihre Augen traten und ich raunte Karo leise zu:„Karo, lass sie los... Sie hat uns nichts getan. Siehst du nicht, wie viel Angst sie hat?" Doch Karolin lockerte ihren Griff nicht. Stattdessen sprach sie das indische Mädchen mit strengem Ton an:„Versprichst du, dass du weder wegläufst, noch versuchst, uns eins auszuwischen, wenn ich dich loslasse?" Panisch und in sehr brüchigem Englisch, dass man es kaum verstehen konnte, schrie sie:„Lasst mich los!" Karolin seufzte:„Hör mir zu! Wir werden dir nichts tun! Du musst uns nur versprechen, dass du nicht wegrennst oder versuchst, uns anzugreifen. Wir wollen nur mit dir reden, OK?" Endlich wurde das Mädchen jetzt ruhig, woraufhin Karolin sie vorsichtig losließ, sie aber dennoch so im Auge behielt, dass sie sie jederzeit wieder packen konnte. Ängstlich schaute uns die Inderin unterdessen an und Karolin sprach sanft:„Wir wollen dir wirklich nichts tun, ja? Aber erstmal... wie heißt du?" Zögernd antwortete das Mädchen nur:„Amba..."

    80
    „Hallo Amba. Mein Name ist Karolin und diese Leute hier sind meine Freunde. Wir haben keine bösen Absichten, OK? Du brauchst also keine Angst vor uns haben", sprach unsere Anführerin mit ruhiger, deutlicher Stimme. Das indische Mädchen, Amba, sah jedoch nach wie vor sehr verängstigt aus. Möglicherweise hatte sie auch gar nicht verstanden, was Karolin zu ihr gesagt hatte. Nachdem die Inderin nicht antwortete, nahm Karolin ein zweites Mal Anlauf:„Du brauchst keine Angst haben. Wir sind eine Gruppe, die niemanden töten will. Wir wollen hier alle zusammen lebend herauskommen, OK?" Scheinbar endlich verstehend nickte das fremde Mädchen zögernd und blickte uns weiterhin mit geweiteten Augen an. Ich fragte sie nun leise:„Amba, wir sind auf der Suche nach jemandem. Sein Name ist Preecha. Weißt du eventuell, wo wir ihn finden können?" Rasch schüttelte sie ihren Kopf, woraufhin ich leise seufzte. Karolin, welche Amba die ganze Zeit genau im Auge behalten hatte, wandte sich nun an die Gruppe, wobei sie hierbei den Augenkontakt zu Federica und Malou mied:„Was machen wir jetzt mit ihr? Wollen wir sie weiter ihren Weg gehen lassen?" Federica erhob nun ihre Stimme, während sie natürlich auch nicht Karolin anblickte, sondern starr geradeaus, an ihr vorbei:„Vielleicht könnten wir ihr ja auch anbieten, Teil unserer Gruppe zu werden. Ich meine, mehr Mitglieder heißt doch auch, dass wir mehr Kraft haben." Nachdenklich nickte Karo, ohne weiter auf Federicas Vorschlag einzugehen und schaute nun wieder Amba an:„Sag, Amba, was ist deine Kraft?" Zögerlich stammelte sie als Antwort:„Pflanze..." Nachdenklich lächelte die 15-jährige Österreicherin nun und meinte dann:„Amba, was sagst du dazu, uns zu helfen? Du könntest Teil unserer Gruppe werden und mit uns weiterziehen." Skeptisch stotterte Amba in noch schechterem Englisch als Juan:„Und was ist da der Vorteil für mich?" Beinahe siegessicher wirkend erklärte Karo:„Du hilfst nicht nur uns, sondern wir auch dir. Wir passen gegenseitig aufeinander auf und lassen uns nicht im Stich. Demnach steigen deine Lebenserwartungen direkt." Bevor Amba antworten konnte, brummte Federica leise aus ihrer Ecke, sodass Amba es auch nicht hören konnte:„Genau, wir lassen uns nicht im Stich, aber wir lassen einen nicht mal würdig von der Welt treten. Was ist daran pädagogisch wertvoll? Nichts. Es ist nur eine andere Art von im Stich lassen..." Karolin schien diese Bemerkung jedoch gehört zu haben und ignorierte sie nur. Stattdessen schaute sie Amba erwartungsvoll an und streckte ihr freundschaftlich die Hand hin. Jedoch nahm die Inderin die Hand der Anführerin nicht entgegen. Stattdessen deutete sie zu Akiko, auf Juans Rücken und fragte skeptisch:„Was ist mit der passiert? Warum wird sie getragen und ist bewusstlos? Ich dachte, ihr lasst niemanden im Stich!" Ruhig, aber mit Schmerz in den Augen murmelte Karolin nun:„Sie ist krank. Wir haben alles versucht, um sie gesundzupflegen, aber nichts hat wirklich funktioniert. Jetzt tragen wir sie eben mit uns herum, um sie nicht im Sich zu lassen." Nachdem Karolin ihren Satz beendet hatte, hustete Federica kurz leicht, um wieder darauf hinzudeuten, dass es ihrer Meinung nach wohl so war, dass wir Akiko im Stich ließen, wenn wir sie nicht in Frieden sterben ließen. Doch auch das ignorierte die Anführerin wieder und plötzlich murmelte Amba etwas verunsichert, aber gleichzeitig aufgeregt:„Vielleicht könnte ich eurer Freundin helfen. Ich arbeitete damals als Dorfärztin in Indien. Ich kenne mich mit sowas aus und weiß, wie man das behandelt..." Überrascht und gleichzeitig freudig schauten wir Amba nun alle an und Karolin sprach sozusagen für uns alle:„Kannst du vielleicht schauen, ob du ihr vielleicht wirklich helfen kannst? Ich werde dir dafür dann auch versprechen, dass wir alle auf dich aufpassen werden, sollten dich die Gefahren hier verunsichern." Knapp nickte die Inderin nun, stand auf, ging zögerlich zu Akiko, welche Juan in dem Moment ablegte und betrachtete sie gründlich. Leise fragte sie nach einer Weile:„Was hat sie denn für Symptome? Und könnte es irgendwelche Ursachen dafür geben?" Karolin, welche eigentlich so ziemlich das Wort als Anführerin an sich gerissen hatte, erzählte ihr alles, eingeschlossen von dem Schlangenbiss. Daraufhin prüfte die 17-jährige diesen dann, schaute nach einer Weile auf und meinte:„Mit dem Biss wird es wohl nichts zu tun haben. Sie hat sich einfach eine Art Tropengrippe eingefangen, auf die sie wohl gar nicht gut reagiert. Die Symptome weisen darauf hin. Fieber, Schweißausbruch, Schwäche, Schwindel, Kopfschmerzen und was noch dazu gehört. Wichtig ist hierbei, sie richtig zu medikamentieren. Es gibt eine gute Kräutermischung, die helfen könnte. Ich gebe zu, sie ist schon sehr geschwächt, aber mit der richtigen, schnellen Behandlung, könnten wir das wieder hinbiegen." Nahezu ungläubig starrten wir die Inderin alle aufgeregt an und Karolin sprach nun mit fester Stimme:„Sag uns nur, was wir tun müssen und wir werden es tun!"

    81
    Ein Schatten legte sich über Ambas Gesicht:„Ihr werdet aber wohl nicht alles tun können." Verwirrt blickten wir sie an und ich fragte vorsichtig:„Wie meinst du das, Amba?" Kurz schien die Inderin ihre Worte zu sammeln und sprach dann sehr stockend:„Naja, ich brauche die richtigen Kräuter. Die gibt es hier teilweise nicht. Ich müsste versuchen, ihr nur einen Teil der Kräuter, die erforderlich sind, zu geben. Den Rest haben wir ja nicht." Nun erhob Lívia ihre Stimme:„Deine Kraft ist doch die der Pflanze. Du kennst diese Kräuter. Warum lässt du sie nicht einfach wachsen?" Bei diesen Worten zuckte das Mädchen minimal zusammen und meinte:„Das Ding ist, ich weiß nicht, wie ich Pflanzen gezielt wachsen lassen kann. Irgendwie geht es zwar, aber ich lasse dann nicht das wachsen, das ich wirklich haben möchte. Es kommt immer was Anderes raus." Laut seufzte die Anführerin unserer Truppe daraufhin, meinte dann aber:„Sowas kann man doch sicherlich lernen. Ich meine, (d/n) beherrscht ihre Kraft mittlerweile auch. Sie hatte am Anfang auch riesige Probleme damit. Hast du dich denn schon wenigstens mal darum bemüht, deine Fähigkeit zu kontrollieren?" Verunsichert meinte Amba:„Ja, natürlich. Aber ich bekomme es einfach nicht hin..." Nun drehte sich Karolin zu mir und brummte:„Wie hast du damals deine Fähigkeit unter Kontrolle bekommen? Sagtest du nicht, sie ließen sich durch Emotionen steuern? Vielleicht kannst du Amba ja auch beibringen, so ihre Kraft zu beherrschen." Etwas überfordert stammelte ich:„Ja, schon. Aber ich weiß nicht, ob ich es Amba beibringen kann. Sie hat doch sowieso ne ganz andere Kraft als ich. Vielleicht funktioniert die Steuerung da ganz anders..." Gerade wollte Karolin wieder etwas dazu erwidern, da räusperte sich auf einmal Federica:„Warum sollte (d/n) es ihr beibringen? Warum tust du es nicht selbst, Karolin? Du bist doch hier die Anführerin. Solltest du dich dann nicht um alles kümmern?" Gereizt, aber dennoch mit ruhiger Stimme meinte die Österreicherin:„Seit wann muss sich eine Anführerin um ALLES kümmern? Außerdem, (d/n) kennt sich damit aus. Deshalb könnte sie es ihr vielleicht beibringen." Plötzlich fragte nun Malou in einem irgendwie enttäuschtem Ton:„Warum sollten wir es Amba denn beibringen? Am Ende nützt es doch eh nichts. Hoffnung gibt es nicht, das hast du selbst gesagt, Karolin. Wir alle dürfen uns auch keine Hoffnungen mehr machen. Wir sollen nicht so naiv sein und in dieser idealen, irrealen Welt leben. Akiko wird doch so oder so sterben. Das ist es, was du sagtest. Warum also diese plötzliche Aufruhe?" Sofort entgleiteten Karolin die Gesichtszuge und sie starrte die 10-jährige Afrikanerin geschockt und gleichzeitig etwas ungläubig und auch traurig an. Verwirrt stammelte sie:„Malou, so war das gar nicht gemeint. Das weißt du selbst. Und du weißt auch, dass es wirklich aussichtslos schien, bis wir Amba getroffen haben. Du kannst mir nicht sagen, dass du wirklich noch dachtest, sie könne es schaffen!" Stur drehte sich Malou nun von Karolin weg und ich sah, wie sich plötzlich Verzweiflung in dem Gesicht der 15-jährigen breitmachte und sie flüsterte beinahe nur noch:„Malou, ich wollte dich nur beschützen! Ich wollte nur nicht, dass du dir selbst etwas einbildest und dann umso trauriger wirst, wenn du die Wahrheit realisierst und merkst, dass all deine Hoffnungen nur eine Lüge waren!" Stille legte sich über den Wald. Wir alle starrten Malou und Karolin etwas ängstlich an. In uns bildete sich eine Angst, dass die beiden sich vielleicht für immer zerstreiten würden und Karolin möglicherweise als Anführerin verstoßen werden würde. Vor allem Amba war total verwirrt und schaute uns nur alle ahnungslos an.
    Schließlich antwortete Malou nicht auf Karolins Aussage, die eher wie eine Art Entschuldigung wirkte. Stattdessen trat nun wieder Federica vor, seufzte leise und meinte dann:„Wisst ihr, ich will mich hier überhaupt nicht mit jemandem streiten. Es liegt mir auch nicht daran, jemanden in den Dreck zu fegen, sondern einfach, würdig jedem gegenüber zu sein. Mein Ausgangspunkt war es, Akiko einen würdigen Tod zu bereiten und nicht einfach weiterzuziehen. Mittlerweile weiß ich, dass es vielleicht auch gar keine Fehlentscheidung war, weiterzuziehen. Immerhin haben wir so Amba gefunden. Sie kann uns helfen, aber dafür müssen wir auch ihr helfen, das steht mittlerweile fest. Mein Vorschlag ist, dass wir alle versuchen, Amba näher an ihre Kraft zu bringen und sie damit vertrautzumachen. Dafür sollten wir uns wahrscheinlich erst mal alle mit ihr bekanntmachen. Warum vergessen wir diesen Konflikt nicht und arbeiten jetzt zusammen, um Akiko zu helfen? Sobald sie wieder gesund ist, können wir ja gerne einige Diskussionen über unsere Lebenseinstellungen führen und uns gegenseitig ignorieren. Dann soll mir das vollkommen egal sein. Aber jetzt liegt es daran, Akiko zu helfen und dort können wir solche Auseinandersetzungen nicht gebrauchen. Ist noch wer jemand meiner Meinung?" Sofort trat ich vor und meinte laut:„Rica hat recht. Wir müssen unsere Konflikte zur Seite schieben, um Akiko zu helfen! Wir dürfen nicht zulassen, dass sie am Ende stirbt, weil wir uns nicht im Griff haben und lieber streiten." Daraufhin traten auch die anderen vor. Tae, Lívia, Juan und Malou traten neben uns und legten alle ihre Hände aufeinander. Ebenso Federica und ich. Nur Amba, welche vollkommen verwirrt bei der bewusstlosen Akiko hockte und Karolin, welche etwas zögerlich zu uns schaute, kamen erst nicht. Doch dann trat auch Karolin zögerlich vor, legte ihr Hand vorsichtig dazu und murmelte:„Federica hat recht. Wir müssen nun zusammenhalten..."
    Endlich ist das geklärt. Ich wusste, in dem Falle könnten wir auf Rica zählen. Sie ist eben doch optimistisch durch und durch und hält uns somit zusammen. Sie ist niemand, der nach Streit sucht oder nachtragend ist. Sie kann vergessen. Das ist eine Gabe, die nicht jeder hat. Ich bin mir nicht sicher, ob wir wohl ohne Federica noch so zusammen wären. Aber ich bin wirklich froh, dass diese Auseinandersetzung nun zur Seite geschoben wird und wir uns darauf konzentrieren können, hier alle gemeinsam lebend herauszukommen.
    „Ich denke, dann werden wir nun Amba helfen und vielleicht stellen wir uns auch mal richtig vor", lächelte Federica und holte mich somit aus meinen Gedanken. Knapp nickte Karolin daraufhin, wenn vielleicht auch noch etwas zögerlich und die Italienerin machte sich direkt auf den Weg zu Amba, setzte sich neben sie und die schlafende Akiko und meinte:„Hi, ich bin Federica, wie du vielleicht mitbekommen hast. Du kannst mich aber auch einfach Rica nennen. So machen es zumindest oft die anderen." Zögerlich lächelte die Inderin nun und erwiderte:„OK, hallo. Tut mir leid, wenn ich nicht so ganz viel sage, ich bin leider nicht so gut in Englisch..." Verständnisvoll lächelte Rica und sagte:„Schon in Ordnung. Amba, um zurück auf Akiko zu kommen... was könnten wir denn schon mal tun? Vielleicht sowas wie Wasser holen oder so?" Kurz überlegte die Inderin und meinte dann:„Naja, es wäre recht hilfreich, wenn wir Wasser für sie parat hätten und vielleicht ein bisschen etwas zu Essen. Am besten etwas mit vielen Nährstoffen und es sollte dann etwas zerkleinert werden, damit sie es besser kauen kann. Alles andere können wir ihr erst geben, wenn wir die Kräuter haben." Knapp nickte Federica daraufhin und holte, anhand ihrer Kraft, etwas Wasser. Lívia stand in der Zeit bereit und sprach:„Ich werde einige Früchte sammeln. Wer kommt mit?" Sofort meldeten sich daraufhin Juan und Malou und sie liefen direkt los. Karolin stand in der Zeit beinahe etwas teilnahmslos am Rand, scheinbar verunsichert, ob sie weiterhin die Führung übernehmen sollte und meinte schließlich:„In der Zeit könnten wir Amba beibringen, mit ihrer Kraft umzugehen. Wie wär's, wenn wir uns abwechseln? Wir könnten ihr alle mal zeigen, wie wir mit unserer Kraft umgehen können und sie kann schauen, mit welcher „Theorie" es ihr am leichtesten fällt. (d/n), möchtest du anfangen?" Etwas überrascht schaute ich Karo an und meinte:„Klar, sicher. Ich werde mein Bestes geben." Zufrieden nickte die 15-jährige nun knapp und ich schlenderte sofort zu Amba rüber. Schnell stellte ich mich vor und erklärte ihr noch einmal schnell das Anliegen, bevor ich dann erzählte:„Also, ich habe meine Fähigkeit am Anfang auch nicht wirklich beherrscht. Es ist direkt alles Wasser zu Eis geworden, was ich berührte und ich konnte es nicht wieder rückgängig machen. Jedoch habe ich später herausgefunden, dass ich meine Kraft durch Emotionen kontrollieren kann. Sprich, wenn ich nicht die ganze Zeit darüber nachdenke und mir Sorgen darum mache, dass ich es vielleicht nicht hinbekomme, bekomme ich es auch nicht hin. Ich musste einfach abschalten, mir selbst sagen, dass ich das kann und meine Gefühle unter Kontrolle bringen. Was aber auf gar keinen Fall nützt, ist die Angst. Auch Emotionen wie Trauer oder Wut können die Kräfte einschränken, weil man sich nicht mehr darauf konzentrieren kann. Wenn man allerdings seine Kräfte schon kennt und sie beherrscht, können diese Emotionen auch stärken. Wenn man wütend ist, sind die Kräfte manchmal gebündelter und werden umso stärker..." Eine Weile erzählte ich ihr noch alles und als ich fertig war, schaute ich sie an und fragte:„Wollen wir das direkt mal ausprobieren?" Verunsichert schaute mich die Inderin nun an und sprach vorsichtig:„Ich glaube, ich hab nicht alles verstanden, aber ich kann es trotzdem mal versuchen..."


    Hi^^
    Hier ist ein neues Kapitel. Ich hoffe, es gefällt euch. Wie ihr bemerkt habt, ist mittlerweile auch eine neue Person aufgetaucht, Amba.
    Über ein schnelles Feedback würde ich mich sehr freuen und danke noch einmals für das bisherige.
    LG Emily W.

    82
    „Amba, du musst einfach versuchen, die Angst und all die anderen negativen Emotionen zu unterdrücken und dich genau auf das zu konzentrieren, was du tun willst! Versuch es noch einmal", befahl ich der Inderin, während sie versuchte, eine bestimmte Pflanze wachsen zu lassen. Jedoch schaffte sie es nicht und so langsam wurde ich ungeduldig. Ich murrte:„Amba, du sollst einfach mal für einen kleinen Moment alles vergessen!" Verzweifelt und mit einer kleinen Angst in der Stimme erwiderte Amba leise:„Ich geb mein Bestes. Ich glaube, diese Methode ist nichts für ich. Ich denke nicht, dass ich es so schaffen werde, meine Fähigkeit zu kontrollieren." Beinahe etwas ärgerlich seufzte ich, stand auf und ging kurzerhand zu Karolin, welche gerade ein Feuer entfachte. Stumpf sah ich sie an und brummte:„Amba lernt es nicht so wie ich. Sie bekommt es einfach nicht hin. Jemand Anderes soll versuchen, ihr das beizubringen!" Etwas überrascht schaute mich die Anführerin an, seufzte leicht und wollte gerade etwas erwidern, als sich auf einmal die schlafende Akiko regte. Ein kurzes „Ah" ertönte aus Karos Mund, sie ging in Richtung der Kranken und sprach auf dem Weg nur noch:„Geh zu Juan. Er soll es als nächstes versuchen!" So verschwand die 15-jährige dann bei Akiko, welche wohl gerade etwas zu Bewusstsein kam und ich lief unterdessen zu Juan, um ihm mitzuteilen, dass er es als nächstes versuchen sollte.
    Als ich es ihm sagte, ging er sofort, ohne sich zu muckieren zu Amba, während ich noch kurz bei Akiko vorbeischauen wollte.
    Sie lag immer noch sehr geschwächt und nahezu reglos auf dem gepolstertem Boden und Karolin hockte neben ihr. Die Augen der Japanerin waren klein, glasig und leicht gerötet. Ihre Atmung ging röchelnd und ihre Haut war nass von Schweiß, während ihr schwarzes, langes Haar an ihrer nassen Stirn klebte. Sofort sah man, dass es ihr nicht gut ging. Besorgt hockte ich mich dazu und grüßte Akiko kurz, jedoch bekam ich keine Antwort, da sie mich wahrscheinlich nicht gehört hatte. Unterdessen gab Karolin der Kranken etwas von den kleingeschnittenen, teils nahezu pürierten, Früchten zu essen und rief noch schnell Tae, damit er ihr Wasser gab. Leise fragte ich die Anführerin:„Ist es schon besser geworden?" Monoton erwiderte diese nun:„Naja, nicht wirklich. Ich meine, immerhin ist sie wieder irgendwie bei Bewusstsein. Aber wir konnten bisher noch nichts Anderes machen, als wie wir es auch vorher taten. Kräuter haben wir schließlich noch nicht." Als sie das sagte, wanderte mein Blick zu Amba, welche gerade mit Juan trainierte und ich murmelte leise:„Ich hoffe nur, Amba bekommt das Ganze schnell hin. Sonst stirbt uns Akiko vorher weg..." Zustimmend nickte Karo und ergänzte:„Aber Amba macht sich ja schon irgendwie. ich bin zuversichtlich, dass sie es rechtzeitig schaffen kann. Sie darf sich wahrscheinlich nur nicht zu lange mit einer Person beschäftigen. Ansonsten konzentriert sie sich wahrscheinlich nur darauf und verbringt zu viel Zeit damit, obwohl es nicht klappt. Also werden wir wohl jede Stunde mit jemandem tauschen müssen." Zustimmend nickte ich knapp und meinte nur noch:„Wird wohl klappen", bevor ich aufstand und zu Tae ging. Direkt, als ich bei ihm ankam, drückte er mir einen zärtlichen Kuss auf die Lippen und begrüßte mich mit einer Umarmung:„Hallo, Tomätchen. Na, alles in Ordnung?" Liebevoll lächelte ich ihn an und sprach:„Ja, den Umständen entsprechend würde ich sagen. Wie geht es dir, Tae?" Ruhig erwiderte er lächelnd:„Ach, auch alles gut. Aber weil du da bist, noch besser." Grinsend küsste ich ihn kurz und fragte dann:„Was hälst du eigentlich von Amba? Denkst du, sie wird uns helfen können?" Schulterzuckend sprach mein Partner:„Naja, ich denke schon, aber momentan ist sie mir noch zu ruhig und ängstlich. Ich hab das Gefühl, sie fühlt sich noch nicht wohl bei uns und hat eher das Gefühl, dass wir ihr etwas tun wollen. Sie wirkt auf mich so, als würde sie uns aus Angst helfen und nicht, weil sie uns wirklich helfen will." Überrascht hob ich eine Augenbraue:„Wirklich? Naja, so sehe ich das irgendwie nicht. Ich meine, sie ist ängstlich, ja. Aber ich denke nicht, dass sie uns nur aus Angst hilft." Schnell erwiderte Tae nun:„Ich habe einfach das Gefühl, dass sie sich nicht als Teil dieser Gruppe fühlt und ich glaube, wenn wir angegriffen werden würden, würde sie eher ihren eigenen Hintern retten als unseren. Ich glaube irgendwie nicht, dass sie zu uns halten würde in einer Notsituation, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Vielleicht ändert sich das ja auch noch." Leicht nickte ich:„Ja, vielleicht. Ich denke, sie ist nur noch etwas ängstlich wegen dieser ganzen Situation." Gedankenverloren nickte Tae erst nur, lächelte dann leicht, gab mir einen Kuss und flüsterte:„Ist doch auch egal, Tomätchen, solange wir zusammen sind." Glücklich lächelte ich und murmelte:„Du hast recht, Tae. Ich liebe dich." Schmunzelnd erwiderte Tae:„Aber nicht so sehr, wie ich dich liebe." Daraufhin lächelte ich ihn nur verliebt an und küsste ihn erneut.

    „Lívia hat gleich die erste Nachtwache. Die nächste hat dann Tae", ertönte Karolins Stimme recht laut über die Lichtung. Nun schaute sie sich um und rief dann:„Malou, du bist dran, Amba zu helfen." Ohne Karolin anzuschauen, schlenderte Malou zu Amba und ich sah noch, wie Karolin die Afrikanerin leicht anlächelte. Jedoch lief die 10-jährige nur starr an ihr vorbei, woraufhin Karolin leicht seufzte.
    Die beiden hatten sich irgendwie immer noch nicht ganz vertragen. Karolin gab ihr Bestes, um Malou zu zeigen, dass es ihr leid tat, doch diese blockte jegliche Entschuldigung oder nette Geste ab. Sie ignorierte ihr ehemaliges Vorbild komplett. Zwar hörte sie noch auf sie und tat, was sie ihr befahl, doch sie ging jedem Gespräch aus dem Weg.
    Man sah hierbei Karolin an, wie sehr sie das belastete. Malou war für sie immer wie eine kleine Schwester gewesen. Sie hatte immer den Drang, sie zu beschützen. Sie sagte sogar einmal, dass Malou sie an ihre kleine Schwester erinnere und wir alle wussten, dass Karolin diese und auch den Rest ihrer Familie sehr liebte. Dennoch wusste zumindest ich auch, dass sie sich ebenso von ihrer Familie alleingelassen fühlte. Sie sagte, sie fühle sich vernachlässigt, wie das Ende der Schlange, wie die unwichtigste, ungeliebteste Person dort. Karolin erzählte, dass ihre Familie ihr nie die Liebe zeigte, die auch sie zeigte. Letztendlich hatte sie deswegen den Glauben an Liebe, ihr Selbstvertrauen als auch ihre Selbstliebe verloren. Das war es, was sie sagte, beziehungsweise, was sie andeutete. Über ihre Sorgen sprechen, tat sie nie wirklich. Sie erwähnte sie höchstens mal in einem Nebensatz, wenn sie müde war und nicht mehr ganz bei Bewusstsein war. Deswegen fühlte ich immer eine Art von Mitleid, wenn ich sah, dass nun auch Malou, eine Art Schwester, sie nun scheinbar ebenso vernachlässigte. Man sah in Karolins Augen, dass sie enttäuscht und traurig war. Andererseits schien es so, als würde es sie nicht wundern.
    Ich versuchte, Malou und Karolin wieder richtig zu versöhnen, doch Malou hörte gar nicht erst zu und Karo war zu stolz, um sich von anderen helfen zu lassen. Sie klärte die Dinge lieber selbst.

    „Hey, Rica, Amba hat es geschafft!", dröhnte Malous aufgeregte Stimme plötzlich durch das Lager. Federica, aber auch alle anderen drehten sich überrascht um. Malou grinste breit und deutete auf eine Pflanze, die direkt vor Amba wuchs. Sofort versammelten wir uns alle um Amba und Malou und diese sprach:„Amba hat es geschafft, diese Kräuter wachsen zu lassen!" Karolin, welche neugierig dazutrat, fragte ungläubig:„Wie hast du das geschafft?" Weiterhin den Blickkontakt mit Karolin meidend, sprach die junge Afrikanerin:„Ich hab ihr gesagt, sie soll mit was Kleinem anfangen und sich dann weiter nach oben arbeiten." Stolz nickte Karo knapp und Federica rief aufgeregt:„Dann können wir es jetzt Akiko geben." Daraufhin nickte Amba und sprach stockend:„Ja. Wir müssen die Kräuter zermalen und in kochendem Wasser etwas mehr einweichen lassen. Dieses Wasser muss Akiko dann trinken, sobald es etwas abgekühlt ist." Sofort trat Karo vor und meinte:„Dann lasst uns mal keine Zeit verlieren. Lívia, heiz das Feuer bitte etwas an, Tae lässt das Wasser darüber zum Kochen bringen und ich werde in der Zeit mit Malou die Kräuter zermalen. Juan, du kümmerst dich bitte um eine Art Schale für das Wasser. mach einfach eine aus Stein, wenn das geht."
    Sofort ging jeder an seine Arbeit. Ich schaute nur noch Karolin und Malou hinterher. Karolin hat sich extra Malou zum Helfen rausgesucht, um sie dazu zu bringen, wieder mit ihr zu reden. Hoffentlich tut sie das dann auch... Und hoffentlich werden Akiko auch die Kräuter helfen...


    Hi Leute!^^
    Hier ist das neue Kapitel. An der Stelle ein großes Dankeschön für 6000 Aufrufe!
    Über ein kleines Feedback würde ich mich, wie gesagt, sehr freuen, da in letzter Zeit irgendwie eher weniger gekommen ist. Aber danke auch für das bisherige Feedback.^^
    LG Emily W.

    83
    „(d/n), bist du so lieb und passt kurz auf das Wasser auf?" Knapp nickte ich Karolin kurz zu und erwiderte:„Klar, mache ich. Einfach nur aufpassen, dass es nicht überkocht, richtig?" Wieder nickte die Anführerin und verschwand kurz bei Malou, welche noch die letzten paar Kräuter zermalte. Ich setzte mich unterdessen vor das lodernde Feuer, über welches das Wasser, in das die Heilkräuter für Akiko später eingeweicht werden sollten, leicht blubberte. Jeden Moment sollte die Medizin für die kranke Akiko fertiggestellt werden. Der Zustand von Akiko hatte sich bisher noch nicht wirklich geändert. Alles, was sich geändert hatte, war, dass sie nun endlich mal wieder nach mehreren Stunden Schlaf wachgeworden war. Vorher hatte sie bestimmt den halben Tag damit zugebracht, zu schlafen.
    Das Wasser kochte immer heftiger und ich rief:„Das Wasser kocht! Wo sind die Kräuter?" In dem Moment kamen schon Karolin und Malou, welche nach wie vor etwas zerstritten waren, mit den zermalenen Kräutern. Schnell schmiss die 15-jährige diese in das heiße Wasser und rührte es leicht mit einem sauberen Stock um. Nun rief sie die Inderin, welche sich mit dem Ganzen auszukennen schien:„Amba, kommst du hier hin und passt ein wenig auf, ob alles richtig gemacht wird?" Etwas erschrocken schaute die 17-jährige nun auf un schaute Karo beinahe etwas ängstlich an, da sie wohl nicht ganz verstanden hatte, worum es ging. Dennoch stand sie langsam auf und trat zögerlich zu uns. Dort erklärte die Österreicherin noch einmals ihr Anliegen, was Amba nun auch endlich verstand und sie achtete von nun an genau auf alles. Jedoch huschte ihr Blick immer wieder ängstlich herum, als würde sie einen Angriff erwarten. Tae hat irgendwie recht. Sie ist immer noch total ängstlich und vertraut uns nicht wirklich, aber vielleicht legt sich das noch. Sicherlich wird sie sich bald bei uns wohlfühlen und wissen, dass wir ihr nichts tun werden.
    Die Kräuter waren in dem Wasser aufgeweicht, das Wasser wieder abgekühlt und wurde Akiko nun eingeflößt. Diese schluckte den bitteren Trank widerwillig und schien gar nicht so wirklich mitzubekommen, was dort mit ihr gemacht wurde. Amba sprach nun langsam:„Es sollte eigentlich innerhalb von einigen wenigen Stunden schon etwas anschlagen. Morgen früh sollten wir ihr noch einmal etwas davon geben, um auch wirklich sicherzustellen, dass die Wirkung nicht wieder nachlässt oder so. Wichtig ist nur, dass sie im Schatten liegt, regelmäßig trinkt und isst und vielleicht noch etwas schläft. Gehorsam nickte Karo daraufhin und gab die Infos an alle weiter.
    So langsam wurde es auch dunkel und wir gesellten uns alle um das Lagerfeuer, um uns vielleicht noch etwas zu unterhalten. Federica unterhielt sich, wie immer gut gelaunt, mit Malou und Juan. Karolin und Lívia saßen beisammen und unterhielten sich nur zwischendurch mal. Allerdings redeten sie so leise, dass man kam etwas von dem Ganzen verstehen konnte. Ich hingegen hatte mich an Tae gelehnt, genoss die Wärme seines Körpers und strich ihm gedankenverloren durch das Haar. Er hatte mich nur fest mit seinen Armen umschlossen und lächelte mich glückselig an. Amba kauerte klein neben uns, das Geschehen mit ängstlichen, großen Augen beobachtend und schweigend. Nachdem sie Tae und mich eine Weile beobachtet hatte, fragte sie leise und nach scheinbar sehr langem Ordnen der Wörter:„Seid ihr schon seit längerem ein Paar oder seid ihr es hier geworden? Oder seid ihr vielleicht auch gar kein Paar?" Lächelnd erklärte ich ihr:„Doch, wir sind ein Paar. Allerdings erst, seitdem wir hier sind. Vorher kannten wir uns nicht." Langsam nickte Amba daraufhin und Tae versuchte wohl, das Gespräch mit der Inderin aufrechtzuerhalten:„Hast du auch einen Freund?" Kurz schien die 17-jährige zu überlegen, was Tae sie da überhaupt gefragt hatte, bevor sie langsam und stockend erzählte:„Ich bin seit 2 Jahren verheiratet." Überrascht rissen Tae und ich daraufhin unsere Augen auf und ich fragte ungläubig:„Du hast mit 15 Jahren geheiratet?" Knapp nickte die Inderin daraufhin und erklärte:„Ja, das ist bei uns Brauch. Meine Eltern verkauften mich damals an meinen Ehmann. Damals war er 26 Jahre alt. Er hatte recht gutes Geld, dafür, dass er aus meiner Kaste kam. Deshalb haben mich meine Eltern ja auch mit ihm verheiratet." Noch geschockter starrten wir das Mädchen an und Tae fragte vorsichtig:„Also hast du diesen Mann, der 11 Jahre älter ist als du, unfreiwillig geheiratet? Und noch eine Frage... was ist eine Kaste?" Ruhig, als wäre es das normalste der Welt, erwiderte Amba:„Ja, so ist es. Aber es ist ja für das Wohl meiner Familie. Also ist es nicht so schlimm. Außerdem lässt mein Mann mich auch etwas arbeiten. Schließlich darf ich in unserem kleinen Dorf eine Art Ärztin verkörpern. Das ist für kleine Leute für mich ein hoher Lebensstandart. Kasten sind übrigens ein System bei uns in Indien. Es ist eine Einteilung der Leute in unterschiedliche Schichten. Sie bestimmen deinen Wert und deine Zugehörigkeit. Du hast immer die selbe Kaste wie deine Eltern und kannst sie nicht ändern. Auch durch eine Heirat kann man nicht aufsteigen, nur absteigen. Wäre mein Mann also eigentlich eine Kaste über mir gewesen und hätte mich dann geheiratet, wäre er augenblicklich zu meiner Kaste abgestiegen. Außerdem gibt es dann noch die Unberührbaren. Sie gehören keiner Kaste an und werden in der Gesellschaft ausgeschlossen. Du darfst sie nicht berühren, denn sonst bist du unrein. Demnach wird ihnen nicht geholfen und viele verhungern oder werden teils sogar gesteinigt." Total geschockt und entrüstet starrten wir Amba an. Vollkommen überfordert stammelte ich:„Aber warum werden diese Leute denn ausgestoßen?" Ruhig meinte die Inderin nun:„Sie sind selbst für ihr Leid verantwortlich. Im vorherigem Leben waren sie ein schlechter Mensch und sind deswegen ein Unberührbarer geworden. Das selbe gilt für Behinderte." Entrüstet murrte ich:„Das ist doch schrecklich!" Aber Amba antwortete ungerührt:„Das ist das Leben." Diese Gleichgültigkeit von Amba brachte mich zum Nachdenken und ich war wirklich froh, keine Inderin zu sein. Tae fragte nun:„Und du bist in deinem Dorf Ärztin? Das scheint dann ja recht hochrangig zu sein, wenn ihr so lebt. Und hat dein Mann da gar nichts gegen?" Leise erwiderte Amba:„Ja, das ist ziemlich gut für jemanden wie mich. Normalerweise dürfen wir Mädchen gar nicht arbeiten und gehen auch nicht zu Schule. Das dürfen nur die Jungs. Aber ich hatte damals Glück, da in unserer Dorfschule noch Platz für mich war. Und mein Mann hat da nichts gegen, solange ich noch meinen anderen Pflichten nachkomme. Ich muss mich nämlich noch um den Haushalt kümmern, während er arbeitet. Kinder haben wir zum Glück noch nicht. Sonst müsste ich mich auch um die kümmern. Allerdings hat mein Mann schon gesagt, dass er jetzt schon Kinder haben will. Ich habe ihm versprochen, dass wir sie haben werden, sobald er will. Was Anderes würde mir auch nicht übrigbleiben. Naja, aber ich hab ziemlich viel Glück. Viele junge Frauen werden von anderen Männern vergewaltigt und oft auch gesteinigt." Diese Aussage gab mir dann so ziemlich den Rest und ich war der Überzeugung, dass Indien ein grauenvolles Land ist. Leise murmelte ich meine Gedanken und plötzlich rief mich Juan:„(d/n), kannst du mir kurz diese Mango da rechts neben dir bringen?" Knapp nickte ich und wollte gerade aufstehen, da fragte Amba besorgt:„Wird er nicht böse?", und deutete dabei auf Tae. Direkt sprach mein Liebster meine Gedanken aus:„Warum sollte ich?" Verlegen erwiderte die Inderin:„Naja, ich darf nicht mal mit anderen Männern als meinem Mann reden. Sonst wird er wütend. Sehr wütend. Er schlägt mich, wenn ich mich mit anderen Männern unterhalte und noch schlimmer, wenn ich ihnen zu nahe komme." Entrüstet meinte Tae nun:„Wirklich? Das ist doch schrecklich! Ich würde (d/n) niemals schlagen oder so! Sie darf sich doch auch wohl mit anderen Männern unterhalten, solange sie sich nicht zu sehr von denen anlabern lässt. Aber auch, wenn das passieren sollte, werde ich höchstens eifersüchtig." Etwas verwirrt entgegnete die 17-jährige nur:„Dann ist es bei euch aber ganz schön anders als bei uns", und ich brachte Juan schnell seine Mango. Danach kam ich wieder und setzte mich wieder zu Amba und Tae.
    In dem Moment sprach Amba leise:„Ich werde nun auch schlafen gehen. Ich bin müde", und legte sich etwas entfernt von uns hin und fing an, zu schlafen. Auch Malou, Lívia, Federica und Tae wollten schlafen gehen. Nur Karolin, Juan, welcher die erste Nachtwache hatte, und ich blieben noch etwas wach.
    Ich hörte, wie Karolin etwas zu Juan auf Spanisch sagte und er erwiderte ebenso in seiner Muttersprache. Verwirrt schaute ich die beiden an und die 15-jährige Österreicherin erklärte schnell auf Deutsch:„Wir unterhalten uns über Amba." Interessiert nickte ich und fragte dann:„Und was haltet ihr von ihr?" Mit leicht angespanntem Gesichtsausdruck meinte Karo nun:„Ich weiß nicht so genau. Sie hilft uns und ist ein sehr wertvolles Mitglied für uns, aber dennoch kann ich ihr noch nicht so ganz vertrauen. Ich glaube nicht, dass sie uns angreifen wird, aber ich denke, sie hat noch nicht so wirklich das Gefühl für Gemeinschaft. Würden wir nun angegriffen werden, würde sie sich wahrscheinlich aus dem Staub machen. Sie hat noch nicht ganz dieses Verständnis, dass wir uns auch gegenseitig beschützen müssen und nicht nur uns selbst. Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Auffassungen vom Leben, die wir haben. Sie lebt dort in Indien unter so schlechten Bedingungen und unter so viel Gewalt, dass es für sie nur normal ist. Sie versteht nicht, dass man ALL seinen Mitmenschen helfen muss und, dass es nicht nur um das eigene Überleben geht. Ich glaube, dass sie uns in der Beziehung vielleicht etwas hinterherhängt und uns eventuell sogar hintergehen könnte..."

    84
    Die Nacht verging und meine Gedanken blieben bei dem, was Karolin gesagt hatte. „Sie hat nicht dieses Verständnis, dass auf alle acht gegeben werden muss. Sie könnte uns hintergehen...“
    Würde sie das wirklich? Amba ist ängstlich und vertraut uns nicht. Sie ist diese Art von Mensch, die vor ihren Problemen wegrennt und sie einfach nur verdrängen möchte, was immer es kostet. Aber würde sie uns dafür sogar hintergehen? Karolin vermutet es. Auch Tae scheint ihr gegenüber noch etwas skeptisch zu sein. Haben die beiden vielleicht recht? Aber Karolin sagt auch, dass wir ihr dieses Verständnis noch beibringen müssen. Wenn wir das schaffen, sind wir auf der sicheren Seite. Also müssen wir ihr einfach nur zeigen, dass es wichtig ist, jeden zu beschützen und nicht einfach wegzurennen. Aber möglicherweise irren wir uns ja auch und Amba würde uns gar nicht hintergehen...


    „Tomätchen, stehst du auf? Wir sollen Früchte sammeln." Eine leise Stimme drang in meinen Kopf und unterbrach meine Träume. Müde murrte ich nur, drehte mich einmal um und schlief weiter. Ich vernahm ein leises Kichern und spürte plötzlich Hände an meiner Taille. Ich merkte, wie diese Hände mich sanft in meine vorherige Position zurückdrehten und auf einmal spürte ich warmen Atem in meinem Gesicht und kurze Zeit später weiche Lippen auf meinen. Verschlafen schlug ich die Augen auf und blickte in Taes grinsendes Gesicht, welches nur wenige Millimeter von meinem entfernt war. Seine dunklen Augen leuchteten fröhlich und ein breites Grinsen zierte sein makelloses Gesicht. Seine schwarzen, etwas lockigeren Haare fielen sanft auf meine Stirn und kitzelten sie. Noch schlaftrunken lächelte ich liebevoll und flüsterte leise:„Guten Morgen, TaeTae." In dem Moment drückte mein Liebster mir wieder einen zärtlichen Kuss auf die Lippen, welchen ich glücklich erwiderte. Als wir uns wieder voneinander lösten, setzte ich mich leicht auf, lehnte mich an Tae, woraufhin er meinen Körper liebevoll mit seinen Armen umschloss, und fragte gähnend:„Was war jetzt noch einmal?" Belustigt erklärte Tae mir nun noch einmals, warum er mich geweckt hatte und ich nickte müde:„OK, wer kommt noch mit?" Knapp erwiderte Tae:„Lívia und jetzt steh auf. Sie wartet schon." Lustlos stand ich dann auf, während Tae noch meine Hand hielt und gemeinsam trotteten wir zu Lívia, welche tatsächlich schon wartete. Knapp begrüßte sie uns:„Morgen, Turteltauben", und sofort gingen wir los, auf die Suche nach einigen Früchten.
    Dort erzählte die Brasilianerin auch:„Akiko war heute Morgen auch schon wach. Sie sah eigentlich recht OK aus, meiner Meinung nach. Amba und Federica haben dann auf Karolins Befehl hin noch einmal diese Medizin hergestellt. Karolin selbst hat das nur kurz gemurrt und hat dann weitergeschlafen. So, wie wir sie eben kennen. Der Rest war noch am pennen." Erfreut meinte ich:„Das ist doch gut, dass es Akiko besser geht." Daraufhin erwiderte die 13-jährige:„Ja, das stimmt. Diese Kräutermischung scheint echt anzuschlagen. Wir können froh sein, Amba gefunden zu haben. Theoretisch könnte sie ja auch Mangos oder sowas wachsen lassen, aber so weit ist sie wohl noch nicht." Nun schaltete Tae sich dazu:„Naja, man muss eben klein anfangen. Ich bin ja froh, dass sie schon die Kräuter wachsen lassen kann. Sie ist in der Beziehung ein Riesengewinn für uns. Ohne sie wäre Akiko jetzt vielleicht tot." Lívia nickte zustimmend und ergänzte:„Aber eigentlich sind wir alle dafür verantwortlich, dass sie noch lebt. Schließlich haben wir uns vorher die ganze Zeit um sie gekümmert. Und sowieso, dank Karolins Befehl weiterzuziehen, haben wir Amba erst gefunden. Demnach ist es wirklich gut, dass wir weitergezogen sind." Etwas bedauernd meinte ich nun:„Schon, sicher. Aber gleichzeitig hat die Entscheidung, weiterzuziehen auch ne Menge Ärger gemacht. Federica ist für ihre Verhältnisse nahezu ausgerastet, Karolin hat Malou die Hoffnung nehmen wollen und seitdem ignoriert Malou sie. Sie haben sich immer so gut verstanden und jetzt das. Ich glaube, dass da beide sehr drunter leiden. Aber mehr fast schon Karolin." Lívia antwortete beinahe gleichgültig klingend:„Alles bringt auch Opfer mit sich. Natürlich leidet Karolin darunter, ebenso wie Malou auch, aber für Karolin muss es noch schlimmer sein. Sie sieht es als ihre Aufgabe, uns alle und besonders Malou zu beschützen. Aber in letzter Zeit lassen wir uns teils nicht von ihr beschützen. Federica hat ihr vorgeworfen, keine gute Anführerin zu sein, Akiko hatte vor ihrer Krankheit auch eine Auseinandersetzung mit ihr und Malou ignoriert sie komplett. Ich glaube schon, dass es ihr irgendwie schwerfällt, obwohl sie es nicht zeigt. Karolin ist einfach so, glaube ich. Sie sagt nicht, wenn sie etwas bedrückt, sondern lässt es auf ihr lasten. Möglicherweise juckt sie das auch einfach alles nicht. Das kann auch sein." Schulterzuckend erwiderte ich:„Kann wohl sein", und Tae meinte:„Karolin erschüttert doc kaum etwas. Sie ist nicht so emotional. Manchmal wirkt sie auf mich etwas gefühlskalt, was Trauer angeht. Ich hab sie noch nie weinen gesehen."

    Wir hatten viele Früchte gesammelt und kamen wieder beim Rest an. Akiko war wach und saß neben Federica, vor ihrem Baum und trank etwas Wasser. Als sie uns sah, lächelte sie uns schwach an und rief:„Hi Leute. Wie geht es euch?" Sofort gingen wir zu der, noch leicht angeschlagenen, Japanerin und ich begrüßte sie:„Hallo Akiko! Schön, dass du wieder wach bist. Uns geht es gut. Wie ist es mit dir?" Lächelnd erwiderte Akiko nun mit etwas rauer Stimme:„Wieder recht gut. Mir ist zwar noch etwas schwindelig und warm, aber ich fühle mich nicht mehr ganz so schwach. Malou hat mir gerade schon Amba vorgestellt und mir erzählt, dass sie Medizin für mich hergestellt hat." Glücklich grinste Tae nun und meinte:„Toll, dass es dir wieder gut geht. Wir dachten schon, du würdest sterben!" Leise erwiderte Akiko nun:„Das dachte ich auch..."

    85
    Wir waren fertig mit dem Essen und nun musste überlegt werden, was wir als nächstes machen sollten. Akiko ging es wieder so halbwegs gut, wir hatten Preecha immer noch nicht gefunden und einen Plan hatten wir auch nicht. Doch dieser musste nun her. Also versammelten wir uns und eröffneten so eine Art Diskussionsrunde. Federica meinte sofort:„Ich denke, wir sollten nicht weiterziehen. Es könnte Akiko zu sehr schwächen." Jedoch widersprach Akiko nun mit rauer, leiser Stimme:„Wegen mir müssen wir nicht hierbleiben. Zwar bin ich ja bekanntermaßen auch nicht der Ansicht, dass dieser Preecha uns helfen könnte, aber dennoch..." Juan schaltete sich nun dazu:„Naja, ich will ja nicht sagen, dass Akiko keine Ruhe gegönnt ist oder so, aber meiner Meinung nach, ist es genauso wichtig, dass wir Preecha finden. Ich denke nämlich schon, dass er uns helfen kann. Ich kenne ihn persönlich nicht wirklich, aber, wenn Rica sagt, dass er etwas über Hisoka weiß, weiß er vielleicht auch etwas über seine Pläne." Ich persönlich stimmte Juan zu und auch Tae schien meiner Meinung zu sein. Malou hingegen war, ebenso wie Federica strikt dagegen, weiterzuziehen und Lívia und Amba enthielten sich der Diskussion. Nun schauten wir alle gespannt Karolin an, welche wohl das Schlusswort sprechen würde. Sie hatte sich bis hierhin gar nicht zu Wort gemeldet, sondern nur zugehört und sich scheinbar alles durch den Kopf gehen lassen. Schließlich räusperte sie sich kurz und sprach dann mit lauter, fester Stimme:„Ich denke, wir sollten vielleicht noch ein oder zwei Tage hierbleiben, Akikos gesundheitlichen Zustand beobachten und dann weiterziehen. So gehen wir auf Nummer sicher."
    Damit schienen alle recht zufrieden zu sein und ich sah noch, wie Karolin einen flüchtigen Blick zu Malou warf, als würde sie eine positive Reaktion erwarten. Doch die Afrikanerin schaute sie gar nicht an. Sie wandte ihren Blick extra ab und widmete sich, wie in letzter Zeit andauernd, Federica. Enttäuscht wirkend schüttelte die 15-jährige Österreicherin daraufhin den Kopf und wandte sich ebenfalls ab. Sie kam nun auf mich und Tae zu, lächelte leicht und fragte gelangweilt:„Na, was habt ihr zwei heute noch so vor?" Tae meinte nun gut gelaunt:„Naja, so viel können wir ja nicht machen... Aber ich denke, ich werde mein Tomätchen noch dazu bekommen, etwas mit mir zu knuddeln." Belustigt lächelte ich daraufhin und auch auf Karolins Gesicht machte sich ein Grinsen breit. Sie lachte nun:„Tja dann, viel Spaß dabei." Nun fügte sie lächelnd und mit etwas gedämpfter Stimme hinzu:„Ihr habt echt Glück, euch zwei zu haben. Es muss schön sein, jemanden zu haben, der einen so liebt." Neugierig fragte Tae nun:„Hast du eigentlich einen Freund, Karo?" Plötzlich lachte die Anführerin los und fragte:„Sehe ich so aus? Nein, natürlich nicht. Ich glaube, bevor ich einen Freund habe, werde ich Sängerin. Und glaubt mir, das werde ich ganz sicher nicht!" Tae grinste nun und meinte dann ernst:„Hätte doch sein können." Ungläubig und etwas herausfordernd blickte sie meinen Partner nun an und lachte dann leicht. Plötzlich kamen auch Federica und Akiko mit Malou und Juan im Schlepptau zu uns. Neugierig erkundigte sich die Italienerin, worüber wir uns dort unterhielten. Schnell erzählte ich es ihr und fragte in dem Zuge auch gleich, ob einer von ihnen einen Freund oder eine Freundin hatte. Die Mädels verneinten sofort, doch Juan erzählte:„Ich hab ne Freundin. Sie heißt Lucía und ist ein Jahr jünger als ich." Überrascht schaute Karolin den Spanier nun an und fragte ungläubig:„Wirklich? Davon hast du mir ja gar nichts erzählt..." Knapp zuckte der Spanier nun nur mit den Schultern und Tae meinte plötzlich grinsend:„Ist aber doch passend. Dann verkuppel ich den Rest hier mit meinen Jungs von BTS. Karo mit Hobi oder so und Federica mit Jimin. Akiko bekommt Kookie und Malou..." Nun hustete Karo leise:„Malou wirst du nicht mit einen von denen verkuppeln. Die sind viel zu alt für sie!" Belustigt grinste Tae nun:„Ja, OK. Immerhin hast du nichts gegen dich und Hoseok gesagt." Warnend, aber gleichzeitig belustigt schaute die Österreicherin ihn nun an und sprach:„Der ist auch ein bisschen zu alt. Ich meine, ich werde zwar dieses Jahr noch 16, aber auch dann sind es immer noch 10 Jahre." Daraufhin grinste Tae noch breiter und meinte:„Das ist doch nur eine Zahl! Außerdem würdet ihr bestimmt ein richtig süßes Paar abgeben. Und gib doch zu, abgesehen vom Alter hättest du nichts gegen ihn, habe ich nicht recht?" Mit angepisstem Blick boxte Karo Tae nun leicht gegen den Oberarm und murrte:„Jaja, bestimmt." Leicht rieb mein Liebster sich nun den Arm, brummte ein leises „Aua" vor sich hin, hörte aber nicht auf, zu grinsen. In der Zwischenzeit fragte Rica plötzlich:„Wie alt ist Jimin denn?" Belustigt lachte ich nun:„Oh, da ist wohl Interesse", und Tae erwiderte schmunzelnd:„Er ist 24 Jahre alt." Irgendwie triumphierend lächelte die lockenköpfige Italienerin nun und meinte:„Sind ja nur 4 Jahre. Also, Tae, sollten wir hier rauskommen, kannst du mich gerne mit ihm verkuppeln. Ich bin ganz ehrlich, er sieht gut aus und ich hätte bestimmt nichts gegen ihn." Daraufhin mussten wir alle lachen und Karolin meinte:„Das machen wir zum Projekt. Rica und Jimin zu verkuppeln. Tae ist dann so eine Art Vermittler, zwei von uns verstecken sich dann bei ihrem ersten Date im Busch und beobachten alles und ich möchte später bei der Hochzeit Trauzeugin sein. Ach ja, und Patentante von den Kindern!" Dies brachte uns alle nur noch mehr zum Lachen und Malou meinte plötzlich:„Du eignest dich besser als Blumenmädchen, Karo! Dann darfst du ein paar Rosenblätter streuen." Belustigt lächelte Karo das junge Mädchen nun an und meinte mit überraschenderweise sehr sanfter Stimme:„Ja, vielleicht hast du recht. Dann werde ich eben das Blumenmädchen." Auf einmal lächelte Malou etwas schüchtern zurück und trat dann auch auf einmal etwas näher an sie heran. Vorsichtig schaute sie ihre gute Freundin, welche für sie eher wie eine große Schwester war, an und plötzlich rubbelte Karo ihr spielerisch mit der Faust über den Kopf. Leise murmelte sie:„Schön, dass du mich endlich nicht mehr ignorierst..."

    86
    Schwach lächelte die 10-jährige die 15-jährige an und murmelte leise, aber glücklich:„Ich bin auch froh, dass ich dich nicht mehr ignoriere, Karolin. Es tut mir leid, dass ich es überhaupt getan habe. Ich war einfach wütend, weil ich selbst nicht wahrhaben wollte, dass Akiko vielleicht stirbt. Wahrscheinlich hattest du sogar recht. Ich sollte aufhören, in meiner Traumwelt zu leben und alles optimistisch zu sehen. Ich meine, natürlich hast du recht. Das hast du doch immer." Leicht grinste die Anführerin nun, legte sanft eine Hand auf die Schulter der Afrikanerin und sprach ruhig:„Ist schon gut, Malou. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen und ich habe auch nicht immer recht. Ich sollte mich eher bei dir entschuldigen. Ebenso solltest du nicht aufhören, optimistisch zu sein. Der Optimismus ist ein Teil von dir, eine wirklich gute Eigenschaft. Du solltest sie beibehalten. Leute wie ich werden niemals mit dieser Eigenschaft gesegnet sein. Wir Pessimisten brauchen die Optimisten. Vielleicht habe ich damals ja auch nur so reagiert, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass ich ein Pessimist bin und nicht damit klarkam, dass ich nicht so optimistisch sein kann. Ändere dich nicht, nur weil ich blöde Pappnase es dir sage! Du musst nicht immer auf mich hören, OK?" Breit lächelte Malou nun, umarmte Karolin kurz und meinte dann:„Ist schon in Ordnung, Karo. Wir einigen uns einfach darauf, dass wir beide blöd reagiert haben und jetzt vertragen wir uns alle wieder." Knapp nickte Karo nur noch und Federica rief plötzlich laut:„Juhu! Alles ist wieder geklärt. So lässt es sich doch leben. Können wir uns jetzt weiter um die Planung der Hochzeit kümmern, auf der Karo Blumenmädchen wird?" Daraufhin mussten wir alle loslachen und ich gackerte:„Du machst auch echt aus jeder Situation etwas Gutes, Rica!" Irgendwie stolz grinste die Italienerin daraufhin auch und Tae meinte in der Zeit:„Aber klar, wir können jetzt alles besprechen. Also, erstmal müssen wir dich, Rica, und Jimin aber verkuppeln." Akiko nickte nun heftig und meinte:„Wir schicken die beiden einfach auf einen Spaziergang oder so zusammen. Zwei verstecken sich irgendwo im Busch und passen auf, dass alles läuft. Am Abend müssen sie dann an einem See oder so vorbeikommen. Am besten, wenn die Sonne gerade untergeht. Die anderen Jungs von BTS stellen wir da dann an den Rand, damit sie romantische Lieder singen können. Ich kann auch noch die Geige spielen, also mache ich da auch mit. Noch zwei Leute bereiten vorher Essen vor und bringen es dann schnell da hin. Der Rest baut dort dann noch einen Tisch oder eine Picknickdecke oder so auf. Auch Kerzen dürfen nicht fehlen." Malou klatschte aufgeregt in ihre Hände und rief:„OK, dann haben wir die Verkupplungsaktion geklärt. Dann kommt es jetzt zur Hochzeits- und Zukunftsplanung." Sofort meldete sich Karo:„Also, ich hab einen genauen Plan. Für die Hochzeit werde ich eine Torte vorbereiten, Jin kann das restliche Kochen übernehmen. (d/n) sucht mit Federica ein Kleid aus und Tae mit Jimin einen Anzug. Akiko kümmert sich um die Beleuchtung und Juan baut die ganzen Tische und so auf. Malou und Lívia helfen da dann einfach mit und sorgen für anderweitig gute Stimmung. Trauzeugin werde ich, ebenso wie Blumenmädchen. Sobald die ersten Kinder kommen, werde ich übrigens auch Patentante. Außerdem, nett fände ich, würde Tae (d/n) auf deren Hochzeit auch einen Heiratsantrag machen." Laut lachte Federica nun:„Ui, du hast ja schon alles durchgeplant!" Grinsend scherzte die Österreicherin:„Ja, so muss es sein. Ich denke an nichts Anderes mehr als an die Planung. Selbst träumen tue ich nur noch davon." Daraufhin grinsten wir nur alle und ich meinte:„Tja, dann haben wir ja schon tolle Pläne für die Zukunft, muss ich schon sagen."

    Gelangweilt spielte ich etwas mit meinen Kräften. Ich erschuf eine schöne Schneeflocke und ließ sie durch die Luft tanzen, während Tae mich von hinten umarmte und sein Kinn auf meiner Schuler ablegte. Leise summte er dabei die Melodie von „Heartbeat" vor sich hin.
    Unsere Besprechungen für die Zukunft hatten wir schon vor einigen Stunden abgeschlossen, nachdem Akiko müde wurde und sich ne Runde aufs Ohr legen wollte. Seitdem hatten wir uns wieder etwas zerstreut und saßen nun alle irgendwo im Lager und langweilten uns großteils ziemlich. Malou spielte mit Juan, Federica und Karolin „Mensch ärgere dich nicht!", indem sie in den Sand ein Feld gemalt hatten und kleine, von Malou und Juan geschaffene, Steine als Spielfiguren nutzten. Akiko schlief nach wie vor, Amba hockte nur stumm und schüchtern in der Ecke, nervös alles beobachtend, während Lívia sich neben sie gesetzt hatte, versuchte, etwas Kontakt aufzubauen und dabei immer wieder kleine Nebelschwaden erschuf, weil ihr langweilig war.
    Irgendwann murrte ich laut:„Mir ist langweilig. Können wir nicht irgendwas machen? Einen Spaziergang oder so? Es wird ja wohl nichts passieren." Karolin, welche gerade bei „Mensch ärgere dich nicht!" gewonnen hatte, meinte:„Ja, warum nicht? Aber ganz sicher nicht alleine! Wir sind hier 9 Personen. Ich würde sagen, 5 bleiben hier, die anderen 4 können dann ja einen Spaziergang machen. Wer will was machen?" Malou meinte sofort:„Ich möchte hier noch ne Runde spielen." Federica und Juan ebenso. Amba schüttelte nur verunsichert den Kopf, als Karo sie anblickte und Akiko schlief noch. Nur Lívia und Karolin wollten letztendlich noch mit Tae und mir auf einen Spaziergang gehen. Also machten wir 4 uns bereit und Karolin sprach laut:„Also, wir sind dann mal ne Runde weg. Federica hat solange die Aufsicht hier. Sie wird entscheiden, was im Falle eines Falles zu tun ist. Nur, wenn ihr weglaufen müsst oder so, bleibt ihr schön zusammen! Wir sind wohl auch nicht allzu lange weg. Bis dann also."
    So gingen wir direkt los. Ich nahm dabei Taes Hand, lief dicht an ihm und lächelte glückselig. Karolin und Lívia liefen auch nebeneinander, hinter uns und unterhielten sich leise über ihre Heimatländer. Tae und ich hingegen redeten nicht allzu viel. Wir sagten uns nur andauernd, wie sehr wir uns liebten und küssten uns gegenseitig.
    Doch plötzlich fragte Tae irgendwann wie aus dem Nichts:„Möchtest du eigentlich mal Kinder haben, Tomätchen?" Etwas überrascht stammelte ich:„Ähm, ja. Sicher. Aber jetzt ist mir das definitiv noch zu früh. Aber irgendwann auf jeden Fall. Am besten recht viele. Ich liebe Kinder einfach und ich weiß, wie gut ich immer mit meinem kleinem Bruder zurechtkam. Ich hab mich gefreut wie Bolle, als er damals plötzlich da war." Sanft lächelte Tae nun und meinte:„Ich möchte später auch viele Kinder haben. Nichts ist schöner als viele Geschwister, mit denen man sich gut versteht." Karolin und Lívia, welche wohl zugehört hatten, meldeten sich plötzlich auch zu Wort. Die Brasilianerin meinte:„Geschwister sind was Schönes, da geb ich euch recht. Naja, solange man sich auch wirklich gut mit ihnen versteht. Ich hab mich immer gut mit Lorenzo verstanden, aber dennoch nehme ich es ihm übel, dass er mit diesen Leuten damals überhaupt gesprochen hat. Eigentlich bin ich nämlich nur wegen ihm hier. Naja, was soll ich aber auch sonst noch tun? Eigentlich meinte er es auch nur gut. Wir konnten nicht von dem leben, was wir hatten. Wir lebten auf der Straße. Unsere Eltern sind schon lange tot. Unser Vater verließ uns damals und unsere Mutter zog uns als Bettlerin auf der Straße auf. Sie gab all das Essen uns und verhungerte deswegen schließlich. Naja, zumindest wachte sie eines Tages einfach nicht mehr auf. Ich glaube, ich war 4 jahre alt, als sie starb. Von unserem Vater wissen wir mittlerweile, dass auch er tot ist. Also sind wir obdachlose Waisen, aber naja. Wir haben noch uns gegenseitig gehabt, also war es nicht so schlimm..." Karolin murmelte leise:„Ich bin froh, dass ich nicht unter solchen Bedingungen leben muss. Deswegen bin ich wohlmöglich etwas wählerisch, was sowas angeht. Ich persönlich würde meinen Kindern nämlich niemals so viele Geschwister antun. Ich selbst habe ja 6 Geschwister und ich weiß, wie anstrengend es mit denen ist. Ich meine, ich liebe meine Geschwister, ja. Aber dennoch hatte ich es immer bevorzugt, nicht so viele Geschwister zu haben. Es ist nicht nur körperlich, sondern auch seelisch anstrengend. Man wird immer mit den anderen verglichen und es gibt immer Kinder, die bevorzugt werden. Das sind im Normalfall die ältesten und die jüngsten. Einige Kinder werden sich dann vielleicht vernachlässigt oder weniger geliebt fühlen. Ich weiß, dass es so ist. Ich persönlich wollte das meinen Kindern nicht antun. Denn so mehr Geschwister man hat, umso mehr kann man ans Ende der Schlange gesetzt werden. Aber vielleicht liegt es dann ja auch an den Eltern..."
    Gerade wollte ich etwas erwidern, als ich plötzlich eine leise Stimme hörte. Abrupt stoppte ich und auch Karolin schien die Stimme zu hören, denn sie schaute sich verwirrt um. Auf einmal sah ich auch einen Schatten weiter hinten im Wald und schnell zeigte ich stumm darauf. Augenblicklich dirigierte Karo uns dann dazu, auf einen Baum zu flüchten und still zu sein.
    So taten wir es auch. Wir waren schnell auf einen Baum geklettert. Von dort aus vesuchten wir, einen Blick nach unten, auf die Leute zu erhaschen.
    Langsam kamen die Stimmen auch näher und ich erkannte eine Stimme, Rafael. Weiter hinten liefen auch vier weitere Personen - Michal, Finlay, Irina und Callum. Ängstlich und starr schaute ich nach unten und vernahm Rafaels Stimme nun genauer. Er schien sich irgendwie zu rechtfertigen, denn er brummte:„Er ist weggelaufen! Ich hatte keine Lust, ihm nachzulaufen! Wir können ihn doch noch jederzeit erledigen! Es ist ja nicht so, als hätten wir bisher nicht schon viele Leute um die Ecke gebracht. Wir sind stärker als die anderen! Der eine macht jetzt doch auch keinen Unterschied!" Plötzlich erhob Callum seine emotionslose, kalte Stimme:„Du willst mir also sagen, dass es nicht wichtig ist, ihn umzubringen? Du willst mir sagen, dass es noch Zeit hat? Und, dass du ihn nicht umgebracht hast, weil du keine Lust hattest, ihm hinterherzulaufen? Ist das richtig?" Knapp nickte der Portugiese nun und meinte:„Ja. Wir sind stärker als alle anderen hier. Wir können uns ganz entspannt zurücklehnen. Wir werden sie sowieso noch alle kaltmachen." Kalt frage der Anführer ihrer Gruppe auf einmal:„Wir? Nein, es gibt kein „wir" mehr. Ich brauche hier niemanden, der denkt, es hätte keine Notwendigkeit, alle möglichst schnell umzunieten. Ich kann kein faules Schwachhirn, das denkt, es würde sowieso alles erreichen, ohne sich dafür anzustrengen. Nein, ich brauche dich nicht." Gerade wollte der starke Mann sich verteidigen, da richtete Callum schon seine Hand gegen ihn und ein Eisstrahl schoss genau durch den Körper des Portugiesen. Augenblicklich gefror der gesamte Körper des Mannes zu Eis und das bekannte Geräusch des Todes erklang. Rafael wurde von Callum, seinem Anführer und somit Gleichgesinnten, getötet. Zufrieden lächelte Callum nun und murrte noch leise:„Wir sind stark, ja. Stark genug, um auch ohne dich auszukommen, Rafa. Du behinderst unsere Pläne nur." In den Gesichtern der anderen war abzulesen, dass sie geschockt waren und alle schwiegen ehrfürchtig. Callum hingegen ging nun einfach weiter, während er den vereisten Rafael hinter sich ließ.
    Wir hockten ängstlich, verwirrt und komplett geschockt auf unseren Bäumen, darauf wartend, dass die Gruppe verschwunden war. Still vor Angst schauten wir uns gegenseitig an, während unsere Feinde uns zum Glück nicht bemerkten.
    Als sie endlich weg waren, stiegen wir vorsichtig wieder von den Bäumen hinunter. Leise raunte Karolin nun:„Wir müssen zurück zu den anderen." Sofort liefen wir auch los, leise und bedacht.
    Callum hat seinen Verbündeten getötet. Mit einem bloßen Eisblitz... Mit einer bloßen Berührung... Er sagte, er könne auch ohne ihn alle besiegen... Und damit hat er recht. Er könnte uns alle umbringen...

    87
    Aufgeregt stürmten wir in das Lager, in dem noch die anderen sein sollten. Direkt lief uns Malou entgegen. Erleichtert blickte sie uns an und sprach schnell:„Wir haben gehört, dass jemand gestorben ist. Wir dachten schon, dass ihr vielleicht zu Schaden gekommen wärt. Wir haben uns solche Sorgen gemacht!" Etwas außer Atem räusperte sich Karolin:„Uns geht es allen gut, aber wir waren bei der Tat dabei. Rafael wurde getötet." Überrascht hakte Federica, welche mittlerweile auch zu uns getraten war, aufgeregt nach:„Von wem wurde er getötet?" Karolin erwiderte leise:„Von Callum." Vollkommen verwirrt schauten uns alle an und Tae erzählte schnell:„Wir sahen es von einem Baum aus. Rafael schien irgendwie eine Person laufen gelassen zu haben. Dies hat Callum wiederum gar nicht gefallen und als Rafael sich damit rechtfertigte, dass sie den Entflohenen doch sowieso noch töten würden, meinte Callum nur, er könne solche Leute wie ihn nicht gebrauchen und tötete ihn. Er berührte ihn nur und sofort durchfuhr ihn eine Art Eisblitz und er gefror zu purem Eis. Nur wenige Sekunden später war Rafael dann schon tot." Überfordert mit dem neuen Wissen fragte Akiko, welche noch sehr müde aussah:,, Aber wie kann Callum denn so dumm sein? Ich meine, er und seine Truppe sind unserer zahlenmäßig weit unterlegen. Ohne Rafael sind sie laut unserem Wissen jetzt nur noch zu viert und wir sind mit neun mehr als doppelt so viele." Leise und nachdenklich murmelte Karolin plötzlich mit finsterem Gesicht:„Nur, weil sie uns zahlenmäßig unterlegen sind, heißt es nicht, dass sie es auch sonst sind. Callum ist überzeugt davon, dass er uns dennoch besiegen kann." Lívia erhob nun auch ernst ihre Stimme:„Wenn ihr mich fragt, sind sie uns auch dennoch überlegen. Schließlich hat Callum durch eine bloße Berührung schon Rafael getötet. Und Rafael war meiner Meinung auch auf gar keinen Fall schwach. Erinnert euch doch nur mal an die gewaltigen Blitze, die er erzeugt hat. Und doch könnte Callum uns alle umbringen. Ich denke persönlich nicht, dass wir ihn mit unseren Kräften übertrumpfen können. Alles, was wir noch tun können, um weiterzukommen, wäre, wenn ihr mich fragt, weiterzugehen und endlich Preecha zu finden. Sicher, vielleicht kann auch er uns im Endeffekt nicht helfen, aber er ist der, der es noch am ehesten kann." Zustimmend nickte Karolin nun leicht vor sich hin, schaute dann ernst auf und befahl:„Packt eure Sachen zusammen! Wir ziehen augenblicklich weiter! Akiko werden wir zwischendurch noch stützen oder bei Bedarf auch tragen. Federica, sei in der Zeit bitte so nett und erkläre Amba noch mal alles! Sie hat sicherlich nicht alles verstanden." So ging die Anführerin mit brummigen Blick direkt an uns vorbei, auf die Schuhe zu, die sie eigentlich nie trug.
    Der Rest verstreute sich in der Zeit zu all den Sachen, die wir noch mitnehmen mussten. Federica erklärte auf Karolins Befehl hin Amba noch einmal alles, während ich etwas verloren da stand. Ich war immer noch total von dem Geschehenem geschockt und bekam wieder Angst. Die Angst, die ich so langsam endlich etwas überwinden konnte, kam wieder auf und weckte in mir 1000 andere Gedanken.

    „Amba, halt dich ran! Du darfst nicht so hinterherhängen. Laufe mit Federica und Lívia an der Spitze, damit du nicht verloren gehst oder so", sprach Karolin laut und mit etwas gestresstem Ton. Nach kurzem Überlegen und großer Verunsicherung ging die Inderin also an die Spitze und lief dort weiter mit. Karolin, Tae und ich hielten uns weiterhin hinten, als eine Art Nachhut. Ich hatte noch den ganzen Weg über nicht ein Wort gesprochen, sondern nur sorgenvoll auf den Boden gestarrt und trostsuchend Taes Hand gehalten. Endlich sprach mein Partner mich auch besorgt darauf an:„Alles in Ordnung, Tomätchen? Du bist so still." Etwas verwirrt, da er mich aus den Gedanken geholt hatte, erwiderte ich stammelnd:„Ja, alles in Ordnung. Ich... mache mir nur Sorgen darum, dass Callum uns eventuell aufspüren könnte. Wir könnten uns kaum wehren. Nicht einer von uns ist auch nur annähernd so stark wie er... Er müsste uns doch nur berühren und schon wären wir tot..." Tröstend umarmte Tae mich und versicherte mir:„Er wird uns nicht finden, Tomätchen. Außerdem, irgendwie können wir uns schon wehren. Es ist nicht so als könnten wir gar nichts. Wir haben nur noch nicht ganz die Stärke unserer Kräfte entfaltet. Aber, was der kann, kannst du wahrscheinlich schon lange. Mach dir einfach keine Sorgen, ja? Wir schaffen das!" „Was der kann, kannst du wahrscheinlich schon lange..." Will ich das überhaupt können? Jemanden durch eine bloße Berührung umbringen können? Nein, das will ich nicht. So, wie ich mich kenne, könnte ich es dann nämlich wahrscheinlich nicht mal kontrollieren... Schwach lächelte ich meinen Liebsten schließlich nur an un bedankte mich mit einem schnellen Kuss bei ihm, bevor wir weitergingen. Aber meine Sorgen blieben dennoch und das würden sie wohl auch noch länger...

    „Können wir jetzt vielleicht eine Pause machen? Ich bin müde und es wird sowieso gleich dämmern", jammerte Malou. Knapp nickte die Anführerin unserer Gruppe nun:„Ja, das ist keine schlechte Idee. Wir werden direkt hier eine Rast einlegen. Ich werde noch auf die Suche nach einigen Früchten gehen. Wer will mitkommen? Ich brauche zwei weitere." Sofort meldeten sich noch Lívia und Federica.
    Nach einigen Sekunden waren sie dann auch schon losgegangen und wir richteten in der Zeit das Lager ein. Wir bauten uns Bettpolster aus Blättern und Gräsern, entfachten ein kleines Lagerfeuer und verteilten Wasser. Akiko hatte sich wieder schlafen gelegt, da sie furchtbar müde war und scheinbar wieder leichtes Fieber bekam, weshalb Tae vorschlug, noch einmal diese Medizin herzustellen. Das tat er dann auch direkt mit Amba. Während er also weg war, hockte ich einfach nur auf meinen Polstern und starrte in die Baumkronen hinauf. Nach kurzer Zeit kam dann plötzlich Juan, lächelte mich leicht an und fragte:„Na, worüber denkst du nach?" Ehrlich erzählte ich ihm von meinen Sorgen und er nickte bedacht, bevor er brüchig antwortete:„Tja, diese Sorgen sind wahrscheinlich sogar berechtigt, aber dennoch würde ich an deiner Stelle nicht die ganze Zeit darüber nachdenken. Denke besser an all das Positive. Du hast Tae, bist in einer netten Gruppe und kannst regelmäßig essen und trinken. Du siehst also, nicht alles ist schlecht. Wie sagt man außerdem so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt!" Dankbar lächelte ich den Spanier an und murmelte:„Du bist ein richtiger Optimist. Ich habe sowieso das Gefühl, von Optimisten umzingelt zu sein. Federica, Malou, du... Ihr seid alle sehr positiv unterwegs. Seltsam, dass Karolin so gerne Zeit mit dir und auch Malou verbringt. Ihr seid beide so anders als sie vom Denken her. Sie ist so pessimistisch. Ich wundere mich immer, wie ihr euch so gut mit ihr versteht." Lächelnd erklärte Juan nun:„Ich denke, sie fühlt sich unter Optimisten ausgeglichener. Es heißt ja auch, dass Gegensätze sich anziehen. Wahrscheinlich braucht sie, um wenigstens etwas positiv zu bleiben, jemanden, der andauernd positiv ist. Sie ersteht sich ja, glaube ich, auch sehr gut mit dem einen Kumpel von Tae. Hoseok hieß er, meine ich. Er scheint auch immer nur gut drauf zu sein. Eigentlich wirkt er wie das komplette Gegenteil von Karo. Ich denke, sie fühlt sich bei optimistischen Leuten einfach wohler. Würde sie sich mit weiteren Pessimisten gesellen, würden sie sich gegenseitig wahrscheinlich nur runterziehen. Netter Bonus für uns Optimisten ist dann übrigens, dass wir auf dem Boden der Tatsachen bleiben und nicht in unserer Traumwelt schweben. Weißt du, was ich meine?" Nachdenklich nickte ich und murmelte:„Das ergibt auch Sinn. Man hat sich selbst wahrscheinlich so satt, dass man ne Abwechslung braucht. Je länger ich darüber nachdenke, trifft das auch auf Tae und mich zu. Ich mache mir andauernd Sorgen und Tae heitert mich wieder auf. Im Prinzip ist es ja das selbe." Leicht nickte Juan nur.
    Nach einer Zeit kamen auch Karo, Rica und Lívia wieder. Bei sich trugen sie jede Menge Früchte, welche sofort unter uns aufgeteilt wurden.
    Nach dem Essen teilte Karo dann auch die Nachtwache ein. Die erste sollte Federica übernehmen und die zweite sie selbst.
    Tae kam nun wieder zu mir, nahm mich liebevoll in den Arm, schloss die Augen und murmelte:„Ich bin müde. Gehst du mit mir schlafen, Tomätchen?" Leicht nickte ich lächelnd. „Ja, gute Nacht, Tae. Ich hab dich lieb." Grinsend erwiderte Tae noch:„Nicht so sehr, wie ich dich liebe!"

    88
    Trübes Mondlicht sickerte auf die kleine Lichtung und tauchte sie in milchiges Licht. Alles war still, nichts regte sich. Die Luft war schwül und stickig, sodass es mir schwerfiel, Luft zu bekommen. Verwirrt schaute ich mich um und bemerkte, dass ich vollkommen alleine war. Sofort schrak ich auf, als ich das bemerkte und drehte mich panisch um. Tatsächlich war ich vollkommen alleine und nicht eine Menschenseele war zu sehen. Ängstlich erhob ich mich, blickte mich noch einmals um und lief einige Meter, in der Hoffnung, dass ich nur abseits von den anderen lag und sie deshalb nicht auf Anhieb sah. Doch vergebens... Haben sie mich alleine gelassen? Wo sind alle? Wie ein aufgeschrecktes Huhn lief ich etwas herum und sah plötzlich ein leichtes Glitzern hinter einem Baum und ging strikt darauf zu. Doch, als ich hinter den Baum trat, schreckte ich direkt zurück. Was ich da sah, schockierte mich und sofort schoss es in meinen Kopf. War Callum hier? Denn vor mir sah ich eine zu Eis gefrorene Malou. Sie sah verängstigt und gleichzeitig verwirrt aus. Also nicht viel anders als ich. Ich ließ meinen Blick nun weiter durch den Wald schweifen und erblickte sofort weitere Gruppenmitglieder, welche zu Eis gefroren waren. Juan, Amba, Federica, Akiko, Lívia, Karolin. Panisch blickte ich mich um. Sie sind alle zu Eis gefroren. Sie haben allesamt ihren letzten Atemzug ausgehaucht. Aber wo ist Tae? Hat er es überlebt? Konnte er fliehen, als Callum kam? Gerade drehte ich mich aufgelöst um, als plötzlich Tae hinter mir auf die Lichtung trat. Er blickte mich gleichzeitig ängstlich und erleichtert an. Laut rief er meinen Namen und rannte auf mich zu, um mich zu umarmen. Ich öffnete bereits meine Arme und er lief geradewegs hinein. Doch sobald seine warme Haut meine berührte, schwand auf einmal das glückselige Lächeln in seinem Gesicht und es wurde starr, ebenso wie sein gesamter Körper. Denn er gefror augenblicklich zu Eis. Erschrocken wich ich zurück und starrte den vereisten Körper meines Liebsten an. Ich suchte nach Callum, doch er war nicht da.
    Ich hatte Tae gefrieren lassen. Wegen mir war Tae tot. Verzweifelt versuchte ich, es rückgängig zu machen, doch es ging nicht.
    Plötzlich ertönte eine kalte, bekannte Stimme hinter mir und ich fuhr augenblicklich zu dem dürren, blassen Mann herum. Seine eisblauen Augen durchbohrten meinen Körper förmlich und der New Yorker schien riesig zu sein. Er war mindestens zwei Köpfe größer als ich. Und obwohl er so mager und eingefallen war, schien er stark und erhaben. Seine schmalen, farblosen Lippen kräuselten sich zu einem schadenfrohen Lächeln. Triumphierend murmelte er:,, Gut gemacht, (d/n). Du hast all deine Freunde getötet. Du hast gelernt. Nun kannst auch du sie gefrieren lassen durch eine bloße Berührung. Ich bin stolz auf dich, (d/n). Du wirst gewinnen, mit mir." Mit diesen Worten verblasste sein Körper plötzlich in weißem Nebel und ich begann, zu weinen und zu schreien, während ich Taes vereisten Körper umklammerte.

    Plötzlich fuhr ich auf, schweißtriefend und mit verweinten Augen. Panisch blickte ich mich um und fand mich auf einmal auf der Lichtung wieder. Es war dunkel, doch neben mir erkannte ich den seelig schlafenden Tae und auch die anderen schliefen ruhig um mich herum. Nur Karolin hockte wach auf ihrem Polster und schaute mich verdutzt an. Mein Gesicht war noch von Tränen geziert und in meinen Augen war die Panik zu sehen.
    Ruhig stand die Anführerin nun auf, ging leise zu mir rüber, hockte sich neben mir hin und flüsterte:„Alles in Ordnung, (d/n)?" Schnell stotterte ich leise:„Ja, alles in Ordnung. Ich hatte nur einen Albtraum..." Verständnisvoll lächelte die 15-jährige mich nun an und fragte sanft:„Möchtest du darüber reden?" Kurz überlegte ich und schüttelte dann schnell und immer noch leise wimmernd den Kopf. Langsam nickte Karo nun, stand wieder auf und bedeutete mir durch eine Kopfbewegung, ihr zu folgen. Also stand ich auf und folgte ihr. Sie ging einige Schritte weiter zum Rand des Lagers, wo niemand Anderes mehr schlief. Vorsichtig ließ sie sich dort auf dem Boden nieder und ich setzte mich vorsichtig neben sie.
    Leise sprach das Mädchen nun:„Es ist schon OK, wenn du nicht darüber sprechen willst. Manchmal ist sowas auch nicht relevant. Aber vielleicht solltest du etwas zu Sinnen kommen, indem du dich woanders hinsetzt und vielleicht ein wenig redest. Das lenkt ab." Langsam nickte ich und meinte:„Tut mir leid, sollte ich irgendwie genervt haben, als ich aufgewacht bin." Leicht schüttelte Karolin verständnisvoll lächelnd den Kopf und erwiderte:„Alles in Ordnung, du hast nicht genervt. Ich war doch eh wach. Was sollte es mich also gestört haben? Es ist doch vollkommen normal, wenn man mal schlecht schläft, dass man dann aufwacht. Außerdem hast du ja auch niemanden geweckt, von sofern ist doch alles in Butter." Leicht nickte ich nur, in Gedanken meines Traums versunken. Wäre ich wirklich dazu im Stande, so wie Callum durch bloße Berührungen zu töten? Ich würde es gar nicht können wollen... Was, wenn ich es wie in meinem Traum nicht kontrollieren könnte? Ich würde ein Monster werden... Ich möchte nicht, dass hier irgendjemandem etwas passiert. Vor allem Tae nicht..
    „(d/n), lebst du noch?", drang Karolins Stimme plötzlich in meinen Kopf und ich spürte, wie sie ihre Hand auf meinen Arm legte, aber schnell wieder wegzog und nun lauter und eindringlicher sprach:„(d/n), sag doch etwas!"
    Erschrocken wurde ich somit aus meinen Gedanken gerissen und schaute die Anführerin verwirrt an. Leise stammelte ich:„Tschuldigung, ich war gerade irgendwie in meiner eigenen Welt." Ruhig erwiderte Karo nun:„Alles gut. Aber du bist eiskalt, (d/n). Du fühlst dich an, als wärst du aus Eis, so kalt bist du." Überrascht schaute ich auf mich hinab und sah plötzlich auch, dass meine Haut noch blasser war als sonst. An einigen Stellen schimmerte sie sogar blau und leichte Eiskristalle hatten sich auf meiner Haut gebildet. Etwas ängstlich murmelte ich:„Oh, das tut mir leid. Aber Eis ist das nicht..." Schnell beruhigte die 15-jährige mich nun:„Das braucht dir nicht leidtun. Mir hast du damit ja nichts getan, abgesehen davon, dass du kalt bist. Solange du dich gut fühlst, ist damit aber auch alles in Ordnung. Und mir ist auch klar, dass es kein Eis ist. Es war nur ein Vergleich." Schnell versicherte ich nun:„Ja, mir geht es gut. Du brauchst dir also keine Sorgen machen. Es ist wahrscheinlich auch ganz normal. Ich habe schließlich die Kraft des Frostes..." Knapp nickte die Anführerin nun nur und meinte:„Ja, wahrscheinlich ist es normal... Willst du wieder schlafen gehen? Oder vielleicht noch reden? Du siehst nach wie vor ziemlich bedeppert aus." Schnell setzte ich ein Lächeln auf:„Nein, alles in Ordnung. Ich denke, ich werde dann jetzt auch schlafen gehen. Gute Nacht, Karo." Leise erwiderte das Mädchen meinen Nachtgruß noch und schaute mir schweigend nach, während ich mich wieder hinlegte. Diesmal jedoch etwas weiter von Tae entfernt.
    Ich bin kalt... Ich möchte nicht, dass Tae meine kalte Haut oder so spürt und davon wach wird. Aber warum bin ich überhaupt so kalt? Das bin ich doch sonst nie...

    Der nächste Morgen brach an und ich war schon etwas früher wach. Nur Karolin und Amba schienen schon wach zu sein. Ich lächelte ihnen nur schwach zu und ging zu ihnen rüber, um mich leise mit ihnen über dieses und jenes zu unterhalten.
    Nach und nach wachten dann auch die anderen auf. Als Tae aufwachte, lächelte ich ihn leicht an, er ging zu mir rüber, während ein breites Grinsen auf seinem Gesicht erschien und er umarmte mich. Auch ich umarmte ihn, doch sobald er meine Haut berührte, wich er auf einmal zurück und murmelte:„Du bist ja ganz kalt, Tomätchen..." Erschrocken schaute ich ihn nur an und bemerkte plötzlich, dass seine Finger leicht bläulich wurden, als sie meine Haut berührt hatten. Erst, als er wieder von mir abließ, ging die bläuliche Verfärbung zurück. Plötzlich mich an meinen Traum erinnernd starrte ich ihn starr an. In meinem Traum hatte ich Tae durch eine bloße Berührung zu Eis gefroren. Was, wenn das gerade auch fast passiert wäre? Ängstlich vor mir selbst wich auch ich zurück und ich murmelte leise:„Tut mir leid, Tae..." Daraufhin lächelte Tae nur und sprach leise:„Schon in Ordnung, Tomätchen." Mit diesen Worten ging er dann einfach ohne eine Umarmung weiter. Doch beim Gehen sah ich, wie er etwas unsicher auf seine Hände schaute. Er hat es auch bemerkt. Hat er Angst, dass ich ihn gefrieren lassen könnte?
    Vollkommen verunsichert schaute ich Tae nur nach und in mir machte sich eine riesige Angst breit. Was, wenn ich ihn aus Versehen gefrieren lassen könnte?

    89
    „Versammelt euch, es gibt Essen!", dröhnte Karolins strenge Stimme durch das Lager. Sofort kamen wir auch zusammen und drängten uns um den Haufen Früchten, der in der Mitte aufgebaut wurde. Zögerlich nahm ich mir eine der Früchte und setzte mich schweigend neben Malou, Federica, Juan und Karolin, während ich einen schnellen Seitenblick zu Tae wagte. Er hatte an diesem Tag kaum mit mir gesprochen, nachdem er mich eigentlich umarmen wollte, aber ich wohl scheinbar so viel Kälte ausstrahlte. Statt sich zu mir zu gesellen, ging er zu Akiko, welche mit Amba und Lívia auf der anderen Seite des Lagers saß. Lächelnd ließ er sich neben sie nieder und plauderte eine Runde mit ihnen. Ich hingegen schaute nur immer wieder zögerlich zu ihnen rüber. Ich war verwirrt, dass Tae nicht so viel mit mir redete wie sonst. Eventuell kam es mir nur so vor, doch ich hatte dennoch das Gefühl, dass er mich irgendwie mied. Hat er Angst vor mir bekommen, weil ich so kalt war? Fürchtet er, dass ich ihn gefrieren lassen könnte, so wie Callum es bei Rafael tat? Hat er Angst vor mir oder einfach genug von mir? Bilde ich es mir vielleicht auch alles nur ein und er benimmt sich genau wie sonst auch? Oder bin es eigentlich ich, die sich so seltsam benimmt?
    All diese Frage gingen mir damals durch den Kopf und sie machten mich unfassbar nervös. Dies schien auch den anderen aufzufallen, denn Federica stupste mich leicht an und fragte leise:„Alles in Ordnung, (d/n)? Du siehst so... ich weiß auch nicht... aus.“ Plötzlich wieder in der Realität angekommen beschwichtigte ich schnell:„Ja, alles in Ordnung. Ich habe nur etwas nachgedacht.“ Damit gab sich Federica dann knapp nickend zufrieden, doch ich spürte nach wie vor Karolins durchdringenden Blick, wie er meinen Körper durchbohrte. Sie schien etwas zu ahnen, doch ich tat so, als würde ich gar nicht bemerken, dass sie mich ansah. Stattdessen knabberte ich nur appetitlos an meinem Essen.

    „Alle fertig? Gut, dann können wir ja weiter“, erkundigte sich die Anführerin unserer Truppe kurz. Wir waren alle schon fertig mit dem Essen und wollten nun weiterziehen. Denn nach wie vor waren wir auf der Suche nach Preecha. Schnell half Tae Akiko auf und stützte sie. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Karolin eine kurze Kopfbewegung nach vorne machte, somit Lívia zeigend, dass sie die Führung übernehmen sollte. Auch Juan, Malou und Federica, welche sich vorher an Karolin hielten, gingen nun los, dass nur noch Karo selbst und ich hinten liefen. Sie trat nun etwas näher zu mir, dämpfte ihre Stimme etwas und fragte ruhig:„Was ist los mit dir, (d/n)? Ich sehe, dass dich irgendetwas bedrückt. Hat es noch etwas mit deinem Traum von heute Nacht zu tun?“ Zögerlich nickte ich mit gesenktem Blick und erwiderte flüsternd:„So ungefähr...“ Verständnisvoll legte die 15-jährige nun ihre Hand auf meine Schulter und sprach:„Ich weiß nicht, was du geträumt hast und kann schlecht einschätzen, was dich nun genau bedrückt, doch mit einem bin ich mir sicher: Du solltest dir nicht so viele Sorgen darum machen. Ich kann dich verstehen. Es ist eine schwere Zeit und die Umstände sind nicht die besten. Aber, was auch immer es ist, es sollte dich jetzt nicht beeinträchtigen.“ Etwas gereizt fauchte ich nun:„Das sagst gerade du! Warum willst du mich aufmuntern? Du bist doch selbst die wohl pessimistischste Person des Universums und willst mir hier etwas von keine-Sorgen-machen erzählen? Du brauchst für mich nicht einen auf optimistisch machen. Wir wissen beide, dass du selbst auch nicht so denkst und es auch niemals wirst.“ Mit kalter Mine murrte die Österreicherin nun:„Du hast recht. Ich bin pessimistisch. Aber, was ich dir da erzähle, ist auch kein Optimismus. Es ist die Realität. Aber, wenn du dir lieber Sorgen bis zum Geht-nicht-mehr machen willst, gut. Ich werde dich nicht davon abhalten. Ich will dir nur sagen, dass es sinnlos ist. Ich mache mir doch auch nicht die ganze Zeit Sorgen, obwohl ich so negativ denke. Und außerdem, nur, weil ich meist schlecht gelaunt bin und in der Welt kein Paradies sehe, heißt es nicht, dass ich denke, die Welt sei ein Haufen Mist. Es ist nicht so, als würde ich aus jeder Situation was Schlechtes machen. Denk einfach über meine Worte nach. Und denk dran, solltest du doch mal reden wollen, bin ich für dich da.“
    Mit den Worten ließ sie sich ein Stück nach hinten fallen und lief schweigend die Nachhut.
    In der Zeit dachte ich darüber nach. Vielleicht mache ich mir echt zu viele Sorgen, ja. Aber sie sind berechtigt und ich darf nicht die ganze Zeit Angst haben, dass ich vielleicht jemanden gefrieren lassen könnte...

    „Hey, Tomätchen. Wie geht es dir?“ Eine sanfte, zögerliche, aber mit Liebe erfüllte Stimme drang in meinen Kopf. Überrascht schaute ich auf und blickte in Taehyungs lächelndes Gesicht. Schnell erwiderte ich murmelnd:„Gut. Wie ist es mit dir, Tae?“ Schnell erwiderte Tae nun:„Bei mir ist auch alles im grünen Bereich.“ Zögernd sprach ich nun an:„Wir haben uns heute noch gar nicht so oft gesprochen...“ Leicht nickend meinte mein Freund nun:„Das stimmt. Ich hab mich irgendwie mehr mit den anderen unterhalten als mit dir. Tut mir leid.“ Schnell setzte ich ein Lächeln auf und meinte:„Schon in Ordnung. Es hatte mich nur etwas verwirrt. Ich dachte schon, du hättest keine Lust auf mich.“ Das Letzte sagte ich in einem scherzhaftem Ton, obgleich es eigentlich genau meinen Gedanken entsprach. Doch Tae interpretierte es natürlich nicht als dieses und grinste nur ironisch:„Ja, genauso war es.“ Doch bevor ich noch etwas sagen konnte, schnellte er plötzlich vor, presste seine Lippen auf meine und löste sich recht schnell wieder. Leise und irgendwie etwas verwirrt murmelte er:„Du bist ja immer noch so kalt. Sag mal, machst du das extra, um mich zu ärgern? Damit ich mir meine Lippen anfriere, wenn ich dich küsse?“ Er stellte seine Frage scherzend und ich wusste, dass irgendetwas nicht mit mir stimmte. Doch ich wollte nicht, dass Tae sich Sorgen machte oder so, also log ich ihn an:„Ja, irgendwie muss ich dich ja von mir fernhalten. Nein, war nur ein Spaß. Ich will dich nicht von mir fernhalten. Wollte dich nur ein bisschen ärgern.“ Leicht lächelte Tae nun und meinte:„OK, aber mache es nächstes Mal nicht ganz so kalt, ja? Die Kälte zieht richtig ins Fleisch. Ist aber nicht schlimm. Nur nächstes Mal nicht ganz so kalt. OK, Tomätchen?“ Knapp nickte ich lächelnd:„OK, tut mir leid. Ich werde es mir merken.“ So lächelte mich Tae dann noch kurz an, bevor er für einen Moment bei Juan verschwand, um sich mit ihm zu unterhalten.
    Sobald Tae weg war, verschwand auch das Lächeln aus meinem Gesicht und Sorge sowie Angst machten sich in mir breit. „Die Kälte zieht richtig ins Fleisch.“ Ich tue ihm weh! Und er denkt, ich hätte es extra gemacht, könnte es verhindern. Doch ich kann es nicht... Ich tue ihm weh und kann nichts dagegen machen. Ich weiß nicht, wie ich es verhindern kann, dass diese Kälte von mir ausgeht. Aber, wenn diese Kälte „ins Fleisch übergeht“, ist sie gefährlich. Dann heißt es, dass sie sich in dem Körper ausbreitet. Das wiederum heißt, dass ich ihn zu Eis gefrieren lassen würde, würde ich ihn dieser Kälte zu lange aussetzen. Ich müsste ihn nur längere Zeit berühren und er würde zu Eis gefrieren! Ich werde langsam stärker, ohne, dass ich es will... Ich entwickle Kräfte, die ich nicht kontrollieren kann. Ich werde mehr wie Callum... In diesem Moment breitete sich auf einmal eine unfassbare Panik in mir aus. Panik, Verwirrung, Angst... Ich hatte Angst, so zu werden wie Callum, nur, dass ich meine Kräfte nicht kontrollieren konnte. Ich hatte Angst, ungewollt jemandem wehtun zu können und vielleicht sogar zu töten.
    Ich darf niemandem mehr zu nahe kommen! Ich muss mich von den anderen fernhalten! Andererseits würde ich ihnen nur wehtun und sie vielleicht sogar töten!
    Aber das heißt auch, dass ich mich vor allem von Tae fernhalten muss. Und ich kann ihm nichts davon erzählen. Ich werde mich etwas von ihm distanzieren müssen. Zu seinem eigenen Schutz...

    90
    Ich lief zwischen Lívia und Federica, schweigend, während die Italienerin pausenlos quasselte. Sie war gut drauf und erzählte mal wieder von ihrem Onkel, der wohl sehr tollpatschig sein musste. Lívia schien sehr belustigt von Federicas Erzählungen zu sein, denn sie grinste breit und schüttelte leicht den Kopf. Ich hingegen hörte nicht wirklich aufmerksam zu. Ich war mit meinen Gedanken bei den Geschehnissen des Tages und meinem Versprechen an mich selbst. Ich wollte und durfte den anderen nicht zu nahe kommen. Ich spürte, wie sich die Kälte in mir ausbreitete, doch sie störte mich eigentlich nicht wirklich. Es fühlte sich an, als wäre die Kälte schon ein Teil von mir und ich merkte, wie sie ach meine Umgebung angriff. Die Pflanzen überzog eine leichte Kälte und sie schienen schlaff, sobald ich sie berührte. Kleine Käfer flohen vor der Kälte, die mein Körper ausstrahlte und selbst Tae hatte sie nicht unbemerkt gelassen. Denn als ich ihn küsste, bat er mich darum, nicht so viel Kälte auszustrahlen. Er sagte, er würde spüren, wie sie in sein Fleisch zog und ich log ihn an. Ich tat so, als könnte ich das kontrollieren und als wolle ich ihn nur ein wenig ärgern.
    Doch in Wahrheit konnte ich rein gar nichts dagegen tun. Ich wusste weder, wie ich es verhindern konnte, noch kannte ich die ganze Kraft. Aber mir war eines klar: Es war gefährlich und würde ich einer Person zu lange dieser Kälte aussetzen, würde sie zu Eis gefrieren.
    Also entschloss ich mich dazu, den anderen etwas aus dem Weg zu gehen und mein Geheimnis für mich zu bewahren.

    Plötzlich blieben wir stehen und Karolin, welche sich weiter hinten mit Amba und Malou unterhielt, sprach mit gewohnt lauter und fester Stimme:„Wir machen jetzt eine Pause!"
    Sofort ließen sich die meisten auf dem Boden nieder und unterhielten sich weiter. Nur eine Person blieb noch stehen, schaute sich um, erblickte mich und ging lächelnd auf mich zu - Tae.
    In diesem Moment wurde ich etwas panisch. Wenn er mich jetzt umarmt, küsst oder sonst was, wird er wieder die Kälte bemerken. Er wird sich fragen, was nicht mit mir stimmt und wird mir Frage stellen. Doch er darf es nicht herausfinden! Sonst werden sie mich als Bedrohung sehen...
    Augenblicklich schnellte ich zu Karolin herum und sprach schnell:„Ich bin mal kurz auf Toilette. Bin nicht weit weg." Mit diesen Worten verließ ich dann schnell das Lager, ohne Tae noch einen Blick zu schenken.
    Ich ging aus dem Lager heraus, hinter eine kleine Böschung und setzte mich dort auf den Boden. Ich brauchte Zeit - Zeit zum Nachdenken. Ich musste natürlich nicht wirklich auf die Toilette. Ich wollte einfach nur Tae entfliehen. Ich wollte ihn keiner Gefahr aussetzen. Und in dem Moment sah ich mich selbst als eine Gefahr für ihn. Ich könnte ihn durch eine bloße Berührung verletzen oder vielleicht sogar töten. Aber das möchte ich nicht. Also muss ich ihn vor mir beschützen. Egal, was es dann am Ende kostet...
    Eine Träne entfloh meinem Auge. Ich hatte Angst und ich war traurig. Egal, was ich tat, es würde irgendjemanden verletzen. Würde ich den anderen zu nahe kommen, würde ich sie verletzen und würde ich mich von ihnen fernhalten, die Beziehungen zu ihnen auf Eis legen, würde ich mich selbst verletzen. Letztendlich entschloss ich mich dann dazu, mich selbst zu verletzen und kehrte zurück zu den anderen.

    Tae hockte neben Akiko und schaute zu dem Waldstück, in dem ich verschwunden war. Er hatte auf mich gewartet und sobald ich wiederkam, stand er auf. Ich bemerkte es natürlich, drehte sofort ab und ging zu Federica. Ich sah, wie Tae etwas verwirrt dreinschaute, aber nicht aufgab und mir weiterhin folgte.
    Er lächelte mich an und meinte:„Hey, Tomätchen. Wie geht es dir?" Zögernd drehte ich mich zu ihm um, mied den Blickkontakt und murrte leise:„Mir geht's gut", bevor ich mich wieder zu Federica drehte. Noch verwirrter trat Tae mir nun näher und ich sah aus dem Augenwinkel, wie er seine Arme ausbreitete, um mich zu umarmen. Sofort wich ich nach vorne hin aus und tat so, als wollte ich näher an Federica rantreten, um zu hören, was sie sagte. Aber Tae lief einfach auf meine andere Seite und versuchte es von dort erneut. Innerlich beinahe panisch wich ich ihm wieder aus und brummte:„Nicht jetzt, Taehyung! Ich möchte Federica zuhören." Beinahe etwas verletzt zuckte Tae zusammen und sprach leise:„Oh, ähm... OK. Dann werde ich mal zu Lívia und Karo gehen..."
    So ging Tae dann niedergeschlagen davon und es brach mir das Herz, ihn so zu sehen. Doch ich wollte ihn beschützen, also verdrängte ich meine Schuldgefühle und wandte mich wieder Rica zu, während sie nur weitererzählte.

    So langsam wurde es dunkler und wir entschlossen uns dazu, Nachtruhe zu machen. Den ganzen weiteren Tag über hatte ich nicht mehr mit Tae gesprochen. Er schien beinahe etwas eingeschüchtert, nachdem ich so barsch zu ihm war. Stattdessen hatte er sich dann mit Lívia, Malou oder Karo unterhalten.
    Nun sollten vier Leute für ein Abendessen sorgen und Tae rief lächelnd von der anderen Seite des Lagers:„Hey, Tomätchen! Wollen wir mitgehen? Es werden noch zwei Leute gebraucht. Dann hätten wir ein klein wenig Zeit für uns." Eigentlich wollte ich auch mitkommen, doch nicht mit Tae. Ich musste ihm weiterhin aus dem Weg gehen, also schüttelte ich stur den Kopf:„Nein, geh du ruhig alleine mit. Ich wollte mich noch ein bisschen mit den anderen unterhalten." Überrascht und etwas enttäuscht nickte Tae nur und murmelte leise:„Na gut..."

    So ging die Truppe dann los und ich war noch mit Federica, Amba, Akiko und Juan im Lager. Federica schaute mich etwas verwirrt an und fragte vorsichtig:„Ist alles in Ordnung mit Tae und dir? Ihr habt heute irgendwie so wenig miteinander gesprochen. Ich habe fast das Gefühl, dass du ihm aus dem Weg gehst." Schnell antwortete ich leicht stotternd:„Nein, nein. Alles in Ordnung. Ich möchte nur auch mal ein wenig mehr Zeit mit euch verbringen. Auf Dauer wird es nervig, sich die ganze Zeit mit Tae zu umgeben. Ich brauche nur mal ne kleine Pause von ihm." Etwas skeptisch wirkend nickte Federica langsam und meinte nun:„Kann ich gut verstehen. Manchmal braucht man eben einfach eine Pause von einigen Leuten."

    91
    Leicht nickte ich und murmelte gedankenverloren:„Ja, manchmal braucht man eine Pause voneinander..."
    Plötzlich bemerkte ich Akikos ausdruckslosen Blick auf mir. Sie starrte mich an, sehr offensichtlich, doch in ihrem Gesicht ließ sich keine Emotion erkennen. Verunsichert schaute ich einfach weg, vorgebend, es gar nicht zu bemerken, dass sie mich anstarrte. Doch mir war klar, dass die Japanerin wusste, dass ich es durchaus bemerkt hatte. Aber ich war verwirrt und wollte die 18-jährige nicht vor den Augen von all den anderen fragen, was los war. Doch ich hatte eine leise Ahnung, nicht wissend, ob es wirklich ihre Gedanken waren. Akiko versteht sich sehr gut mit Tae und ich weiß, dass Tae sich heute viel mit ihr unterhalten hat. Hat er vielleicht wieder sein Herz bei ihr ausgeschüttet und sie eventuell um Rat gefragt, warum ich heute so wenig Kontakt zu ihm aufgenommen habe? Akiko ist für ihn so etwas wie eine Ratgeberin. Wird Akiko mich wohl darauf ansprechen? Ich hoffe nicht...

    „Wir sind wieder da", ertönte Malous gut gelaunte Stimme und ich drehte mich zögerlich zu ihr um. Hinter der Afrikanerin liefen auch die anderen, unter anderem Tae. Ich spürte, wie sein Blick auf mir lag und er lächelte zögerlich. Doch ich ließ mir nicht eine einzige Emotion anmerken. Eigentlich wollte ich zurücklächeln, wenn auch nur aus Höflichkeit, doch die Scheu, ihn verletzen zu können, wenn ich mich zu sehr mit ihm umgab, hielt mich davon ab. Stattdessen starrte ich nur mit kaltem, emotionslosem Blick zurück, was in Tae erneut Verlegenheit auslöste. Schnell wandte er seinen Blick von mir ab, richtete ihn auf den Boden, lud seinen Kram ab und schlürfte dann zu Akiko.
    Währenddessen griff Karolin als Anführerin wieder das Wort auf. Ihre Stimme hallte klar, laut und ruhig wie immer über unser kleines Lager:„Gönnt euch was zum Mampfen. In der Zeit besprechen wir am besten schonmal die Pläne für morgen und diese Nacht."
    Sofort nahm ich mir etwas zu essen und pflanzte mich auf den Boden, etwas weiter abseits von dem Rest.

    Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Tae leise mit Akiko redete, nervös zu mir und dann wieder zu ihr schaute. Akiko nickte knapp und aufmunternd, woraufhin Tae plötzlich von seinem Platz aufstand und langsam zu mir rüberging. Er setzte sich dicht neben mich und ich rückte reflexartig zur Seite, aus Angst, Tae könne die weiterhin beständige Kälte auffallen und eventuell sogar verletzen. Diese kleine Art Geste schien Tae zwar etwas zu beunruhigen, doch er ließ sich nicht beirren und lächelte nur:„Hey." Leise gab ich ebenso ein, eher lustloses, „Hey" von mir und beachtete ihn gar nicht wirklich. Mein Blick war weiterhin Karo gewidmet, welche gerade ihren Plan vorstellte.
    Doch Tae gab nicht auf und fragte leicht lächelnd:„Der Abend heute ist sehr schön. Meinst du nicht?" Leise gab ich ein demotivieres, desinteressiert klingendes „Ja, total", von mir. Ich sah, wie Taes Lächeln langsam aus seinem Gesicht schwand und es brach mir innerlich das Herz. Ich ignorierte ihn regelrecht, vermied jeden Kontakt zu ihm und nannte ihm keinen Grund dafür. Somit gab ich ihm auch keine Möglichkeit, das Ganze zu verstehen und vielleicht eine Lösung dafür zu finden.
    Nachdem mein Liebster eine Weile geschwiegen hatte und ich ihn weiterhin nicht beachtete, erhob er endlich wieder leise seine Stimme:„Wollen wir heute Abend vielleicht ein bisschen kuscheln?"
    In dem Moment fragte auch Karolin, wer die Nachtwache übernehmen wolle. Darin sah ich meine Chance und meldete mich sofort, Tae für den Moment ignorierend:„Ich übernehme wohl die erste Nachtwache!" Knapp und etwas verwirrt sowie überrascht nickte die 15-jährige Österreicherin nun, während ich Tae kalt ins Gesicht schaute und mit ziemlich monotoner Stimme sprach:„Nein, tut mir leid. Ich wollte heute die Nachtwache übernehmen. Von Kuscheln werde ich müde und einschlafen darf ich dann nicht, also wird das heute nichts." Nachdem ich das gesagt hatte, wandte ich meinen Blick auch schon gleich wieder ab, denn ich konnte Tae nicht weiterhin ins Gesicht schauen. Es tat mir weh, dieses vor Enttäuschung erlöschende Funkeln in seinen Augen zu sehen.
    Tae sagte auch nichts mehr, sondern starrte nur mit leerem, traurigem Blick auf den Boden. Er zog seine Knie dabei stark an seinen Körper, als wolle er sich selbst beschützen.

    Die Besprechungen waren beendet und so langsam legten sich die ersten schlafen. Ich saß zu der Zeit weiter am Rand, Malous Erzählungen lauschend. Tae hingegen hatte sich nach seinem erfolglosem Versuch, mit mir zu reden, wieder zu Akiko gesetzt.
    Ich litt in der Zeit unter einer Art Gewissenskonflikt. Es tat mir leid, so mit Tae umgehen zu müssen, doch ich sah keine andere Möglichkeit, um ihn zu schützen. Ich musste ihn vor mir selbst schützen, denn ich wusste, dass zu der Zeit irgendwie etwas nicht ganz mit mir stimmte. Ich konnte meine Kraft nicht wirklich kontrollieren, ich hatte Angst und hatte das Gefühl, zum Monstrum zu werden. Denn so langsam entwickelten sich Kräfte bei mir, die Callum beherrschte - unfassbare Kälte ausstrahlen und damit verletzen. Doch im Gegensatz zu ihm konnte ich sie nicht unter Kontrolle behalten. Ich kannte auch ihre Ausmaße nicht und konnte nicht sagen, wie weit sie tatsächlich reichten. Doch in dem Moment zählte das nicht für mich. Alles, was ich wissen wollte, war, dass Tae in Sicherheit war. Und diese Bestätigung konnte ich nur erlangen, indem ich mich von ihm fernhielt. Nur so konnte ich sichergehen, dass ich ihn nicht verletzen konnte...

    Plötzlich kam Tae zu mir rüber und sprach in leiser, aber optimistischen Stimme:„Ich gehe jetzt schlafen. Du hast ja noch Nachtwache, also wollte ich dir kurz gute Nacht sagen. Also, schlaf gut und träum später was Schönes, Tomatchen." Mit diesen Worten beugte sich Tae etwas vor und wollte mir noch einen Gute-Nacht-Kuss geben, doch ich wich sofort zurück. Leise sprach ich nur:„Gute Nacht, Tae."
    Doch dies ließ Tae diesmal leider nicht auf sich sitzen. Anstatt einfach zu gehen, setzte er sich mir direkt gegenüber, suchte meinen Blickkontakt und sprach mit leiser, leicht verzweifelt klingender Stimme:„(d/n), mir ist aufgefallen, dass du mir heute schon den ganzen Tag über aus dem Weg gehst. Wenn ich dich küssen oder umarmen möchte, weichst du mir aus, du schaust mich nicht an und gehst immer zu den anderen, wenn ich mit dir reden möchte...
    Ich wollte fragen... Habe ich etwas falsch gemacht? Wenn ja, dann sag es mir bitte! Dann werde ich es ändern!" Erneut seinem Blick ausweichend sprach ich leise:„Nein, du hast nichts falsch gemacht. Ich brauche einfach mal ein bisschen Zeit für mich, weißt du?" Sofort fragte Tae wieder:„Aber ich muss doch irgendetwas getan haben. Warum sonst solltest du Zeit für dich haben wollen? Und sowieso, du weißt doch, du kannst..." Weiter kam Tae nicht, denn ich unterbrach ihn mit gereizter, giftigen Stimme:„Es ist nichts, Tae! OK? Ich hab gesagt, ich brauche Zeit für mich! Geh einfach ins Bett!" Daraufhin zuckte Tae stark zusammen und ich sah, wie ihm alle Gesichtszüge entgleiteten. Trauer und Verzweiflung machten sich in seinem Gesicht breit und ich sah, dass er wirklich überrascht von meinem kleinen Ausraster war.
    Doch, statt weiter rumzudiskutieren, stand er nur langsam wieder auf, nickte leicht und sprach mit zittriger Stimme:„Tut mir leid... Gute Nacht, (d/n)." Und mit diesen Worten verschwand Tae dann zu seinem provisorischem Bett, neben Akiko und ich hockte alleine dort, sofort bereuend, was ich gesagt und getan hatte...

    92
    Die Nacht war dunkel und still als wäre ich in ein schwarzes Loch gefallen. Der Mond war bedeckt von Wolken, die Luft roch nach Regen und ich hockte einsam dort. Um mich herum schliefen alle. Nur ich war noch wach und dachte nach. Mir konnte Taes trauriges Gesicht nicht aus dem Kopf gehen. Ich hatte ihn abgelehnt, nicht gerade freundlich und ich gab ihm keinen Grund dafür. Ich wusste, dass er sich selbst nicht mein Benehmen erklären konnte und ich denke, das war es, was ihn dabei so traurig machte. Wohlmöglich dachte er, er habe etwas falsch gemacht oder ich hätte mich eventuell auch in jemand anderen verliebt. Doch dies war, wie nur ich wusste, definitiv nicht der Grund. Ich liebte Taehyung über alles und ich war nie so glücklich als wenn ich bei ihm war. Ich wusste auch, dass er mich wirklich liebte, aber ich wollte ihn beschützen. Ich wollte ihn vor mir beschützen, denn so langsam entwickelten sich in mir unkontrollierbare Kräfte. Ich wusste nicht, wie stark diese Kräfte waren, wie gefährlich. Doch ich wusste, dass ich sie nicht im Griff hatte und damit meine Liebsten verletzen könnte. Doch, statt ihnen von meinen Sorgen zu berichten, verschwieg ich ihnen alles. Ich log sie an und distanzierte mich von ihnen. Ich denke, den meisten war der Fakt, dass ich mich von ihnen fernhielt, ziemlich egal. Doch Tae war es das nicht. Man sah es in seinen Augen, hörte es in seiner Stimme und spürte es an seinen Blicken. Er spiegelte Verwirrung und Trauer wieder.
    Und das tat mir im Herzen weh. Ich bekam ihn nicht mehr aus meinem Kopf und ich begann, zu weinen.
    Ich hockte also alleine dort, meine Beine dicht an meinen Oberkörper gezogen und weinend. Ich weinte nahezu lautlos, doch dies hieß nicht, dass es weniger weh tat. Es linderte die Schmerzen nicht, sondern verstärkte sie nur. Ich hatte nicht die Möglichkeit, meinen Schmerz für ihn herauszuweinen.
    Und während ich dort so schluchzend saß, bildete sich eine weitere Angst in mir. Ich hatte plötzlich Angst, ihn auf eine andere Art und Weise zu verlieren. Wenn ich mich so von ihm distanziere, wird er sich vielleicht auch von mir distanzieren. Was, wenn er das Interesse an mir verliert? Wenn er aufhört, mich zu lieben, weil er denkt, ich würde ihn nicht mehr lieben? Kann ich das zulassen? Ich muss... Andererseits würde ich ihn nur körperlich verletzen... Ich muss mich also weiterhin von ihm fernhalten, selbst, wenn ich damit seine Liebe zu mir riskiere. Wer liebt, muss im schlimmsten Fall auch Opfer bringen. Das wird mein Opfer sein...

    Die Sonne warf ihre ersten Strahlen auf den Urwald und riss mich damit aus dem Schlaf. Müde blickte ich mich um und erkannte Amba dort wach sitzen. Sie hatte heute ihre erste Nachtwache übernommen. Sie schien müde, aber lächelte mich schüchtern an und schaute dann wieder weg. Leise sprach ich:„Amba, du kannst dich jetzt auch noch ein bisschen schlafen legen. Ich bin jetzt wach. Die letzten paar Minuten, in denen die anderen noch nicht wach sind, kann auch ich aufpassen." Überrascht und gleichzeitig verlegen nickte die Inderin nun schwach lächelnd und legte sich augenblicklich hin.

    Es war noch ruhig und ich saß weit von Tae entfernt auf meinem Polster, als sich plötzlich etwas regte. Es war Malou. Sie setzte sich gähnend auf, streckte sich und lächelte dann, als sie mich sah. Schwach lächelte ich zurück, woraufhin die junge Afrikanerin aufstand und sich neben mich setzte. Ich rückte hierbei automatisch zur Seite, damit Malou der Kälte meines Körpers nicht zu nahe kam.
    Doch scheinbar bemerkte die 10-jährige das gar nicht, denn sie blieb vollkommen entspannt und fragte nur leise:„Ich dachte, du hättest die erste Nachtwache und Amba die zweite?" Knapp nickend erwiderte ich:„Ja, so ist es ja auch. Ich bin nur schon wieder eher wachgeworden und habe Amba angeboten, sich noch ne Runde hinzulegen. Ist vielleicht gerade mal 20 Minuten her." Langsam nickte Malou daraufhin und meinte:„Ich hoffe, wir finden Preecha heute. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie habe ich heute das Gefühl, dass wir es schaffen werden. Es ist als wäre das ein Buch, das ich mal gelesen habe und jetzt die Verfilmung davon sehe. Und deshalb kenne ich schon die ganze Handlung. So fühlt es sich eben an. Und ich denke, heute ist der Tag, an dem das alles endet. Ich weiß auch nicht, wieso. Vielleicht habe ich es vorher geträumt oder so. Es fühlt sich einfach nur so an, als würde das alles hier heute enden. Vielleicht finden wir Preecha ja wirklich und er kann uns helfen. Vielleicht finden wir dadurch dann irgendwie einen Weg raus und sind endlich wieder frei." Schwach lächelnd nickte ich, mit meinem Blick auf dem Boden und murmelte:„Ich hoffe, dass es so sein wird. Ich halte es hier nicht länger aus." Mit ihrem süßen Lächeln auf den Lippen sprach das dunkelhäutige Mädchen mit dem Afro nun:„Geht mir nicht anders. Ich bin froh, wenn es erstmal vorbei ist."

    „Morgen, Malou. Morgen, (d/n). Na, gut geschlafen?" Federica war aufgewacht und grinste uns in ihrer gewohnt guten Laune an. Freundlich lächelten wir zurück und Malou erwiderte grinsend und mit ihrer enthusiastischen, kindlichen Stimme:„Guten Morgen, Rica. Ich hab gut geschlafen."
    Auch ich wollte gerade antworten, als ich sah, wie Tae sich einige Meter entfernt von uns aus seinem Schlaf aufrichtete. Verschlafen blickte er sich um, sah mich, lächelte schwach und irgendwie wehmütig und stand dann auf, um zu Lívia zu trotten, welche gerade gähnte.
    Mit den Gedanken voll bei Taehyung antwortete dann auch ich etwas stammelnd auf Federicas morgendlichen Gruß. Etwas verwirrt fragte die Italienerin dann:„Bist du noch müde, (d/n)? Du scheinst mir irgendwie nicht so ganz wach zu sein. Zumindest scheinst du noch nicht ganz gesammelt zu sein." Schnell setzte ich ein erstaunlich echt aussehendes Lächeln auf und versicherte:„Nein, nein. Alles gut. Ich bin nicht so müde. Ich war nur... etwas abgelenkt. Wollen wir vielleicht mal Karo wecken und sie fragen, ob wir was zum Essen sammeln sollen?" Mit einem knappen Nicken stimmten mir die beiden Optimistinnen nun zu und wir gingen sofort zu der noch tief schlafenden Anführerin.
    Ich war erleichtert, dass Rica und Malou mir das so schnell abgekauft haben und nicht weiter nachfragten.

    „Karo, sollen wir schonmal nach etwas zu essen suchen?", fragte Malou die schlafende 15-jährige. Diese murrte nur irgendetwas Unverständliches, woraufhin Federica belustigt noch einmal nachfragte. Nun drehte sich Karo, von ihrer gewohnten Schlafposition auf dem Bauch mit dem nach oben angewinkelten Bein, auf den Rücken, setzte sich murrend auf und blinzelte uns aus kleinen Augen an. Mürrisch sprach sie:„Ja, könnt ihr machen." Gerade wollte Malou nun noch etwas erwidern, da rief Tae aus der anderen Ecke des Lagers:„Ich würde auch wohl mitkommen!" Das wiederum passte mir eigentlich gar nicht in den Kram. Wenn Tae mitkommen möchte, wird er sich wahrscheinlich mit mir unterhalten wollen. Er wird mich ausfragen und ich will ihn nicht anlügen. Nicht so direkt. Außerdem wird er vielleicht wieder versuchen, mich zu küssen oder zu umarmen. Das Problem dabei ist natürlich, dass ich ihm dadurch wehtun könnte. Ich muss mich von ihm fernhalten! Und das heißt, dass ich nicht mit ihm auf Nahrungssuche gehen darf!
    Ich schaute schon etwas verlegen zur Seite und überlegte, was ich als Ausrede sagen könnte, da räusperte sich Karolin plötzlich:„OK, geh ruhig mit, Tae. Nehmt dann bitte auch Amba mit. Sie soll sich endlich ein bisschen mehr integrieren. Sie ist nach wie vor sehr ängstlich und muss lernen, sich als Gruppenmitglied einzufügen. (d/n), du bleibst dann dafür hier. Sonst seid ihr zu viele. Du kannst mir dann ein wenig helfen, den heutigen Weg zu planen." Als ich das hörte, war ich gleichzeitig überrascht und erleichtert, denn so musste ich mir keine Ausrede ausdenken und wirkte Tae gegenüber nicht ganz so ignorant und abstoßend.
    In Taes Gesicht hingegen sah ich wieder diese aufblitzende Enttäuschung, welche allerdings nach einigen Sekunden wieder verflog, als Malou gut gelaunt zu ihm gehüpft kam und ihn mit sich zog.

    „(d/n), kommst du?"
    Malou, Federica, Amba und Tae waren vor 5 Minuten aufgebrochen und ich stand noch mitten im Lager. Karolin rief mich, scheinbar nun den Plan anfertigen wollend. Schnell ging ich also zu ihr und achtete stets auf einen gewissen Abstand zwischen uns. Karolin hingegen kam etwas näher zu mir und bedeutete mir per Kopfnicken, ihr zu folgen. So tat ich es auch, bis wir am Rande des Lagers standen, wo man gleichzeitig eine gute Sicht über das Geschehen hatte.
    Dort blieb die Anführerin stehen, schaute mir direkt ins Gesicht, lehnte sich seelenruhig gegen einen Baum und begann:„Was ist los mit dir?" Verwirrt fragte ich beinahe etwas eingeschüchtert:„Was meinst du?" Seufzend erwiderte Karo nun mit leicht gedämpfter Stimme:„Ich denke, du weißt, was ich meine. Du benimmst dich seltsam. Ich habe das Gefühl, du versuchst, uns allen etwas aus dem Weg zu gehen. Vor allem Tae. Du bist total gedankenverloren und sprichst kaum. Außerdem habe ich dich heute Nacht weinen gehört. Also, was ist los mit dir? Ich merke, dass dich irgendetwas bedrückt oder beschäftigt. Und jetzt sag nicht, es sei nichts und ich bilde mir das nur ein. Wir beide wissen, dass das nicht stimmt." Leise seufzte ich nun, senkte meinen Blick und öffnete meinen Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber doch wieder. Erst nach einigen Sekunden versuchte ich dann, dem Thema etwas auszuweichen:„Hast du mich nur deshalb nicht mit den anderen mitgehen lassen? Damit du mich hier ausfragen kannst?" Ruhig erwiderte das eher kleine Mädchen mit dem dunkelbraunen Haar, welches jedoch eher schon wie eine richtige Frau aussah:„(d/n), das soll kein Verhör oder so werden. Und ja, ich habe dich nur deswegen gebeten, hierzubleiben. Aber, worum es geht... du benimmst dich einfach anders als sonst. Ich weiß nicht, womit das zu tun hat und du musst mir auch nichts sagen, wenn du es wirklich nicht willst, aber ich denke, es könnte uns allen weiterhelfen, wenn du dich uns einfach anvertraust. Weißt du, wenn du irgendwelche Sorgen hast, schwächt es in erster Linie natürlich dich, aber ebenso schwächt es auch uns alle. Wenn auch nur einer aus der Reihe tanzt, bricht die ganze Choreo zusammen. Und wenn du irgendwelche Probleme hast, solltest du auch mit uns darüber reden. Du musst auch nicht zwangsläufig mit mir reden. Ich denke, es fällt dir möglicherweise viel einfacher, es Federica oder Tae anzuvertrauen. Wichtig ist nur, dass du nichts in dich hineinfrisst."
    Leise seufzte ich nun und überlegte tatsächlich für einen Moment, ob ich Karolin einfach alles erzählen sollte. Ich wusste, dass sie recht hatte. Es würde guttun, all die Sorgen loszuwerden. Außerdem war Karolin eine Person, die sich um Probleme kümmerte und sie nicht einfach unter den Teppich kehrte. Sie war verantwortungsbewusst, mitfühlend, verständnisvoll und eine gute Zuhörerin, die sich dann auch wirklich etwas überlegte, um helfen zu können. Sie besprach Probleme offen, wenn auch nicht ihre eigenen, und versuchte, dafür eine Lösung zu finden. Und obwohl ich wusste, dass die körperlich als auch geistig weit entwickelte 15-jährige mir hätte helfen können, entschied ich mich gegen sie. Ich entschied mich dafür, weiterhin zu schweigen und zu lügen. Ich wollte niemanden unter Druck setzen und auch wollte ich nicht zeigen, dass ich eine Gefahr darstellte. Ich weiß nicht, ob ich mich damit eventuell sogar selbst schützen wollte. Denn gewissermaßen schlummerte in mir auch diese Angst, verstoßen zu werden, wenn sich herausstellte, dass ich eine Gefahr darstellte.
    Somit antowortete ich mit einem schwachen Lächeln:„Ich weiß, was du meinst, Karo. Und ich kann nicht abstreiten, dass du vielleicht sogar recht hast. Ich benehme mich anders als sonst. Aber ich kann trotzdem versichern, dass du dir keine Sorgen machen musst. Ich denke momentan einfach nur viel über all das hier nach und ich mache mir Sorgen, dass wir hier vielleicht nicht alle rauskommen. Ich denke, in solchen Zeiten brauche ich sehr viel Zeit für mich. Ich muss einfach gut über alles nachdenken können und so. Weißt du, was ich meine?" Verständnisvoll nickend lächelte Karolin nun schwach und sprach:„Ist schon in Ordnung. Ich verstehe das. Auch sehr gut. Das nächste Mal sprichst du vielleicht einfach mit einem von uns. Und... sollte noch etwas sein, natürlich auch. Denn... wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass das, was du mir da gerade erzählst nicht ganz die Wahrheit ist. Ich glaube, dass da noch mehr hintersteckt. Du hast mich entweder angelogen oder nur sehr kleine Teile vom Ganzen erzählt. Das ist auch in Ordnung. Du brauchst mir nicht alles erzählen. Du sollst einfach nur wissen, dass wir alle für dich da sind und dich jederzeit unterstützen." Etwas überrascht davon, dass Karolin mir meine Erzählung nicht abgekauft hatte, schaute ich sie still an, nickte dann nur und lächelte leicht:„OK, werde ich machen. Danke, Karo."

    93
    Knapp nickte Karolin und sprach ruhig:„Gut. Dann kannst du jetzt gehen." Zögerlich fragte ich:„Was ist mit dem Plan, wo wir heute langgehen?" Belustigt schmunzelte die Anführerin und meinte:„Glaubst du wirklich, ich würde einen Plan entwerfen, wo wir langgehen? Ne, ganz sicher nicht. Wir gehen da lang, wo es uns gerade passt und, wo wir noch nicht waren, ganz einfach. Ich hab noch nie wegen sowas einen Plan erstellt. Da fange ich jetzt auch nicht mit an. Ich wollte nur nicht vor allen sagen, dass du dich komisch benimmst." Nachdenklich nickte ich nur, drehte mich dann um und ging zu Juan rüber. Dabei spürte ich jedoch Karos skeptischen Blick heiß auf meinem Körper.

    Tae, Malou, Federica und Amba kamen von der Suche nach Nahrung wieder und verteilten das Gesammelte direkt. Dabei merkte ich sofort, dass Tae mich anstarrte. Als ich dann zurückschaute, lächelte er mich zögerlich an und lief plötzlich zu mir rüber. Vorsichtig lächelte er mich an, hielt sogar bedacht Abstand und hob leise seine Stimme:„Hey, (d/n)... Ich wollte mich entschuldigen, falls ich dir gestern vielleicht irgendwie zu nahe getreten bin. Ich kann verstehen, wenn du mal ein bisschen Ruhe brauchst..."
    Seine Entschuldigung löste in mir eine Art Schmerz aus, denn ich wusste, dass er sich nicht hätte entschuldigen müssen. Ich wäre es gewesen, die es hätte tun müssen. Jedoch kam mir direkt wieder in den Sinn, dass ich mich von Tae, den ich so sehr liebte, fernhalten musste, um ihn zu schützen und so sagte ich in kalter Stimme, ohne weiter darüber nachzudenken:„Jaja, schon gut. Willst du jetzt nicht zu Akiko gehen oder so?" Etwas gekränkt und enttäuscht wirkend senkte Tae den Kopf und murmelte leise:„Ähm... ja, tut mir leid."
    Mit diesen Worten verschwand er auch schon wieder und sofort tobten in mir die Gefühle. Schuld, Trauer, Angst, Verzweiflung und irgendwie auch Wut lieferten sich in meinem Kopf einen richtigen Kampf und zerbombten mein Herz und meinen Verstand richtig. So fühlte es sich zumindest an. Als würden Teile meines Herzens einfach kaputtgesprengt werden und ich fühlte mich leer, verwundet und einsam. Wie ein Soldat, der im Krieg angeschossen und zurückgelassen wurde. Und doch wusste ich, dass ich selbst in diesen Krieg gelaufen war. Es war meine Schuld, dass ich mich so fühlte.

    Die Reise ging weiter und wir liefen immer dicht beieinander durch den Wald. Nur ich hing ziemlich hinterher. Neben mir lief niemand, denn ich hatte mich extra von den anderen entfernt.
    Nur einige Meter vor mir lief Federica neben Akiko und Lívia. Langsam ließ sie sich plötzlich etwas zurückfallen, bis sie neben mir lief. Scheu wich ich leicht zur Seite aus, damit ein Abstand von etwa 2 Metern zwischen uns herrschte. Ich bemerkte, wie Federica mich von der Seite anlächelte und gut gelaunt wie immer sprach:„Hey, (d/n)! Wie geht's dir?" Demotiviert erwiderte ich leise:„Hey, Rica... Mir geht's gut, würde ich sagen. Und dir?" Mit hochgezogener Augenbraue hakte die 20-jährige nach:„Würde ich sagen - hört sich aber nicht sehr glaubwürdig oder überzeugt an. Eher so, als würdest du deine schlechte Laune vertuschen wollen. Mutierst du jetzt zu Karo 2.0 oder was?" Dies schien Karo gehört zu haben, denn sie drehte sich brummig um und murrte:„Nur, weil ich schlecht gelaunt aussehe, muss es nicht heißen, dass ich es auch bin. Außerdem ist das einfach mein normaler Gesichtsausdruck." Belustigt grinste Rica dann und meinte:„Aber jetzt gerade bist du schlecht drauf!" Mit einem minimalen Schmunzeln antwortete Karo nun:„Ja, das mag sein. Aber man muss nicht von jetzt auf immer schließen." Daraufhin kicherte Federica nur und schaute mich wieder an. Leise kicherte sie:„Karo ist wohl immer schlecht drauf, wenn sie so guckt! Also fast immer." Leicht lächelte ich nun und merkte zufrieden, dass Federica wohl vergessen hatte, dass sie vorher noch mit mir gesprochen hatte. So musste ich nicht auf ihre Frage antworten und lief einfach nur schweigend neben ihr her.

    Nach einer Zeit fing Federica dann aber wieder an, ununterbrochen zu plaudern, wobei ich nicht zuhörte. Ich war zu beschäftigt damit, ausdruckslos in den Himmel zu starren und nachzudenken.
    Doch plötzlich kam ich langsam wieder zur Realität zurück. Irgendetwas in mir sagte mir, dass etwas nicht stimmte, was sich bald bestätigte. Auf einmal blieb auch Juan vorne stehen. Neben ihm hielt dann Karolin an, welche sich vorher mit Tae unterhalten hatte. Wachsam schaute sie sich um und warf dann einen Blick zu Juan. Dieser wiederum schaute etwas unsicher in den Wald und sagte dann etwas Leises, was ich von dort aus nicht verstehen konnte. Wenige Sekunden später drehte sich plötzlich Karolin schnell zu uns um und fauchte leise:„Dreht um, jetzt!"
    Doch da war es schon zu spät. Plötzlich trat Irina, die Russin aus Callums Truppe hinter einem Baum hervor und grinste schelmisch:„Na? Wo wollt ihr denn hin?" Erschrocken blickte ich zu ihr und auch alle anderen schnellten herum. Verabscheuend schaute Karolin die Blondine nun an und antwortete in einem giftigem Ton:„Was willst du von uns, Irina?" Belustigt grinste die zickige Frau nun und meinte seelenruhig:„Ich hab gedacht, ich leiste euch mal ein bisschen Gesellschaft und räume hier ein bisschen auf. Ihr seid ein bisschen viel Müll auf einer Stelle." Hasserfüllt blickte unsere Anführerin zurück und wollte gerade etwas erwidern, als plötzlich eine tiefe, kalte Stimme hinter uns ertönte:„Irina, halt den Mund! So geht man doch nicht mit seinen Gästen um."
    Nun trat die Person auch hinter dem Gebüsch hervor. Es war eine dürre, eingefallene Person, blass wie eine Leiche, und mit einem eisblauen, kaltem Blick, der mich am ganzen Körper erzittern ließ - Callum. Angsterfüllt schaute ich zu ihm auf und er hob wieder seine Stimme, belustigt:„Deine Truppe wirkt ja nicht gerade selbstsicher, Karolin. Meinst du wirklich, dass sie es wert sind, sie hier durchzuführen?" Mit fester, verachtender Stimme erwiderte Karo nun selbstsicher:„Halt den Mund, Callum! Geh mit deinen Firmen spielen, wenn dir langweilig ist!" Kalt lächelte der Geschäftsführer aus New York nun, kam langsam näher auf uns zugeschritten und gab plötzlich ein leichtes Handzeichen, woraufhin auch der 12-jährige Finlay aus Irland hinter einem Baum hertrat. Er blickte stolz auf uns hinab, als würde er den Sieg schon in der Tasche spüren.
    Callum starrte uns in der Zeit nur kalt an und sprach dann plötzlich zu seinen Verbündeten:„Meint ihr nicht, dass wir unsere Freunde hier vorne auf eine Tasse Tee einladen sollten?" Daraufhin grinsten Irina und Finlay nur zustimmend und mit einem gehässigem Blick auf den Lippen fragte Callum nun uns:„Feurig heißen Tee oder lieber Eistee? Dazu gibt es Windbeutel." Kurz tat Karolin nun so als würde sie überlegen, bevor sie sicher sprach:„Danke, wir verzichten. Teezeit ist schon lange vorbei." Mit diesen Worten erhob sich dann plötzlich ein Wind, der Callum und Irina kurz zu verwirren schien. Nur Finlay blieb vollkommen besonnen, doch Karo rief laut:„Rennt weg! Juan, Federica, ihr haltet die drei mit mir auf!"
    Erst hatte ich diesen Befehl nicht so ganz wahrgenommen, bemerkte dann jedoch, wie alle, die nicht aufgefordert wurden, sich zu verteidigen, wegrannten. Schnell und nicht wirklich realisierend, was passierte, rannte ich nun hinterher. In der Zeit hörte ich nur, wie weiter hinter uns scheinbar Juan seine Kraft nutzte und auch laute Befehle von Karolin konnte ich vernehmen.

    Doch auf einmal sah ich aus dem Augewinkel hinter mir einen blauen Strahl und hörte folgend einen dumpfen Aufprall und erkannte, dass Malou hingefallen war. Amba lief knapp hinter ihr, doch, statt ihr zu helfen, lief sie einfach an ihr vorbei. In der Zeit rappelte sich die 10-jährige Afrikanerin wieder auf und rannte weiter, wobei sie leicht humpelte. Ich wartete kurz auf sie und erkannte dann auch drei weitere Gestalten hinter uns rennen - Karolin, Juan und Federica. In ihren Gesichtern war Hektik, aber aber auch so etwas wie Freude zu erkennen.
    Ein Stück weit liefen wir noch weiter, bis wir an einem Fluss ankamen. Dort blieben wir prustend stehen und ich hörte Karolins Stimme:„Ich denke, wir haben sie abgehängt. Sind alle da?" Kurz sah ich mich um und nickte dann knapp.
    Gerade wollte ich auch mit einem „Ja" antworten, als ich plötzlich Malous dünne Stimme vernahm:„Karolin, ich glaube, ich..." Weiter kam die 10-jährige nicht, denn sie brach plötzlich zusammen. Erschrocken sprintete Karo nun auf sie zu und fragte panisch:„Malou, was ist los?" Doch statt einer Antwort wimmerte das Mädchen nur leise und plötzlich bemerkte ich, dass sich ihr T-Shirt an der Seite tief rot färbte. Auch Karolin bemerkte das, denn sie zog augeblicklich das Oberteil der Afrikanerin hoch, um die scheinbare Wunde zu betrachten. Es war eine tiefe, rissartige Wunde, aus der rotes Blut quoll. Panisch drückte Karolin nun ihre Hand dagegen, um die Blutung zu stoppen und fragte verzweifelt:„Wie ist das passiert, Malou?" Doch das Mädchen antwortete nicht. Sie zog sich nur vor Schmerz zusammen. Stattdessen antwortete wie aus dem Nichts Amba:„Callum hat eine Art Messer aus Eis auf sie geschossen. Es hat sie getroffen..." Ich sah, wie sich in Karolins Gesicht Panik breit machte und auch die anderen waren sichtlich geschockt.

    Auf einmal wimmerte Malou wieder, woraufhin die 15-jährige versuchte sie zu beruhigen:„Alles wird gut, Malou! Amba, können wir noch irgendetwas tun?" Doch Amba schüttelte nur den Kopf und leise sowie qualvoll räusperte sich auch Malou:„Karolin, ich werde sterben..." Laut und mit Panik in der Stimme sagte Karo:„Nein, das wirst du nicht!" Aber Malou hustete schwach:„Karo... Doch, das werde ich. Lass gut sein. Geh mit den anderen weiter, bevor Callum und so euch finden!" Daraufhin schüttelte die Anführerin strikt den Kopf und sprach mit zittriger Stimme:„Nein, wir werden dich nicht alleine lassen! Das ist die erste Regel!"
    So langsam hörte Malou auf, zu wimmern und ihr Atem wurde immer langsamer und ruhiger. Panisch und angsterfüllt schrie Karolin nun:„Malou, bleib bei mir! Sag irgendetwas!" Doch es kam nichts. Malou schloss nur noch die Augen und plötzlich ertönte dieses grauenvolle Geräusch, der Klang des Todes.
    Mit Entsetzen im Gesicht starrte Karolin den toten Körper der 10-jährigen an und schrie mit Tränen in den Augen:„Nein, Malou! Tu mir das nicht an! Komm zurück!"
    Doch Malou kam nicht zurück. Sie war tot und wir alle standen mit Trauer in den Augen dort, während Karolin sich über den toten Körper des Kindes gebeugt hatte und weinte und schrie.

    Ich weiß noch, dass ich die ganze Situation damals gar nicht realisieren konnte. Ich stand nur teilnamslos und mit Tränen in den Augen dort, während ich mich leerer fühlte als jemals zuvor.
    Malou war tot. Nichts konnte sie zurück ins Leben bringen und ich erinnerte mich nur an das freudige Kind, dass mir an dem selben Morgen noch sagte, sie hätte das Gefühl, heute würde es endlich zu Ende gehen. Doch, was sie wohl nicht geahnt hatte, war, dass es nur für sie ein Ende nehmen würde...

    94
    Seit Minuten standen wir alle einfach nur geschockt und weinend dort, während die tote Malou in unserer Mitte auf dem Boden lag. Karolin war immer noch über sie gebeugt, mittlerweile nur noch leise wimmernd und ihre schlaffe Hand haltend. Die Anführerin hockte einfach nur dort, die Außenwelt ignorierend und nur still auf den leblosen Körper der 10-jährigen starrend. Der Rest schien in dem Moment deutlich gefasster. Zwar trauerten wir alle, aber Karolin sichtlich am meisten.

    „Karo, wir müssen weiterziehen, bevor Callum uns doch noch findet", sprach Juan ruhig, während er sanft seine Hand auf ihre Schulter legte. Doch die 15-jährige reagierte gar nicht. Erst nach einigen Momenten murmelte sie schwach:„Nein, ich werde Malou hier nicht alleine lassen! Ich werde bei ihr bleiben! Ich habe es ihr versprochen! Ich habe ihr versprochen, sie zu beschützen und, dass wir hier gemeinsam rauskommen würden..." Seufzend erwiderte der Spanier nun:„Karolin, ich weiß, dass du sie nicht hier lassen willst, aber es muss weitergehen. Wir müssen für Malou weiterziehen! Regel Nr. 1 ist es, alle zu schützen und Malou können wir jetzt leider nicht mehr beschützen... Also müssen wir uns jetzt in Sicherheit wiegen." Plötzlich hob Karolin nun den Kopf und murmelte in kalter Stimme:„Regel Nr. 1 ist es, alle zu beschützen... Wo wart ihr, als Malou angeschossen wurde? Wie kann es sein, dass 5 Leute nicht mitbekommen haben, dass etwas passiert ist?" Nun sprach sie etwas lauter und diesmal mit sehr gut hörbarer Wut in der Stimme:„Wo wart ihr?" Mit diesen Worten stand sie wütend auf und schaute uns aufgebracht an. Nun blickte sie Amba an und sprach in bedrohlich klingender Stimme:„Du liefst doch hinter ihr... Wie kann es sein, dass du ihr nicht geholfen hast, dass du sie nicht beschützt hast? Sie war die jüngste und es gilt, die jüngeren zu schützen, aber du bist einfach an ihr vorbeigelaufen!" Ängstlich zuckte die Inderin nun zusammen und stammelte leise:„Ich... hatte Angst..." Wütend sprach Karolin nun, während es ihr deutlich Mühe kostete, ihre Stimme unten zu halten:„Achso? Das ist also deine Ausrede? Dass du Angst hattest? Wir alle hatten Angst, Amba! Glaubst du, Malou hatte keine Angst? Es ist und bleibt deine Pflicht, zu schützen! Egal, wie sehr du Angst hast! Aber nein, statt Malou zu helfen, hast du dich dafür entschieden, deinen eigenen Hintern in Sicherheit zu bringen! Hättest du ihr geholfen, wäre sie vielleicht noch am leben! Wegen dir ist Malou tot!" Bei diesen Worten kauerte sich die 17-jährige zusammen und Tränen liefen über ihre Wangen, während die wutentbrannte und gleichzeitig zutiefst traurige Karolin ihr immer näher kam und ihre Stimme immer lauter und bedrohlicher wurde.
    Schließlich zog Juan die 15-jährige von Amba weg und sprach ernst:„Karolin, hör auf! Es ist nicht Ambas Schuld! Jeder andere von uns hätte wahrscheinlich auch so gehandelt." Akiko trat nun auch dazu und verteidigte die Inderin ebenfalls:„Du darfst ihr nicht die Schuld geben, nur, weil du es nicht wahrhaben willst, dass Malou tot ist! Es ist schrecklich, ja. Aber deswegen darfst du nicht einfach nach einem Schuldigen suchen! Das ist nicht sehr vernünftig von dir und zeugt auch nicht gerade von einer guten Anführerin! Denn, wenn Amba Schuld hat, hast du ebenso Schuld! Warum bist du denn nicht an Malous Seite geblieben? Warum hast du überhaupt erst zugelassen, dass sie von Callum getroffen werden konnte? Warum bist du überhaupt auf die Idee gekommen, damals den Berg zu verlassen, um nach Preecha zu suchen? Alles fängt doch mit dir an! Also ist es ebenso deine Schuld wie die von Amba und uns allen anderen!
    Wir alle wissen, dass nicht wir Schuld haben. Weder Amba, noch du, noch irgendwer hier. Es ist nur Callums Schuld und wenn man es ganz genau nimmt, dann die von Hisoka!"
    Daraufhin schien die Österreicherin sich etwas zu beruhigen und der Schmerz spiegelte sich wieder in ihren Augen und sie schwieg. Akiko sprach nun wieder:„Es muss irgendwie weitergehen... Wir werden Malou mitnehmen, ihr eine angemessene Stätte bereiten und dann werden wir weitersehen. Aber erstmal müssen wir hier weg..."

    Akikos Plan wurde in die Tat umgesetzt. Karolin nahm Malous schlaffen Körper auf ihren Rücken und wir gingen unter Akikos Führung weiter.
    Ich lief alleine, weiter am Rand und trauerte. Ich konnte das alles immer noch nicht richtig realisieren und ich konnte einfach nicht Malous Worte vergessen. Es fühlt sich einfach nur so an, als würde das alles hier heute enden. Ich bin froh, wenn es erstmal vorbei ist... Bei diesen Gedanken traten mir sofort wieder die Tränen in die Augen. Sie hatte irgendwie recht. Heute endete alles, jedoch nicht für uns alle, sondern nur für sie... Sie sagte, sie freue sich, wenn es vorbei ist... Ist sie jetzt vielleicht sogar glücklich?
    Ich vermisste das Mädchen sofort. Ich sehnte mich nach ihrer guten Laune, ihrer fröhlichen Stimme, ihrer Naivität und ihrem schönen Lachen. All dies fehlte einfach und man merkte sofort, dass es nicht mehr da war. Ohne Malou war es irgendwie leer und traurig, das merkte man sofort. Sie war immer wie das kleine Kind in der Familie, das seine Eltern und Geschwister auf Trab hielt. Sie sprang einst so gut gelaunt zwischen uns her, plauderte und lachte viel, während sie immer irgendwie für uns da war. Sie war so ziemlich die erste, die einen tröstete, wenn man traurig war.
    Nun hing ihr Körper schlaff und leblos auf Karolins Rücken, mit Blut überströmt und kalt. Alles, was auf nur einen Funken Leben in dem Kind hinwies, war verschollen.

    So langsam hielt unsere schweigende, trauernde Gruppe an. Wir standen auf einer kleinen Lichtung im Wald und das Licht schien das kleine Stück in eine Art Nebel aus Licht zu tauchen. Moos bedeckte den Boden und ließ ihn irgendwie gemütlich wirken.
    Hier ließ Karolin das tote Mädchen von ihrem Rücken herunter. Die 15-jährige, welche Malou immer als eine Art kleine Schwester ansah, hatte sie den ganzen Weg über getragen. Sie hatte sich geweigert, dass jemand anderes sie abnahm.

    Nun lag das blutüberströmte Kind dort, in dem weichen Moos und sah beinahe so aus als würde es schlafen. Karolin stand starr da und ihre Augen waren rot vom ganzen Weinen. Leise murmelte sie plötzlich:„Ich möchte, dass wir Malou von dem Blut säubern..." Sofort kam daraufhin Federica zu ihr und reinigte das Kind anhand ihrer Kraft vorsichtig von dem Blut. In der Zwischenzeit suchte Karolin in der Umgebung nach bunten Blumen. Wir alle halfen mit.
    Als wir schließlich Massen an Blumen gesammelt hatten, verteilten wir sie um das Mädchen und legten noch einige Steine um sie, da ihre Kraft die der Erde war.

    So lag Malou nun friedlich dort, umzingelt von bunten Blumen, gewiegt in weichem Moos.
    Auch wir standen um sie herum und wir alle weinten. Karolin hingegen trat nun vor, hockte sich neben das Mädchen, legte ihre zitternde Hand auf Malous stillen Brustkorb und flüsterte etwas Unverständliches. Dann stand sie wieder auf, ging zu Juan, welcher sanft seine Hand auf ihre Schulter legte und noch einige Minuten standen wir schweigend und trauernd da.
    Schließlich sprach Akiko leise:„Wir sollten gehen... Malou wird nun selbst auf sich aufpassen können und auch auf uns wird sie aufpassen..."

    Somit gingen wir dann leise weiter, während Karolin leise neben Juan herlief und immer wieder murmelte:„Ich kann sie doch nicht einfach alleine lassen... Ich habe ihr versprochen, auf sie aufzupassen..."
    Ich lief in der Zeit alleine, trauernd. Ich schwieg die ganze Zeit über und schaute auch nicht auf. Ich wusste dabei, dass Tae mich anstarrte, doch ich ignorierte es einfach. Meine Gedanken blieben bei Malou und dabei, wie sie gestorben war - durch Callum...

    95
    Der Tag neigte sich dem Ende zu und wir hatten den ganzen restlichen Tag nach Malous Tod nicht viel gesprochen. Wir alle waren in tiefer Trauer versunken. Ohne Malou war es einfach nicht das selbe. Es fehlte diese gute Laune, die sie immer ausstrahlte, diese Unbeschwertheit, einfach dieses Kindliche. Und obwohl uns allen die Trauer ins Gesicht geschrieben stand und wir von Minute zu Minute schmerzerfüllter wurden, musste das Leben weitergehen. Es musste wieder „Normalität" einkehren.
    So riefen wir am Abend zur gewohnten Nachtruhe aus. Wir schlugen ein Lager in einer Art kleinem Tal auf und versuchten, dem normalen Lauf zu folgen. Wir bauten uns Polster zum Schlafen und die ersten drei, die damit fertig waren, gingen dann auf die Suche nach etwas zu essen. Das waren in diesem Fall Juan, Federica und Lívia.

    Als später auch ich fertig war mit meinem Kram, setzte ich mich einfach schweigend hin. Auch die anderen sprachen noch immer kein Wort. Karolin hockte mit leerem Blick dort und starrte in den Himmel. Sie sah aus als befinde sie sich in einer ganz anderen Welt. Doch diese Welt schien auch nicht gerade schöner als die reale zu sein. Zwar waren die Augen der Anführerin trocken, doch sie schienen leer. Als hätte man der 15-jährigen etwas genommen, das für sie wichtiger war als ihr Leben. Aber möglicherweise war es so ja auch. Malou wurde ihr und uns allen genommen. Dabei wussten wir alle, dass Karolin Malou schon irgendwie liebte. Sie sah sie als ihre kleine Schwester, die sie beschützen musste. Das lag wahrscheinlich daran, dass die Afrikanerin sie an ihre echte Schwester erinnerte.
    Akiko hatte es sich neben Amba gemütlich gemacht. Sie sah im Gegensatz zu Amba recht geordnet aus. Zwar schaute sie traurig, doch dabei sah sie immerhin noch irgendwie wach und bei Verstand aus. Amba hingegen hatte sich ängstlich in die Ecke gekauert, schaute betroffen und gleichzeitig ebenso angsterfüllt auf den Boden, als fürchte sie, dass sie jeden Moment von jemandem von uns angegriffen werden würde.
    Ich konnte die Inderin in dem Fall sogar gewissermaßen verstehen. Sie war von Karolin ziemlich runtergemacht worden. Die Anführerin hatte ihr die Schuld für Malous Tod in die Schuhe geschoben und schien dabei ziemlich aggressiv.
    Andererseits konnte ich dort aber auch irgendwie Karolin verstehen. Sie wollte einen Schuldigen finden. Sie brauchte einen Grund, einen Sündenbock, der für sie gerade stand. Ich glaube, sie musste einfach irgendwie verstehen können, warum Malou gestorben war und sie brauchte einen erreichbaren Grund dafür. Callum und Hisoka waren nicht erreichbar, also musste Amba die Schuld zugeschoben bekommen. Schließlich hatte auch sie sich nicht richtig verhalten. Sie hätte Malou helfen sollen, als sie hingefallen war und hätte ihr sowieso mehr den Rücken freihalten sollen.Und dennoch hatte Karolin deshalb nicht das Recht, Amba dafür schuldig zu machen. Sie konnte nicht einfach irgendjemandem die Schuld geben, damit sie irgendwie ihre Wut rauslassen konnte. Außerdem kann man nicht verlangen, dass man sein Leben für jemanden opfert. Wenn man helfen kann, sollte man es tun, ja. Aber, wenn man dabei draufgehen würde, sollte man es noch einmal überdenken. Man kann niemanden dazu zwingen, sich selbst zu opfern.

    Doch nun wanderte mein Blick zu Tae und ich sah, dass seiner auch auf meinem lag. Er schaute mich mit kummervollen Augen an. Es war als sehnte er sich danach, einfach zu mir zu kommen und mich in den Arm zu nehmen. Ich erkannte, dass er mit mir reden wollte und, dass er auch jemanden zum Reden brauchte.
    Ich brauchte auch jemanden zum Reden... und dennoch entschied ich mich dafür, ihm nicht anzubieten, mit seinen Sorgen und Gedanken zu mir zu kommen und drehte mich einfach wieder weg.
    Seitdem nun auch Malou tot war, war mir klar, dass ich noch mehr auf Tae aufpassen musste. Diese Kräfte, die sowohl Callum als auch ich beherrschten, waren immenser, als man dachte. Sie konnten sehr viel mehr Schaden anrichten als ich je gedacht hatte. Und da auch ich diese Kräfte hatte und sie im Gegensatz zu Callum nicht beherrschen konnte, musste ich mich weiterhin von Tae fernhalten. Darunter litten wir beide. Wer von uns beiden mehr litt, kann ich nicht sagen.

    Lívia, Federica und Juan kamen wieder und an ihren Gesichtern konnte man erkennen, dass sie sich im Gegensatz zu uns wohl über alles unterhalten hatten. Sie schienen irgendwie etwas befreiter und so als wenn sie nicht mehr ganz so in Trauer versinken würden.
    Federica breitete das Gesammelte schnell vor uns aus und meinte, während sie leicht lächelte:„Wir sind wieder da. Nehmt euch ruhig etwas." Dann wollte sich die Italienerin neben mich setzen, doch ich fragte sie plötzlich leise:„Wie kannst du so gut damit klarkommen, dass... Malou tot ist?" Leise seufzte die 20-jährige nun und sprach dann ruhig:„Ich trauere sehr um Malou und ich komme nicht wirklich gut damit klar. Ich vermisse sie unfassbar doll. Aber ich glaube, dass Malou nicht wollte, dass wir traurig sind. Ich denke, sie möchte, dass ihr Tod uns nicht schwächt, sondern stärkt. Wir wissen nun, dass sie stark sind, aber das wird uns nicht unterkriegen. Ich glaube, sie will, dass wir jetzt kämpfen. Für sie. Und das werden wir. Ich zumindest. Malou soll nicht um sonst gestorben sein und ich weiß, dass sie das auch nicht ist. Malous Körper mag vielleicht tot sein, aber ihre Seele lebt noch. Irgendwo ist Malous Seele nun und passt auf uns auf. Weißt du, ich glaube, dass Malou uns gar nicht verlassen hat. Sie ist nämlich immer noch hier." Bei dem letzten Satz deutete sie auf mein Herz und fuhr dann fort:„Malou wird immer in unseren Herzen bleiben. Sie wird uns nie ganz verlassen und ich meine, irgendwann werden wir sie bestimmt wiedersehen." Schwach lächelte ich und meinte:„Vielleicht hast du recht, Rica. In unseren Herzen wird sie immer bleiben."
    Plötzlich meldete sich auch Amba wie aus dem Nichts:„Außerdem ist Malou bestimmt schon wiedergeboren. Der Kreislauf des Lebens geht immer weiter." Leise seufzte ich auf Ambas Aussage hin und murmelte leise vor mich hin:„Ich weiß gar nicht, ob ich immer wieder geboren werden wollte... So sieht man einander doch vielleicht nie wieder..."

    96
    Die Nacht war feucht und erstaunlich kalt. Das helle Licht unseres Lagerfeuers flackerte in dem seichten Wind. Der Wind war seltsam. Schließlich saßen wir unter hohen Bäumen, auf einer windgeschützten Lichtung und auch weiter um uns herum waren die Blätter der Bäume still und gaben kein Anzeichen von Wind. Die frische, beinahe unangenehme Luft musste also einen anderen Ursprung haben und ich wusste auch, welcher es war.
    Karolin erzeugte den Wind durchgängig mit ihrer Kraft. Er war nicht sonderlich doll, aber dafür kalt. Ich denke, Karolin nutzte den Wind als eine Art Auslass von Trauer. Denn, wie ich schon lange bemerkt hatte, ließen sich die Kräfte, zumindest meine, über Emotionen steuern. Wenn ich so darüber nachdenke, war das wohl auch der Grund, weshalb ich diese ausgehende Kälte von mir nicht unter Kontrolle hatte. Ich konnte meine Emotionen auch nicht kontrollieren - nicht mehr...
    Ich war geplagt von Angst, Trauer und auch Wut. Doch ich glaube, die Angst war letztendlich die Emotion, die meine Kräfte so unkontrollierbar machte.

    Wir alle waren noch wach und saßen um das Feuer verteilt, bei ihm nach Wärme suchend. Es war still und niemand unterhielt sich. Mir war auch aufgefallen, dass sich plötzlich irgendwie ganz andere kleine Grüppchen gebildet hatten als sonst. Akiko und Juan saßen beieinander, Amba hatte sich zu Federica gesellt. Tae saß direkt neben Karolin und beide starrten mit leerem Blick in das Feuer. Lívia war eher alleine, aber noch am ehesten bei mir. Das wiederum war jetzt nicht sonderlich außergewöhnlich, da die Brasilianerin sowieso meist die Einsamkeit oder wenigstens Ruhe genoss. Sie mied oft Kontakt zu anderen Menschen. Asozial war sie keinesfalls. Ich denke, sie fühlte sich einfach, ähnlich wie auch Karolin, nicht so ganz wohl unter vielen Menschen.

    Doch auf einmal rutschte die 13-jährige näher an mich ran, lächelte schwach und meinte:„Hey, (d/n). Wie geht es dir?" Überrascht erwiderte ich:„Naja, ich würde sagen, den Umständen entsprechend. Warum fragst du?" Etwas verlegen wirkend erklärte die nun Jüngste in der Truppe:„Naja, ich wollte ehrlich gesagt einfach nur etwas Smalltalk führen. Diese ständige Stille ist nicht so meins. Und jetzt sag nicht, dass ich doch sonst auch nicht viel rede! Ja, denn da hast du recht. Ich rede nicht viel und genieße es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, aber ständige Stille mag ich dennoch nicht. Sie wirkt auf mich unnatürlich. Ich meine, ich komme aus Rio. Da ist ständig etwas los. Ich bin es nicht anders gewohnt, als dass sich Leute unterhalten." Mitfühlend lächelte ich schwach und murmelte:„Das kann ich gut verstehen. Ich persönlich denke auch, dass uns allen die Stille nicht gut tut. Die Stille ist geschaffen, um in ihr nachzudenken und wir sollten gerade vielleicht nicht nachdenken..." Zustimmend nickte die Brasilianerin nun und als ich mich so umschaute, bemerkte ich, dass nun auch die anderen wieder anfingen, sich zu unterhalten. Als wenn sie nur einen Vorläufer gebracht hätten, der vorangeht. Auch Lívia war dies nicht entgangen und sie lächelte zufrieden:„Geht doch..." Schwach lächelte ich und murmelte plötzlich leise:„Irgendwie ist es seltsam. Es haben sich auf einmal komische Grüppchen gebildet. Ich meine, wann haben Juan und Akiko sich schonmal vorher richtig unterhalten? Oder Federica und Amba? Auch Tae und Karolin sind sonst nicht das am häufigst anzutreffende Paar..." Leicht nickte Lívia nun und meinte leise, während sie ruhig die anderen anschaute:„Ich glaube, dass Malous Tod uns alle sehr aus der Bahn wirft und wir versuchen, dies zu verdrängen. Wir wollen irgendwie die Erinnerungen so verdrehen, dass Malous Fehlen nicht mehr so auffällt. Wenn also Karolin früher immer mit Juan und Malou unterwegs war, versucht sie, diese Erinnerung mit den beiden zu verdrängen, indem sie eine neue mit einer ganz anderen Person schafft. Weißt du, was ich meine? Es ist alles anders als vorher und wir wollen es so verdrehen, dass wir diese Erinnerungen nicht mehr mit Malou verbinden können. Ich denke, wir brauchen einfach eine Abwechslung..." Nachdenklich nickte ich und sprach:„Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Es ist alles anders als sonst..." Gedankenverloren nickte das Mädchen wieder nur und ich merkte, wie ihr Blick an Karolin und Tae heftete, wie es auch meiner tat.
    Plötzlich räusperte sich Lívia leise:„Mich wundert ja, dass Tae nicht bei dir ist..." Darauf antwortete ich nicht und das Mädchen hakte nach:„Irgendwie benehmt ihr zwei euch in letzter Zeit sowieso komisch. Ich habe das Gefühl, ihr geht euch aus dem Weg. Hat das einen Grund?" Seufzend senkte ich den Blick und murmelte kaum hörbar:„Du hast recht. Wir gehen uns aus dem Weg... Aber es liegt nicht an ihm, sondern an mir..." Ruhig schaute Lívia mich nun an und fragte in einem weder forderndem noch neugierigem Ton:„Wie muss ich das verstehen?" Zögernd schaute ich auf und war kurz davor, ihr einfach alles zu erzählen, log dann aber plötzlich schnell und unbedacht:„Ich glaube, das zwischen uns ist einfach nicht das, was ich dachte, was es wäre..." Überrascht hob die 13-jährige nun die Augenbrauen und fragte leise, damit es sonst niemand hörte:„Also meinst du, dass du ihn doch nicht liebst?" Mit gesenktem Blick und hauchdünner Stimme log ich wieder:„Ja, ich glaube das ist es... Er ist einfach nicht der Richtige..."

    Total überrascht und auch etwas sprachlos schaute mich die Teenagerin zuerst an, kam dann jedoch ziemlich schnell wieder zur Sprache:„Wenn das so ist, dann ist es eben so. Du kannst dich selbst ja nicht dazu zwingen, jemanden zu lieben. Manchmal passt es eben einfach nicht. Letztendlich zählt doch, dass du glücklich bist und, wenn du das mit ihm wirklich nicht bist, dann solltest du dazu stehen. Aber... wann willst du es ihm sagen?" Betroffen schaute ich auf den Boden. Es tat mir weh, mich selbst anlügen zu müssen. Ich liebte Tae mehr als alles und jeden anderen auf dieser Welt. Und dennoch wusste ich, dass ich tun musste, was ich da tat. Diese schnelle, unbedachte Lüge, die ich dort erzählt hatte, um eine Ausrede zu haben, entpuppte sich für mich plötzlich als die beste Möglichkeit, um Tae zu schützen. Ich sah sie als eine Art Chance und diese wollte ich ergreifen. Naja, von „wollen" kann man nun auch nicht wirklich sprechen, aber ich wusste, dass ich sie ergreifen MUSSTE, um Tae zu schützen.
    Leise antwortete ich nun endlich schwach und leise wie ein verwundetes Tier, das versucht, sich gerade noch zu retten:„Ich weiß nicht. Vielleicht werde ich es ihm morgen sagen... Morgen werde ich mich von ihm trennen und ihm sagen, dass ich ihn nicht liebe..."

    Dieser Moment, als ich diese Wörter aussprach, zerbrach mir das Herz. Es fiel mir unfassbar schwer, diese Worte über die Lippen zu bringen, weil ich wusste, dass sie nicht von meinem Herzen kamen. Sie waren eine Ausgeburt meines Verstandes, der mir einredete, dass dies die einzige Möglichkeit war, Tae zu schützen. Es war die einzige Möglichkeit die ich sah, um ihn von mir fernzuhalten und somit schließlich auch zu schützen. Ich versuchte später sogar noch, mir selbst zu sagen, dass es die richtige Entscheidung war, dass es besser für uns beide sei. Ich sagte mir selbst, es müsse so sein.
    Ich liebte Tae und ich wusste, dass er auch mich liebte. Deshalb brach mir diese Entscheidung auch das Herz. Doch ich redete mir ein, dass man für Liebe auch Opfer bringen müsse. Dumm war vielleicht nur, dass mein Opfer für die Liebe die Liebe selbst war...

    97
    Mein Körper zitterte, während ich zusammengerollt auf dem Boden in der tiefschwarzen Nacht lag und versuchte, zu schlafen. Doch egal, wie sehr ich mich auch anstrengte, einzuschlafen, es ging einfach nicht. Mir war, warum auch immer, fürchterlich kalt und die ganze Zeit musste ich an Tae denken. Ich vermisste es, in seinen Armen zu liegen, seine Lippen auf meinen zu spüren, ich vermisste sein Lachen und seinen Geruch. Einfach alles an ihm. Zwar war er irgendwie bei mir, doch ich musste mich von ihm fernhalten und das war für mich genauso schlimm als wenn er gar nicht bei mir gewesen wäre. Denn so musste ich ihn jeden Tag sehen und diesen Drang verspüren, ihn zu umarmen, ihn zu küssen, mich bei ihm auszuheulen, aber das alles ging nicht.
    So lag ich dann eben wach dort, während die Kälte meinen Körper schüttelte und mir die Tränen still die Wange herunterliefen. Dies war für mich eigentlich komisch, denn seitdem ich die Kraft des Frostes beherrschte, war mir eigentlich nie kalt gewesen. Ich hatte immer gedacht, die Kälte sei nun ein Teil von mir und gar nicht mehr zu spüren. Letztendlich spürte ich dort wahrscheinlich auch keine physische, sondern eine psychische Kälte...

    Langsam öffnete ich meine Augen und blinzelte in den grauen Himmel, aus dem schwere Regentropfen fielen. Müde öffnete ich meine Augen, welche ich erst vor einigen Stunden geschlossen hatte und setzte mich auf. Ich sah, wie um mich herum auch viele andere wach wurden. Alle, außer Tae und Federica. Diese blieben seelenruhig liegen, als würde der Regen sie gar nicht stören. Karolin hingegen schien der Regen sehr zu stören. Sie schaute brummig drein, doch beschweren tat sie sich überraschenderweise nicht. Stattdessen stand sie nur müde und dabei schwach und beinahe verletzt aussehend auf, um langsam unter einen Baum zu kriechen und sich dort wieder niederzulassen. Auch die anderen und ich robbten weiter unter die Baumkronen, um nicht so viel Regen abzubekommen.

    Die meisten waren wieder eingeschlafen, doch ich konnte kein Auge mehr zudrücken, ebenso wie Akiko. Ich hatte mich also mit einem Abstand von etwa 2 Metern neben sie gesetzt, während sie plötzlich gedankenverloren murmelte:„Irgendwie muss ich die ganze Zeit an den Moment denken, als wir von Callum und seiner Truppe überrascht wurden. Dieser Michal war nicht dabei... Ich frag mich, was mit ihm passiert ist. Gestorben kann er nicht sein, das hätten wir mitbekommen..." Schulterzuckend erwiderte ich:„Das stimmt, er war nicht dabei. Aber vielleicht war er gerade auch einfach nur so nicht dabei. Ich denke nicht, dass es irgendetwas mit Callum oder so zu tun hatte... Es muss einfach Zufall gewesen sein." Leise meinte die Japanerin nun:„Das kann wohl sein... Über Michal wissen wir aber ja sowieso nicht so viel. Alles, was wir über ihn wissen ist sein Name, dass er aus Polen kommt, nicht viel spricht, zu Callum gehört und die Kraft des Schatten beherrscht." Nachdenklich murmelte ich:„Ich finde es irgendwie seltsam. Was möchtest du mit Schatten schon anfangen können? Du kannst doch sozusagen nur Dunkelheit herrschen lassen. Aber was soll das einen schon großartig bringen?" Gleichgültig sprach die 18-jährige:„Was willst du denn schon mit Nebel anfangen, hm? Alles hat irgendeinen Nutzen. Lívia hat uns damals mit ihrem Nebel vor Callum und Co. gerettet, weil sie uns dadurch nicht mehr sehen konnten. Bei Michal und der Dunkelheit ist es doch genauso. Er nimmt uns damit die Sicht. Klar, es ist keine Kraft, mit der man wirklich anfgreifen kann. Es ist eher so eine, mit der man sich schützt. Andererseits, Schatten ist das Gegenstück zu Licht, also zu meiner Fähigkeit. Mich schwächt die Dunkelheit. Das merke ich sogar nachts. Es ist genauso wie dich Hitze schädigt. Deshalb schützt du dich ja auch davor mit deiner eigenen kleinen Kältedecke." Etwas verwirrt schaute ich Akiko an. Meine Kältedecke als Schutz vor der Hitze? Sie meint sicherlich diese Kälte, die von mir ausgeht. Es ist ihr also auch aufgefallen. Sie denkt jedoch, ich würde mich damit vor der Hitze schützen und könnte es kontrollieren. Nein, in Wahrheit kann ich nichts gegen diese Kälte machen. Naja, vielleicht ganz gut, dass sie denkt, ich wolle mich schützen. So fliege ich immerhin nicht auf und werde nicht als Bedrohung gesehen. Als das werde ich nämlich gesehen, wenn sie herausfinden, dass ich die selben Kräfte wie Callum aufbringen kann, mit dem Unterschied, dass ich sie nicht kontrollieren kann...
    Schwach nickte ich nur und murmelte:„Du hast recht."

    Schweigend starrten wir in den prasselnden Regen, als so langsam alle wach wurden. Karolin war erstaunlich wach, dafür, dass sie sonst immer so viel schläft und gar nicht aus den Federn kommt. Auch Lívia, Federica und Amba waren wach. Juan war eher so halb wach und Tae schlief noch, da er die letzte Nachtwache hatte.

    Leise versammelten wir uns etwas und Karolin sprach leise mit etwas heiser oder schwach klingender Stimme:„Akiko, Lívia, ihr werdet gleich mit mir etwas zu essen zusammensammeln. Was der Rest solange hier macht, ist mir ziemlich egal, solange ihr keinen Müll fabriziert."

    In dem Moment wachte plötzlich auch Tae auf und kam auf uns zu. Schnell wünschte er allen eine guten Morgen und lächelte dann mich etwas verlegen an. Ich hingegen wandte den Blick schmerzerfüllt ab und traf stattdessen auf Lívias Blick.
    Die Brasilianerin schaute mich ruhig, aber eindringlich an, in ihrem Blick keine Emotion verratend. Dennoch wusste ich, was sie dachte - Sie wartete darauf, dass ich Tae erzählen würde, dass ich mich von ihm trennen würde.
    Schnell schaute ich daraufhin auch wieder von der 13-jährigen weg, denn ich wusste, dass ich noch nicht dazu bereit war, mich von Tae zu trennen. „Bereit" kann man sowieso nicht sagen, denn ich wusste, dass ich das wohl nie sein würde. Ich wollte mich eigentlich nicht von Taehyung trennen und ich wusste, dass ich es irgendwie auch nicht konnte. Aber ich musste...

    Karolin trommelte gerade Lívia und Akiko zusammen, damit sie jeden Moment aufbrechen konnten. Nervös schaute ich zu ihnen hinüber. Ich wollte nicht, dass Lívia fortging, denn ich wusste, ich musste es Tae sagen, sobald er zu mir kam. Doch ich wollte es ihm auch nicht sagen, wenn Lívia nicht in der Nähe war, denn ich brauchte dafür ihre Unterstützung. Sie war die einzige, die von meinem Vorhaben wusste und ich hatte Angst, die Wörter zu verlieren, wenn sie nicht da war.

    Plötzlich hörte ich eine liebevolle Stimme hinter mir:„Hey, Tomätchen. Hast... hast du letzte Nacht gut geschlafen?" Sofort schnellte ich herum und blickte in Taes dunkle, wunderschöne Augen. Leicht lächelte Tae und ich sah ihm an, dass er mich umarmen oder küssen wollte, sich aber nicht sicher war, ob ich in der Stimmung dazu war. Langsam schaute ich mich noch einmal nach Lívia um. Sie stand mit Karolin in der Mitte des Lagers, während die beiden noch auf Akiko warteten. Ihr Blick ruhte auf mir und ich sah, wie sie minimalst nickte, sodass ich mir gar nicht sicher war, ob es tatsächlich ein Nicken war.
    Aber ich wusste, dass jetzt die Zeit gekommen war. Langsam drehte ich mich also wieder zu Tae um, während ich spürte, wie sich bei seinem Anblick mein Herz zusammenzog und ich erhob leise und zögerlich das Wort:„Taehyung, ich muss mit dir sprechen..." Lächelnd erwiderte dieser perfekte Mann nun sanft:„OK, sicher. Du kannst mit mir über alles reden. Worum geht es denn?" Zögerlich blickte ich ihm in die dunklen Augen, welche mich so voller Liebe anblickten und ich sprach mit zittriger Stimme:„Ich... ich möchte mich von dir trennen..."
    Ich sah, wie das schöne Lächeln sofort aus dem Gesicht des Koreaners schwand und sich stattdessen Fassungslosigkeit darauf breit machte. Verwirrt fragte Tae mit zittriger und schmerzerfüllter, aber lauter Stimme:„Was? Warum? Habe ich etwas falsch gemacht?" Mit gesenktem Blick murmelte ich:„Nein, es liegt nicht an dir. Ich habe einfach festgestellt, dass ich dich nicht liebe..." Plötzlich traten Tränen in Taes Augen und er versuchte, meine Hand zu halten, während er laut und verzweifelt rief:„(d/n), bitte tue mir das nicht an! Irgendeinen Grund muss es doch haben! Bitte sag es mir einfach und ich werde es ändern! Bitte verlass mich nicht! Ich werde alles tun! Sag mir bitte einfach, was ich falsch gemacht habe!" Doch ich zog meine Hand sofort weg, trat einen Schritt nach hinten und sprach in fast brüllender Stimme und mit Tränen in den Augen:„Lass mich! Es tut mir leid, Taehyung. Du hast nichts falsch gemacht, ich liebe dich nur einfach nicht! Ich dachte, ich täte es, aber ich habe mich getäuscht. Ich liebe dich nicht, Taehyung! Akzeptiere es einfach!" Nun senkte ich meinen Kopf und murmelte leise:„Tut mir wirklich leid..." Mit diesen Worten ging ich einige Schritte nach hinten, drehte dann ganz um und verschwand in dem Wald, das Lager verlassend, nach einem Zufluchtsort suchend.

    98
    Ich rannte hinaus aus dem Lager und in den Wald hinein, was mir eigentlich gar nicht erlaubt war, während mir die Tränen in den Augen standen. Ich wollte einfach weg. Weg von Tae, der versuchte, mir zu entlocken, warum ich mich von ihm trennte. Weg von allen, die sich um uns versammelt hatten, dessen verwirrten Blicke ich auf meinem Körper spürte. Ich konnte dort nicht bleiben, nicht jetzt. Ich wollte niemanden mehr anlügen von wegen, ich würde Tae nicht mehr lieben. Ich wollte all diese Fragen nicht hören, all diese Stimmen nicht hören. Ich brauchte Ruhe und ich glaubte, diese in dem Wald, fern von unserem Lager zu finden.

    Nachdem ich schon recht weit gerannt war, ließ ich mich an einem Baum nieder. Ich ließ mich regelrecht auf den Boden fallen, an den Baum gelehnt, während die Tränen meinen Augen entronnen. Ich sah immer noch Taes fassungsloses, trauriges Gesicht, welches gar nicht verstehen konnte, warum ich mich von ihm trennte.

    Plötzlich hörte ich Schritte auf mich zukommen und ich hob mit verweintem Gesicht den Kopf, voller Angst, einem Feind in die Arme gelaufen zu sein. Doch sofort erkannte ich ein vertrautes Gesicht - Lívia. Prustend blieb sie vor mir stehen und beschwerte sich in sanftem Ton:„Musstest du unbedingt weglaufen?“ Leise schluchzte ich nur und senkte wieder den Kopf, während Lívia sich nun vorsichtig neben mich setzte, woraufhin ich wieder unauffällig etwas wegrückte. Dennoch glaube ich, bemerkte die Brasilianerin dies und akzeptierte aber, dass ich Platz für mich wollte. Denn statt mir wieder näherzurücken, lächelte sie mich nur schwach von der Seite an und murmelte:„Tja, Liebe ist eine komplexe Sache. Manchmal spürt man sie, manchmal nicht. Und die Liebe bringt einen zum Weinen.“ Nun entstand eine kleine Pause, bevor die 13-jährige ruhig fragte:„Sag mir, (d/n), warum weinst du? Ist es nicht eine Erleichterung für dich, es ihm endlich gesagt zu haben?“ Ich wusste sofort, worauf sie hinaus wollte und blockte schluchzend ab:„Ich möchte ihn nicht verletzen. Es tut mir leid, ihn leiden sehen zu müssen.“ Nachdenklich nickte das nun jüngste Mitglied unserer Truppe und erhob dann wieder sanft die Stimme:„(d/n), ich weiß, es muss sehr schwer für dich sein... aber wir sollten zurückgehen. Die anderen vermissen uns sicherlich schon und wir wollen doch auch nicht riskieren, dass wir Gott weiß wem begegnen. Nicht?“ Immer noch mit Tränen in den Augen hob ich wieder den Blick und schaute Lívia an. Leise schluchzte ich:„Aber ich möchte nicht, dass Taehyung mich weiter darauf anspricht oder so. Ich möchte ihn nicht noch mehr verletzen.“ Knapp nickte das Mädchen nun, als sei das alles kein Problem und meinte:„OK, dann sag ihm das. Aber jetzt sollten wir zurückgehen. Karolin hat mir extra gesagt, ich solle dir hinterherlaufen.“ Schwach fragte ich:„Hat sie noch etwas gesagt? Oder auch jemand Anderes? Zu Tae und mir?“ Kurz zuckte Lívia mit den Schultern und sprach:„Keine Ahnung, ich bin nicht so lange geblieben. Ich meine, alle sahen sehr geschockt und verwirrt aus. Sie haben alle euer Gespräch verfolgen können. Aber sobald du weggelaufen bist, hat Karolin sofort Befehl erteilt, dass ich dir folgen solle und Akiko sollte in der Zeit stattdessen mit Juan und Federica losgehen und was zum Essen suchen. Karolin selbst kümmert sich wohl gerade um Tae.“ Schwach nickte ich, während ich mit leerem Blick auf den Boden starrte. Lívia erhob nun wieder leise und beruhigend das Wort:„Komm, (d/n), wir gehen zurück. Mach dir keine Sorgen um Tae, OK? Er wird von Karolin wahrscheinlich gerade richtig bemuttert, wie man es eben von ihr kennt. Er kann dir auch nicht übelnehmen, dass du ihn eben nicht so liebst wie du es dachtest. Dafür kann er dir keine Vorwürfe machen und ich bin sicher, er wird schon darüber hinwegkommen. Kommst du also?“ Still wischte ich mir meine Tränen weg. Schnell über mich hinwegkommen? Ich weiß gar nicht, ob ich das will. Aber wahrscheinlich ist es auch besser so. Dann muss er nicht so viel leiden und ich brauche irgendwann gar nicht mehr in Versuchung kommen, ihm doch die Wahrheit zu sagen und ihm zu sagen, dass ich ihn immer noch liebe. Dann kann ich schön für immer in meiner Lüge leben und Tae verliebt sich unterdessen bestimmt in Akiko oder so...

    Langsam gingen wir den Weg zurück zum Lager, während wir die ganze Zeit schwiegen. Ich war auch ganz froh drum, denn so hatte ich Zeit, mich etwas zu sammeln. Nur, als wir kurz vor dem Lager waren und ich leicht zögerte, es zu betreten, lächelte mich die Brasilianerin ermutigend an und murmelte ruhig:„Du schaffst das schon!“ Dankbar lächelte ich kurz, seufzte einmal auf und betrat dann still, mit gesenktem Kopf das Lager. Die Futter-Truppe war noch nicht wieder da, weshalb es sehr einsam in dem Lager schien. Nur Amba hockte auf ihrem Polster und ließ Kamille wachsen, während Tae dicht neben Karolin hockte, mit verweinten Augen und Karolin ihn leicht umarmte und ihm leise, aufmunternde Worte zuraunte. Als ich das sah bildete sich kurz so etwas wie Eifersucht in mir, denn in Taes Augen konnte ich sehen, dass ihm Karolins Umarmung guttat und er sich bei ihr irgendwie beschützt fühlte.
    Ich meine, ich konnte Tae verstehen. Auch ich hätte eine Umarmung gebrauchen können und Karolin war zudem eine tolle Ansprechpartnerin. Sie versuchte immer, einem zu helfen, tröstete einen und tat alles, um die Person wieder aufzumuntern. Sie hörte zu und bei ihr hatte man das Gefühl, sie könne einen verstehen. Sie strahlte diese Ruhe und Vernunft aus, die Federica zum Beispiel nicht ausstrahlen konnte. Zwar war auch Rica eine sehr nette Persönlichkeit und ich mochte sie wirklich gerne, aber bei ihr fühlte man sich irgendwie nicht so geborgen wie bei Karolin. Ich denke, die Italienerin war einfach zu aufgedreht und zu viel am Plaudern dazu.

    Leise führte Lívia mich, ohne mich zu berühren an Tae und Karolin vorbei, auf ihr Polster zu, das recht weit am Rand lag. Dort setzten wir uns beide hin und ich schaute mich etwas verwirrt um. Das Lagerfeuer brannte, darüber Wasser in einer Art Topf aus Stein, welchen Malou einmal vor ihrem Tod geschaffen hatte und wo auch die Medizin für Akiko drin gemacht wurde. Leise fragte ich Lívia:„Warum erhitzen sie das Wasser in Malous Topf?“ Als ich Malous Namen in den Mund nahm, spiegelte sich kurz ein leichter Schmerz in Lívias Augen wieder, aber sie antwortete schnell:„Ich denke, Karo macht Tee für Tae. Warum sonst sollte Amba gleichzeitig Kamille wachsen lassen?“ Schwach nickte ich und murmelte:„Stimmt, das ergibt Sinn. Karolin bemuttert ihn ja wirklich richtig...“ Etwa belustigt lächelte die 13-jährige daraufhin und meinte:„Das ist ihre Aufgabe. Sie braucht immer jemanden, den sie bemuttern kann, glaube ich. Kommt bestimmt davon, dass sie auch immer ihre Geschwister bemuttern musste.“ Nun verdunkelte sich Lívias Blick und sie hauchte nahezu:„Und seitdem sie weder ihre Geschwister, noch Malou bemuttern kann, ist wohl Tae ihr neues Opfer. Naja, Opfer kann man es nicht nennen. Man könnte sagen, Tae ist ihr neues Baby.“ Schwach lächelte ich bei der Vorstellung, dass Tae nun Karolins „Baby“ war, aber gleichzeitig überkam mich wieder ein Gefühl von Schmerz und ich murmelte eher zu mir selbst:„Da sieht man mal wieder, wie schnell man ersetzt werden kann...“

    Die Futter-Truppe, wie wir sie nannten, kam von ihrem Sammeln wieder und legten ihre Früchte schnell ab, bevor sie sich wieder in alle möglichen Richtungen verteilten. Federica ging zu Amba, während Juan und Akiko sich auch wieder beisammensetzten. Dabei spürte ich jedoch, wie all ihre Augen auf mich gerichtet waren und es machte mich fürchterlich nervös. In einigen Blicken konnte ich nicht mal etwas deuten. Teils war es einfach nur Verwunderung, bei anderen sah es beinahe nach einem Vorwurf aus, während andere einen so neutralen Gesichtsausdruck hatten, dass man dabei gar nichts deuten konnte. Dies traf bei Akiko zu. Sie blickte mich einfach mit ihren schönen, wachen Augen an, welche im Sonnenlicht glitzerten und sie noch schöner erschienen, doch eine Emotion war in ihnen nicht feststellbar. Ob es sowas wie Wut, Vorwurf, Verwirrung, Freude oder vielleicht sogar Wissen war, kann ich nicht sagen. Ihr Blick schien gleichzeitig so leer und so wach, dass ich überhaupt gar nichts sagen konnte. Alles, was ich wusste, war, dass es mich nervös machte. Nicht nur, weil ich darin überhaupt nichts deuten konnte, sondern auch, weil mich Akiko an sich etwas nervös machte. Es war so wie früher, als ich noch nicht mit Tae zusammen war. Auch dort machte mich die hübsche Japanerin nervös. Der Grund war wahrscheinlich die Eifersucht. Sie war wirklich schön, nett, intelligent und verstand sich gut mit Tae. Sie war diese Art von Mädchen, die eher ruhig war, aber freundlich und das jeder einfach liebte. Der Gedanke, dass Tae nun vielleicht mehr Zeit mit ihr verbringen würde, machte mich gleichzeitig traurig und wütend. Ich denke, dass diese beiden Emotionen zusammengefasst auch die Eifersucht sind. Heutzutage frage ich mich, ob Eifersucht wirklich eine echte Emotion ist, denn ich sah sie immer nur als eine Mischung aus Trauer und Wut. Zumindest war sie das für mich... Aber vielleicht war es auch einfach nur das Gefühl, ersetzt werden zu können...

    Nach dem Essen entschlossen wir uns dazu, weiterzuziehen. Es war klar, dass wir endlich Preecha finden mussten. Auch, nachdem wir all diese unangenehmen Zwischenfälle hatten. Malou war gestorben und ich hatte mich von Tae getrennt. Was sollte noch alles passieren? Würden wir Preecha überhaupt finden oder hatte Akiko recht und er war vielleicht schon lange tot?
    Leise seufzte ich, was Lívias Blick bei mir einfing. Sie fragte ruhig und ohne Neugierde in der Stimme:„Na, worüber denkst du nach?“ Schwach erwiderte ich:„Über alles. So langsam bin ich mir nicht mehr sicher, was ich denken oder hoffen soll. Ist die Hoffnung nicht vielleicht schon verloren?“ In beinahe etwas belustigtem, aber gleichzeitig verärgert klingendem Ton beschwerte sich die Brasilianerin nun:„Argh, du klingst wie Karo! Sei doch nicht so negativ. Ja, es ist viel Schlechtes passiert, aber deswegen ist doch nicht alles schlecht. Da wirst du wahrscheinlich sogar Karo fragen können. Die ist zwar pessimistisch, aber dabei trotzdem nicht weit von der Realität entfernt. Zumindest meistens. Du aber bist es gerade wohl.“ Leise konterte ich:„Meine Oma sagte damals immer, ein Elend komme selten allein. Ich glaube nicht, dass das hier schon vorbei ist.“ Ruhig seufzte die 13-jährige nun:„Das mag ja vielleicht sogar sein, aber dass alle Hoffnung verloren ist, ist doch definitiv übertrieben. Schau mal, bei Akiko dachten wir doch auch alle, die Hoffnung sei verloren. Nur noch Malou sagte immer, sie könne es noch schaffen.“ Schwach murrte ich nun:„Ja und sie musste am Ende dran glauben.“ Daraufhin seufzte Lívia wieder und stellte das Gespräch nun ein.
    Stattdessen schaute sie in die Gegend und auch ich wagte einen Blick nach oben. Es war die selbe seltsame Gruppeneinteilung wie sonst auch seit Malous Tod. Juan und Akiko, Amba und Federica sowie Karo und Tae. Eigentlich war ich sogar ganz froh drum, dass Tae sich mit Karo umgab. Bei ihr brauchte ich keine Sorge haben, dass er sich in sie verliebte, da sie zu jung war. Bei Akiko wäre es da doch noch mal was Anderes gewesen. Außerdem war Karo nicht der Typ dazu, sich zu verlieben. Sie war eher wie eine Art Mutter oder große Schwester, aber nicht wie eine Liebhaberin. Sie schien mir manchmal auch zu kalt dafür zu sein. Klar, wenn es jemandem nicht gut ging, war sie sofort zur Stelle und kümmerte sich sehr liebevoll, aber im ewigen Umgang war sie dann doch manchmal zu kalt und schlecht gelaunt. Wobei es mir doch recht schwerfiel, Karo in der Hinsicht einzuschätzen. Sie schien immer recht emotionslos und so, als könne sie auch theoretisch ohne uns alle leben. Sie selbst sagte, sie glaube nicht an wahre Liebe. Demnach konnte ich mir auch schlecht vorstellen, dass sie überhaupt jemanden wirklich auf diese Art und Weise liebte. Letztendlich kann ich aber auch sagen, dass der Schein doch auch manchmal trügt...
    Dennoch war ich froh, dass Tae bei ihr war und nicht bei Akiko oder auch Federica. Bei Amba hatte ich auch keine Bedenken. Die war zu ängstlich, als dass sie ihrem Herzen folgen würde. Ich wusste, dass Karolin sich gut um ihn auf dieser menschlichen Basis kümmerte. Sie war gut darin, zu trösten und Beistand zu leisten, wie aussichtslos es manchmal auch schien. Das war etwas, das mich immer an der 15-jährigen verwirrte. Sie schien äußerlich so kalt und schlecht gelaunt, aber ich glaube, innerlich war sie ein richtiges Sweetheart, was man schon daran erkannte, dass es ihr Freude bereitete, sich um andere zu kümmern.

    Nach einigen Stunden des Umherirren im Wald, stets auf der Suche nach Preecha, entschlossen wir uns dazu, eine kurze Pause einzulegen. Diese nutzte ich, um mich alleine an einen Baum zu setzen, ein paar kleine Schneeflocken erschaffend und sie durch die Luft tanzen zu lassen, während die anderen sich unterhielten.
    Doch plötzlich tauchte eine Person vor mir auf und ich schaute mit dem traurigem Blick, der schon den ganzen Tag auf meinem Gesicht ruhte, zu ihr auf. Es war Karolin, welche mich schwach lächelnd anschaute und fragte:„Kann ich mit dir reden?“

    99
    Schwach schaute ich die Anführerin an, schon ahnend, was sie mit mir besprechen wollte und nickte leicht. „Ja, ich komme." Etwas dankbar für meine Zustimmung nickte die 15-jährige und bedeutete mir mit einem kleinen Zeichen, ihr zu folgen. So tat ich es auch und verschwand mit ihr ein kleines Stück weit im Wald, nicht weit von dem Lager entfernt.
    Als wir stehenblieben, schaute mich Karolin mit einem ruhigen Blick an und fragte sanft:„Wie geht es dir?" Schnell log ich:„Gut." Seufzend erwiderte die Österreicherin daraufhin:„Wir beide wissen, dass das nicht stimmt. (d/n), es ist vollkommen in Ordnung, sich auch mal nicht so gut zu fühlen. Wichtig ist dabei nur, dass du dann mit jemandem darüber sprichst. Aber das tust du leider nicht. (d/n), ich denke, du weißt, warum ich dich sprechen will." Zögerlich nickte ich und murmelte:„Tae..." Schwach lächelte die Anführerin daraufhin und nickte dabei, während sie begann:„Genau. Unterschied ist, dass du wahrscheinlich denkst, ich würde dir jetzt eine Standpauke oder so halten. Nein, das möchte ich nicht. Weißt du, es ist deine Entscheidung und, wenn du ihn wirklich nicht liebst, dann ist es auch vollkommen in Ordnung. Du kannst dich selbst zu nichts zwingen. Aber, das Problem ist... Ich glaube dir nicht, dass du ihn tatsächlich einfach nur nicht liebst. Ich sehe an deinem Blick, dass es dich schmerzt, von Tae getrennt zu sein. Weißt du, ich habe mich mit Lívia unterhalten. Auch mit Tae. Tae konnte mir sagen, dass du ihm aus dem Weg gingst, noch bevor... Malou gestorben war. Der Punkt, den er einordnen konnte, war ungefähr ab dem Tag, an dem Callum Rafael tötete. Lívia wiederum hat mir erzählt, dass du scheinbar nur Angst hast, Tae noch trauriger zu machen und deshalb selbst so traurig seist. Ich allerdings kann auch dem keinen richtigen Glauben schenken. Es muss irgendetwas passiert sein, da bin ich mir sicher. Ich erinnere mich an die Nacht nach Rafaels Tod. Ich hatte Nachtwache und du bist schweißgebadet aufgewacht, weil du einen Albtraum hattest. Damals wolltest du nicht darüber reden. Möchtest du es vielleicht heute?" Mit gesenktem Blick log ich, während ich so langsam etwas Angst bekam, Karolin könne es herausfinden:„Der Traum hat damit nichts zu tun. Wenn ich's dir doch sage... Ich habe einfach realisiert, dass ich ihn nicht liebe. Nicht auf diese Art. Das muss aber nicht heißen, dass er mir egal ist. Deswegen möchte ich ihn auch nicht noch trauriger machen..." Nachdenklich nickte Karo nun und hob dann wieder ihre Stimme:„Wenn ich ehrlich bin, glaube ich dir nach wie vor nicht... Weißt du, du musst mir nichts erzählen. Ich glaube nur, dass es dir helfen würde und... ich wollte dir noch sagen, dass Tae dich wirklich liebt. Er vermisst dich. Wenn du also etwas zu sagen hast, dann tue doch auch ihm den Gefallen und sprich mit mir darüber. Komm einfach, wenn du denkst, dass die Zeit dazu gekommen ist. Ich bin jederzeit zur Verfügung." Schwach lächelte das Mädchen nun:„Wir beide wissen, dass du ihn wohl noch liebst..."Mit diesen Worten wollte Karolin gehen, doch ich hielt sie noch einmal auf, indem ich fragte:„Wie geht es Tae?" Irgendwie etwas zufrieden wirkend meinte Karo:„Ich wusste, du würdest das fragen. Naja, ich würde sagen, ihm geht es nicht gerade gut, um ehrlich zu sein. Das alles macht ihm sehr zu schaffen. Er ist wirklich traurig, (d/n). Er liebt dich von ganzem Herzen, das merkt man. Und, wenn ich das sage, dann ist es auch so. Ich bin hier die, die eigentlich nicht an wahre Liebe glaubt, aber in eurem Fall könnte es nah dran sein. Sei so schlau und mache es nicht kaputt..." Leise sprach ich, während sich wieder Tränen in meinen Augen bildeten:„Du passt für mich auf ihn auf, oder?" Lächelnd nickte Karo daraufhin, während sich in ihren Augen so etwas wie Mitgefühl breitmachte:„Ja, das mache ich. Aber, (d/n), du kannst jederzeit selbst wieder auf ihn aufpassen. Du musst einfach nur etwas offener sein, OK? Ich werde darauf warten und solange werde ich auf ihn aufpassen, keine Sorge. Aber es ist ja auch nicht so, als wärst du nicht mehr da oder so." Mit diesen Worten drehte Karo um und ging zurück in das Lager. Ich verharrte noch einen kleinen Moment dort, kam dann aber nach.

    Die kleine Pause sollte beendet werden und wir gingen wieder weiter. Erneut in unserer neuerdings gewohnten Aufteilung.
    Ich lief weiter hinten mit Lívia, während Karo und Tae weiter vor uns liefen. Irgendwie entstand ein kleines Lächeln auf meinem Gesicht, als ich zu den beiden rüberschaute. Ich wusste, dass Karo ihr Versprechen halten würde und sich gut um ihn kümmern würde. Sie war eine gute Freundin. Alleine der Fakt, dass sie sich so viel Zeit dafür nahm, mit mir zu sprechen, vorher noch nachzuforschen und dann auch noch für mich für Tae dazusein. Dennoch machte mich der Gedanke, dass sie für Tae da war und nicht ich, traurig. Ich fühlte mich schlecht. Ich liebte Tae und wollte für ihn da sein, aber ich wusste, dass ich nicht konnte, weil ich Tae vor mir beschützen musste. Doch so langsam ging mir das alles auf die Nerven und ich wollte unbedingt einen Ausweg finden, wie ich diese Kälte kontrollieren konnte. Die Frage war nur, wie ich das hinbekommen sollte. Ich wusste nicht, wie es gehen sollte und die einzige Person, die es wissen könnte, war Callum...

    100
    Ich muss unbedingt diese Kälte in den Griff bekommen, wenn ich irgendwann noch einmal mit einem Menschen Kontakt haben will. Ich möchte nicht für immer lügen müssen und mich von allen fernhalten. Aber das geht nur, wenn ich herausfinde, wie ich meine Kräfte in den Griff bekomme. Aber die Frage ist, wie ich es herausfinde. Nur eine Person hat Erfahrung damit und weiß, wie es geht - Callum. Ich kann ihn aber auch schlecht suchen gehen und fragen. Er würde mich sofort töten. Aber... könnte er das überhaupt anhand seiner Kräfte? Immerhin haben wir die selbe Kraft... Ja, warum sollte er es nicht können? Malou hat er auch getötet, indem er ihr die Seite mit einem spitzen Stück Eis aufgeschlitzt hat.
    Aber er wäre meine einzige Chance. Sollte ich vielleicht? Nein, das werde ich nicht tun. Dann kann ich mich auch einfach gleich von der nächstbesten Klippe stürzen. Ich werde einfach weiterhin Abstand zu den anderen halten und sie, wenn es sein muss, anlügen. Vielleicht bekomme ich es irgendwann ja auch so gebacken...


    Wir irrten weiter umher, ohne eine Spur von Preecha und so langsam schien es so, als würde die Hoffnung verloren gehen.
    Akiko beschwerte sich laut:„Glaubt ihr echt, wir würden ihn noch finden? Wahrscheinlich ist dieser Preecha doch schon lange tot! Wir suchen ohne Ende, aber finden tun wir nichts. Außerdem wissen wir doch noch nicht mal, ob er uns auch wirklich helfen kann. Warum suchen wir überhaupt noch? Wir können uns besser ein sicheres Plätzchen suchen und dort bleiben, bis sie irgendwann alle verreckt sind.“ Federica protestierte nun:„Er wird uns helfen können, da bin ich mir ganz sicher und ich glaube auch nicht, dass er tot ist. Er ist viel zu schlau, als dass er sich von denen umbringen lässt.“ Akiko argumentierte weiter:„Wahrscheinlich war er schlau genug, sich zu verstecken. Warum machen wir das nicht auch? Dann sind wir auf der sicheren Seite und am Ende werden sie doch eh sterben müssen. Mal so ganz nebenbei, wir hätten damals auch einfach auf dem Berg bleiben können und uns wäre nichts passiert. Dann würde Malou auch noch leben! Hatte ich damals nicht gesagt, wir sollen dort bleiben? Malou würde noch leben!“ Die Japanerin wollte weiter vor sich hingiften, doch Lívia unterbrach sie mit strengem Ton:„Akiko, hör auf!“ Kurz verstummte die 18-jährige dann daraufhin, wollte aber gerade direkt wieder widersprechen, doch die Brasilianerin deutete unauffällig zu Karolin, was Akiko dann davon abhielt. Die Anführerin sah nämlich mit leerem Blick auf den Boden, die Hände zu Fäusten geballt und sich auf die Lippe beißend, scheinbar kurz vor dem Weinen, wobei ihre Augen vollkommen trocken schienen. Man sah der 15-jährigen an, dass Akikos Beschwerden in ihr eine Unruhe auslösten und plötzlich öffnete Karo den Mund:„Möglicherweise stimmt es, was Akiko sagt. Vielleicht sollten wir uns einen anderen Plan überlegen...“ Doch Federica meinte mit ernster Miene:„Akiko hat nicht recht. Es muss nicht heißen, dass Malou noch am Leben wäre, wären wir damals auf dem Berg geblieben. Möglicherweise wären dann nämlich wir alle tot, weil sie uns gefunden hätten. Wir dürfen uns jetzt nicht von alten Konflikten beeinflussen lassen!“ Darauf antwortete Karolin nicht, sondern nur Juan, der meinte:„Aber vielleicht wäre ein anderer Plan auch nicht schlecht. Wir können nebenbei Ausschau nach Preecha halten, aber wir können nicht den ganzen Tag damit zubringen, ihn zu suchen, obwohl wir nicht mal wissen, ob er noch lebt.“ Akiko nickte nun zustimmend:„Ja, ich bin auch für einen anderen Plan. Wir können das ja mal demokratisch abstimmen. Wer ist für einen neuen Plan?“ Auf diese Frage hin hoben Juan, Amba, Akiko selbst und erstaunlicherweise auch Lívia und ebenso ich die Hand. Nur Tae, Federica und Karolin hoben die Hand nicht. Federica wollte wahrscheinlich bei ihrem Plan bleiben, aber bei Tae war ich mir nicht sicher, ob er vielleicht nur nicht dafür stimmte, weil Karolin es auch nicht tat. Aber Karolin erklärte nun ihr Verhalten:„Ich werde nicht für einen neuen Plan stimmen, solange kein guter im Raum steht. Ansonsten bin ich offen für alles. Was dann später durchgesetzt wird, ist ne andere Sache. Wenn ihr also alle für einen anderen Plan seid, schlagt doch einfach etwas vor.“ Damit senkten sich die Hände dann wieder und sie schienen zu überlegen. Amba meinte schließlich:„Wie wär's, wenn wir uns einfach verstecken?“ Juan schlug vor:„Wir könnten auch nach Callun und seiner Truppe suchen und versuchen, sie zu töten. Dann wären wir die vom Hals uns könnten hier ganz entspannt durchdümpeln und protestieren, uns gegenseitig umzubringen.“ Lívia erwiderte jedoch:„Bist du behämmert? Dann können wir uns auch gleich in den Selbstmord stürzen. Du glaubst doch wohl nicht, dass wir gegen die ne Chance hätten? Sie sind stärker als wir. Vielleicht könnten wir sie töten, aber dann nicht, ohne mindestens zwei unserer Leben zu lassen und da habe ich ehrlich gesagt herzlich wenig Lust drauf. Wenn ihr mich fragt, könnten wir versuchen, einen Ausweg aus dieser Arena zu finden. Warum verfolgen wir nicht wieder unseren Plan vom Anfang, zum Rand der Arena zu wandern? Dort könnten wir, falls es sowas wie ne Mauer gibt, einfach drunterherbuddeln.“ Nun meinte auf einmal auch Federica:„Oder aber wie bauen uns ein festes Lager mit richtigen Barrieren und so. Wie so eine Burg und von dort aus können wir uns dann auch verteidigen.“
    Karolin, welche sich alles ruhig angehört hatte, meinte jetzt:„Juans Plan ist Schwachsinn. Auch Ricas Plan ist nicht der beste. Fluchtmöglichkeiten würden eingeschränkt werden und sie würden irgendwann unseren festen Standpunkt wissen und uns problemslos überfallen können. Am ehesten in Frage kommt meiner Meinung nach noch Lívias Plan. Würden wir uns verstecken, würden wir Preecha erst recht nicht finden. Hat jemand was Anderes zu sagen?“ Daraufhin antwortete nicht wirklich jemand, woraufhin Karolin dann fragte, ob alle mit dem neuen Plan einverstanden seien. Zwar zeigte sich in den Gesichtern von einigen, dass die mürrisch waren, doch Einspruch erheben tat niemand. Also sprach die Anführerin:„Gut. Dann werden wir nun weiterziehen und zwar zum Rand. Zwar ist auch der Plan sicher nicht optimal, aber besser als nichts tun.“

    So wurde unsere Reise dann fortgesetzt und wir liefen recht still nebeneinander her. Nur Akiko und Juan hörte man zwischendurch, wie sie sich leise unterhielten. Dabei hörte man deutlich heraus, dass Akiko sich über den Plan und Karolin beschwerte. Zwischendurch hörte ich nur einmal sehr leise von Akiko:„Ich glaube nicht, dass wir das Richtige tun. Angefangen damit, dass wir Karolin als Anführerin haben, die für mich manchmal eher eine Diktatur darstellt als eine fähige Anführerin. Egal, was wir sagen, am Ende machen wir eh nur das, was Karolin will...“


    Hey Leute^^

    Hier ist jetzt das 100. Kapitel! Wie einige vielleicht wissen, können nicht mehr als 100 Kapitel geschrieben werden, weshalb ich es wie bei meiner letzten Ff machen werde, nämlich einfach bei Kapitel 100 immer weiterschreiben und da eben dann die richtige Kapitelzahl hinschreiben. Wenn ihr nicht wisst, was ich meine, schaut einfach bei der letzten Ff vorbei. Aber ich denke, es ist verständlich, was ich meine.
    Ich wollte auf jeden Fall nur sagen, dass es hier noch direkt weitergeht, weil ich keine Lust habe, einen zweiten Teil extra zu erstellen.

    Danke übrigens auch noch einmal für euer liebes Feedback und die vielen Aufrufe!^^

    LG Emily W.







    Kapitel 101

    Auf Akikos Bemerkung über Karolin sagte Juan jedoch nichts. Ich wusste also nicht, ob Juan auch ihrer Meinung war oder, ob er es nicht war, aber ihr nicht widersprechen wollte. Aber als ich so darüber nachdachte, beschloss ich für mich, dass sie zwar im entferntesten Sinne recht hatte, aber ich trotzdem nicht ihrer Meinung war. Es stimmt schon, dass wir am Ende das machen, was Karolin will, aber deswegen ist es keine Diktatur. Schließlich hört sich Karolin immer an, was wir sagen und bildet sich daraus dann eine Meinung und geht auch auf jede andere ein. Und wenn mal jemand gar nicht für ihren Plan ist, dann findet sie auch oft einen Kompromiss oder stimmt gerne mal ab. Ich gebe zu, manchmal zieht Karolin ihre Meinung vor und kümmert sich gar nicht um die der anderen, aber das ist ganz selten und meist ist es wahrscheinlich auch die richtige Entscheidung, die sie dann getroffen hat. Außerdem, irgendjemand muss doch die Oberhand übernehmen. Wie sollte es denn laufen, würden wir alle gemeinsam diese Truppe anführen? Es würde nur zu Streit kommen und möglicherweise würden Sachen nicht richtig überdacht werden. Ich bin also wirklich froh, Karolin als Anführerin zu haben. Ansonsten würde es drunter und drüber gehen...

    Stets in eine Richtung laufend schritten wir zum Rand vor. Irgendwie war es seltsam. Jetzt waren wir genauso weit wie zum Anfang auch. Den selben Plan, noch nicht mal so weit fortgeschritten wie am Anfang. Der Unterschied war nur, dass wir nun statt Malou Amba dabei hatten und, dass wir uns alle sehr viel besser kannten als zu Anfang. Wir waren mittlerweile richtig zusammengeschweißt, wie eine Familie. Doch momentan nicht wirklich. Eher wie eine zerstrittene Familie. Und ich war die, die die Unruhe stiftete. Ich hatte mich von Tae getrennt. Damit hatte ich nicht nur meine eigenen Gefühle verletzt, sondern auch seine und Unruhe unter allen ausgebreitet. Niemand konnte richtig verstehen, warum ich das tat und ich wusste, dass viel gemunkelt wurde. Allerdings versuchte ich einfach, dies zu ignorieren und lief weiter neben Lívia. Diese schwieg vor sich hin und schaute mit gleichgültigem Blick in die Gegend. Auch die meisten anderen schwiegen. Akiko war mittlerweile auch verstummt und es redete nur noch Federica mit Amba, welche aber wahrscheinlich kaum etwas von dem, was die Italienerin sagte, verstand. Die Inderin schien zwar zuzuhören und nickte auch leicht, aber an ihrem Blick sah man schon, dass sie keinen Plan hatte, was Rica ihr dort zu erzählen versuchte.

    Auf einmal blieben wir stehen und ich wunderte mich, warum. Als ich nach vorne blickte, erkannte ich den Grund. Eine tiefe, sehr breite Schlucht kreuzte unseren Weg und für einen Moment hatte ich eine Art Déjà-vu. Ich dachte daran, als Malou einmal fast in eine Schlucht gefallen war, Lívia sie gerade noch so retten konnte und wir dann die ganze Schlucht umgehen mussten. Auch Lívia dachte daran, denn sie flüsterte mir zu:„Meinst du es ist die selbe Schlucht wie damals?“ Leicht zuckte ich daraufhin mit den Schultern, während Federica nun laut in die Runde fragte:„Was machen wir jetzt? Die Schlucht überqueren oder umgehen?“ Kurz schien Karolin nun zu überlegen und wandte sich dann an uns alle:„Was meint ihr? Ich weiß nicht genau, ob wir die Mittel dazu haben, die Schlucht zu überqueren.“ Juan nickte nun und sprach ruhig:„Das letzte Mal ist es nicht so gut gegangen. Aber ich könnte es noch einmal versuchen. Schließlich habe ich in der Zeit neu dazu gelernt.“ Kurz schien die Anführerin wieder zu überlegen, nickte dann langsam und meinte:„OK, versuch es!“ Dann drehte sie sich zu Amba und meinte:„Kannst du ein paar Lianen für uns wachsen lassen?“ Kurz ratterte es wohl im Kopf der 17-jährigen, doch dann verstand sie es, nickte leicht und sprach stockend:„Ich werde es versuchen.“ So machten sich dann sowohl Juan als auch Amba an die Arbeit. Es war sehr unterhaltsam anzuschauen. Juan hockte sich etwas hin, legte seine Hand sanft auf den Boden, an den Rand der Schlucht und plötzlich fing die Erde leicht an, zu beben und ein Vorsprung aus Stein erstreckte sich über die Schlucht, wobei Kiesel hinunterfielen. Irgendwie sah das Ganze sehr mächtig aus und es beeindruckte mich. Es war als hätte Juan die Macht über die Erde. Hatte er in dem Sinne ja auch...
    Amba hingegen stellte sich unter einen Baum, hob ihre Hände in die Luft, schloss die Augen und langsam wuchsen lange, kräftige Lianen den Baum hinunter. Dabei hörte man ein leises Knarren. Als die Ranken schließlich bis auf den Boden reichten, senkte die Inderin wieder die Hände und lächelte etwas zufrieden vor sich hin.

    Auch Juan schien mittlerweile sein Werk vollendet zu haben und Karolin sprach geordnet:„Lívia, hol du bitte eben die Lianen vom Baum und Federica, komm hier kurz her!“ Die beiden taten, wie es ihnen befohlen war und als die Lianen auf dem Boden aufkamen, nahm Karolin eine davon, winkte dann noch Juan zu sich und legte die Liane um Federicas Taille, während Juan einen festen Knoten darum machte. Nun band die Anführerin das andere Ende der Liane an einem Baum, nahe der Schlucht, fest und sagte zu Tae:„Bist du so lieb und hälst die Liane zusätzlich etwas fest und passt auf, dass sie sich nicht von dem Baum löst?“ Gehorchend und leicht lächelnd nickte Tae und begab sich direkt zu dem Baum. Kurz blieb mein Blick an ihm hängen, doch ich wandte ihn schnell ab, während Tae versuchte, meinem Blick auszuweichen.







    Kapitel 136

    Das Training ging vorbei und Karolin trommelte alle zusammen:„Habt ihr eure Sachen gepackt?“ Knapp nickten alle, wenn auch etwas unbehaglich wirkend. Zufrieden nickte die Anführerin daraufhin, während sie noch einmal durchzählte, ob auch alle da waren. Kurz darauf brummte sie zufrieden und räusperte sich:„Wie gesagt brechen wir jetzt auf! Nur, um es vorher noch einmal klarzustellen: Es wird niemand zurückgelassen und, wenn wir kämpfen, kämpfen wir zusammen und nicht alleine! Wer eine Pause einlegen möchte, meldet sich und auch sonst wird es gesagt, wenn etwas ist. Ist das angekommen?“ Etwas ängstlich nickten abermals alle, woraufhin sich die Truppe direkt in Bewegung setzte.
    Wir tauchten erneut durch die untetirdischen Wassertunnel, durchquerten die Fallen des Tempels bis wir schließlich in dem gleißenden Sonnenlicht standen. Es war irgendwie seltsam, wieder mit allen an der frischen Luft zu stehen. So lange waren wir in der geheimen Schatzkammer gewesen, welche uns Schutz gewährleistete und uns allen somit die Angst nahm.
    Die Natur hingegen, das wilde Treiben des Urwalds und seiner Bewohner, löste die Angst erneut in uns aus. Denn das Leben über der Erdoberfläche brachte alle Gefahren wieder mit sich. Tiere, Hisokas Gesandte und natürlich Callum mit Finlay und Irina. Und was taten wir? - Wir liefen geradewegs der Gefahr in die Arme.
    Ich fing an, zu zweifeln. (Kursiv) Werden wir nach diesem Aufbruch jemals noch etwas Anderes sehen? Für wen wird die Reise danach zu Ende sein? Ist Callum unser einziger Feind? Was ist mit diesen anderen zweien? Sind sie auf unserer Seite oder sind sie vielleicht doch ein Feind? Wie viel stärker sind unsere Rivalen geworden? Wir werden es mit Sicherheit nicht alle überleben... Warum meint Karo, ausgerechnet jetzt aufbrechen zu müssen?(EndeKursiv)
    Ich bemerkte Tae neben mir, der mich etwas besorgt anschaute und fragte, ob alles in Ordnung sei. Schnell bejahte ich seine Frage, auch wenn ich damit log und schaute dann weiter nach vorne.
    Direkt vor uns liefen Via und Renzo. Die zwei Geschwister liefen dicht beieinander, die jüngere den älteren stützend. Leise murmelte ich den zweien zu:„Geht das so mit deinem Bein, Renzo?“ Etwas verlegen wirkend nickte er lächelnd und behauptete:„Ja, ich schaffe das schon.“ Lívia jedoch brummte:„Ich bin kein Fan davon, dass wir uns nun zum Kämpfen bereitmachen wollen. Sonst schätze ich Karo und ihre Entscheidungen ja sehr, aber in dem Fall denke ich, dass es wirklich keine gute Idee ist.“ Zustimmend nickte ich heftig, nicht gerade überrascht, dass auch die Brasilianerin meiner Meinung war. Die 13-jährige fügte leise hinzu:„Ich habe auch schon versucht, mit Karo zu sprechen, doch sie scheint von ihrem Plan überzeugt zu sein. Sie lässt nicht mit sich diskutierten. Sie meinte nur, entweder sei ich ihrer Meinung und komme mit oder ich sehe selbst zu, wie ich überlebe.“ Überrascht hob Tae eine Augenbraue:„Solche Aussagen passen doch gar nicht zu ihr!“ Stumpf nickte die andere und erwiderte:„Tun sie ja auch nicht, aber Menschen ändern sich manchmal auch. Oder aber sie geben sich nur zu erkennen...“ Leise hakte ich nach:„Denkst du, Karo ist so hinterhältig? Ich vermute, sie hat selbst nur Angst.“ Ruhig erklärte Via:„Ich denke nicht, dass Karo uns töten will oder so, ich denke nur, dass sie die Kontrolle behalten will. Sie ist ein richtiger Kontroll-Freak.“ Darauf antwortete ich nicht mehr, sondern schaute stattdessen, was die anderen machten.
    Jimin und Federica liefen recht gut gelaunt nebeneinander her und hielten dabei wie zwei Kleinkinder Händchen, mit den Armen enthusiastisch schaukelnd. Amba und Michal hingegen liefen schweigend nebeneinander her, hielten jedoch ebenso Händchen. Dabei wirkte die Inderin irgendwie winzig und wie ein Kind, während Michal seine große, gefährliche Ausstrahlung behielt. Hobi lief auf Karos Höhe, direkt neben Juan und Preecha, welche sich ruhig unterhielten. Akiko hingegen lief neben Tau und mir, schwieg aber. Erst, als ich sie ansprach und auf Jimin und Rica deutete, lächelte sie in ihrer hübschen Weise:„Ja, die zwei sind echt putzig zusammen. Sie wirken wie so eine Kindergartenliebe.“ Leise kicherte ich, stimmte der Japanerin aber zu. Auch Tae lachte nun:„Mich wundert es nicht, dass die zwei sich so gut verstehen. Ich meine, Rica hat ja schonmal angedeutet, dass wir ihr mal ein Date mit Jimin besorgen könnten und unser Baby Mochi versteht sich mit solchen Stimmungsbomben sowieso immer gut.“ Ich grinste nur, während Akiko jetzt etwas leiser von sich gab:„Tja, ob das mit dem Date wohl noch etwas wird? Wer weiß, wohin dieser Kampf uns führen wird?“ Bedrückt gab ich zurück:„Tja, da hast du recht. Aber vielleicht sprechen wir Karo auch noch einmal darauf an.“ Zustimmend nickte die andere nur schweigend, mit skeptischem Blick zu der Anführerin.

    Wir waren einige Stunden gelaufen und legten gerade eine Pause ein, da es mit Lorenzos Bein nicht gerade besser wurde. Diese Chance nutzte Karolin, indem sie auf mich zukam und sich erkundigte:„Wie ist es überhaupt mit deiner Kälte? Hast du sie schon im Griff?“ Verlegen und gleichzeitig schuldbewusst erklärte ich:„Naja, wenn ich Preecha berühre, habe ich gar keine Angst mehr, aber sobald der Gedanke aufkommt, auch andere wieder zu berühren, kommt sie erneut hoch...“ Verständnisvoll nickte die 15-jährige und meinte:„Naja, du bekommst das wohl noch hin. Lass dir einfach was einfallen!“ Gehorchend nickte ich kurz und fragte, als Karo schon wieder abdrehen wollte:„Hast du eigentlich einen richtigen Plan? Ich will ja nichts sagen, aber ich bin noch nicht ganz von deinem bisherigen Plan überzeugt.“ Ruhig, aber mit kaltem Blick erwiderte sie:„Ja, ich habe einen Plan. Und du kannst mir ruhig glauben, wenn ich dir sage, dass er gut überdacht ist. Er ist alle mal besser, als weiter in einem dunklen Loch zu hocken und darauf zu warten, dass wir am Alter sterben.“ Leise seufzte ich:„Kannst du den Plan nicht erklären? Ich spreche für alle, wenn ich sage, dass ich mich noch nicht für einen Kampf bereit fühle.“ Kalt brummte die Österreicherin:„Tja, ihr werdet aber für einen Kampf bereit sein müssen!“ Damit wollte sie gehen, doch Akiko, welche mitgehört hatte, hinderte sie daran:„Erwartest du von uns wirklich, dass wir dir in diesen Kampf folgen, ohne Fragen zu stellen? Hast du mal daran gedacht, dass wir Emotionen verspüren? Sowas wie Angst und so? Du kannst nicht einfach denken, wir nehmen alles, was du sagst, so hin! Warum entscheidest du überhaupt darüber, dass wir losziehen? Weil sonst kein besserer Plan kommt oder weil du die Oberhand behalten willst?“ Reglos schaute die jüngere der 18-jährigen direkt in die Augen und sprach:„Nein, das erwarte ich nicht von euch. Alles, was ich vielleicht von euch erwarte, ist ein wenig Vernunft und Verstand! Was sollten wir sonst tun? Willst du das Ganze etwa noch länger auf die Folter spannen? Wir werden auch nicht jünger, wenn wir da unten hocken! Und Akiko, wenn du ein Problem hast, dann sprich es an, aber in einem normalen Ton und nicht in deiner kritisierenden Art!“ Schnippisch antwortete die Hübsche:„Kommst du nicht mit ein bisschen Kritik klar oder was?“ Gekonnt konterte die Jüngere:„Kommst du nicht damit klar, dass jemand über dir steht oder was?“ Spöttisch lachte Akiko und meinte:„Doch, damit würde ich klarkommen, würde die Person Rücksicht auf andere nehmen!“ Ausdruckslos starrte Karo die Japanerin weiter an, trat wortlos einen Schritt näher auf sie zu und sprach in einer unheimlich ruhigen Stimme:„Glaub mir, ich nehme Rücksicht auf die anderen! Ich kenne sie besser als du es jemals tun wirst und ich kann von Sicherheit sprechen, wenn ich sage, dass ihr schon längst tot wärt, wäre ich nicht hier.“ Darauf antwortete Akiko nichts, wissend, dass Karolin damit recht hatte - zumindest mit dem zweiten Aspekt. Sie schaute der Anführerin nur verärgert ins Gesicht, während ich nun dazwischenging:„Wisst ihr, vielleicht können wir das ganz einfach klären. Ihr müsst euch einfach nur aussprechen, dabei aber mal Anschuldigungen außen vor lassen.“ Akiko stimmte etwas brummig zu, während sich jetzt Preecha zu uns durchdrängelte und schelmisch grinste:„Oder ihr macht es auf die altmodische Art: Ihr prügelt euch und der Gewinner wird der neue Anführer!“ Verärgert, aber dennoch irgendwie belustigt über die stumpfe Aussage, boxte ich dem Thai gegen den Arm, woraufhin der nur breiter grinste.
    Karolin sprach in der Zwischenzeit leicht herausfordernd:„Ich habe keine Lust, mich zu streiten. Akiko, komm auf den Punkt und nenne mir mal DEINEN Vorschlag. Wir werden ja sehen, ob dir eine bessere Alternative einfällt.“ Die 18-jährige erläuterte in der Zeit:„Ich habe doch gar nichts gegen den Plan, sondern gegen die Zeit! Du lässt uns viel zu früh kämpfen!“ Wie die Ruhe selbst sagte die Anführerin:„Gut, aber weißt du, wir werden sie doch eh kaum noch heute finden. Etwas Spielraum bleibt uns also und sowieso würde es nichts bringen, noch länger zu trainieren, weil wir damit auch unseren Feinden mehr Zeit geben. Ich dachte, das hätten wir jetzt schon oft genug besprochen! Aber gut. Um einmal in meinem Leben die Position eines Optimisten einzunehmen: Ich glaube schon, dass wir das schaffen können. Wir sind nicht schwach und genauso wenig sind wir dumm. Wir haben eine Strategie und wir haben unsere Kräfte. Wir sind in der Überzahl!“ Darauf gab Akiko dann seufzend nach und irgendwie überkam mich die Trauer. Nicht, weil wir in einen Streit geraten waren, sondern, weil Karolin gerade eine Anspielung auf einen alten Streit gemacht hatte - Malous Tod war schon länger her, doch die Erinnerungen an die Zeit mit ihr waren geblieben. Für Karolin war es in dem Fall die schlechte Erinnerung, als sie mit ihr in einen Streit geraten war. Der Anführerin ist an den Kopf geworfen worden, sie würde alles zu pessimistisch sehen, während sie Malous Optimismus kritisiert hatte. Nun wollte sie sich selbst als Optimisten darstellen und sich davon überzeugen, es tatsächlich zu sein. Dieser Gedanke schmerzte mich, denn ich realiserte, dass Karolin ihr früheres Handeln bereute und sich mehr denn je nach Malou sehnte. In letzter Zeit hatte sie immer mehr Anspielungen auf Malou von sich gegeben und jedes Mal sah ich auch den Schmerz in ihren Augen. Von Tag zu Tag gab sie sich mehr die Schuld an dem Tod der Afrikanerin... War das vielleicht auch der Grund für ihr plötzliches Denken des Angreifen? Wollte sie vielleicht auch nur dem Schmerz entkommen?
    Federica stand nun festgebunden mit der Liane vor der Schlucht, vor der Art Stein-Brücke, die Juan geschaffen hatte und schaute etwas beunruhigt in die Tiefe. Doch Karolin klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter und meinte:„Geh am besten langsam rüber. Und keine Sorge, es wird nichts passieren. Du bist festgebunden und kannst gar nicht fallen. Außerdem sind wir alle hier und passen auf.“ Langsam nickte die 20-jährige nun mutig und betrat dann vorsichtig die Brücke aus Stein. Sie gab unter dem Gewicht der jungen Frau nicht nach und schien sehr stabil. Nur etwas Sand träufelte herunter. Doch davon ließ sich die lockenköpfige Optimistin nicht beirren und lief einfach Schritt für Schritt weiter. Die Liane blieb dabei stets um ihre Hüfte gebunden.

    Nur noch ein paar Schritte und Federica war heil auf der anderen Seite angekommen. Gut gelaunt rief sie hinüber:„Sieht sicher aus. Ich werde die Liane jetzt abmachen und zu euch rüberwerfen, ja? Den Rest könnt ihr sie ja rüberziehen.“ Zufrieden nickte Karolin nun und Rica warf die Liane zurück. Den Rest zogen wir sie zurück auf unsere Seite und Karolin winkte die nächste, Akiko zu sich rüber. Auch diese wurde sicher auf die andere Seite buchsiert. Darauf folgend wurden Amba, Juan und auch Karolin sicher auf die andere Seite gebracht. Karolin, welche schon drüben war, rief nun zu Lívia, Tae und mir rüber:„Eine leichte Person sollte zum Schluss rübergehen, denn dann wird die Liane nicht zusätzlich festgehalten. Je leichter dann die Person ist, umso geringer ist die Chance, dass etwas passiert, obwohl sie ja sowieso schon gering ist. Naja, wie auch immer... (d/n), gehst du dann als letzte rüber?“ Gerade wollte ich die Frage bejahen, da rief Tae rüber:„Sollte Lívia nicht vielleicht als letzte gehen? Ich denke, sie ist leichter. Sie ist ja auch jünger.“ Beinahe etwas beleidigt, wollte ich protestieren, da nickte Karolin schon und meinte:„OK, stimmt wahrscheinlich auch wieder. (D/n), dann geh du jetzt rüber!“ Leise seufzte ich und ging dann rüber, während Tae die Liane festhielt und ich mich etwas darüber ärgerte, dass Tae meinte, ich sei schwerer als Lívia. Das mochte ja vielleicht sogar stimmen, aber ich stellte mir vor, dass Tae es gesagt hatte, um mich zu ärgern oder so.

    Schließlich auf der anderen Seite angekommen gesellte ich mich zu Karolin, welche mir unauffällig ins Ohr flüsterte:„Tae sorgt sich um dich. Er hat Angst, dass die Liane sich bei dir lösen könnte, weil sie niemand mehr festhält...“ Ich wollte gerade meine Vermutung entgegnen, als mir auffiel, dass es tatsächlich sein könnte und irgendwie fand ich es süß von ihm. Dennoch ließ ich mir das nicht anmerken und vertrieb diesen Gedanken auch schnell wieder aus meinem Kopf. Stattdessen sah ich dabei zu, wie Tae nun die Brücke überquerte und Lívia die Liane für ihn festhielt.
    Ganz zum Schluss ging schließlich auch Lívia darüber, während die Liane zwar nicht festgehalten wurde, aber trotzdem noch um den Baum gebunden war. Da aber auch nichts schiefging, war alles in Ordnung.

    Da wir nun alle sicher auf einer Seite waren, wollten wir weitergehen und Karolin klopfte Juan und Amba stolz auf die Schultern:„Ihr zwei habt gute Arbeit geleistet! Eure Kräfte habt ihr gut im Griff. Übt ruhig fleißig weiter, damit wir noch stärker werden!“ Daraufhin lächelten beide stolz vor sich hin, während wir etwas weitergingen, um dann auch wieder eine Pause einzulegen.

    Es war schon wieder recht spät geworden und wir schlugen unser Lager auf. Wir richteten unsere Betten ein, während Lívia, Karolin und Amba auf die Suche nach etwas zu essen gingen. Das kam mir nicht so gut, denn so hatten weder Tae noch ich unsere momentanen Ansprechspartner bei uns. Also waren wir alleine. Dabei spürte ich die ganze Zeit Taes Blick heiß auf meinem Körper. Ich versuchte zwar, ihn zu ignorieren, bekam es aber nicht sonderlich gut hin. Immer wieder schaute ich kurz zu ihm hinüber, woraufhin er dann wieder wegschaute. Ich hatte noch schnell Ambas und Lívias Bett hergerichtet, während Tae das für Karolin machte.

    Endlich kam die Futter-Truppe wieder, lud ihren Kram ab und setzte sich dann auf ihre Betten. Tae hatte das von Karolin extra neben seinem gemacht, damit er sich besser mit ihr unterhalten konnte und nicht so weit von seiner neuen „großen kleinen Schwester“ entfernt war. Ich hatte dafür natürlich auch das von Lívia in der Nähe von meinem aufgebaut. Allerdings natürlich nicht direkt daneben, damit sie nicht mitbekam, wie kalt ich war.
    Akiko hatte zwischen uns einen kleinen Lichtball geschaffen, welcher einfach für etwas Licht in der Dunkelheit sorgen sollte, während wir uns alle unterhielten. Amba und Federica unterhielten sich über Blumen, Juan und Akiko über Lucía, Juans Freundin und Karolin und Tae redeten über ihre Geschwister. Naja, Tae erzählte eigentlich nur die ganze Zeit über seine Geschwister, während Karolin nur kurze Sachen erzählte und lächelte, als würde es sie glücklich machen, dass Tae ihr so voller Tatendrang von seiner Familie erzählte. Lívia und ich hingegen unterhielten uns nicht wirklich. Wir hatten uns nur beide auf unsere Polster gelegt und starrten durch die Baumkronen in die Sterne. Wir genossen einfach die Nacht und ihre Sterne, während ich jedoch an Tae denken musste. Ich durchlebte noch einmal alles, was ich mich mit ihm erlebt hatte. Von den ersten gemeinsamen Tagen der Gefangenschaft in dem kleinen, stickigem Raum, bis Karolin unsere Zweisamkeit störte, bis hin zu dem gemeinsamen Duschen, zu dem Ball, den Hisoka veranlasst hatte und der Arena, in der wir ausgesetzt wurden und uns schließlich lieben lernten. Doch auch erinnerte ich mich an den Moment, in dem ich mich von ihm trennte. Als uns beiden das Pipi in den Augen stand und ich eigentlich nichts lieber wollte als ihn zu umarmen. Bis auf die Trennung waren es alle schöne Erinnerungen und ich sehnte mich dahin zurück. Nie sah ich meine Situation so schlimm wie in diesem Moment. Damals hatte ich immer Tae an meiner Seite. Doch jetzt musste ich ihm aus dem Weg gehen... Niemals in meinem Leben fühlte ich mich so einsam...

    Ich wurde von Karolin als erste Nachtwache eingeteilt, während Federica die zweite übernehmen sollte. Es gingen schon fast alle schlafen und ich saß noch alleine dort, in der Dunkelheit. Doch plötzlich hörte ich, dass sich jemand erhob und zu mir hinüberschritt. Neugierig drehte ich mich um, aber drehte dann auch direkt wieder um. Die Person ließ sich neben mir nieder und erhob leise die Stimme:„(d/n), bitte verscheuche mich nicht gleich wieder. Ich möchte nur mit dir reden und ich werde auch nicht versuchen, dir irgendetwas einzureden. Ich möchte es nur... verstehen. Das ist alles.“ Seufzend senkte ich den Blick und sprach mit Trauer in der Stimme:„Taehyung, ich habe es dir doch schon erklärt. Hast du es denn immer noch nicht verstanden? Ich liebe dich einfach nicht.“ Leise erwiderte der Koreaner nun:„Doch, das habe ich verstanden. Aber ich habe nicht verstanden, warum du mich nicht liebst... Hast du mich überhaupt jemals geliebt?“ Als ich meine Stimme erhob, zog sich mein Herz zusammen, denn ich wusste, dass ich ihn wieder anlog. „Ich weiß es nicht. Liebe ist etwas sehr Kompliziertes und ebenso schwer zu verstehen. Und ich hatte Liebe damals wohl nicht verstanden. Mittlerweile aber schon und ich habe entschlossen, dass das zwischen uns keine Liebe war. Ich mag dich, Taehyung. Aber nicht als festen Freund... Ich weiß, dass du in mir mehr siehst und ich möchte nicht deine Gefühle verletzen, indem wir Freunde bleiben. Denn ich glaube, dass das dann noch viel schwerer für dich wird. Ich denke, es ist am besten, wenn wir uns eine Weile aus dem Weg gehen. So werden wir voneinander abgelenkt... Ich möchte nicht, dass du dich noch schlechter fühlst, weil du andauernd mit mir redest und so. Es ist auch nicht einfach für mich, dich so traurig zu sehen. Also tue mir und ebenso auch dir bitte den Gefallen und verbring deine Zeit nicht mit mir. Karolin ist schon ganz nett. Du solltest dich weiterhin bei ihr aufhalten. Sie wird dich ablenken können, aber ich kann es nicht. Also gehe jetzt bitte schlafen und lass mich in Ruhe. Es tut mir leid, Taehyung...“






    Kapitel 102

    Enttäuscht schaute Tae mich an, nickte aber schwach und murmelte leise:„OK. Du hast wahrscheinlich recht. Es ist besser, wenn wir eine Weile nicht so viel miteinander zu tun haben. Aber, (d/n), ich möchte dir nur noch einmal sagen, dass ich trotzdem da sein werde und auf dich warte. Ich liebe dich, Tomätchen..."

    Mit diesen Worte ging dieser perfekte Mann niedergeschlagen davon, während ich mit Tränen in den Augen in der dunklen Nacht hockte. So gerne wollte ich seinen letzten Satz erwidern, aber ich durfte nicht. Ich hatte es mir selbst verboten. Und jetzt war ich einsam. Einsam in der dunklen Nacht, darauf wartend, dass meine Schicht vorbei war. Mit Tränen in den Augen und einem gebrochenem Herzen...

    Die Schicht ging nach gefühlten Ewigkeiten auch endlich mal vorbei und ich weckte Federica, damit sie die andere Schicht beginnen konnte.
    Sobald die Italienerin wach war, ging ich dann auch ins Bett und brauchte nicht mal zwei Minuten, bis ich eingeschlafen war.

    Verborgen hinter dunklen Gewitterwolken ging die Sonne auf und wurde von einem dunklen Grollen geweckt. Müde schlug ich die Augen auf, beinahe mit Panik gefüllt, da mich das Donnern an Rafael erinnerte, welcher jedoch tot war.
    Lívia, welche neben mir hockte, war ebenfalls schon wach, schien aber deutlich entspannter und beruhigte mich sofort:„Keine Sorge, das ist ein ganz natürliches Gewitter." Überrascht, wie schnell Lívia wusste, was ich dachte, lächelte ich nur etwas verlegen und stand taumelnd auf. Dabei bemerkte ich, dass schon fast alle wach waren. Nur noch Karolin schlief, wie man es bereits kannte. Die Anführerin schlief auf dem Bauch, das eine Bein etwas seltsam nach oben angewinkelt und auf Taehyung gelegt, welcher das Ganze wohl sehr amüsant fand. Den einen Arm hatte Karolin nach vorne ausgestreckt, während der andere Taes Arm wie ein Kuscheltier umschlung und gegen ihre Wange drückte. Die 15-jährige sah beim Schlafen ein wenig aus wie ein süßes Kleinkind.
    Dies schien auch Tae so zu sehen, denn er lächelte belustigt, rüttelte dann sanft an seiner Kumpeline und murmelte sanft:„Karo, stehst du auf? Wir sind alle schon wach." Leise hörte man nun das schläfrige Murren von Karolin:„Nur noch zwei Minuten..." Daraufhin grinste Tae leicht und versuchte erneut, die Schlafmütze zu wecken, indem er sich selbst erstmal von ihr befreite und sie dann sanft kitzelte. Daraufhin schreckte die Österreicherin sofort auf und murmelte verschlafen:„Kitzeln ist unfair..." Nun schlief sie im Sitzen direkt wieder ein und lehnte sich dabei an Tae, welcher nun ein bisschen aussah, wie ein Vater, der seine kleine Tochter ins Bett bringen will.
    Doch Tae weckte sie erneut:„So, Karo. Jetzt steh aber mal auf!" Müde schlug die Anführerin wieder ihre Augen auf, behielt sie erstaunlicherweise sogar auf und stand schwankend auf. Gähnend schaute sie sich dann um und teilte erstmal alle Dienste ein. So wurde ich dann dazu aufgefordert, mit Tae und Juan Nahrung zu besorgen.

    Wir wollten gerade losgehen, da fragte Amba plötzlich:„Darf ich eben auf Klo gehen?“ Verwundert meinte Karolin nun:„Ja, sicher. Darfst du sonst doch auch. Geh nur nicht zu weit in den Wald rein, ja?“ Knapp nickte die Inderin daraufhin zögerlich und verschwand im Wald, um ihr Geschäft zu vollrichten.

    Tae und Juan liefen zusammen vor mir her, während ich alleine hinterhertrottete und unterdessen Ausschau nach bekannten Früchten Ausschau hielt. Mittlerweile wussten nämlich auch wir anderen und nicht nur Lívia, welche Früchte essbar waren und welche nicht.
    Ich kletterte schnell an einem Baum hoch und pflückte einige gelb-orange Früchte. Als ich diese berührte, fiel mir dabei auf, dass sie sofort von einer leichten Eisschicht überzogen wurden und ich bekam beinahe etwas Panik. Nun war die Kälte schon so weit, dass sie auch alles angriff, was ich berührte. Ich versuchte, ruhig zu bleiben und verstaute die Früchte einfach schnell in meinen Taschen, in der Hoffnung, dass das Eis dort wieder schmelzen würde.

    Wir kehrten langsam wieder zum Lager zurück und ich war froh, dass weder Juan, noch Tae mitbekommen hatten, dass die Früchte vereist worden waren. Mittlerweile war das Eis in meinen Taschen auch geschmolzen und die Früchte sahen wieder aus wie immer.

    Im Lager angekommen entleerte ich kurz meine Taschen und wir aßen gemeinsam. Karolin sprach dabei:„Wir werden heute natürlich weitergehen, in die selbe Richtung. Nach dem Essen werden wir sofort weitergehen."

    Tae hatte mich den ganzen Tag über nicht angesprochen, wie ich es ihm gesagt hatte. Stattdessen tummelte er sich hauptsächlich bei Karolin herum, aber zwischendurch auch bei Akiko, was mich direkt wieder eifersüchtig machte. Allerdings versuchte ich einfach, dies zu ignorieren und unterhielt mich mit Lívia, während der Rest gerade den Kram zusammenpackte, damit wir losgehen konnten.

    Wir lagen in den letzten Zügen des Zusammenpackens, als plötzlich Federica sich verwirrt umschaute und laut fragte:„Wo ist Amba?“ Verwirrt blickten wir uns nun alle um und ich erinnerte mich:„Ich habe sie das letzte Mal gesehen, als wir losgehen wollten, um etwas zu essen zu suchen. Sie wollte auf Toilette gehen. Ist sie seitdem nicht wieder aufgetaucht?“ Schwach schüttelte Karolin nun den Kopf und murrte vor sich hin:„Nein, seitdem war sie nicht mehr hier... Mist. Wir müssen sie suchen. Wahrscheinlich ist sie zu weit in den Wald gegangen und hat sich jetzt verirrt oder so. Weiß noch jemand, in welche Richtung sie gegangen ist?“

    Es herrschte große Aufruhe in unserem Lager und alle redeten durcheinander, völlig in Aufregung, weil Amba verschwunden war. Doch plötzlich legte sich eine gewisse Kälte um uns. Wind pfiff leicht um unsere Ohren und auf einmal erhob Lívia laut ihre Stimme:„Karolin!“ Sofort verstummte Karolin, welche gerade mit Juan diskutierte und drehte sich dann um, endlich auch bemerkend, dass etwas nicht stimmte. Sofort wich die Aufregung aus Karolins Gesicht und wurde durch eine gewisse Angst ersetzt. Sie wusste wohl, woher diese Kälte und der Wind kamen, ebenso wie ich auch. Wenige Momente später ertönte auch schon eine tiefe, kalte Stimme, welche mir verhasster war als jede andere. Die große, dürre Gestalt mit der blassen Haut trat hervor und schaute uns aus siegessicheren, eisblauen Augen an. Belustigt hob er seine Stimme:„Na sieh mal an, wer mir da schon wieder in die Arme gelaufen ist. Ihr habt aber auch ein Pech, dass wir euch andauernd finden. Diesmal jedoch war es gar nicht ganz so schwer. Ihr habt uns ja sogar extra eine Brücke zum Überqueren der Schlucht gelassen. Ich muss schon sagen, dass war sehr freundlich von euch. Und eure Freundin hier hat uns dann den Rest gesagt." Er deutete dabei hinter sich. Dort stand Irina und in ihrer Kneifzange hatte sie Amba, welche uns ängstlich anschaute. Angsterfüllt schauten wir sie alle an. Nur in einem Gesicht war eher Wut zu erkennen - Karolin. Sie funkelte Callum aus wütenden Augen an und hauchte nun hasserfüllt:„Du hast Malou getötet." Daraufhin lächelte der aschblonde Mann bösartig und fragte:„Ach, Malou hieß die kleine? Das tut mir wirklich leid. Ich wusste nicht, dass sie euch so wichtig war. Sie war noch recht jung, nicht?" Daraufhin wurde Karolin noch wütender und sprach mit zittriger Stimme:„Du wirst uns nicht noch mehr nehmen!" Mit diesen Worten hob die Anführerin auf einmal ihre Hände und ein starker Wind erhob sich und pfiff dem Anführer der anderen Truppe ins Gesicht, sodass er etwas zurücktaumelte. Auch Irina verwirrte der Wind und sie ließ Amba kurz los. Diese rannte daraufhin sofort weg, direkt auf uns zu. Karolin sprach in der Zeit laut:„Rennt weg, los! Und bleibt zusammen! Juan, wirf du den Boden auf!" Sofort rannten wir dann weg, während Juan sich seine Kraft zu Nutzen machte und den Boden aufwühlte, sodass es schwerer war, uns zu folgen. So rannten wir dann weg, geradezu auf die Schlucht zu, doch auf einmal trat eine Person aus dem Schatten hervor, mit der wir nun nicht gerechnet hatten und versperrte uns somit den Fluchtweg, da wir nicht bei der Brücke waren. Diese hatten Callum und seine Truppe wohl zerstört. Wir waren wie gefangen.
    Der Mann hatte dunkelbraunes, etwas längeres Haar, welches er zurückgekämmt hatte und einen dunklen Blick, während sich unter seinen Augen dunkle Augenringe abzeichneten. Es war Michal. Er schaute uns düster an und meinte:„So schnell kommt ihr nicht davon!" Karolin, welche ganz vorne stand, schaute den jungen Mann nun nachdenklich an, überlegte wohl kurz und meinte dann plötzlich:„Warum hilfst du Callum? Hat er jemals etwas für dich gemacht?" Verwirrt schaute der Pole Karo nun an und antwortete zögerlich:„Nein, aber er ist mein Anführer. Wir sind Verbündete." Darauf antwortete Karo ruhig:„Das nennst du Verbündeten? Ein Verbündeter ist gleichzeitig ein Freund. Das ist er ganz sicher nicht. Er hat Rafael getötet. Er könnte auch jederzeit dich töten. Willst du da also bleiben? Willst du wirklich riskieren, dass er dich tötet? Du denkst vielleicht, das würde er nicht tun. Aber er will gewinnen, Michal. Und dafür wird er alles tun, was er tun muss. Da kannst du dir sicher sein. Er wird auch dich früher oder später töten. Er wird alle töten! Nur so wird er am Ende auch gewinnen. Glaubst du etwa, er würde bei dir eine Ausnahme machen? Nein, er wird uns alle töten. Auch dich. Willst du das wirklich?“ Zögerlich schaute uns der Mann nun an und meinte irgendwann plötzlich:„Du willst nur deinen eigenen Hintern in Sicherheit wiegen! Aber ich denke, dennoch, dass du recht hast. Das muss aber nicht heißen, dass ich euch deswegen gehen lasse!“ Mit etwas nervösem Blick nach hinten, wo auch Callum jeden Moment auftauchen sollte, sprach unsere Anführerin wieder:„Auch du magst vielleicht recht haben. Ich will meinen Hintern in Sicherheit wiegen, ja. Aber nicht nur meinen, sondern auch den der anderen. Du könntest dich uns anschließen. Wir wollen hier alle zusammen lebend rauskommen. Das kannst du auch. Du musst Callum nicht wie ein Schaf folgen, nur, damit du später auch von ihm getötet wirst.“ Nervös schaute Michal sich nun nach hinten hin um, scheinbar überlegend und Karolin sprach wieder auf ihn ein:„Wenn du dich uns anschließt, könnten wir ihn besiegen.“ Nun drehte sich der Pole wieder zu uns um, seufzte kurz und meinte dann:„Na gut. Ohne euch hätte ich sowieso gar keine Chance gegen ihn. Er ist viel zu stark. Töten könntet ihr ihn wahrscheinlich auch nie. Aber egal... Und jetzt rennt!“ Sofort ging er aus dem Weg und rannte auch weiter, an der Schlucht entlang. Karolin rannte auf seine Höhe und schaute sich um, als Lívia plötzlich direkt hinter ihr rief:„Ich weiß, das klingt gemeingefährlich, aber ihr müsst gleich auf diesen Vorsprung bei der Schlucht springen, wenn ich es sage!“ Geschockt schaute ich die 13-jährige nun an und dann auf den Vorsprung. Es war ein Vorsprung auf unserer Seite der Schlucht, jedoch etwa 4 Meter tiefer als wir. Akiko rief ungläubig:„Bist du verrückt?“ Doch Lívia erwiderte:„Vertraut mir einfach!“ Zweifelnd schaute ich nun wieder die Schlucht herunter, während ich nach wie vor rannte, so ziemlich auf einem Haufen mit dem Rest. Nun rief Lívia laut:„Jetzt!“ Sofort sprang ich mit zusammengekniffenen Augen die Schlucht hinunter, gerade auf den Vorsprung. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich erstaunt, dass wirklich auch alle anderen gesprungen waren. Nun zog mich Lívia plötzlich etwas näher zu sich, sodass ich gegen die Felswand gepresst wurde und man mich von oben nicht mehr sehen konnte. Auch die anderen pressten sich gegen die Wand und wir alle hielten unseren Mund, lauschend, als Callum, Irina und Finlay an uns vorbeiliefen, ohne uns zu sehen. In der Ferne hörte ich Callum entrüstet schreien:„Wo ist Michal, dieser Schweinehund?“

    Wir blieben noch eine Weile stehen, bis die Stimmen in der Ferne endlich ganz verstummt waren. Ruhig schaute Karolin sich nun um und fragte leise:„Geht es euch allen gut?“ Knapp nickten alle, woraufhin Karo sich dann an unser neues Gruppenmitglied wandte:„Schön, dass du dich uns angeschlossen hast. Das war eine gute Entscheidung.“ Skeptisch erwiderte der Pole nun:„Nja, wir werden sehen...“






    Kapitel 103

    Juan fragte nun:„Wollen wir ewig hier unten bleiben oder auch noch mal wieder hochgehen?“ Karolin blickte ihn nun an, nickte knapp und meinte:„Ja, sicher. Wir müssen vielleicht nur überlegen, wie wir hier hochkommen. Vier Meter hoch kann ich persönlich nicht springen.“ Federica meinte nun:„Vielleicht machen wir ne Räuberleiter.“ Karolin jedoch schaute nun Amba an und meinte:„Oder wir klettern an Pflanzen hoch. Amba, kannst du dafür sorgen, dass wir da hochkommen?“ Zögernd nickte die Inderin nun und machte sich an die Arbeit. Doch auf einmal fragte Karolin diese:„Wo warst du überhaupt? Wurdest du von ihnen überfallen oder so?“ Bei dieser Frage wurde Amba auf einmal rot und murmelte:„Naja, nicht ganz so... Ich... wollte weglaufen...“ Überrascht starrten wir Amba nun alle an und die Anführerin fragte im Namen von uns allen:„Was? Warum das denn?“ Leise erwiderte Amba nun:„Naja, ich dachte, es wäre zu gefährlich bei euch. Ich meine, die ganze Zeit über wurde ich nicht angegriffen und, als ich dann bei euch war, ist erstmal Malou gestorben. Ich dachte, ich wäre ohne euch vielleicht besser dran. Und, als ihr dann euren Plan geändert habt und zum Rand ziehen wolltet und euch nicht verstecken wolltet, war mir das dann zu gefährlich. Also wollte ich weglaufen und wieder alleine unterwegs sein... Aber dann kamen Callum und seine Leute, nahmen mich gefangen und wollten wissen, wo ihr seid. Sie sagten, würde ich sie zu euch bringen, würden sie mich am Leben lassen.“ Auf einmal wütend hakte Karolin nach, während es sie sichtlich Mühe kostete, ihre Stimme unten zu behalten:„Wie jetzt? Du wolltest weglaufen und hast uns dann verraten, um deinen Hintern zu retten? Ich meine, ich wusste ja, dass du keine Teamplayerin bist, aber, dass du so eine miese Verräterin bist, hätte ich nun auch nicht gedacht. Du hast es dir hier gutgehen lassen und, als du dann bemerkt hast, dass wir dennoch angreifbar sind, wolltest du dich verpissen und uns allen den Tod bringen?“ Sofort zuckte Amba zurück und ihr stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Karolin hingegen fauchte:„Was? Hat es dir die Sprache verschlagen?“ Daraufhin fing die Inderin dann plötzlich an, zu weinen und schluchzte:„Es tut mir leid. Ich wollte euch nicht verraten. Ich hatte einfach Angst und dachte, meine Chancen wären ohne euch besser. Ich dachte, ich könnte einfach abhauen und gut wär's. Es tut mir so leid...“ Leise seufzte die Anführerin nun und brummte leise:„Das ist keine Entschuldigung. Ich will nicht sagen, dass es die meisten von uns nicht getan hätten. In einer Angstsituation wird man nun mal schnell verräterisch, aber dennoch hättest du dem Tod vielleicht auch einfach ins Gesicht blicken sollen. Ist ja nicht so, als hättest du auch einfach bei uns bleiben können. Wärst du nicht weggelaufen, hätten sie dich und somit auch uns gar nicht erst gefunden. Und jetzt stell dir mal vor, es wäre Schlimmeres passiert. Dann wäre es deine Schuld gewesen! Und, wenn du dich doch dazu entschließt, uns zu verlassen, brauchst du doch später nicht zurückgekrochen kommen, damit wir dein Leben retten können!“ Traurig senkte die 17-jährige wieder den Kopf und Karolin meinte nun seufzend:„Naja, was passiert ist, ist passiert. Wir sollten jetzt erstmal wieder nach oben klettern.“

    Schnell kletterten wir nun alle die Ranken hoch, die Amba an der Felswand nach oben hin hat wachsen lassen. Oben angekommen zählte Karolin nun noch mal durch und drehte sich dann wieder zu Amba:„Du hast jetzt die Wahl. Entweder, du gehst und wirst uns nie wieder in die Quere kommen. Ebenso wenig kannst du erwarten, dass wir dir noch jemals helfen. Oder aber du bleibst und schwörst uns, jeden einzelnen von nun an mit deinem Leben zu schützen, wie wir es für dich tun werden. Also, du hast die Wahl. Entscheide dich!“ Kurz überlegte die junge Frau nun, hob dann den Kopf und zögerte beim Sprechen etwas:„Wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich ganz gerne bei euch bleiben. Ich habe erkannt, dass ich einen Fehler gemacht habe und ich bin euch echt etwas schuldig.“ Kalt erwiderte Karolin nun:„Wenn du durch dein Dasein nur Unruhe stiften wirst, ist es auch kein Begleichen deiner Schuld. Also tue uns den Gefallen und entscheide dich für das, was UNS schützt, nicht dich.“ Erst etwas eingeschüchtert, aber dann doch bei ihrer Meinung bleibend antwortete Amba mit zittriger Stimme:„Ich werde bleiben. Ich werde euch nicht noch einmal enttäuschen. Das verspreche ich euch!“ Ruhig nickte die Anführerin nun und murrte:„Das hoffe ich doch.“

    Etwas überfordert von der ganzen Situation stand ich nun dort, während Federica fragte:„Und... was ist jetzt der Plan?“ Gesammelt erwiderte Karo:„Wir ziehen weiter. Vielleicht schlagen wir diesmal jedoch den Weg etwas mehr ins Südliche ein, damit Callum uns nicht findet. Schließlich hat eine gewisse Person ihm verraten, wo wir sind und, wo wir hinwollen.“ Als Karo das sagte, senkte Amba wieder leicht ihren Kopf, doch Karo ging darauf gar nicht weiter ein und zog direkt weiter. Dabei hielt sie Ausschau nach Michal und sprach dann zu ihm:„Da du dich uns angeschlossen hast, wäre es vielleicht ganz nett, wenn du uns einige Informationen geben könntest über das, was du weißt. Schließlich brauchen wir nicht noch mehr Verräter in unserer Gruppe.“ Ich schaute zu Amba, welche den Kopf stets gesenkt hielt und schüttelte im Stillen leicht den Kopf über Karolin. Sie ist echt nachtragend... Amba hat sich doch entschuldigt und vor Allem hat sie ihren Fehler eingesehen und sich eines Besseren besonnen. Kann Karolin dann nicht einfach einmal verzeihen? Ich denke, das gehört zu einer guten Anführerin dazu. Aber, wenn ich mit beispielsweise Akiko rede, kann ich mich wahrscheinlich eh darüber streiten, ob Karolin das überhaupt ist...
    Michal erwiderte nun seelenruhig:„Naja, ich denke, ich weiß recht viel. Was interessiert euch denn so?“ Kühl erwiderte Karolin nun, scheinbar noch angepisst wegen Amba:„Alles.“ Beinahe etwas amüsiert lächelte der Pole nun und meinte:„Naja, dann dauert das wohl etwas länger. Also, ursprünglich bestand unsere Gruppe ja aus Callum, Irina, Rafael, Finlay und mir. Rafael wurde jedoch von Callum getötet.“ Knapp unterbrach die 15-jährige ihn nun:„Wissen wir.“ Nachdenklich meinte Michal nun:„Stimmt. Das war ja deine Argumentation, dass ich zu euch wechseln sollte. Woher wisst ihr das eigentlich?“ Ruhig erklärte die Österreicherin:„Wir haben es gesehen. Wir hockten damals zu viert auf zwei Bäumen über euch verteilt. Ihr habt uns nicht gesehen.“ Überrascht nickte Michal nun ruhig und erzählte weiter:„Naja, wir haben bereits vier Feinde getötet. Pflanze männlich, Licht männlich, Schatten weiblich und Erde weiblich.“ Leise hauchte Karolin:„Malou... Sie gehörte zu uns...“ Beinahe etwas schuldbewusst erwiderte der Pole:„Ich weiß. Das tut mir leid. Ich war da gar nicht dabei. Ich war im Lager und bewachte einen Teil unserer Waffen. Ich wollte nicht mitkommen. Ich töte nicht gerne.“ Federica meinte nun:„Deswegen haben wir Michal auch nicht gesehen... Und übrigens, das heißt, dass Preecha noch lebt. Er hat die Kraft des Feuers.“ Karolin schwieg und unser neuer Verbündeter fuhr fort:„Callums Plan ist es einfach, alle zu töten und dieses „Spiel“, wie er es nennt, zu gewinnen. Sein Motto ist „Das Leben ist ein Spiel“ und er versucht, es in jeder Hinsicht zu gewinnen. Er will der Erfolgreichste, Mächtigste sein. Um dies zu verwirklichen, hat er sich vorgenommen, einfach hier umherzulaufen und umzubringen, was ihm vor die Füße läuft. Ihr steht momentan ganz vorne auf seinem Visier. Er hat praktisch nur nach euch gesucht. Er sieht euch als die einzigen, die sich auch nur annähernd mit ihm messen könnten. Dennoch sieht er den Großteil von euch als Haufen Versager. Momentan denkt er, ihr würdet einfach auf der Suche nach einem Versteck oder so sein. Er denkt auf jeden Fall, dass ihr irgendetwas sucht.“ Federica murmelte nun vor sich hin:„Wir haben erst nach Preecha gesucht und jetzt wollen wir zum Rand der Arena vorschreiten, in der Hoffnung, dass dort eine Art Ausgang ist.“ Michal meinte leise:„Dann habt ihr ja Glück, dass er wohl nicht euren Plan erkannt hat. Naja, das ist auf jeden Fall das, was ich so weiß.“ Karolin fragte nun mit emotionsloser Stimme, während ich sehen konnte, dass sie immer noch wegen Amba wütend war:„Kennst du die Schwächen der einzelnen Mitglieder?“ Kurz überlegte Michal nun und sprach dann:„Finlay ist super naiv. Er denkt die ganze Zeit, Callum würde in ihm etwas sehen. Dabei wollte er nur ein paar neue Mitglieder und ihn ausnutzen. Finlay versteht das Leben noch nicht. Er sieht es wie Callum - als Spiel. Jedoch auf eine andere Art und Weise. Er sieht es wie eine Art Witz. Es muss Spaß machen und es ist schön, wenn du gewinnst, aber, wenn du es nicht tust, geht das Leben weiter. Er kennt den Ernst des Lebens nicht. Man kann ihn super ausnutzen und er folgt einem wie ein Köter.
    Irina hat eine Schwäche für Callum. Sie ist komplett in ihn verknallt und würde ihm ins Grab folgen. Dennoch ist sie nicht dumm. Sie weiß, wann sie ausgenutzt wird. Nur scheinbar nicht in dem Bezug auf Callum. Sie ist pfiffig, kann gut beleidigen und wird schnell wütend. Sie ist die Arroganz in Person und ziemlich mächtig, was ihre Kräfte angeht. Sie kann alles in Sekundenschnelle in Brand setzen. Sie kann ihre Feuer aber auch sofort wieder dämmen, wenn sie will. Aber Wasser kann sie nicht gut ab. Sie scheut das Wasser wie eine Katze und hat Angst vor größeren Gewässern.“ Tae lachte nun:„Hey, Karo. Sie scheint dir ähnlich zu sein, was das Wasser angeht. Du magst es schließlich auch nicht, nass zu werden.“ Leicht grinste die Anführerin nur und fragte dann:„Und Callum? Was sind seine Schwächen?“ Ruhig erwiderte unser neues Mitglied, welches ehemals unser Feind war:„Schwächen? Callum hat keine Schwächen. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Ich würde sagen, ich weiß sowieso nicht allzu viel über ihn. Er redet nicht viel. Was ich von ihm direkt weiß, ist, dass er Geschäftsmann in New York ist. Er hat einige Leute über den Tisch gezogen und Gerüchte sagen, dass er auch jemanden für seinen Erfolg umgebracht hat. Naja, was ich von mir aus sagen kann, ist, dass er alles tun würde für die Macht. Ob es stehlen ist oder töten, da schaut er nicht anders bei aus. Er ist extrem kaltherzig und seine Kräfte sind stärker als ihr euch vorstellen könnt. Eine bloße Berührung reicht für ihn, um euch zu töten. Nur meistens macht er sich einen Spaß daraus und lässt seine Opfer leiden. Über seine Familie oder so weiß ich rein gar nichts. Er redet nicht viel von seinem früherem Leben oder generell. Er zeigt kein Erbarmen, kein Mitleid, nichts. Aber Schwächen? Die hat er nicht.“ Nachdenklich nickte Karo nun und plötzlich ließ sich Akiko etwas nach hinten fallen, neben sie und zog sie leicht zu sich, weg von Michal. Da ich direkt daneben lief, konnte ich das Gespräch mitverfolgen. Die Japanerin flüsterte:„Bist du sicher, dass es gut ist, Michal bei uns aufzunehmen? Erinnere dich daran, dass er ein Feind war und vielleicht noch ist. Alles, was er hier von uns mitbekommt, kann er gegen uns verwenden und theoretisch kann er uns auch komplett Müll erzählen. Was, wenn er mit seinem Wissen zu Callum rennt?“ Kalt meinte Karo nun:„Er ist ja nicht Amba. Außerdem werden wir ihn im Auge behalten.“ Dies sagte sie jedoch recht laut, sodass auch Amba es hörte. Ebenso hörte es Michal. Und während Amba beschämt den Kopf senkte, verzog Michal keine Miene. Ich war mir ziemlich sicher, dass er wusste, worum es ging, aber stören schien es ihn nicht. Er wirkte komplett ruhig, als habe er gar keine Bedenken. Demnach war ich etwas erleichtert, denn ich stellte mir vor, dass er uns nicht verraten wollte.
    Doch Akiko fauchte zurück:„Wie kannst du dir so sicher sein, dass er uns nicht auf einmal im Schlaf oder so umbringt? Seine Schwächen kennen wir nicht. Wir wissen kaum etwas über ihn. Wie sollen wir ihm vertrauen? Er ist vor nicht mal einer Stunde zu unserer Seite übergewechselt und hat scheinbar wohl nie vorher darüber nachgedacht.“ Seufzend meinte die 15-jährige nun laut:„Michal, sei doch bitte so nett und erzähle uns ein bisschen etwas über dich. Grundlegendes, Hobbies, Familie oder weiß der Geier was.“ Beinahe etwas belustigt lächelte der junge Mann schwach und meinte:„Ja, wer's noch nicht mitbekommen hat, mein Name ist Michal. Ich bin 21 Jahre alt und komme aus Polen. Hobbies oder so habe ich nicht wirklich. Ebenso wenig habe ich Geschwister. Ich wohne bei meinen Eltern und mache eine Ausbildung. Bin auf dem besten Weg zum KFZ-Mechaniker. Sonst noch etwas, was interessiert?“ Akiko fragte nun ganz kühl:„, Irgendwelche Schwächen und Stärken?“ Ebenso kühl schaute der 21-jährige nun zurück und sprach ruhig:„Ich denke, das kann ich selbst schlecht einschätzen. Finde es doch selbst heraus. Oder willst du mir deine Schwächen und Stärken direkt darlegen?“ Daraufhin schenkte die Japanerin ihm nur einen bösen Blick und drehte sich wieder zu Karolin:„Pass nur auf, dass du hier keinen Fehler begehst!“ Ruhig erwiderte Karo nun jedoch:„Das werden wir ja wohl sehen. Du solltest aber jetzt vielleicht nach vorne schauen.“ In dem Moment lief Akiko dann aus Versehen gegen einen Baum, weil sie nicht nach vorne geschaut hatte und brummte irgendetwas vor sich hin. Über Michals Gesicht huschte dabei ein leichtes Lächeln.

    So waren wir dann wieder bei dem gewohnten Trubel - Zwischen Karolin und Akiko herrschten wieder Unstimmigkeiten, Karolin hatte mal wieder einen Grund, sauer auf Amba zu sein und wir hatten ein neues Mitglied in unserer Truppe, welches sehr unterschiedliche Gefühle auslöste. Ich wusste, dass einige ihm gegenüber recht neutral waren, andere waren skeptisch oder ängstlich und ich war ehelich gesagt einfach nur neugierig und beinahe etwas erfreut. Er konnte uns jede Menge Informationen liefern, was ich als großen Vorteil sah. Er kennt Callum gut. Vielleicht kann ich von ihm erfahren, wie Callum seine Kräfte beherrscht. Andererseits könnte er natürlich auch eine Gefahr für uns darstellen. Er war ein Feind. Ob er das noch ist, müssen wir selbst herausfinden. Aber etwas suspekt ist er mir trotzdem... Sein Erscheinungsbild sieht nicht richtig gesund aus und viel reden oder lächeln tut er auch nicht. Auf mich wirkt er wie dieser Klischee-Verräter. Naja, wir werden es herausfinden...






    Kapitel 104

    Der Tag neigte sich dem Ende zu und wir waren ein Stück weit gekommen. Auf dem Weg hatten wir bereits nach Früchten und dergleichem gesucht und wollten nun ein Lager für die Nacht aufschlagen. Jedoch war es irgendwie seltsam. Akiko und Karolin hatten sich in die Haare bekommen und nun redeten sie nicht mehr miteinander. Karolin misstraute Amba und Akiko misstraute Michal. Amba war deswegen sehr niedergeschlagen und redete ebenfalls kaum, während es Michal wohl nicht im Geringsten störte und er schwieg, weil es seine Art war.
    Tae hing die ganze Zeit bei Karolin und schaute mich nicht an. Einerseits war ich zwar froh, weil es beinahe so aussah, als würde er über mich hinwegkommen, aber andererseits machte mich dies traurig. Die Vorstellung, er habe mich schon vergessen, während ich von nichts anderem als ihn denken konnte, schmerzte mich. Und doch war ich irgendwie glücklich. Seit unserer Trennung hatte Tae nicht mehr gelächelt oder gar gelacht. Er war still gewesen und wirkte wie ein verletztes Tier, das Schutz suchte - bei Karolin. Doch mittlerweile konnte er wieder lächeln. Zwar wirkte es nicht so herzlich wie vorher, aber es war da. Meist war es nur ein kleines, kurzes Lächeln, welches nicht viel Ausdruck verlieh, aber immerhin war es da. Meist war es da, wenn Tae mit Karolin redete und diese wieder irgendwelche trockenen Bemerkungen machte, welche aber manchmal etwas witzig rüberkamen. Aber manchmal unterhielt Tae sich auch mit Akiko. Das war es, was mich wirklich störte. Ich konnte nicht damit klarkommen, dass Tae sich mit der perfekten Akiko unterhielt und dabei glücklich war. Ich konnte einfach nicht mit der Vorstellung leben, Tae zu verlieren. Das galt auch für den Verlust an seiner Liebe für mich, welche wohl so langsam schwand. Zumindest sah es so aus...

    Schweigend fertigte ich demotiviert mein Bettpolster an, neben dem von Lívia und vor dem von Karolin, welche wiederum neben Tae lag. Ich hatte irgendwie so gar keine Lust mehr. Ich fühlte mich schwach und einsam. Ich wurde träge und sprach kaum. Aber ich hatte einen Plan. Und zwar wollte ich mit Michal über Callum reden und darüber, wie er seine Kraft im Zaun behielt. Allerdings musste ich dafür erstmal mit ihm alleine sein. Also meldete ich mich für die erste Nachtwache und nahm mir vor, dann mit ihm zu reden. Doch Karolin fragte mich verwirrt:„Bist du sicher? Du hast doch gestern schon die erste Nachtwache übernommen. Du musst ausgeschlafen sein.“ Knapp nickte ich daraufhin und meinte:„Ja, ganz sicher. Ich bin ehrlich gesagt überhaupt nicht müde. Ich möchte nicht unnötig die ganze Zeit wach sein.“ Dies stimmte zwar nicht ganz, da ich total müde war und das Gefühl hatte, jeden Moment umkippen zu können, doch ich blieb bei meiner Meinung. Ich wollte unbedingt mit Michal reden. Er öffnete mir die Tür zu der Chance, meine Kräfte unter Kontrolle zu bekommen. Und diese Chance wollte ich ergreifen, denn ich hielt es keine weitere Minute ohne Tae an meiner Seite aus.

    Es war Nacht und alle schliefen. Der Mond schien hell über den Bäumen, aber warf nur ein schwaches Licht auf uns. Es genügte gerade aus, um zu erkennen, wer wo lag und, dass alle am Schlafen waren. Vorsichtig lief ich nun leise zwischen den Schlafenden her, bis ich am Rand angekommen war, wo Michal lag. Er hatte den Rücken zu mir gedreht und lag ruhig da, während sich seine Brust kaum hob und senkte. Vorsichtig stupste ich ihn mit dem Fuß an, damit er nicht allzu sehr bemerkte, was für eine Kälte von mir ausging.
    Sofort öffnete Michal nun seine Augen und schaute mich emotionslos an. Leise flüsterte er mit hellwacher Stimme:„Was ist los?“ Verlegen murmelte ich:„Ähm... Ich hab ne Frage. Kannst du kurz mitkommen?“ Knapp nickte der Pole nun, stand nahezu lautlos auf und folgte mir ganz zum Rand des Lagers, sodass ich gerade noch auf jeden einen Blick haben konnte, aber zu weit von ihnen weg war, um sie hören zu können. Fragend schaute mich der 21-jährige nun an. „Also? Was willst du von mir wissen?“, fragte er ruhig. Nervös erwiderte ich nun leise:„Naja, ich... ähm... wollte wissen, ob du weißt, wie Callum seine Kräfte unter Kontrolle hat.“ Verwirrt hakte der Mann mit dem finsteren Blick nun:„Warum willst du das wissen?“ Verlegen biss ich mir auf die Lippe und erzählte nur:„Ich habe so wie er die Kraft des Frostes.“ Ruhig nickte Michal daraufhin und meinte:„Also willst du wissen, wie er seine Kräfte unter Kontrolle hat, weil du ebenso stark sein willst?“ Beinahe etwas entrüstet schüttelte ich den Kopf:„Nein, es geht mir nicht um Macht oder dergleichen.“ Mit hochgezogener Augenbraue fragte der Mann nun:„Sondern?“ Seufzend blickte ich auf den Boden. Ich wusste, ich musste ihm die Wahrheit erzählen, wenn ich etwas aus ihm rausbekommen wollte und ich erklärte:„Ich komme mit meinen Kräften nicht wirklich klar. Ich weiß nicht, wie ich sie kontrollieren kann.“ Leicht zögerte ich nun und sprach dann weiter:„Ich spüre, dass von mir so eine Kälte ausgeht, die ähnlich wie die von Callum ist - ich kann damit töten. Aber das will ich nicht, denn ich weiß nicht, wie ich es kontrollieren kann...“ Überrascht schaute mich Michal nun an und murmelte:„Hört sich nicht sehr gut an... Naja, ich habe mit dir irgendwie noch so gar nichts zu tun gehabt. Ich kann dich überhaupt nicht einschätzen, weißt du? Deswegen bin ich gerade etwas überfordert damit, dass du mich um Hilfe bittest. Erstmal wäre es vielleicht gut zu wissen, ob du schon mit deinen Leuten darüber gesprochen hast. Mit Karolin oder so.“ Nervös schaute ich daraufhin auf den Boden und flüsterte bedrückt:„Nein, sie wissen alle nichts davon. Ich möchte nicht, dass sie mich als Gefahr oder so sehen. Denn ich glaube, das werden sie, wenn sie es wissen. Sie werden wahrscheinlich denken, ich wäre von da an genauso gefährlich wie Callum, wenn nicht noch mehr.“ Verwundert hakte Michal nun nach:„Und wie hast du es sag ich mal vor ihnen versteckt? Ich meine, es ist doch eigentlich ziemlich auffällig. Brauchst ja nur jemanden anfassen...“ Mit traurigem Blick murmelte ich:„Ich habe mich distanziert. Ich komme niemandem mehr zu nahe und habe mich deswegen sogar von meinem Freund getrennt. Ich habe ihm gesagt, ich würde ihn nicht lieben und jetzt gehen wir uns gegenseitig aus dem Weg. Das Schlimme dabei ist aber, dass ich ihn noch liebe und jetzt Angst habe, dass er die Gefühle für mich verliert oder so. Ich möchte ihn dabei nur beschützen.“ In nicht wirklich neugierigem Ton klingend fragte der Pole:„Taehyung oder wie sein Name war?“ Knapp nickte ich, woraufhin Michal nachdenklich brummte. Doch schnell fügte ich hinzu:„Aber bitte erzähle das niemanden, bevor ich es nicht im Griff habe! Ich möchte nicht, dass sie mich dann als Gefahr oder auch Verräterin sehen. Die Zeiten hier sind verrückt genug...“ Beschwichtigend nickte der 21-jährige und meinte:„Keine Sorge, ich werde nichts erzählen.“ Dankbar atmete ich einmal auf und fragte dann erneut:„Weißt du denn, wie Callum seine Kraft in den Griff bekommt? Es muss da ja irgendwie eine Art Trick geben.“ Leise erwiderte Michal nun jedoch:„Tut mir leid, ich weiß nicht, wie er das macht. Ich denke jedoch auch, dass das von der Person abhängt und nicht von der Kraft. Ich persönlich glaube, Callum ist einfach unfassbar diszipliniert und deswegen kann er sie so gut beherrschen. Vielleicht ist es auch dieses Streben nach Macht. Aber bei dir ist es vielleicht noch einmal ganz anders, die Kräfte zu beherrschen, weshalb ich da nicht viel zu sagen kann. Tut mir leid, aber ich denke, du musst selbst herausfinden, wie du sie unter Kontrolle bekommst.“ Enttäuscht seufzte ich und Michal fragte noch:„Weißt du denn vielleicht irgendwie ein bisschen, wie sich deine Fähigkeiten steuern lassen?“ Kurz dachte ich nach und erwiderte:„Naja, ich glaube, sie werden auch durch Emotionen oder Gefühle etwas gesteuert. Wenn ich mich also zum Beispiel erschrecke, schaffe ich auch schnell mal etwas aus Eis. Am Anfang hatte ich immer Probleme damit, das Eis zurück zu Wasser zu wandeln. Ich habe es letztendlich dadurch geschafft, dass ich aufgehört habe, diese Angst zu überwinden, es nicht hinzubekommen. Ich musste die negativen Emotionen übertrumpfen und vergessen. So konnte ich es damals in den Griff bekommen. Aber jetzt ist es irgendwie anders, habe ich das Gefühl.“ Kurz überlegte Michal und fragte dann unbesorgt, als sehe er meine Sorgen als Witz:„Sagtest du nicht, du habest Angst, deinen Taehyung zu verletzen? Vielleicht musst du einfach diese Angst übertrumpfen. Vielleicht ist es genau das selbe Schema wie damals. Vergiss doch einfach mal deine Angst.“ Beinahe etwas beleidigt murrte ich:„Lustig. Es ist nicht so einfach, seine Angst auszublenden. Vor allem ist es dann nicht einfach, wenn die Angst mit Liebe verbunden ist. Hast du schonmal jemanden so richtig geliebt? Dann wüsstest du vielleicht, wie das ist.“ Ruhig und mit etwas kalter Stimme erwiderte der Mann nun:„Ich denke nicht, dass ich jemals jemanden so sehr geliebt habe, wie du deinen Freund da. Wenn du meinen Tipp nicht annehmen willst, dann frag mich gar nicht erst. Ich sage dir, blende deine Angst aus und finde heraus, wie du deinen Kram geschissen bekommst. Du wirst wohl eine Lösung finden. Wenn nicht, kannst du mich einfach noch einmal fragen. Aber ich denke, ich gehe jetzt wieder pennen.“ Leise murrte ich:„Na gut. Danke trotzdem und gute Nacht noch.“ Knapp nickte Michal nun und antwortete:„Danke, dir später auch,...“ Schnell vollendete ich seinen Satz:„(d/n).“ Kurz, nur wie ein Huschen, lächelte der junge Mann und drehte sich dann um, zu seinem Bett.
    Er legte sich wieder hin und ich schlenderte müde wieder zu meinem Standpunkt, um einen besseren Blick auf alle zu haben. Sie schliefen alle seelenruhig. Besonders Tae. Er sah dabei aus wie ein kleiner Engel. Sein schwarzes Haar fiel leicht lockig in sein hübsches Gesicht, während sein Mund leicht geöffnet war wie bei einem Püppchen. Traurig lächelte ich dem schlafendem Mann zu, ihn vermissend, aber wissend, dass ich wohl noch länger warten musste, bis ich ihn wieder in den Arm nehmen konnte.






    Kapitel 105

    Meine Nachtschicht neigte sich dem Ende zu, während es mir unendlich viel Mühe kostete, wachzubleiben. Ich war müder als jemals zuvor und ich wollte einfach nur noch schlafen. Gleichzeitig war ich jedoch enttäuscht. Ich hatte keine Antwort von Michal bekommen können und musste weiterhin selbst nach einer Lösung suchen. Michal hatte gesagt, ich sollte einfach meine Angst überwinden, doch das war gar nicht so leicht. Die Angst zu überwinden hieß für mich, der Überzeugung zu sein, dass ich Tae nicht verletzen könne, wenn ich ihn berührte. Doch die Sicherheit, dass dies auch der Wahrheit entsprechen würde, sobald diese Angst überwunden war, gab es nicht. Somit konnte ich diese auch nicht abschalten.

    Diese Tatsache, dass es überhaupt nichts gebracht hatte, wachzubleiben, um Michal nach Rat zu fragen und ihm dabei alles genau zu erzählen, machte mich wütend. Ich habe mir extra die erste Nachtschicht geschnappt, obwohl ich komplett müde bin, um dann das Resultat zu haben, dass es überhaupt nichts gebracht hat! Ich habe Michal dafür alles erzählt. Er weiß jetzt, dass ich meine Kräfte nicht im Zaun halten kann und, dass ich deswegen Tae verlassen habe. Was, wenn er es weitererzählt? Würden es auch die anderen wissen, würden sie mich bestimmt als Gefahr sehen und mich vielleicht verstoßen. Wie sollten sie auch etwas Anderes machen? Ich BIN ja schließlich auch eine Gefahr für sie und, wenn sie das wüssten, würden sie nichts Anderes in mir sehen. Ich müsste doch nur jemanden berühren und schon könnten sie tot sein. Vielleicht würden sie auch denken, meine Kräfte würden sich noch weiter ins Schlechte ausbilden und sie würden mich zum Schutze ihrer selbst isolieren oder auch einfach gleich rauswerfen. So würden sie dann wieder in Sicherheit leben.
    Wäre nicht vielleicht auch das die Lösung? Einfach gehen, sie alleine lassen, ohne meine gefährlichen, unkontrollierbaren Kräfte und sie wären in Sicherheit. Weder ich, noch sie müssten sich sorgen, dass ich sie verletzen könnte. Ich müsste nicht mehr lügen. Ich würde einfach weit weg von ihnen leben und vermutlich auf den Tod warten. Callum, Irina und Finlay würden mich nach einer Weile finden und töten und alles wäre in seiner Ordnung. Sie kommen ohne mich doch wahrscheinlich eh viel besser zurecht. Ich könnte einfach gehen und sie wären in Sicherheit. Und, wenn ich dann am Ende dem Tod ins Auge blicke, ist es dann nicht egal? Es wäre wahrscheinlich nur ein kurzer Schmerz und dann wäre es vorbei. Ist es nicht die beste Möglichkeit?


    Müde stand ich auf, die ganze Welt um mich herum drehte sich bereits, weil ich so müde war und ich schritt taumelnd zum Rand des Lagers. Ich starrte in den tiefen, dunklen Wald. Er sah so ruhig und friedlich aus. Er sah aus wie der Weg zu einem neuen Leben - einem unbeschwertem Leben. Kurz schaute ich zurück, auf all die Schlafenden. Sie lagen ruhig dort, während sie gar nicht mitbekamen, was ich dort machte. Langsam drehte ich mich wieder zu dem Wald. Langsam, benebelt von der Müdigkeit, taumelte ich in den Wald hinaus, die ersten paar Schritte in die Sicherheit Taes gehend.
    Doch plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und ich fuhr herum. Vor mir erkannte ich die Umrisse eines großen Mannes. Dunkles Haar, finstere Augen, recht blasse Haut und tiefe Augenringe - Michal. Langsam nahm er seine Hand wieder von meinen Schultern und ich sah, dass die Spitzen seiner Finger blau waren, von Eis überzogen. Erst, als er seine Finger eine Weile von meiner Haut genommen hatte, zog sich die Färbung des Eises zurück und der Pole fragte ruhig, aber mit einem strengem Unterton:„Was machst du da, (d/n)?“ Leise erwiderte ich müde und schwankend, während sich die ganze Welt um mich drehte:„Ich garantierte Taes Sicherheit, indem ich gehe. So kann ich euch alle schützen. Wenn ich weg bin, ist auch die Gefahr weg. Es ist die einfachste Möglichkeit...“ Streng schaute der 21-jährige mich an und murrte:„(d/n), du bist nicht ganz bei Sinnen. Du bist müde und redest Müll. Geh ins Bett! Morgen wirst du erkennen, was du für einen gequirlten Möwenfurz geredet hast.“ Schwach murrte ich:„Nein, ich muss gehen...“ Ruhig erwiderte Michal:„Nichts musst du. Höchstens schlafen musst du. Also los, geh ins Bett und wir sehen uns morgen wieder.“ Langsam führte er mich zu meinem Bett, passte noch kurz auf, dass ich mich hinlegte und schon nach wenigen Sekunden schlief ich. Was die restliche Nacht über passierte, weiß ich nicht.

    Die Sonne stand hoch über den Bäumen, schien auf uns hinab, während ich noch immer schlief. Lívia weckte mich, indem sie stark an mir rüttelte und meinte:„Steh auf! Es ist gefühlt schon Mittag. Wir wollen gleich weiterziehen. Nimm noch was zu essen in die Hand und wir gehen direkt weiter.“ Verschlafen öffnete ich die Augen und blinzelte in das gleißende Sonnenlicht. Als ich mich umschaute, erkannte ich, dass schon alle wach waren. Selbst Karolin schien schon lange wach zu sein und stand gerade bei Juan, weiter am Rand Michal. Federica und Amba standen beieinander und aßen noch. Tae wiederum hatte sich zu Akiko gesellt und unterhielt sich gerade mit ihr. Das löste in mir zwar direkt wieder Eifersucht aus, aber plötzlich erinnerte mich auch an die Nacht. Ich wollte weglaufen, damit Tae und auch alle anderen in Sicherheit vor mir waren. Nur Michal hatte mich davon abgehalten. Er sagte, ich sei nur müde und habe gequirlten Möwenfurz im Kopf. Er meinte, ich würde auch erkennen, was ich da für einen Müll redete, wenn ich nicht mehr müde war. Er hatte recht - Bei richtig wachem Zustand erkannte ich auch, dass dies keine Lösung gewesen wäre und ich war froh, dass Michal mich davon abgehalten hatte. Ich wäre doch wahrscheinlich sofort draufgegangen und mal so ganz nebenbei hätte ich Tae niemals alleine lassen können.
    Doch ich fragte mich, wieso Michal mich davon abgehalten hatte und, wie er überhaupt mitbekommen hatte, dass ich davonlaufen wollte.

    Noch etwas müde rappelte ich mich nun auf, nahm mir noch schnell etwas zu essen und wollte gerade auf Michal zugehen, als Karolin mich erblickte, zu mir kam und meinte:„Ah, du bist wach. Sehr schön. Dann können wir jetzt ja weiter.“ So setzte sich die Truppe direkt in Gang und Michal lief strikt an mir vorbei, mich nicht mal anschauend. Er wirkte genauso gelangweilt, emotionslos und desinteressiert wie sonst auch. Man konnte denken, er würde sich an die Nacht gar nicht erinnern, als würde er mich überhaupt nicht kennen. Verwirrt blickte ich ihm hinterher, während Lívia nun zu mir kam und mich ruhig, aber etwas belustigt fragte:„Willst du ihm noch länger hinterhergaffen?“ Erschrocken schaute ich sie an und tat so als wüsste ich nicht, wovon sie redet:„Was meinst du?“ Schmunzelnd meinte Lívia:„Du gaffst Michal hinterher als hättest du dich in ihn verknallt oder so.“ Verärgert schaute ich sie an und fauchte:„Hab ich nicht! Hör auf, so einen Müll zu reden!“ Amüsiert erwiderte die Brasilianerin nun:„Dein gereiztes Verhalten verrät mir, dass entweder etwas an der Sache dran ist oder aber, dass du in jemand Anderen verknallt bist und diesem gegenüber nicht untreu wirken willst.“ Genervt schaute ich zu ihr rüber und brummte:„Deine Theorien sind absurd.“ Belustigt lächelte die 13-jährige nun und meinte dann:„Ist schon gut. Ich weiß, warum du ihm so hinterherschaust. Naja, zumindest so ungefähr.“ Etwas ängstlich, dass sie es tatsächlich wusste, schaute ich sie an, während sie weiterredete:„Ich hatte die zweite Nachtschicht und ich wurde nicht von dir geweckt, sondern von Michal. Er meinte, er sei aufgewacht und hätte gesehen, dass du geschlafen hast. Also dachte er sich wohl, dass er mich wecken könne, damit ich meine Nachtschicht antreten konnte und das Lager nicht unbewacht ist.“ Überrascht lächelte ich und meinte dann verlegen:„Ach ja. Ähm, genau. Das ist auch der Grund, warum ich ihn so angeschaut habe. Hehe...“ Ich wusste natürlich, dass das nicht der Grund war und ich wusste nicht mal, dass Michal dies getan hatte, aber Lívia glaubte es, was mir sehr zugute kam. Als ich so über das nachdachte, was Lívia gerade erzählt hatte, empfand ich Michal gegenüber plötzlich eine gewisse Dankbarkeit. Und je länger ich darüber nachdachte, umso dankbarer war ich ihm. Er hatte mir seinen Rat gegeben und mich nicht abgestoßen, als er erfuhr, dass ich eigentlich für ihn gefährlich war. Ich hatte ihm alles erzählt und er versprach mir, es für sich zu behalten. Er hatte mich davon abgehalten, wegzulaufen, nachdem ich von der Müdigkeit benebelt genau das vor hatte und er hatte sogar die Gefahr auf sich genommen, mich zu berühren, als er mich aufgehalten hatte. Zu guter Letzt hatte er mich dann auch sicher ins Bett gebracht und dafür gesorgt, dass sich wieder jemand ums Lager kümmerte. Ich will nicht sagen, dass ich ihn von diesem Moment an als Freund sah, denn das tat ich nun auch nicht. Er war mir immer noch zu verschlossen, schweigsam, kalt und geheimnisvoll. Ich wusste fast nichts über ihn und er redete nicht viel. Seine Art deutete nicht darauf hin, dass er ein guter Mensch war, sondern schien eher so als wäre er ein Verräter, der nur auf seine Möglichkeiten wartete.
    Doch das sah ich auch nicht in ihm. Ich sah in ihm einen etwas seltsamen Mann, der aber nun mein Verbündeter war. Dennoch hatte ich irgendwie Angst, dass er seine Seite erneut wechseln würde...



    Hi Leute.^^
    Hier ist das neue Kapitel. Danke noch einmal für die vielen Aufrufe und das Feedback. Ich hoffe wirklich, dass es euch bis hierhin gefällt.

    Wie es euch vielleicht aufgefallen ist, ist in den letzten Kapitel so einiges passiert in der Storyline. Unter anderem das Beitreten Michals in die Truppe. Hier würde mich echt mal interessieren, was ihr so von Michal haltet und, was ihr so von ihm denkt. Das würde mich einfach interessieren, weil ich denke, dass es viele verschiedene Meinungen und Theorien zu ihm gibt.
    Wenn ihr wollt, könnt ihr mir auch gerne etwas zu den anderen Personen schreiben. Das würde mich sehr freuen. ^^

    LG Emily W.







    Kapitel 106

    Wir liefen wieder seit einigen Stunden, als Amba schließlich müde und erschöpft wurde und fragte, ob wir eine Pause einlegen könnten. Mürrisch brummte Karolin dann:„Ja.“ Leise fügte sie noch etwas hinzu, das sich wie eine Beschwerde über Amba anhörte, doch das bekam die Inderin wohl nicht mit. Sie setzte sich einfach auf den Boden und ruhte sich ein bisschen aus.

    In der Zeit verteilten wir uns alle etwas und Karolin meinte zu Tae, er solle ein wenig Wasser verteilen. Das tat er dann auch mithilfe seiner Kraft. Auch mir gab er etwas und schaute mich dabei nicht wirklich an. Er blickte nur etwas bedrückt auf den Boden und drehte dann direkt wieder um, sobald ich mein Wasser erhalten hatte.

    Zwar störte mich der Fakt, dass Taehyung mir aus dem Weg ging, obwohl ich es ihm selbst gesagt hatte, aber ich hatte nun anderes im Kopf. Ich schaute mich um und erblickte Michal etwas am Rand des Geschehens, vollkommen alleine und mit emotionslosem Gesichtsausdruck. Ruhig stand er dort einfach an einen Baum gelehnt.
    Schnell schaute ich mich noch einmals um, um festzustellen, dass gerade alle so ziemlich beschäftigt waren und ich ging schnell zu ihm. Ich griff ihn an seiner Jacke und zog ihn kurz etwas hinter einen Baum. Dort ließ ich ihn dann schnell wieder los, wissend, dass ihm kalt wurde, da meine Kraft sich auf ihn ausließ. Fragend schaute er mich an, während ich direkt anfing:„Erstmal, danke, dass du mich gestern davon abgehalten hast, den Amba-Move zu machen.“ Belustigt unterbrach der Pole mich nun:„Amba-Move?“ Schnell fauchte ich:„Ja, du weißt, was ich meine - Dass ich weglaufen wollte.
    Naja, wie auch immer. Was ich noch sagen wollte... Danke auch, dass du dich um die spätere Nachtschicht gekümmert hast und für mich gelogen hast.“ Ruhig nickte Michal daraufhin, als sehe er das alles als überhaupt keine Sache, doch ich sprach nun in strengem, beinahe etwas drohendem Ton:„Aber nur, damit das klarsteht... Du wirst niemandem davon erzählen und auch das alles vergessen!“ Ruhig nickte Michal nun wieder und ich lächelte etwas erleichtert. Doch dann fragte ich:„Aber warum hast du das überhaupt für mich gemacht? Hätte es dir nicht egal sein können?“ Leichthin erwiderte der 21-jährige nun:„Ja, das hätte mir egal sein können, aber du bist zu mir gekommen und hast mich um Rat gefragt. Sollte ich die Hilfe da einfach verweigern? Du hast mir erzählt, was los ist und, dass es dir nicht gut damit geht, kann ich mir großteils selbst erschließen. Dann lasse ich dich doch nicht einfach so abhauen. Du hast mir gesagt, ich solle nichts weitersagen. Also mache ich das auch nicht. Und wenn du einfach abhaust, werden alle von dir das selbe Bild haben wie jetzt von Amba. Erst dann würden sie dich als Verräterin sehen. Außerdem wusste ich ja, dass es eine Art Kurzschlussreaktion war. Du warst müde, traurig und gewisserweise auch deprimiert. Ich kann mir vorstellen, wozu sowas führt.“ Langsam nickte ich nachdenklich, mit einem Hauch von Zuneigung Michal gegenüber in mir. Doch nun fragte ich:„Aber wie hast du das überhaupt mitbekommen? Es war mitten in der Nacht und du hättest schlafen müssen.“ Schmunzelnd erwiderte der Mann nun:„(d/n), meine Kraft ist die des Schattens und somit auch die der Dunkelheit. Sie stärkt mich und demnach bin ich nachts oft wach. Fast die meiste Zeit. Ich bekomme also alles mit. Hast du dich nicht gefragt, woher ich die Augenringe habe? Jetzt weißt du es.“ Leicht nickte Michal nun nur noch nachdenklich und wirkte dabei irgendwie bedrückt. Doch dann schaute er mir direkt in die Augen und murrte:„Naja, ich gehe dann mal, da alles geklärt ist. Wenn wir noch länger zu zweit hinter dem Baum hängen, denken die wahrscheinlich, wir würden knutschen.“ Als er das sagte, wich ich sofort zurück, an Tae denkend. Ich wollte nicht, dass er denkt, ich würde ihn hintergehen.
    Auch Michal trat nun hinter dem Baum hervor und tat so, als wäre alles normal.

    Als ich wieder mehr im Geschehen stand, fiel mir plötzlich auf, dass irgendetwas nicht so ganz stimmte. Karolin und Akiko standen sich gegenüber, scheinbar im Streit. Karolin stand einfach mit mürrischem Blick da, ihr Körper etwas angespannt, während Akiko etwas aufgebrachter schien. Sie motzte die 3 Jahre jüngere Anführerin an:„Ich verstehe dich nicht! Ich kann dich einfach nicht nachvollziehen! Du beschwerst dich über Amba, benimmst dich selbst aber wie keine Ahnung was. Kannst du dich nicht mal etwas erwachsener verhalten und vielleicht nachdenken? Du kannst Amba nicht einfach so behandeln, ohne dich selbst zu fragen, was vielleicht ihre Vorgeschichte damit zu tun haben könnte! Vielleicht überlegst du mal, was Amba darüber denkt, wie sehr sie das mitnimmt!“
    Verwirrt blickte ich mich um und ging unauffällig zu Lívia. Leise fragte ich sie:„Was ist denn hier passiert?“ Ruhig, aber mit dem Blick auf die Streitenden erklärte die Brasilianerin:„Karolin hat Amba erneut beschuldigt, eine Verräterin zu sein und hat ihr einige Sachen an den Kopf geworfen, wie zum Beispiel, dass sie verantwortlich sei für Malous Tod und dass sie sich nicht benehmen solle wie eine Memme. Akiko hingegen will für Amba einstehen.“
    Neugierig schaute ich nun wieder zu den beiden Streithähnen. Akiko sprach wieder:„Amba ist ein Mensch wie wir alle und ich bin ziemlich fest der Überzeugung, dass sie im Gegensatz zu dir einiges mitmachen musste. Überleg doch mal! Sie kommt aus Indien, wo das Kastensystem herrscht, Menschen unterdrückt und in ihrem Leid alleine gelassen werden! Frauen werden Opfer sexuellen Missbrauchs und Gewalt! Amba wurde mit 14 Jahren zwangsweise mit einem wohl 10 Jahre älterem Mann verheiratet, welchem sie gehorchen muss, denn sonst macht er sonst was mit ihr! Sie lebte in einem Land, in dem Angst ganz oben steht! Davon wurde sie geprägt und vielleicht denkst du einfach mal darüber nach, was diese Angst nachträglich noch mit ihr macht! Sie wurde in diesen Kampf geschickt, in dem sie einfach nur überleben will. Das ist ihr Recht und das kannst du ihr auch nicht verweigern! Tue nicht so, als würdest du nicht für dein eigenes Leben einstehen wollen!
    Also hör auf, sie als Verräterin zu betiteln, nur, weil sie Angst um ihr Leben hatte und es retten wollte! Ja, vielleicht hat sie auch einen Fehler damit begangen, wegzulaufen und uns dann in dem Sinne zu verraten. Vielleicht war es die falsche Entscheidung und ja, sie hat damit unser Vertrauen missbraucht. Aber zählt es denn nicht, dass sie diesen Fehler eingesehen hat und trotzdem zu uns hält?“ Wütend fauchte Karolin daraufhin:„Denkst du, sie würde bei uns bleiben, damit sie zu uns hält? Sie bleibt doch nur hier, damit wir ihr weiter den Hintern decken, weil sie bei ihrer Flucht erkannt hat, dass sie ohne uns nicht überleben wird! Ja, sie hat ein Recht auf ihr Leben, aber haben wir es denn nicht? Wenn sie damit nur all unsere Leben auf's Spiel setzt, ist es doch besser, wenn sie sich selbst für ihr Leben verantwortet und einfach geht! Sie ist nichts weiter als ein Dorn im Auge! Sie hat uns verraten, weil sie ihr eigenes Leben retten wollte. OK, ich lasse gelten, dass sie Angst hatte und es tut mir auch leid, was für ein Leben sie davor hatte, aber das heißt doch nicht, dass sie uns deswegen verraten muss und dann denkt, sie könne zurückkommen! Sie tut doch jetzt auch nichts Richtiges für uns!“ Entrüstet und wutentbrannt antwortete die Japanerin daraufhin:„Achso? Sie macht nichts für uns? Jetzt überleg doch mal! Sie hat uns aus der Schlucht geholfen mit ihren Kräften, hilft uns bei der Suche nach Nahrung und ist genauso engagiert wie jeder andere hier auch!
    Eher könnte ich dich fragen, warum du diesen Michal hier hast zukommen lassen! ER ist hier der Verräter und du lässt ihn einfach in unsere Mitte kommen! Er war Callums Verbündeter und das ist er auch noch! Du glaubst doch nicht, dass du ihn mit drei Sätzen überreden kannst, sich uns anzuschließen und uns zu helfen! Er ist nur hier, damit er uns ausspionieren kann und uns später alle töten kann! Und du gibst ihm die Chance dazu! Also bist du ebenso eine Verräterin wie er und keineswegs eine Anführerin!“ Daraufhin schaute Karolin sehr düster rein und wollte gerade etwas kontern, als Akiko direkt weiterredete:„Ich frag mich sowieso schon die ganze Zeit, warum wir ausgerechnet DICH als Anführerin haben. Du bist 15 Jahre alt! Du bist fast noch ein Kind! Du machst das, was dir als richtig erscheint und nicht das, was richtig ist. Angefangen damit, dass du Amba beschuldigst und Michal die Türen öffnest!“ Darauf wusste Karolin wohl kurz nichts zu sagen und Akiko sprach plötzlich in ruhiger Stimme:„Ich habe keine Lust, mit dir zu streiten. Ich denke einfach, dass du Amba Unrecht tust. Sie ist ein Mensch wie wir alle und sollte die selben Rechte wie wir haben. Wir alle wissen, sie hat einen Fehler begangen. Aber sollten wir ihr das nicht irgendwann verzeihen? Es ist kindisch, die ganze Zeit an der Vergangenheit zu hängen. Man muss auch mal loslassen und verzeihen können.“
    Amba, welche am Rand stand und betroffen zu Boden guckte, hob jetzt leise ihre Stimme:„Danke, Akiko. Aber du brauchst das nicht tun. Es ist schon in Ordnung. Karolin hat doch wahrscheinlich recht...“ Doch jetzt fiel ihr Juan ins Wort:„Amba, du brauchst dich selbst nicht so schlecht machen. Wenn ich ehrlich bin, gehe ich mit Akiko. Du hast einen Fehler begangen, aber den können wir jetzt auch verzeihen. Es ist passiert und das war doof, aber jetzt sollten wir ein neues Kapitel anfangen.“ Auch Federica trat nun an Juans und Ambas Seite, lächelnd nickte sie und sprach:„Wir lassen uns nicht durch diesen Fehler auseinanderreißen!“ Plötzlich traten auch Lívia und Tae vor. Auch ich trat nun zögerlich vor und meinte:„Ich denke auch, dass wir Amba verzeihen sollten.“ So standen wir nun alle beschützerisch vor Amba. Nur Karolin stand alleine uns gegenüber, weiterhin mit ihrem sturem Blick und der angriffsbereiten Haltung. Michal stand unbeteiligt an einen Baum gelehnt, dem Geschehen mit verschränkten Armen zuschauend.
    Leise seufzte Karolin nun und brummte:„Na gut, dann vertraut ihr! Ich habe schon verstanden... Ich bin die Verräterin und kindisch, egoistisch, nicht einer Anführerin würdig und sollte am besten zurücktreten. Wisst ihr was? Es soll mir egal sein. Vertraut ihr! Ihr habt wahrscheinlich recht. Amba hat ein schweres Leben hinter sich. Ich akzeptiere das.“ Ernst nickte Karo nun und fügte hinzu:„Es ist OK. Ich werde Amba auch verzeihen. Sie soll bleiben und ich gebe zu, dass ich möglicherweise überreagiert habe. Es tut mir leid, dass ich mich nicht benommen habe, wie ich es hätte tun sollen. Ich verzeihe dir, Amba. Aber vergessen werde ich es sicher nicht.“ Mit diesen kalten Worten drehte die 15-jährige dann um und setzte sich schweigend auf einen umgefallenen Baumstamm, während sie gedankenverloren und kalt wirkend in die Leere starrte.

    Ruhig drehte ich mich nun zu den anderen, die alle neben mir standen, um Amba zu schützen. Sie alle hingen in einer großen Umarmung. Ich wusste, dass diese Umarmung entstanden war, weil sie wussten, dass wir weiter als Gruppe bestehen würden, denn fast hätte dieser Konflikt damit geendet, dass eine Person gegangen wäre. Entweder wäre es Amba gewesen oder Karolin. Doch Akikos überzeugenden Worte hatten bewirkt, dass wir als Gruppe zusammenblieben und das wirkte auf uns alle wie ein Sieg.
    Doch als ich zu Karolin schaute, erkannte ich, dass sie trotzdem bei ihrer Meinung war. Sie war nun alleine. Irgendwie tat sie mir ein wenig leid. Sie, als die Anführerin, war nun alleine und hatte keine einzige Meinung mehr auf ihrer Seite. Weder Juan, welcher immer ihr guter Freund gewesen war, war ihrer Meinung, noch war Malou da. Auch Tae, welcher von ihr Unterstützung bekommen hatte, war auf der anderen Seite. Es fühlte sich kurz so an als hätten wir Karolin hintergangen, aber eigentlich standen wir nur für unsere Meinung ein und ich war ganz froh drum. Wir blieben eine Gruppe und Amba durfte bleiben.

    Ja, vielleicht kann man sagen, dass Amba uns trotz alle dem verraten hat. Aber in Anbetracht ihres Lebens wollte ich ihr verzeihen und sie verstehen. Ich wusste, dass Amba einen Fehler begangen hatte, aber ebenso wusste ich, dass sie diesen Fehler nun eingesehen hatte und uns nicht mehr alleine lassen würde.
    Warum Karolin das nicht auch einsah, konnte ich nicht verstehen. Und obwohl Karolin kein Fan von unserer Entscheidung war und es uns scheinbar auch irgendwie übelnahm, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war. Wir durften nun nicht auseinanderbrechen. Aber genau das wäre passiert, wäre Amba gegangen. Denn diese wäre nicht freiwillig gegangen und ich glaube, dass es die Gruppe entzwei gerissen hätte.
    Aber, ob die Entscheidung letztendlich so von jedem einzelnen getroffen wurde, weil sie tatsächlich der Meinung waren, dass Amba verziehen werden sollte oder, um die Gruppe zu bewahren, weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass ich sehr froh darum war, dass es so gekommen ist, denn ich tat es für Amba. Ihr musste wirklich verziehen werden. Sie hatte eben Angst und handelte, ohne richtig nachzudenken. Aber auch ich wusste nun, wie das war. Auch ich hatte die letzte Nacht fast einen Fehler begangen und wusste nun, wozu so eine Kurzschlussreaktion führen konnte...






    Kapitel 107

    Ich sah, wie sich die Gruppenumarmung, bei der ich nicht teilgenommen hatte, sich langsam wieder löste und deren Blick wanderte nun auch zu Karolin, welche alleine mürrisch da saß. Ich konnte in den Blicken der anderen erkennen, dass auch sie wussten, dass Karo sich noch nicht ganz mit dem Ganzen angefreundet hatte. Sie blieb stur bei ihrer Meinung, wie wir es von ihr bereits kannten. Doch Federica hob nun leise das Wort:„Und was ist jetzt der Plan? Weiter zum Rand ziehen?“ Nun schauten alle Karolin erwartungsvoll an. Doch diese schaute nur dumpf zurück und brummte:„Was fragt ihr mich das? Fragt doch am besten Akiko!“ Daraufhin rollte die Japanerin mit den Augen, drängte sich etwas nach vorne und meinte:„Na, gut. Wenn du dich von nun an da raushalten willst, meinetwegen. Aber du brauchst jetzt keine beleidigte Leberwurst sein, nur, weil du deinen Willen nicht einmal durchsetzen konntest. Naja, wie du willst.“ Mit den Worten drehte sich Akiko dann zu uns und murrte leise:„Ich sag doch, sie ist zu kindisch, um Anführerin zu sein...“ Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Karo schweigend und mit verärgertem Blick den Kopf schüttelte, scheinbar Akikos Bemerkung gehört habend. Doch die 18-jährige selbst bekam das gar nicht mit und sprach weiter:„Ich persönlich würde genau das vorschlagen. Wir könnten erneut an den Rand ziehen und uns eventuell auch wieder einen sicheren Ort suchen, wie den Berg.“ Akiko ging nun sofort los, doch der Rest stand noch wie angewurzelt dort und schaute unsicher zu Karolin, als würden sie auf ihre Zustimmung warten. Die Anführerin hingegen stand ruhig von ihrem Baumstamm auf, schaute uns mürrisch an und meinte:„Ihr habt sie gehört, der Plan steht. Hängt da nicht wie verschreckte Hirsche vor einem Autoscheinwerfer!“ Das wurde dann als Zustimmung anerkannt und sofort gingen wir nun auch Akiko hinterher.

    Karolin jedoch blieb weiter hinten, ging alleine und mied die, die sie ihrer Meinung nach verraten hatten. Auch von uns traute sich wohl niemand, zu ihr zu gehen und ihr sozusagen erneut Freundschaft anzubieten, weshalb sie auch alleine blieb. Nur Michal, welcher sich aus allem herausgehalten hatte, lief schweigend neben der 15-jährigen. So war er dann plötzlich ihr neuer Wegbegleiter. Weder Malou, noch Tae waren es, denn die Afrikanerin war tot und der Koreaner einer anderen Meinung und nun einer Art Vertreterin der Anführerin folgend - Akiko. So blieb Karo dann nur noch Michal. Ich wusste nicht so genau, ob ich das gut finden sollte. Michal schien ein korrekter Kerl zu sein, doch das änderte nichts an dem Fakt, dass er ehemals ein Feind gewesen war und nach wie vor seltsam war. Er war so schweigsam, wirkte gefühlskalt und so als würde ihn nichts interessieren, aber als würde er sich dennoch irgendwie kümmern. Sein Blick war stets finster und sein Äußeres kam mir manchmal fast etwas bedrohlich vor. Ja, er hatte mir geholfen, doch das bestätigte mir noch nicht, dass er wirklich zu uns gehörte...

    Vorsichtig lehnte ich mich leicht zu Lívia vor und flüsterte ihr im Gehen zu:„Was hälst du eigentlich von diesem Michal?“ Schnell flüsterte die Brasilianerin zurück:„Naja... Ich habe kein Problem damit, dass er hier bei uns ist, weil ich ihn zumindest momentan nicht als Bedrohung für mich sehe, aber ich finde ihn schon etwas seltsam. Man weiß so gar nichts über ihn und ich bin mir auch noch nicht sicher, ob Akiko nicht vielleicht recht damit hat, dass er uns verraten wird. Er war ein Feind und es ist seltsam, dass er so schnell zu unserer Seite übergewechselt ist. Wenn ich ehrlich bin, bin ich auch nicht so froh drum, dass Karo sich mit ihm umgibt. Sie ist wütend und lässt sich nun vielleicht leichter beeinflussen. Ich mache mir Sorgen, dass Michal keine guten Auswirkungen auf Karo hat...“

    Ich dachte über Lívias Worte nach und je länger ich das tat, umso mehr musste ich diesem Gedankengang der 13-jährigen recht geben. Es konnte nicht gut sein, dass Karolin nun nur noch Michal zum Reden hatte. Vielleicht tat ich Michal Unrecht, indem ich ihm nicht traute, doch ich blieb lieder auf der sicheren Seite. Es war mir nicht ganz geheuer...

    Mal wieder war der Tag an seinem Ende angelangt und es wurde die Nachtruhe einberufen. Die Stimmung war an sich relativ normal, doch Karolin distanzierte sich weiterhin von uns und umgab sich mit Michal. Das Wort hatte die 15-jährige aber auch immer noch. Akiko schlug zwar die Pläne und Handlungen vor, doch Karolin war am Ende die, die dem Ganzen zustimmen musste. Die Gruppe war eben an Karolins Führung gewöhnt und konnte sich mit Akiko als komplette Anführerin irgendwie nicht anfreunden. Doch auch dieser Fakt, dass Karolin nach wie vor als tatsächliche Anführerin anerkannt wurde, besänftigte sie nicht wirklich. Wobei „besänftigen“ dort eigentlich das falsche Wort ist, denn sie zeigte weder offensichtlich, dass sie wütend war, noch weigerte sie sich, mit einem von uns zu sprechen oder ihre Aufgaben als Pflicht zu nehmen. Sie war eigentlich fast wie immer, nur eben mit dem Unterschied, dass sie Gespräche nicht von sich aus anfing und lieber bei Michal blieb und auch nicht direkte Befehle erteilte, sondern nur Befehle von Akiko zuließ. Nur, wenn man sie fragte, erteilte sie noch Befehle oder aber, wenn sie es ganz nötig sah, was jedoch auch eher selten vorkam.

    Nun saßen wir auf jeden Fall alle in dem Lager, hatten bereits gegessen und hockten nun auf unseren Bettpolstern, um uns zu unterhalten. Dabei sah ich, dass sich Federica mit Juan und Amba unterhielt, während Akiko bei Tae war und die beiden sich unterhielten, doch ich konnte nicht verstehen, worüber sie sich unterhielten. Ich konnte auch nur Akikos Gesicht sehen, denn Tae war mit dem Rücken zu mir gedreht.
    Karolin und Michal hockten nur schweigend nebeneinander, recht am Rand des Lagers.
    Ich hingegen saß natürlich wieder bei Lívia, welche jedoch schon pennte. Also war ich alleine und beschloss, auch gleich schlafenzugehen.

    Auch der Rest legte sich nun bereits zum Schlafen hin. Nur Karolin, welche die erste Nachtwache hatte, blieb wach und erstaunlicherweise auch Michal, denn nun unterhielten sich die beiden plötzlich. Ich lag nicht weit von ihnen entfernt und konnte deswegen zuhören, was ich auch tat, um sicherzugehen, dass Michal sein Versprechen hielt und nichts von meinem Geheimnis erzählte.

    Ich hörte Michals tiefe Stimme:„Ich habe keine Lust mehr auf Callum. Hatte ich auch vorher schon nicht, aber irgendwie brauchte ich einen weiteren Grund, um gehen zu können. Als ihr mir in die Quere kamt und versucht habt, mich auf eure Seite zu bekommen, ist mir ein weiterer Grund in den Sinn gekommen - Gemeinschaft. Das hatten wir bei uns nicht. Bei uns galt, jeder kümmert sich um sich selbst, aber steht stets hinter Callum. Da gab es kein soziales Leben und ich glaube genau das war es, wonach ich mich sehnte. Ich wollte einmal in meinem Leben Sozialismus erfahren. Ich möchte nicht, dass jemand seines Lebens beraubt wird nur, damit man selbst gewinnt. Es gibt andere Möglichkeiten. Die Möglichkeit, nicht alleine lebend herauszukommen. Ich sehe keinen Sinn darin, alle sterben zu sehen, um selbst alleine zu überleben. Ich denke, ich habe genug erfahren, um zu wissen, wie es ist, alleine zu sein...“ Nachdenklich erwiderte Karolin daraufhin:„Das kann ich gut verstehen. Es ist nicht schön, alleine zu sein. Wenn man niemanden hat, der einen so richtig mag und immer zu einem hält. Danach habe ich mich auch gesehnt - Nach jemdandem, der mich so sehr liebt, wie ich ihn liebe. Damit meine ich keinen Partner, sondern einfach irgendjemanden. Egal, ob es nun ein Freund ist, der Nachbar oder die Familie. Ich wollte einfach so geliebt und geschätzt werden, wie ich es bei den Leuten tue. Damit will ich nicht sagen, dass ich denke, dass mich niemand mag oder so. Ich sage damit nur, dass mir die Leute wichtiger sind als ich ihnen und ich wollte einfach mal jemanden haben, bei dem es vielleicht andersrum oder gleichermaßen ist.“ Mit nachdenklichem Gesicht nickte Michal und murmelte:„Tja, ich denke, das ist es, was wir wollen und brauchen.“ Leise und irgendwie mit einer schmerzenden Belustigung in der Stimme meinte Karo:„Tja, da werden wir hier wohl auch nicht fündig. Auch hier wird man nicht geschätzt und es steht niemand mehr hinter einem in schweren Zeiten. Sie sagen, sie würden einen gerne haben und vielleicht haben sie das ja auch, aber sobald dann mal etwas passiert, was einem nicht passt, wird man hintergangen. Letztendlich ist es so, dass die Leute, ohne die man selbst nicht leben kann, ohne einen leben können. So war es immer und so wird es auch wohl bleiben.“ Scheinbar bedrückt antwortet der Pole:„Es ist einfach so. Niemand braucht einen und man ist nie gut genug. Das ist einfach so. Aber eigentlich brauchen auch wir niemanden. Das habe ich bei meiner Familie gelernt...“ Überrascht schaute Karolin ihn nun an und hakte nach:„In wie fern?“ Ruhig erzählte der 21-jährige nun in Erinnerungen versunken:„Ich war für meine Familie auch nie mehr als eine Enttäuschung. Meine Oma lebte bei uns und ist psychisch krank gewesen. Ich weiß nicht genau, was sie hatte, aber irgendetwas hatte sie. Sie hatte seltsame Ticks und war irgendwie nicht ganz klar im Kopf. Sie saß den ganzen Tag nur zu Hause rum und stammelte irgendetwas. Wahrscheinlich Demenz und noch irgendwas Anderes dazu. Mein Vater sagte damals immer, es sei ein Autounfall gewesen und sie habe sich den Kopf angestoßen. Naja, wenn wir schon bei meinem Vater sind... Er ist Alkoholiker und wird manchmal auch recht gewalttätig. Das ließ er damals oft an meiner Mutter aus. Sie wurde krank davon und brachte sich um, als ich gerade 7 Jahre alt war. Sie hat sich in der Küche erhangen und ich fand sie. Naja, besser gesagt, meine Oma fand sie, war total aufgeschreckt und rief laut. Als ich dann nachschauen wollte, was sie für ein Problem hatte, hing dort eben meine Mutter. Sie war ganz bleich und ihre Augen waren noch offen und blickten starr auf mich. Es war kein sehr schöner Anblick. Naja, als mein Vater auf jeden Fall dahinterkam, war es nicht besser. Er gab, warum auch immer, mir die Schuld dafür und fing nun auch an, mich zu schlagen. Er ließ seine Wut nun an mir und auch meiner Oma aus. Meine Oma starb dann auch irgendwann und ich lebte noch mit meinem Vater alleine.
    Er wollte auf einmal, dass ich Geld ins Haus brachte, denn er hatte mittlerweile so viel Geld für Alkohol ausgegeben, dass er pleite war. Doch, als ich das Geld nicht ausreichend zusammentreiben konnte, schlug er mich nur noch mehr. Da war ich dann gerade 15 Jahre alt. Meine Noten sackten in der Schule auch ab und ich fing an, Schule zu schwänzen. Ich hatte keine Lust darauf. Entweder war ich in der Schule oder eben bei meinem Vater zuhause und wurde geschlagen. Ich wollte wenigstens für ein paar Stunden am Tag Zeit für mich haben und die schuf ich mir eben durch das Schwänzen der Schule. Das wiederum war aber auch nur wieder ein Fehler, denn mein Vater wurde schon nach einigen Fehltagen von der Schule angerufen und alles kam ans Licht. Ich bekam wieder Schläge und mein Vater brach mir dabei sogar die Nase an. Dahinter gekommen, dass mein Vater mich schlug, ist aber niemand. Ich erzählte, ich sei gestolpert und hätte mir die Nase an einer Treppenstufe aufgeschlagen. Für die blauen Flecken an den Armen, Beinen und Oberkörper zog ich einfach immer lange Sachen an. So sah man auch im Sommer nichts davon.
    Naja, nach der zehnten Klasse ging ich dann auch von der Schule ab und fing eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker an. Mit dieser bin ich nun fast fertig. Bleiben musste ich bei meinem Vater, damit er mich nicht windelweich prügelt. Naja, bis jetzt lebte ich eben immer noch bei ihm.
    Meine Mutter tot und alleine mit meinem alkoholkrankem Vater in einer kleinen, dreckigen Wohnung. Ich bin ja ehrlich gesagt ganz froh, dass ich keine Geschwister habe. So müssten die dann immerhin nicht auch darunter leiden. Tja, aber jetzt bin ich hier und ich hoffe, wenigstens hier noch ein bisschen sozial leben zu können...“ Geschockt schaute die 15-jährige ihn nun an und meinte:„Das muss sicher sehr schwer gewesen sein und ich kann mir das alles gar nicht wirklich vorstellen. Das tut mir wirklich sehr leid.“ Leicht lächelte Michal nun und murmelte:„Das braucht es nicht. Es ist schon in Ordnung. Ich kenne es nicht anders. Aber... ich möchte mich bei dir bedanken.“ Überrascht fragte Karolin:„Bedanken? Wofür?“ Ruhig erwiderte der 21-jährige nun:„Dafür, dass du mir vertraust und mir die Möglichkeit gibst, hier bei euch zu sein. Und auch danke, dass du mir zugehört hast. Ich habe noch nie jemandem davon erzählt. Ich weiß noch nicht mal genau, warum ich es dir erzählt habe. Vielleicht, weil du die erste und einzige bist, die mir wirklich vertraut und mich aufnimmt. Die erste, die mir zuhört und bei der ich das Gefühl habe, ihr vertrauen zu können...“ Leicht lächelte Karo nun und meinte:„Dass sie meinen, mir vertrauen zu können, sagen irgendwie viele Leute. Sie erzählen mir oft ihre Sorgen. Ich weiß gar nicht, woran das liegt. Einige sagen, ich würde so eine Ruhe ausstrahlen und ein guter Zuhörer sein. Vielleicht stimmt das auch. Naja, ich finde es irgendwie lustig, dass sie ausgerechnet von mir denken, ich würde ihre Probleme lösen können. Naja, manchmal kann ich das auch, weil ich mich in die Personen hineinversetzen kann.“ Schwach lächelte Michal und meinte dann:„Oder aber ich habe es dir gesagt, weil wir wahrscheinlich demnächst eh sterben. Dann kannst du es niemandem erzählen und ich muss damit auch nicht mehr leben.“ Schwach lächelte Karo und meinte:„Ich werde alle meine Gedanken und Sorgen mit ins Grab nehmen. Egal, wann das sein wird. Aber ich werde wohl niemandem jemals alles erzählen können. Naja, ist ja auch egal.
    Was ich noch sagen wollte, ist, dass es mir wirklich leid tut, was du durchleben musstest. Ich hätte dich gerne eher gekannt. Vielleicht hätte ich dir helfen können. Dann wärst du jetzt vielleicht nicht so... verschlossen und still...“ Belustigt lächelte Michal und meinte:„Ja, es hat mich etwas in meinem Charakter bedrängt. Ich wirke seitdem vielleicht etwas gefühlskalt. Aber das tust du ja auch manchmal. Also scheine ich ja in bester Gesellschaft zu sein.“ Schwach lächelte die 15-jährige daraufhin auch und meinte:„Tja, so sind wir nun mal. Von außen wirken wir ganz anders als von innen drin...“

    Ich war verwirrt und gleichzeitig geschockt von dem, was Michal erzählt hatte und ich konnte nun verstehen, warum er so verschlossen und kalt wirkte - er versuchte, die Gefühle abzublocken. Allerdings bekam ich in dem Moment auch ein wenig Angst. Was, wenn er seine Gefühle mittlerweile so oft abgeblockt hat, dass er sie gar nicht mehr wirklich hat? Er hat während seiner Erzählung nicht eine Träne verloren. Entweder ist er einfach steinhart oder er kann mittlerweile mit seinen Gefühlen leben und spürt sie gar nicht mehr wirklich... Aber, wenn das der Fall sein sollte, dann empfindet er auch nichts mehr wirklich wie Liebe. Was, wenn ihm irgendwann auf einmal das Bedürfnis kommt, ein besseres Leben zu führen als vorher und er es erlangen möchte, indem er dieses „Spiel“ gewinnt? Oder, wenn wir ihm alle gar nicht erst im Geringsten wichtig sind und er uns deswegen verrät? Was, wenn er nicht mit dem leben kann, was ihm widerfahren ist und er jetzt vielleicht seinem Vater zeigen will, dass er doch zu etwas nütze ist, indem er uns alle tötet?
    Die Frage ist, ob er einfach verletzt ist oder, ob er gebrochen ist...







    Kapitel 108

    Karolin und Michal unterhielten sich noch eine Weile, aber irgendwann sackte ich weg, in einen tiefen Schlaf.
    Am nächsten Morgen wachte ich erst wieder auf, geweckt dadurch, dass Tae laut nieste. Müde schlug ich dann die Augen auf, schaute den Koreaner kurz an und schaute wieder weg, als er auch mich anblickte. Sein Blick war schmerzerfüllt und starrend, was mir klarmachte, dass er mich nach wie vor lieben musste und es brach mir wiedermal das Herz. Ich erhob mich einfach und lief zu der schlafenden Karolin rüber. Neben ihr hockte Michal bereits wach auf seinem Polster, gewohnt mit seinem kalten, gelangweiltem Blick, welcher auf nicht eine einzige Emotion hinwies. Starr schaute er mich nur an und beobachtete mich dabei, wie ich neben Karolin stehenblieb und versuchte, sie zu wecken, indem ich nur sprach:„Karolin, die Futter-Truppe muss noch zusammengestellt werden. Soll ich das einfach eben machen?“ Erst regte sich die 15-jährige daraufhin überhaupt nicht, aber ich stupste sie einmal kurz mit dem Fuß an, zog ihn aber schnell wieder weg, bevor die Kälte übergriff und die Anführerin regte sich auch endlich. Mit weiterhin geschlossenen Augen murrte sie:„Nimm Tae und Michal mit! Ihr drei seid die einzigen, die richtig wach sind.“ Leise seufzte ich dann und drehte mich zu den zweien um. Na, das wird bestimmt toll... Michal, der nicht spricht und nur wie ein Schatten hinter einem herläuft und Tae, mit dem ich nicht reden kann...

    Schweigend liefen wir durch den Wald, hielten die Augen nach etwas Essbarem offen. Wir liefen alle auf einem Haufen, doch niemand unterhielt sich. Michal unterhielt sich ja sowieso nur sehr selten und Tae schien weder mit mir, noch mit Michal reden zu wollen. Naja, ich hatte ihm ja auch gesagt, er solle nicht mit mir reden...
    Michal öffnete nach einer Weile seinen Mund:„Ich hab gar keine Ahnung, was wir hier jetzt suchen. Früchte, ja. Aber ich weiß nicht, was man davon essen kann und was nicht.“ Etwas verwirrt fragte Tae nun:„Was habt ihr denn bei Callum gegessen? Eis gelutscht oder wat?“ Ruhig, aber kalt erwiderte Michal darauf:„Nein. Wir haben uns von Fleisch ernährt. Einfach ein paar der Viecher hier zum Frühstück gemacht.“ Langsam nickte der 24-jährige daraufhin, scheinbar etwas angewidert und murmelte:„Ich will gar nicht wissen, was ihr gegessen habt. Wahrscheinlich Papageienschenkel und Affenrippen. Igitt...“ Darauf musste ich leicht lächeln, denn ich musste Tae recht geben.
    Dieses Lächeln schien Tae bemerkt zu haben, denn er lächelte mich nun auch leicht an, worauf ich jedoch den Blick abwandte. Doch ich spürte Taes Blick dennoch auf mir ruhen und ich wusste, dass in diesem Blick Liebe und Schmerz lag - genau, wie in meinem auch...

    Wir hatten Michal einfach schnell gezeigt, was man essen konnte, woraufhin er die Früchte dann schnell vom Baum holte.
    Nach einer Weile hatten wir dann auch genug gesammelt und gingen zurück zum Lager. Dort waren mittlerweile auch alle wach und ich sah, dass sich Akiko leise mit Lívia, Amba und Juan unterhielt. An ihrem nervösem Blick konnte ich erkennen, dass es wohl um Michal ging. Karolin hockte einfach teilnahmslos am Rand und auch Federica saß noch gemächlich in ihrem Polster. Langsam ging ich zu der Italienerin, nachdem ich die Früchte abgelegt hatte und fragte leise:„Worüber reden die da?“, und deutete dabei auf die Traube um Akiko. Gähnend erwiderte die 20-jährige nun:„Naja, es geht um Michal. Sie trauen ihm eben immer noch nicht und Akiko meint, sie sei sich nicht sicher, ob es wirklich eine gute Idee ist, ihn hierzubehalten.“ Etwas verwirrt erwiderte ich:„Das kann ich ja soweit verstehen, aber was wollten sie denn schon gegen ihn machen? Wir können ihn ja schlecht rauswerfen...“ Schulterzuckend antwortete Federica nun:„Ich denke, sie wollen ihn einfach weiter beobachten. Mehr nicht.“ Gedankenverloren nickte ich und murmelte eher zu mir selbst:„Das ist vielleicht gar nicht so schlecht“, während mein Blick an dem Polen hing.

    Das Essen war beendet und nun wollten wir weiterziehen. Hierbei hatte sich jedoch wieder eine kleine Meinungsverschiedenheit gebildet. Federica meinte ruhig:„Was wollen wir denn überhaupt machen, wenn wir das vermeintliche Ende der Arena erreichen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einfach durch eine Art Mauer abgegrenzt ist.“ Amba zuckte nun mit den Schultern und meinte:„Vielleicht hat Hisoka die Arena auch so riesig gemacht, dass er dachte, wir würden nie so lange überleben und zum Ende gelangen. Vielleicht ist das hier ja auch einfach ein sehr großer Wald, der nicht eingegrenzt ist und nichts. Hisoka erwartet vielleicht einfach, dass wir schon alle getötet sind, bevor wir das „Ende“ erreichen.“ Akiko erwiderte:„Das könnte theoretisch sein, aber eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen. Schließlich könnten wir so ganz einfach ausbrechen. Ich meine, wenn wir unsere Kräfte noch besser beherrschen würden, könnten wir wahrscheinlich ziemlich schnell hier wegkommen.“ Federica warf ein:„Vielleicht hat er auch irgendwie eine uns ganz neue Kraft angewandt, um dieses Feld einzugrenzen. Ich meine, er hat uns Kräfte verliehen, mit denen wir Naturgewalten beherrschen können. Weiß der Geier, was er dann noch alles kann.“ Das löste dann eine kleine Unruhe aus. Ich stand etwas hilflos daneben, nicht wissend, was ich nun machen sollte. Mein Blick wanderte nach links, wo Karolin seelenruhig und mit einem kleinen Schmunzeln im Gesicht an einen Baum gelehnt stand und dem Trubel zuschaute. Beinahe etwas flehend schaute ich sie an, sie solle die Unruhe legen und endlich einen richtigen Plan auf den Tisch legen und sagen, was zu tun war. Das tat sie dann auch zum Glück so halberlei, indem sie sich räusperte:„Wollt ihr dort noch länger stehen und diskutieren oder vielleicht endlich etwas unternehmen?“ Daraufhin kehrte dann etwas Ruhe ein und alle drehten sich zu Karolin. Diese wiederum kam nun etwas näher in die Mitte und meinte:„Also, wenn ihr wollt, könnt ihr auch noch ein paar Theorien mehr aufstellen und euch den Kopf zerbrechen, da habe ich nichts gegen. Aber ich persönlich würde vorschlagen, dass wir endlich weiterziehen. Wir werden es eh nie herausfinden, wenn wir nicht mal weiterziehen.“ Juan widersprach nun:„Es geht doch darum, dass es ungewiss ist, ob wir überhaupt je ein Ende finden werden.“ Ruhig erwiderte Karolin:„Ich weiß. Doch auch das werden wir nie herausfinden, wenn wir nicht weiterziehen. Also, entscheidet euch! Entweder steht ihr hier noch weiter rum und diskutiert oder wir gehen weiter.“ Akiko meinte nun:„Ja, dann gehen wir weiter.“ Zufrieden nickte die 15-jährige daraufhin und gestikulierte Akiko, vorzugehen. So tat die Japanerin es dann auch und die Reise wurde fortgesetzt.

    „Tae, kannst du mal kurz deines Amtes walten?“, hörte ich Akikos Stimme. Vorsichtig drängelte sich Tae dann nach vorne durch, zu dem reißenden Fluss, vor dem wir gerade standen. Akiko meinte:„Kannst du das Waser stilllegen? Dann können wir hindurch.“ Knapp nickte Tae und tat, wie es ihm befohlen war. Der Fluss war nicht tief, also sprang Akiko sofort hinein, als das Wasser still war. Auch Amba, Juan und Lívia folgten. Darauf gingen Michal und Karolin zusammen hindurch, wobei Karolin nachdem sie wieder an Land waren, einen kleinen Wirbelsturm um sich und Michal tanzen ließ, sodass ihre Klamotten direkt wieder trocken waren, während die der anderen noch vor Nässe trieften.
    Als nächstes durchquerten dann Tae selbst und Federica den Fluss, spalteten das Wasser aber anhand ihrer Kräfte, wie man es aus der Bibel von Moses kannte und blieben ebenso vor Nässe beschützt.
    Am Ende war dann noch ich dran und ich berührte einfach mit meinem Fuß das Wasser, wissend, was ich tun wollte und augenblicklich gefror die obere Wasserschicht Stück für Stück zu Eis, sodass ich einfach hinüberlaufen konnte. Als ich dann auf der anderen Seite war, löste ich dass Eis wieder auf und der Fluss riss erneut wild um sich, wie er es vorher tat. Warum kann ich meine Kräfte kontrollieren, wenn ich sowas mache, aber nicht, wenn es sich um Personen handelt? Ist es vielleicht wirklich nur die Angst, die ich habe, wenn ich mich näher mit Personen umgebe?
    Somit standen wir nun alle auf der anderen Seite des Flusses. Wir alle hatten einen Weg gefunden, den Fluss zu überqueren, bzw. durchqueren. Dabei waren wir alle trocken geblieben oder im Nachhinein wieder geworden. Nur Akiko, Juan, Amba und Lívia waren nass geworden und ihre Klamotten trieften immer noch. Beleidigt schaute Akiko uns nun an und scherzte:„Hättet ihr uns nicht auch die Möglichkeit geben können, trocken zu bleiben?“ Federica erwiderte nun grinsend:„Tja, selbst schuld, dass ihr sofort hineingehüpft seid!“ Michal schmunzelte nun etwas, schaute Karolin an und murmelte:„Oder, dass sie sich nicht an dich gehalten haben. Sonst wären sie jetzt auch trocken.“ Schwach lächelte die 15-jährige darauf, machte jedoch keine Anstalten, den Nassen eine Trocknung durch ihren Wind anzubieten und ging einfach direkt weiter. Nur Lívia, schloss schnell zu ihr auf und fragte mit einem verschmitztem Lächeln:„Kannst du mich kurz trocken?“ Knapp nickte die Anführerin daraufhin und ließ ihren Wind um die 13-jährige fegen, während die anderen drei von dem Wind ausgeschlossen wurden. Das erregte bei diesen eine gewisse Angepisstheit und Juan hinterfragte direkt:„Und was ist mit uns?“ Ruhig schaute Karo die drei dann an und sprach kalt, aber mit einer minimalen Befriedigung in der Stimme:„Ihr habt nicht gefragt.“ Leise stöhnte Juan dann und hakte nach:„Kannst du uns bitte auch trocknen, Karo?“ Nun erschien ein schwaches Lächeln auf Karos Gesicht und sie murmelte halbherzig:„Sicher doch. Wer so nett fragt...“ Mit diesen Worten trocknete sie dann auch die letzten drei, sodass wir nun alle trocken waren.

    Leise bedankte sich Akiko und erhob dann die Stimme:„OK, weiter geht's!“ Nach kurzem Zögern, weil Karo sich noch nicht in Bewegung gesetzt hatte, gingen wir alle weiter. Lívia lief neben Juan her, weshalb ich plötzlich niemandem mehr zum Laufen hatte. Also gesellte ich mich einfach zu Federica und Amba. Diese waren meiner Meinung nach ein sehr unterschiedliches Paar. Federica redete immer ohne Punkt und Komma, war stets gut drauf, lachte viel und war recht aufgedreht. Amba hingegen war schüchtern, ängstlich und hielt sich lieber aus dem Geschehen heraus. Sie redete nur selten, was vielleicht an ihrem mangelndem Wortschatz lag und hatte gefühlt Angst vor allem und jedem. Gewissermaßen konnte ich die Inderin, was das anging, verstehen. In ihrem Heimatland hatten Frauen kaum Rechte und mussten tun, was ihnen befohlen war, weil es sonst zu Gewalt führen konnte. Die Lebensbedingungen dort waren wohl wirklich nie gut, aber plötzlich lebte sie in so einer ganz anderen Welt. Auf einmal stand eine Frau als Anführerin vor ihr, man durfte mit anderen Männern reden und man hielt zusammen. Das war für sie Neuland und möglicherweise bereitete ihr das viel mehr Angst als ihre alte, eigentlich fast noch grausamere Welt. Demnach konnte ich verstehen, weshalb sie war, wie sie eben war. Dieses Verständnis, das sowohl ich als auch die meisten anderen in unserer Gruppe aufbrachten, war auch der Grund, weshalb sie noch Teil von uns war. Wir alle wussten, dass Amba es vorher wohl von uns allen am schwersten hatte. Allerdings muss ich dazu sagen, liefen wir alle ein ziemliches Wettlaufen, was das anging. Sicher, Amba lebte in Indien, wurde mit 14 Jahren an einen mehr als 10 Jahre älteren Mann verheiratet und musste in ständiger Angst leben, möglicherweise sexuellen Missbrauch oder Gewalt erleben zu müssen, aber auch Lívia führte ein schweres Leben. Sie lebte mit ihrem zwei Jahre älterem Bruder alleine auf der Straße. Sie hatte kein Geld, keinen Unterschlupf, keine Familie, nichts... Sie hatte nur noch sich selbst und ihren Bruder Lorenzo. Aber immerhin das...
    Wie ich die letzte Nacht erfahren hatte, hatte scheinbar auch Michal ganz und gar kein gutes Leben. Sein Vater war Alkoholiker und schlug ihn und seine Mutter sowie Oma, woraufhin seine Mutter sich erhang und seine Oma einfach irgendwann starb. Fortan lebte er alleine mit seinem Vater, musste jeden Tag Prügel einstecken und nicht einer in seinem Umfeld bemerkte es. Ich persönlich glaube, dass Michal dadurch vielleicht die ein oder andere psychische Belastung mit davon getragen hatte. Dem Rest schien es eigentlich ja wohl relativ gut zu gehen. Sicher hatten die ein oder anderen mal irgendwelche Sorgen, aber ernst war das alles nicht. Zumindest nicht im Gegensatz zu dem, was Lívia, Amba und Michal erlebt hatten.

    Schweigend lief ich neben Federica, welche gerade Ambs und mich zugetextete. Ich war jedoch in Gedanken und hörte gar nicht wirklich zu. Stattdessen schaute ich verträumt auf den Boden, als mir plötzlich etwas auffiel. Das hohe Gras, durch welches wir stapften, schien löchrig. Es fehlten zwischendurch kleine Büschel und, wenn ich den Boden dort genauer betrachtete, erkannte ich, dass Fußabdrücke in der feuchten Erde zu sehen waren, welche nicht von uns kommen konnten. Die paar Stummel, die von dem Gras noch aus der Erde ragten, waren verkohlt. Abrupt blieb ich stehen, woraufhin Karolin in mich lief und etwas verärgert fragte:„Was ist? Warum bleibst du einfach stehen?“ Schweigend deutete ich einfach auf den Boden, wo die Spuren zu sehen waren. Ruhig lehnte sich Karo dann vor, um sie besser identifizieren zu können. Nach einigen Minuten winkte sie Michal zu sich und murmelte gerade so laut, dass ich es noch hören konnte:„Scheint so, als wäre hier jemand mit der Kraft des Feuers entlanggekommen. Irina?“ Kurz betrachtete also auch der Pole die auffälligen Spuren und schüttelte dann sicher den Kopf:„Nein, ihre Füße sind kleiner.“ Akiko, welche das Gespräch verfolgt hatte, fragte nun laut:„Woher sollen wir wissen, dass er uns nicht anlügt? Was, wenn es Irina war und er uns jetzt anlügt, damit sie und der Rest uns überfallen können? Vielleicht hat er sie ja irgendwie gerufen und deshalb wissen sie nun, wo wir sind und wollen uns jetzt jeden Moment umbringen.“ Leise zischte Karo nun:„Red keinen Müll! Keine Frau hat so große Füße. Die Spuren kommen von einem Mann. Und dieser Mann muss in Verbindung zu Feuer stehen, also kommt nur einer in Frage.“ Federica vollendete ihre Theorie:„Preecha!“ Knapp nickte die Anführerin und fügte nun hinzu:„Die Spuren sehen noch recht frisch aus. Haltet die Augen offen! Vielleicht ist er hier noch irgendwo.“
    In dem Moment erklang auf einmal ein dumpfer Laut, als wäre jemand irgendwo heruntergesprungen und eine fremde Stimme ertönte hinter uns:„Ja, er ist noch da.“






    Kapitel 109

    Erschrocken fuhr ich herum und erblickte einen fremden Mann. Er war relativ klein und schlank, aber nicht schmächtig. Er hatte schwarzes kurzes Haar, welches einen ähnlichen Schnitt hatte wie Tae, doch sein Haar war vollkommen glatt. Er hatte es außerdem an der Stirn gespalten und leicht nach hinten gekämmt. Seine Augen waren schwarz wie die Nacht und zu kleinen Schlitzen verzogen. Er hatte einen leichten Bart, der jedoch eher ein drei-Tage-Bart war. Seine gebräunte Haut war geziert von einer Brandnarbe, die sich über seine linke Gesichtshälfte zog, ihn jedoch nicht entstellte. Es war lediglich eine leichte Verfärbung der Haut, die Narbe scheinbar schon alt. Ruhig schaute der Mann uns an, scheinbar jedoch stets in der Bereitschaft, sich zu wehren. Sein Blick glitt über jeden einzelnen von uns und blieb plötzlich an Federica hängen. Dann huschte ein Lächeln über seine Lippen und er murmelte:„Rica...“ Daraufhin lächelte die Italienerin breit und rief dann laut:„Preecha!“ Dieser wiederum stand nun etwas entspannter da und fragte ruhig, aber scheinbar recht freudig:„Was suchst du denn hier?“ Die 20-jährige erwiderte nun:„Wir waren eigentlich gerade auf der Durchreise zum Rand, aber jetzt haben wir dich gefunden. Das ist gut, denn wir haben dich vorher gesucht!“ Überrascht hob der Thai nun die Augenbrauen:„Mich? Wieso?“
    Karolin trat nun vor und erklärte:„Federica sagte uns, du könntest uns eventuell helfen.“ Noch überraschter schaute der Mann sie nun an und meinte:„Erstmal... Mit wem genau habe ich jetzt die Ehre? Und zweitens... Im wie fern sollte ich euch helfen können?“ Die Anführerin erwiderte:„Mein Name ist Karolin und falls es dir hilft, wir alle gehören zusammen. Wir haben eine Art Gruppe gebildet und wollen versuchen, alle zusammen hier herauszukommen. Wir sind gegen das Kämpfen und Gegenseitig-Töten. Zu deiner zweiten Frage... Laut Rica hast du Hisoka auch vorher schon gekannt. Wir möchten nun also von dir wissen, was du über ihn weißt. Es könnte helfen.“ Nachdenklich nickte der Thai nun und meinte:„Tja, Rica hat euch keinen Mist erzählt. Ich kannte Hisoka schon vorher.“ Erwartungsvoll fragte die 15-jährige nun vorsichtig:„Also? Hilfst du uns?“ Kurz schaute Preecha nun auf, nickte und sprach:„Ja, ich werde euch helfen. Ich meine, ich kenne euch alle eigentlich nicht. Aber ich kenne Federica und von ihr weiß ich, dass sie mir wohl nichts tun wird.“ Nun schweifte sein Blick wieder über uns und blieb diesmal an Akiko hängen. Diese schaute ihn etwas nervös an und sie trat auf die Stelle, als würde sie sich nicht wohl fühlen. Preechas Blick lag jedoch weiter auf ihr und er sprach nun, ohne seinen Blick abzuwenden:„Vielleicht kommt ihr erstmal mit. Ich habe ein Versteck. Dort werde ich euch alles erzählen... Nachdem ich euch ein wenig kennengelernt habe...“

    Der Mann lief voran und wir zögerlich hinterher. Preecha war irgendwie eine seltsame Erscheinung. Man konnte ihm kaum Gefühle zuordnen, aber er schien dennoch freundlich. Er sprach sehr gewählt und schnell, was auf seine Intelligenz hindeutete. Er war etwas seltsam, wie er uns teilweise begutachtet hatte. Er schien Blickkontakt nicht zu scheuen. Vielmehr schien er ihm standzuhalten und nicht ausweichen zu wollen. Das war etwas, was einen etwas nervös machen konnte. Normalerweise kannte man es so, dass, wenn jemand einen einfach anstarrt und man zurückstarrt, die Person den Blick abwendet, meist peinlich berührt. Zumindest war es bei mir immer so gewesen, wenn ich in der Bahn saß und mich jemand anstarrte. Sobald die Person beim Starren erwischt wurde, schaute sie weg.
    Doch bei Preecha war es ganz anders. Er starrte zurück und er hörte auch nicht auf, wenn man selbst wegschaute. Er durchbohrte einen förmlich mit seinem Blick. Das machte viele von uns nervös, das wusste ich. Besonders abgesehen bei seinen Starr-Attacken, hat der Mann es wohl auf Akiko. Warum, wusste ich nicht. Ich stellte mir vor, dass er sich möglicherweise in Akiko verliebt hatte. Sie war schließlich sehr hübsch und auch freundlich. Zweiteres konnte Preecha selbst in dem Moment zwar noch nicht beurteilen, aber es war dennoch ein Fakt. Akiko wurde praktisch von jedem geliebt. Ich kannte niemanden, der sie nicht mochte. Wie sollte es auch anders sein? Akiko war hübsch, nett, schlau und sehr höflich. Sie verstand sich mit jedem gut, nur mit einer Person bekam sie sich manchmal in die Haare - Karolin. Was genau der Grund dafür war, konnte ich nicht sagen. Wahrscheinlich einfach die Meinungsverschiedenheiten, die die beiden hatten und der Fakt, dass Karolin gerne ihre Meinung durchsetzte und dadurch auch ganz gerne mal kleine Konflikte verursachte. Ich will nicht sagen, dass Karolin Streit suchte, denn sie war eigentlich sehr friedliebend, aber, was Akiko anging, traf das dann vielleicht doch zu. Karolin und Akiko waren eben wirklich kein Dreamteam. Womit sich das bildete, kann ich nicht genau sagen. Was ich aber sagen kann, ist, dass sich diese zunehmenden Konflikte zwischen den zweien gebildet hatten, nachdem sie alleine zusammenblieben, als wir damals getrennt wurden. Dort waren die zwei noch zusammengeblieben und ich vermutete, dass sie sich in dem Moment einfach sehr nahestanden und niemanden dazwischen hatten. Doch ich glaubte, dass dieses Nahestehen nicht zu Liebe in dem Sinne führte, sondern zu der Erkenntnis, dass zwei Charaktere aufeinander getreten waren, die einfach nicht sehr gut miteinander konnten.

    Wie auch immer... Preecha führte uns nun schweigend zu seinem Versteck, welches sich als alte Ruinen eines Tempels herausstellten. Er zwängte sich durch eine kleine Öffnung in der Wand, welche ins Innere führte. Dort war alles von Pflanzen überwuchert und das Sonnenlicht sickerte trüb durch die Ritzen der Steine in der Decke. So wurde der Raum in ein gelbliches Licht getaucht und es sah aus wie gemalt, so geheimnisvoll und schön.
    Erstaunt schaute ich mich um, als Preecha uns schon weiterwinkte, in eine Art Keller. Immer noch wie verzaubert von diesem zerfallenem Tempel blickte ich nicht nach vorne, sondern einfach in die Luft. Ich lief recht weit vorne. Nur Preecha war noch ein Stück vor mir und meinte plötzlich:„Achtet darauf, wo ihr hinlauft. Tretet nicht auf die hervorstehenden Steine und stolpert nicht über diese gespannten Fäden, sonst...“ Weiter kam der Mann nicht, denn schon trat ich aus Unachtsamkeit auf einen der Steine und plötzlich schoss ein Pfeil aus der Wand, direkt auf mich zu. Ich kniff bereits die Augen zu, nur noch drauf wartend, dass das spitze Eisen an der Spitze des Pfeils mein Fleisch durchbohrte, doch ich wurde gerade rechtzeitig noch weggezogen. Als ich mich zu meinem Retter umdrehte, erkannte ich, dass es Tae war, welcher noch meinen Arm hielt und ich zog ihn schnell weg, denn an Taes Hand bildeten sich schon feine Eiskristalle. Leise murrte ich nur ein „Danke“ vor mich hin und lief schon weiter, diesmal auf das achtend, was vor mir war und aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie Tae enttäuscht den Kopf senkte und auf seine Hand schaute. Er schien die Kälte also bemerkt zu haben, doch ich hoffte, dass er sich nicht weiter Gedanken darüber machte, damit er mein Geheimnis nicht lüftete.

    Mit Preecha an der Spitze hatten wir den Gang voller Gefahren nun durchquert und standen nun vor einer Falltür. Diese öffnete Preecha jetzt, drehte sich dann zu uns um und meinte:„Hier geht es zu dem richtigen Versteck. Dort kann uns niemand finden. Aber dafür müsst ihr tauchen. Kann jemand von euch nicht schwimmen?“ Ich schaute mich um und sah nun Amba, wie sie zögerlich ihre Hand hob und murmelte:„Ich kann nicht schwimmen...“ Gerade wollte Preecha etwas erwidern, da hob wie aus dem Nichts Michal seine Stimme:„Es ist nicht schwer. Du kannst mit mir schwimmen. Halt einfach die Luft an und halt dich an mir fest. Dann passt das schon.“ Preecha nickte nun und sagte:„Gut, dann haben wir das ja auch geklärt. Also, ich springe einfach hinein, ihr hinterher und ihr folgt mir dann, OK? Bleibt also dicht zusammen!“ Mit diesen Worten sprang der Thai plötzlich schon durch die Falltür und wenige Momente später hörte man das Platschen von Wasser. Ich sprang jetzt auch schnell hinterher und traf wenige Momente später auf das Wasser. Es schien etwas grünlich und ich sah Preecha schon in dem Wasser schwimmen. Nach und nach tauchten nun auch die anderen im Wasser auf und Preecha tauchte sofort los. Schnell folgte ich ihm und sah aus dem Augenwinkel, dass auch der Rest es tat. Dabei sah ich auch, wie Michal plötzlich zu mir aufholte, während Amba sich schutzsuchend an ihn klammerte und stark die Luft anhielt. Alle anderen kamen auch schnell hinterher und ich folgte dem Thai weiterhin.

    Plötzlich sah ich schwaches Licht vor mir über dem Wasser und ich sah, dass Preecha bereits die Luft erlang. Wenige Momente später war dann auch ich wieder an der Luft und ebenso kamen all die anderen hoch. Keuchend, weil wir so lange die Luft anhalten mussten, paddelten wir nun an das unterirdische Land. Dabei hielt Amba sich immer noch an Michal. Sie hatte ihre Arme um seinen Bauch geschlungen, wie bei einer Umarmung und ließ erst dann los, als Michal das Land betrat. Dann ließ die Inderin auch zögerlich los und betrat vorsichtig den Erdboden. Zögerlich lächelte die 17-jährige dann auch den Polen an und schloss schnell wieder zu Akiko und Federica auf. Ich hingegen schaute weiterhin zu Michal. Er schaute Amba nachdenklich hinterher und wartete dann kurz auf Karolin, welche direkt hinter ihm war. Diese wiederum lächelte ihn nur belustigt an und schubste ihn leicht, freundschaftlich. Sie schien es lustig zu finden, dass Michal sich sofort gemeldet hatte, Amba beim Tauchen zu helfen. Aber möglicherweise fand sie es auch einfach nur lustig, wie Amba sich an ihn geklammert hatte.
    Ich allerdings, muss sagen, war etwas überrascht, dass Michal sich überhaupt angeboten hatte. Andererseits war ich ganz froh, denn es zeigte Initiative und ich war mir sicher, er wollte somit das Vertrauen von Akiko und den anderen gewinnen, um in der Gruppe aufgenommen zu werden.

    Wir standen nun vor einem schweren, steinernem Tor, auf welchem ein seltsames, fiktives Wesen abgebildet war. Preecha blieb davor stehen, legte seine Hand dagegen und drückte dann fest. So wurde das Tor aufgestoßen und wir traten in einen gigantischen Raum, voller Gold und Edelsteinen. Erstaunt starrte ich die Kostbarkeiten an, während Preecha nur strikt in die Mitte des Raumes ging, wo ein Tisch mit Stühlen stand.
    Vorsichtig traten wir nun auch herein und Juan sprach meine Gedanken aus:„Und das hier ist dein Versteck? Wie hast du es gefunden?“ Beinahe etwas verlegen erzählte der Mann nun:„Ja, das ist mein Versteck. Naja, gefunden habe ich es, als ich weggelaufen bin - vor einem Jaguar. Ich habe mich eben vor ihm hier in den Ruinen versteckt, bin ein bisschen umhergeirrt und habe dann das hier gefunden. Wie genau, ist ne lange Geschichte. Kann ich euch wann anders mal erzählen, aber nicht jetzt. Ich möchte erstmal, dass IHR mir etwas erzählt - von euch.“






    Kapitel 110

    Ruhig, aber etwas seufzend sprach Karo:„Na gut und was genau willst du von uns wissen? Namen?" Seelenruhig erwiderte Preecha:„Zum Beispiel. Eure Namen würden mir für's erste schon ganz nützlich sein. Was ich aber eher meinte, sind eure Kräfte, was ihr bisher versucht habt, um rauszukommen und, was eure momentanen Pläne sind." Zögerlich nickte die 15-jährige nun und nannte erstmal jeden beim Namen und erzählte, wer welche Kraft besaß. Preecha hörte sich das mit verschränkten Armen und zufriedenem Gesichtsausdruck an. Als Karo jedoch auf Michal deutete und von ihm erzählte, hob der Thai plötzlich seine Hand, Karolins Reden unterbrechend und fragte nun, während ein leichtes Schmunzeln auf seinen Lippen lag:„Warte einen Moment. Michal mit der Kraft des Schattens - War der nicht mal Teil von den Bösen?" Michal schaute ihn nun mit seinem bevorzugt kaltem Gesichtsausdruck und finsteren Augen an, während er ruhig sprach:„Ja, ich bin bin mal mit denen rumgelaufen, aber ich habe die Seiten gewechselt. Im Grunde genommen war ich auch nie einer der „Bösen"." Daraufhin nickte Preecha langsam, begutachtete Michal einmal von unten nach oben und leckte dabei nachdenklich langsam mit seiner Zunge über die Lippen. Dies wiederum brachte den 21-jährigen dazu, den anderen Mann dunkel anzublicken, dann leicht den Kopf zu schütteln und den Blick schließlich abzuwenden.
    Dem zu urteilen war Preecha wohl nicht die Art von Mensch, mit der Michal sich sofort anfreunden würde. Den Polen schien diese ruhige, aber überlegene Art nicht zu gefallen, was vielleicht damit zusammenhing, dass er selbst tatsächlich gar nicht so anders war. Allerdings kam diese Überlegenheit bei Michal durch seine kühle Art rüber, während sie bei Preecha von dem stetigem Schmunzeln und Starren übermittelt wurde.

    Karolin stellte noch eben schnell den Rest vor, woraufhin Preecha langsam nickte und dann meinte:„OK, sehr schön. Ich nehme an, du bist die Führerin dieser Truppe?", während er auf Karo deutete. Diese hob langsam und kühl das Wort:„Ja, so könnte man das sagen. Aber diese Truppe steht scheinbar nicht so darauf, geführt zu werden, weshalb ich mich selbst einfach als die bezeichnen würde, die ihre Zustimmung bei Vorschlägen gibt und ihre eigenen durchsetzt." Darauf schmunzelte der Mann wieder und meinte mit einer leichten Belustigung in der Stimme, welche ihn überlegen scheinen ließ:„Also betiteln wir dich wohl besser als ungewollte Führung? Oder sagen wir wohl besser „noch nicht gestürzte Führung"? Vielleicht benennen wir deine Position auch „schlechte Führung". Keine Ahnung, was am besten passt. Such du es dir aus." Wütend ballte Karolin nun ihre Hände zu Fäusten, scheinbar bereit, zuzuschlagen, doch Michal hielt sie am Arm fest und raunte ihr leise etwas zu, woraufhin sich die Österreicherin wieder etwas beruhigte. Allerdings stand ihr die Wut weiterhin im Gesicht, während Preecha wohl von einer gewissen Schadenfreude erfüllt wurde.
    An Federica gewandt fragte der Mann nun:„Und du sagtest, euer Plan war es erst, mich zu finden und was war der jetzige noch einmal eigentlich?" In ihrer gewohnt freundlichen und gut gelaunten Art erzählte die Italienerin:„Wir wollten zum Rand der Arena vorschreiten und schauen, ob wir dort vielleicht irgendwie weiterkommen oder..." Weiter kam die lockenköpfige Frau nicht, denn der intelligente Thai unterbrach sie:„Sinnloser Plan. Das Land ist abgegrenzt durch eine hochmoderne, technischbedingte Wand. Es führt kein Weg hindurch, ich habe es bereits ausprobiert. Hisoka hat sich die schlausten Menschen der Welt zusammengekratzt. Er hat alles von vorne bis hinten durchgeplant. Glaub mal nicht, du könntest da durch. Weiter?" Etwas verunsichert fing die Italienerin das Wort wieder auf:„Naja, einen anderen Plan hatten wir eigentlich nicht. Also geht es nicht wirklich weiter. Der vorherige Plan war eben, dich zu finden und dich um Hilfe zu bitten. Wir dachten, du könntest etwas wissen, das uns vielleicht helfen könnte. Du weißt schon, sowas wie ne Schwachstelle Hisokas oder so." Langsam, aber verstehend nickte Preecha nun und meinte:„Naja, ob ich euch im Endeffekt tatsächlich helfen können werde, wird sich noch herausstellen. Ich habe mir sowieso schon alles durch den Kopf gehen lassen, was ich weiß. Eine richtige Schwachstelle über Hisoka oder sein Werk konnte ich dabei nicht direkt identifizieren. Aber möglicherweise kennt ihr ja noch ein paar Informationen, die kombiniert mit meinem Wissen zu einer guten Lösung für unser kleines Problem hier führen können. Aber ich würde sagen, dafür werde ich euch erstmal alles erzählen müssen. Setzt euch einfach hier an den Tisch.“

    „OK, ich nehme an, Rica hat euch schon ein bisschen etwas erzählt“, meinte Preecha, als wir allesamt um den Tisch verteilt saßen und ihm zuhörten, während andere jedoch vielmehr auf die Schätze um uns starrten. Juan, welcher direkt gegenüber von Preecha saß und dadurch des Öfteren von ihm mal angeschaut wurde, nickte nun leicht und meinte in seinem eher brüchigem Englisch:„Ja, das hat sie. Aber eher die Anfangssache, dass du ihn kennengelernt hast und es waren nicht alle dabei, als sie das erzählte. Ich glaube, Amba und Michal waren erst später da. Am besten erzählst du noch einmal alles von vorne.“ Daraufhin nickte Preecha leicht, ohne den Blick von Juan abzuwenden und fing an:„OK. Also... es war so, dass ich damals in einem Kloster lebte. Es lag auf einem hohen Berg, abgeschieden von dem nächsten Dorf und es kam nicht oft Besuch vorbei. Doch eines Nachts, als es sehr stark stürmte, hämmerte auf einmal jemand von außen gegen unser schweres Tor. Meine Brüder öffneten das Tor und es trat dieser seltsame Mann in unseren regenüberströmten Innenhof. Mit „Brüder“ meine ich übrigens die anderen Mönche und Leute in dem Kloster, nicht meine Verwandten. Wie auch immer, der Mann redete nicht, sein Blick war finster und er hatte recht wenig Gepäck auf dem Rücken. Seinem Aussehen zu urteilen kam er aus irgendeinem anderem asiatischen Land. Wie sich später auch herausstellte, kam er aus Japan.
    Naja, auf jeden Fall brachten meine Brüder ihn in unseren großen Treffraum. Dort nahmen sie ihm sein Gepäck ab, gaben ihm trockene Klamotten und versuchten, ihn zum Reden zu bringen. Doch er schwieg weiterhin. Stattdessen machte er Bewegungen mit seinen Händen, was sie darauf schließen ließ, dass der arme Wanderer stumm sein musste. Sie konnten keine Lautsprache, also riefen sie nach mir. Ich wusste, wie die Lautsprache ging, nachdem meinem Opa damals die Zunge aus dem Mund geschnitten wurde, weil er seinen Führer beleidigte. Seitdem mussten wir uns mit ihm verständigen können und ich lernte, ebenso wie er, die Lautsprache.
    Wie dem auch sei, ich wurde geholt und musste übersetzen. Dabei erfuhren wir eben, dass der Name des Mannes Hisoka war. Er war auf Durchreise und kam aus Japan. Er war seit Geburt an stumm und suchte nun nach etwas. Was genau, sagte er uns jedoch nicht. Jedoch musste es wohl von großer Wichtigkeit sein. Er sagte, er sei seit Jahren danach auf der Suche.
    Wir gewährten ihm Unterschlupf und bereiteten ihm ein Mahl. Danach gaben wir ihm nur noch ein Bett. Dieses war das, was in meinem Zimmer noch frei war. Die Mönche sagten, es sei besser für ihn, wenn er sich noch mit jemandem unterhalten könne, denn, wer auf Durchreise war, hatte viel erlebt und wollte sich eventuell austauschen und sie meinten, der arme Mann könne das wahrscheinlich eh nur sehr selten, da eben nicht viele die Lautsprache verstehen. Was noch ganz nett war, war, dass auch ich japanisch reden konnte. Ich spreche viele verschieden Sprachen. Ich lernte die meisten von ihnen im Kloster.
    Auf jeden Fall teilte sich Hisoka ein Zimmer mit mir. Erst zeigte er gar kein Interesse daran, sich zu unterhalten. Er hockte nur in seinem Bett und kritzelte etwas in ein kleines Buch. Ich hielt es für eine Art Tagebuch, aber es sah sehr besonders aus. Es hatte einen braunen Ledermantel, doch geziert war es von seltsamen Ranken aus Gold. Diese Ranken verflochten sich über den gesamten Umschlag zusammen und bildeten somit eine seltsame Figur. Es sah aus wie ein toter Körper, was diese Ranken am Ende bildeten, doch irgendwie schien dieser tote Körper gleichzeitig so lebendig. Ich weiß auch nicht so genau, wie ich das beschreiben soll... Worauf ich hinaus will, ist, dass jede dieser einzelnen Ranken eine besondere Art hatte. Sie alle unterschieden sich voneinander und waren auf ihre eigene Weise ganz besonders. Eine dieser Ranken zum Beispiel hatte sehr viele Spiralen und glich dem zischendem Wind. Noch eine andere bestand aus lodernden Flammen und eine andere war von scheinbaren Blüten geziert. Bei näherem Hinsehen erkannte man jedoch, dass es eigentlich kunstvolle Schneeflocken waren. Es waren 10 verschiedene Ranken. Sie alle beschrieben jeweils eine Naturgewalt. Diese Naturgewalten, welche nun an uns verteilt sind.
    Nachdem er in sein Buch geschrieben hatte, setzte er sich jedoch auf und fing an, mich zu beäugen. Er musterte mich von Kopf bis Fuß und fragte mich plötzlich allerlei Sachen. Ich beantwortete ihm jede seiner Fragen und irgendwann unterhielten wir uns sehr nett. Naja, Hisoka machte seine Zeichen, ich verstand sie und antwortete ganz normal. Ich fragte ihn irgendwann, was er denn suche und, warum er es suchte. Doch diese Frage beantwortete er mir nicht, obwohl er mir vorher jede einzelne beantwortet hatte. Statt diese letzte Frage zu beantworten, meinte er, er wolle nun ein Bad nehmen und dann zu Bett gehen. Also ließ ich ihn ins Bad gehen und machte mich selbst bettfertig. Doch, als ich meine Gewänder ablegte, blieb mein Blick an etwas hängen - an seinem Buch. Mich ließ meine Frage nicht los und ich erhoffte mir durch einen Blick in das Buch eine Antwort. Also schlich ich hinüber zu dem Buch, öffnete es und fand halberlei, wonach ich suchte. Er hatte diese 10 Naturgewalten jeweils auf eine Doppelseite geschrieben und jede Menge Begriffe dazu aufgeschrieben. Es stand bei jeder Kraft ein Name und zu diesem Namen Eigenschaften. Ich kannte keinen der Namen und ich konnte wirklich nichts damit anfangen. Die Zahlen, welche bei der Kategorie „Tod“ dortstanden, waren auch ganz anders, als die, in der ich lebte. Vor tausenden Jahren waren diese Zahlen einmal gewesen und mir war klar, dass es sich um Personen aus der fernen Vergangenheit handeln musste.
    Damals wusste ich nicht, was das für Personen sein sollten, doch heute weiß ich es. Es wurde mir auf dem Ball klar, den Hisoka veranlagte. Er erzählte es selbst. Er erzählte von dieser Legende von den Menschen mit diesen Kräften und, dass sie sich alle gegenseitig töteten. Bei dem, was er dort erzählte, war mir auf einmal klar, dass es sich bei diesen Personen aus dem Buch um genau diese Leute aus der Legende handelte.
    Er versuchte, auf diesen Seiten ihre Schwachstellen und Stärken herauszufinden. Er wollte eine Art Plan finden, wer von ihnen der Mächtigste war. Er wollte sich seine „Chance“, wie er es nun nennt, selbst ausrechnen. Doch, wie er dann später wohl herausfand, ließ sich das nicht einfach so ausrechnen. Es gab diese Personen mit solchen Kräften schon immer vorher und sie alle unterschieden sich. Egal, dass sie die selben Kräfte hatten. Niemand von ihnen war gleich und er verstand, dass es immer ein anderer war, welcher am stärksten war. Also musste er wohl einen anderen Plan finden.
    Auf den folgenden Seiten hatte er diesen aufgeschrieben. Naja, indirekt. Er wollte Menschen finden, die dazu befähigt waren, diese Kräfte zu beherrschen, sie zusammenführen und sie gegeneinander kämpfen lassen. Der, der gewinnt, sollte der Auserwählte sein.
    Doch sein Problem war, dass er nicht wusste, wie man herausfindet, wer die Veranlagung dazu hat und wer nicht. Also musste er erstmal dafür eine Lösung finden. Und er war auf der Suche nach dieser Sache, die ihm die Fähigkeit gab, sehen zu können, wer diese Kraft beherrschen konnte und wer nicht.
    Ich war verwirrt von dem, was ich las und nahm es nie wirklich ernst. Doch loslassen tat es mich nie. Es blieb mir immer in Erinnerung und, als mir eines Tages plötzlich wieder Hisoka gegenüber stand, wusste ich, warum er gekommen war.
    Naja, damals verließ er unser Kloster einfach wieder am nächsten Morgen und das war's. Danach sah ich ihn lange Zeit nicht. Ich war damals 15 Jahre alt, also ist es mittlerweile 10 Jahre her. Ja, heute bin ich 25 Jahre alt und weiß nun, dass ich mir wünsche, Hisoka niemals getroffen zu haben. Doch so ist es ja leider nicht und jetzt hocke ich hier in einem verlassenem Tempel, voller Gold und Leuten, die meine Hilfe wollen, die ich ihnen aber wahrscheinlich nicht geben kann.“






    Kapitel 111

    Preecha saß gerade dort, das eine Bein über das andere gelegt, und die Hände auf den Knien abgelegt. Mit seinem stetigem Schmunzeln schaute er uns an, besonders jedoch Juan, Michal und auch Tae und fragte:„Könnt ihr etwas mit dem anfangen, was ich gesagt habe?“ Die Männer antworteten jedoch nicht, allesamt verwirrt, warum der Thai ausgerechnet sie anschaute und nicht Karolin, welche die Anführerin war. Diese antwortete jetzt nämlich:„Danke, Preecha, dass du uns an deinem Wissen Teil haben hast lassen. Momentan wüsste ich persönlich noch nicht, ob uns das irgendwie beim Überleben helfen kann, aber es ist ein wirklich nettes Wissen für später.“ Daraufhin schaute der 25-jährige sie an und sprach mit dieser leichten Belustigung in der Stimme:„Gerne doch. Du, als ungewollte Führung, wirst ja wahrscheinlich nun entscheiden, was du und deine Truppe machen werden. Also? Was ist jetzt dein Plan, noch-nicht-gestürzte-Führung?“ Erst wurde Karolin auf Preechas schelmische Bemerkungen wieder wütend, atmete dann jedoch einmal langsam aus und verdrang, was Preecha gesagt hatte und sie somit beleidigt hatte und sprach:„Ich weiß es noch nicht. Momentan steht die Gruppe eher darauf, dass Akiko die Vorschläge macht und der Rest zustimmt. Ich muss den Plan dann nur absichern. Also, Akiko, was ist dein Plan?“ Mit diesen Worten drehte sich die Österreicherin zu der 18-jährigen, welche auf einmal etwas erschrocken schaute und sich etwas klein machte, da sie sich wohl scheinbar nicht so ganz wohlfühlte. Allerdings konnte ich nicht verstehen, warum. Möglicherweise lag es daran, dass Karolin immer noch angepisst wegen ihr war, was man alleine an ihrer herablassenen Stimme hören konnte. Seitdem Akiko von den anderen unterstützt wurde, aber Karo nicht, sprach die 15-jährige sowieso sehr herablassend. Sie machte zu jeder Zeit eine Bemerkung, die auf diesen Konflikt und die Ungerechtigkeit, die sie darin sah, hindeutete. Sie unterhielt sich immer noch nicht oft mit den anderen. Nur Michal war ihr ständiger Begleiter und nun ihr bester Freund.
    Vielleicht schüchterte das Akiko ein, denn ich wusste auch, dass Akiko Michal nicht traute und je mehr Karolin in seiner Gesellschaft war, umso mehr distanzierte sie sich teils von den anderen. Ich glaube, wir alle hatten die Befürchtung, dass Karolin sich vielleicht nur noch an Michal binden würde und dieser wahrlich keinen guten Einfluss auf die Anführerin hatte. Um es auf den Punkt zu bringen, hatten wir Angst, dass Michal tatsächlich ein Verräter war und Karolin, gesteuert von ihrer Wut, ihm folgen würde. Ich jedoch konnte mir das bei bestem Willen nicht vorstellen. Karolin war sehr treu und vernünftig. Auch, wenn sie einmal wütend war, entschied sie sich dennoch für das Wohlergehen der anderen. Sie war nicht der Typ dazu, einfach die Seiten zu wechseln und uns zu hintergehen. Alleine, wenn man überlegt, dass sie sich bei Amba so aufgeregt hat.

    Naja, auf jeden Fall stellte ich mir vor, dass das der Grund für Akikos Verhalten sein konnte. Andererseits fühlte sie sich vielleicht auch nicht bei Preecha wohl. Der Thai war irgendwie seltsam, das fand auch ich. Möglicherweise kam es mir nur so vor, aber ich fand ihn wirklich komisch. Er wirkte auf mich weder gefährlich noch hinterhältig. Ich wusste nicht mal, ob er mir sympathisch war oder nicht. Er war einfach irgendwie seltsam. Er schien so ruhig und gesittet, aber andererseits schien er gerne mal einen rauszuhauen und Leute zu ärgern. Ich glaube, er wusste ganz genau, wie er die Leute zur Weißglut brachte und genau das machte ihm Spaß. Ich glaube, es amüsierte ihn, Leute wütend zu sehen und da hatte er bei zum Beispiel Karolin genau die richtige Person gefunden. Sie konnte man sehr schnell verärgern und das besonders durch Worte. Ein Wort genügte schon, um sie wütend zu stimmen. Meist zeigte sie diese Wut nicht offensichtlich durch so etwas wie Schreie oder Schläge. Man sah ihr die Wut einfach im Gesicht an und daran, dass sie immer ihre Hände zu Fäusten ballte und die Lippen aufeinander presste, scheinbar, um schnippische Worte für sich zu behalten.
    Und Preecha fand Vergnügen darin, die Anführerin wütend zu sehen. Ich glaube, er spielte gerne mit Gefühlen. Nicht auf eine romantische Art, sondern einfach so. Er nutzte seinen Verstand und diese Fähigkeit, mit Worten umgehen zu können dafür, die Gefühle von anderen in Brand zu setzen. Er tat dies zur Belustigung seiner selbst. Wenn ich so recht darüber nachdachte, war das ziemlich asozial. Mich persönlich störte es aber nicht, da ich noch nicht zu seinem Opfer geworden war. Ich war ihm nur dankbar, dass er uns in seinen Unterschlupf geführt hatte und dort erzählte, was er wusste. Sicher, er war seltsam, wie er manche Personen so anstarrte und andere ärgerte, aber er war an sich kein Verkehrter, meiner Meinung nach. Er half uns und zu Federica war er wirklich lieb. Sie ärgerte er so gar nicht, was wohl daran lag, dass die beiden sich schon kannten. Aber daran sah man, dass Preecha eigentlich sehr nett war. Er war höchtens ein bisschen frech, aber damit konnte ich leben.

    Akiko hob nach einer Weile leise das Wort:„Naja, ich habe jetzt eigentlich keinen richtigen Plan. Jetzt, wo wir wissen, dass wir am Rand nicht weiterkommen werden, wird es nichts bringen, dort hinzugehen. Aber ich denke trotzdem, dass wir irgendwie weiterziehen sollten...“ Verwirrt hob Karo nun die Augenbrauen, schaute Akiko an und fragte:„Du hast doch gerade gesagt, dass es keinen Sinn ergibt, zum Rand zu ziehen, wo ich dir auch recht gebe. Aber warum sollten wir dann weiterziehen? Mit welchem Ziel? Wir brauchen nicht weiterziehen, um zu wandern!“ Schulterzuckend stand die Japanerin nun da, während sich Karolin wieder Preecha zuwandte und meinte:„Könnten wir theoretisch ein wenig hierbleiben? Wir könnten gemeinsam überlegen, was wir nun tun könnten oder, was es genau mit Hisoka auf sich hat.“ Preecha lehnte sich nun etwas zurück und meinte schlechthin:„Sicher, da habe ich nichts gegen. Es ist sonst sowieso etwas einsam.“ Dankend nickte die Österreicherin dem Thai nun knapp zu und wandte sich wieder an uns alle:„Also, wir bleiben dann noch ein wenig hier. Und bevor jetzt Proteste kommen, von wegen, ich hätte wieder alleine entschieden. Ja, ich gebe euch recht. Diesmal habe ich alleine entschieden, aber, solange kein besserer Vorschlag kommt, werde ich meinen Hintern hier nicht wegbewegen.“ Darauf antwortete niemand und eigentlich schienen auch alle recht einverstanden mit dem Plan zu sein. Nur Akiko schaute sich etwas unbeholfen um und man merkte, wie unwohl sie sich fühlte.

    Während nun alle mit Preecha gingen und sich ein bisschen umschauen wollten, ging ich leise zu Akiko rüber. Ich war neugierig, was sie von Preecha hielt, aber viel mehr, warum sie sich hier so unwohl fühlte. Also fragte ich einfach leise:„Hey, Akiko... Alles gut? Du siehst nicht sehr glücklich aus.“ Mit huschendem Blick durch die Gegend murmelte die 18-jährige nun:„Naja, ich fühle mich hier nicht sehr wohl. Es ist dunkel, feucht und kalt. Die Dunkelheit jedoch schwächt mich. Ich habe nun mal die Kraft des Lichts...“ Verstehend nickte ich und meinte:„Das stimmt. Da habe ich gar nicht dran gedacht. Vielleicht können wir ja einfach Preecha fragen, ob er ein Feuer entfachen kann. Das spendet auch Licht.“ Schulterzuckend folgte Akiko nun auch Preecha, ich neben ihr.
    Nach einer Weile fragte sie jedoch:„Wie ist es überhaupt mit dir? Wie geht es dir? Wenn ich ehrlich bin, wirkst du auf mich in letzter Zeit komisch. Mir ist aufgefallen, dass du dich immer mehr distanzierst. Auch das mit Tae hat mich und uns alle sehr überrascht. Aber gerade seitdem wirkst du nicht glücklicher. Ist alles OK?“ Etwas ertappt und innerlich fast schon panisch, was ich antworten sollte, schaute ich weg. Schließlich stammelte ich einfach leise:„Ja, es ist alles in Ordnung...“ Sanft schaute mich die Japanerin daraufhin an und sprach:„(d/n), ich sehe doch, dass nicht alles in Ordnung ist. Ich habe mit den anderem gesprochen. Mit Rica, Lívia und auch Juan und Amba. Mir alle waren uns einig, dass etwas mit dir nicht ganz stimmt. Du bist so anders als sonst. Ist etwas vorgefallen? Auch mit Tae habe ich gesprochen. Er ist am Boden zerstört, er liebt dich und er kann vor allem überhaupt nicht verstehen, was er falsch gemacht hat.“ Laut fauchte ich nun:„Er hat nichts falsch gemacht! Wie oft soll ich ihm das denn noch sagen?“ Überrascht drehten sich die vor uns nun zu mir um. Alle, außer Tae. Der blickte nur traurig auf den Boden, scheinbar wissend, worum es ging.
    Als ich den Blick von all den Leuten auf mir spürte, senkte ich den Blick und murmelte mit Tränen in den Augen:„Es ist alles in Ordnung bei mir. Lasst mich einfach meine Entscheidungen treffen und hört auf, sie zu hinterfragen. Ich kann es doch selbst nicht wirklich beantworten. Ihr sollt auch aufhören, über mich zu reden. Es geht mir gut und mir ist egal, dass ich Tae das Herz gebrochen habe!“ Schockiert schaute mich die 18-jährige nun an, während mir die Tränen das Gesicht runterrannen. Ich hatte wieder gelogen und diesmal war es schlimmer als je zuvor. Ich sagte, es sei mir egal, Taes Herz gebrochen zu haben. In diesem Moment sagte ich also, dass Tae und seine Gefühle mir vollkommen egal seien. Doch das waren sie ganz sicher nicht und das war es, was mein Herz in Stücke riss.
    Akiko nickte nun langsam und murmelte dann:„OK... Tut mir leid, dass ich gefragt habe. Mit diesen Worten ging die Japanerin dann vor und gesellte sich zu Federica.

    Somit lief ich nun vollkommen alleine hinten, während der Rest mindestens fünf Meter vor mir lief. Ich hatte meinen Blick weiter gesenkt, die Blicke der anderen meidend, doch ich wusste, dass ein ganz bestimmter Blick auf mir lag - der von Michal. Der Pole kannte die Wahrheit und auch wusste er, dass es mich schmerzte, lügen zu müssen. Doch er behielt mein Geheimnis für sich. Mittlerweile wünsche ich mir, glaube ich, fast schon, er hätte es verraten. Dann hätte ich wahrscheinlich gar nicht mehr in dem Schmerz leben müssen. Die Gruppe hätte mich, aus Angst um ihre eigene Sicherheit, verstoßen und ich hätte niemanden mehr anlügen müssen, denn ich wäre alleine gewesen und am Ende wahrscheinlich gestorben.

    Preecha führte uns wieder in den großen Raum voll all diesen Kostbarkeiten und meinte:„Es wird gleich dunkel draußen, also sollten wir hier vielleicht schlafen gehen. Der Boden ist ein bisschen hart, aber ich kann von oben ein paar Palmwedel oder so holen. Da brauche ich dann vielleicht nur ne helfende Hand für.“ Karolin meinte:„OK, such dir einfach wen aus.“ Es war irgendwie seltsam, dass Karolin das gesagt hatte. In jedem normalen Moment hätte sie sich direkt selbst angeboten, doch diesmal mied sie das wohl. Ich denke, sie hatte einfach keine Lust auf Preecha. Er war ein Klugscheißer und ärgerte Karolin augenscheinlich sehr gerne. Er mochte es, sie wütend zu sehen, aber Karolin fand das wohl ganz und gar nicht lustig.
    Preecha schmunzelte nun leicht, schaute sich um und zeigte dann auf mich:„Kommst du mit? Wir haben uns bisher fast gar nicht unterhalten. Ich würde dich gerne etwas näher kennenlernen.“ Langsam nickte ich und ging zu ihm rüber, wobei ich sah, dass Tae Preecha etwas wütend musterte.

    „Wir müssen gleich wieder ne Runde schwimmen. Ich hoffe, das stört dich nicht“, sagte Preecha in seiner gewöhnlich ruhigen, aber leicht spottenden Art. Ich schüttelte nur den Kopf und erwiderte:„Nein, das stört mich nicht.“ Lächelnd meinte der Thai:„Sehr schön.“ Dann zögerte er einen Moment im Reden und fragte dann plötzlich:„Warum hast du deine Freundin vorhin angelogen?“ Überrascht und gleichzeitig überfordert stammelte ich:„Ich... habe nicht gelogen.“ Ruhig antwortete Preecha, während wieder dieses überlegene Schmunzeln auf seinen Lippen lag:„Lüg mich nicht an! Wir beide wissen, dass du gelogen hast. Ich möchte nur wissen, warum. Du liebst den Jungen. Warum tust du so, als würde er dich nicht kümmern?“ Mit gesenktem Blick murrte ich:„Das geht dich nichts an...“ Belustigt grinste der 25-jährige nun und redete dann wieder:„Nein, du hast recht, es geht mich nichts an. Aber ich könnte dir helfen.“ Als er das sagte, hob ich leicht den Kopf und blickte den Thai an. Er grinste mich triumphierend an, wobei sich seine seltsame Narbe im Gesicht nach oben verzog und seine spitzen Eckzähne zum Vorschein kamen. Er hatte ein breites und irgendwie charmantes Grinsen, was ihn jedoch gleichzeitig irgendwie unsympathisch wirken ließ. Es war ein Lächeln, das eine gewisse Sicherheit ausstrahlte und eigentlich war es wirklich hübsch, aber es störte mich, weil ich wusste, dass er dachte, seinen Willen bekommen zu werden. Kalt fragte ich den Mann:„Wie willst du mir helfen können?“ Schlechthin sprach der Thai, während er rückwärts lief, um mich direkt anschauen zu können:„Tja, sagen wir's so. Ich kenne mich aus. Ich habe viel gelesen und ich will ja nicht angeben, aber dumm bin ich wohl nicht. Womit auch immer es zu tun hat, ich werde etwas dazu sagen können.“ Nachdenklich schaute ich wieder auf den Boden und brummte dann:„Sympathie kann man sich wohl nicht anlesen.“ Breit grinste der Mann nun wieder und meinte gespielt empört:„Wie jetzt? Ich bin dir nicht sympathisch? Warum nicht? Ich habe dir nur eine Frage gestellt und sir gleichzeitig meine Hilfe angeboten.“ Kalt erwiderte ich:„Und ich habe dir gesagt, dass es dich nichts angeht!“ Darauf schmunzelte Preecha natürlich sofort wieder, drehte sich nach vorne und meinte:„Gut, wie du willst. Ich will dich ja auch zu nichts zwingen. Es ist deine Sache. Ich will mich da nicht einmischen. Ich wollte dir nur sagen, dass dir die Möglichkeit der Hilfe besteht.“ Leise murmelte ich:„Du wirst mir so oder so nicht helfen können...“ Beinahe siegessicher meinte der Mann jetzt:„Oh, das glaube ich wohl. Aber gut.“
    Nun schwiegen wir eine Weile und ich schaute den Thai nachdenklich an. Mein Blick blieb an seiner seltsamen Verfärbung der linken Gesichtshälfte hängen, welche wohl ehemals eine Narbe gewesen sein musste. Sie schien von einem Feuer zu sein.
    Preecha merkte, dass ich ihn anstarrte und starrte zurück. Schnell wandte ich dann den Blick ab, doch Preecha schaute mich weiter an.
    Irgendwann fragte ich dann leise:„Was ist diese leicht violette Färbung in deinem Gesicht?“ Preecha lächelte nun leicht und meinte:„Ich dachte mir, dass du das fragen würdest. Oder irgendjemand Anderes. Naja, es ist eine Brandnarbe.“ Neugierig fragte ich weiter:„Und woher kommt sie?“ Plötzlich das Lächeln aus dem Gesicht verschwunden meinte Preecha leise:„Es war, als ich gerade sechs Jahre alt war... Ich lebte mit meiner Familie auf einer Art Hof. Er gehörte nicht uns. Wir waren dort nur Angestellte. Wir mussten uns mit um die Kühe und Ziegen kümmern. Die Besitzer des Hofes und somit die Arbeitgeber meiner Eltern, die uns eine Lebensmöglichkeit mit ihrem Hof gaben, hatten einen großen Speicher für Heu auf dem Dachboden. Weißt du, es war Sommer und sehr heiß und irgendwie war ein Feuer ausgebrochen. Ich weiß nicht, wie genau. Nur, dass es auf einmal da war und ich als 6-jähriger in dem großen Haus stand und auf einmal nichts mehr sehen konnte vor lauter Rauch. Ich hörte nur die lauten, qualvollen Schreie meiner Eltern und das wilde Gebrüll des Mannes, der von draußen versuchte, seine Frau und Kinder zu finden, welche mit mir noch irgendwo im Haus waren. Ich versuchte, einen Ausgang zu finden und sah dabei auf einmal die Frau des Hofbesitzers mit ihren Zwillingen. Sie waren gerade noch Babies. Sie saßen zusammengekauert auf dem Boden in einem Zimmer, welches nur so von Feuer umzingelt war. Die Frau schrie mich an, ich solle ihr helfen und die Zwillinge nehmen, doch ich wusste nicht, wie ich zu ihr gelangen sollte. Ich sah nur, wie die Flammen plötzlich die Frau umschlungen und ihre Haut langsam dunkel wurde und sie schrie wie am Spieß. Die Zwillinge strampelten einen Meter vor ihr auf dem Boden und weinten ganz jämmerlich, während ihre Mutter qualvoll hinter ihnen starb. Ich hatte Angst, aber wollte nicht mehr, als die Zwillinge noch aus dem Feuer holen. Also rannte ich durch das Feuer auf sie zu und eine Feuerzunge schlug direkt in mein Gesicht und ich erinnere mich noch an diesen schrecklichen Schmerz, den ich verspürte. Doch ich lief weiter, ließ zu, dass das Feuer auch noch mehr von meinem Körper berührte und verbrannte. Ich griff nach den zierlichen, erst ein paar Tage alten Zwillingen und versuchte, einen Weg hinauszufinden. Doch der eine Zwilling starb schon direkt in meinem Arm. Endlich fand ich dann auch einen Weg nach draußen. Mein Körper war von Brandnarben übersät und der eine Zwilling lag beinahe unversehrt in meinen Armen, während der andere bereits leblos war. Ich weiß noch, wie der Vater der Zwillinge mir entgegenstürmte, voller Tränen in den Augen und mir seine Kinder abnahm. Er schrie nach seiner Frau, doch ich sagte ihm, dass ich ihr nicht helfen konnte und sie in den Flammen liegen blieb. Er klammerte sich an seine zwei Söhne, der eine tot, der andere schreiend und er blickte auf sein brennendes Haus, welches das Leben seiner Frau und meiner Eltern mit sich nahm sowie vieler weiterer Bediensteten.
    Ich, sechs Jahre alt, ohne Eltern und mit einem von Brandnarben übersäten Körper stand nur weinend neben ihm. Ich weinte um meine Eltern und, weil mir meine Haut schrecklich schmerzte. Schließlich kam Hilfe und sie löschten die Flammen, in denen so viele Menschen gestorben waren, während sie uns drei Überlebenen und den toten Zwilling borgen und versorgten. Sie versorgten meine Narben in der nahen Krankenstation und ich wurde soweit wieder gesund. Doch der zweite Zwilling starb an einer Rauchvergiftung. So blieben nur noch der Familienvater und ich übrig. Doch ich sollte ganz alleine sein, denn der Mann nahm sich das Leben und ich hatte gar keinen mehr. Es wollte sich auch niemand um den kleinen, hässlichen Jungen, der seine gesamte Familie verloren hatte, kümmern und so wurde ich ins Kloster gebracht. Dort wuchs ich recht glücklich auf und ich lernte nach und nach mit all dem umzugehen. Das Trauma schwand, doch die Angst vor dem Feuer blieb.“ Leise und geschockt raunte ich:„Oh, das tut mir wirklich sehr leid...“ Doch Preecha sprach einfach weiter:„Ich glaube, deswegen bekam ich die Kraft des Feuers. Es war erst schwer für mich, damit umzugehen, aber jetzt geht es. Es ist mittlerweile eine Erleichterung für mich. Ich kann diese leckenden Feuerzungen nun beherrschen und muss keine Angst mehr davor haben...“






    Kapitel 112

    Mitleidig und gleichzeitig irgendwie schuldbewusst senkte ich den Kopf und murmelte leise:„Das tut mir wirklich sehr leid. Ich hatte nicht erwartet, dass da doch so viel hinter deiner Narbe steckt...“ Ruhig erwiderte der Thai plötzlich:„Es ist nicht nur eine Narbe.“ Mit den Worten zog er sein Oberteil aus und hervor kamen riesige Verfärbungen seiner Haut durch die Brandnarben über seinen gesamten Brustkorb verteilt. Geschockt starrte ich auf seinen Körper, welcher leicht zitterte und der Mann zog sein Oberteil wieder an. Leise murmelte er:„Sie dachten damals nicht, dass ich das überleben würde. Doch sie haben sich geirrt. Ich habe es überlebt und bin wieder vollkommen gesund geworden. Im Gegensatz zu dem Zwilling war ich ohne Rauchvergiftung davongekommen. Alles, was ich davongetragen habe, waren diese Narben. Äußerlich und innerlich. Doch sie sind alle geheilt, auch die im Inneren. Sie haben mich im Grunde genommen nicht geschwächt, sondern gestärkt. Aber vielleicht war es letztendlich auch das Kloster, welches mich gestärkt hat. Hauptsache ist für mich, dass diese Narben mich nicht mehr einschränken. Man sieht sie noch, aber sie schmerzen nicht mehr. Anfangs war es schwer, die inneren Narben verheilen zu lassen, doch auch die haben es geschafft. Ich konnte vergessen, was damals passiert ist und ich konnte damit leben, dass ich keine Familie mehr hatte und Menschen sterben sah. Das Kloster hat mich gelehrt, dass sie nun an einem besseren Platz sind und ich sie eh irgendwann wiedersehen werde. Solange möchte ich mein Leben hier unten in Frieden zubringen.“ Dann huschte ein kleines Lächeln über Preechas Gesicht und er meinte:„Aber dann kam Hisoka und hat mir meinen Frieden zerstört. Naja, jetzt bin ich hier und suche Palmwedel. Auch mal ne ganz nette Abwechslung.“ Irgendwie glücklich, dass der 25-jährige trotz seiner Vorgeschichte so positiv blieb, lächelte ich und meinte:„Ja, ich denke, es könnte schlimmer.“ Schmunzelnd nickte der Mann nun und meinte:„Durchaus. Dann lass uns mal die Wedel holen, sonst denken die anderen wahrscheinlich, ich hätte dich ersaufen lassen oder so.“ Leicht grinste ich und folgte ihm wieder.

    „So, ich denke, wir haben alles“, meinte Preecha, während er seinen Arm voller Palmwedel hatte. Knapp nickte ich dann und erwiderte:„Jap. Ich denke, wir können gehen.“ So machten wir uns auf den Weg zurück.
    Wir waren schon fast wieder bei den anderen, als Preecha auf einmal stehenblieb, sich zu mir umdrehte, lächelte und auf einmal sprach:„Ich mag dich, (d/n). Du bist wirklich nett. Ich meine, ihr seid alle ganz nett und ich habe gegen niemanden etwas, aber dich mag ich besonders.“ Ich lächelte den Mann an und wollte gerade etwas erwidern, als plötzlich Tae um die Ecke kam, uns finster anschaute, Preecha dabei eifersüchtig fixierte und dann brummte:„Was macht ihr da?“ Verwirrt schaute ich ihn an und murmelte:„Wir haben die Palmwedel geholt, was sonst?“ Wütend musterte Tae den Thai und murrte:„So sieht es aber nicht aus, so nah wie ihr da beieinandersteht und der Kerl dir sagt, wie gern er dich doch hat. Ja, verarschen kann ich mich selber!“ Mit den Worten drehte sich der Koreaner um und ging schnellen Schrittes und ohne sich noch einmal umzudrehen wütend zurück zu den anderen.

    Etwas ratlos schaute ich Preecha an, wich einen Schritt vor ihm zurück, da es wirklich stimmte, dass er mir recht nah stand und ich murmelte bedrückt:„Tut mir leid, dass Taehyung so wütend auf dich ist. Er ist eifersüchtig...“ Knapp erwiderte Preecha mit diesem leichten Schmunzeln im Gesicht:„Das kann ich verstehen.“ Etwas überrascht schaute ich ihn an und wich noch einmals einen Schritt vor ihm zurück, da er mir in dem Moment vielleicht doch etwas zu aufdringlich wurde. Dies bemerkte der Mann natürlich sofort und er lachte:„Keine Sorge, (d/n), ich will nichts von dir! Sag das deinem Tae und auch, dass du nichts von mir willst. Wer will denn schon von einem vernarbten Kerl wie mir etwas?“ Erst war ich erleichtert, dass Preecha dies sagte, aber andererseits wurde ich wütend, weil er selbst schlecht von sich redete und ich meinte:„Preecha, nur, weil du Narben hast, heißt es nicht, dass du unattraktiv oder so bist!“ Herausfordernd und schmunzelnd hob der Mann nun eine Augenbraue und ich fügte hinzu:„Ich finde dich attraktiv. Die Narben sind doch vollkommen egal. Die ändern doch auch nicht viel an deinem Aussehen und erst recht nichts an deinem tollen Charakter! Es sind einfach nur rosa-violette Flecken, mehr nicht.“ Belustigt grinste der Thai nun und murmelte dann beinahe etwas verlegen:„Danke, (d/n)...“ Dann beugte er sich etwas vor und flüsterte mir plötzlich ins Ohr:„Aber das solltest du nicht Tae erzählen.“ Leicht lächelte ich dann und murmelte:„Werde ich wohl nicht machen, aber es würde für mich wahrscheinlich eh keinen Unterschied machen, würde ich es tun. Wir sind schließlich kein Paar... nicht mehr...“ Schwach lächelte der 25-jährige nun und murmelte dann leise:„Ich weiß. Aber, was ich auch weiß, ist dass ihr euch trotzdem noch gegenseitig liebt. Ich weiß nicht, was dazwischengekommen ist, aber, sollte es doch noch einmal in deinem Sinne sein, deine Liebe zu ihm zeigen zu können, kannst du mich um Hilfe bitten. Ich habe bestimmt eine Lösung parat.“
    Schon ging der Mann weiter und ich ihm nun hinterher, während ich seine Worte noch einmal durch den Kopf gingen ließ. Sollte ich ihm vielleicht doch davon erzählen? Er könnte mir vielleicht tatsächlich helfen. Er kennt sich mit vielem aus, vielleicht also auch damit... Nein, ich werde es ihm nicht sagen. Ich darf nichts riskieren. Nachher sieht er in mir dann doch eine Gefahr...

    Wir betraten wieder den Raum, in dem all die anderen bereits auf uns warteten und legten unsere Palmwedel ab. Dabei bemerkte ich nun plötzlich, dass fast alle auf Preecha und mich starrten. Alle, außer Tae. Der hatte sich mit verschränkten Armen hingesetzt und gegen einen Stein gelehnt, während sein Blick wütend auf den Boden gerichtet war. Verwirrt ging ich nun zu Federica rüber und fragte diese leise:„Warum gafft ihr uns alle so an? Ist etwas passiert?“ Schnell erwiderte diese nun ebenso leise:„Karolin hat Tae geschickt, um zu schauen, wo ihr steckt und jetzt kam er gerade richtig angepisst wieder und hat kein Wort gesagt. Wir wundern uns, was bei euch vorgefallen ist.“ Nun verstehend schaute ich zu Preecha rüber, welcher sich hingesetzt hatte und Juan gerade nachdenklich musterte. Leise sprach ich dann zu der Italienerin:„Preecha und ich haben uns nur unterhalten und dann hat Preecha eben gesagt, dass er mich sehr gern habe und ich sehr nett sei. Ich glaube, das hat Tae eifersüchtig gemacht.“ Nun grinste Rica plötzlich und ich schaute sie verwirrt an. Die Lockenköpfige erklärte ihr seltsames Verhalten nun:„Tae muss nicht eufersüchtig sein. Eher könntest du eifersüchtig sein.“ Verwirrt hob ich eine Augenbraue und Federica murmelte für alle anderen kaum hörbar:„Preecha ist schwul.“

    Komplett überrascht starrte ich die 20-jährige nun ungläubig an, während sie weiter erzählte:„Ich habe es erfahren, als ich ihn damals kennengelernt habe. Weißt du, das ist ein Grund mehr, weshalb Preecha so nett zu mir ist. Er hat es mir erzählt und ich habe ihn so akzeptiert, was nicht viele tun. Deshalb ärgert er mich auch nicht, aber den Rest schon. Also, demnach würde er dich niemals angraben wollen. Eher müsste Tae Angst haben, dass Preecha ihn angräbt.“ Immer noch total überrascht starrte ich Federica an. Ich konnte es irgendwie nicht glauben, weil er auf mich nicht schwul wirkte. Federica schien meinen Unglauben erkennen zu können, denn sie flüsterte weiter:„Ist dir nie aufgefallen, wie er immer die Männer unter uns anschaut? Deswegen zeigt er auch so wenig Interesse bei den Mädchen hier. Er wendet sich meist den Männern zu, weil er eben auf diese steht und nicht auf Frauen.“ Langsam nickte ich. Ich war wirklich überrascht. Ich hatte nichts dagegen, wenn jemand homosexuell war. Es hatte mich einfach nur überrascht, aber ehrlich gesagt war ich andererseits sogar ganz froh, dass der Thai nicht auf Frauen stand, da ich so definitiv nicht in sein Visier geraten konnte.

    Ich schaute nun Federica an und murmelte leise und irgendwie belustigt:„Dann braucht Tae sich ja wirklich keine Sorgen machen.“ Darauf antwortete die Italienerin:„Jap. Jetzt musst du nur Angst um Tae haben. Nicht, dass Preecha ihn dir wegschnappt.“ Leise murrte ich:„Also, erstens glaube ich nicht, dass das passieren wird und zweitens, selbst wenn es so wäre, würde es mich nicht stören. Tae ist für mich nur ein Kumpel, mehr nicht...“ Langsam nickte Federica nun und murmelte dann plötzlich:„Ich kann irgendwie immer noch nicht so richtig glauben, dass ihr kein Paar mehr seid. Ihr wart so süß zusammen...“ Bedrückt nickte ich und flüsterte:„Tja, nichts hält ewig...“ Aber ich wünschte mir, dass diese Liebe ewig gehalten hätte...

    Wir lagen alle auf dem Boden, auf unseren Palmwedeln, in dem Raum voll all dieser Kostbarkeiten, kalt, dunkel und feucht. Preecha hatte schließlich ein großes Feuer für uns entfacht, damit es nicht ganz so kalt und dunkel war. Dies kam Akiko sehr zugute, doch sie schien dennoch nicht ganz glücklich. Die 18-jährige saß neben Lívia und Juan am Rand des Geschehens und unterhielt sich mit den beiden. Federica gesellte sich zu Preecha und spielte mit ihm aus Spaß um ein paar Goldmünzen und Diamanten. Karolin war natürlich wieder mit Michal unterwegs. Das oft emotionslos wirkende Duo hatte den Berg aus Gold erklimmt, saß dort nun oben auf dem Münz-Hügel und warf von dort aus mit Diamanten auf den Nachbarshügel, wo einige Silber-Kelche standen. Diese warfen sie mit den Edelsteinen ab, sodass die metallenen Becher klirrend den Berg hinunterkugelten. Ich saß am Rand dort, neben mir Amba und wir beide starrten zu dem Berg hinauf, auf dem Karolin und Michal schweigend und werfend hockten. Tae hingegen saß vollkommen alleine auf seinem Polster und spielte gedankenverloren mit seiner Kraft, indem er kleine Wassertropfen aus der Luft zog und sie in regelmäßigen Abständen auf den Boden tropfen ließ.
    Ich schaute nur kurz zu dem Mann hin, den ich so sehr liebte und richtete dann jedoch recht schnell wieder meinen Blick auf Karolin und Michal. Die beiden Brummköpfe saßen nebeneinander dort, schweigend und sahen so aus als würden sie einfach an nichts und niemanden denken. Sie wirkten wie zwei Freunde, die sich vor ihren Pflichten verstecken und stattdessen Becher abwerfen.
    Amba schaute gedankenverloren hinauf und meinte plötzlich leise:„Es war sehr nett von Michal, dass er mir beim Schwimmen geholfen hat...“ Etwas verwirrt schaute ich die Inderin an und murmelte:„Naja, ich denke, er wollte einfach nett sein. Oder, er wollte zeigen, dass er zu uns gehört und sich ebenso engagiert. Jedoch bin ich mir ehrlich gesagt nicht so sicher manchmal, ob er wirklich zu uns gehört.“ Kurz zuckte die 17-jährige daraufhin mit den Schultern, schaute dann wieder hoch zu Michal und sprach wieder:„Ich denke, er ist ein guter Kerl. Ich glaube nicht, dass er uns verraten wird.“ Leise fragte ich:„Bist du sicher, dass du nicht vielleicht etwas naiv bist? Er hat zu den Bösen gehört...“ Mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen antwortete die Inderin:„Menschen ändern sich. Man sollte sie nicht nach ihrer Vergangenheit beurteilen.“ Langsam nickte ich und erwiderte:„Du hast recht. Wir sollten jeden gleich behandeln. Wie wir dir vergeben haben, sollten wir auch den Glauben in Michal haben, dass er sich geändert hat. Oder vielleicht auch einfach seine wahre Seite zeigt.“ Wieder nickte Amba und kam wieder auf Michal zu sprechen:„Was glaubst du, warum er sich direkt gemeldet hat, mir zu helfen?“ Belustigt erwiderte ich scherzend:„Vielleicht hat er sich ja in dich verliebt.“ Darauf errötete Amba nun etwas und murmelte:„Das glaube ich nicht, aber es wäre echt mal was Neues. Ich glaube, Michal ist ein guter Typ.“ Grinsend fragte ich:„Was willst du mir damit jetzt sagen? Dass du dich in ihn verschossen hast?“ Schnell und etwas entsetzt wirkend schüttelte die Inderin den Kopf und meinte:„Nein, mein Ehemann würde mich umbringen! Ich wollte damit nur sagen, dass ich ihn mag.“ Beinahe etwas herausfordernd hakte ich nach:„Liebst du deinen Ehemann überhaupt? Du solltest doch die Freiheit haben, den Mann zu deinem Gemahl zu machen, den du auch liebst. Siehst du das nicht so?“ Verlegen und leise sprach die 17-jährige nun:„Nein, ich liebe ihn nicht. Es war eine Zwangsheirat. Er ist mein Ehemann, ja. Aber das heißt nicht, dass ich ihn liebe... Doch ich kann ihn nicht verlassen, um den Mann zu heiraten, den ich liebe, weil er dann das Recht hätte, mich zu steinigen. Zumindest tun das viele Männer mit ihren Frauen in Indien, wenn sie sie betrogen haben...“ Mitfühlend schaute ich die Inderin an und fragte:„Und wenn du einfach in ein anderes Land ziehen würdest? Du könntest zum Beispiel in Deutschland leben. Dort würde dir sicher nichts passieren, denn dort wird das als Straftat gesehen und man kommt ins Gefängnis. Dort darf man lieben, wen man will.“ Etwas betrübt zuckte Amba mit den Schultern und murmelte:„Ich brauche mir da wahrscheinlich eh keine Gedanken drüber machen. Ich werde hier sterben und niemals mehr etwas Anderes sehen. So wie Malou...“ Aufmunternd, aber gleichzeitig traurig murmelte ich:„Hey, Amba, so darfst du nicht denken. Sieh mal, wir sind alle zusammen hier und wir beschützen uns gegenseitig. Solange wir zusammenhalten, können wir alle gemeinsam überleben.“ Schwach lächelte die Inderin jetzt und hauchte:„Aber Karolin vertraut mir nicht und ich glaube auch nicht, dass sie das noch jemals tun wird. Sie lässt mich nicht mal mehr die Nachtwache machen oder sowas in der Art. Ich werde irgendwie immer überwacht. Sie sagte, sie würde mir verzeihen, aber das tut sie nicht...“ Leise erklärte ich:„Sieh mal, Karolin hat es auch nicht immer einfach. Sie ist die Anführerin und wird gerne mal kritisiert. Oft ist das zurecht, aber es macht sie dennoch wütend. Karolin ist eine Person, die schnell wütend wird und ist auch recht nachtragend. Sie braucht immer eine Art Schuldigen, um sich etwas erklären zu können und ihre Wut rauszulassen. Und, als Malou gestorben ist, hat sie dich zur verantwortlichen Person gemacht. Malou war ihr wirklich wichtig und es hat sie unfassbar mitgenommen, als sie auf einmal nicht mehr an ihrer Seite war. Es nimmt sie auch immer noch mit und sie sieht dich immer noch als Grund für ihren Tod. Sie versucht nun, dir mehr und mehr anzuhängen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass du schuldig bist. Karolin kann nicht gut verzeihen oder vergessen, das weiß ich. Sie hat mir von ihrer Familie erzählt, die nicht immer nett zu ihr war. Auch ihnen kann sie wohl nicht verzeihen. Es ist ihre Macke und jeder hat seine Macken und Fehler. Doch irgendwann, Amba, wird sie einsehen, dass sie dir Unrecht tut. Du musst ihr nur Zeit geben. Glaube deswegen nicht, dass du ein weniger wertvolles Mitglied bist oder ein weniger wertvoller Mensch! Denn dein Leben und deine Gefühle zählen genauso wie die von uns allen anderen! Das weiß auch Karolin. Sie braucht eben nur ihren Sündenbock. Auch Karolin wird irgendwann darüber hinweg sein und einsehen, dass sie nicht die Menschen schützen muss, die schon tot sind, sondern die, die noch hier bei ihr sind. Und genau dann wird sie auch einsehen, dass sie Unrecht hat und dir endlich vertrauen muss.“ Dankbar lächelte Amba nun und murmelte:„Danke, (d/n). Du bist eine wirklich gute Freundin.“ Schwach lächelte ich nur und schaute dann wieder zu Karolin und Michal. Eine gute Freundin bin ich nur in dem Sinne, dass ich meinen Mitmenschen helfe. Aber im Bezug auf Tae bin ich eine schreckliche Freundin...






    Kapitel 113

    Es wurde immer später und so langsam begaben sich auch alle in ihre Betten. Amba hatte sich neben mir schon hingelegt, bereit zum Schlafen und blickte verträumt zu Michal. Ich musste etwas schmunzeln, als ich das sah, denn ich wusste, dass Amba in Michal nun eine Art Held sah. Sie mochte ihn und doch war sie wohl zu schüchtern, mit ihm zu reden. Vielleicht war Amba auch naiv, ihm direkt so zu vertrauen und ihn als so aufopfernd und freundlich zu sehen. Doch andererseits war ich irgendwie ganz froh, dass die Inderin ihm vertraute. Das zeigte nämlich, dass Amba sich bei uns wohl und beschützt fühlte und nun auch die Eigeninitiative hatte, auch uns zu schützen. Sie hatte erkannt, dass man sich gegenseitig schützen muss und, dass man nicht nur auf sein eigenes Leben Wert legen muss. Und doch wusste ich nicht, ob es so glücklich geraten war, dass Amba dies ausgerechnet durch Michal gelernt hatte. Der Pole, welcher ehemals Teil von Callums Truppe war und bei vielen Toden mitgewirkt hat, hatte mein Vertrauen noch nicht ganz erlangt und ich wusste, dass ich nicht die einzig misstrauische in unserer Gruppe war. Auch Akiko, Juan und Tae sowie Federica wussten nicht genau, was sie von dem 21-jährigem halten sollten. Lívias Einstellung war ihm gegenüber recht neutral. Akiko zum Beispiel hingegen zeigte ganz deutlich, dass sie dem Mann nicht traute. Wer Michal im Grunde genommen richtig traute, waren nur Amba und Karolin. Karos Trauen ihm gegenüber hing vielleicht damit zusammen, dass Michal so ziemlich der einzige war, der noch wirklich zu der Anführerin hielt und sich aus allen anderen Gelegenheiten heraushielt. Er vertraute sich ihr an und niemand anderem. Ich denke, das weckte in der 15-jährigen das Vertrauen, doch ich war mir auch nicht ganz sicher, ob ich Fan von dem Ganzen sein sollte. Michal zeigte sich mir gegenüber zwar als vertrauenswürdig, da er mein Geheimnis kannte und niemandem davon erzählte, aber doch regte sich in mir diese Unsicherheit, wenn ich den Mann anschaute. Er schien einfach so düster und, dass ich seine Geschichte kannte, machte es nicht besser. Seine Vergangenheit zeigte mir nur, was er durchgemacht hatte und, dass er dadurch eventuell gebrochen war. Und dieses Gebrochene in ihm konnte mehrere Seiten haben. Entweder hatte es ihm gelehrt, dass er ein soziales Leben braucht und er uns deswegen helfen muss oder aber, es löste in ihm nur eine psychische Belastung aus, die sich nun nach nichts weiter sehnt als nach einem friedvollem Leben, welches er nur erreichen kann, wenn er alleine lebend herauskommt.
    Demnach war ich nicht ganz entschlossen, ob man ihm trauen konnte oder nicht, doch ich entschied mich dafür, ihn einfach weiter im Auge zu behalten und ihm nicht zu 100% zu trauen.

    Mein Blick ruhte auf Amba, welche mittlerweile eingeschlafen war und das Gesicht noch zu dem Polen gedreht hatte. Dieser wiederum hatte das vorherige Starren der 17-jährigen bemerkt, ihr kurz zugelächelt und sich dann wieder Karolin zugewandt, welche ihm irgendetwas erzählt hatte. An Michals Lächeln hatte man gesehen, dass er die Inderin mochte. Zumindest hatte es so ausgesehen. Es war irgendwie ein ehrliches Lächeln gewesen, sodass ein kleines Funkeln in den Augen des Polen entstanden war. Er war auch etwas errötet, als er die 17-jährige so sanft angelächelt hatte. Auch die Inderin hatte sich nicht anders getan. Sie war etwas rot geworden, hatte beschämt gelächelt und den Blick leicht gesenkt, sobald er auf den des 21-jährigen getroffen war.
    Ich hatte natürlich diese Verlegenheit zwischen den zweien bemerkt und auch Karolin, welche ja bei Michal gewesen war, hatte das bemerkt. Sie hatte ihren Kumpel nämlich belustigt angegrinst und, als mein Blick ihren gestreift hatte, lächelte sie mich auch an und hatte ein kleines Herz mit ihren Händen geformt und dabei auf Amba und Michal gedeutet. Darauf hatte ich dann leicht kichern gemusst, denn irgendwie hatte Karo recht. Es lag etwas zwischen den beiden in der Luft. In dem Moment war es zwar wahrscheinlich nur eine kleine Schwärmerei gewesen, doch es war etwas und das fanden sowohl Karolin als auch ich tatsächlich lustig. Michal jedoch hatte das wohl gar nicht so lustig gefunden, denn er hatte die Geste seiner Kumpeline auch mitbekommen, hatte sie darauf kurz geboxt und sie finster angeschaut. Doch auch das hatte ich nur als Zeichen gesehen, dass auch Michal wusste, dass da irgendwie etwas dran war.

    Nun schaute der Pole nachdenklich zu der schlafenden Amba und wandte den Blick wieder ab, als ich ihn erwischte. Doch ich lächelte nur leicht und schaute mich weiter um. Karolin redete immer noch mit Michal, während Akiko und Federica schon pennten. Lívia lag an Juan gelehnt und beide schliefen. Sie sahen dabei ein bisschen wie Geschwister aus und ich musste schwach lächeln, als ich mich daran erinnerte, wie sehr die Brasilianerin sich zu Anfang von uns allen ferngehalten hatte. Sie war eigentlich nur zu Liebe ihres Bruders mit uns gegangen und wäre, glaube ich, erst am liebsten alleine losgelaufen. Sie mochte es wohl nie, sich in neuen Gruppen zurechtzufinden. Sie war eigentlich eher der Einzelgänger gewesen und mied es, in Gruppen unterwegs zu sein. Sie hatte sich anfangs überall herausgehalten und unterhielt sich auch kaum mit wem. Sie war eher wie ein Schatten gewesen, der uns einfach auf Schritt und Tritt gefolgt war.
    Doch mittlerweile war sie wirklich ein Teil von uns. Sie fühlte sich wohl bei uns und zeigte, dass sie dabei war. Sie kümmerte sich auch mit um jeden und war mittlerweile einfach wirklich Teil unserer „Familie". So sah sie sich selbst auch und das machte mich glücklich. Mittlerweile konnte auch sie nicht mehr ohne uns und ich wusste, dass sie, genau wie wir alle, alles für uns tun würde.

    Mein Blick wanderte weiter, bis er auf einmal auf Tae traf. Er war noch wach und schaute mich mit leer wirkendem Blick an. Trauer lag in seinem Gesicht, aber gleichzeitig so etwas wie Eifersucht. Ich wusste auch, woher diese Eifersucht kam - Er dachte, ich würde mich vielleicht langsam in Preecha verlieben oder er sich in mich. Dabei wusste ich nun, dass es definitiv nicht so weit kommen würde, weil Preecha schwul war. Doch Tae wusste das nicht