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Sometimes death is a better choice

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6 Kapitel - 10.734 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 1.455 mal aufgerufen - User-Bewertung: 5,0 von 5 - 5 Stimmen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 3 Personen gefällt es

WARNUNG: Diese Geschichte ist nichts für schwache Nerven! Es behandelt nicht wirklich schöne Themen, wie Mobbing und Selbstmord. Wer so etwas nicht verträgt, sollte das hier lieber nicht lesen.

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    Steckbrief: Name: Lillith Shadow Alter: 16 Jahre Aussehen: Wie auf dem Bild Charakter: still, unnahbar, kalt Familie: Eltern, kleinere Schwester (14)
    Steckbrief:

    Name: Lillith Shadow

    Alter: 16 Jahre

    Aussehen: Wie auf dem Bild

    Charakter: still, unnahbar, kalt

    Familie: Eltern, kleinere Schwester (14) Grace Shadow

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    Kapitel 1: Um mich herum war alles dunkel. Es musste bereits Nacht sein. Schnell rappelte ich mich auf und versuchte zu erkennen, wo ich war. Vor mir
    Kapitel 1:


    Um mich herum war alles dunkel. Es musste bereits Nacht sein. Schnell rappelte ich mich auf und versuchte zu erkennen, wo ich war. Vor mir türmte ein großes Gebäude mit vielen Fenstern. Nach genauerem Hinsehen erkannte ich, dass ich nur wenige Meter vor meiner Schule stand. Sofort fing mein Herz an, wie wild zu rasen. Was machte ich Bitteschön um diese Zeit hier? Und wie war ich überhaupt hier her gekommen? Vielleicht träumte ich ja gerade auch nur.... Ohne weiter nach zudenken lief ich auf das Gebäude zu und suchte nach dem Eingang, welchen ich schon nach wenigen Minuten fand. Ich wusste nicht, warum ich es tat, aber irgendetwas bewegte mich dazu, die Gelegenheit zu nutzen um einzubrechen. Doch bevor ich Gewalt einsetzen musste, rüttelte ich sicherheitshalber an der Tür, welche seltsamerweise nicht abgeschlossen war. Noch verwirrter als zuvor setzte ich mutig einen Fuß vor den anderen. Da es Vollmond war, war es nicht ganz so dunkel, wie sonst und ich konnte mich einigermaßen gut zurechtfinden. Mit immer noch rasendem Herzen lief ich wie ferngesteuert auf das Büro des Direktors zu. Ihn konnte ich, so wie eigentlich jeden, der diese Schule hier betrat nicht leiden und wollte endlich mal Rache nehmen. Die nächste Mathearbeit würde ich sicherlich nicht verhauen.... Doch leider hatte ich Pech und die Tür war abgeschlossen. Warum mussten Lehrer auch immer an alles denken? Wütend trat ich gegen die Tür, was einen lauten Knall wiedergab. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr auf diese verdammte Schule gehen! Eigentlich wollte ich mich nur in meinem dunklen Zimmer verkriechen und allein sein! Eigentlich wollte ich gar nicht mehr leben! Erneut trat ich gegen die Tür und zum ersten Mal seit langem weinte ich wieder richtig. Ich weinte nicht nur, nein, ich schrie sogar. Ich schrie keine richtigen Worte, es waren eher nur schrille Laute. Schon so lange hatte ich alles immer nur unterdrückt, hatte versucht kalt zu bleiben, hatte versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Doch nun kam alles wie ein Stich ins Auge über mich. All diese schrecklichen Erinnerungen. All das, was ich immer versucht zu verdrängen hatte. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich noch ein kleines Mädchen war. Damals hatte ich jeden Tag gelacht und mich am Leben erfreut. Damals hatte ich noch Freunde. Doch nun hatte ich niemanden mehr. Keine Dinge, an denen ich mich erfreuen konnte. Keine Freunde mehr. Nichts. Meine früher beste Freundin Charly hat mich auf einmal nur noch ignoriert und schließlich auch gemobbt. Bis heute wusste ich nicht, was ich falsch gemacht hatte. Wahrscheinlich gab es da auch nichts. Auf jeden Fall hatte ich, seitdem ich aufs Gymnasium gekommen bin so gut wie keine Freude mehr empfunden. Alle aus meiner Klasse hatten etwas gegen mich. Die meisten ignorierten mich, taten so, als ob ich gar nicht existieren würde. Die anderen machten sich, wo sie nur konnten über mich her, beleidigten mich, bezeichneten mich für etwas, was ich nicht war und setzen ab und zu sogar Gewalt ein. Sie alle hielten mich für die schüchterne, nette und dumme. Für die, der man alles sagen konnte und für die, der Mobbing nichts ausmachte. Trotz allem war ich weiterhin nett zu allen gewesen und das bereute ich bis heute. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr so dumm zu sein und alles über mich ergehen zu lassen. Nein. Mir wird niemand mehr etwas sagen! Nach diesem Gedanken schrie ich noch lauter und trat so fest gegen die Tür, sodass sie einbrach. Erst konnte ich es gar nicht glauben, doch dann machte sich Triumph in mir breit. Ich gab einen Freudenschrei von mir und setzte mich ohne zu zögern an den Rechner des Direktors. Dummerweise besaß er ein Passwort, woran ich vorher nicht gedacht hatte. Aber mir kam noch eine weitere Idee. Hastig lief ich zu den Ablagefächern und wurde tatsächlich fündig. Die Lösung für die bald anstehende Mathearbeit! Auf meinem Gesicht machte sich ein Grinsen breit. Dann machte ich jedoch wieder auf dem Absatz kehrt und sah zu, dass ich aus dem Raum rauskam. Es musste ja nicht gleich jeder wissen, dass ich es war, die in das Büro des Direktors eingebrochen war. Als ich aus dem Büro kam, hörte ich auf einmal ein Knacken, als ob jemand auf einen Zweig getreten wäre. Erschrocken fuhr ich herum, konnte jedoch nichts verdächtiges erkennen. Eigentlich hatte ich noch vorgehabt, ein paar Klassenzimmer zu durch wüsten, doch nun wurde ich misstrauisch den gegenüber. Was, wenn hier wirklich jemand war und mich die ganze Zeit beobachtete? Erneut hörte ich ein Knacken, und das ganz dicht hinter mir. Panisch drehte ich mich ein weiteres Mal um, doch ich konnte wieder niemanden sehen. Je mehr Minuten vergingen, desto panischer wurde ich, bis ich beschloss einfach wieder nach Hause zu gehen. Doch ich ging nicht, nein. Ich rannte, und das sehr schnell, da ich das Gefühl hatte, tatsächlich verfolgt zu werden. Doch leider war es viel zu dunkel, um etwas richtig erkennen zu können und so kam es, dass ich mit voller Wucht gegen eine Säule rannte. Ich schrieb vor Schmerz auf und fiel auf den kalten Fliesenboden. Der Schmerz wurde immer schlimmer und mir floss mittlerweile das Blut in Mengen die Stirn hinunter. Wenn ich wollte, könnte ich hier einfach sitzen bleiben und verbluten. Aber ich hatte noch Hoffnung! Die Lösungen würden mir weiterhelfen! Um sicher zu gehen, dass ich sie noch bei mir hatte, warf ich einen Blick auf das Blatt Papier in meiner Hand, doch dann erschrak ich. Es hatte inzwischen Gange Mengen meines Blutes abbekommen, sodass es durchweicht war und man nichts mehr erkennen konnte. Als ob ich einen Geist gesehen hätte, erstarrte ich. Ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte. Schreien, weinen oder ausrasten? Ich entschied mich für letzteres. „WARUM!“, schrieb ich wie wild durch die Gegend. „WISO IMMER ICH!“ Nach diesem Satz brach ich in einem heftigem Heulanfall zusammen. Ich weinte so lange, bis ich wieder ein Geräusch wahrnahm. Und dieses Mal sah ich tatsächlich etwas, wenn auch nur Umrisse. Es war ein schwarzer, großer Schatten, welcher sich über mich beugte. Ich überlegte fieberhaft, wer das sein könnte, kam jedoch zu keinem Entschluss. „Wer sind sie?“, fragte ich frei heraus. Ich wusste nicht, woher ich den plötzlichen Mut bekommen hatte, aber ich machte kleine Anstalten, weg zu rennen. Aber die Gestalt antwortete nicht, sondern drückte mich gegen die Wand und drohte, mich zu erwürgen. „ Lassen sie mich sofort los!“, krächzte ich und mein Herzschlag beschleunigte sich noch mehr. „Warum sollte ich?“, zischte die Gestalt. Ich konnte nicht genau zuordnen, ob es eine Männerstimme oder eine Frauenstimme war, aber in meinem Zustand war das auch wirklich schwer. „Lasen sie mich los!“, befahl ich erneut, doch die Gestalt zeigte keine Regung. „Wollen sie mich etwa umbringen!“, schrie ich nun und zappelte wie wild mit den Beinen. „ Dich würde doch eh niemand vermissen!“, zischte die Gestalt. „ Deine Familie nicht, deine Klassenkameraden nicht, NIEMAND!“ Als sie dass sagte, presste sie ihren Finger auf meine Platzwunde. Es tat entsetzlich weh und ich gab mehrere Schmerzensschreie von mir. „ Weißt du, dich braucht niemand!“, fuhr die Gestalt fort und ich wurde immer wütender. Es fühlte sich an, als ob man mein Herz nehmen würde und es in tausend Stücke zerfetzen würde. „ Halten sie doch einfach ihr Maul!“, kreischte ich unter Tränen. Doch die Gestalt gab nur ein gehässiges Lachen von sich und schlug mir mit der Faust ins Gesicht. Vielleicht hatte ich es ja verdient. Vielleicht wollte die Welt mich nicht haben. Aber eins hatte ich gelernt: ich hatte nie etwas falsch gemacht. Ich bin nicht anders als die anderen. Ich bin nicht verflucht oder anderes. Nein. Ich war nicht der Fluch. Es sind die Menschen, die der Fluch waren. Das waren meine letzten Gedanken, ehe ich in die Dunkelheit, in die ich fiel versank.

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    Kapitel 2: Als ich meine Augen aufschlug, fand ich mich schweißgebadet in meinem Bett wieder. Ich musste wieder einen meiner ständigen Alpträume ge
    Kapitel 2:

    Als ich meine Augen aufschlug, fand ich mich schweißgebadet in meinem Bett wieder. Ich musste wieder einen meiner ständigen Alpträume gehabt haben, welche sich alle sehr real anfühlten. Mit zitternden Händen suchte ich meinen Nachttisch nach meinem Wecker ab. Als ich ihn in der Hand hielt, konnte ich erkennen, dass es bereits kurz vor sechs Uhr morgens war und er jeden Augenblick klingeln würde, was er schließlich auch tat. Mürrisch setzte ich mich auf und rieb mir über meine verschlafenen Augen. Ich hatte nicht im geringsten Lust, in die Schule zu gehen und schon gar nicht nach diesem Traum. Als mir das Wort „Traum“ in den Sinn kam, bekam ich einen weiteren Anflug von Panik. Heute würden wir die Mathearbeit schreiben und ich hatte mal wieder nicht gelernt.Wenn ich diese Klausur verhauen würde, ständen die Chancen für mich nicht gut, in die elfte Klasse zu kommen. Aber das waren im Moment meine Kleinsten Sorgen. Viel mehr Bauchweh hatte ich davor, meine Klassenkameraden wiederzusehen. Doch es half alles nichts und ich machte mich wehmütig fertig für den Schultag. Ich zog mir einen schwarzen, breiten Kapuzenpulli an, dazu eine ebenfalls schwarze Hose und schwarze, hohe Stiefel. Schminken tat ich mich auch dunkel. Als ich soweit fertig war, schnappte ich mir noch meinen Rucksack und ging, ohne meinen Eltern oder meiner Schwester tschüss zu sagen aus dem Haus. Ihnen würde es eh nicht auffallen und wenn, dann wäre es ihnen egal, wo ich war. Also lief ich meinen alltäglichen Weg zur Schule entlang, bis ich irgendwann ankam. Ich hatte Glück und ich kam noch rechtzeitig zur ersten Stunde, in der wir die Arbeit schrieben. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und setzte mich, wie ich es immer tat an meinen Platz, ganz hinten. Während ich meine Sachen ausräumte, spürte ich die Blicke der anderen Schüler auf mir. Unser Lehrer war noch nicht da und so konnten sie machen, was sie wollten. „Na, Lillith?“, hörte ich einen Jungen, dessen Name mir entfallen ist sagen. „Bist du vielleicht mal auf die Idee gekommen, zu lernen?“ „Ach halt, da war doch was!“, hörte ich ein Mädchen dazwischen rufen. „ Mit deinem mickrigen IQ kannst du ja nicht mal gescheit reden!“ Währe im nächsten Moment unser Lehrer nicht gekommen, hätte ich die beiden Schwachköpfe geradewegs aus dem offenen Fenster geschmissen. Nun war es mir auch nicht mehr wichtig, dass ich nicht gelernt hatte. Ich wollte sogar von der Schule fliegen. Mir war zwar bewusst, dass ich den anderen damit das geben würde, was sie wollten, aber dann würde ich sie alle wenigstens nicht mehr sehen. „Guten Morgen zusammen.“, riss mich die Stimme unseres Lehrers aus den Gedanken. „Guten Morgen, Mister Brown.“, gab die Klasse, bis auf mich zurück. Ich konnte es immer noch nicht begreifen, wie man jemanden erst mobben konnte und dann aber schön den Lehrer anschleimen konnte. Trotzig nahm ich das Blatt entgegen, dass mir der Lehrer ausgeteilt hatte und faltete es auf. Na, super! Wie sollte ich diese ganzen Aufgaben in einer so kurzen Zeit schaffen? Deprimiert nahm ich meinen Füller zur Hand und begann mir die erste Aufgabe durchzulesen. Doch schon nach dem ersten Satz merkte ich, dass ich absolut keine Ahnung von gar nichts hatte und ließ meinen Füller augenblicklich sinken. Was sollte ich denn nun machen? Auf die Toilette gehen? Nein, das wäre zu auffällig..... So tun, als ob es mir nicht gut ginge? Nein, das wäre ebenfalls viel zu auffällig. Letztendlich entschied ich mich dafür, es einfach so gut zu probieren, wie ich eben konnte und dann von der Schule gehen. Nach etwa einer Dreiviertelstunde mussten wir dann auch abgeben und ich war erlöst. Als nächstes hatten wir Englisch. Da war ich wenigstens nicht allzu schlecht. Während ich angestrengt überlegte, ob wir irgendwelche Hausaufgaben hatten, kam auch schon unsere Lehrerin herein. Sie stellte ihre Sachen auf dem Pult ab und begrüßte uns, was alle, bis auf mich ebenfalls taten. „Today you get back your class test.“, hörte ich die Lehrerin sagen und meine Laune sank noch mehr in den Keller. Immer, wenn es Klassenarbeiten zurück gab, rief sie jeden einzelnen von uns auf und sagte vor allen anderen unsere Noten. „Charly Evergreen.“, fing sie an und sofort stolzierte meine ehemalige beste Freundin selbstverliebt nach vorne. Allein schon bei dem Anblick wurde mir schlecht und ich hätte am liebsten meinen ganzen Mageninhalt auf ihren Kopf gelehrt. „Note eins.“, sagte unsere Lehrerin auf Deutsch und lächelte zufrieden. Charly gab ein überdrehtes Lachen von sich und stolzierte zurück zu ihrem Platz, wobei sie mir auf die Füße trat. „Lass den Scheiß!“, beschwerte ich mich. Wahrscheinlich hatte ich das etwas zu laut gesagt, denn alle sahen mich verwundert an. „Gibt es ein Problem?“, fragte die Lehrerin und zog die Augenbrauen hoch. „Nein, es ist alles bestens.“, log Charly und lächelte gespielt nett. „Nein, nichts ist ok!“, schrie ich nun. Ich konnte es einfach nicht mehr fassen. „Ja, eigentlich hat sie recht.“, zischte Charly. „Und was ist denn das Problem?“, fragte unsere Lehrerin. Ich wollte es gerade erklären, doch Charly kam mir zuvor. „Lillith war womöglich eifersüchtig und hat mir somit Tinte über meine Arbeit geleert.“ „Bitte, was!“, rief ich entsetzt aus. Doch anscheinend wurde meine Aussage nicht weiter beachtet und so kam es, dass ich nachsitzen musste. Ich hatte mir eigentlich schon gedacht, dass dieser Tag nichts Gutes bringen würde, doch dass es so schlimm werden würde, hätte ich nun wirklich nicht gedacht. Das konnte doch alles nicht war sein! Was würden meine Eltern nur dazu sagen? Sie würden mich sicherlich verprügeln oder ausrasten. Meine Schwester würde sich dann über mich lustig machen und mir somit den Rest geben. Der Rest der Englischstunde ging wie in Zeitlupe an mir vorbei. Ich hörte niemandem mehr zu. Als ich aufgerufen wurde, nahm ich, ohne die Lehrerin oder irgendjemand anderen anzuschauen meine Arbeit und steckte sie, so schnell ich konnte in meinen Rucksack. Mir war meine Note egal. Das würde es jetzt auch nicht besser machen. Ich fühlte mich nur noch wie ein Haufen Elend. Und mit diesem Gefühl ging ich in die große Pause.

    Ein paar Minuten später kam ich in der Aula an und ließ mich auf dem Boden nieder. Hunger hatte ich sowieso keinen, also blieb mir nichts anderes übrig, als durch die Gegend zu starren. Schon von weitem sah ich Charly mit anderen Mädchen aus meiner Klasse auf mich zu kommen. Ein paar Jungs folgten ihnen nach kurzem Zögern ebenfalls. Und schon wieder bekam ich heftige Bauchschmerzen. Das bedeutete nichts gutes. „Ach, immer noch alleine?“, hörte ich die spöttischen Rufe. „Brauchst du vielleicht ein paar Freunde, die dir beistehen?“, sagte Nora gespielt besorgt. „Tja, da muss ich dich wohl leider enttäuschen.“, mischte Charly sich ein. „Mit jemandem wie dir will niemand befreundet sein!“ Nachdem sie ihren Satz beendet hatte, verfielen sie und die anderen in ein spöttisches Gelächter. „Ach, hat es dir etwa die Sprache verschlagen?“, rief ein Junge, den ich nicht kannte ein. „Mach dir keine unnötige Arbeit, Patrick.“, meinte Charly mit zuckersüßer Stimme. „ Die ist eh zu nichts fähig. Nicht einmal ihre Hausaufgaben kann sie richtig machen, also erwarte bloß nichts.“ Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. In mir stieg eine wahnsinnige Wut auf. Wut auf die anderen, Wut auf mich, dass ich immer zu feige gewesen war und mich nie gewehrt hatte. Und was jetzt passierte, hätte ich nie im Traum von mir gedacht. Aber ich tat es. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf und raste auf die andern zu. Zuerst nahm ich mir Charly vor. Ich schlug sie, so oft ich konnte mit der Faust ins Gesicht und gab ihr mehrere Tritte in den Bauch. Mir war es egal, dass gerade die halbe oder vielleicht auch ganze Schule zusah. Irgendwann war es auch mir zu viel. „ LASST MCH ENDLICH IN RUHE!“, schrie ich. „ICH HABE EUCH NIE ETWAS GETAN!“ Nachdem ich das gesagt hatte, war es, als würde eine schwere Last, die ich jahrelang mit mir mitgeschleppt hatte einfach verschwinden. Nun ließ ich auch von Charly ab, die mittlerweile schon bewusstlos war. Als ich meinen Blick jedoch wieder den anderen zuwandte, erschrak ich. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich Charly fast tot geprügelt hatte. Sie blutete fast am ganzen Körper und das nicht leicht. Das Blut floss ihr in Mengen den Körper herunter und lauter Adern standen ihr heraus. Auch ihre Augen blickten nicht mehr richtig nach vorne. Es sah eher so aus, als würde sie im Koma liegen. Der selbstverliebte Schimmer in ihnen war verschwunden und es wurde nur noch eine ewige Leere ausgestrahlt. Was hatte ich da gerade getan? Hatte ich wirklich eine Klassenkameradin halb tot geschlagen? Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich blieb einfach da, wo ich stand stehen und starrte ins Leere. Keine fünf Minuten später kam unsere Klassenlehrerin herbeigeeilt. Bei Charlys Anblick blieb ihr die Luft weg. Alle Farbe verschwand aus ihrem Gesicht und man konnte sie schon fast mit einer Leiche verwechseln. Hektisch blickte sie sich um und lief ins Sekretariat, wo sie den Krankenwagen rief. Als sie wieder zurückkam, schleifte sie mich, ohne ein Wort zu sagen zum Büro des Direktors. Ich hörte noch das Geräusch der Sirenen, sehen konnte ich aber niemanden. Eigentlich sollte ich doch froh sein, dass wenigstens eine meiner Mobber das bekommen hatte, was sie verdient hatte. Doch stattdessen war ich wie erstarrt und konnte mich nicht bewegen. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. Die Lehrerin zerrte mich durch die Tür des Direktors und ich wurde auf einen Stuhl befördert. Die Worte, die der Direktor sprach kamen nicht bei mir an. Mich umgab nur eine einzige Leere mit keinem Anfang und keinem Ende. Der Direktor zuckte die ganze Zeit mit keiner Wimper und er wirkte sehr ernst. Den letzten Satz, den er sagte, bevor er aufstand, verstand ich jedoch.“Das war’s für dich. Du bist ab heute auf dieser Schule nicht mehr willkommen.“ Darüber war ich gar nicht so sehr überrascht. Es konnte ja nur so enden, wenn man eine Mitschülerin so arg verprügelt, dass sie mit dem Krankenwagen abgeholt werden muss. Ich hatte unüberlegt gehandelt, hatte meine Wut siegen lassen, ohne meinen Verstand einzusetzen. Was sollte ich jetzt nur machen? Lohnte es sich überhaupt noch, nach Hause zu gehen? „Bist du eigentlich völlig bescheuert geworden?“, hörte ich jemanden brüllen, was mich aus meinen Gedanken zurückholte. Als ich mich umblickte, sah ich ein paar Mädchen und ein paar Jungs aus meiner Klasse, die auf mich zukamen. Das sah gar nicht gut aus. Mein Herz begann mal wieder wie wild zu rasen. „Ist dir bewusst, dass du sie umgebracht hast?“, schrie Jacky mich an und meine schlimmste Befürchtung wurde war. Es fühlte sich so an, als ob mein Herz für eine Millisekunde stehenblieb. Das durfte alles nicht war sein! Ich, das eigentliche Opfer hatte mich selbst zum Mörder gemacht. Ich hatte allen immer das schlimmste gewünscht, aber den Tod wünschte ich niemandem. „BIST DU TAUB, DU SCHLAMPE!“, schrie Jacky erneut. „DU HAST SIE UMGEBRACHT!“ „DU BIST EINE MÖRDERIN!“ „ICH BIN KEINE MÖRDERIN!“, schrie ich zurück. „IHR HABT MICH ERMORDET!“ „IHR HAB MEIN WESEN ERMORDET!“ „Früher haben mich alle immer für die nette und schüchterne gehalten!“ „ Ich habe mich gegen euch nie gewehrt!“ „Bis heute!“ „IHR SEID ES, DIE CHARLY ERMORDET HABEN, NICHT ICH!“ Nachdem ich den Satz beendet hatte, wurde alles um mich herum schwarz. Ich wusste nicht, was mit mir passierte. Das war mir aber auch egal. Mir war alles egal.

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    Kapitel 3: Irgendwann wurde ich aus der Tiefen Schwärze geholt, die mich die ganze Zeit über gefangen gehalten hat. Ich konnte meine Augen nur mit v
    Kapitel 3:

    Irgendwann wurde ich aus der Tiefen Schwärze geholt, die mich die ganze Zeit über gefangen gehalten hat. Ich konnte meine Augen nur mit viel Mühe öffnen, da diese entsetzlich wehtaten. Ich bekam ein verschwommenes Bild von etwas weißem zu Gesicht. Wahrscheinlich war es die Decke. Ich versuchte mich aufzusetzen, doch etwas hielt mich zurück. Meine Hände und Arme waren fest gegurtet, sodass ich nicht weck kam. Schockiert blickte ich mich weiter um. Neben meinem Bett, auf dem ich lag, stand ein weißer Behälter, aus dem mir irgendetwas eingeflößt wurde. Wo zur Hölle war ich hier nur? „ Hallo?“, rief ich. „ Ist hier jemand?“ Ich erhielt keine Antwort. „ HALLO?“, schrie ich nun panisch. „ KANN MIR MAL JEMAND SAGEN, WO ICH HIER BIN?“ Doch auch dieses mal kam keine Antwort. Also begann ich erstmal selbst zu überlegen. Es könnte ein Krankenhaus sein. Aber warum war ich dann fest gegurtet? Ich überlegte weiter. Doch ich kam zu keiner gescheiten Antwort. So hilflos hatte ich mich noch nie gefühlt. Eigentlich hatte ich gar nicht mehr damit gerechnet, aufzuwachen. Ich dachte, der Tod hätte mich endlich geholt. Plötzlich hörte ich ein Geräusch, was mich zusammenschrecken ließ. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet, die ich in meiner Position nur halb sehen konnte und eine Frau in einer weißen Uniform kam herein. Verwirrt beobachtete ich sie, doch sie schien mich gar nicht zu beachten. Erst als sie an den Automaten ging und wir erneut etwas einflößen wollte, meldete ich mich zu Wort. „ Entschuldigung, aber können sie mir sagen, wo ich hier bin?“, fragte ich. „ Und was ist das komische Zeig, was sie mir da geben?“ „Wollen sie mich etwa vergiften?“, plapperte ich weiter. „Beruhigen sie sich erstmal.“, meinte die Frau nur. „ICH SOLL MICH BERUHIGEN!“, schrie ich noch entsetzter, als ich eh schon war. „Ich weiß ja nicht einmal, wo ich überhaupt bin!“ „ Also gut.“, sagte die Frau schließlich und blickte zu Boden. „ Sie sind in der Psychiatrie.“ „Sie hatten einen Nervenzusammenbruch und sind verrückt geworden.“ „ BITTE WAS!“, kreischte ich. „ Ja, sie sind gewalttätig und können sich nicht kontrollieren.“ „Sie sprechen von Dingen, die gar nicht wahr sind und glauben auch noch daran.“, zählte die Frau auf. Ich konnte es einfach nicht fassen. „ Ach ja?“ „Was erzähle ich denn für Dinge, die anscheinend nicht stimmen?“, zischte ich. „ Sie denken, dass sie gemobbt werden.“, meinte die Frau prompt. Eine Welt brach für mich zusammen. Im ersten Moment war ich unfähig, zu sprechen, doch dann fand ich wieder meine Stimme. „ Denken sie ernsthaft, das alles, was ich erlebt habe ist gar nicht wahr?“, stotterte ich. „ Das denke ich nicht nur, das weiß ich sogar.“, erwiderte die Frau kalt mit der Betonung auf „weiß“. Das konnte doch alles nicht war sein! Warum bin ich denn nicht gleich gestorben? So wäre mir so einiges erspart geblieben. „ Und woher wissen sie das?“, fragte ich weiter. „ Wir haben mit ihren Lehrern, mit ihren Eltern und mit ihren Klassenkameraden gesprochen.“, erklärte die Frau. „ Sie alle hatten keine Ahnung, was das Mobbing betrifft.“ „ Ach und denen glauben sie also?“, schrie ich. „ Auch ihre Handlungen haben darauf hingedeutet.“, unterbrach die Frau mich. Sie sah mich tatsächlich so an, als wäre ich in irgendeiner Art krank im Kopf und als müsste man mich anders behandeln. „ Wissen sie was?“, sagte ich nun etwas ruhiger. „ Wenn sie mich für verrückt oder sonst was halten, dann ist das ihre Sache.“ „ Aber ob das wirklich stimmt, ist meine Sache und ich weiß alles noch am besten!“ „ Deshalb haben sie kein Recht, mich noch länger hier zu behalten!“ „ Ach, ist das so?“, säuselte die Frau. „ Ja, das ist so!“, zischte ich. „ Und jetzt machen sie die Fesseln von mir los, sie sehen doch ganz genau, dass mit mir alles in Ordnung ist!“ „ Tut mir leid, aber das werde ich ganz bestimmt nicht tun.“, sagte die Frau mit überspielter Stimmlage und ging zu dem Automaten, an den ich angeschlossen war. „ Sie brauchen dringend noch ein wenig Beruhigungsmittel.“, murmelte sie. „ Was, sie stopfen mich die ganze Zeit mit diesem Zeug voll?“ „ Ich brauche das nicht mal!“, rief ich wütend, doch schon im nächsten Moment überflog mich eine Wahnsinnige Müdigkeit und ich schlief gegen meinen Willen ein.

    Ich wurde von etwas lautem geweckt. Angestrengt öffnete ich meine Augen, um sehen zu können, wer oder was mich aus meinem Schlaf gerissen hatte. Vor mir stand ein älterer Mann in einem weißen Kittel. Neben ihm die Frau vom vorherigen Tag. Wahrscheinlich mussten sie der Grund gewesen sein, weshalb ich aufgewacht war. „Was wollen sie von mir?“, fragte ich freiheraus, da mir die ganze Warterei zu blöd wurde. Der Mann bedachte mich mit einem unfreundlichen Blick und sagte: „ Guten Morgen, ich bin ihr zukünftiger Psychologe, Doktor Wilson. „ Das ist meine Assistentin, Miss Howards. Er deutete auf die Frau, die gestern bei mir gewesen ist und sah dann wieder zu mir. „ Ich glaube, sie haben mich immer noch nicht verstanden.“, fing ich abermals wütend an. „ Mit mir ist alles in Ordnung, sowohl körperlich als auch geistig.“ Ich wollte gerade fortfahren, doch der Psychologe beachtete mich gar nicht weiter. „ Also, dann fangen wir mal an.“, sagte er. Erneut zerfetzte mein Herz. Nicht einmal beachten konnte man mich! „ Hören sie mir gefälligst zu!“, schrie ich ihn an. „ Wobei sollte ich ihnen denn zugehört haben, Miss Shadow?“, fragte er, als wüsste er von gar nichts. Das machte mich noch wütender. Unternehmen konnte ich dagegen jedoch gar nichts. Ich konnte ja nicht mal von dem Bett aufstehen. „ Ich habe gesagt, dass ich gar keine Behandlung brauche!“ „ Mit mir ist körperlich, so wie psychisch alles in Ordnung!“, wiederholte ich mich. „ Und ich muss ihnen sagen, dass mit ihnen definitiv nichts in Ordnung ist.“, säuselte der Psychologe. „Oder denken sie, dass wenn man einen Menschen ermordet, alles mit einem stimmt?“ „ Ich habe sie ja auch nicht einfach so verprügelt!“, schrie ich. Ich merkte, wie mir langsam die Tränen kamen. Ich war also eine Mörderin. Ich hatte mich zu dem gemacht, was ich nie seien wollte. „ Sie haben ja keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man gemobbt wird!“ „ Sie wissen nicht, wie es ist, von jedem ausgelacht, gehänselt und ignoriert zu werden!“ „ Sie wissen nicht, wie sich es anfühlt, wenn man sich nicht einmal traut, seinen Namen zu sagen, weil man sonst ausgelacht wird!“, sprudelte es aus mir heraus. „ Und wissen sie, was das schlimmste ist?“ „ Niemand glaubt mir!“ „ Meine Eltern nicht, die Lehrer nicht und sie auch nicht!“ Als ich fertig war, war es, als würde eine schwere Last von mir fallen, die ich all die Jahre, die ich auf die Schule gegangen war mit mir mitgeschleppt hatte, einfach verschwinden würde. Doch Dr. Wilson zeigte keinerlei Mitgefühl. Stattdessen blickte er kühl zwischen seinen Unterlagen, die er mit dabei hatte und mir hin und her, ehe er sagte: „ Das mag ja alles sehr tragisch klingen, Miss Shadow, aber es ist und bleibt eine Lüge.“ Sofort verschwand meine Erleichterung und der erste Felsbrocken machte sich wieder in mir breit. Mir glaubte also niemand. Warum sprach ich dann überhaupt mit einem Psychologen, wenn selbst dieser mir prompt nichts glauben wollte? Ratlos blickte ich ihn an. „ Warum sind sie denn so überzeugt davon, dass ich lüge?“ „ Denken sie etwa, ich hätte mir das alles ausgedacht?“ Ich versuchte Ruhe zu bewahren und nicht erneut auszurasten. „ Wie ich vorhin schon sagte, gibt es keinerlei Beweise für ihre Aussagen.“ „ Und was ist mit den Lehrern?“, rief ich. „ Ihnen habe ich alles erzählt, sie müssten es doch wissen!“ „ Tut mir leid.“, begann der Psychologe. „ Sie wussten zwar von deinen Aussagen, aber sie konnten dir alle keinen Glauben schenken.“ „Immer, wenn sie da waren, waren alle nett zu dir gewesen.“ Nach allen Bemühungen platzte mir nun doch der Kragen. „ Ach und so jemand wie sie nennt sich Psychologe?“, schleuderte ich ihm entgegen. „ Sie haben doch bestimmt schon viele andere Kinder behandelt, die gemobbt wurden.“ „ Müssten sie dann nicht am besten wissen, dass es bei Mobbing völlig normal ist, dass die Menschen vor anderen zu einem immer nett tun und wenn sie dann aber mit einem alleine sind, ihn runtermachen?“ „ Das weiß ich sogar sehr gut, aber ohne Zeugen und Beweise kann ich ihnen nicht glauben.“, meinte Dr. Wilson. „ Und was mache ich dann noch hier?“, fragte ich. „ Ich dachte, sie wollen mir helfen und mir nicht das Leben noch schwerer machen, als es eh schon ist!“ „ Da haben sie vollkommen Recht.“, sagte Dr. Wilson und grinste bösartig. „ Ich werde ihnen helfen, mit ihren Halluzinationen fertig zu werden.“ „ Aber jetzt ruhen sie sich doch ein wenig aus.“, meinte er und ging anschließend mit seiner Assistentin, die die ganze Zeit über nur stumm zugehört hatte, aus dem Raum. Immer noch geschockt blickte ich an die Decke über mir. Ich war immer noch angegurtet und konnte mich nicht wirklich bewegen. Irgendwie musste ich hier doch weg kommen! Ich begann zu überlegen. Mein Blick suchte, so gut es in meiner Position ging, die Gurte um meine Hände nach Schnallen ab, welche ich tatsächlich fand. Jetzt musste ich sie nur noch auf bekommen. Jedoch misslang mir dies. Enttäuscht ließ ich mich auf das Kopfkissen unter mir sinken. An Aufgeben dachte ich aber noch lange nicht. Ein weiteres Mal setzte ich mich, so gut es ging auf und suchte das Bett, sowie den Nachttisch nach etwas knopfartigen ab. Direkt neben meiner Hand entdeckte ich ein weißes, langes Kabel mit einem roten Knopf in der Mitte. Innerlich jubelnd drückte ich ihn und sofort kam die Assistentin Miss Howard herein. „ Was kann ich denn für Sie tun?“, fragte sie höflich, was mich echt wunderte. „ Ich müsste mal auf die Toilette.“, log ich. „ Ok.“, meinte Miss Howard und kam auf mich zu, um mit die Gurte abzumachen. „Sie haben gleich hier in ihrem Zimmer ein Bad.“ „Danke sehr.“, sagte ich bemüht höflich und ging auf das Bad zu. Innerlich betete ich, dass sie einfach aus dem Raum ging. Tatsächlich tat sie das auch. Erleichtert kam ich aus der Ecke hervor und setzte den Plan in die Tat um. Nur wie sollte ich hier rauskommen? Hektisch blickte ich aus dem Fenster und sogleich würde mir schlecht. Ich hatte extreme Höhenangst. Einen anderen Ausweg sah ich jedoch nicht. So schnell ich konnte, lief ich auf das Bett zu, auf dem ich gelegen hatte und zog das Lacken ab. Danach knotete ich es etappenweise zusammen. Die Assistentin konnte jede Sekunde zurückkommen! Wieder beugte ich mich aus dem Fenster und starrte hinunter, während mir der Schweiß die Stirn herunterlief. Sollte ich nicht doch lieber hier bleiben? Ich entschied mich jedoch dagegen. Ein paar Räume entfernt konnte ich schon Schritte hören und es wurde höchste Zeit, mich meiner Angst zu stellen. Wie von der Tarantel gestochen band ich das Bettlaken an dem Fensterbrett an und klettere einfach drauf los. Zu meinem Entsetzen stellte ich fest, dass das Laken nicht lang genug war und ich springen musste. Ich wurde noch panischer, als ich eh schon war und mir entfloh ein spitzer Schrei. Verärgert über mich selbst hielt ich mir die Hand vor den Mund, doch Fehlanzeige. Mich hatte jemand gehört. „Hey! Bleib sofort stehen!“, hörte ich eine Männerstimme rufen. Als ich in Richtung Fenster blickte, sah ich Dr. Wilson. „Shit!“, fluchte ich und beschleunigte mein Tempo. „STEHEN BLEIBEN!“, brüllte der Psychologe nun. Ich bemerkte, dass ich am Ende des Lakens angekommen war und mir wurde wieder schwindelig. Ich musste schnell handeln, sonst würde es brenzlig werden. Also ließ ich, ohne weiter nachzudenken das Laken los und sprang, in der Hoffnung, ich würde mir nichts brechen. Hätte mir vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass ich bald aus dem Zehnten Stock einer Psychiatrie springen würde, hätte ich denjenigen für lebensmüde erklärt. Von weitem konnte ich schon Polizeisirenen hören. Das könnte knapp werden! Noch schneller, als erwartet, kam ich am Boden an und landete zu meinem Glück auf meinem Hintern und bis auf ein paar Schrammen passierte mir nichts. Doch mein Plan war noch nicht geschafft. Ich rappelte mich auf und rannte los. Inzwischen war die Polizei schon angekommen und eine Horde von Polizisten rannte auf mich zu. Das sah gar nicht gut aus. Mein Herz begann wie wild zu rasen, sodass ich das Gefühl hatte, es würde mir gleich aus der Brust springen. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Doch aufgeben wollte ich noch lange nicht. Ich rannte, so schnell ich konnte weiter. Die Polizisten schrieen mir irgendetwas hinterher, doch ich konnte es nicht einordnen. Es ertönten die ersten Schüsse. Shit! Ich beschleunigte mein Tempo noch mehr. So schnell war ich noch nie gerannt. Ich hatte kein genaues Ziel vor Augen. Ich wollte einfach nur so schnell, wie möglich entkommen. Jedoch ging mir langsam die Puste aus. Schwer atmend versuchte ich, meinen Weg fortzusetzen, doch es gelang mir nicht. Vor meinen Augen tanzten mittlerweile viele Sternchen. Ich klappte einfach zusammen. Warum war ich nur so schwach? „ Da ist sie!“, hörte ich einen Polizist rufen. Fußgetrampel folgte. Und wieder kam aus meinem inneren eine unbeschreibliche Wut hoch. Ich begann zu schreien. Meine Hände schlugen auf den Boden, auf welchem ich lag. „ LASST MICH IN RUHE!“, brüllte ich unter Tränen. Doch es half nichts. Die Polizisten packten mich an den Beinen und schleiften mich ins Auto. „ LASST MICH IN RUHE!“, schrie ich erneut. Niemand hörte mir zu. Als ich aus der Fensterscheibe sah, konnte ich meine Eltern und meine Schwester sehen. Sie standen neben Dr. Wilson und blickten mir schadenfroh entgegen. Ich wusste, dass sie mich alle niemals geliebt hatten. Sie alle waren selbstsüchtig, sardistisch und hatten kein gutes Herz. Ich war immer anders gewesen. Früher sah ich immer nur das Gute in Menschen, was alle nur ausnutzten. Wie konnte ich nur so blind sein! Warum konnte mich keiner leiden? Wutentbrannt schlug ich gegen die Scheibe. Natürlich hatten es meine Eltern und meine Schwester gehört. Sie taten jedoch so, als wäre ich nicht da. „ Ich hasse euch!“, schrie ich. „ Was habe ich euch denn getan? Warum mögt ihr mich nicht? ANTWORTET MIR!“ Keine Reaktion. „ ANTWORTET MIR!“ Ich brach in einem Weinkrampf zusammen. Ich bekam nur noch mit, wie das Polizeiauto sich in Bewegung setzte. Alles andere ging an mir vorbei, wie Luft.

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    Kapitel 4: Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seitdem ich meinen Fluchtversuch gestartet hatte. Doch als ich von der Polizei mitgenommen w
    Kapitel 4:

    Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seitdem ich meinen Fluchtversuch gestartet hatte. Doch als ich von der Polizei mitgenommen wurde, hatte ich total abgeschaltet. Ich hatte versucht, alles nicht wahrzunehmen und keine Gefühle oder Emotionen an mich rangehen lassen. Den Fehler hatte ich nämlich mein ganzes Leben lang gemacht. Doch heute war es, als würde ein riesiger Vorhang, der sich in meinem inneren aufgebaut hatte, einfach auf gehen. Ich sah sozusagen den Tatsachen ins Gesicht. Ich war in ein Gefängnis für schwer erziehbare Jugendliche gekommen. Ich hatte einen Menschen getötet. Ich war zu der Person geworden, die ich nie seien wollte. Nun war ich nicht mehr viel anders als meine Klassenkameraden und meine Familie. Vielleicht sogar noch schlimmer. Das alles war nur passiert, weil ich die Kontrolle über mich verloren hatte. Wäre ich das liebe, schüchterne Mädchen geblieben, das ich früher immer war, säße ich jetzt nicht hier. Aber Vergangenheit war Vergangenheit. Man konnte sie nicht ändern. Tief in meinem inneren jedoch hoffte ich, dass Charly dahin gekommen ist, wo sie hingehörte. Ich hoffte, dass sie das bekam, was sie verdient hatte. Nämlich die Hölle. Ich legte meinen Kopf in die Hände und versuchte mich wieder hinter meiner Fassade zu verstecken, die ich in den letzten Wochen oder gar Monaten, die ich hier war zurechtgelegt hatte. Jedoch wollte es mir nicht gelingen. Ich wurde von einem schrillen Geräusch aus den Gedanken gerissen. Genervt blickte ich auf und erkannte einen Wachmann, der mir das Frühstück brachte. Wie zu erwarten ignorierte er mich. „ Ich bin mir zwar meiner Situation bewusst, aber könnten sie mir wenigstens ein kleines bisschen Beachtung schenken?“, platzte es aus mir heraus. Augenblicklich drehte der Mann sich um und sah mich kalt an. „ Denken sie wirklich, dass die Menschen so jemandem wie ihnen noch Beachtung schenken? Was glauben sie denn, warum sie in der Schule gemobbt werden? Und warum sie wohl keiner aus ihrer Familie mag?“, zischte der Wachmann. Das tat weh. Mit den Tränen kämpfend antwortete ich: „ Das tut mir jetzt sehr leid, aber ich bin mir dessen überhaupt nicht bewusst.“ Der Wachmann sah mich erst geschockt an und lachte plötzlich einfach los. Das erinnerte mich wieder an Schule. Dort wurde ich auch immer ausgelacht. „ Sie wird nie irgendjemand mögen. Kommen sie einfach damit zurecht.“, meinte der Wachmann immer noch lachend, ehe er die Zelle verließ. „ Das ist keine Begründung!“, schrie ich ihm hinterher. „Hören sie, das was sie gesagt haben sagt rein gar nichts aus! Ich habe aber eine Begründung! Die Menschen sind einfach alles Arschlöcher und zu blöd, um gute Menschen, wie ich es war zu mögen!“

    Zeitsprung 2 Monate später

    Es war traurig, aber wahr. Ein gutes halbes Jahr verbrachte ich im Gefängnis. Jeden Tag der gleiche Ablauf. Ich sah Zusammenbrüche anderer Leute mit an. Ich sah Menschen leiden. Tief in meinem inneren hätte ich ihnen gerne geholfen. Teilweise sah ich mich selbst in ihnen. Doch eines hielt mich davon ab. Niemand von ihnen hätte mir gedankt. Und ich war selbst nicht der beste Mensch mehr. Viele nannten mich eine Mörderin, andere ein feiges Opfer und wieder andere eine Verliererin. Ich wusste, dass alles in einer gewissen Hinsicht zutraf. Doch an diesem Tag würde etwas anders sein. Das wusste ich. Wie gewohnt kam ein Wachmann zu mir herein, um mir das Frühstück zu bringen. Dann ging ich zur Therapie mit anderen Jugendlichen. Als das geschafft war, saß ich wieder in meiner Zelle und wartete, bis mir das Mittagessen gebracht wurde. Als die Tür geöffnet wurde, dachte ich, es würde ein Wachmann sein. Doch da hatte ich mich geirrt. Es war ein Mädchen, das schüchtern zu mir blickte. Wer war dieses Mädchen? Ich hatte sie noch nie zuvor auf dem Gelände gesehen. Hinter ihr standen zwei Polizisten. „ Sie bekommen Gesellschaft.“, sagte einer der Polizisten kalt, während der andere ein Bett auf der anderen Seite meiner Zelle platzierte. Verwirrt musterte ich das Mädchen. Es war nicht gerade sehr hübsch. Ihren Kopf zierten braune, verfilzte Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten. Ihr Gesicht war speckig und mit unzähligen Schnitten übersäht. Doch gewalttätig sah sie keineswegs aus, nein. Sie umhüllte eine tiefe Traurigkeit und Hilflosigkeit. Irgendwie fand ich mich selbst in ihr wieder. „Miss Shadow.“, begann einer der beiden Polizisten. „Ab heute haben Sie eine Zimmernachbarin, da wir nicht mehr genug Platz hatten. Sollte es zu irgendwelchen Gewaltätigkeiten kommen, sind Sie hier sofort weg vom Fenster.“ „Ja, Sir.“, erwiderte ich kurz und knapp, ehe ich meinen Blick wieder dem Boden widmete. Die Polizisten sagten noch etwas zu dem Mädchen, was ich jedoch nicht richtig hören konnte und verließen anschließend wieder die Zelle. Nun umgab Stille den Raum. Vorsichtig hob ich meinen Kopf, um einen Blick auf das Mädchen zu erhaschen. „ Hallo, ich bin Lillith.“, sagte ich mutig. Das Mädchen zuckte augenblicklich zusammen, als wäre sie von irgendetwas gestochen worden. Sie sah mich durch ihre rehbraunen Augen an. „Nora.“, antwortete sie kurz und knapp und sah wieder auf ihre Hände. Allmählich wurde es mir doch zu blöd. „ Wenn du nicht sehr gesprächig bist, kann ich das ja verstehen. Ich bin es auch nicht, aber könntest du mir wenigstens ein kleines bisschen Beachtung schenken?“, platzte es aus mir heraus. „ Entschuldigung, ich habe nicht so eine gute Erfahrung mit Menschen.“, sagte Nora schnell. In ihren Augen spiegelte sich Angst wieder. „Ich auch nicht.“, sagte ich ehrlich. „Ich wurde in der Schule und zu Hause gemobbt.“ „Wirklich?“, fragte Nora überrascht. „Ja, was ist daran so komisch?“, wollte ich irritiert wissen. „Ach, nichts.“, meinte Nora und sah schnell wieder auf den Boden. "Warum bist du dann hier?", fragte sie nach einer Weile. Diese Frage überraschte mich sehr. Nein, es war eher nicht die Frage an sich. Es war die Tatsache, dass sich jemand ehrlich für etwas bei mir interessierte. Doch die Antwort fiel mir alles andere als leicht. Vorsichtig wagte ich einen Blick zu ihr herüber. Erwartungsvoll erwiderte sie meinen Blick.,, Also gut.", begann ich schließlich. Es kostete mich einige Überwindung, doch ich hielt es für das richtige.,, Bist du sicher, dass du meine Geschichte hören willst?" Das Mädchen nickte.,, Alles fing an, als ich in die fünfte Klasse kam. Ich kam auf eine neue Schule mit neuen Leuten. Doch meine alte Freundin war immer noch bei mir. Charly Evergreen. Sie war meine beste Freundin gewesen. Meine einzig beste Freundin. Doch das änderte sich ruckartig. Auf einmal ignorierte sie mich einfach nur noch. Sie tat so, als würde ich nicht existieren. Dann freundete sie sich mit den anderen Mädchen aus meiner Klasse an. So kam es, dass ich nur noch alleine war. Und ich werte mich nicht, nein. Ich war sogar nett zu allen. Ich tat so, als würde mir alles nichts ausmachen, was mich innerlich zerstörte. Dann begann meine ganze Klasse, mich auszuschließen, mich zu beleidigen. Meine Noten wurden immer schlechter und ich konnte nicht mehr schlafen. Das alles machte ich bis ich in die zehnte Klasse kam mit. Dann. ganz plötzlich legte sich ein Schalter bei mir um. Ich war eine neue Person. Nichts und niemand würde mich jemals wieder beleidigen oder hintergehen. Und so kam es, dass mir eines Tages der Geduldsfaden riss. Und zwar so richtig. Ich war immer allein auf der Welt gewesen. Meine Familie mochte mich nicht und in der Schule wurde ich gemobbt. Und an diesem Tag....es war noch gar nicht so lange her-, ich stockte. Auf einmal fühlte mein Hals sich wie ausgetrocknet an. Eine Träne entfloh mir und lief an meiner Wange hinunter. Wie aus dem Nichts tauchten die Erinnerungen an diesen Tag wieder auf. Wie im Zeitraffer spielte sich alles vor mir ab. Doch ich konnte nichts verhindern.,, Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst.", riss Nora mich aus den Gedanken. Erschrocken fuhr ich herum, fasste mich jedoch wieder.,, Doch, doch. Ich werde nicht ewig vor meiner Vergangenheit davon laufen.", sagte ich und erzählte weiter: Dann begann ich Charly zu hauen. Eigentlich sollte es nur bei einem Schlag bleiben, doch ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. Aus einem Schlag wurden mehrere. Ich schrie und weinte. Bis ich auf einmal merkte, was ich getan hatte. Ich hatte einen Menschen getötet." Als ich fertig war, konnte ich selbst nicht glauben, was ich gesagt hatte. Es war, als würde mir ein riesiger Stein vom Herzen fallen. Ich fühlte mich besser.,, Du hast was?" Nora sah mich geschockt an.,, Nenn mich ruhig Mörderin oder was auch immer.", unterbrach ich sie.,, Ich bin ja auch eine Mörderin. Aber ich stehe zu meinen Taten." Immer noch geschockt, starrte mich das Mädchen aus der anderen Ecke des Zimmers an.,, Weißt du, irgendwie kann ich dich verstehen. Ich kann dich sogar sehr gut verstehen.", sagte Nora auf einmal. Ich konnte nicht glauben, was ich gerade gehört hatte. Jemand konnte mich verstehen!,, Du verstehst mich?", fragte ich, als wäre es ein Weltwunder.,, Ja, ich wurde auch gemobbt.", erklärte Nora und sah betreten zu Boden. Auch diese Tatsache schockte mich. Ich war also nicht die einzige. Erleichterung stieg in mir auf.,, Hast du auch jemanden...., ich zögerte.,, Getötet?",, Nein, habe ich nicht.", sagte Nora.,, Warum bist du dann hier?", fragte ich weiter.,, Zu Unrecht.", meinte Nora kurz und knapp.,, Zu Unrecht?", wiederholte ich.,, Ja. Ich war immer die stille und nette. Diejenige, der niemand etwas zutraute. Ich habe mich kein einziges mal gewehrt. Vielleicht hätte ich es so machen sollen wie du. Aber ich habe es nicht und das verfolgt mich bis heute. Also fing ich an, mich aufzukratzen. Aus Verzweiflung und Wut. Ich wurde ausgelacht, gehänselt und geschlagen. Wegen meines Aussehens. Eines Tages, erzählten meine Klassenkameraden herum, dass ich Drogen verticken würde. Natürlich glaubte das die Schulleitung, da sie Drogen in meinem Spind fanden. Meine Klassenkameraden hatten sie mir reingeschmuggelt, damit man ihnen glaubte. Ich sagte natürlich, dass das nicht stimmte, doch mir glaubte keiner. Dann wurde ich von meinen Eltern zur Polizei gebracht und diese wiederum brachte mich hierher." Als Nora fertig war mit Erzählen, sah sie starr auf den Boden und wartete auf eine Reaktion von mir. Mir stand der Mund offen. Bis heute hatte ich gedacht, ich wäre die einzige, die so heftig gemobbt wurde. Doch das war ich nicht. Aufmunternd lächelte ich ihr zu. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.,, Ich bewundere dich.", sagte Nora auf einmal. Geschockt sah ich zu ihr rüber.,, Du sollst mich nicht bewundern! Ich bin eine Mörderin.", sagte ich.,, Mörderin hin oder her. Du bist mutig, du hast dich gewehrt. Ich nie. Ich konnte es nicht und werde es auch nie können.", sagte Nora.,, So etwas nettes hat noch nie jemand zu mir gesagt.", gestand ich.,, Zu mir auch nicht.", meinte Nora.,, Weißt du, ich bewundere dich auch und das wirklich stark. Du hast dich zwar nicht gewehrt, aber du bist stark geblieben. Ich nicht. Ich bin innerlich zerfallen. Du bist mutig, nicht ich." Dankbar lächelte Nora mich an. Es war Jahre her, seit dem mich jemand das letzte mal ehrlich angelächelt hat.,, Was hellst du davon, wenn wir Freunde werden?", fragte Nora mich.,, Nichts lieber, als das.", sagte ich überglücklich.,, Wir werden die Zeit hier durchstehen. Zusammen."





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    Kapitel 5: Die Monate und Jahre vergingen. Die Tage nahmen ihren üblichen Lauf. Und ich saß immer noch in meiner Zelle. Mit Nora, mit der ich mich i
    Kapitel 5:


    Die Monate und Jahre vergingen. Die Tage nahmen ihren üblichen Lauf. Und ich saß immer noch in meiner Zelle. Mit Nora, mit der ich mich inzwischen richtig gut angefreundet hatte. So wurde das Gefängnisleben für mich erträglicher. Ich konnte ihr alles erzählen. Wir lachten zusammen und weinten zusammen. Endlich hatte ich einen guten Menschen kennengelernt. Doch ein Teil von mir fühlte sich trotzdem noch alleine. Es war meine Familie. Kein einziges Mal war einer von ihnen zu mir gekommen oder hatte mir einen Brief geschrieben. Nun hatte ich sie fünf Jahre lang, in denen ich im Gefängnis für schwer erziehbare Jugendliche war nicht mehr gesehen. Auch heute kam niemand. Denn heute war mein Geburtstag. Ich wurde einundzwanzig. „Happy Birthday!“, hörte ich eine Stimme rufen. Ich musste nicht einmal nachdenken, um zu wissen, dass sie Nora gehörte. Sie hatte mich nicht vergessen. Eine Freudenträne lief mir über die Wange. „Danke.“, sagte ich leise und umarmte sie. „Ich hab zwar kein Geschenk für dich, aber ich hoffe, du freust dich trotzdem.“, sagte sie etwas betreten. „Natürlich freue ich mich. Ich brauche keine Geschenke, Worte sind für mich das wichtigste.“, sagte ich. „ Danke. Eigentlich würde ich ja gerne für dich singen, aber ich glaube das wäre den anderen gegenüber unangebracht.“ „ Das ist nett von dir.“, meinte ich nur. „ Ohne dich wäre ich hier wahrscheinlich gestorben.“ „Ich auch.“, meinte Nora. „Fünf Jahre sitzen wir schon hier. Das ist echt verrückt.“ „Ja, das stimmt.“, erwiderte ich. „Weißt du, manchmal frage ich mich wirklich, wie die Welt da draußen aussieht. Ob sich etwas verändert hat.“, sagte ich nachdenklich. „ Vermisst du eigentlich deine Familie?“, fragte Nora mich auf einmal. „Warum die Frage?“, wollte ich irritiert wissen. „Weil heute dein Geburtstag ist.“, antwortete Nora. „Ein bisschen vielleicht. Aber weißt du, man muss die Menschen, die einem Böses wollen im Leben einfach stehen lassen. Wahrscheinlich haben sie eh meinen Geburtstag vergessen.“ „Oh, verstehe.“, meinte Nora und lächelte mir aufmunternd zu. „Manchmal wünschte ich, ich wäre ein anderer Mensch. Nicht die Außenseiterin, die jeder verachtet. Nicht das schwarze Schaf in meiner Familie und schon gar keine Mörderin.“, gestand ich. „ Ich glaube, das wünscht sich jeder Mensch einmal.“, sagte Nora. „ Warum denkst du denn, hat dich Charly gemobbt?“ „Weil ich es verdient habe.“, entgegnete ich trocken. „ Nein, sag so etwas nicht!“, beschwichtigte Nora. „ Genau aus dem selben Grund, den du gerade genannt hast!“ „Was denn für ein Grund?“, fragte ich genervt. „ Aus Eifersucht!“, sagte Nora. „ Aus Eifersucht?“, fragte ich. Der Sarkasmus in meiner Stimme war nicht zu überhören. „ Ja, Aus Eifersucht. Sieh doch, du bist hübsch, nett, hast viele Talente.“, erklärte Nora. „ Was hab ich denn bitteschön für ein Talent?“, zischte ich. So langsam ging mir dieses Gespräch wirklich auf die Nerven. „ Deine Art.“, sagte Nora nur. „ Du hast eine sehr bewundernswerte Art.“ „ Ich bin hässlich. Dick, klein. Das perfekte Opfer. Aber du auch. Deine Klassenkameraden sind alle hässlich, also haben sie untereinander nichts, worauf sie eifersüchtig sein können. Außer bei dir. Und aus Wut heraus mobben sie dich.“ „ Hm, da könnte was dran sein.“, murmelte ich. „ Immer gern.“, grinste Nora. „ Aber jetzt ist erstmal Schluss mit den schlechten Gedanken! Jedenfalls hast du heute Geburtstag!“ „ Da hast du wohl Recht.“, lachte ich. „ Ich glaube, wir sollten uns mal fertig machen, der Wachmann kommt bald.“, sagte ich und ging in das kleine Bad am anderen Ende des Raumes. „ Jap, das ist eins gute Idee.“, erwiderte Nora und stand ebenfalls auf. Auch sie ging ins Bad, um wie ich Zähne zu putzen. „ Was denkst du, müssen wir heute machen?“, nuschelte Nora. „ Keine Ahnung, hoffen wir mal das besten.“, lachte ich. „ Und was wäre das beste?“ wollte Nora wissen. „ Naja, auf jeden Fall nicht den Schweinestall ausmisten.“, meinte ich grinsend. „ Oje, Gott verschone uns!“, rief Nora gespielt dramatisch und wir mussten erneut lachen, bis es auf einmal klopfte. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und ein Wachmann kam herein. „ Morgen, bitte einmal auf den Sportplatz.“, befahl er. Wie uns gesagt, gingen Nora und ich auf die Tür zu und ließen uns Handschellen umlegen. Gespannt liefen wir auf den Gefängnissportplatz zu. Auf dem Platz standen mehrere Boxsäcke und dazugehörige Boxhandschuhe. Daneben stand unser Trainer mit den anderen Gefangenen. „Was wird das denn?“, fragte ich Nora und sah nachdenklich auf die Boxsäcke. „Wahrscheinlich lernen wir, unsere Wut weg zubekommen.“, meinte sie. „Guten Morgen, zusammen!“, rief der Trainer, dessen Name mir entfallen war dazwischen. „ Heute werdet ihr von mir die Erlaubnis kriegen, euch richtig auszutoben. Jeder wird einen Boxsack mit dazugehörigen Handschuhen zugeteilt bekommen und kann so seine Wut oder sonstiges versuchen, weck zukriegen. Sollte es aber zu Gewalttätigkeiten kommen, seit ihr sofort weck vom Platz. Versanden?“, erklärte er, ehe er mit der Zuteilung begann. Ich bekam einen Platz in der Ecke neben Nora. Mit einem seltsamen Gefühl im Magen zog ich mir Handschuhe an. Irgendwie kam es mir nicht richtig vor, meine Gefühle raus zulassen. Ich hatte Angst, ich würde mich zu sehr hineinsteigern und wieder Menschen verletzten oder gar töten. „ Was stehst du so dumm rum!“, hörte ich eine Stimme von der Seite. Darauf folgte Gelächter. Es waren andere Gefangene, die es für toll hielten, mich zu ärgern. Doch das ließ ich mir nicht gefallen. „ Habt ihr eigentlich nichts besseres zu tun, als mich auszulachen?“, fragte ich. „ Oh, seht! Sie kann ja sprechen!“, rief ein Junge, woraufhin wieder alle lachten. Der Trainer war natürlich zu blind, um das mitzukriegen. „ Lasst mich doch einfach in Ruhe!“, schrie ich. Daraufhin nahm stellte ich mich vor den Boxsack und fing an, wie wild zu boxen. Ich hatte zwar noch nie zuvor geboxt, aber es machte mir Spaß. Ich schlug und schlug und schlug. Ich hörte gar nicht mehr auf. „ Schluss für heute!“, hörte ich unseren Trainer irgendwann sagen. Also hörte auch ich auf. Zufrieden ging ich mit Nora wieder zurück in unsere Zelle. „Wow, du warst echt gut!“, sagte Nora, nachdem wir reingelassen worden waren. „ Danke.“, antwortete ich etwas überrascht. „ Warst du eigentlich mal in einem Verein oder so?“, fragte Nora weiter. „Nein, ich habe heute zum ersten Mal geboxt.“, meinte ich. „Wow, du bist ein echtes Naturtalent!“, rief Nora begeistert. Es klang so, als ob es ein Weltwunder wäre. Irgendwie brachte mich das zum Lachen. „Was ist denn so witzig?“, fragte Nora verwirrt, musste dann aber auch lachen. „Weißt du, ich habe schon lange nicht mehr viel von mir selbst gehalten.“, gestand ich. „Ich dachte immer, alle anderen wüssten es besser. Tief in mir drin wusste ich natürlich, dass es nicht so war, doch das half nicht viel. Deshalb wurde mir auch die Schule egal und ich vernachlässigte meine Hobbys.“ „Genauso geht es mir auch.“, sagte Nora. „Wirklich?“, fragte ich. „Ja, natürlich. Ich wurde ja schließlich auch gemobbt. Aber diesen Fehler dürfen wir nie wieder machen, hörst du? Nie wieder.“ „Nie wieder.“, wiederholte ich. „ Uns wird nie wieder jemand etwas sagen! Diese Zeit, in der ich hier im Gefängnis war, hat mir den richtigen Weg gezeigt.“ „Mir auch. Und wäre ich nicht hierher geschickt worden, hätte ich auch nicht so eine tolle Freundin, wie dich kennengelernt.“, sagte Nora. Ich konnte nicht anders und musste sie umarmen. „Danke, mir geht es auch so.“, sagte ich. Auf einmal klopfte es an der Tür. „ Ist das nicht entwässert zu früh fürs Mittagessen?“, frage ich Nora, welche mich ebenfalls fragend ansah. Herein kamen zwei Polizisten. „Guten Tag, wir haben eine gute Neuigkeit für euch.“, begann einer von ihnen. „Ihr habt eure Zeit hier abgesessen und könnt wieder nach Hause.“ Nachdem ich das gehört hatte, fühlte es sich so an, als ob mein Herz stehen geblieben war. So lange hatte ich auf diese Nachricht gewartet. Und heute an meinem Geburtstag war es soweit. Doch wo sollte ich hin? Meine Familie würde mich bestimmt nicht mehr wollen. Nora, die immer noch neben mir saß stand anscheinend auch unter Schock. „Danke, diese Nachricht erfreut uns natürlich sehr, aber wo sollen wir jetzt hin?“ „Sie werden erst einmal zu ihren Eltern kommen und dann sehen wir weiter.“, sagte der andere Polizist. „Okay.“, sagte ich nur, doch innerlich wollte ich am liebsten hier bleiben. Überall war es besser, als in meinem Heimatort. Zusammen mit Nora ging ich hinter den Polizisten her, die uns anschließend in den Polizeiwagen brachten. Ich wusste nicht, wie lange die Fahrt dauern würde. Ich kuschelte mich an meine beste und einzige Freundin und sah aus dem Fenster. Nach einer Weile hielten wir an. „Nora Wood, Sie können aussteigen.“, hörte ich die Stimme des Fahrers. „Tschüss, Lillith.“, sagte Nora. Tränen standen ihr in den Augen. „Kann ich vielleicht deine Nummer haben?“, fragte ich. „Tut mir leid, ich habe kein Handy.“, sagte Nora. „Los, beeil dich mal!“, rief ein Polizist. „Ich hab dich lieb. Du bist der netteste Mensch, den ich je getroffen habe.“, sagt ich. „Wir werden uns wieder sehen.“, sagte Nora nur und stieg anschließend aus dem Auto. Sie winkte mir noch einmal zu. Ich winkte zurück. Irgendetwas sagte mir, dass ich sie nicht wiedersehen würde, doch ich unterdrückte dieses Gefühl. Ich sah noch, wie sie das Tor hinter sich schloss, dann konnte ich sie nicht mehr sehen. Mir entflohen mehrere Tränen, doch ich riss mich zusammen. Jetzt würde alles anders werden.

    Den Rest der Fahrt sah ich nur noch aus dem Fenster. Wie gerne wäre ich jetzt ein Vogel gewesen. Ich hätte einfach wegfliegen können. Doch stattdessen saß ich in in einem Polizeiwagen und wartete darauf, meine Familie wiederzusehen, die mich nicht mochte. Nach weiteren Stunden hielt der Wagen auf einmal an. Aus dem Fenster heraus konnte ich das Haus erkennen, indem ich einmal gewohnt hatte. Wie mein zu Hause angefühlt hatte es sich jedoch nie. Ich hatte mich immer fremd und anders gefühlt. Ein Polizist öffnete meine Tür und ich musste aussteigen. Mit Handschellen an den Armen und neben mir zwei Polizisten, lief ich auf das Haus zu. Vor der Tür konnte ich meine Mutter erkennen. Sie sah deutlich älter aus. Ihr Gesucht zierten unzählige Falten und ihre Augen schienen leer zu sein. Ich fragte mich, wo mein Vater und meine Schwester waren. Stumm setzte ich meinen Weg fort und blieb schließlich kurz vor der Haustüre neben den Polizisten stehen. „Guten Tag, Miss Shadow.“, sagte einer der beiden Polizisten. „ Lilliths Gefängniszeit wurde verkürzt, wie sie wissen verkürzt. Das heißt, sie wurde freigesprochen.“ „Freigesprochen?“, rief meine Mutter entsetzt. „Von wem?“ „ Von der Schule, auf die sie gegangen ist.“, meinte der Polizist. „Sind sie vollkommen bescheuert? Dieses Biest hat getötet!“ „Tut mir leid, aber wir können und dürfen ihnen keine weiteren Angaben nennen. Das Gericht hat es so entschieden.“ Nachdem ich das gehört hatte, war ich noch verwirrter als davor schon. Meine Schule hatte mich freigesprochen! Dabei konnte mich doch nie jemand leiden! Und schon gar nicht der Schulleiter! Wahrscheinlich würde ich den Grund dazu nie erfahren. Meine Mutter sah immer noch schockiert die Polizisten an, wandte sich schließlich doch ab. Sie besprach noch etwas mit ihnen, wobei ich jedoch nicht zuhörte. Nach einer Weile wurden mir die Handschellen abgenommen und die Polizisten gingen. Nun war ich wieder da, wo alles begonnen hatte. Vorsichtig sah ich zu meiner Mutter, die mich nur stumm beobachtete. Schließlich wandte sie sich ab und machte die Haustür auf. Ein alter Duft kam mir entgegen. Zögerlich betrat ich das Haus, indem ich vor ein paar Jahren mal gewohnt hatte und zog meine Schuhe aus. „Geh auf dein Zimmer und lass dich hier nicht mehr blicken.“, hörte ich die kalte Stimme meiner Mutter. „ Wenn du etwas zu Essen oder zu Trinken brauchst, kannst du runter kommen, aber mehr auch nicht.“ Stumm nickte ich. Ich versuchte es mir nicht anmerken zulassen, doch ihre Worte verletzten mich sehr. Ich lief die Treppen hoch in den zweiten Stock, wo sich mein Zimmer befand. Vor meiner Tür blieb ich stehen. Sollte ich wirklich reingehen? Sollte ich mich wirklich an das alles erinnern, was ich hier erlebt hatte? „Sieh an, sieh an.“ Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich brauchte kurz, um sie einordnen zu können, doch dann erkannte ich sie wieder. Es war meine Schwester. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, sie anzusehen. „Und, wie war es im Knast? Hast du endlich eingesehen, was du getan hast?“ „Ja, das habe ich.“, sagte ich mit dem Blick auf die Wand gerichtet. Meine Schwester lachte nur spöttisch. „Du hast eindeutig nicht daraus gelernt! Du verdienst eine schlimmere Strafe!“ „Und die wäre?“, fragte ich gelangweilt. Wieder lachte Grace. „Ich habe ja noch nie wirklich viel von dir gehalten, aber das du so dumm bist, hätte ich nun auch wieder nicht gedacht. Wo kommen denn die Menschen hin, die töten? Richtig, in die Hölle! Das heißt, du verdienst den Tot!“ Tränen schossen mir in die Augen. „ Oh, habe ich dir etwa wehgetan?“, piepste Grace überspielt. „Du kannst mich mal!“, zischte ich, ehe ich ihr meine Tür vor der Nase zuknallte. Nachdem ich sie abgeschlossen hatte, lies ich mich auf dem Boden nieder. Was war nur aus mir geworden? Ich wollte einmal Schauspielerin werden, doch das konnte ich jetzt vergessen. Ich hatte einen Menschen getötet, war im Knast, wurde gemobbt, habe keine Arbeit und keine Wohnung. Ich sah keinen Sinn mehr in meinem Leben. Doch ich hatte noch Hoffnung. Nora war der einzige Mensch, der mir noch etwas Freude am Leben schenkte und dafür lohnte es sich, zu leben. Sie war die einzige, die mir zum Geburtstag gratuliert hatte. Meine Eltern und meine Schwester hatten es nicht getan. Wahrscheinlich hatten sie meinen Geburtstag eh schon vergessen. Sicherlich würde ich nicht lange hier bleiben. Also beschloss ich, nach einer Wohnung zu suchen. Ich wusste zwar nicht, ob ich wieder frei durch die Gegend laufen durfte, doch das war mir im Moment egal. Ich schnappte mir ein Bettlacken und band es in mehreren Knoten zusammen, da ich keine Lust hatte, durch das ganze Haus zu laufen. Nachdem ich mich nach unten geseilt hatte, holte ich mein Skateboard aus dem Schuppen und fuhr in die nächste Stadt. Es regnete leicht und man konnte aus der Ferne hin und wieder ein Donnergrollen hören. Ich zog mir meine Kapuze über den Kopf und setzte meinen Weg fort, bis schließlich ich in der Stadt ankam. Mein Skateboard nahm ich unter meinen Arm und lief zu Fuß weiter. Trotz des mittlerweile schlechten Wetters, waren viele Leute da. Es war seltsam, auf einmal unter so vielen Menschen zu sein. Ich hatte das Gefühl, niemand wollte mich hier sehen. Egal, an wem ich vorbeiging, alle sahen mich finster an und nahmen ihre Kinder bei der Hand. Doch irgendwie hatten sie recht. Ich war eine Mörderin, es war nicht richtig gewesen, so zu handeln. Doch trotzdem hatte ich es getan. Irgendwie wünschte ich mir, dass ich die Zeit zurückdrehen könnte und es anders machen könnte. Das Leben hätte Charly bestimmt irgendwann das gegeben, was sie verdient hatte. Immer noch in Gedanken, lief ich plötzlich gegen etwas hartes. Als ich aufsah, stand ein Laternenpfosten direkt vor meiner Nase. Hinter mir hörte ich Gelächter. Doch dieses Mal ging ich nicht drauf ein. Ich hörte noch Worte, wie „Verliererin“, die mir hinterhergerufen wurden, doch es war mir egal. Meine Stirn tat weh, doch auch das machte mir nichts aus. Tapfer setzte ich meinen Weg fort, bis ich an einem Immobiliengeschäft vorbeikam. Durch das Schaufenster konnte ich zahlreiche Angebote von kleinen Wohnungen bis hin zu großen Villen sehen.

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